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Zyklus V - Cango Caves - Teil 4 - 6

 

04 

Katu ließ ihn ungern gehen, aber als Fürst musste Dayo sich um viele Dinge kümmern. Sein Stamm  war nur so erfolgreich, weil er sich auf seinen Anführer verlassen konnte. Dayo hatte für alle ein offenes Ohr und war sich auch nicht zu fein, mit anzupacken, wenn es nötig war.

Heute musste ein Teil von ihnen wieder nach oben. Das Vieh musste versorgt werden und es war noch immer nicht ganz klar, ob die Tiere die Dürre der letzten Zeit überstanden hatten oder noch mehr von ihnen Schwächesymptome zeigten.

Katu selbst aber beschloss, die ihm gestellte Aufgabe gar nicht erst aufzuschieben. Endlich konnte er sich das Ding angucken, dass seinem Liebling nach dem Leben hatte trachten wollen. „Mal sehen, nach wessen Pfeife du tanzt“, knurrte er leise und machte sich auf zum Verlies.

Die beiden Wächter nickten ihm zu. Sie waren zwar überrascht gewesen, dass Katu sich für die Aufgabe gemeldet hatte, aber sie hatten es akzeptiert. „Willst du gleich anfangen?“, fragte Latif nur. Er und Kwame würden dabei bleiben, weil Dayo sie darum gebeten hatte.

„Ich möchte ihn eine Weile studieren“, sagte Katu und rollte die Schultern, als würde er sich auf eine körperliche Anstrengung vorbereiten. Doch vorerst musste er sein Opfer studieren, er brauchte Anhaltspunkte. Und so setzte er sich unweit des Fremden, achtete aber drauf, dass er nicht zu dicht kam, damit er nicht plötzlich angegriffen wurde, denn er wusste von Dayo, wozu der Fremde fähig war.

Shakwe verstand nicht, was das sollte. Er lag auf seiner Decke, die stümperhaft versorgten Wunden schmerzten und dann kam dieser Typ und hockte sich da drüben auf den Boden.

Machte das Sinn?

Katu studierte den Körper, der vor ihm lag. Er wirkte menschlich, aber auch wieder nicht. Allein schon die schuppige Haut war vollkommen anders. Völlig haarlos und leicht glänzend. Ihm fielen auch die Dinge auf, die der Fremde mit sich trug. „Wir sollten ihm sein Zeug wegnehmen. Es könnten Waffen sein, die er gegen uns verwenden kann“, sagte er zu Latif.

„Okay“, nickte Latif und kam mit Kwame näher. Sie tauschten Blicke, dann hielt einer Shakwe fest und der andere machte sich an der Ausrüstung zu schaffen. Viel war es nicht, was der Fremde mit sich trug, denn er hatte nicht viele Kleider am Leib, in denen er etwas hätte verbergen können.

„Bringt das Zeug in Dayos Bereich, er soll sich die Sachen ansehen“, sagte Katu, seine Augen lagen noch immer auf dem gefesselten Körper. Er kam etwas näher und strich an den fest verschnürten Beinen über die weiche Haut. Unglaublich, wie sich das anfühlte und wie der Körper erschauerte.

Katu grinste.

Sieh an – du bist empfindlich.

Das waren doch gute Voraussetzungen für sein Unterfangen. „Redest du freiwillig, oder lässt du es wirklich drauf ankommen?“, fragte er, denn es konnte ja sein, dass ihr Gefangener es sich doch überlegt hatte. Das wäre zwar schade, aber nicht zu ändern. Doch die geschlitzten Pupillen lagen starr auf Katu und Shakwe dachte gar nicht daran zu kooperieren. Es war ihm untersagt gewesen, mit den Stämmen in Kontakt zu treten.

War das etwa der Grund, warum seine Auftraggeber ihn nicht retten kamen?

Sie konnten ihn doch nicht allen Ernstes diesen Primitiven überlassen, Leuten, die gerade darüber nachdachten, ihm Qualen zu bereiten, um Antworten zu bekommen.

War er eine Rettung wirklich nicht wert?

War er genauso entbehrlich wie das Vieh der Matumba oder die Ernte der Nsongo?

Shakwe biss die Zähne zusammen.

Wut stieg ihn im auf.

„Nicht? Wie du willst.“ Katu lächelte kalt und wartete bis Kwame wieder da war. „Ich besorge mir, was ich brauche und komme dann wieder. Entkleidet ihn, während ich weg bin“, gab er Anweisungen und ging zu seinem Schrank. Dort bewahrte er Dinge auf, die er manchmal mit Dayo zur Steigerung ihrer Lust verwendete. Einiges davon konnte er auch jetzt gebrauchen.

Latif sah ihm nach und blickte sich dann zu dem Gefangenen um.

„Was hat die kleine Hure vor“, knurrte er leise, dem das alles überhaupt nicht gefiel. Er war nur hier, weil er Dayo treu ergeben war. Doch es war auch klar, dass er dazwischen ging, wenn der Sato zu weit ging. Latif war sowieso einer der weniger, der fand, dass der Kerl in ihrem Stamm nichts verloren hatte, während seine Frau ihn ganz nett fand. Sie erlebte ihn auch seltener als er selbst und sie kannte auch nicht die dunklen Seiten dieses Kerls. Und so wie es aussah, bekam er gleich noch eine weitere zu sehen, worauf Latif gern verzichtet hätte. Doch er tat, was verlangt war und entkleidete mit Kwames Hilfe den Fremden, legte ihn dann aber so, dass er nicht wie auf einem Präsentierteller lag. Er empfand das alles immer noch nicht als richtig.

Shakwe hingegen hatte sich versucht zu wehren, doch die beiden Männer waren stärker gewesen. Sie wusste genau in welches Gelenk sie greifen mussten, um Bewegungen zu erzwingen. Jetzt lag er da und konnte nur abwarten. Dieser Sato war nicht zu unterschätzen, auch wenn er klein und zierlich war. Shakwe hatte den Hass in den hellen Augen sehen können und auch etwas Dunkles, das ihn schaudern ließ. Misstrauisch besah Shakwe sich die Dinge, die Katu mit in die Zelle brachte, aber außer ein paar Messern konnte er nichts erkennen.

„Neugierig?“, wollte Katu amüsiert wissen und kam wieder näher.

Die beiden Wachen hatten den Fremden wieder gut verschnürt. Shakwe betrachtete weiter die zierliche Gestalt. Doch er vermied es sich zu regen. Er hatte begriffen, dass es keinen Sinn hatte, also versuchte er sich zu konzentrieren und in Trance zu versetzen, um den Schmerzen entgegen wirken zu können, die ihm wohl gleich unweigerlich zugeführt werden sollten. Blieb nur zu hoffen, dass es wenige Wunden waren, die gerissen wurden. Denn die, die er bereits hatte, machten ihm schon Sorgen. Von Heilung hatten die Primitiven wirklich keine Ahnung. Eigentlich war es erstaunlich, dass sie nicht an jeder größeren Verletzung starben, so stümperhaft wie diese versorgt wurden.

„Mal sehen, womit wir anfangen.“ Sanft strichen Katus Finger über eine der Klingen und ließ sie dann über die Verbände streichen. Mit einer schnellen Bewegung schnitt er den ersten Verband auseinander und sah auf die Wunde.

„Och, wenn wir hier schon mal ein Loch haben“, sagte er und ließ die stumpfe Seite des Messers über die entzündete Stelle streichen. Shakwe versuchte sich nicht zu bewegen oder sich etwas anmerken zu lassen. Doch der Schmerz hatte ihn trotz seiner Konzentration überrascht.

Was war los mit ihm?

Er konnte sich nicht konzentrieren, nicht abschalten – er war unprofessionell geworden. Doch eine Situation wie diese hatte er noch nie gehabt.

Zufrieden bemerkte Katu das leichte Zucken und das Verengen der geschlitzten Pupillen. „Tat das schon weh?“, fragte er unschuldig. „Du musst nur auf unsere Fragen antworten, die wir dir gestellt haben und es hört auf. Ist doch gar nicht schwer.“

Shakwe kam sich verarscht vor, doch das war wohl die Masche seines Peinigers. Er wandte sich also ab, starrte auf den Boden und biss die Zähne zusammen. Egal was dieser Mistkerl vor hatte, er würde schweigen.

Was sollte er auch sagen?

Die Wahrheit würde ihm doch sowieso keiner glauben.

„Nicht?“ Katu hatte damit gerechnet, oder es vielleicht auch gehofft. Dieser Kerl sollte leiden, dafür, dass er versucht hatte, Dayo zu töten. „Na dann.“ Nicht mehr ganz so vorsichtig kratzte er mit der scharfen Seite des Messers über den entzündeten Wundrand. Blut trat hervor und lief in dünnen Fäden über die schuppige Haut. Shakwe schloss die Augen und biss die Zähne fester zusammen. Er spürte den feinen Rinnsal auf der sensiblen Haut und fragte sich, ob es das wirklich wert war.

Warum schwieg er?

Wen wollte er schützen?

Im Augenblick sollte er sich doch selbst der Nächste sein. Die Gottgleichen hatten ihn abgeschrieben, oder ihn einfach in ihr Spielchen integriert. Beide Variationen waren nicht akzeptabel und machten ihn wütend. Wie oft hatte er die Befehle zu ihrer vollen Zufriedenheit erfüllt?

Hunderte, Tausende mal?

Er biss die Zähne aufeinander, damit ihm kein Laut über die Lippen kam. Diese Genugtuung wollte er seinem Peiniger nicht gönnen. Vielleicht würde er mit Dayo reden, der schien ziemlich vernünftig. Doch der kleine Sadist sollte seine Aufgabe nicht zur Zufriedenheit seines Herrn ausführen. Also biss Shakwe immer fester zu, er merkte noch nicht einmal, wie sich seine Spitzen Zähne in das Zahnfleisch bohrten und Blut forderten. Er versuchte nur zu verstehen, was er getan hatte, um das hier zu verdienen.

Allerdings war Katu das Interesse an seiner eigenen Person etwas zu gering. Darum kratzte er nicht mehr nur an den Wundrändern, sondern schnitt kurz in die frische Wunde, so dass sie wieder stärker anfing zu bluten. Zufrieden sah er, dass sein Gefangener schmerzhaft das Gesicht verzog. Aber für ihn war das noch nicht genug. „Du hast versucht Dayo zu töten und das war ein Fehler. Du wirst leiden, das verspreche ich dir und mir ist es vollkommen egal, ob du deinen Auftraggeber preis gibst oder nicht. Du wirst sterben, egal ob die Geister verlangt haben, dass du überlebst“, zischte er leise.

Shakwe stöhnte leise. Er konnte diesem Alptraum nicht entfliehen und er verstand einfach nicht, warum seine Auftraggeber ihn nicht befreiten. Es wäre für sie ein leichtes, doch sie taten es nicht – warum, warum? Immer wieder hämmerte dieses eine Wort im Rhythmus des Schmerzes, der durch seinen Körper dröhnte, gegen seine Schädeldecke. Durchdringender noch als der Schmerz war die Erkenntnis, dass die Loyalität nur einseitig gewesen war.

„Du willst also immer noch nicht reden?“ Katu grinste böse und mit einer schnellen Bewegung verlängerte er den Schnitt in der Seite. Das schmerzvolle Stöhnen, das danach ertönte, war Musik in seinen Ohren, aber nur so lange, bis sein Arm mit festem Griff festgehalten wurde. Latif hatte mit immer größerem Unbehagen dem Treiben zugesehen und schließlich Dayo geholt, der gerade Katu festhielt.

„Was soll das, Katu?“, zischte er und zerrte seinen geliebten aus dem Verlies. Der Fremde musste nicht mitbekommen, was jetzt passierte. Doch das hätte Shakwe auch nicht, denn der Schmerz ließ ihn kurzzeitig ohnmächtig werden, worum sich Latif hastig kümmerte. Das war nicht gut, absolut nicht gut! Der kleine Idiot hatte sich gegen die Geister aufgelehnt, das konnte nur Ärger bedeuten.

Katu sah Dayo irritiert an. „Ich habe das gemacht, was wir besprochen haben. Ich sollte ihn foltern, damit er redet. Bisher hat er das nicht getan, also musste ich härter werden“, verteidigte er sich automatisch, weil sein Geliebter ihn wütend ansah. Dayo wusste nicht, ob er sich verschaukelt fühlen sollte oder ob Katu das völlig ernst meinte. Er entschied sich für letzteres und entgegnete deswegen: „Katu, du solltest ihm keine Wunden zufügen, die wir nicht heilen können. Diese riesigen Schnitte, wie soll das je wieder zusammenwachsen? Du weißt ganz genau, was der Geist von uns verlangt hat. Warum hältst du dich nicht daran?“

„Er redet nicht Dayo. Wenn wir nicht härter werden, werden wir nie erfahren wer ihn geschickt hat.“ Katu verstand die ganze Aufregung nicht. „Willst du ihn allen Ernstes wieder laufen lassen? Du weißt, dass er es dann wieder versuchen wird. Wir können ihn gar nicht leben lassen.“

„Katu!“ Dayo war entsetzt und beeilte sich, Katus Verhalten auf dessen kriegerische Unerfahrenheit zu schieben. Alles andere würde bedeuten, dass er seinen Geliebten plötzlich anders sah. „Es gibt andere Mittel als Schmerz. Man muss einen Gefangenen nicht schlecht behandelt, um ihn zum Sprechen zu bringen. Man kann auch die Zeit für sich arbeiten lassen und ihn zermürben. Aber doch bitte nicht so!“ Anklagend wies Dayos Hand zum Verlies.

„Nein, Dayo, er soll leiden. Er hat versucht dich zu töten. Jetzt soll er erfahren, wie sich das anfühlt, wenn einem jemand nach dem Leben trachtet.“ Langsam wurde Katu wütend. Erst sollte er den Gefangenen foltern, weil man unbedingt Informationen brauchte und jetzt war es nicht richtig. „Dann lass ihn doch gleich laufen. Ohne Schmerzen bekommst du den nämlich nicht klein.“

„Katu“ Dayo ging zwei Schritte zurück und blickte auf seinen Geliebten. Er erkannte den zarten Sato kaum wieder. Was war nur in ihn gefahren? „Ich glaube wir sollten das abbrechen. Du bist dem Druck nicht gewachsen“, legte der Matumba-Fürst fest, denn er wollte nicht, dass sein Katu sich veränderte und das nicht zum positiven.

„Was soll das Dayo? Ich bin dem sehr wohl gewachsen“, sagte Katu, denn er verstand nicht, was er falsch gemacht hatte, aber er konnte sehen, dass sein Geliebter böse mit ihm war, deswegen wurde er unsicher. „Dayo, warum darf ich nicht mehr weitermachen? Ich bringe ihn dazu zu reden.“

„Nein, Katu. Du bringst ihn um. Ist dir noch nicht aufgefallen, dass er mental stärker ist als du? Er würde für seine Auftraggeber sterben und du erfüllst ihm auch noch diesen Wunsch. Das geht so nicht. Auch wenn es dir egal ist“, sagte Dayo mit Nachdruck und drückte Katu auf das Bett, um sich neben ihn zu setzen, „es war der Wunsch der Geister. Sie haben mich gerettet, damit ich ihn verschone und ich werde nicht zulassen, das du meinen Stand bei den Geistern zerstörst, Katu.“ Er sprach leise, aber eindringlich.

Katu presste die Lippen zusammen und sah den Anführer der Matumba schweigend an. Er hatte die Zurechtweisung verstanden und er fand es ungerecht. „Gut, wenn du nicht willst, dass ich weitermache, dann muss ich mich fügen. Ich hole meine Sachen aus der Zelle“, sagte er schließlich und stand auf. Er fühlte sich gedemütigt und daran hatte er zu knabbern, darum wollte er lieber alleine sein, doch Dayo wollte ihn so nicht gehen lassen.

„Katu warte“, sagte er leise und griff dessen Hand, nicht fest genug dass Katu sich nicht lösen könnte, sofern er wollte. „Ich möchte nicht einfach, dass du aufhörst, ich möchte, dass du verstehst, warum ich dich darum bitte. Es ist mir wichtig.“ Dabei sah er Katu an, der nun vor ihm stand, den Rücken dem Fürsten zugewandt.

Es dauerte ein paar Herzschläge, bis Katu sich ein wenig zu ihm umdrehte. „Ich habe verstanden, warum du ihn schonen willst Dayo. Du bist der Anführer, du bestimmst, was geschieht. Ich habe mich daran zu halten.“ Katu wusste, dass er gerade ungerecht war, aber er war enttäuscht und auch verletzt, darum sah er seinen Geliebten bei seinen Worten auch nicht an.

„Nein das hast du nicht.“ Dayo ließ Katus Hand los und senkte den Blick. Er hatte etwas in der Art vorausgesehen. Warum nur hatte er Katu überhaupt erst erlaubt, sich dem Fremden zu nähern? Und gerade weil Katu so war, wie er jetzt war, spürte Dayo, dass er anfing ihm nicht mehr zu trauen. Er war sich das erste Mal in seinem Leben nicht sicher, ob Katu seiner Bitte wirklich folge leisten würde. „Aber ich werde dich nicht mehr bedrängen.“

Er erhob sich ebenfalls und ging. Katu sah ihm hinterher und biss sich auf die Unterlippe. Dayo war böse mit ihm. Warum nur sah der Anführer der Matumba nicht, dass man ein so gefährliches Wesen wie diesen Fremden nicht leben lassen konnte? Solange der lebte, mussten sie in Angst leben. Allein durch dessen Anwesenheit hatte er es ja schon geschafft, einen Keil zwischen Katu und seinen Geliebten zu treiben.

 

„Katu wird noch seine Utensilien holen, dann wird der Fremde erst einmal abgeschirmt. Nur Latif und ich werden ihn noch aufsuchen“, erklärt Dayo seinen Wachen. Durch die offene Tür sah er wie Latif die frischen Wunden versorgte und wandte sich ab. Er konnte nicht glauben, dass sein sanfter Katu das gewesen sein sollte. Allein der Gedanke schmerzte ihn. Doch er sah nicht zu seinem Geliebten zurück, er musste sich fassen und klar im Kopf werden. Es war zu überlegen, wie die weiteren Schritte aussehen sollten.


05 

Latif sah auf, als er die Stimme seines Anführers hörte und kam zu ihm. Er zog ihn ein wenig von der Zelle weg. Der Gefangene sollte nicht unbedingt mitbekommen, was sie zu besprechen hatten. „Dayo, wir können ihn nicht ständig gefesselt lassen. Seine Hände und Füße schwellen langsam bedenklich an und durch seine Haltung hat er mehr Schmerzen, als nötig. Wir müssen uns da was einfallen lassen.“

Auch Dayo hatte schon darüber nachgedacht und ihm fiel eigentlich nur ein Ort ein. „Bringen wir ihn ins Höllenloch. Von allein wird er nicht heraus kommen, er kann sich in der steinernen Tiefe frei bewegen“, sagte Dayo. „Was machen eigentlich seine Wunden? Wie schlimm ist es? Werden wir einen Heiler brauchen?“ Zwar hatten sie einen Schamanen in ihrem Stamm, doch für schwere Fälle ließ er nach Uele rufen, eine alte Sato, die wie niemand anderes die Mittel ihrer Umgebung zu nutzen wusste, um Kranke zu heilen. Der Gedanke, Fremde einzuweihen, gefiel ihm nicht. Aber er würde es tun, wenn er damit das Leben des Fremden retten könnte.

„Ja, das Höllenloch wäre eine Möglichkeit.“ Dort konnte der Fremde bleiben. Es gab fließendes Wasser und einen kleinen Teich. Latif hätte sich eigentlich denken können, dass ihr Anführer schon über das Problem nachgedacht hatte. „Wir werden wohl keinen Heiler brauchen, aber es wäre besser die Wunden zu nähen, damit sie heilen können.“

Dayo nickte nachdenklich. Das war schmerzhaft, er selber hatte das nach einem Gerangel mit einem Bullen auch schon durch. „Ismet soll sich das mal angucken und selber entscheiden. Ich werde mit ihm zum Höllenloch kommen, kannst du ihn dorthin bringen und ihm ein Lager richten? Ich glaube nicht, dass er in seinem aktuellen Zustand gefährlich ist. Aber du wirst trotzdem nicht allein gehen.“

„Ja, ich bringe ihn mit Kwame zusammen runter ins Höllenloch und bereite alles vor. Ich habe Sorge, dass die Wunden sich entzünden, wenn wir sie nicht richtig behandeln.“ Latif war froh, dass Dayo mit seinem Vorschlag einverstanden war. Dort unten war der Fremde vor neugierigen Blicken und Übergriffen geschützt. Er selbst würde dafür sorgen, dass dies auch so blieb. Die Wände waren massiv und glatt poliert. Jahrmillionen hatte Wasser dieses Loch gewaschen bis es eines Tages plötzlich weg gewesen war. Ein kleiner Teich war zurück geblieben, der ebenso strahlte wie der große See. Die Matumba waren die einzigen, die diesen Platz kannten, denn er lag noch hinter ihrem Gebiet.

„Danke Latif, wir treffen uns dann dort.“ Dayo ging und als Katu seine Utensilien holte, wurde er argwöhnisch geäugt. Latif aber stand immer zwischen dem Sato und dem Fremden. Katu sollte nicht noch einmal die Chance bekommen, den Fremden etwas anzutun. Gleich als sie wieder alleine waren, begann Latif mit den Vorbereitungen. Dabei wurde er von Shakwe beobachtet, der nicht wusste, was er davon halten sollte.

„Wir bringen dich von hier weg zu einem ruhigeren Ort und jemand wird kommen, der sich deine Wunden ansieht und sie näht, wenn es sein muss“, erklärte der Matumba seinem Gefangenen dabei, damit er wusste, was gleich passierte. Er war sich sicher, dass der Fremde sie verstand.

Doch Shakwe reagierte nicht, er starrte weiter vor sich hin und wirkte resigniert dabei. Der Schmerz der Wunden war im Augenblick sein geringstes Problem. Er war auf sich gestellt, war blind in eine Falle seiner Auftrageber gelaufen, die ihn wohl augenscheinlich hatten loswerden wollen. Und egal wie lange der Nyokar nachdachte, er begriff nicht warum. So ignorierte er Latif und wandte sich ab, regte sich nur leicht, als die ersten Fesseln sich lösten.

Es schmerzte höllisch, als wieder Blut in seine Füße gelangte und ein leises schmerzvolles Zischen entrang sich ihm. Latif konnte ihm nachfühlen, wie er sich fühlte und ließ ihm erst einmal Zeit, bis die Schmerzen nachließen, bevor er ihn vorsichtig bewegte und ihm mit Kwame zusammen aufhalf.

Shakwe folgte einfach. Er war taub vom Schmerz und betäubt von seinen Gedanken. Er wusste, dass Flucht jetzt nichts brachte, er war zu angeschlagen, um den Soldaten zu entkommen und die kannten sich hier besser aus als Shakwe. Er ließ sich also stützen und war dankbar, als die Soldaten ihm Zeit gaben, seinen Kreislauf auszupendeln. Kurz wurde ihm schwarz und er sackte zusammen.

„Mist!“ Latif griff fester zu und verhinderte, dass Shakwe zu Boden fiel. „Bescheuerter Sato“, fluchte er leise. „Wie kann man einen Gefangenen nur so zurichten? Man sollte ihm mal zeigen, was er für sinnlose Schmerzen bereitet hat.“

„Leg dich mit dem Spinner lieber nicht an“, sagte Kwame leise, denn auch er hielt von dem jungen Sato nicht viel. Aber das war seine eigene Meinung und die tat er nicht kund, denn allgemein hatte Katu einen guten Stand im Clan und Dayo liebte den jungen Mann wirklich. „Du weiß nicht, was der noch alles im Petto hat.“

„Leider.“ Latif knurrte und sah auf Shakwe, der zwischen ihnen herstolperte. Dem Mann ging es nicht gut, da war es von Vorteil, dass es nicht mehr sehr weit war. Das sagte er auch dem Gefangenen, war aber nicht sicher, ob er das mitbekam. „Komm, beeilen wir uns. Ich weiß nicht, wie lange er noch durchhält.“

„Warte mal, das geht so nicht.“ Kwame hielt an und nahm Shakwe auf seine Arme. So kamen sie schneller voran und der Fremde hatte es leichter.

Der Abstieg ins Höllenloch gestaltete sich noch einmal kritisch, weil man an einem Seil über eine Winde hinabgelassen wurde. Während Latif und der Fremde am Seil hingen, sorgte Kwame dafür, dass sie nicht auf dem Boden des Loches aufschlugen. Unten angekommen löste sich Latif mit seiner Last und brachte den Fremden zu einem kleinen Unterstand. Hoffentlich kam bald der Schamane. Die Wunden bluteten immer noch. Die Bewegung hatte den Verbänden nicht gut getan.

„Bin gleich wieder da“, sagte er zu Shakwe und ging wieder zur Winde, wo Kwame  schon die Decken und alles, was er sonst noch brauchte, herunter gelassen hatte. Er bereitete ein weiches Lager und bettete den Gefangenen darauf. Jetzt konnten sie nur noch warten.

Es dauerte auch nicht lange, da rief Kwame von oben: „Sie kommen!“ Behände ließ er erst Dayo und dann Ismet nach unten, er selbst blieb an der Winde zurück, denn sonst waren die anderen im Höllenloch gefangen.

„Wie geht es ihm?“, wollte Dayo als erstes wissen und wie selbstverständlich ließ er sich neben dem Gefangenen nieder. Er dachte nicht daran, dass der ihm jetzt in seinem Zustand gefährlich werden könnte. Ismet kam nur langsam näher, als er erkannte, was dort lag.

„Er kann dir nichts tun“, beruhigte Dayo den Schamanen und hoffte, dass das auch wirklich stimmte. Aber ihr Gefangener wirkte gerade mehr tot als lebendig. „Gib ihm das, das verringert die Schmerzen“, sagte Ismet und gab Dayo eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit. Es war ein leichtes Betäubungsmittel, damit er besser arbeiten konnte.

„Okay“ Dayo nickte heftig und griff sich die Phiole. Er erkannte den Stil des Flakons, es musste einer von Ueles Tränken sein. Vorsichtig träufelte er dem Fremden das Mittel in den Mund, darauf achtend, dass er sich nicht verschluckte und der Reflex es wieder heraus hustete.

„Spüren wird er das Nähen trotzdem noch, haltet ihn gut fest, um so leichter wird es für alle.“ Ismet fragte nicht, wer das war und warum er hier war oder woher die Verletzungen kamen. Wenn der Fürst wollte, dass er es wusste, würde Dayo ihn schon informieren.

„Okay.“ Latif griff sich die Beine des Gefangenen und Dayo hielt den Oberkörper fest. Dabei beugte er sich tiefer und plötzlich fühlte er die ungewöhnlichen Augen auf sich. „Wir behandeln deine Wunden. Ich habe dir etwas gegen die Schmerzen gegeben, aber es wird trotzdem weh tun. Wenn wir es nicht machen, können sich die Wunden entzünden“, erklärte er leise und lächelte leicht.

Doch Shakwe nahm das nur wie durch einen Nebel wahr. Er hörte die Worte, verstand sie aber nicht, fühlte sich taub und schwer. Doch als die Nadel die Haut durchstach, spürte er es sehr wohl und biss die Zähne zusammen.

Ismet setzte ab und griff einen sauberen Lappen. „Beiß da drauf, sonst brichst du dir noch die Zähne ab“, sagte er und strich dem Fremden durch die kurzen Haare. Er sah ungewöhnlich aus, befremdlich. Doch er hatte Schmerzen und war verletzt, das allein zählte.

Dayo half ein wenig nach, den Lappen zwischen Shakwes Zähne zu schieben und musste schlucken, als er die langen Giftzähne sehen konnte. „Wie Schlangenzähne“, murmelte er leise und wusste auf einmal, woran ihn der Mann erinnerte, schob das aber nach hinten. „Hier nimm meine Hand und drück sie, wenn es zu schmerzhaft wird, dann machen wir eine Pause“, bot er an und verschränkte ihre Finger.

Shakwe schloss die Augen. Er konnte nicht mehr, er wollte nicht mehr. Sollten sie ihn doch endlich töten, dann hatte dieses erbärmliche Dasein endlich ein Ende. Wieder dieser Stich in sein Fleisch, der durch seinen schmerzenden Körper raste und Shakwe drückte die Hand in seiner. Es fühlte sich merkwürdig an, das hatte er bisher noch nie getan. Doch er konnte sich nicht darüber wundern, denn ihm wurde wieder schwarz vor Augen und sein Kopf fiel auf die Seite.

„Er ist ohnmächtig, sehen wir zu, das wir fertig werden.“ Dayo war besorgt. Ihr Gefangener hatte viel Blut verloren. Ismet nickte und setzte geschickt die Naht, so dass die Wunden sich nach und nach schlossen. Während dieser Zeit hielt der Fürst der Matumba die ganze Zeit die Hand des Fremden und strich ihm beruhigend durch die Haare. Sie waren so anders als seine. Glatt und glänzend.

„So, fertig. Er sollte sich jetzt eine Weile nicht bewegen. Je länger die Wunde ruhen kann um so besser“, erklärte Ismet und bestrich die Naht mit einer klaren Flüssigkeit, die dazu diente, die Wunde zu reinigen und Krankmachendes fernzuhalten. Dabei murmelte er Zaubersprüche, um die bösen Geister zu bannen. Er klatschte zweimal in die Hände und erhob sich. Sein Werk war getan. Ohne ein weiteres Wort ging er zur Seilwinde.

„Wollen wir hoffen, dass er da mitmacht“, seufzte Dayo und zog den Lappen zwischen den Zähnen heraus. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Gefangener sich lange ruhig halten ließ. Aber im Moment war er noch ohnmächtig und so legten sie ihn bequem hin, damit er sich nicht noch schmerzhafte Druckstellen holte.

„Ich werde bei ihm bleiben“, sagte Latif, „zumindest die ersten Stunden. Ich werde mich um ihn kümmern und dafür sorgen, dass er sich zurecht findet.“ Sie konnten den Mann so unmöglich alleine lassen. Er sah, dass Dayo ihm wiedersprechen wollte, doch er brachte seinen Fürsten zum Schweigen. „Du wirst oben gebraucht. Du kannst hier nicht bleiben“, schnitt er ihm ins Wort, noch ehe Dayo hätte etwas einwenden können.

Latif hatte Recht, aber trotzdem fiel es Dayo schwer ihm zuzustimmen. Es war seine Schuld, dass es dem Fremden so schlecht ging, weil er zugelassen hatte, dass Katu ihn so zurichten konnte. Darum blieb er noch ein paar Minuten, bevor er sich wieder auf den Weg zur Winde machte.

Latif sah ihm nach und seufzte leise. Das tat er nicht oft aber im Moment hatten sie eine Situation, die nicht gerade von Vorteil war. Sie hatten einen Attentäter, der nicht redete, einen Sato, der diesen Attentäter am liebsten tot sehen wollte und einen Stamm, der eventuell aus dem Gleichgewicht kam, wenn bekannt wurde, was alles passiert war. Bisher wusste man nur, dass jemand versucht hatte, den Fürsten anzugreifen. Von Shakwes Existenz wussten die wenigsten. Wenn heraus kam, dass der Fremde anders war – was passierte dann mit dem Stamm?

Latif wusste es nicht. So lehnte er sich zurück und deckte den Fremden zu. „Du hast eine Menge Ärger im Schlepptau.“

 

+++

 

„Sie haben ihn in das Höllenloch gebracht.“ Asasa Yaa sah sich zu Intulo um, der auf der anderen Seite des Raumes saß und sich Diagramme ansah. „Was meinst du, was haben deine Leute mit ihm vor?“, ließ sie nicht locker, weil Intulo ihr nicht antwortete und endlich schien sie Erfolg zu haben. Langsam drehte ihr Kollege sich um und sah sie an.

„Ich denke sie werden versuchen herauszubekommen, wer er ist. Würden wir doch auch machen“, sagte er schließlich und sah sie geringschätzig an. „Ich würde mich auf jeden Fall sehr wundern, wenn sie es nicht täten.“

„Ich frage mich eher, wie er in diese Situation hat kommen können“, entgegnete Chuku. Er schaltete zwischen ein paar Kameras um, weil er einen Teil seiner Leute in den Gärtnerkuppeln beobachten wollte. Durch Shakwes Ausfall mussten sie sich jetzt selbst um die Unsetzung der gewürfelten Ereignisse kümmern und das schmeckte dem Mann gar nicht.

„Auch Shakwe ist nicht unfehlbar. Er wird unvorsichtig gewesen sein. Seien wir doch mal ehrlich, irgendwann mussten wir damit rechnen, dass er entdeckt wird.“ Intulo ließ sich nichts anmerken, dass er ein wenig an der Entdeckung gedreht hatte. Darum lenkte er ab. „Allerdings hätte ich nicht so früh damit gerechnet.“

„Ach, hättest du nicht?“, frotzelte Asasa Yaa, die grundsätzlich nicht an Zufälle glaubte. Sie traute Intulo nicht über den Weg und so wie er sich beim würfeln über seinen Wurf aufgeregt hatte und just dann seinem Ziehsohn nichts passiert, weil der Attentäter entdeckt wurde, war in ihren Augen kein Zufall. Sie sah den jungen Mann mit geschlitzten Augen an.

„Was soll das denn heißen?“ Gar nicht begeistert sah Intulo Asasa Yaa an. Jetzt bloß nicht unsicher wirken, denn mit ihrer Frage hatte sie auch Chukus Interesse geweckt, der ihn ebenfalls aufmerksam ansah.

„Weißt du was, was ich nicht weiß?“, fragte er neugierig, denn er traute Intulo ebenfalls zu da was gedreht zu haben.

„Ich weiß nur, dass es keine Zufälle gibt und was hier gelaufen ist, war doch offensichtlich.“ Asasa Yaa ließ sich nicht den Mund verbieten. Intulo konnte sie nicht einschüchtern. Er hatte zwar die große Klappe und das nicht zu knapp, doch meistens blieb es dabei. „Da hatte jemand Angst zu verlieren – das war alles.“

„Das ist eine Unterstellung und zwar eine ziemlich unverschämte, wenn du deine Behauptungen nicht beweisen kannst.“ Intulo lehnte sich in seinem Sessel zurück und fixierte die junge Frau. „Ich bin Wissenschaftler. Warum sollte ich die Ergebnisse verfälschen? Dass Shakwe gefangen wurde, hilft mir bei meinen Forschungen nicht weiter.“

„Warum ausgerechnet du die Ergebnisse verfälschen solltest?“, fragte Asasa Yaa und schüttelte den Kopf. Intulo war an Dreistigkeit heute wirklich nicht zu überbieten. Der war doch nur Wissenschaftler, wenn es ihm in den Kram passte. Für ihn war ihr Spiel immer noch die oberste Priorität und nicht die folgende  Interaktion. Für ihn war es das wichtigste, das sein Clan gut durch die Periode kam, nicht die Aktionen die notwendig waren, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. „Ich wüsste wirklich nicht warum!“

„Glaub doch was du willst“, schnaubte Intulo wütend und drehte sich wieder zu seinem Monitor. Er hoffte, dass die Sache damit erledigt wäre, aber heute schien er klein Glück zu haben, denn Chuku nahm den Faden auf. „Deine Idee ist gar nicht mal so abwegig. Unser Freund war von dem, was seinem Stamm passieren sollte, nicht begeistert und die beste Möglichkeit das zu verhindern, ist Shakwe zu verraten.“

„Eben!“ Asasa Yaa deutete mit einer Hand auf Chuku als wollte sie sagen: du hast den Finger drauf. „Nur scheiße dass wir unseren besten Mann verloren haben, nur weil jemand seinen Egotrip fahren musste.“ Sicher, beweisen konnte sie nichts, doch alles sprach gegen Intulo. Leider verboten ihre Regeln sich einzumischen. Shakwe war jetzt auf sich allein gestellt, das schmerzte Asasa Yaa, denn sie schätzte den Attentäter als loyalen Mitarbeiter. Ihn hängen zu lassen war einfach nicht fair. Und das machte sie so wütend.

„Na klasse. Da passiert etwas, was euch nicht passt und schon muss ich daran gedreht haben. Ihr habt keinerlei Beweise, aber für euch ist das nicht wichtig, weil ihr ja zu wissen glaubt, was passiert ist. Ihr spinnt doch.“ Intulo sah seine Kollegen an und stand auf. „Ich hör mir diesen Schwachsinn nicht länger an. Jetzt haben wir einmal die Gelegenheit zu sehen, wie die Stämme auf eine außergewöhnliche Situation reagieren und ihr jammert nur. Sicher ist es schade um Shakwe, aber nicht zu ändern.“

„Du bist und bleibst ein intrigantes Arschloch das so lange manipuliert, bis es zufrieden ist.“ Asasa Yaa ließ sich nicht einschüchtern. Sie wusste ganz genau, wenn Intulo so redete, stand er mit dem Rücken zur Wand. Ein Geständnis hätte nicht besser sein können. „Aber da du ja die neue Situation beobachten willst, erklär mir doch, wer sich jetzt um die Umsetzung der Würfelergebnisse kümmert? Klugscheißer.“

„Da müssen wir uns eben selber drum kümmern, oder bist du dir zu fein dazu?“ Intulo lachte geringschätzig, denn er wusste sehr wohl, dass seine Kollegin genau das nicht sehr gerne machte. Sie war auch diejenige gewesen, die darauf gedrängt hatte, dass sie jemanden bekamen, der sich um die Aufgaben kümmerte.

„Dass ein Sadist wie du über Leichen geht, das wissen wir Intulo“, entgegnete Asasa Yaa doch noch ehe ihr Kollege etwas sagen konnte, ging Chuku dazwischen. Das entglitt nämlich doch langsam ins persönliche. Er wusste, dass die beiden sich nicht grün waren und der Vorfall hatte noch Öl ins Feuer gegossen, aber irgendwann musste Schluss sein. „Wir teilen uns die Aufgaben. Das kriegen wir schon hin und derweil fordern wir einen neuen Nyokar an.“ Er wusste, dass Shakwe nicht der einzige war, doch die anderen waren ebenfalls in Einsätzen.

„Müssen wir wohl, aber bis er dann eingesetzt werden kann, vergehen ein paar Wochen, wenn wir überhaupt so schnell einen kriegen.“ Asasa Yaa nahm die Ablenkung an, denn sie wusste, dass sie Intulo so nicht beikam. „Wie teilen wir die Aufgaben auf?“

„Jeder eine – ganz klar“, sagte Chuku doch er ahnte, dass Asasa Yaa auf Rache sann. Sie würde also nicht die Aufgabe bekommen, die Matumba kopflos zu machen. Das erledigte er selber, denn auch Intulo traute er nicht über den Weg.

„Das blaue Leuchten ist schnell erledigt, das kann Intulo machen. Eine Krankheit ausbrechen lassen ist auch nicht das Problem. Asasa Yaa, das machst du. Ich kümmere mich um den Lagerbrand und Dayo.“

Asasa Yaa nickte und auch Intulo gab seine Zustimmung. Zwar passte ihm die Aufteilung nicht, aber wenn er jetzt dagegen redete, brandeten die Verdächtigungen nur wieder auf. „Dann mach ich das am besten sofort. Meinetwegen kann ich auch den Brand übernehmen. Die Höhlen liegen ja nebeneinander.“

„Okay, wie du willst“, sagte Chuku. Er war nicht böse darüber, dass ihm Arbeit abgenommen wurde, so konnte er sich Gedanken darüber machen, wie er ohne Shakwes Fähigkeit der Tarnung, ohne dessen Kraft und Beweglichkeit dicht genug an Dayo heran kam und dann die richtige Dosis erwischte, um ihn später mit einem Gegenmittel wieder wecken zu können.

Er brauchte Zeit.

Vor allen Dingen war der Stamm gewarnt und deshalb aufmerksamer. Vielleicht sollte er es mit dem Blasrohr versuchen. Da musste er nicht so nahe heran und er konnte die Dosis gut dosieren. Nur leider hatte er damit schon lange nicht mehr geschossen, da sollte er vorher wohl etwas üben.

Ohne ein weiteres Wort trennten sie sich und jeder ging seiner Aufgabe nach.

 

06 

„Willst du schon wieder zum Höllenloch? Was soll denn das?“ Katu saß auf dem Rand des Lagers und spielte mit seinen zehnen. Seit drei tagen war der Matumba-Fürst in jeder freien Minute, die sein Clan ihn nicht brauchte, im Höllenloch bei diesem Fremden. Wie konnte man so lebensmüde sein und sich seinem Beinahe-Mörder auf einem Altar präsentieren. Katu verstand es einfach nicht.

„Katu“, brummte Dayo, der keine Lust auf eine weitere Diskussion hatte. davon hatten sie schon jede Menge geführt, die letzten Tage. Sein Geliebter wollte einfach nicht verstehen, warum er sich um den Gefangenen kümmerte. Der war nämlich noch immer nicht über den Berg. Er hatte Fieber bekommen, das sie zum Glück in den Griff bekommen hatten, aber noch war er schwach und er wollte Latif  bei der Bewachung ablösen.

„Aber stimmt doch“, sagte katu leise. Seine Sturheit war bereits gebrochen doch ihm war noch immer unklar, warum sich Dayo ohne Grund derart in Gefahr begab. Latif würde sich schon um den Fremden kümmern. Da war er in den besten Händen, es bestand keine Notwendigkeit für den Fürsten, Selbst zu gehen. Doch dem Sato war klar, dass er seinen geliebten auch heute nicht davon abhalten konnte.

„Ich diskutiere nicht mehr darüber. Es ist alles gesagt worden Katu.“ Dayo milderte seine Worte mit einem Lächeln ab und küsste seinen Geliebten, als er zu ihm kam. „Es ist wichtig, das habe ich dir doch schon erklärt.“

„Ich weiß was du gesagt hast, Dayo, aber ich spüre einen stechenden Schmerz, wenn ich an ihn denke. Ich habe kein gutes Gefühl dabei.“ Der Sato flüsterte nur noch und erhob sich ebenfalls. Er war mit dem Heiler verabredet, denn er hatte beschlossen von ihm zu lernen. Er wollte eine Aufgabe haben und dem Stamm nützlich sein, für ihn leben und nicht nur von ihm.

„Schatz komm her.“ Dayo zog Katu an sich. „Mir wird nichts passieren. Er kann mir nichts tun, dazu ist er noch zu schwach. Mach dir keine Gedanken.“ Er wusste langsam nicht mehr, was er noch sagen sollte. Nichts überzeugte Katu. Doch der lächelte ihn nur an und küsste Dayo kurz. „Ich weiß und jetzt geh, du hast nicht viel Zeit.“ Er strich seinem geliebten noch einmal durch die haare, dann wandte er sich um und ging aus der höhle. Es fiel ihm nicht leicht, doch er hatte begriffen, das er Dayo nicht bevormunden konnte. Das bedeutete Streit und den hasste Katu mehr als alles andere, mehr noch als diesen Fremden.

Dayo nahm seinen Beutel und machte sich auch gleich auf den Weg. Latif wartete bestimmt schon auf ihn. Zwar blieb der Krieger bei ihm im Höllenloch aber er konnte sich etwas entspannen und in dem kleinen Wasserbecken baden. Er ließ sich abseilen und war schon gespannt, was ihn unten erwartete.

Zu seinem entsetzen war das Lager leer und hektisch sah sich Dayo um. Doch er konnte kein Blut sehen, keine Kampfspuren. So versuchte er sich wieder zu beruhigen und logisch an die Sache ranzugehen. Er legte also seine Mitbringsel ab und ging zum Teich und wirklich kniete Latif im Wasser und wusch über den schuppigen Körper um ihn zu kühlen.

„Ist das Fieber wieder gestiegen?“, fragte er und kam zu den beiden ins Wasser. Der Gefangene hatte die Augen geschlossen, aber das hieß nicht, dass er schlief oder ohnmächtig war. Dayo hatte festgestellt dass der Mann die Augen auch geschlossen hielt wenn er wach war. „Ich nehme ihn, dann kannst du dich ausruhen und etwas essen.“

„Nein, das Fieber ist okay. Das war jetzt eher für den Kreislauf.“ Latif erhob sich las er den Fremden an seinen Fürsten übergeben hatte und erklärte kurz, was die letzten Stunden passiert war. Eigentlich war das nicht viel, aber die körperwerte schienen stabil. Das Herz schlug gleichmäßig, die Atmung ging regelmäßig und kräftig und die wunden sahen gut aus. „Ob er schmerzen hat, weiß ich nicht. Manchmal zuckt er.“

„Also sagt er immer noch nichts?“ So langsam glaubte Dayo, dass der Fremde nicht reden konnte, aber richtig vorstellen konnte er sich das nicht. Es passte einfach nicht zu diesem Mann. darum versuchte er es immer wieder. „Warum willst du nur nicht mit uns reden?“

„Weil du Fragen stellst, deren Antwort du mir nicht glauben würdest“, entgegnete Shakwe weil er die Nerverei nur noch satt hatte.

„Ich weiß nicht, ob... was?“ Dayo blickte den Fremden an und Shakwe öffnete die Augen. „Hast du eben was gesagt?“, wollte er wissen und war sich nicht sicher, ob er das nun wirklich gehört hatte oder es sich dabei um eine Einbildung handelte. Er sah zu Latif.

„Ich hab’s auch gehört“, erklärte der und kam näher. „Wer bist du und wie heißt du?“, fragte er neugierig. Darüber hatte er sich in der Zeit, die er hier mit ihrem Gefangenen verbracht hatte. Dayo nickte, denn er war nicht weniger neugierig. „Und vor allen Dingen, was bist du?“

„Wer ich bin und wie ich heiße?“, fragte Shakwe leise und blitzte Dayo kampfeslustig an, auch wenn sein Körper ihn dabei nicht unterstützen würde. Entwürdigend lag er in den Armen seines Opfers. „Wenn du mir sagst, was der Unterschied zwischen beiden fragen ist, beantworte ich sie.“ Sprechen fiel ihm noch nicht leicht, aber das hieß nicht, das sein Hirn nicht funktionierte.

Skeptisch sah Dayo auf Shakwe und wusste erst nicht, was er davon halten sollte, aber dann grinste er. „Na, du bist jemand und ein jemand hat auch einen Namen“, grinste er leicht. Er war sich nicht sicher ob der Fremde Humor hatte und verstand.

„Ah ja“, machte Shakwe und nickte verstehend. So sah man das hier also. Er war immerhin ein jemand, kein etwas – das war ein guter Anfang und mehr als seine Schöpfer damals in ihm gesehen hatten. „Shakwe“, sagte er also, „mein Name ist Shakwe.“ Er versuchte sich aufzusetzen, denn dass man auf ihn hinab blickte, machte ihn nervös. Er mochte es nicht.

„Oh!“ Dayo hatte irgendwie nicht wirklich damit gerechnet, dass ihr Gefangener seinen Namen preis gab. Er half Shakwe ein wenig, sich aufzusetzen und ging weiter an den Rand, damit er sitzen konnte. „Ich bin Dayo und das ist Latif“, stellte  er sich und den Krieger ebenfalls vor, auch wenn er sich denken konnte, dass Shakwe das wusste.

Der Nyokar nickte nur und schloss wieder die Augen. Er hatte erst einmal genug gesagt, wie er fand. Nun wussten sie, dass er nicht blöd war und dass er nicht stumm war. Was sie mit dem Wissen anstellten, war die Sache der Matumba. Er selbst musste erst einmal wieder auf die Füße kommen und weiter sehen. Ob er wieder freigelassen wurde, stand in den Sternen

Nur hatte er seine Rechnung ohne Dayo gemacht, der nun wo er wusste, dass Shakwe reen konnte, gar nicht einsah, dass schon wieder Schluss war. „Schmerzt deine Wunde noch“, wollte er wissen, denn wenn ja, sollten sie noch einmal nachsehen.

„Nein, ich liebe es zu zischen und zu zucken und zu stöhnen. Und das blöde Gesicht ziehe ich nur, weil ich mich langweile“, knurrte Shakwe. Er hasste überflüssige fragen und das war definitiv eine davon gewesen. So ließ er die Augen geschlossen und versuchte, gleichmäßig zu atmen. Die Bewegung war zwar wichtig aber sie tat nicht gut.

Kurz war Dayo versucht Shakwe einfach los zu lassen, damit er unterging, aber er ließ es sein. Allerdings war er doch ziemlich verstimmt über die schnippische Antwort. „Warum wolltest du mich töten“, fragte er darum stattdessen, denn eine normale Unterhaltung schien Shakwe nicht zu wollen.

„Und ich habe dir bereits gesagt, dass du mir die Wahrheit nicht glauben würdest und ehe du mich als Lügner abstempelst, nur weil das wissen darum euren Horizont der Welt, wie ihr sie kennt, übersteigen würde. Es wäre also besser, du weißt es nicht“, versuchte Shakwe auszuweichen und es war nicht gelogen. Er war sich sicher, dass Dayo ihm die Wahrheit nicht glauben würde – wie auch, wenn er doch von der Existenz der Gottgleichen keinen Schimmer hatte.

„Na vielen Dank, dass du auf uns Unterbemittelte nicht überfordern willst.“ Jetzt war Dayo wütend. „Ich werde aber trotzdem nicht locker lassen, bis ich weiß, warum du mich töten wolltest und wer dich beauftragt hat.“

„Viel Spaß“, wünschte Shakwe dabei und beschloss, es dem Fürsten ganz bestimmt nicht einfach machen zu wollen. Sollte der Mann wütend sein und glauben was er wollte, das war immer noch besser als würde er erfahren, das sie nur Spielfiguren auf einen riesigen Brett waren, geschoben und gelenkt von solchen, die eigentlich nur langweile hatten und wetten laufen ließen. Das wäre der größere Schaden für den Clan als ein wütender Fürst.

Dayo lag eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, aber er schluckte sie runter. Jetzt zu streiten brachte gar nichts. „Wirst du es wieder versuchen?“, fragte er darum nur, denn von der Antwort hing ab, wie sie mit ihrem Gefangenen weiterverfahren sollten.

„Wenn ich ja sage, kann es gelogen sein. Ebenso kann es gelogen sein, wenn ich nein sage.“ Shakwe wusste ganz genau, dass es eine richtige Antwort auf diese frage nicht gab. Sagte er nein, was eigentlich auch der Wahrheit entsprach, weil er keinen Grund mehr hatte, dann würde man ihm nicht glauben und wenn er ja sagte, dann hatte er ein Problem. Er konnte nur verlieren.

„Du scheinst wirklich nichts über uns zu wissen. Wenn du mir dein Ehrenwort gibst, werde ich dir glauben. Das ist eine der Grundlagen unseres Stammes.

Allerdings, wenn du es brichst, dann hast du die Geister beleidigt und du wirst hart bestraft.“ Dayo hatte diese ausweichenden Antworten langsam satt, aber er ließ sich nichts anmerken. Wahrscheinlich war Shakwe nur vorsichtig, weil er nicht wusste, was mit ihm werden sollte.

Shakwe öffnete die Augen. Er begann zu zittern den sein Körper kühlte allmählich aus. Ständig umspülte das Wasser in kleinen wellen die Haut und entzog ihm wärme. „Ehrenwort“, wiederholte er und wandte sich ab. „Du glaubst also, ich hätte eine ehre“, sagte er nachdenklich und das erste mal klang seine Stimme dabei nicht spöttisch.

„Warum nicht? Jedes menschliche Wesen hat Ehre. Du bist zwar einerseits nicht menschlich, aber andererseits bist du es doch, darum hast du Ehre. Davon gehe ich zumindest aus. Jetzt ist es an dir, ob du es selber glaubst und bereit bist ein Ehrenwort zu geben.“ Während er redete hob Dayo Shakwe aus dem Wasser und brachte ihn zum Lager.

Es war entwürdigend für den Nyokar, doch es nutzte nichts. „Ich werde kein zweites mal versuchen dich zu töten“, erklärte er leise und hoffte, dass er vorerst wieder seine ruhe hatte. Dieser Fürst war anstrengend. „Du musst den Blassen also nicht noch einmal auf mich loslassen.“

„Hatte ich auch nicht vor.“ Dayo wirkte verlegen, als er das sagte, denn Katus Verhalten war ihm immer noch peinlich. Aber so weit, sich bei Shakwe dafür zu entschuldigen, war er noch nicht. Vor sich rechtfertigte er es damit, dass ihr Gefangener Strafe für seinen hinterhältigen Anschlag verdient hatte.

Shakwe nickte nur, als er sich auf dem Lager zusammenrollen wollte. Doch die wunden hinderten ihn noch daran. Seine Übungen, um sich zu biegen und zu entspannen hatte er schon eine Woche nicht machen können, er fühlte sich steif und unzufrieden. So zog er vorsichtig eine der Leinendecken über sich, denn er fror immer noch.

Dayo ließ ihn in Ruhe und entfachte das Kochfeuer. Er wollte Kräutertee kochen. Der war in seinem Stamm sehr beliebt und die Pflanzen die sie dafür benötigten wuchsen in ihren Kuppeln und waren also reichlich verfügbar. „Möchtest du etwas essen?“

„Warum nicht“, entgegnete Shakwe. Diese intensive Aufmerksamkeit machte ihn nervös. Es war komisch von dem umsorgt zu werden, den er eigentlich hatte ausschalten sollen – auch wenn es nur für ein paar Wochen gewesen wäre. Doch das hätte ihm Dayo noch weniger geglaubt als die Tatsache, dass er ihn töten wollte.

Dayo nickte und verteilte das mitgebrachte Essen auf drei Teller und reichte sie weiter. Sie aßen schweigend eine Weile, bis Latif das Schweigen brach. „Wie geht es jetzt weiter?“, fragte er. Shakwe war immer noch ein Attentäter, auch wenn sie jetzt wussten, wie er hieß und sie konnten ihn nicht einfach wieder laufen lassen.

„Er bleibt hier“, erklärte Dayo lapidar, das war vorerst die beste Lösung, denn sowohl Shakwe als auch der Clan waren sicher vor einander. So verschafften sie sich Zeit, die sie brauchten um zu klären, was sie wirklich tun wollten. Vielleicht konnten sie ihn eines Tages in ihren Clan integrieren. Er war ein kluger Kopf, solche konnten sie brauchen. Doch um dieses Risiko einzugehen brauchte Dayo Sicherheit und ein Zeichen der Loyalität, beides war definitiv noch nicht gegeben.

Latif nickte und Shakwe seufzte lautlos. Er hatte nichts anderes erwartet und konnte es verstehen. Die nächste Frage allerdings überraschte ihn. „Brauchst du noch etwas?“, fragte Dayo, der nicht wusste, was ihr gefangener zum überleben benötigte.

„äh“, kam es deswegen auch etwas unintelligent und Shakwe blickte von seinem Teller auf. Er hatte bis eben an einem Teigfladen gekaut. Der war zwar hat aber überraschend lecker. „Etwas gegen das verhungern und etwas gegen die tödliche Langeweile“, entgegnete er also, denn er wusste, wenn er in ein paar tagen gesund war, dann lief er in diesem Talkessel mit den glatten Wänden achten wie ein Tier im Käfig.

„Das erste ist nicht schwierig zu bewerkstelligen, bei dem zweiten musst du mir ein wenig helfen. Was würde dir denn gegen die Langeweile helfen?“ Dayo nahm das durchaus ernst, denn Langeweile war etwas, das einen verrückt machen konnte. Allerdings waren die Möglichkeiten beschränkt. Das wussten sie beide. Shakwe versuchte seinem unfreiwilligen Gastgeber also entgegen zu kommen und blickte sich ebenfalls um. Er konnte hier laufen und Sport machen, kein Problem. Doch ihm fehlte jetzt schon die geistige Herausforderung. Ihm fehlten seine Gifte und seine Mittelchen, an denen er versuche machte. Doch darum konnte er nicht bitten. Zum einen wussten die Matumba nicht was das war, zum anderen würden sie ihm als Attentäter das Zeug nicht geben. „Leicht wird es nicht.“

„Ja, das sehe ich auch so.“ Dayo schob das erst einmal etwas nach hinten, denn im Moment war er noch verletzt und zu schwach um großartig etwas zu unternehmen. „Liest du gerne? Wir haben Bücher. Damit könntest du dich beschäftigen, bis du dich wieder besser bewegen kannst.“

„Ja, das sehe ich auch so.“ Dayo schob das erst einmal etwas nach hinten, denn im Moment war er noch verletzt und zu schwach um großartig etwas zu unternehmen. „Warten wir erst einmal ab, bis du wieder gesund bist. Es wird sich schon etwas finden, mit dem du dich beschäftigen kannst.“

„Ja, glaube ich auch“, erklärte Shakwe und das erste, was er tun würde wäre dieses Ding hier zu untersuchen, ob es nicht doch einen Fluchtweg gab. Es wäre doch gelacht, wenn er mit seinen körperlichen Fähigkeiten hier nicht heraus kommen würde. Doch das verschwieg er lieber, das würde nur Misstrauen sähen, mehr noch als sowieso schon in der Luft lag. Also aß er weiter. Dass der Appetit zurück kam, war ein gutes Zeichen. Erstaunlich, wie die primitive Arznei der Matumba geholfen hatte.

Es hatte zwar länger gedauert, als wenn er selber sich verarztet hätte, aber zu seinem großen Erstaunen hatte sich keine große Entzündung gebildet. Er musste sich etwas von den Kräutern besorgen und sie untersuchen, wenn er wieder in seiner Höhle war. Er war tief in Gedanken und Dayo holte ihn aus seiner Versunkenheit, in dem er ihn fragte, ob er wirklich Giftzähne hätte.

Shakwe zuckte hoch und diese frage löste etwas in ihm aus. Kein Clan konnte das wissen denn keiner ahnte, was er war. Wenn der Fürst aber diese Information hatte, hieß das dass ihm jemand das gesagt haben musste. War er also wirklich verraten worden? Er sah Dayo intensiv an, ehe er eine Gegenfrage stellte: „wer sagt das denn?“, versuchte er so teilnahmslos wie nur möglich zu wirken.

„Der Geist, der mich gewarnt hat, dass du kommst. Er meinte, du bist gefährlich und hast Giftzähne.“ Dayo sag Shakwe an und schob sich den letzten Bissen Brot in den Mund. „Deine Zähne sehen wie Schlangenzähne aus, also könntest du wirklich giftig sein. Du erinnerst mich überhaupt an eine Schlange mit deiner schuppigen Haut.“

 

„Weil ich teilweise eine Schlange bin, deswegen“, sagte Shakwe und wirkte gelassener als er wirklich war. Man hatte ihn tatsächlich verraten! Er konnte es nicht begreifen. Er spürte, wie seine Loyalität ihren Tiefpunkt erreichte und ein Gedanke reifte in ihm. Niemand ließ ihn ungestraft fallen – niemand, auch keine, die glaubten Götter zu sein. „Und ja, ich bin giftig.“ Er brauchte neue Verbündete und Dayo war clever.