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Zyklus VI – Neo New York - Teil 4 - 6

 

04

 

„Na Amset? Was hab ich gesagt. Soldaten sind noch dümmer als meine Ratten. Die waren nicht so blöd, blind ins Verderben zu laufen.“ Auf dem Monitor hatten Amset und Osiris beobachtet, wie die Menschen allen Ernstes eingedrungen waren. Sie hatten nicht glauben wollen, was Hades und Hera berichtet hatten. Weder über den Verlust der Bonder-Einheit, noch darüber, dass diese dummen Menschen allen Ernstes hier hatten eindringen wollen. Aber sie waren wirklich so dumm gewesen.

 

„Das macht gar keinen Spaß. Wie konnten so blöde Viecher unsere Bonder-Einheit knacken.“ Amset war verstimmt. Das war viel zu leicht gewesen – wo blieb denn da die Herausforderung?

 

„Weil die Kollegen in der Bonder-Einheit ebenfalls Idioten waren, die wie kopflose Karnickel geflohen sind.“ Osiris lachte gehässig. Die Stümper hatten es nicht besser verdient und sie konnten sich jetzt auf die Fahne schreiben, dass sie das wieder in Ordnung gebracht hatten. „Sag mal, hast du gesehen, ob unser Verräter dabei ist?“ Osiris hatte nichts erkennen können, aber dafür etwas anderes entdeckt. „Guck mal, da sind ja welche von Hades’ Experimenten dabei. So einen  will ich haben.“

 

„Die schwarzen Dinger?“ Amset kam näher an den Monitor, dabei hätte er nur zoomen müssen. „Sind das diese Viecher zum Graben?“ Er betrachtete sich die Wesen eindringlicher. Sahen schon komisch aus, vor allem aber kräftig. Mit denen wollte er sich nicht anlegen! Nur gut, dass sie die Gänge mit Fallen hatten sichern lassen, denn ihr Archiv war viel zu dünn besetzt. Die Truppen, die die Gottgleichen unterhielten, waren anderweitig gebraucht worden. Erst war Amset das nicht geheuer gewesen, doch jetzt war ihm klar, dass kein noch so starker Krieger ihnen etwas anhaben konnte.

 

„Der Gesichtervergleich hat keine Übereinstimmung mit Poseidons Foto in unseren Personalstammdaten gefunden, aber wir können ja noch mal gucken, wenn wir dir so ein komisches Vieh holen. Aber nur einen kleinen. Wir sind hier nur zu zweit und ich hebe mir wegen deiner Sammelwut bestimmt keinen Bruch.“

 

Wenn sie das Vieh allerdings nicht bald holten, war es tot, denn das Gift in der Schleuse wirkte relativ schnell.

 

„Saug das Gas ab.“ Osiris stand schon an der Tür und wartete nur darauf, dass das Lämpchen anzeigte, dass sie gefahrlos den Korridor begehen konnten. Kaum, dass es grün leuchtete, öffnete er die Tür und trat aus dem Labor. „Einen kleinen“, murmelte er und suchte etwas Passendes. Ab und zu hob er einen mit einem Fuß an, aber das war alles nichts, was er wollte. „Aus der Nähe sehen die schon komisch aus. Ich glaube, ich will doch keinen“, sagte Osiris und wandte sich ab. Sie mussten die Schleuse erneut mit Gas fluten, wenn sie sicher gehen wollten, dass die Eindringlinge wirklich tot waren und nicht nur betäubt.

 

„Wie unhöflich. So spricht man nicht über Gäste!“, erklärte Adrian, als er sich langsam erhob. Osiris hatte er dabei am Knöchel gefasst, die Flucht war sinnlos. Der Mann war nicht nur um einiges kleiner als der Mole, der sich allmählich zu seiner vollen Größe aufrichtete, er hatte auch viel weniger Kraft. Amset, der von der ganzen Idee sowieso nicht so begeistert gewesen war und noch immer an der Schleusentür stand, traute seinen Augen kaum. Wie konnte sich das Ding erheben! Wie konnte es sein, dass die schwarzen Viecher noch bei Bewusstsein waren. Was hatte Hades da für Monster geschaffen! Er wandte sich schlagartig um und wollte flüchten, doch zögerte er nur einen Wimpernschlag zu lange, um auf den Knopf für die Verriegelung des Schotts zu schlagen. Er hatte mit einer Sache nicht gerechnet – mit Erdogans rasendem Puls bei dem Gedanken, der Mann könnte ihnen entkommen und Verstärkung rufen. So wandelte sich Sal und mit einem einzigen Schlag der mächtigen Schwingen war Erdogan bei ihm, griff sich den Kerl an der Kehle.

 

„So nicht Freundchen“, zischte Erdogan und zerrte den Mann von der Verriegelung weg, damit er nicht doch noch die Chance bekam, sie einzusperren. „Wer...?“, stammelte Amset und starrte auf die mächtigen Flügel. Was waren das für Wesen, die hierher gekommen waren? Erdogan war auch nicht gewillt, darüber Auskunft zu geben, sondern setzte den Mann mit einem Schlag gegen die Schläfe außer Gefecht.

 

„Verschwinden wir“, hörte Erdogan über das Headset, doch er schüttelte den Kopf. Wenn sie jetzt, wo sie freie Bahn hatten, unverrichteter Dinge gingen, mussten sie damit rechnen, dass ihre List aufflog. Das konnten sie nicht riskieren.

 

„Ihr sichert das Schott, ich versuche den Zentralrechner zu erreichen, es kann nicht mehr weit sein.“

 

Adrian nickte und gab seinen Männern über das Headset Anweisungen, dann mussten sie nicht so laut reden.

 

Erdogan gab Leander ein Zeichen, dass er ihm mit zwei seiner Männer folgen sollte. Er wusste, dass Adrian sich um die beiden Wissenschaftler kümmern würde. Sie ließen also den Korridor hinter sich und folgten Archiaons Beschreibung. Der Hauptrechner war da, wo er sein sollte und Erdogan machte sich gleich daran, Daten herunter zu laden. Thom hatte ihm alles, was er dazu benötigte, mitgegeben, so dass es kein großes Problem war. Sie brauchten auch nicht alles, darum kümmerte sich ihr Spähtrupp, nur so viel, dass in den Protokollen der Diebstahl bemerkt wurde und kein Verdacht geschöpft wurde. Schnell war das kleine Gerät angeschlossen. Doch dann knurrte Erdogan leise. Was hatte er auch anderes erwartet. Passwortschutz – den konnten sie auf die Schnelle nicht umgehen. Eigentlich hatte  er nichts anderes erwartet, doch er fluchte trotzdem.

 

„Hat Poseidon ja gesagt“, flüsterte Leander und sie packten ihre Technik wieder ein. Ihr dilettantischer Versuch sollte ausgereicht haben, um ihr Anliegen klar zu machen. „Los, weg. Nicht dass dein Seepferdchen dich noch holen kommen muss.“ Er grinste. Doch sie waren angespannt. Vielleicht gab es ja noch Fallen, die Archiaon nicht kannte.

 

„Sehr witzig“, knurrte Erdogan, wollte aber nicht zugeben, dass er sich wirklich Sorgen darum machte, ob Meodin auch nichts passiert war. Sie liefen zurück zu Adrian in den Korridor, der beide Wissenschaftler gefesselt und betäubt hatte. Sie würden sich später selber befreien können, aber erst wenn er mit seinen Männern schon wieder auf dem Heimweg war.

 

„Raus hier“, gab er Anweisung und der Trupp zog sich geordnet zurück. Sie nahmen den Weg, den sie gekommen waren. Dort waren die Wahrscheinlichkeiten, dass weitere Fallen ausgelöst werden konnten, am geringsten. Immer wieder fragte sich Erdogan, ob diese beiden Pfeifen wirklich alles gewesen war, was die Gottgleichen ihnen entgegen gesetzt hatten oder ob das dicke Ende noch vor der Tür zum Schiff lauerte oder schlimmer noch, dass das Schiff weg war. Doch er verbot sich jegliches Szenario – er musste mit dem arbeiten, was kam.

 

Sie kamen unbehelligt die Treppen runter in den Hafen und erleichtert sah er ihr Schiff so, wie sie es verlassen hatten. Sollte es wirklich so einfach gewesen sein? Eigentlich konnte er sich nicht vorstellen, dass die Gottgleichen so ignorant waren, aber  wahrscheinlich sollten sie darüber froh sein, unterschätzt zu werden, auch wenn es damit jetzt wohl vorbei war. Jetzt wussten die Gottgleichen, dass Erdogan und seine Männer nicht zu unterschätzen waren. Sie würden keine zweite Chance dieser Art bekommen. Doch das war jetzt auch egal. Wenn ihr Plan aufgegangen war, mussten sie kein zweites Mal hier her kommen. Das Ziel vor Augen durften sie aber nicht nachlässig werden und so atmeten sie erst erleichtert auf, als die Motoren lautlos starteten und die Türen des Schiffes geschlossen waren.

 

Angespannt stand Erdogan neben Leander auf der Brücke.

 

Erst als sie so weit vom Schott entfernt waren, dass ihnen von dort keine Gefahr drohte, wollte er zu seiner Kabine gehen und nach Meodin sehen, da wurde er auch schon angesprungen und sein Seepferdchen klammerte sich an ihn. „Mir geht es gut, Schatz“, lachte Erdogan leise und hielt Meodin fest an sich gedrückt. Doch er gab sich mit fadenscheinigen Beteuerungen nicht zufrieden und tastete Kopf, Arme und den Rücken ab. Doch er spürte nirgendwo Blut und so entspannte sich auch Meodin wieder. Er hatte Blut und Wasser geschwitzt, hatte den ganzen Funkkontakt mit gehört und war fast verrückt geworden vor Angst, als plötzlich Ruhe gewesen war. Sie hatten zwar gewusst, dass die Gottgleichen mit giftigen Gasen arbeiten würden, weil sie das öfter taten, doch niemand war sich ganz sicher gewesen, ob das Gegenmittel, was Archiaon ihnen verabreicht hatte, auch Wirkung zeigte. Was wäre passiert, die Gottgleichen hätten ein anderes Gas gewählt, eines dessen Wirkung das Gegenmittel nicht hätte kompensieren können? Meodin durfte gar nicht daran denken. So war er immer noch blass um die Nase.

 

„Ich muss doch mein Versprechen halten“, sagte Erdogan weich und küsste seinen Liebling sanft. Zwar tat es ihm leid, dass er Meodin solche Sorgen gemacht hatte, aber es war schön, zu merken, dass das Seepferdchen sich so sehr freute, dass er wieder da war.

 

„Ich bin unten“, sagte Leander. Er deutete auf die Monitore, die anzeigten, dass sich ihnen sieben kleine Punkte gezielt näherten. Die Kennungen zeigten an, dass es sich um Archiaon und seine Leute handelte. „Bleibt ihr hier auf der Brücke und fahrt uns nicht in den Graben“, erklärte er grinsend. Dann war er auch schon auf dem Weg nach unten. Jetzt kam es darauf an. Hatte Thom mit Archiaons Hilfe ihren kleinen Spion installieren können? Doch erst einmal mussten ihre Freunde an Bord kommen und sie von hier verschwinden.

 

Erdogan nickte, dass er verstanden hatte. Er legte seinen Arm um Meodin, so dass er eine Hand frei hatte und ging mit ihm zum Steuerstand. So konnte er beobachten, wie ihre Freunde näher kamen und wenn nötig das Boot steuern. „Hier war alles ruhig?“, fragte er Meodin. „Hat sich jemand dem Boot genähert?“

 

„Weiß nicht genau. Da war was auf einem der Monitore, hab’s aufgenommen. Waren aber nur Schatten“, sagte Meodin. Er hatte in seinem Zimmer gesessen, eigentlich das von ihm und Erdogan und deswegen glich die Kajüte mehr einer Leitwarte als einem Schlafzimmer.

 

„Welche Kamera?“, wollte Erdogan wissen und zog die Brauen tiefer. Das klang nicht gut.

 

„Vorne links die“, sagte Meodin und ruderte mit seiner Hand in die Richtung, die er meinte. Erdogan rief sich über die Zentrale die aufgezeichneten Bilder auf und Meodin blickte auch etwas genauer hin. Dann schrie er erschrocken auf.

 

„Verdammte Scheiße“, fluchte er und rannte los. „Lean, es sind Sharker im Wasser. Gib das an Archiaon weiter“, rief er in sein Headset und war auf dem Weg zur Schleuse. Zum Glück hatte er darauf bestanden, dass Waffen mitgenommen wurden, aber richtig einsetzten konnten sie nur die beiden Senatoren. Die Moles, bewegten sich noch zu unsicher im Wasser. „Haben wir eine Möglichkeit ihnen zu helfen?“

 

„Archiaon, hörst du mich?“ Leander war bereits informiert, denn er hatte Schatten um das Boot huschen sehen. Sie bewegten sich zu geschmeidig, als dass es Moles oder Menschen mit Aquascootern sein konnten.

 

„Ja, wir haben sie gesehen“, knurrte Archiaon. Seine Stimme klang gepresst. Dann war Stille. „Ewan, greif ihnen in die Streifen auf den Seiten, das sind Kiemen, da sind sie empfindlich!“, schrie plötzlich Elaios und Meodin, der neben Erdogan lief und die Stimmen hören konnte, wurde fast wahnsinnig. Er kannte die Wesen von den zurückgebliebenen noch am besten und wusste, was sie anrichten konnten.

 

„Wir müssen ihnen helfen.“ Meodin sah panisch zwischen Leander und Erdogan hin und her. Doch Leander schüttelte den Kopf. „Wir können nicht da raus und die Waffen des Bootes sind zu ungenau. Wir könnten Archiaon und seine Leute verletzen.“

 

„Was?“ Meodin glaubte sich verhört zu haben. So war er schon auf dem Weg zur Schleuse, ohne überhaupt nachzudenken. In seinem Kopf wirbelte alles durcheinander und so musste Erdogan ihn fest an sich ziehen. Es war ein wenig Gewalt notwendig, um Meodin dazu zu bringen, sich nicht mehr stur gegen ihn zu wehren. „Aber“, setzte das Seepferdchen immer wieder an und starrte durch das Glas der Tür in die offene Schleuse, die durch ein Kraftfeld gesichert war, das nur auf die implantierten Chips von Erdogans Leuten reagierte. Auch die Moles und die Senatoren waren bereits präpariert worden, ehe die Reise begonnen hatte. Zum Glück, mussten sie jetzt zugeben. Zwei der Moles hatten sich schon in die Schleuse retten können.

 

Wieder wurde eine Person, so wie es aussah, in die Schleuse gestoßen. Jetzt waren drei Männer in der Schleuse, kurz darauf ein vierter. Es waren nur noch die beiden Atlanter und Ewan draußen. Meodin versuchte etwas zu erkennen, aber durch das Kraftfeld war nichts zusehen. Es vergingen mehrere Minuten, in denen sie nur das laute Atmen der Kämpfenden hörten, dann hechteten die letzten drei in die Schleuse und Leander schlug augenblicklich auf den Knopf für die Schottverriegelung.

 

Meodin rutschte an Erdogan entlang zu Boden, als sämtliche Anspannung von ihm abfiel. Der Prinz konnte gar nicht so schnell reagieren, als dass er Meodin vor einem unsanften Sturz hätte bewahren können, denn auch er hatte sich voll und ganz auf das Innere der Schleuse fixiert.

 

„Daniel!“ brüllte Leander, denn es sah so aus, als wären einige der Männer verletzt. Das Wasser in der Schleuse färbte sich rot.

 

„Ich muss da rein.“ Erdogan hatte schon die Pumpen angeschmissen, damit sie zu den Männern konnten. Ewan war verletzt, wie er sehen konnte und auch Archiaon und Elaios schienen was abbekommen zu haben. Langsam senkte sich der Wasserspiegel in der Schleuse und die Männer befreiten sich von dem Gel, wobei Thom sich etwas schwer tat. Doch Elaios half ihm und nachdem er noch einmal ordentlich durchgehustet hatte, ging es besser und das Gefühl des Erstickens ließ nach. Nass und erschöpft lehnte er an der Wand. Neben ihm Adrian keuchte auch ziemlich und er streifte langsam den Anzug ab. Doch er grinste schief.

 

„Ewan“, rief er zu seinem Freund und der hob verstehend die Hand. Er fühlte sich platt und Schmerz pulsierte von seinem Bein hoch zum Hirn. „Ach scheiße, der Anzug ist hin“, versuchte der Mole zu albern, doch Adrian knurrte ihn an.

 

„Musst du immer etwas aus einem Kampf mitbringen? Zeig mal her. Mal sehen, ob ich amputieren muss “, wollte er von seinem Freund wissen und kämpfte sich wieder vom Boden hoch. „Hier wird nichts amputiert, solange ich das verhindern kann.“ Daniel kam in die Schleuse und verschaffte sich einen schnellen Überblick. „Kann alles dran bleiben, aber wir bringen euch zur Krankenstation. Dort kann ich euch versorgen.“

 

„Ich bin trotzdem für Amputieren, am besten bis zum Hals, dann kommt so was nicht wieder vor“, knurrte Adrian und zog seinen Freund hoch. Daniel derweil kniete vor seinem immer noch hustenden Bruder und zog ihn kurz an sich. „Na?“, sagte er nur und Thom grinste schief. „Selber na!“ Doch er ließ sich aufhelfen und Leander nahm ihn in Empfang. Die anderen Moles kamen auch allmählich wieder auf die Beine und so wurden die Verletzten unter Erdogans strengem Blick, der Meodin wieder auf die Beine geholfen hatte. Das Seepferdchen war in Sorge und so scheuchte ihn Daniel auch nicht weg, als er Elaios untersuchen wollte und ihm das Seepferdchen immer vor den Füßen herum huschte. Er wirkte völlig aufgelöst.

 

Erdogan zog ihn darum an sich und hielt ihn fest. „Süßer, deine Freunde sind nicht schwer verletzt. Daniel kriegt das wieder hin und sie sind wieder so gut wie neu.“ Der Prinz strich seinem Seepferdchen über die Wange und küsste ihn. Es war schwer für ihn, Meodin so ängstlich zu sehen. Er hatte gehofft, dass das nicht so schnell wieder passieren würde.

 

„Hey, Meo – alles noch dran“ Elaios grinste und wedelte mit den Händen, wurde vom behandelnden Arzt aber gleich angeknurrt und als die Drohung kam, das alles entfernt wurde, was gerade im Weg wäre, ließ Elaios lieber wieder die Hände sinken. Er hatte Glück gehabt. Er hatte nur eine oberflächliche Wunde, sie war lang aber nicht tief. Mit einem Flüssigpflaster war das schnell behoben. Laserbehandlung oder Naht war nicht notwendig. Bei Archiaon, der sich vor ihn geworfen hatte, sah das leider schon etwas anders aus. Ebenfalls bei Ewan.

 

Die beiden hatten tiefere Wunden, Archiaon an der Seite und Ewan am Bein. Dort hatten die Sharker sie mit ihren Lanzen erwischt, als sie die anderen beschützt hatten. Sie waren nicht lebensgefährlich, aber mussten genäht werden, damit sie richtig heilten. „Ich übernehme Ewan“, erklärte Adrian und zog sich schon sterile Handschuhe an. Wunden nähen konnte er. Die Moles hatten sich beim Graben öfter Verletzungen zugezogen und so wusste fast jeder von ihnen, wie schnell und effektiv solche Verletzungen zu versorgen waren. Außerdem hatte Odin ihn ausgebildet, als er zum Widerstand gestoßen war und so war er Daniel oft eine große Hilfe.

 

„Fuchtel mit deinen ungeschickten Fingern nicht im OP-Bereich rum“, knurrte Adrian, weil Ewan schon wieder alles besser zu wissen schien. „Oder ich schlage dich k.o., such es dir aus.“

 

„K.o. schlagen ist wohl besser, wenn du an mir rummachst. Daniel macht viel schönere Nähte als du“, brummte Ewan, hielt aber still, damit sein Freund anfangen konnte. Er zischte etwas, als das Betäubungsmittel aufgesprüht wurde. Es war gleichzeitig Desinfektion und brannte.

 

„Ach, halt die Klappe“, knurrte Adrian nur, doch das war bei ihnen normal. Sie waren ruppig zu einander, dass hieß aber nicht, dass er nicht in Sorge um seinen Freund war. Doch er beeilte sich, die Naht zu setzen und gab sich auch besonders viel Mühe. „Und jetzt bleibst du ein paar Tage ruhig liegen, ist das klar!“ Dabei kam er mit seinem Gesicht ganz dicht an Ewans, damit der ihn ansehen musste. Weglaufen konnte er ja gerade nicht.

 

„Das glaubst auch nur du. Ich habe viel zu tun, da kann ich nicht liegenbleiben. Flick mich ordentlich zusammen, das reicht.“ Ewan sah ja gar nicht ein, sich was sagen zu lassen. Da hatte er schon schwerere Verletzungen gehabt und war auch nicht liegen geblieben.

 

„Okay, dann gibt’s gleich noch ein Betäubungsmittel dazu, musst du nur sagen“, erklärte Adrian lapidar und griff schon einmal prophylaktisch in die Tasche neben sich. Er legte die Spritze bereit und sah Ewan dabei herausfordernd an. „Es soll keiner sagen, ich hätte aus deinen Eskapaden nichts gelernt, junger Mann!“

 

Meodin grinste schief. Wenn die beiden raufen konnten, ging es ihnen gut, das war wichtig. Also schlich er zu Archiaon.

 

Der bekam gerade von Daniel einen Verband und lächelte Meodin zu. Elaios stand bei ihm und sah zu, wie sein Schatz verarztet wurde. „So, fast wieder wie neu.“ Daniel war zufrieden und die Wunde würde ohne Probleme heilen. „Ich kümmere mich mal um die beiden Streithähne, sonst schläft Ewan wirklich gleich.“

 

„Wir sind keine Streithähne“, erklärten die beiden Moles gleichzeitig, doch dann ging es auch schon wieder weiter. Adrian in seiner Rolle als Arzt, verlangte Ruhe für die Wunde und Ewan in seiner Rolle als Krieger erklärte seinen behandelnden Arzt für bekloppt.

 

„Ich muss zu Thom, ich will wissen, ob wir Erfolg hatten“, sagte Ewan knurrig, weil Adrian am längeren Hebel saß, denn der hatte die Spritze.

 

„Ich bringe dich in dein Zimmer und Thom kann dann zu dir kommen“, ließ Adrian nicht locker und Ewan wollte gleich etwas dagegen halten, aber Daniel unterbrach die Diskussion. „Das ist eine gute Idee. Ich werde dir helfen, ihn dort hin zu bringen und dann schicke ich Thom zu ihm.“

 

„Ja, los! Fallt mir alle in den Rücken“, knurrte der Leitmole, doch kaum hob Adrian die Spritze, war er wieder ruhig, denn er wusste nur zu gut, dass sein Freund keine Skrupel hatte. Er wurde auf eine Trage verräumt und in seine Kabine gebracht. Damit Ewan sich nicht langweilte, leistete ihm der Rest Gesellschaft. Aber auch weil sie wissen wollten, ob ihre List funktionierte oder ob sie um sonst ihr Leben riskiert hatten.

 

Sie wussten, dass alles wie geplant geklappt hatte, als Thom mit einem breiten Grinsen und Daumen hoch zu Ewan kam. „Wir sind drin. Die ersten Daten sind schon da.“ Er setzte sich zu Ewan aufs Bett und zeigte ihm das Ergebnis auf seinem Laptop. „Das war ein Erfolg auf der ganzen Linie.“

 

Schematisch wurde auf dem Bildschirm angezeigt, was die Freunde eigentlich hatten erreichen wollen. Ein kleiner Spion an einer ungesicherten Stelle des Netzwerkes installiert, saugte stetig kleine Datenpakete und schickte sie an die Sonden, die Erdogan und seine Crew unterwegs ins Wasser gelassen hatten. Die Pakete waren so klein, dass sie in der Hintergrundstrahlung untergingen und nicht bemerkt wurden, wenn man nicht wusste, auf welcher Frequenz man gezielt suchen musste. So dauerte es zwar etwas länger, ehe sie den Inhalt des Archivs auf ihren eigenen Server in Bonder 482 geladen hatten. Doch die ersten Daten konnten sie schon sichten.

 

„Na wenigstens hat Adrian mich nicht umsonst verschandelt“, knurrte Ewan mit einem Grinsen und duckte sich unter der Hand seines Freundes weg. „Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht mitkriegen, dass wir ihnen eine Laus in den Pelz gesetzt haben.“ Erdogan war ebenfalls näher gekommen und besah sich die Datenpakete. Sie hatten es hauptsächlich auf die Daten über Neo New York abgesehen.

 

„Zumindest nicht bevor wir das haben, was wir brauchen“, sagte Archiaon und strich sich nachdenklich über den Verband. Das Betäubungsmittel ließ nach und jetzt spürte er die Wunde schon intensiver. Doch er ließ sich von Sal ablenken, der gerade jeden einzelnen untersuchte, ob der nicht was Fressbares bei sich hatte.

 

„Komm her, Dicker und hör auf zu betteln“, knurrte Erdogan, dem sein Haustier schon manchmal peinlich war. Doch Sal war das egal, ein hungriger Birdell war sich grundlegend selbst der nächste. Meodin lockte ihn zu sich.

 

Er hatte immer etwas zum Knabbern dabei, darum wuselte Sal zu ihm und kletterte auf Meodins Schulter. Elaios  stand bei ihm und strich Sal über das Fell. Ratten gab es in Atlantis nicht und er fand die kleinen Tierchen furchtbar niedlich, allerdings hatte Archiaon darauf bestanden, dass keine nach Atlantis mitgenommen wurden. Sie konnten ihr über Jahrhunderte isoliertes Ökosystem nicht einfach mit Lebewesen überfrachten, auf die es nicht vorbereitet war. Der kompletten Bioszönose würde es so ergehen wie Meodins Immunsystem, als er Atlantis Nord 035 besucht hatte. Elaios hatte es eingesehen und so nutzte er seine Zeit an der Oberfläche, um sich mit den Tieren dort zu befassen. Es gab nämlich auch noch andere. Im Lager schlich neuerdings eine Katze herum, die kleine Schädlinge fraß. Diego fütterte immer heimlich zu und an Sal ging sie nicht mehr heran, seit der ihr in die Pfote gebissen hatte, dass Daniel hatte nähen müssen. Diego, der sich für das pelzige Tier verantwortlich fühlte, war ziemlich sauer auf Sal gewesen.

 

Aber mittlerweile hatte Diego sich wieder beruhigt und sah einfach zu, dass Sal seinem Liebling nicht mehr zu nahe kam. Elaios lockte Sal zu sich und Archiaon schüttelte lächelnd den Kopf. Er konnte seinen Freund ja verstehen. Er mochte es ja auch durch das Fell zu streicheln und so etwas gab es Zuhause nicht. Außer Tieren, die in Aquarien gehalten wurden, gab es dort nichts.

 

Der einzige in der Runde, der nicht so zufrieden wirkte, war Jack. Er hatte nicht ein einziges Mal die Chance gehabt, eine Probe vom fremden Boden zu bekommen. Er hatte Ewan und Archiaon eindringlich erklärt, dass die mitbringen sollten, was sie greifen konnten, doch die Beutel waren leer gewesen, als sie zurück gekommen waren. Wie hatte man diese einmalige Chance nur nicht nutzen können? Er selber hatte nicht die Gelegenheit gehabt, mit zu gehen. Er war zusammen mit Erdogan ins Archiv eingedrungen. Die Sorge war wohl zu groß gewesen, dass Jack mal wieder ausscherte so wie bei ihrem ersten Versuch mit dem Strahlungsserum, als er sich ebenfalls nicht an den Plan gehalten hatte.

 

Der Senator hatte zwar versucht zu erklären, dass sie einfach keine Chance zum sammeln gehabt hatten, aber das hatte Jack nur ein Schnauben und einen wütenden Blick entlockt. „Ausreden, alles Ausreden“, hatte er gemurmelt und dann geflucht. Seine Arbeit wurde einfach nicht gewürdigt. Aber vielleicht brachte das Archiv ja ein paar neue Erkenntnisse für ihn. So saß er stumm dabei und beobachtete den Bildschirm, auf dem eigentlich nicht viel zu sehen war. Die Speicherung und Auswertung der Daten erledigte die Crew in Bonder 482, sie selbst prüften nur die Funktion der Technik.

 

„So, auf nach Hause und dann wird gewühlt. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht heraus bekommen würden, was die Spinner alles mit unserer Kuppel angestellt haben“, sagte Leander. Er fasste langsam wieder neuen Mut.

 

„Es sollte was dabei sein, denn sonst müssen wir uns was einfallen lassen, wie wir weitermachen können, ohne in die Hauptkuppel zu müssen.“ Erdogan würde auf jeden Fall nicht kampflos aufgeben. Er hatte sogar schon überlegt, sein Labor einfach zu verlegen, so dass keiner wusste, wo sie waren, aber das war nicht möglich, wie sie schnell festgestellt hatten. Die Anlagen konnten sie unmöglich einfach bewegen, denn sie hatten keine Möglichkeit einen zweiten Ort zu finden, der so gut erschlossen war.

 

 

 

05 

 

„Ich würde sagen, wir suchen uns jetzt alle ein ruhiges Plätzchen und verdauen den Tag. In ein paar Stunden sind wir dann wieder daheim, dann sind schon ein paar Datenpakete mehr angekommen und bis dahin haben Bill und seine Jungs vielleicht auch schon das eine oder andere ausgewertet“, schlug Leander vor. Auch wenn Ewan es nicht zugeben würde, Ruhe tat ihm gut. Archiaon sah auch nicht gerade frisch aus und das Seepferdchen wirkte, als würde es gern ein bisschen Zeit mit seinem Prinzen verbringen wollen, um zu gucken, ob er auch keinen Kratzer hatte. Meodin war noch nicht wieder der alte, er war ängstlich seit seiner Entführung.

 

„Ja, das haben wir uns verdient“, stimmte Erdogan seinem Freund zu und alle anderen nickten ebenfalls. Besonders die Schwimmer waren müde, auch wenn sie die Scooter gehabt hatten. So löste sich nach und nach ihr Treffen auf und alle gingen in ihre Kabinen, nur Adrian blieb bei Ewan, um zu kontrollieren, dass er auch liegen blieb.

 

„Du kannst auch gehen“, knurrte der Leitmole, doch Adrian schüttelte den Kopf. „Nicht nötig, ich habe mir was zu lesen mitgebracht und werde schön darauf achten, dass du auch ja nicht auf die blöde Idee kommst, durch das Schiff zu wandern und die Druckschleusen zu prüfen oder anderen Blödsinn.“ Er setzte sich also ans Fußende des Bettes und zog sich seinen Palm heran. Er hatte es schätzen gelernt, kleine Geschichten zur Entspannung zu lesen, er bevorzugte Krimis aus längst vergessenen Tagen. Thom hatte für ihn einen wahren Fundus im alten Archiv aufgetan, das er nun nach und nach verschlang.

 

Ewan brummte Unverständliches und weil er wusste, dass Adrian nicht gehen würde, legte er sich hin und schloss die Augen. Er würde es ja nie zugeben, aber die Ruhe tat gut. Sein Bein fing langsam wieder an zu schmerzen und wenn er es ruhig hielt, war es erträglich. „Lies mir was vor, wenn du schon hier rumlungerst.“

 

Adrian hob eine Braue, was im schwarzen Pelz kaum auffiel, doch er nickte. Warum nicht. Er war gerade mit einer Spionagegeschichte zugange, in der es auch um den Mord eines Agenten ging. Nur nach und nach kamen seine dunklen Machenschaften ans Licht und Adrian ließ seinen Freund daran Teil haben. So verging die Zeit schneller.

 

In einem anderen Zimmer hatte sich Meodin auf das Bett gesetzt. Er kauerte am Kopfende und hatte die Knie dicht an den Körper gezogen, die Arme waren fest darum geschlungen. „Warum muss das immer so sein“, flüsterte er leise und beobachtete Sal, der unter der Decke entlang schlich.

 

„Was meinst du?“, fragte Erdogan, der sich zu ihm setzte und ihn in den Arm nahm. Er konnte es sich denken, aber vielleicht sollte Meodin einmal darüber reden, was ihn bewegte und Angst machte. Der ließ den Kopf auf das Knie sinken und sah Erdogan durch den langen, blonden Pony hindurch an. „Warum muss ich immer zusehen, wie Freunde verletzt werden. Ich kann nichts dagegen tun, werde zurück gelassen und muss in Angst und Sorge darauf hoffen, dass euch nichts passiert. Ich kann das nicht und ich will das nicht.“ Er biss die Lippen fest zusammen. „Und dann hocke ich hier, gucke raus und erkenne nicht einmal die Sharker. Ich hätte Elaios und Archiaon viel früher warnen müssen. Nicht einmal dazu war ich zu gebrauchen. Und Bill hat gesagt, ich bin nicht mal zu dem nütze, wozu ich geschaffen wurde.“ Was Hera behauptet hatte, sagte er lieber nicht. Bill war sein Schöpfer, der wusste das bestimmt am besten.

 

Es setzte Meodin zu, dass er das Gefühl nicht loswurde, keine Hilfe für irgendjemand zu sein. Sollte er Erdogan doch sagen, was die Gottgleiche gesagt hatte? Meodin wusste es nicht. Was, wenn das sein einziger Nutzen war?

 

Erdogan umfing Meodin fester und hauchte ihm einen Kuss auf die Haare. „Schatz, du bist nicht unnütz.“ Er hob Meodins Gesicht an und lächelte. „Überleg doch mal wie alt du erst bist. Dafür, dass du erst ein paar Wochen bei uns bist, kannst du schon sehr viel und es wird jeden Tag mehr. Sicher ist Bill nützlich, genauso wie Thom, Ewan, Daniel und all unsere anderen Freunde, aber dafür haben sie Jahre oder Jahrzehnte gebraucht. Lass dir bloß nicht einreden, dass du nicht nützlich bist. Du bist sehr wichtig für mich.“

 

„Wofür?“, wollte Meodin wissen. Erdogan betonte das immer so, er wäre nützlich und er würde gebraucht, doch Meodin hatte noch nicht verstanden wozu. Es gab nichts was Meodin konnte, was Erdogan nicht konnte. Und dabei vertrieb er Heras Stimme wieder aus seinem Kopf, die etwas wusste.

 

„Du bist sehr nützlich, das finden alle die mit mir arbeiten müssen. Seid du da bist, bin ich umgänglicher geworden, wie Leander mir letztens erzählt hat. Ich bin nicht mehr launisch und aufbrausend, also sehr viel erträglicher.“ Erdogan lachte und küsste Meodin auf die Nasenspitze. „Meine Leute finden dich also sehr nützlich.“

 

„Hm“, machte Meodin. In seinen Augen war das kein Nutzen. Nutzen war es dann, wenn der Rest des Teams profitierte, doch das taten sie von seinen fragwürdigen Fähigkeiten nicht. Doch er ließ es dabei bewenden. Er hatte das Gefühl, dass sie beide darunter nicht das gleiche verstanden. „Ich möchte etwas können, was wirklich weiter hilft. Aber ich bin nicht so schlau, nicht so stark, nicht so schnell“ und das störte ihn wirklich. „Nur Hera hat gesagt, dass...“ er brach ab. Das spielte keine Rolle.

 

„Hera?“ Erdogan sah Meodin fragend an. „Was hat sie gesagt?“ Er wusste, dass Hera eine von den Wissenschaftlern war, die Meodin entführt und gequält hatten, und allein der Gedanke daran, ließ ihn wütend werden. Wie gerne hätte er sie getötet. Langsam und schmerzhaft. Zehnfach hatte er sie vorher Meodins Schmerz spüren lassen und er musste sich wirklich beherrschen, damit Meodin in seinem Gesicht nicht lesen konnte, was er dachte. Denn auch wenn sein Seepferdchen glaubte, er hätte keine Talente, das war nicht wahr. Meodin hatte ein unglaubliches Gespür für Menschen und ihre Emotionen.

 

„Ähm“, erst durch Erdogans Frage fiel Meodin auf, dass er das nicht nur gedacht, sondern ausgesprochen hatte. Er sah Erdogan an.

 

Erdogan konnte sehen, dass sein Seepferdchen nicht wusste, was es machen sollte, aber diesmal ruderte er nicht zurück. Irgendwann musste Meodin darüber reden, was er erlebt hatte. „Was hat sie gesagt?“

 

Meodin schluckte. Er senkte den Kopf und wusste nicht so richtig, wie er anfangen sollte. So wollte er es kurz machen und sagte leise: „Sie behauptet, dass ich sterben müsste, weil ich funktioniere und das Experiment gefährde. Aber Bill hat ja gesagt, dass das gar nicht stimmt. Und er muss es ja wissen. Er hat mich gemacht!“

 

„Sie hat gesagt, dass du funktionierst?“ Erdogan wusste nicht, was er davon halten sollte, aber es machte keinen Sinn, dass sie Meodin anlog, wenn sie davon ausging, dass er sterben würde. „Vergiss Bill, er weiß nicht, ob du funktionierst. Er geht nur davon aus, dass es nicht geklappt hat.“

 

„Aber er hat es doch gesagt“, beharrte Meodin. „Er hat mich geschaffen. Er muss es wissen“, beharrte er, denn er wollte nicht auf das reduziert werden, was man von ihm erwartete. Meodin starrte stur vor sich hin. Er wollte anders nützlich sein, richtig nützlich.

 

„Du möchtest es nicht, oder?“ Erdogan konnte spüren, dass Meodin hin und her gerissen war und es tat ihm weh, sein Seepferdchen so zu sehen. Er strich ihm über die Wange und küsste ihn sanft. „Wenn du es nicht möchtest, behalten wir es für uns. Niemand muss davon erfahren. Ich lasse nicht zu, dass sie dich wieder untersuchen und quälen. Niemand hat ein Recht dazu, dich zu etwas zu zwingen, dass du nicht willst.“

 

„Aber vielleicht ist das das einzige, was ich kann und wozu ich nützlich bin. Die Moles sind gemacht worden, um zu graben, und das tun sie. Die Sharker sind gemacht worden, um zu kämpfen und das tun sie und ich bin eben gemacht worden, um euer Volk zu retten. Steht es mir zu, das zu verweigern?“ Meodin fühlte sich elend. Warum hatte er mit diesem bekloppten Thema anfangen müssen. Er war ja selber dran schuld.

 

„Nein, das ist ganz bestimmt nicht das einzige, was du kannst. Meodin du bist erst ein paar Wochen alt. Du wirst etwas finden, was du kannst und was dir Spaß macht. Niemand kommt auf die Welt und ist gleich nützlich. Es braucht Jahre, bis wir wissen, was wir wollen.“ Erdogan drückte Meodin an sich. „Guck dir Adrian an. Er ist ein Mole, er kann graben, aber er versteht auch was von Medizin. Das ist etwas, was ihm Spaß macht und du wirst auch so etwas finden.“

 

Es passte Meodin gar nicht, doch Erdogan hatte Recht. Er war noch nicht sehr lange aus seinem Tank heraus und selbst Diego war schon viel länger auf dieser Erde, als das Seepferdchen. Doch er war so ungeduldig und jedes Mal mit ansehen zu müssen, wie seine Freunde sich in Gefahr brachten, konnte er nur ganz schwer ertragen. Es ging ihm selbst an die Substanz. „Es soll schneller gehen“, nuschelte er leise und lehnte sich seinerseits gegen Erdogan. Die Nähe tat gut, er mochte sie sehr.

 

Erdogan streichelte ihm sanft über den Rücken und musste lächeln. Meodin war manchmal wie ein stures Kind, das alles auf einmal haben wollte. „Wir mussten alle warten, bis es soweit war. Ich kann dir helfen, stärker zu werden und kämpfen zu lernen, indem wir trainieren. Dann fühlst du dich vielleicht etwas besser.“

 

„Ja, das würde vielleicht helfen. Denn Jack scheucht mich auch. Schlauer werden hat also nicht geklappt“, entgegnete Meodin, zuckte aber zusammen, als er die Finger an seiner Rückenflosse spürte. „Nicht“, sagte er streng und bog den Rücken, um sich Erdogans Fingern zu entziehen. Er tat das nicht gern, denn er mochte das Gefühl auf der empfindlichen Haut des Flossenansatzes, doch er war zu sehr in Sorge, dass Erdogan sich noch einmal verletzte.

 

„Liebling, bitte lass mich“, bat Erdogan und küsste sein Seepferdchen. „Du magst es und ich auch. Mir wird nichts passieren. Das was geschehen ist, war nicht deine Schuld, du wusstest doch nicht, das du giftig bist und jetzt wissen wir, was zu tun ist.“

 

„Ich weiß es nicht“, sagte Meodin, verspannte sich aber. Doch er ließ Erdogan gewähren. Es stimmte schon, er mochte es, wie der Prinz ihn berührte und er sehnte sich danach, wieder von ihm geliebt zu werden. Doch die Angst vor dem, was passieren konnte, war größer als die Lust. So schloss er die Augen und ließ es geschehen. Er vertraute Erdogan, dass er ihn nicht anlog.

 

Und damit Meodin sich wieder entspannen konnte, war Erdogan sehr vorsichtig und machte erst einmal nichts weiter, als sein Seepferdchen zu halten, es zu küssen und sanft zu streicheln. Er wollte, dass sie beide genossen, was sie machten und hoffte darauf, dass die Lust, die sich langsam aufbaute, die Angst verdrängte. Meodin sollte erfahren, dass sie sich lieben konnten, ohne ein Risiko einzugehen.

 

Meodin ließ es zu und als er spürte, dass sich die Finger auch immer wieder von den gefährlichen Stellen entfernten, entspannte er sich wirklich. So lagen sie beisammen, Erdogan zog irgendwann die Decke über sie und ein Gespräch entwickelte sich. Meodin stellte Fragen über die Mission, die Erdogan ihm so gut es ging beantwortete. Immer wieder unterbrochen von Küssen, mal zart, mal leidenschaftlich.

 

Erdogan fühlte sich Meodin nah, wie schon lange nicht mehr. Die Ängste Meodins hatten immer zwischen ihnen gestanden und eine Distanz geschaffen, die den Prinzen fast verrückt hatte werden lassen. „Ich hoffe, dass wir aus den Daten, die wir vom Archiv bekommen, herausfinden welche Experimente diese Monster in Neo New York betreiben, wie das Observatorium anzeigt. Und vielleicht auch einen Hinweis, warum fast keine Kinder mehr geboren werden.“

 

„Daniel hat mir erklärt, was Kinder sind und dass sie wichtig sind, weil alle irgendwann sterben. Dann musst du auch Kinder haben“, sagte Meodin, denn das war seine Erkenntnis. Die Vorstellung, dass Erdogan eines Tages aussterben könnte, war für ihn schlicht unerträglich. Auch Daniel hatte ihm nichts dagegen halten können.

 

„Kinder sind wichtig und wenn möglich hätte ich gerne welche.“ Erdogan strich Meodin sanft über die Wange und lächelte ihn liebevoll an. „Sicher könnte ich mir aus den Frauen, die noch schwanger werden können, eine aussuchen und Kinder haben, aber das will ich nicht. Ich möchte Kinder mit dem Menschen, den ich liebe, und wenn das nicht geht, dann werde ich keine haben.“

 

„Das geht nicht“, erklärte Meodin resolut. Dann starb Erdogan ja aus und das war nicht akzeptabel. „Wie kann denn der Mensch, den du liebst, dafür sorgen, dass in einem der Tanks dein Kind reifen kann“, fragte er. Das verwirrte ihn völlig. Er konnte mit vielen Worten, die er hörte, nichts anfangen. Ihm fehlte der Inhalt, die Bedeutung.

 

Erdogan lächelte leicht und zog Meodin zu einem Kuss zu sich. „Kinder wachsen nicht in Tanks heran, so wie du, sondern im Bauch ihrer Mütter“, versuchte er zu erklären, aber er merkte schnell, dass Meodin nicht viel mit seinen Worten anfangen konnte. Darum griff er nach seinem Palm, der neben ihm lag und suchte eine entsprechende medizinische Datei. Er suchte ein Bild einer schwangeren Frau und zeigte es Meodin. „Dort drin ist ein Baby, ein Kind. Es wächst im Körper der Frau heran und wird geboren, wenn es ausgereift ist.“

 

„Wie bei Garry“, murmelte Meodin und holte seinen Palm ebenfalls heraus. Er hatte dort viele Bilder von seinem kleinen Freund, die Archiaon und Idya immer geschickt hatten. Er zeigte auf den Bauch des Seepferdchens. „Da waren alle seine Kinder drinnen. Ist das das gleiche?“, fragte er und versucht den Zusammenhang zu begreifen. Aber wenn Kinder nicht aus Tanks kamen, so wie er, was war er gewesen? Meodin Gesicht verzog sich, so angestrengt dachte er nach.

 

„Ja, das ist ungefähr das gleiche.“ Erdogan suchte auf seinem Palm etwas, womit er Meodin erklären konnte, wie Kinder entstanden und fand eine Datei, die zeigte, wie ein Baby in dem Körper der Mutter heranreifte vom Zeitpunkt der Befruchtung an bis zur Geburt. Er stellte eine Verbindung zum Monitor her, damit sie bequemer gucken konnten und ließ es laufen. „Kinder tragen die Erbinformationen seiner Eltern in sich. So leben wir in unseren Kindern weiter.“

 

„Aber ich bin doch nicht so entstanden, habe ich dann keine Eltern?“, wollte Meodin wissen. Er hatte sich darüber noch nie Gedanken gemacht, doch jetzt fragte er sich, wer in ihm weiter lebte.

 

„Ich weiß es nicht, Liebling.“ Erdogan zuckte mit den Schultern. Er wusste zu wenig über das Verfahren. „Das kann uns aber Bill sagen, denn er hat dich schließlich geschaffen. Wenn du möchtest, werden wir ihn gleich fragen, wenn wir zurück sind.“

 

„Ja, das möchte ich. Ich will wissen, wer in mir weiter lebt“, entgegnete Meodin. Das Thema fesselte ihn, auch wenn er noch nicht genau wusste warum. Vielleicht lag es daran, dass er ja auch dafür vorgesehen war, Kinder auszutragen, so wie Garry. Lebte er dann in denen weiter? Und was bedeutete es, weiter zu leben in jemand anderem? Meodin schwirrte der Kopf und er verdrehte leicht die Augen.

 

Man konnte ihm ansehen, dass er durcheinander war, darum versuchte Erdogan ihn abzulenken. Er zog Meodin wieder zu sich und küsste ihn. „Wenn du versprichst es keinem zu verraten, zeig ich dir Bilder von mir als Kind. Meine Mutter hat jede Menge gemacht und einige sind wirklich sehr peinlich. Ich habe welche auf meinem Palm.“

 

„Ich weiß noch nicht, ob ich dir das versprechen kann. Vielleicht möchte ich hinterher Diego und Dylan davon erzählen oder mit Elaios darüber reden“, sagte Meodin, grinste aber zum Zeichen, dass Erdogan ihm vertrauen konnte. Meodin mochte eine Plaudertasche sein, aber Dinge, die ihm im Vertrauen erzählt wurden, behielt er immer für sich, auch dass Diego heimlich die Katze mit ins Labor nahm, was Bill nicht gerade begrüßte.

 

„Okay.“ Erdogan stupste Meodin mit dem Finger gegen die Nase. Er rief das erste Bild auf. Es zeigte ihn, kurz nach seiner Geburt in den Armen seiner Mutter. „Das ist das erste Bild von mir. Da bin ich gerade zwei Minuten alt“, erklärte er Meodin.

 

„Das ist ja winzig. Das bist doch nicht du!“ Meodin kroch dichter ran, das sah doch nicht aus wie Erdogan. Erdogan war doch viel größer! „Das hat ganz andere Haare und das Gesicht sieht auch ganz anders aus. Verarsch mich nicht“, knurrte er und fühlte sich schon ein wenig veralbert. Woher sollte er auch wissen, dass Menschen sich anders entwickelten als er es getan hatte. Er war niemals so klein gewesen. Zumindest konnte er sich nicht daran erinnern.

 

„Doch, Schatz, das bin ich. Menschen sind nur knapp fünfzig Zentimeter groß, wenn sie geboren werden. Sie sind noch lange nicht fertig und es dauert ungefähr sechzehn bis achtzehn Jahre bis wir unsere endgültige Größe erreicht haben. Warte ich zeig dir ein Bild, auf dem du sehen kannst, dass ich das bin.“ Erdogan suchte ein Bild, auf dem er ungefähr fünf Jahre alt war. Da hatte er schon seine schwarzen Haare gehabt und man konnte auch schon die Ähnlichkeit zu seinem jetzigen Aussehen erkennen.

 

„Hm“ Meodin war noch nicht ganz überzeugt, doch er musste zugeben, dass das Wesen auf dem Bild schon Ähnlichkeit mit dem Prinzen hatte. „Gibt es von mir auch so was?“, wollte er wissen, es interessierte ihn, ob er auch mal anders ausgesehen hatte.

 

„Du wirst diese Wachstumsphasen auch durch gemacht haben und ich denke, dass Bill das alles genau aufgezeichnet hat. Bei dir ging alles nur viel schneller als bei mir.“ Erdogan suchte weiter auf seine Palm und musste plötzlich grinsen. Er zeigte  Meodin das Bild, auf dem sein ganzes Gesicht vollkommen dreckig war. Er hatte das erste Mal alleine essen dürfen und sich mehr ins Gesicht geschmiert, als gegessen. Eine Nudel klebte sogar noch auf seiner Wange.

 

„Deine Tischmanieren sind heute auch noch nicht besser. Jetzt glaube ich dir wirklich, dass das Bilder von dir sind“, entgegnete Meodin mit einem Ernst in der Stimme, der es dem Prinzen unmöglich machte zu wissen, wie das Seepferdchen das jetzt gemeint hatte. Doch dann grinste Meodin.

 

„Ich habe perfekte Tischmanieren“, rief Erdogan empört und warf sich auf Meodin.  Das ließ er nicht auf sich sitzen, darum begann er Meodin zu kitzeln und innerhalb kürzester Zeit waren sie in eine herrliche Rauferei verwickelt, was Erdogan immer mal wieder ausnutze und sein Seepferdchen überall küsste, wo er freie Haut erwischte. Meodin lachte aus vollem Halse und merkte noch nicht einmal, wie die flinken Hände immer wieder auch seine Rückenflosse liebkosten. Immer wieder entrang sich seinen Lippen auch ein wohliges Stöhnen und so war er schon nach wenigen Minuten völlig aus der Puste. Sein Atem ging schnell und Sal, der dicht neben ihm lag, kam unter der Decke hervor um zu sehen, ob jemand in Gefahr war. Er schnupperte, aber er konnte keine Angst riechen, darum verkroch er sich wieder.

 

Erdogan hockte über Meodin und sah mit glänzenden Augen auf ihn hinab. Dabei streichelte er über die entblößte Brust und den Bauch seines Lieblings, denn Meodins Shirt hatte sich hoch geschoben und Erdogan konnte einfach nicht anders. Er wollte Meodin berühren, ihn verwöhnen und ihm noch mehr Stöhnen entlocken. Neugierig strichen seine Finger auch den langen Strich entlang, hinter dem sich die Bauchtasche verbarg. Das Gerede von Kindern hatte ihn immer wieder einen Gedanken fassen lassen, doch er hatte seinem Seepferdchen versprochen, ihn weder zu drängen noch sonst irgendwie auf ihn einzuwirken. Doch der flache Bauch und die feste Haut der Öffnung machten ihn neugierig.

 

Meodin funkelte ihn an und langsam glitten die Lider über die glasigen Augen, als sich sein Rücken bog und er sich Erdogan entgegen brachte.

 

So gab er sein Einverständnis, dass Erdogan ihn erforschen durfte. Erdogans Finger strichen vorsichtig über den festen Muskel, der die Öffnung verschloss und dabei konnte er immer wieder die leichten Schauer spüren, die er mit seinen Berührungen auslöste. Meodin war dort wohl sehr empfindlich und empfänglich für Liebkosungen. Darum beugte er sich runter und küsste sich dort entlang und ließ auch seine Zunge darüber streichen.

 

Meodin war sichtlich zufrieden, das zeigte sich in seiner ganzen Körpersprache. Seine Beine öffneten sich weiter, seine Finger suchten fahrig auf dem Laken und seinen Kopf drückte er weit in den Nacken. Er konnte nicht beschreiben, was mit ihm passierte, doch er wusste, dass er mehr davon wollte. Die Hitze, die ihn flutete, das Kribbeln auf seiner Haut - er erinnerte sich nur zu gut, für welche Hochgenüsse diese Dinge die Vorboten waren.

 

Zufrieden nahm Erdogan all die Anzeichen wahr, dass Meodin es genoss und machte weiter. Wahrscheinlich wusste sein Seepferdchen gar nicht, wie erotisch er in seinem Genuss wirkte und wie sehr das Erdogan anmachte. Darum küsste er sich höher, bis er seinen Schatz endlich richtig küssen konnte. Er hatte gespürt wie intensiv Meodin sich danach gesehnt hatte. Er war nicht dafür gemacht, nur zu empfangen, er wollte auch geben und jetzt konnten sich Meodins lange Finger in Erdogans Haar verflechten, so wie er es liebte. Der Prinz hatte so nicht mehr die Möglichkeit, sich unerlaubt zu entfernen und Meodin kostete den Kuss deutlich genießend aus.

 

Erdogan hatte sich auf Meodin sinken lassen und konnte deutlich spüren, dass sein Liebling sehr angetan war, von dem was sie taten. Sie beide atmeten schwer, als sie den Kuss lösten und sich in die Augen sahen. Erdogan leckte sich über die Lippen und beugte sich wieder vor. „Ich möchte dich lieben, Schatz“, flüsterte er dicht an Meodins Lippen und nippte wieder an ihnen.

 

Er spürte deutlich, wie Meodin sich wieder verspannte, doch er schien den Punkt überschritten zu haben, an dem der Kopf die Lust noch hatte dominieren können – es gab für ihn kein zurück mehr. So nickte er träge und schloss die Augen wieder. Seine Hände aber griffen nach Erdogans Hemd. Das störte sowieso.

 

Erdogan half mit, es auszuziehen und befreite Meodin im Anschluss von seinem Shirt. Ihre Hosen und der Rest folgten kurz darauf und endlich lag sein Seepferdchen nackt vor ihm. Erdogan strich über die helle Haut, beugte sich aber gleich wieder vor, um Meodin zu küssen. Er konnte nicht anders, er konnte seinem Seepferdchen einfach nicht widerstehen. Er war ihm verfallen. Meodin hatte ihn in der Hand und wusste das noch nicht einmal.

 

Ihre Küsse wurden wieder intensiver und instinktiv zog Meodin die Knie an. Seine Schenkel rieben auffordernd an Erdogans Hüfte und er versuchte immer noch, sich seinem Freund entgegen zu bringen, um mehr von ihm zu spüren, die Hitze, die zu ihm brandete, machte ihn trunken.

 

Er konnte ja nicht ahnen, was er in Erdogan auslöste. Der musste sich schwer beherrschen, sich nicht gleich auf Meodin zu stürzen und ihn zu nehmen. Ihn endlich wieder sein zu machen. Alles in dem Prinzen verlangte danach, sich wieder mit dem Mann zu vereinigen, den er über alles liebte. „Gleich, mein Herz“, murmelte er rau und rieb sich an Meodin, dabei suchte er, was sie brauchten.

 

„Nicht gleich“, keuchte Meodin und sein Atem überschlug sich fast. Seine gierigen Finger ließen Erdogan nicht entkommen und so gestaltete es sich für den Prinzen nicht ganz so leicht, zu besorgen, was er benötigte. „Jetzt“, hauchte Meodin seinem Freund entgegen und raubte sich einen erneuten Kuss. Er war wie im Fieber und seine Hände umklammerten Erdogans Schultern fest.

 

Seine Nägel gruben sich dabei fest in die Haut, aber das bemerkten sie beide gar nicht. Erdogan versorgte sie beide mit Gel, um Meodin endlich das geben zu können, wonach sie sich beide verzehrten. Sein Herz klopfte fast zum Zerspringen, als er sich endlich langsam in den heißen Leib schob und stöhnte wohlig in ihren Kuss. Endlich! Endlich durfte er Meodin wieder spüren und der brachte sich ihm gierig entgegen. Stück für Stück nahm er ihn auf und die glühende Hitze aus Meodins Innerem griff auf Erdogan über.

 

Meodin verspannte sich wieder, das befremdliche Gefühl am Anfang hatte sich noch nicht gebessert, doch es brauchte nur einen Herzschlag bis er Erdogan in sich genießen konnte. Das war zu gut! Immer wieder spannte er die Muskeln an und genoss das Zischen an seinen Lippen.

 

Damit machte er es Erdogan nicht gerade leicht. Es zerrte an seiner Selbstbeherrschung aber noch konnte er sich zurückhalten, denn Meodin wollte er auf keinen Fall Schmerzen zufügen. Sein Liebling sollte es genießen und nicht bereuen, dass er sich ihm geöffnet hatte. „Liebe dich“, flüsterte er in ihren Kuss, ohne es wirklich zu bemerken und fing an sich zu bewegen, damit er Meodin noch mehr Lust bereiten konnte. Und dass er Erfolg hatte, spürte er selbst. Meodin umklammerte ihn mit Armen und Beine, er versuchte sich so dicht an Erdogan zu pressen, dass sie verschmolzen. Tränen traten ihm in die Augenwinkel, so angespannt war sein Leib, doch er genoss es, getrieben zu werden. Er spürte das Laken an seinem Rücken und die Hände, die seinen Kopf davor schützten, gegen die Wand gestoßen zu werden.

 

Und über allem lag Spannung in der Luft, sie knisterte bei jeder Bewegung der sich Liebenden. Sie hatten beide zu lange verzichtet, als dass sie sich jetzt noch zurückhalten konnten. Sie verzehrten sich nach der Nähe des anderen und darum brachten sie sich immer leidenschaftlicher entgegen. Gierig wie sie waren, brachten sie das Bett zum schwanken, aber das bemerkten sie nicht. Einzig und allein ihre Lust und ihre Liebe zueinander diktierte ihr Handeln und so gaben sie sich einander hin, voll Vertrauen dem anderen gegenüber.

 

Schnell hatten sie den Höhepunkt erreicht. Vor Meodins Augen flimmerte es nur noch doch dann spürte er, worauf sie hin gearbeitet hatten. Wie eine Flutwelle spülte die Hitze über ihn, als sein Körper dem treibenden Drängen nachgab und seine Arme zogen sich fester um Erdogan. Wie ein Ertrinkender hing er an seinem Prinzen, glühte sich in dessen Haut und alle Spannung wich aus seinem Leib. Es war die Erlösung!

 

Schwer atmend sah Erdogan auf Meodin runter und übersäte dessen Gesicht dann mit federleichten Küssen. Er war glücklich. Anders konnte er es nicht sagen. Nicht weil er endlich wieder Sex gehabt hatte, sondern weil er ihn mit Meodin gehabt hatte. Sein Seepferdchen hatte sich ihm hingegeben und das bedeutete dem Prinzen sehr viel. „Ich liebe dich“, sagte er leise und diesmal ganz bewusst. Meodin sollte wissen, was er für ihn empfand und wie wichtig er ihm war.

 

„Und du lebst noch“, flüsterte Meodin. Der Schweiß lief ihm in Strömen die Schläfen hinab, doch er wirkte sichtlich zufrieden. Erdogans Worte nahm er zwar wahr, doch er konnte sie noch nicht richtig einordnen, so ließ er sie verhallen und zeigte seinem Prinzen lieber, was er für ihn empfand. Seine Lippen tasteten sich vorsichtig über Erdogans Schulter und den Hals und Meodin genoss es sichtlich. Er genoss alles an seinem Prinzen, die Hitze, die Kraft, den Duft, den Geschmack. Genüsslich leckte Meodin über den Hals zum Kinn.

 

Erdogan kam ein wenig näher, damit Meodin sich nicht so verrenken musste und schloss genießend die Augen. Sein ganzer Körper kribbelte  und er hatte das Gefühl, dass elektrische Ladungen durch seinen Körper zuckten, bis zu den Zehen. Das war einfach unglaublich. „Meo“, seufzte er leise und legte den Kopf auf die Seite. Sein Seepferdchen sollte bloß nicht aufhören.

 

„Erdogan“, murmelte Meodin immer wieder. Seine Stimme war dunkel und rau. Doch er schwieg, als er die geliebten Lippen wieder erreichen konnte. Er konnte von den harschen Küssen einfach nicht genug bekommen. Nichts liebte er so sehr wie diese kleinen Kämpfe.

 

Doch nach und nach wurden seine Berührungen sanfter, denn die Spannungen bauten sich allmählich ab. Irgendwann sank Meodin zufrieden in die Laken zurück und löste sich vollständig von Erdogan.

 

Erdogan sah noch ein paar Herzschläge auf das zufriedene, lächelnde Gesicht, dann ließ er sich neben Meodin fallen und raffte ihn an sich. „Ja, ich lebe noch. Ich habe doch versprochen, dass nicht wieder etwas passiert“, kam er jetzt auf Meodins Worte zurück und vergrub seine Nase in den hellen Haaren.

 

„Merkwürdig“, gestand Meodin, doch er war bestimmt nicht böse darüber. Sie hatten einen Weg gefunden, wie sie sich lieben konnten, ohne dass Erdogan etwas passierte. Das war gut – extrem gut! Meodin grinste zufrieden, denn das eröffnete ganz neue Möglichkeiten. Meodin kam leicht über seinen Freund und blickte ihn forschend an. Sein Kopf war angenehm leer. Die Sorgen waren verdrängt, die schweren Gedanken verschwunden. Meodin mochte diesen Zustand.

 

„Das scheint dir zu gefallen“, lachte Erdogan leise und seine Finger schlichen sich schon wieder zu der Rückenflosse. Sanft strich er mit einem Finger daran entlang und ließ seine Hand dann auf dem festen Hintern liegen.

 

„Ich muss zugeben, dass es hilft, den Kopf frei zu bekommen. Die Knoten sind alle weg“, entgegnete Meodin ehrlich, grinste aber, als er nebenan ähnliche Geräusche hörte. Er versuchte sich zu erinnern, wer dort einquartiert war. War das Elaios? Wenn Daniel wüsste, was der frisch operierte Archiaon machte, wäre er sicherlich gleich zur Stelle. Aber es gab wohl mehr Leute im Schiff als den Prinzen und sein Seepferdchen, die Spannungen loswerden oder sich einander versichern wollten.

 

„Immer wieder gerne“, schmunzelte Erdogan und küsste Meodin auf die Schulter. Er hoffte wirklich, dass sein Schatz endlich seine Angst überwunden hatte und sie jetzt öfter zusammen sein konnten. „Rede mit mir, wenn dich etwas beschäftigt. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich die Probleme immer lösen kann, aber es hilft oft schon sie einfach mal auszusprechen, damit sie leichter werden. Oder stürz dich einfach auf mich und leere deinen Kopf, so wie gerade.“ Erdogan grinste breit und kniff Meodin in den Allerwertesten.„Du bist ja so selbstlos mit deinen Angeboten“, erklärte Meodin, erhob sich aber, um sich ausgiebig zu strecken. Er verspürte Hunger, denn so lange wie die anderen unterwegs gewesen waren, hatte er sich von den Kameras und Monitoren nicht weggewagt. Er hatte nicht verpassen wollen, wenn etwas passierte. Er hätte zwar nicht helfen können, doch er hätte es wissen wollen. „Komm, lass uns gucken, was Connor noch in seinem Lager hat.“

 

Connor war einer von Ewans Leuten, ein Mole mit einem unglaublichen Gedächtnis und der beste Lagerist, den man sich nur vorstellen konnte. Er hatte alle Bestände im Kopf und als Widerstandskämpfer war er stark genug, diese auch zu verteidigen. Diego war schon mehrfach am Kragen wieder vor die Tür gesetzt worden, was aber nicht hieß, dass der kleine Mole es nicht jedes Mal aufs Neue versuchte.

 

„Essen!“ Erdogan sprang aus dem Bett und leckte sich über die Lippen. Es war nicht ganz einfach an Connor vorbei zu kommen, denn der Mole ließ auch den Prinzen nicht einfach an seine Vorräte. Erdogan konnte es ihm zwar einfach befehlen, aber das war nur der halbe Spaß.

 

Sein Blick ging zur Uhr, wenn sie sich jetzt beeilten hatten sie noch zehn Minuten Kantinenzeit, dann war Küchenschluss. Zwar hielt sich auf dem Schiff keiner wirklich daran, weil die Kämpfer rund um die Uhr gut versorgt sein mussten, doch das hieß ja noch lange nicht, dass Connor nicht auch eine erzieherische Maßnahme daraus machen konnte. Und wenn er riechen konnte, warum die beiden zu spät kamen, wurde es nicht leichter, denn wer Lust vor Hunger stellen konnte, der war auch noch nicht dem Hungertode nahe und konnte bis zur nächsten Kantinenöffnung warten.

 

„Los, Schatz, anziehen. Duschen müssen wir später.“ Erdogan klappste seinem Schatz auf den Hintern und sprang schon in seine Hose und ein Shirt. Einmal mit den Fingern durch die Haare zu fahren musste ebenfalls reichen. So dauerte es keine zwei Minuten, bis er fertig war und schon zur Kabinentür ging. Meodin, ebenfalls nur leger in Hose und offenem Hemd hastete ihm hinterher. Dass sie ihre Oberteile vertauscht hatten, fiel ihnen noch nicht einmal auf. So hasteten sie durch den Flur, Sal immer vorneweg, denn was das Wort „Essen“ bedeutete, wusste der Birdell nur zu gut.

 

„Noch eine Minute!“, jubelte Meodin, als er zur Kantinentür hineinstolperte und Connor wandte sich fragend um. Er hatte gerade schließen wollen.

 

„Noch nicht schließen. Wir haben Hunger“, rief Erdogan hinter Meodin und brachte Connor dazu eine Braue zu heben. So hatte er den Prinzen auch noch nicht erlebt. Besonders nicht in einem viel zu engen Shirt, das etwas hochgerutscht war und Erdogans Bauch frei ließ. Derweil flitzte das Seepferdchen in einem offenen viel zu großen Hemd durch den Raum und suchte sich aus der Auslage das, was Connor noch nicht weggeräumt hatte.

 

„Erst sinnlos Kalorien verschwenden und mich dann auch noch um Essen erleichtern wollen. Du kannst ja ein Vorbild für deine Truppen sein, Prinz“, konnte sich der Mole eine Spitze nicht verkneifen, „und dein halbnackter Auftritt kann mich in meiner Meinung auch nicht gerade bestärken.“

 

„Sinnlos war es ganz bestimmt nicht“, lachte Erdogan und ließ sich nicht ärgern. Dazu war er einfach zu gut gelaunt und zufrieden. Er sah an sich runter und zupfte am Saum des Shirts. „Trägt man das nicht so?“, fragte er und Connor verdrehte die Augen. „Ich geb‘s auf“, lachte er und schüttelte den Kopf, pfiff aber gleich noch Meodin an, was er denn mit dem ganzen Essen vorhätte.

 

„Skulpturen bauen?“, schlug das Seepferdchen vor, machte aber, dass er mit seiner Beute außer Reichweite kam. Er hatte Hunger und war sich sicher, dass er das alles schaffen konnte, wenn er nur genügend Zeit hatte. Außerdem würde Sal ihm sicher helfen, der wurde von Connor gerade aus der Küche gescheucht.

 

„Teil gefälligst mit deinem Lotter-Prinzen. Hier ist Küchenschluss!“, erklärte Connor und keine Sekunde später war das Schott, das die Kombüse abdichtete, geschlossen.

 

Erdogan und Meodin sahen sich an und kicherten. „Du hast Connor gehört. Lass uns in unsere Kabine gehen und dann sichten wir die Beute.“ Der Prinz lockte Sal zu sich, der auch etwas im Maul hatte, was nach einem Keks aussah. Ihr Beutezug war also ein Sieg auf ganzer Linie.

 

„Da! Die haben noch was gekriegt!“ Elaios kam gerade um die Ecke und erblickte den Prinzen und sein Seepferdchen auf der Flucht. Schlagartig wendeten die beiden und versuchten sich auf anderem Wege in Sicherheit zu bringen. Nicht dass sie noch mit Elaios teilen mussten, der sicherlich für seinen kranken Senator auf Beutezug war.

 

„Schlagt euch selber mit Connor“, fluchte Meodin, der nicht so schnell laufen konnte, und dabei war Elaios verletzt. Das war doch deprimierend.

 

„Der macht die Tür nicht mehr auf“, rief Elaios und versuchte an Erdogan vorbei zu kommen, der seinem Seepferdchen den Rücken frei hielt, damit Elaios sich nichts greifen konnte. Womit sie nicht gerechnet hatten, war Archiaon, der sich abgesetzt hatte und jetzt vor Meodins und Erdogans Kabinentür lauerte.

 

„Hinterlistige Atlanter!“, rief Meodin und stoppte so abrupt, dass Erdogan und Elaios in ihrer wilden Hatz an ihm vorbei schossen. Eben noch kurz vor der Aufgabe spürte Meodin wieder Oberwasser, wendete und hastete wieder los. Doch er war fix und fertig, die Ausdauer hatte er vorhin bei anderen Aktivitäten aufgebraucht und so sank er mit seiner Beute in die Knie und lehnte an der Wand. „Futterorgie im Mannschaftsraum“, schlug er vor.

 

„Gute Idee. Ich wusste doch, dass du ein schlaues Kerlchen bist“, lachte Elaios und nahm Meodin etwas ab, damit sein Freund leichter aufstehen konnte. Er verschaffte sich einen Überblick und war zufrieden mit dem Angebot. Meodin wusste, was gut war. Sie liefen los und Archiaon stupste Erdogan an. „Sie halten uns ganz schon auf Trab“, lachte der Senator, wirkte aber sehr zufrieden dabei.

 

„Ich weiß keinen anderen Grund, warum wir sie haben“, lachte Erdogan doch jeder wusste, dass das so nicht stimmte. Er hatte sein Seepferdchen nicht nur, um auf Trab gehalten zu werden. Meodin war mehr, er war sein Leben – das hatten sie gesehen, als er verschwunden gewesen war.

 

Im Besprechungsraum suchten sie sich einen Tisch mit Monitor. Wenn sie schon hier saßen, konnten sie sich auch nützlich machen und so stellte Erdogan die Verbindung zu Bonder 482 her. Sie nutzten nicht die bestehenden Kanäle sondern hatten sich einen eigenen geschaffen.

 

Er wollte wissen, welche Daten sie bisher schon runtergeladen hatten. „Hallo Bill“, grüßte er den Genetiker, als er ihn auf dem Bildschirm sehen konnte. „Läuft alles wie geplant? Was ist denn bisher alles angekommen?“

 

„Wir haben noch nicht viel gesichtet. Aktuell springen die Techniker wie die Kaninchen, damit die Leitungen nicht zusammen brechen, die Server werden gekühlt  und Thoms Musterschüler Marc spiegelt von allem, was er bekommt, Backups. Und sobald wir das alles im Griff haben, setzen wir jemanden an, der die Sachen sichtet.“ Bill wirkte überraschend ruhig, aber auch nur weil Allan ihn gerade für eine halbe Stunde auf die Strafbank geschickt hatte. Seit die Verbindung stand, hatte er sein Spezialgebiet und sogar sein Labor verlassen und tyrannisierte die Techniker, die sich ein Pfeifchen anzünden könnten, wenn wichtige Daten über die Experimente nicht übertragen wurden. Doch das verschwieg er dem Prinzen lieber.

 

„So wie es aussieht, läuft alles nach Plan.“ Erdogan war zufrieden. Anders hatte er es auch gar nicht erwartet. Sie wussten alle, was davon abhing. Selbst Bill war voll bei der Sache, denn er wollte sein Labor auf Bonder nicht aufgeben, denn es bot ihm viel mehr Möglichkeiten, als sein altes in der Hauptkuppel. „Ich kann auf jeden Fall sagen, dass wir gerade von Daten über Neo New York überschwemmt werden und wenn da nichts dabei ist, was uns hilft, dann fress ich ‘nen Besen.“

 

„Ich werde dir einen besorgen, einen ganz leckeren“, versicherte Meodin, aber nur ganz leise, damit Bill ihn nicht hörte. Er wollte nicht wieder frech zu ihm sein, schließlich gab es da noch ein paar Dinge, die er von Frankenstein wissen wollte. Sein Verhältnis zu dem Genetiker hatte sich immer noch nicht gebessert, man ging sich aus dem Weg, wenn man es konnte.

 

„Okay. Wenn ihr anfangt die Daten auszuwerten und etwas findet, sagt Bescheid. Auch wenn wir noch nicht da sein sollten“, erklärte der Prinz und Bill nickte. Auch wenn er nicht glaubte, das es so schnell gehen sollte.

 

Erdogan trennte die Verbindung und sah seine Freunde an. „Ich hasse es, zu warten“, brummte er und griff sich etwas Braten. „Aber zumindest kommen schon einmal die richtigen Daten. Thom ist wirklich genial. Ohne ihn hätten wir unsere kleine Scharade nicht spielen können.“

 

„Hab ich hier eben meinen Namen gehört?“, fragte der Mechaniker, der am Mannschaftsraum vorbei kam und schnell mal den Kopf rein steckte. Eigentlich war er gerade auf dem Weg zur Brücke, doch die konnte warten.

 

„Ich habe dich gerade für deine gute Arbeit gelobt. Ich habe mit Bill gesprochen und er sagt, dass sie alle Hände voll zu tun haben mit den Datenmengen, die in Bonder ankommen.“ Erdogan winkte Thom zu ihnen, was Meodin und Elaios gar nicht passte, denn jetzt mussten sie ihr Essen mit noch einem mehr teilen. Und auch wenn Thom eigentlich gar keinen Hunger hatte, griff er zu, weil er von den beiden so feindselig angeguckt wurde. Doch keiner der beiden wagte zu knurren, weil sie wussten, dass Thom der Herr über die Technik war. Er konnte Duschen kalt schalten, er konnte Monitore abklemmen und lauter andere Unannehmlichkeiten bereiten, was beide schon schmerzlich gelernt hatten.

 

„Das hört man gern – jetzt bleibt nur zu hoffen, dass das alles auch einen Sinn gehabt hat und wir endlich wissen, was die Schweine mit uns gemacht haben.“ Thom ballte kurz die Fäuste.

 

„Davon bin ich überzeugt. Wenn ich diese verfluchten Gottgleichen richtig einschätze, dann sind sie so von sich überzeugt, dass sie ihre Erfolge im Archiv ablegen, damit ihre Nachkommen wissen, welche Heldentaten sie vollbracht haben.“ Erdogan spuckte seine Worte förmlich aus. Er hasste diese Monster, die sein Volk dazu benutzten, perverse Experimente durchzuführen.

 

„Redet euch nicht in Rage. Wut ist ein schlechter Berater“, riet Archiaon und er wusste, wovon er redete. Auch er war in seiner blinden Wut auf die Peiniger seines Volkes vorgestürmt und hatte sich außer einer blutigen Nase nichts geholt. Sie mussten besonnen vorgehen und versuchen, die Gottgleichen endlich aufs Schlachtfeld zu locken. Sie wollten den offenen Kampf, dem Gegner dabei ins Auge blicken, wenn man ihn vernichtete. „Wir werden unsere Chance bekommen, dafür werden wir sorgen“, sagte er leise und es war ein Schwur.

 

„Ja, das werden wir. Diesen Monstern muss das Handwerk gelegt werden, damit wir alle endlich in Ruhe leben können.“ Erdogan gab Archiaon Recht. Sie mussten einen kühlen Kopf bewahren, sonst machten sie Fehler und ihre Gegner würden das sofort ausnützen. Einmal hatte man sie unterschätzt und Erdogan ging davon aus, dass dieser Fehler kein zweites Mal gemacht wurde. Die Schonfrist war vorbei, mit ihrem Angriff auf das Archiv hatten sie den Kampf offiziell eröffnet.

 

„Als erstes sollten wir vielleicht heraus finden, welche Laus der Fürst im Pelz hat und das können wir nur, wenn wir nach und nach Kommunikationswege trocken legen.“ Sie mussten versuchen Jefferson noch intensiver von dem aktuellen Wissensstand fern zu halten und das war nicht leicht, alles was der Fürst erfuhr, erfuhr auch die Laus. Doch war die Laus überhaupt die Laus oder nur das Bauernopfer? Erdogan wusste es auch nicht.

 

„Wir sollten besser schnell Erfolg haben, damit wir wissen, wem wir vertrauen können und wem nicht. Mein Vater wird zusehends ungeduldiger und wenn wir nicht bald etwas vorweisen können, wird er uns auflösen, weil er sonst sein Gesicht verliert und das kann er sich nicht erlauben.“ Es war zum verrückt werden. Alles hing von dem Erfolg ihrer Mission ab und darauf zu warten, machte ihn verrückt. Er war kein Mann der seine Hände in den Schoß legen konnte. Er wusste, dass nur er selbst sein Schicksal besiegeln konnte aber das hier war Folter.

 

„Ich würde sagen, nach dem Tag gönnen wir uns ein paar Stunden Schlaf. Sobald wir auf Bonder sind, werden wir dazu nicht mehr kommen, weil jeder in den Daten wühlen wird. Wenn ihr also nicht wollte, dass ich euch meinen Bruder auf den Hals hetze, geht brav ins Bett“, erklärte Thom. Er selber hatte auch noch ein paar Check ups zu machen.

 

„Bloß nicht“, riefen Erdogan, Meodin und Archiaon gleichzeitig. Jeder raffte sich etwas zu essen und sprang auf. Wenn Daniel erfuhr, dass seine Patienten nicht in ihren Betten lagen, dann hatten sie ein Problem und das war nicht ratsam. Daniel konnte genau wie Thom sein, wenn man sich nicht an seine Anweisungen hielt. Da war er durchaus kreativ. Es gab einen wehrlosen Mole, der die Erfahrung hatte machen müssen, dass er ein paar Mittelchen bekommen hatte, die ihn daran hinderten, unbeschwingt durch die Gegend zu hüpfen, während er eigentlich mit einem gebrochenen Bein Bettruhe gehabt hatte. Doch das hatte Zero nicht stoppen können, er wollte weiter seinen Pflichten nachgehen und so hatte Daniel ihn mit ein paar harmlosen aber wirksamen Mittelchen ans Bett gefesselt.

„Wir sehen uns bei der Landung“, flötete Thom und war zufrieden.



06 

„Endlich wieder zurück.“ Erdogan atmete tief ein und trat aus der Luke des Bootes.  Er griff Meodins Hand fester und lächelte. Eigentlich war es schon komisch, dass er mittlerweile Bonder 482 als so etwas wie sein Zuhause ansah. Hier konnte er zeigen, was er konnte und war nicht nur einfach der Prinz. „Komm, rücken wir Bill auf den Pelz und quetschen aus ihm raus, was er weiß.“

Meodin nickte verhalten, wurde aber gleich von der Seite angesprungen und zu Boden gerissen. Diego achtete aber darauf, dass sein Freund sich dabei nicht verletzte und so rollten die Freunde lachend über den Boden, während Ewan über sie drüber stieg. Er hatte schließlich noch zu tun. „Er wäre ein erstklassiger Mole geworden“, erklärte er Erdogan grinsend. Auch Elaios und Archiaon hatten noch ein paar nette Sprüche auf Lager, ehe Meodin wieder auf die Füße kam und sich das Hemd richtete.

„So, wir können quetschen gehen“, erklärte er, als wäre nichts gewesen.

„Fein.“ Erdogan musste sich das Grinsen schwer verkneifen. Meodin war aber auch immer für eine Überraschung gut. Mit ihm wurde sein Leben wohl nie langweilig. Er nahm sein Seepferdchen wieder an die Hand und sie gingen los zu den Laboren. Sie waren alle neugierig, was ihre Freunde schon aus den Daten herausgefiltert hatten.

Sie wurden gar nicht bemerkt, als sie das Labor betraten – außerdem hatte sich der Raum komplett verwandelt. Wo vor ihrer Abreise noch wissenschaftliche Geräte zur Massenspektroskopie und anderes gestanden hatten, waren die Labortische leer geräumt. Überall standen Server, es war heiß, die Klimaanlagen liefen am Limit und gerade wurden weitere installiert.

Eine Wand bestand komplett aus Bildschirmen, in einer anderen Ecke flimmerten Hologramme. Sie wussten gar nicht, wo sie als erstes hinsehen sollten. Wie vor den Kopf geschlagen, taumelte Meodin zurück auf den Flur und schüttelte sich.

„Was ist denn hier los?“, murmelte Erdogan und rieb sich über die Augen. Er hatte mit vielem gerechnet, aber das haute ihn um. Bill und seine Leute hatten Großartiges geleistet, während ihrer Abwesenheit. Er suchte Bill unter all den Männern und entdeckte ihn schließlich vor einem Monitor. Er holte Meodin wieder in den Raum und zog ihn zu Bill. Doch es reichte nicht, den Genetiker anzusprechen, denn er reagierte nicht. Er reagierte auch nicht, als man ihm auf die Schulter tippte. Er erschrak sich erst, als er sich schlagartig umwandte, um eine Datei, die er gefunden hatte, auf einem Hologramm anzeigen zu lassen, um sie von allen Seiten betrachten zu können.

Meodin erschrak sich ebenfalls und schrie kurz auf, sprang aber beiseite. „Jungs!“ Bill hielt sich das Herz und setzte sich kurz auf den Tisch, dann erkannte er den Prinzen und sah ihn versteinert an. „Ganz! Große! Scheiße!“, sagte er und betonte jedes Einzelne Wort.

Wenn Bill so ein Gesicht machte und so etwas sagte, dann waren sie am Arsch, das wusste Erdogan nur zu gut. Egal, was Bill gefunden hatte, es würde ihm nicht gefallen. „Was hast du gefunden?“, fragte er darum nur knapp und versuchte sich seine Angst nicht anmerken zu lassen.

Wortlos griff sich Bill den Prinzen und zerrte ihn zum Hologramm. Dann brüllte er: „Alle mal herhören – ich erkläre das nämlich nur einmal!“

Schlagartig war Ruhe, nur das surren der Technik und das rauschen der Klimaanlage war noch zu hören. Bill stellte sich neben die Datei, die er eben aufgerufen hatte. Eine chemische Substanz drehte sich dort in all ihrer Pracht. „Kennt jemand das uralte Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren? Ein Dorf schöpft nur noch verseuchtes Wasser und weiß nicht warum. Der Bursche fragt den Teufel, der von einer Kröte im Brunnen erzählt. Ich würde mal sagen – das ist unsere Kröte“, sagte Bill und deutete auf die Datei. „Dieses Zeug greift in den Hormonhaushalt ein und bewirkt, dass die weiblichen Menschen, die damit in Berührung kommen, keinen Zyklus mehr bekommen und deswegen unfruchtbar sind. Das Zeug ist im Trinkwasser!“

Im Raum war es totenstill. Alle sahen Bill an, aber keiner sagte ein Wort. Erst Erdogan löste die Starre indem er auf das Hologramm zeigte. „Du meinst, dieses Zeug ist in unserem Wasser und daran schuld, dass unsere Frauen unfruchtbar sind?“, fragte er mit wütend blitzenden Augen, „Und diese verdammten Gottgleichen haben es dort hinein getan?“

Bill nickte und rief mit ein paar Klicks auf einer Tastatur eine Chronologie des Wahnsinns auf den großen Bildschirm hinter sich. Dort war exakt aufgelistet, wann dieses Experiment gestartet worden war, wie die Dosis eingestellt worden war und dem gegenüber hatte man die Statistik der Geburten gestellt. „Sie haben akribisch Buch darüber geführt“, sagte er und stellte auch die jeweiligen Einwohnerzahlen entgegen. Es waren sogar Wetten darauf abgeschlossen worden, in welchem Jahr der letzte in der Kuppel sterben würde. Das war so dermaßen krank. Das ganze war aufgezogen worden wie ein Laborexperiment mit Ratten. Und nichts anderes waren sie.

„Warum ist es nie entdeckt worden? Das Wasser wurde doch untersucht, weil wir nach den Ursachen geforscht haben.“ Erdogan ließ sich gegen einen der Labortische sinken und war sichtlich erschüttert. Das, was sich auf dem Bildschirm offenbarte, war eine Perversion, die er Menschen nicht zugetraut hätte. Das waren Monster ohne Gewissen.

„Ganz einfach. Das Zeug“, Bill deutete auf den Bildschirm, „schwirrt so nicht im Wasser herum.“ Er holte weitere Substanzen in die Datei des Hologramms und fing an zu erklären. „Das alles schwirrt sowieso im Wasser herum. Das sind Spurenelemente und Mineralien und ein paar andere Sachen. Der kleine unscheinbare Mist hier unten“ - dabei zeigte er auf eine Verbindung, die harmlos aussah – „ist ein Katalysator. Das wusste ich vorher auch nicht, ich kannte das Zeug noch nicht einmal. Das sorgt erst dafür, dass diese Substanz“ – dabei deutete er auf die Kröte im Brunnen – „im Körper entsteht. Dort verrichtete es sein Werk und ist nach ein paar Minuten nicht mehr nachweisbar. Genial – leider!“ Bill knirschte mit den Zähnen. Man hatte ihn ausgetrickst und das nahm er persönlich.

„Du meinst also, wir können gar nichts dagegen machen? Solange wir das Wasser trinken werden wir aussterben?“ Erdogan war sichtlich erschüttert, denn sie hatten gar keine andere Chance. Es gab keine andere Quelle, die sie anzapfen konnten. „Dieser Katalysator, schwimmt der auch im Wasser? Kann man den herausfiltern?“ Der Prinz wusste zu wenig, um eine Entscheidung treffen zu können. Aber gab es überhaupt eine Rettung für sie?

„Wir werden uns sofort daran machen Filtrations- und Eliminierungsversuche zu starten. Versprechen kann ich noch nichts“, sagte Bill aber. Der Stoff war extrem klein, es war ohne weiteres nicht zu beherrschen. Außerdem mussten sie erst einmal ein Verfahren entwickeln, um den Stoff nachweisen zu können, denn bisher war ihnen diese Substanz noch nicht untergekommen.

„Wie wäre es mit einer weiteren Quelle“, schlug Ewan vor. „Wenn ihr das Wasser von der Quelle bis ins Glas kontrollieren könnt, haben sie keine Chance.“

„Das war natürlich auch mein erster Gedanke, das Problem ist nur, dass wir keine Ahnung haben, ob es in der Nähe noch Quellen gibt, die nicht verseucht sind und genügend Wasser für Neo New York liefern können.“ Erdogan drückte Ewans Schulter, um ihm zu zeigen, dass er ihm dankbar für seine Hilfe war. „Das wäre dann wohl mein Auftritt“, meldete sich Jack zu Wort. „Gebt mir Anti-Rad, Ausrüstung und Helfer und ich werde eine Quelle finden.“

Er wirkte so glücklich dabei, dass Ewan es nicht übers Herz brachte, ihm zu erklären, dass er den Untergrund von Neo New York kannte wie seine Westentasche und dass er sieben Quellen kannte, die in Frage kommen würden, erschlossen zu werden. Vielleicht sollte er Jack nur ab und an einen richtigen Hinweis geben und ihn erst einmal zwei Tage lang spielen lassen. Das Experiment lief schon so lange, da kam es auf zwei Tage auch nicht mehr an und ein zufriedener Geologe war ein hilfreicher Geologe. Er selbst wollte die Chance nutzen und sehen, welche der Quellen so ausgebaut werden konnte, dass sie für die Versorgung der Kuppeln brauchbar wurden. Außerdem musste er das Terrain sichern, denn noch lange waren nicht alle Moles auf ihrer Seite. Gerade die Alten bezogen ihr Serum immer noch von den Gottgleichen und der Clan hatte sich gespalten. Er musste die Lage checken, ehe er seine Freunde dort hin brachte.

„Darauf hast du nur gewartet.“ Erdogan sah Jack mit gehobener Braue an, aber er sagte nichts dagegen. Wahrscheinlich waren Jack und die Moles die einzigen, die ihnen am ehesten helfen konnten. Jack sollte die Quelle finden und die Moles nach ihr graben.

„Ich möchte meinen Hut auch noch in den Ring werfen“, erklärte Thom. „Ich werde weder nach draußen gehen wie Jack, noch werde ich nach den Quellen graben können wie Ewan und seine Leute. Aber ich kann die Datenquellen der alten Bücher anzapfen. Vielleicht finden wir alte Karten die uns Hinweise geben“, schlug er vor und weil gerade alle so euphorisch planten, musste Bill sie einbremsen. „Ich weiß nicht, ob diese Substanz dauerhafte Schäden verursacht hat“, sagte er und als Allan fragte, was das heißen sollte, sprach er leise weiter. „Wenn die Substanz nicht im Körper abgebaut werden kann, sondern weiter wirkt, auch wenn sie bereits nicht mehr nachweisbar ist, dann ist das frische Wasser ebenfalls um sonst. Dann gehen wir trotzdem ein.“

„Du meinst also, dass diese Katalysatoren inaktiv in unserem Körper schlummern, bis wir was trinken?  Dann bekommen sie wieder die Bausteine, die sie brauchen, denn sie sind ja in jedem Wasser, egal aus welcher Quelle, enthalten? Das wäre wirklich teuflisch. Dann haben wir keine Chance, egal, was wir machen.“ Erdogan zog Meodin an sich, denn er brauchte jetzt Halt, denn er hatte das Gefühl, dass ihm gerade der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

„Das werden wir aber erst nach ein paar Versuchen wissen und nach mehr Recherche, Prinz“, sagte Bill, der es gar nicht schätzte, dass der oberste Feldherr gerade den Kopf in den Sand steckte. Da ergriff Leander das Wort und fing an Aufgaben zu verteilen.

„Jack, nimm dir vier Soldaten und alles was ihr braucht. Aber ihr geht nicht ohne Live-Kamera und ständigen Kontakt zu uns. Ewan, können ein paar deiner Leute in ihrer Nähe sein?“

„Ja geht klar“, sagte Ewan knapp. Damit konnte er was anfangen. Er griff sich Jack am Arm und zog ihn mit sich. Sie hatten einiges vorzubereiten.

Leander wartete bis sie aus dem Labor waren, dann wandte er sich an Erdogan. „Du gibst auf?“, fragte er provokant. Er hatte nämlich den gleichen Eindruck wie Bill. Sein Prinz gab auf, aber das ließ er nicht zu.

Erdogan sah ihn aus funkelnden Augen an. „Kannst du mir mal sagen, was wir machen sollen? Wir suchen eine neue Quelle und dann stellt sich raus, dass es vollkommen umsonst war.“

„Vielleicht sollten wir nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern die Backen zusammen kneifen und zusehen, dass wir eine frische Quelle finden, dass wir Bill und seine Leute ans arbeiten kriegen und , dass wir vielleicht andere Kuppeln kontaktieren und zusehen, dass wir frisches Genmaterial und Leute bekommen können. Was auch immer wir tun werden, wir werden nicht aufgeben. Verdammt noch mal!“ Leander schlug mit der Faust auf den Tisch und es war schlagartig ruhig im sie herum.

Erdogan zuckte zusammen und sprang auf. Mit wütend geballten Fäusten stand er Leander gegenüber. „Und was ist, wenn wir rein gar nichts tun können? Diese Bastarde manipulieren uns seit Jahrhunderten. Wir sind doch nur Ratten in einem Labor. Natürlich würde ich ihnen gerne in den Arsch treten, aber wie soll das gehen? Wir wissen ja noch nicht einmal, was wir bekämpfen müssen.“

Leander war kurz davor, seinem Freund eine rein zu hauen, damit er zu sich kam, doch das ging nicht, der war der Prinz. Also wandte er sich ab. „Zerfließ in deinem Selbstmitleid, wir haben noch was zu erledigen. Thom, du weißt was du zu tun hast. Ehe du auf Quellensuche gehst, leite deine Jungs an. In einer Stunde will ich wissen, welche Informationen wir bisher haben und was wir gebrauchen können. Bill, von dir erwarte ich, dass du deine Leute antreibst. Ich will wissen, ob man die Substanz im Wasser aktuell nachweisen kann, wenn nicht, dann will ich, dass man es in Kürze kann.“ Sein Blick streifte Erdogan.

Der stand noch immer mitten im Raum. Das hatte gesessen. Noch nie hatte Leander so mit ihm gesprochen und Erdogan war wie vor den Kopf geschlagen. Er fühlte die fragenden Blicke der Anwesenden auf sich und hörte das leise Tuscheln. Die Männer waren irritiert, denn bisher war ihr Prinz immer ein Fels in der Brandung gewesen, den nichts und niemand umwerfen konnte und genau das brachte ihn wieder zu sich. „Leander warte“, rief er darum und ging auf seinen Freund zu. „Gehen wir in mein Büro und besprechen, welche Möglichkeiten wir haben, diese Schweine aufhalten können.“

„Jeden anderen Satz von dir hätte ich jetzt auch nicht gelten lassen. Also, Backen zusammen und ab!“ Leander sah sich noch einmal um. Die Aufgaben waren verteilt und so gingen sie aus dem Labor. Meodin hatte sich abgesetzt. Er wollte zusammen mit Jack dessen Weg nach draußen vorbereiten. Er würde zwar nicht mitgehen, doch beim checken der Ausrüstung konnte er sich nützlich machen. Er hatte das ungute Gefühl, bei Erdogan und Leander jetzt nur zu stören.

Erdogan sagte kein Wort, bis sie in seinem Büro waren und die Tür hinter ihnen zugefallen war. „So eine verfluchte Scheiße“, fluchte er laut und trat gegen den Schreibtisch, so fest er konnte. Er musste das jetzt rauslassen, sonst würde er verrückt werden. Er fühlte sich hilflos und dieses Gefühl behagte ihm gar nicht.

Leander blieb mit dem Rücken an der Wand stehen und beobachtete in dabei. „Würde ich auch sagen, nutzt aber nichts. Wir müssen zusehen, dass wir den Vorsprung, den sie haben, aufholen können und da nutzt es nichts, aufzugeben ehe nicht alle Wege gegangen worden sind. Was willst du eigentlich deinem Vater berichten? Die Wahrheit?“

Erdogan ließ sich auf einer Ecke des Schreibtisches nieder und sah Leander an. „Ich kann es dir noch nicht sagen. Ich befürchte, dass alles, was ich meinem Vater sage, sofort bei Jefferson landet und ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass er unsere Laus ist. Er torpediert alles, was wir tun und will meinen Vater dazu bringen, dass wir unsere Forschungen aufgeben.“

„Das ist alles nicht gerade förderlich. Vielleicht sollten wir ihm erst einmal nur so viel sagen, wie Jefferson auch wissen kann. Das wir im Archiv waren und gescheitert sind. Wir sind aber jetzt auf dem Weg, draußen nach Spuren zu suchen.“ So war zumindest abgedeckt, was Jack außerhalb der Kuppel zu suchen hatte. „Und wir sollten ihn vielleicht damit ablenken, dass wir den Kontakt zu anderen Kuppeln suchen werden. Vielleicht haben wir Glück und bringen unsere Versuche ungesehen und ungestört durch.“

Erdogan stand auf und begann in seinem Büro auf und ab zu gehen. Das machte er nur, wenn er sich mit Problemen rumschlug, für die er keine befriedigende Lösung finden konnte. „Das fällt mir nicht leicht. Mein Vater ist der Fürst und ich möchte ihn nicht anlügen, aber ich muss es wohl tun. Jefferson beeinflusst ihn schon viel zu lange, als dass ich meinen Vater davon überzeugen könnte, dass sein langjähriger Freund der Feind ist.“

„Er würde es dir nicht glauben, du hast es doch schon mehrfach am eigenen Leibe erfahren. Du sollst auch nicht lügen, ihm nur das eine oder andere verschweigen. Es ist nicht gelogen, dass wir den Kontakt zu anderen Kuppeln suchen werden.“ Leander konnte seinen Freund nur zu gut verstehen und wenn die Zeit knapp wurde, mussten sie die Karten sowieso auf den Tisch legen. Der Fürst würde also alle Informationen bekommen, nur eben nicht gleich. „Und ich würde sagen, zusammen mit Archiaon suchen wir uns Kuppeln, zu denen wir den Kontakt aufnehmen wollen. Das sollten wir nicht übers Knie brechen.

Erdogan wusste, dass Leander Recht hatte, aber er war darüber nicht glücklich. „Du hast leicht reden, du musst nicht zu ihm und löchrige Berichte abliefern.“ Aber es nutzte nichts, wenn sie Erfolg haben wollten, dann mussten sie das durchziehen. „Lass uns heute Abend festlegen, was wir preisgeben und was nicht. Suchen wir Archiaon und legen fest, welche Kuppeln wir besuchen.“

„Ja, würde ich auch sagen. Vielleicht sollten wir mal Irvin dazu holen. Der Junge hat Jura studiert, ehe er sich entschloss, doch lieber Soldat zu werden. Er kann eventuell dafür sorgen, dass die Berichte sauber, nicht gelogen und schwammig werden. Ich frage ihn mal und du suchst Archiaon. Ich schätze mal, er wühlt mit im Datenwust.“ Leander hatte schon die Kennung seines Soldaten in den Palm getippt, um den Kontakt herzustellen. Er wollte in fragen, ob er sich mit solchen Sachen auskannte, wie sie brauchten.