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Zyklus VI – Neo New York - Teil 1 - 3

01 

„Vater!“ Erdogan erhob sich, drosselte seine Wut aber, denn so kamen sie nicht weiter. „Seit Wochen erkläre ich dir, dass es wenig Sinn machen würde, Bill hierher zurück in die Hauptkuppel zu holen. Wir haben mit Bonder 482 nun einmal das besser ausgestattete Labor und es bietet alles, was er braucht. Jedes Mal, wenn ich hier weg gehe, glaube ich, du hättest es verstanden und ein paar Tage später führen wir wieder die gleiche Diskussion!“ Er hatte das Gefühl, der Fürst betrieb Zermürbungstaktik, doch warum? Das machte doch keinen Sinn. Sie hatten weiß Gott andere Probleme als die Frage, wo ihr bester Mann daran forschte, wie sie ihr Volk erhalten konnten. Er brauchte das beste Equipment, was er bekommen konnte und das hatte er. Allerdings waren sie nach dem Fehlschlag mit den Units noch keinen Schritt weiter. Durch Zufall wussten sie jetzt zwar, dass in anderen Kuppeln weitere Menschen überlebt hatten, doch das löste ihr eigenes Problem noch nicht.

„Ich habe dich sehr wohl verstanden, doch Jefferson meint ebenfalls, dass Bill Harper in der Bonder-Einheit eventuell abgelenkt ist und sich nicht mehr auf unser eigentliches Problem konzentriert“, entgegnete Antion. Er hatte es kein zweites Mal gewagt zu fordern, dass Meodin hier erschien oder untersucht wurde, denn seit Unit 1 wieder da war, achtete sein Sohn auf das Seepferdchen wie ein Raubtier auf sein Junges. Seit zwei Monaten ging das jetzt schon und deswegen war wohl der Bericht auch so dürftig ausgefallen.

Antion konnte nicht wissen, dass Bill Meodin gar nicht untersucht hatte, sondern nur aus seinen Erfahrungen heraus eine Zusammenfassung erstellt hatte. Denn der Genetiker war ebenso wenig lebensmüde wie der Rest der Belegschaft, sich unaufgefordert Meodin zu nähern. Wenn das Seepferdchen nicht knurrte, dann Erdogan! Man konnte sich den Tag wirklich auf schönere Art und Weise versauen.

Erdogan grinste kurz, als er sich daran zurück erinnerte. Leander hatte ihm das letzte Woche im Vertrauen erzählt und deswegen behielt der Prinz das auch für sich. Antion hatte einen Bericht verlangt und einen bekommen. Dass der nicht so ausfiel, wie der Fürst sich das erhofft hatte, stand auf einem anderen Blatt. Allerdings war dies auch der Auslöser, warum man den Genetiker wieder in der Hauptkuppel haben wollte. Ein Teufelskreis.

„Woher will Jefferson denn wissen, dass Bill abgelenkt wird? Die Erhaltung unseres Volkes hat bei ihm oberste Priorität, genauso wie bei mir. Ich denke doch, dass dir mein Wort reichen wird, dass Bill sich ganz bestimmt bei seiner Arbeit nicht ablenken lässt.“ Erdogan versuchte jegliche Schärfe aus seinen Worten zu nehmen, aber so langsam war er es leid, dass sein Vater immer wieder  seine Integrität in Frage stellte, weil er Jeffersons Worten viel zu großen Glauben schenkte.

„Was glaubst du, warum ich all diese Reisen unternehme? Weil ich etwas finden will, was uns hilft und das Bill die Arbeit erleichtert und hoffentlich den Durchbruch bringt.“

„Uns wäre ja schon geholfen, wenn wir wüssten, was unsere Frauen daran hindert, Kinder zur Welt zu bringen. Doch auch da ist er noch keinen Schritt weiter. Dieses Serum für diese Maulwürfe gegen die Strahlung schien ihm wichtiger als unser Volk. Zwar gilt dein Wort bei mir sehr viel, mein Sohn, das weißt du, doch manchmal zweifle ich an den Prioritäten, die ihr setzt.“ Antion wirkte nachdenklich. Sicher, das Serum gegen die Strahlung konnte auch ihnen helfen, das Land um sie herum wieder nutzbar zu machen doch für wen, wenn sie allmählich ausstarben?

Er hatte sogar schon daran gedacht, in anderen Kuppeln nach Menschen zu suchen, die in ihr Volk integriert werden konnten, um den Genpool aufzufrischen. Vielleicht wurden auch deswegen kaum Kinder geboren. Doch dazu brauchte er Bill.

„Vater, meine Prioritäten sind vollkommen klar. Ich versuche unserem Volk ein Überleben zu sichern und da steht es an erster Stelle herauszufinden, warum keine Kinder geboren werden, das darfst du mir glauben. Das Serum hat unsere Forschungen nicht verzögert, weil Bill nur die ersten Arbeiten daran übernommen hat.“ Erdogan wusste nicht mehr, wie er seinem Vater noch klar machen sollte, dass er alles, was er tat, für sein Volk machte. Jefferson machte jeden kleinen Erfolg zunichte und er war nicht mehr gewillt, das einfach hinzunehmen. „Ich habe eine andere Herangehensweise an dieses Problem, als Jefferson das gerne hätte und langsam nehme es ich persönlich, dass er ständig gegen mich arbeitet und ich ständig die gleiche Diskussion führen muss.“

„Junge!“ Antion wirkte nicht nur erschrocken, er war es wirklich. „Jefferson arbeitet doch nicht gegen dich. Das darfst du nicht glauben. Er ist nur in Sorge, dass euer Weg nicht der richtige sein könnte und drängt darauf, mehrere Eisen im Feuer zu haben. Im Augenblick haben wir noch nicht einmal eines im Feuer, denn wir wissen nichts“, erklärte sich Antion. „Ich werde dir weiter freie Hand lassen. Doch ich erwarte, dass Ergebnisse kommen. Sonst werde ich in zwei Monaten die Kuppel, in der ihr arbeitet schließen lassen und euch alle zurück in die Hauptkuppel holen. Ist das klar?“

Erdogan biss die Zähne so fest zusammen, dass seine Kieferknochen sich deutlich abzeichneten. „Würdest du Jefferson auch so ein Ultimatum stellen?“, fragte er mühsam beherrscht. Das war jetzt eindeutig zu viel gewesen. „Er will nicht mehrere Eisen im Feuer, sondern dich dazu bringen, seinem Weg zu folgen, der bisher ja wohl noch weniger Ergebnisse gebracht hat, als meiner. Nämlich gar keine.“ Erdogan wusste, dass er sich gerade auf dünnes Eis begab, aber er konnte und wollte nicht immer zurückstecken. „Aber ich habe verstanden. Wenn das deine Entscheidung ist, muss ich das so hinnehmen.“

„Du scheinst mich nicht ganz verstanden zu haben“, sagte Antion ohne Ärger in der Stimme, denn er wollte nicht, dass sie sich wieder im Streit trennten. „Ich habe nicht gesagt, dass ihr dann aufhört zu forschen. Ich habe nur gesagt, dass ich euch alle gern wieder in der Hauptkuppel wissen möchte. Wegen mir bringt mit, was ihr hier braucht.“ Er wusste nicht, wie er seinem Sohn noch klar machen sollte, dass er glaubte, über die räumliche Nähe hinweg würde die Zusammenarbeit mit Jefferson besser funktionieren. Denn im Augenblick weigerte sich Erdogan den Berater mit einzubinden und Antion wusste nicht warum.

„Doch es wird darauf hinauslaufen, denn Jefferson wird darauf hinarbeiten, dass wir unsere Forschungen einschränken, damit er wieder die Kontrolle erhält und alles wieder so gemacht wird, wie er es für richtig hält.“ Erdogan war es wirklich leid, ständig zu hören, dass Jefferson doch nur das Wohl des Volkes im Sinn hatte. Er wollte seinem Vater  aber auch nicht vor den Kopf stoßen und ihm klipp und klar sagen, dass er davon überzeugt war, dass Jefferson nicht das war, was er vorgab zu sein. Seiner Meinung nach führte Jefferson einen Krieg um Macht und Erdogan war sein größtes Hindernis. Darum setzte er alles daran, ihm Steine in den Weg zu legen. Inoffiziell kämpfte Erdogan also nicht nur an einer Front, sondern hatte auch noch Nebenkriegsschauplätze und mit Jefferson wurden die auch nicht weniger.

„Junge, die Kontrolle habe immer noch ich, nicht Jefferson!“, erklärte Antion und ging zum Fenster. Seit er denken konnte, gab es diese Differenzen zwischen seinem Berater und seinem Sohn und er konnte den Keil, der zwischen ihnen steckte, einfach nicht lösen. Egal wie oft er forderte, sie mögen enger zusammen arbeiten, scheiterte es und er hatte das Gefühl, dass dies oft von Erdogan ausging, der Jefferson offen misstraute.

Aber er ist dein Berater und du folgst seinen Empfehlungen, wie man ja gerade sieht, dachte Erdogan verbittert, aber er sprach seine Gedanken nicht aus. „Darauf hoffe ich, Vater“, sagte er nur und rieb sich über die Augen. All diese sinnlosen Diskussionen fraßen wertvolle Zeit, die er jetzt nicht mehr hatte, weil sein Vater ihm ja ein Ultimatum gestellt hatte.

„Wenn wir in zwei Monaten einen Hinweis haben, bleiben wir wo wir sind, oder? Es heißt noch nicht, dass in zwei Monaten wieder Kinder zur Welt kommen sollen“, steckte Erdogan noch einmal das Ziel ab. „Sollten wir einen Hinweis haben, werden wir diesem nachgehen. Aber ich erwarte, dass du so lange ich nicht da sein sollte, die Finger von meinen Kuppeln, meinen Laboren und meinen Leuten lässt. Habe ich dein Wort?“

Antion sah seinen Jungen an, er wusste nicht, auf was dieser hinaus wollte, doch er nickte. „So soll es sein. Wenn ihr dem Problem auf die Spur kommt, forscht weiter.“

„Danke, Vater.“ Erdogan nickte seinem Vater zu, denn er wusste dass er sich auf dessen Wort verlassen konnte. „Ich werde dir regelmäßig Berichte schicken, damit du auf dem Laufenden bist.“ Zwar wusste dann auch Jefferson, wie weit sie mit ihren Forschungen waren, aber das Risiko musste er wohl eingehen. Und vielleicht musste er auch nicht gleich alles Preis geben, doch er machte schon wieder den zweiten Schritt vor dem ersten. Ehe es etwas zu berichten gab, musste er sich und sein Team wieder auf Linie bringen. Gleich wenn er zurück war, war eine Krisensitzung fällig und da kam es ihm ganz gelegen, dass Archiaon aus Atlantis Nord 035 sich für den frühen Abend angesagt hatte. Ein paar Moles hatten die Atlanter besucht. Nein, eigentlich hatte man den Atlantern ein paar Dinge von der Oberfläche geschickt und die Moles hatten das Schiff begleitet, und heute brachte der Senator die Moles wieder nach Hause.

Alle zwei bis drei Wochen trafen sie sich zum Erfahrungsaustausch, nicht immer persönlich, oft über die Kommunikatoren, aber wenn es sich anbot, besuchten sie sich. Das machte gerade bei der Erkundung des Observatoriums Sinn.

Darum verabschiedete er sich von seinem Vater und machte sich auf den Rückweg nach Bonder 482. Schon auf der Fahrt berichtete er Leander von dem Gespräch. „Leander wir müssen etwas finden, damit mein Vater uns weitermachen lässt. Wenn nicht, sind wir am Arsch und Jefferson wird sich ins Fäustchen lachen. Das müssen  wir unbedingt verhindern.“

Am anderen Ende herrschte erst einmal Stille, doch dann brummte Leander, weil ihm einfiel, dass Erdogan sein Nicken nicht sehen konnte. Es war ja nicht so, als wäre die Erkenntnis neu, dass sie einen Weg finden mussten, ihr Volk zu retten. Doch dass ihnen jetzt praktisch die Pistole auf die Brust gesetzt wurde, machte es nicht leichter. Sie konnten wählen zwischen Pest und Cholera, zwei Krankheiten, die schon lange ausgerottet worden waren. Doch wenn er den alten Berichten glauben schenkte, dann waren beide keine schönen Tode gewesen.

Wenn sie keinen Erfolg hatten, unterwarfen sie sich einem, von dem sie überzeugt waren, dass er nicht zu den Guten gehörte. Wenn sie Erfolg haben sollten, wuchs der Druck noch weiter, als er sowieso schon herrschte. Ihre Leute produzierten das Mittel für die Moles wie am Fließband, doch nicht alle Moles vertrauten ihnen. Einen Teil der alten Garde verließ sich immer noch auf das Mittel, das die Gottgleichen ihnen brachten – sie kämpften an zu vielen Fronten und die Gottgleichen hatten sie bei den Eiern, kein schönes Gefühl!

„Ich hoffe Archiaon kann uns weiterhelfen. Er hat letztens so etwas angedeutet, dass es etwas geben könnte, das uns weiterbringt.“ Erdogan griff mittlerweile nach jedem Strohhalm, der sich halbwegs erfolgversprechend anhörte. Sie mussten einfach Risiken eingehen, wenn sie etwas erreichen wollten. Archiaon war so ziemlich der einzige, der auch nur ansatzweise auf das Wissen der Gottgleichen zugreifen konnte. Er war nicht lange einer von ihnen gewesen und es war schon Jahrzehnte her, doch er war der einzige Strohhalm.

„Das werden wir sehen. Wir treffen uns im Observatorium. Ich trommle den Rest zusammen. Archiaon wird in zwei Stunden auch hier sein.“ Leander unterbrach die Unterhaltung, er hatte zu tun.

Erdogan musste sich also beeilen, um pünktlich zu sein. Er hasste es, zu spät zu kommen. Zum Glück konnte er jetzt bis zum Labor durchfahren, ohne umsteigen oder laufen zu müssen. So schaffte er es gerade noch so, den Atlantischen Senator zu begrüßen, als das Boot angedockt hatte. „Willkommen“, begrüßte er seine Freunde und umarmte Archiaon und Elaios, der ebenfalls mitgekommen war, weil er Meodin besuchen wollte. Das Seepferdchen war schon wieder ganz gut auf dem Posten und wurde als erstes von Diego und Dylan belagert, die plappernd aus dem Bauch des Schiffes kamen und berichteten, was sie alles gesehen hatten und wie merkwürdig das gewesen wäre. Meodin war froh, seine Freunde wieder zu haben. Die letzten vier Tage ohne sie waren komisch gewesen. Dann war auch noch Erdogan weg gewesen und das konnte Meodin gar nicht gut ertragen. Seit er wieder da war, mied er die Einsamkeit, wo es nur ging. Nie wieder sollte ihm das passieren, was ihm passiert war. Oft lag er nachts wach und erinnerte sich an das Labor, an die vermummten Gestalten, die Worte. Er schüttelte sich und schmiegte sich an die Moles, die lenkten ihn ab.

„Ich wollte es gar nicht glauben, was du uns über Atlantis erzählt hast“, erzählte Diego mit leuchtenden Augen. „Aber alles ist wahr. Diese Stadt ist fantastisch, wenn auch ein wenig unheimlich mit dem ganzen Wasser drum herum.“ Die Moles hatten sich dort unten immer etwas unwohl gefühlt, aber trotzdem war es fantastisch gewesen, Atlantis einmal zu sehen. Elaios und Idya hatten sie in luftdichten Kapseln auf Ausflüge mitgenommen, sie hatten merkwürdige Tiere gesehen und sie hatten von den Sharkern gehört, von Wesen, geschaffen von Menschenhand. In Dylan hatten sie viel wach gerüttelt. Er konnte sie nicht als die Bestien sehen, wie es die Bewohner von Atlantis taten – er wusste, dass die Sharker sich ihr Schicksal nicht ausgesucht hatten. Das hatte ihn verändert.

Er hatte sich geschworen, die Gottgleichen zu bekämpfen, wo er nur konnte und in Erdogan hatte er darin einen perfekten Partner, denn er war ebenfalls bestrebt diesen Teufeln das Handwerk zu legen. Aber jetzt wollte er nicht daran denken und sich einfach mit seinem Bruder und Meodin darüber freuen wieder zusammen zu sein. „Hier, das hat uns Idya für dich mitgegeben“, sagte er und reichte seinem Freund ein kleines Kästchen. Darin befand sich eine kleine Skulptur in Form eines Seepferdchens. Idya hatte es aus einer dieser Korallen geschnitzt, die es im Meer gab. „Für mich?“ Meodin nahm die Schachtel an sich und sah hinein. Er lächelte und machte schnell wieder zu, damit im Getümmel das kleine Ding nicht runter fiel und kaputt ging. Schnell hatte er es in die Tasche seiner Hose gesteckt und suchte Erdogan mit den Augen. Als er ihn gefunden hatte, wurde er wieder ruhiger und freute sich mit den Moles. Sie hüpften übermütig, bis Elaios lachend neben ihnen stand.

Meodin sprang ihn lachend an und drückte ihn an sich. „Wie lange werdet ihr bleiben?“, fragte er und er hoffte, dass seine Freunde wenigstens über Nacht blieben und nicht gleich nach der Besprechung wieder abfuhren. „Keine Ahnung, das wird sich erst zeigen, wenn ausgewertet wurde, was Archiaon und ich herausgefunden haben.“

„Ihr habt was rausgefunden? Was denn?“ Meodin war gleich wieder Feuer und Flamme, er forschte gern, auch wenn er von Jack meistens vertrieben wurde, wenn er im Observatorium herum schlich. Er hatte eine Aufgabe gesucht, weil er in Erdogans Nähe hatte sein wollen und auch wahllos auf Steinen und Knöpfen herum gedrückt, bis er einmal Jack das gerade mühsam erarbeitete Hologramm völlig verstellt hatte. Da war er rausgeflogen.

„Später, wenn alle zusammen sitzen“, lachte Elaios und machte, dass er weg kam. Er rannte zu Archiaon und Meodin setzte ihm hinterher. Er kam aber nicht dazu Elaios etwas anzutun, denn ein starker Arm fing ihn auf und zog ihn an eine kräftige Brust. „Hallo, mein Herz“, begrüßte Erdogan ihn und küsste ihn sanft. Er hatte sein Seepferdchen vermisst und es tat gut, ihn endlich wieder an sich zu spüren und umarmen zu können. Er hasste die Tage, an denen er in die Hauptkuppel musste, denn dann musste er Meodin allein zurück lassen. Er wusste, dass er sein Seepferdchen kein zweites Mal lebend in diese Kuppel bekam, nicht mit dem Wissen, was ihm dort passiert war und was dort seinen Anfang genommen hatte und Erdogan konnte das verstehen.

„Schön, dass du wieder da bist. Jack hat mich vorhin schon wieder rausgeschmissen, dabei war ich nützlich“, erklärte Meodin grinsend, verschwieg aber, dass sich sein Nutzen nur darauf bezogen hatte, dass er einen Knopf gefunden hatte, mit dem er das Hologramm einfach komplett verschwinden lassen konnte. Der war in der Wand gleich neben der Tür eingelassen und Jack hatte ihn erst nicht bemerkt. Aber als Meodin nach dem dritten Mal gekichert und sich dadurch verraten hatte, hatte Jack wütend einen Mini-Palm nach ihm geworfen.

„Na so was. Das geht aber nicht“, grinste Erdogan und küsste Meodin gleich noch einmal. Er konnte sich immer köstlich amüsieren, wenn Jack und sein Seepferdchen aneinander gerieten und hielt sich wohlweislich da raus. Manchmal hatte er den Eindruck, dass beide das brauchten und sie zu Höchstleistungen anspornten. So hatten sie schon einiges über das Hologramm herausgefunden, weil Jack Meodin immer wieder dazu brachte, etwas Neues zu finden, um ihn zu ärgern.

„Sag ihm das mal“, erklärte Meodin, zog aber den Kopf ein, als Leander erklärte, dass gewisse Meodine vielleicht nicht immer nur das Opfer wären. Er solle mal berichten, was passiert war, als das Seepferdchen auf den Knopf gleich neben dem Pult gedrückt hatte. Meodin machte sich noch kleiner, denn das war eine mittelschwere Katastrophe gewesen, denn er hatte einen Teil der Daten auf dem angeschlossenen Palm gelöscht und war dann nicht nur von Jack, sondern auch von Daniel gejagt worden, der gerade dabei gewesen war, sich medizinische Daten über die anderen Kuppeln herunter zu laden.

Aber nun wussten sie, dass man auf den Knopf vielleicht besser kein zweites Mal drückte.

 

„Ich merk schon, hier war einiges los, während ich bei meinem Vater war. Lasst uns in den Konferenzraum gehen, damit wir das besprechen können.“ Erdogan verschränkte seine und Meodins Finger, damit er bei ihm blieb. Er wollte ihn bei sich haben. Schließlich hatte er vier Tage auf die Nähe seines Liebsten verzichten müssen. Mit Meodin an seiner Seite führte er die Anwesenden zum Observatorium. Dort hatten sie einen großen Tisch aufstellen lassen, an dem sie alle Platz fanden. Zusätzlich hatten sie einen großen Bildschirm an einer der Wände installiert, die nicht von Technik der Gottgleichen gepflastert gewesen war. So hatten sie die Möglichkeit über Kameras auch kurzfristig auf Archiaons Wissen zuzugreifen, wenn er in Atlantis Nord 035 war und sie hier oben ein Problem hatten. Der Raum war ebenfalls mit Kameras ausgestattet worden, sodass Archiaon sie leiten konnte.

02 

Als alle Platz genommen hatten und sich ein wenig mit Wasser und belegten Broten gestärkt hatten, ließ Erdogan gleich die Bombe platzen, denn ihnen rann die Zeit wie Wasser durch die Finger.

„In zwei Monaten müssen wir eine Spur haben oder in die Hauptkuppel umziehen und werden Jefferson unterstellt.“

„Bitte?“ Meodin wurde blass. Das durfte nicht passieren, denn dort hin setzte er nicht noch einmal einen Fuß. Alle am Tisch wirkten fassungslos, denn mit so einer Entwicklung hatten sie nicht gerechnet. Einzig und allein Archiaon und Elaios verstanden die Aufregung nicht, denn sie kannten diesen Jefferson nicht. Darum ergriff der Senator auch das Wort. „Ich denke, ich habe etwas gefunden, was uns helfen kann“, fing er an und hatte sofort alle Augen auf sich gerichtet. „Ich hatte doch gesagt, dass es vielleicht etwas gibt, was uns nützlich sein könnte. Ich denke, ich habe es gefunden. Die große Bibliothek in Alexandria.“

„Was?“, fragte Thom und auch Bill wussten nicht, was los war.

„Große Bibliothek von Alexandria, die umfangreichste Sammlung von Schriftstücken ihrer Zeit. Erbaut von Ptolemäus dem ersten um 300 vor Christus, zerstört beim großen Brand circa 50 vor Christus“, leierte Jack herunter, was er wusste und sah dann Archiaon auffordernd an. „Ich kann nicht erkennen, wie uns eine Institution helfen können soll, die vor über dreitausend Jahren zugrund gegangen ist.“

„Diese bestimmt nicht“, lachte Archiaon, „aber die, die die Gottgleichen dort aufgebaut haben. Sie fanden es wohl passend, ihr Archiv auf dieser historischen Stätte zu bauen. Es ist Jahrhunderte alt und wurde schon vor der Katastrophe gegründet. Wenn wir eine Chance haben wollen, Antworten zu finden, dann dort.“

„Is nich wahr!“ Jack schoss hoch und wurde von Thom wieder auf seinen Platz zurück gedrängt.

„Du meinst, wenn wir dorthin kämen, können wir danach suchen?“, fragte nun auch Leander und Archiaon nickte, doch er erklärte gleich hinterher: „Ich weiß nicht, ob das Archiv noch regelmäßig genutzt wurde oder ob es aktuell ist. Wenn es noch genutzt wird, werden dort Gottgleiche sein. Es wird kein Kinderspiel, dorthin zu kommen oder dort Informationen zu erhalten.“ Er hatte keine Vorstellung davon, was sie erwarten konnte und vielleicht kostete es sie auch das Leben.

„Wir sollten uns also auf einen Kampf vorbereiten.“ Erdogan war Soldat, darum wusste er auch sofort, was er dann zu beachten und mitzunehmen hatte. Sie würden sich also schwer bewaffnet auf die Reise begeben. „Archiaon, weißt du, ob wir von hier aus herausfinden können, ob der Weg zur Bibliothek noch nutzbar ist?“ Davon hing viel ab, denn wenn sie Alexandria nicht erreichen konnten, nutzte ihnen die Bibliothek gar nichts.

„Das ist nicht das Problem. Das können wir heraus finden“, sagte Archiaon und erhob sich. Natürlich war Jack gleich bei ihm, denn immer wenn der Atlanter auf das Hologramm zu ging, gab es was Neues zu lernen. Deswegen schlich auch Meodin hinterher. Er hatte beschlossen, ebenfalls seinen Platz in der Gruppe finden zu wollen und befand, dass er als Kämpfer noch nichts taugte, aber vielleicht konnte er sich Wissen aneignen, was nützlich war.

„Für euren Schutz können wir sorgen“, sagte Ewan. Es war für ihn völlig klar, dass er seine Mitstreiter und Freunde nicht im Stich ließ. Schließlich sorgten sie dafür, dass er mehr und mehr von seinem Volk befreien und mit dem sauberen Serum versorgen konnte.

„Danke, Ewan. Ich nehme dein Angebot gerne an.“ Erdogan freute sich darüber, denn er wusste, dass die Moles immer wieder etwas suchten, wodurch sie sich für die Hilfe der Neo New Yorker erkenntlich zeigen konnten und die Moles waren unzweifelhaft starke Krieger, die seine Truppen gut verstärken konnten. Sie folgten jetzt ebenfalls Archiaon, der von allen umringt wurde, weil jeder wissen wollte, was er machte.

„Also“ er drückte ein paar Knöpfe, die die meisten schon kannten und die verschiedenen Kuppeln leuchteten auf. Doch dann wählte er nur die Kuppeln mit einem Fingertippen aus, die er sehen wollte. Das waren Neo New York und gedidh Alexandria. „Start und Ziel“, erklärte er dabei und suchte dann eine bestimmte Taste am Pult. Doch er wartete grinsend, bis Jack bei ihm stand, denn der war sowieso derjenige, der es am genausten wissen wollte. „Verbindung prüfen heißt die Taste!“ Archiaon drückte drauf und es wurden plötzlich Wege sichtbar. Alle Wege die von Neo New York und gedidh Alexandria weg führten und nur die, die eine komplette Verbindung darstellten, wurden grün. Alle anderen blieben rot.

Es gab eine Verbindung die grün geworden war. Wenn sie das richtig erkennen konnten, fing sie im Hafen an, wo auch Archiaon gelandet war und endete direkt in gedidh Alexandria. „Das wäre ja einfach, ohne Umsteigen“, murmelte Erdogan und versuchte abzuschätzen, wie lange sie unterwegs sein würden. „Jetzt müssen wir nur noch wissen, wie wir das Boot dazu kriegen dort hin zu fahren.“

„Gar nicht“, nuschelte Archiaon. Er war in das Hologramm getreten und vergrößerte sowohl den Bereich um Neo New York als auch den um gedidh Alexandria. „Das sind Tunnelbahnen, so wie die, die ihr gefunden habt. Wasserwege sind blau und werden hier gerade überhaupt nicht angezeigt.“ Der Senator knurrte und drückte auf ein paar Knöpfen herum, drückte, schneller und wilder, bis ihm kaum noch einer folgen konnte, alles blinkte, alles leuchtete und irgendwann rief er „Heureka!“

Neben den beiden grünen Wegen wurden jetzt auch die Häfen angezeigt. „Die Seelinien werden gar nicht abgebildet. Es werden nur die Häfen angezeigt. Ich bin so doof!“ Er grinste schief und deutete auf den Hafen im Zielort.

„Ein Tunnel unter dem Meer über tausende Kilometer?“, fragte Erdogan ungläubig. Wie hatte man das überhaupt geschafft? Er kam näher zu Archiaon. „Wir können also wählen zwischen Boot und Bahn?“ Sie mussten jetzt abwägen womit sie die größten Chancen hatten relativ unbemerkt in die Bibliothek zu kommen.

„Ich würde trotzdem das Boot wählen, denn die Tunnel sind überwacht. Dass ich mir hier anzeigen lassen kann, welche Tunnel noch intakt sind, bedeutet, dass sie immer noch funktionieren und dass der, der weiß wie, abrufen kann, ob sich in den Tunneln etwas bewegt. Das Wasser wird zwar auch überwacht, aber wenn ich heraus bekomme, wo die Sensoren stehen, können wir außerhalb deren Reichweite bleiben.“ Archiaon drückte schon wieder wild auf Knöpfen herum und brachte Jack fast zur Verzweiflung, denn er konnte schon lange nicht mehr folgen, wagte aber nicht zu meutern, weil er sonst den Prinzen gegen sich hatte.

Er musste sich also gedulden und Archiaon später bitten, ihm noch einmal langsamer zu zeigen, was er gemacht hatte. Erdogan nickte zu den Worten des Senators. Das sollte ihr Risiko um einiges minimieren. „Ihr kommt also mit uns, wenn ich deine Worte richtig deute?“, fragte er mit einem Schmunzeln.

„Wenn ich euch in einem Stück wieder haben will, damit wir weiterhin an der Front gegen die Gottgleichen arbeiten können, werde ich wohl euren Arsch retten müssen“, erklärte der Senator, lachte aber. Sie mussten zusammen arbeiten, anders ging es nicht. Er hatte das Wissen, aber die Menschen und die Moles hatten die Krieger. Mit seinem eigenen Volk würde er das Wagnis nicht eingehen. Sie waren zwar Athleten und ausdauernd trainiert, doch sie waren nicht fähig zu töten, wenn es sein musste.

„Aber es wird eine Menge Vorbereitung notwendig sein. Schatz, sag unten lieber Bescheid, dass wir die nächsten Tage nicht zurück kehren werden. Ich werde hier gebraucht.“ Er lächelte Elaios an, der mit Diego gerade Steine in der Wand untersuchte.

„Mach ich.“ Elaios ging zum Konferenztisch und nahm Verbindung mit Idya auf, damit sie wusste, dass sie erst einmal nicht so schnell nach Hause kamen. Kaum, dass er seine Freundin auf dem Bildschirm sehen konnte, stand Meodin neben ihm und winkte. „Hallo Idya, danke für das Geschenk. Ich finde es sehr schön.“

„Freut mich. Garry geht es übrigens sehr gut. Er wohnt gerade wieder bei mir, wo die Herren Senatoren sich doch wieder abgesetzt haben.“

Elaios zog den Kopf ein, weil sie ständig pendelten, während Idya mit den anderen Senatoren dann die Arbeit machen musste. Doch ganz so schlimm war es nicht. Der Senat hatte beschlossen, dass man nur zusammen mit den Oberflächenbewohnern das Problem meistern konnte, und da diese über dieses Labor verfügten, war es klar, dass Archiaon so oft es nur ging hier oben war und zusammen mit den New Yorkern Wege suchte, um den Gottgleichen das Handwerk zu legen.

„Pass ja gut auf ihn und seine Familie auf. Irgendwann komm ich ihn nämlich wieder besuchen.“ Noch hatte Daniel es ihm verboten, weil Meodins Immunsystem noch nicht wieder ganz auf dem Posten war. „Ja, das wäre schön, Garry und ich würden uns sehr freuen. Du kannst das kleine Seepferdchen, das ich dir gemacht habe auch um den Hals tragen, wenn du magst. Es hat ein Loch, durch das du ein Band fädeln kannst.“

„Echt?“ Meodin packte es gleich wieder aus und tatsächlich, da war ein Loch. Die Flosse am Kopf des Tierchens war so geformt, dass das Loch erst gar nicht auffiel. Elaios holte aus seiner Hosentasche ein Stück Band, was er noch bei sich trug, und präparierte den Anhänger. Erdogan beobachtete die beiden und er wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Er wusste genau, dass Elaios, Idya und Meodin sich angefreundet hatten, doch das war ein Teil von Meodin, über den er fast nichts wusste. Dabei schloss sein Seepferdchen ihn nicht einmal bewusst aus. Er glaubte, dass es Erdogan nicht interessierte und er wiederum wollte nicht neugierig wirken.

„Was ist?“, wollte Leander von ihm wissen, denn der Prinz wirkte abwesend.

„Nichts.“ Erdogan schüttelte den Kopf und riss sich von Meodin los. Seit sein Schatz wieder zurück war, hatte sich einiges verändert. Sein Seepferdchen war nicht mehr so unbeschwert und auch zwischen ihnen war es anders. Zwar suchte Meodin oft seine Nähe, aber er geriet jedes Mal in Panik, wenn mehr daraus wurde. Er hatte noch nicht verkraftet, dass er mit seinen Stacheln Erdogan fast getötet hätte und so war es ziemlich frustrierend, denn Meodin war weiter von ihm entfernt als jemals zuvor. Erdogan wusste nicht, wie er das ändern konnte. Es gab zumindest einen Lichtblick, denn Daniel hatte das Anti-Dot gegen das Gift aus Meodins Stacheln synthetisiert. Sie wollten mit der Immunisierung beginnen. Vielleicht begriff Meodin dann, dass er keine Gefahr für Erdogan war.

Leander nickte nur und sagte nichts. Auch er spürte sehr wohl, dass Erdogan noch nicht wieder der Alte war und wusste woran das lag. Doch darauf konnten sie keine Rücksicht nehmen. Sie hatten andere Sorgen.

„Kann man von unseren Unterkünften aus hierauf zugreifen?“, wollte Archiaon wissen, denn in den nächsten Wochen würde er fast nur im Observatorium verbringen, um ihre Strecke zu planen und zu sichern.

„Bis jetzt noch nicht, aber das kann ich machen. Kein Problem.“ Thom war froh, dass er endlich auch etwas tun konnte, darum machte er sich auch gleich an die Arbeit.

„Wie lange wirst du ungefähr brauchen, bis wir los können?“, fragte Erdogan den Senator, denn sie hatten ja nur ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung.

„Ich werde versuchen das in vier Tagen hin zu kriegen. Aber ich verspreche nichts. Du hast das Versprechen, solange du nicht da bist, wird nichts beräumt. Dieses Versprechen sollten wir ausnutzen und vorher die Stadt verlassen, egal wie weit wir mit den Vorbereitungen sind und wir kehren erst zurück, wenn wir etwas gefunden haben. So lange haben deine Leute hier vor Ort die Zeit, selber aktiv zu sein und die Anlage zu nutzen.“ Sie brachen kein Gesetz, sie legten es nur aus.

Erdogan hob eine Augenbraue und musste grinsen. „Dich als Gegner zu haben scheint nicht ratsam zu sein.“ Er schlug Archiaon auf die Schulter und war sehr zufrieden. So hatten sie mehr Zeit und Jefferson konnte nichts dagegen machen. „Ich würde aber trotzdem gerne so schnell aufbrechen wie möglich. Wer weiß ob unsere Gegner nicht davon Wind bekommen, von dem, was wir planen.“

„Auch wenn dir das vielleicht nicht schmeckt, aber gib deinem Vater nur so viele Informationen, wie er wirklich braucht und so wenig, dass er und seine Berater uns nicht in die Quere kommen können“, sagte Archiaon und wusste, dass er vom Sohn des Fürsten damit sehr viel verlangte. „Ich habe nachgedacht über alles, was ihr mir berichtet habt und ich stimme mit euch überein, in der engsten Riege deines Vaters muss ein Verräter sitzen. Machen wir es dem so schwer wie nur möglich.“

„Diese Taktik verfolge ich schon etwas länger. Aber ich bin froh, dass du die gleichen Gedanken hast, wie ich. Es fällt mir wirklich schwer, denn mein Vater ist ein guter Fürst und hat Ehrlichkeit verdient, aber ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich vorsichtig sein sollte.“ Erdogan setzte sich auf die Umrandung des Observatoriums und fuhr mit den Fingern eines der Symbole nach. „Wir hatten absolut keine Ahnung von der Existenz der Gottgleichen, obwohl sie in Neo New York ziemlich aktiv waren. Um das vor meinem Vater und mir geheim zu halten, müssen sie jemanden in unserer Nähe haben, der alles vertuscht.“

„Ich glaube wir verdächtigen den gleichen, aber ich kenne leider nicht alle von ihnen. Ich weiß nicht, ob ich sein Gesicht wiedererkennen würde, denn es sind zwanzig Jahre vergangen, seit ich hier gewesen bin“, sagte Archiaon. Er trat beiseite, denn er schien Jack im Weg zu stehen der gar nicht begeistert davon war, dass die beiden nur redeten und mit dem Hologramm nichts mehr passierte. Also wollte er sich wieder daran versuchen.

„Ich bin dann weg, ich werde ja nicht mehr gebraucht“, sagte Daniel, er hatte noch etwas zu tun. „Komm nachher noch bei mir lang für deine Spritze, Erdogan.“

„Ja, geht klar“, rief Erdogan ihm hinterher und erklärte Archiaon, was es damit auf sich hatte, weil der Senator fragend guckte. „Meodin hätte mich einmal beinahe getötet, das soll nicht noch einmal passieren.“ Erdogan lächelte schief und holte tief Luft. Das war wohl nichts, worüber er jetzt reden sollte, sie hatten andere, dringendere Probleme.

So löste sich die Runde nach und nach auf. Der Senator und Elaios suchten sich in einer der Datenstationen ein Plätzchen und fingen an zu suchen, doch ohne die Anbindung an das Hologramm und dessen Datenbank kamen sie nicht weit. Leander und Erdogan hatten sich zu ihren Männern aufgemacht um sie über den aktuellen Stand zu informieren und Ewan tat das gleiche mit den Moles.

Meodin hatte sich in seine Räume zurückgezogen.

Es war schon recht spät, als Erdogan ebenfalls nach Hause kam. Er fühlte sich nicht ganz auf dem Posten, was wohl mit der Spritze zusammenhing, die Daniel ihm gegeben hatte. Der Arzt hatte ihm gesagt, dass das passieren konnte und Erdogan war froh, dass er sich jetzt hinlegen konnte. „Hallo Süßer“, begrüßte er Meodin, der im Bett lag und sich einen Film ansah. Er hatte Sal auf seinem Bauch liegen, der zu ihm geeilt war, als Erdogan das Haus betreten hatte. Das kleine Tier wusste, dass seinem Herrn hier drinnen nichts passieren konnte und so führte ihn sein erster Weg grundsätzlich da hin, wo er Futter und Streicheleinheiten bekam.

„Hallo“ Meodin lächelte und richtete sich etwas auf. Doch dann zog er die Brauen tiefer. „Du siehst müde aus, was ist passiert?“ Er kam näher.

„Ja, das bin ich auch, aber das geht wieder vorbei. Daniel hat mir heute die erste Spritze gegeben und mein Immunsystem ist noch etwas in Aufruhr. Das gibt sich aber wieder.“ Erdogan legte die Arme um Meodin, als er bei ihm ankam. „Ich geh duschen und dann komm ich zu dir ins Bett, okay?“

„Was für eine Spritze?“, wollte Meodin wissen. Er wusste, dass so was nur verabreicht wurde, wenn jemand krank war. War Erdogan etwa krank? Meodin war schlagartig in Sorge und versuchte, etwas zu erkennen, was sich an seinem Freund verändert hatte. Doch abgesehen von der Abgeschlagenheit konnte er nichts feststellen. „Wenn es dir nicht gut geht, komme ich mit unter die Dusche. Nicht dass dir etwas passiert.“

Erdogan küsste ihn sanft und fuhr mit den Fingern durch die hellen Haare. „Du kannst gerne mitkommen. Ich habe die erste Spritze bekommen, um mich gegen dein Gift zu immunisieren. Mein Körper produziert jetzt Antikörper und deswegen bin ich etwas schlapp. Das ist morgen aber wieder vorbei.“

„Immun gegen mein Gift?“ Meodin war misstrauisch. Er konnte sich nicht vorstellen, dass derartiges funktionieren sollte. Er konnte für Erdogan nur hoffen, dass der ihn nicht belog. „Ich komme trotzdem lieber mit. Du kannst ja mit dem duschen nicht bis morgen warten. Und was ist, wenn es dir morgen auch noch nicht besser geht?“ Seine Finger strichen über Erdogans Seiten und griffen fester zu, um ihn zu stützen. Meodin war unsicher, denn er wusste, dass Erdogan das sicherlich nur tat, damit das Seepferdchen ihm nicht mehr gefährlich werden konnte. Also hatte Erdogan immer noch Angst vor ihm.

Erdogan ließ sich zum Badezimmer führen und zog sich dort aus. Er wartete bis sich auch Meodin von seiner Kleidung befreit hatte und zog ihn dann mit in die Dusche. „Ja, ich möchte gegen dein Gift immun sein, damit du nicht mehr ständig Angst hast, mich zu vergiften. Ich möchte, dass du dir keine Sorgen mehr machen musst, wenn wir zusammen sind.“

Meodin atmete hörbar ein und sah Erdogan an. Er knetete seine Finger nervös und verspannte sich. „Alles, was ich will, ist, dass ich dir nicht mehr gefährlich werden kann, also lass das bitte“, flüsterte Meodin als er spürte, wie Erdogan sich langsam hinter ihn stellte. Es hatte sich zu einer angehenden Phobie entwickelt. Meodin achtete streng darauf, dass seine Rückenflosse niemals zwischen ihnen war, deswegen wandte er sich auch jetzt in Erdorgans Armen wieder um, lächelte aber entschuldigend.

„Ich weiß, dass du mir nie absichtlich etwas tun würdest und bald ist es auch nicht mehr unabsichtlich möglich, weil dein Gift mir dann nichts mehr anhaben kann.“ Erdogan stellte das Wasser an und küsste sein Seepferdchen. Seine Finger strichen dabei von der Wange runter zum hals und trafen auf den Anhänger, den er von Idya geschenkt bekommen hatte. „Ein hübsches Geschenk“, sagte er und hob die kleine Figur etwas an, um sie sich ansehen zu können.

„Ein Seepferdchen, so wie ich eines bin“, sagte Meodin und schloss die Augen. Er liebte es, wenn Erdogan ihn berührte, egal ob fest oder sanft. Wenn andere Hände ihn berührten, war das etwas völlig anderes. Nur Erdogan konnte dieses Prickeln auf seine Haut zaubern, die Hitze in seinen Leib und dieses Flimmern in seinem Kopf. Seine Hände legten sich in Erdogans Nacken und so legte sich dessen Stirn an Meodins.

„Ja. So wie du.“ Erdogan hatte die Augen geschlossen und genoss das sanfte Kraulen in seinem Nacken. Wie von selbst strichen seine Finger über den Ansatz der Rückenflosse, weil er wusste, dass es Meodin gefiel. „Du hast deine Freunde sehr gern, erzähl mir von ihnen“, bat er leise. Er wollte endlich auch diese Lücke schließen und sich Meodin wieder näher fühlen, wenn auch nicht so, wie er es gerne hätte.

„Wo soll ich da anfangen“, sagte Meodin leise. Seine Augen waren auch weiterhin geschlossen und er genoss die Hände auf seiner Haut. Das fein verteilte Wasser, dass durch eine Reinigungsanlage ständig im Kreis gepumpt wurde, rieselte auf ihn herab und verstärkte die Wirkung der sanften Finger noch. So begann Meodin alles zu erzählen, von der Rettung, von den Delphinen, dem Gel, aber auch den Erfahrungen, die er mit Elaios und seinen Freunden gemacht hatte. Er erzählte von Garry und von den Wettkämpfen, aber immer wieder auch von Idyas Bemühungen, ihm nahe zu sein.

Erdogan hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Manchmal fiel es ihm schwer, besonders wenn er heraushören konnte, wie eng die Bindung zu seinen Freunden war. „Eine großes Abenteuer, das du da erlebt hast.“ Erdogan stellte das Wasser aus und schlang ein großes Handtuch um sie beide. „Ich kann Idya verstehen, warum sie versucht hat, dir nahe zu sein. Sie hat sich offensichtlich in dich verliebt und es war bestimmt schlimm für sie, als du sie verlassen musstest.“

„Verliebt?“, fragte Meodin. Er konnte damit nichts anfangen. Das Wort hatte für ihn keine Bedeutung und keinen Inhalt. Während Erdogan ihn trocken rubbelte, hatte Meodin immer noch seine Hände in dessen Haar verwoben, auch wenn es jetzt nass an ihm klebte. Es sah so aus, als würden die langen Strähnen nach ihm greifen, ihn umschlingen und an Erdogan binden wollen.

„Das sagt dir nichts, hm?“, fragte Erdogan sanft. „Das habe ich mir schon gedacht.“ Erdogan lächelte Meodin an, auch wenn es ihm etwas schwer fiel, denn wenn Meodin nicht wusste, was Liebe war, wusste er auch nicht, wenn er verliebt war. „Komm, lass uns ins Bett gehen. Ich versuche dir zu erklären, was das ist.“

„Okay“ Meodin war damit zufrieden, dass er etwas erklärt bekommen sollte. Er war wie ein Schwamm, wenn es darum ging, Wissen vermittelt zu bekommen. Und so lange Erdogan bei ihm blieb und nicht noch einmal ins Labor ging, war ihm das noch lieber. So ließ sich Meodin ins Schlafzimmer schieben und kroch unter die Decke, schmiegte sich an Erdogan, als der auch endlich lag. Sein Kopf lag auf der Schulter des Prinzen und erwartungsvoll sah Meodin ihn an. Schließlich wollte er ja wissen was mit Idya los war.

Kurz lag Erdogan mit geschlossenen Augen da, weil er nicht wusste, wie er anfangen sollte. „Liebe ist etwas, was man nicht steuern kann. Sie passiert einfach. Es ist ein Gefühl, dass einen zu einer anderen Person zieht. Man möchte diese Person immer bei sich haben und man fühlt sich gut, wenn sie in der Nähe ist. Man möchte sie halten und küssen, sie beschützen und nie wieder loslassen.“

„Aha“, sagte Meodin und versuchte zu verstehen, was Erdogan sagte. „Idya wollte also gern bei mir sein und fühlte sich besser, wenn ich bei ihr bin?“ Sollte er wieder zurück gehen, damit es ihr besser ging? Aber er war doch lieber hier. Wenn er sich entscheiden müsste, dann wäre er lieber hier und das lag an Erdogan. War er deswegen in Erdogan verliebt? Meodin schüttelte den Kopf, das verwirrte ihn alles wirklich sehr. „Ich fühle mich jetzt auch besser, seit du hier bist“, sagte er trotzdem nachdenklich.

„Das ist schön, mein Herz, denn mir geht es nicht anders, wenn du bei mir bist.“ Erdogan drehte sich ein wenig, damit er Meodin ansehen konnte. „Man möchte den Menschen, den man liebt, ständig küssen“, ganz sanft berührte Erdogan Meodins Lippen, „und man möchte ihn ständig umarmen, ihn streicheln und ihn nie wieder los lassen.“ Bei seinen Worten sah er Meodin in die Augen und lächelte.

„Aha“, machte er wieder und nickte. Er erkannte sich schon irgendwie wieder, aber vieles von dem, was er fühlte, wenn Erdogan ihn berührte oder bei ihm war, beschrieb der Prinz gar nicht. Also schien das, was er fühlte, nicht dieses Verliebtsein zu sein. Meodin nahm das erst einmal so hin und gab sich damit zufrieden, was er erfahren hatte. Ihm reichte es zu wissen, dass er gern bei Erdogan war und der Prinz ihn gern küsste. Mehr musste er gar nicht wissen, um zufrieden zu sein. Er leckte vorsichtig über Erdogans Lippen.

Der sie auch gleich für ihn öffnete und sich küssen ließ. Meodin schien immer noch nicht verstanden haben, was er ihm hatte sagen wollen. Er war wohl noch nicht so weit. Damit musste er sich abfinden, auch wenn es ihm nicht leicht fiel. Zu gerne wollte er Meodin sagen, was er für ihn fühlte. Erdogan zog ihn aber nur etwas näher zu sich und streichelte ihn dort, wo er ihn erreichen konnte. Solange Meodin nichts dagegen hatte, wollte er es genießen, ihn bei sich zu haben.

 

03 

Vier Tage waren vergangen, seit Erdogan mit der Hiobsbotschaft an seine Verbündeten heran getreten war, dass in zwei Monaten das Forschungsteam zurück in die Hauptkuppel beordert wird, wenn nicht bald etwas im Sinne des Volkes passierte. Vier Tage, in denen jeder an seine Grenzen gegangen war. Thom hatte dafür gesorgt, dass über eine sichere Verbindung auch vom Lager aus auf die Datenbank des Hologramms zugegriffen werden konnte, Erdogan und Ewan hatten ihre Leute eingeschworen, Bill und Daniel hatten die Männer, die auf die Expedition mit gehen sollten, auf Herz und Nieren gecheckt und Elaios hatte mit ein paar Leuten Vorräte aus Atlantis Nord 035 geholt. Sie hatten sich mit Druckausgleicher und Atemgel versorgt, ebenso hatte Archiaon verlangt, dass sie die künstlichen Antriebe einpackten, die die Atlanter nutzten, wenn nicht mit Delphinen geschwommen werden konnte.

Vier Tage hatten sie Daten ausgewertet und eine Route gesucht und jetzt endlich stachen sie in See. Auf der Frontscheibe markierte der Bordcomputer die Navigationshilfen, gab die Tiefe an und korrigierte nach, wenn die Handsteuerung vom eingegebenen Kurs abwich. Archiaon hoffte, dass er alle Warn-Sender der Gottgleichen hatte ausfindig machen können, doch eigentlich war es egal, ob man sie sah oder nicht. Die Gottgleichen wussten, dass Erdogan und seine Verbündeten ins Archiv kamen. Ihre Zugriffsprotokolle auf die Datenbank des Hologramms hatte sie verraten. Archiaon hatte sich schon gewundert, warum die Datenbank immer noch aktualisiert wurde, doch sie griff auf den Zentralrechner des Netzwerkes zu. Warum ließen die Gottgleichen das zu? War das ein weiteres Experiment? Waren sie Ratten in einem Labyrinth, von denen man wissen wollte, ob sie clever genug waren, das Klassenziel zu erreichen?

„Was glaubst du, wird uns erwarten?“, fragte Leander, der neben Archiaon stand und durch die Scheibe nach draußen starrte. Es war dunkel, nur die Scheinwerfer des U-Bootes erhellten die Schwärze für Augenblicke und boten Bühne für die merkwürdigsten Wesen.

„Widerstand. Man wird auf jeden Fall versuchen, uns gefangen zu nehmen. Die Gottgleichen gehen davon aus, dass wir ahnungslos sind und werden denken, dass sie leichtes Spiel haben.“ Archiaon lächelte schmal. Es war ein Risiko, das sie eingingen, aber sie mussten es riskieren.

„Ich hoffe nur, dass sie wirklich nur das Ziel der Gefangennahme haben und uns nicht umbringen.“ Leander traute den Kerlen nicht über den Weg, aber ein Teil von ihnen musste sich in die Höhle des Löwen begeben, wenn sie nach Informationen suchen wollten.

„Nein, sie werden euch als erstes festsetzen. Von eurem Tod haben sie nichts.“ Da war sich Archiaon sicher. Die Gottgleichen waren zwar nicht zimperlich, wenn es um die Auslöschung von Leben ging, doch sie waren in erster Linie Forscher und ihre Neugier grenzenlos. Erdogan und seine Männer machten viel Ärger, sicherlich hatte man an den Menschen reges Interesse.

„Bei mir sähe es schon anders aus. Ich bin ein Abtrünniger, der euch geholfen hat. Ich würde gleich sterben.“ Darum ging Archiaon auch nicht mit  Erdogan und seinen Leuten an Land. Sie konnten einfach nicht riskieren, dass er den Gottgleichen in die Hände fiel. Nicht nur weil sein Wissen für alle anderen von Nutzen war, er war ein Freund und dessen Leben riskierte man nicht leichtfertig.

„Wir werden uns zur Wehr setzen können. Ich glaube nicht, dass wir uns gefangen nehmen lassen“, legte Leander fest. Sie waren Soldaten und es sollte ihnen möglich sein, sich gegen ein paar Bücherwürmer zur Wehr zu setzen. Sicherlich hatten auch diese aufgerüstet, wenn man Erdogan und seine Störenfriede erwartete, doch er glaubte nicht, dass die Gottleichen ihnen viel entgegen zu setzen hätten. Zumindest hoffte er das.

„Ich würde an deiner Stelle nicht damit rechnen, dass ihr sie vertreiben könnt. Sie werden gerüstet sein, weil sie wahrscheinlich nicht noch einmal eine Chance bekommen werden, euch gefangen zu nehmen. Also sei dir nicht zu sicher.“ Archiaon konnte verstehen, dass Leander der Gedanke nicht schmeckte, aber eigentlich überließen die Gottgleichen so etwas nicht dem Zufall.

„Wenn wir schnell genug sind und uns den Rücken frei halten, glaube ich nicht, dass sie uns packen“, sagte Leander, doch sein Gesicht sagte, dass er über Archiaons Worte nachdachte. Sie kamen quasi durch die Vordertür mit Pauken und Trompeten. Sie konnten das Schiff unmöglich verbergen und nur über die Andockschleuse die Bibliothek betreten. Aber es war der einzige Ort, der ihnen die Fragen beantworten konnte, die sie hatten.

„Ich drücke euch die Daumen.“ Archiaon drückte kurz Leanders Schulter und widmete sich dann wieder dem Boot. Er kontrollierte immer mal wieder, ob sie noch auf Kurs waren und sie die Warnsender im richtigen Abstand passierten, damit sie nicht erfasst wurden. In regelmäßigen Abständen setzten sie immer wieder eigene Sender aus, die ihnen Informationen liefern sollten, was sich in deren Umfeld abspielte.

In einer anderen Ecke des Schiffes diskutierte gerade Erdogan mit seinem Seepferdchen, dass Meodin auf dem Schiff bleiben und ihm auf keinen Fall folgen sollte. Das war von Meodin ziemlich viel verlangt, denn er hatte Erdogan schon mehrfach fast verloren.

Der Prinz hielt sein Seepferdchen also im Arm und versuchte ihm zu erklären, warum das notwendig war. „Meo, es wird einen Kampf geben und ich will nicht, dass du verletzt und getötet wirst. Das könnte ich nicht ertragen“, versuchte er es wieder und küsste ihn auf die Schläfe. „Aber ich soll es ertragen können, hier zu sitzen und zu hoffen, dass du zurück kommst. Wenn du nicht mehr da bist, dann wird man mich zurück ins Labor stecken, da bin ich mir sicher.“ Meodin sank etwas zusammen, „und außerdem kann ich nicht schon wieder von dir getrennt sein. Das tut weh.“ Er rollte die Schultern, denn er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Warum war er nur so ein nutzloses Ding, dass er nicht einmal Erdogan begleiten konnte.

„Meodin, ich werde wieder zurück kommen.“ Erdogan wusste, dass er Meodin mit seiner Versicherung nicht die Angst nehmen konnte, aber er konnte nichts anderes machen. Er hob das Gesicht seines Freundes an und sah ihm in die Augen. „Was tut weh?“, fragte er darum, um etwas abzulenken. Meodin zog den Kopf etwas ein und legte die Hände auf seine Brust, dann auf den Bauch. „Da tut es weh. Als ich in Atlantis war, hat es da weh getan“, sagte er, auch wenn er zu der Zeit noch fest davon überzeugt gewesen war, dass Erdogan ihn nicht zurück haben wollte. Er hatte nichts dagegen tun können, dass Erdogan ihm nicht aus dem Kopf gegangen war.

„So ist es mir gegangen, als man dich entführt hatte. Ich bin bald verrückt geworden vor Sorge.“ Erdogan drückte Meodin an sich und vergrub sein Gesicht in den hellen Haaren. „Ich habe kaum geschlafen und gegessen, weil ich die ganze Zeit an dich denken musste.“

„Wenn du weißt, wie ich mich fühle, wie kannst du da von mir verlangen, dich einfach ziehen zu lassen mit dem Wissen, dass du umkommen kannst“, verlangte Meodin zu wissen.

„Mach es ihm doch nicht unnötig schwer“, sagte Ewan leise, der unweit gestanden hatte. Er konnte sie verstehen, beide, doch das machte es nicht leichter, denn sie mussten dort rein, wenn sie Neo New York retten wollten.

Meodin senkte den Blick und biss sich auf die Lippe. Er hatte ja verstanden, worum es ging, aber er hatte Angst.  Da nutzte es gar nichts, dass Erdogan ihm immer wieder versicherte, dass alles gut gehen würde. „Schatz, ich weiß, dass es unfair ist, aber das, was wir vorhaben, ist nicht ungefährlich. Aber sie dürfen dich nicht noch einmal in die Finger bekommen. Wir müssen das Archiv einnehmen und da kann ich nicht so auf dich aufpassen, wie ich müsste.“

„Hm“ Meodin hatte sich geschlagenen gegeben. Er musste sich der Entscheidung der Mehrheit einfach beugen. Und durch seine Anwesenheit, Erdogan und die anderen in Gefahr bringen wollte er ja auch nicht.

„Wird schon!“, Ewan strich ihm durch die Haare, als er an ihnen vorbei ging, sie hatten nicht mehr viel Zeit.

Erdogan sah ihm hinterher. Er war dem Anführer der Moles dankbar, dass er geholfen hatte Meodin zu beruhigen. „Wenn wir wieder zurück sind, verspreche ich dir, dass ich mir so bald wie möglich einen Tag frei nehme und wir dann nur Dinge machen, die du machen möchtest.“

„Ich verlasse mich drauf, also komme gefälligst auch wieder. Sonst behalte ich dich als einen in Erinnerung, der sein Wort gebrochen hat“, sagte Meodin, auch wenn es ihm nicht leicht fiel. Um sich abzulenken, verschwand er im Laderaum, wo sich Archiaon und ein paar andere für einen Ausstieg vorbereiteten. Sie wollten sich etwas umsehen. „Elaios, du gehst mit?“, fragte Meodin und sein Freund nickte.

„Das Wasser ist mein Element. Wir wollen raus und sicherstellen, dass uns vom Wasser her keine böse Überraschung droht.“ Elaios schloss seinen Anzug und schnallte sich den Gürtel mit dem Gelinhalator  um. In der Schleuse lagen schon die Torpedoförmigen Aquascooter  und die restliche Ausrüstung bereit, damit sie gleich starten konnten.

Meodin nickte verstehend und schwieg. Er sah ihnen nach, als die Senatoren und ein paar Begleiter in der Schleuse verschwanden. Dann wurde sie geflutet und seine Freunde waren weg. Meodin blieb wieder allein zurück. Sein Herz krampfte sich zusammen, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. So machte er sich auf in seine Kabine. Vielleicht half es ihm, Ruhe zu finden.

„Noch zwanzig Minuten bis zum Andockvorgang“, erklärte Leander, als Erdogan auf die Brücke kam.

„Gut, die anderen sind raus.“ Erdogan hatte gesehen, wie sie sich mit ihren Scootern vom Boot entfernt hatten. „Sind unsere Leute bereit?“ Erdogan zwang sich nicht an Meodin zu denken, denn sonst würde er zu ihm gehen und ihn trösten. Er konnte sich vorstellen, wie es in seinem Seepferdchen aussah und er konnte nur beten, dass er selbst wirklich zurück kam und dass die Gottgleichen sich nicht im Schiff umsahen. Zwar hatte Archiaon ihnen gezeigt, wie sie das Schiff sichern konnten – doch die Gottgleichen waren die Eigentümer, die kamen überall rein, wo sie rein wollten. Hoffentlich war ihr Interesse gering genug. Allein die Vorstellung, Meodin könnte ihnen noch einmal in die Finger fallen, zog ihm das Herz zusammen.

„Ja, die Jungs sind bereits. Sie versammeln sich im Laderaum. Jordan wird die Brücke übernehmen. Wir gehen runter. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“

Erdogan nickte und richtete seine Rüstung. Sal hatte sich wie immer versteckt. „Dann lass uns zu ihnen gehen.“ Er wollte noch einmal die Waffen überprüfen, auch wenn er wusste, dass seine Leute das schon gemacht hatten. Es war ein Ritual, mit dem er seine Nerven beruhigte.

„Auf geht’s. Jetzt kommt es auf uns an!“ Leander ging neben seinem Prinzen her durch den langen Flur. Die Treppen führten drei Etagen hinab und nur kurz zögerte Erdogan, doch dann stieg er ganz nach unten. „Bleib einfach in deinem Zimmer, egal was passiert“, murmelte er leise und Leander wusste, wen Erdogan meinte. Er nickte nur, dann waren sie bei ihren Männern. Auf einem Monitor verfolgten die schon das näher kommende Land. Es herrschte Stille.

Sie grüßten Erdogan und hielten ihre Waffen hin, damit Erdogan sie inspizieren konnte. Gewissenhaft nahm der jede Waffe in die Hand und gab sie nach der Inspektion zurück. Er hatte nichts zu beanstanden, wie er es erwartet hatte.

„Da, die Schleuse“, sagte einer der Männer flüsternd und deutete auf den Monitor. Sie näherten sich ihrem Ziel. Unaufhaltsam glitt das Boot auf die noch geschlossenen Tore zu, doch wie in Atlantis auch würden sich nach dem Andocken die Tore automatisch öffnen. Erdogan rief sich den Weg, den sie nehmen mussten noch einmal vor Augen. Als erstes gerade aus, dann links ins Treppenhaus. Archiaon hatte ihnen von den Aufzügen abgeraten wie Erdogan selbst auch, denn dann waren sie gleich gefangen wie die Ratten. So lange sie sich bewegten, waren sie schwerer zu greifen.

Ihr Ziel lag sieben Stockwerke über den Docks. Sie mussten den Zentralrechner anzapfen.

Das Boot schwankte leicht, als es andockte und auf Erdogans Zeichen hin begann die Operation, wie unzählige Male geübt. Routiniert sicherte die Vorhut das Terrain für die anderen, so dass alle Soldaten das Boot verlassen konnten.

Jeder hatte seine Aufgabe und wusste, was von ihm erwartet wurde. Sie kamen überraschend schnell voran, doch darüber konnten sie jetzt nicht nachdenken. Auch ihnen war klar, dass die Kameras, die in den Fluren hingen, nicht nur Dekoration waren, doch sie konnten nur hoffen, dass sie schnell genug waren, bis in das Herzstück vorzudringen.

 

Sie kamen ins Treppenhaus, immer eine heikle Angelegenheit, weil schlecht zu sichern.

Sie arbeiteten sich so schnell es ging die Etagen hoch und erreichten schließlich das Stockwerk, in dem sich der Zentralrechner befinden sollte. Sie mussten nur noch einen Gang entlang, dann waren sie am Ziel. Aber sie waren sich wohl zu sicher gewesen. Kaum dass Erdogan und seine Männer sich in dem Korridor befanden, fielen dicke Schotts herunter. Erschrocken wollten die Männer nachsehen, was passiert war, da verloren sie nach und nach das Bewusstsein. Sie waren in eine Falle gelaufen. Sie waren zu sehr Krieger um nicht mit den fiesen Tricks gerechnet zu haben, doch Archiaon hatte sie gewarnt. Wissenschaftler waren keiner Krieger und diese Sorte hatte noch nicht einmal eine Ehre im Leib. Sie gewannen immer, egal wie. Das zeigte sich gerade einmal mehr.