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Zyklus VI – Neo New York - Teil 10 - 12

10 

„Schatz, was tust du da?“ Erdogan lehnte wie in der Nacht am Türstock und sah auf Meodin, der mit seinem Palm auf dem Schoß im Bett saß und wieder vollkommen vertieft schien. „Jetzt weiß ich auch, warum du mich alleine duschen geschickt hast.“ Er versuchte ein ernstes Gesicht zu machen, aber er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Meodin zuckte erschrocken hoch und warf das kleine Gerät auf die Matratze, zog hastig die Decke drüber und sah Erdogan offen an. „Was?“, fragte er unschuldig und grinste schief, knurrte leise als Sal die Decke wegzerrte und seinem Herrn zeigte, was los war. „Petze“, knurrte Meodin und er erklärte dem kleinen Verräter, wer die nächste Woche nicht einen einzigen Cracker bekam.

„Dann bekommst du welche von mir“, lachte Erdogan und kam zum Bett. Er nahm den Palm hoch und setzte sich zu Meodin. „Zeig mir, was du gefunden hast. Ich bin wirklich gespannt, was sich in den Daten versteckt.“ Er war Meodin nicht böse, denn er kannte selber diesen Drang, jede freie Minute zu nutzen um zu forschen.

„Dann füttere du ihn, von mir bekommt er nichts. Los, zisch ab!“ Meodin war sauer auf den kleinen Verräter, so hatten sie nämlich nicht gewettet. Ständig hatte er Sal verwöhnt und der fiel ihm so in den Rücken. Doch Meodin zeigte Erdogan die Daten, die er gesammelt hatte. Es war nicht viel, doch sie zeugten von Akribie und vor allem von Angst. Angst vor etwas, was keiner zu beschreiben wagte.

Erdogan hatte sich so gesetzt, dass Meodin mit dem Rücken an seiner Brust lehnte, denn so konnte sie beide die Daten betrachten. Er guckte zu, wie Meodins Finger über die Tasten und den Bildschirm huschten und nach und nach verstand er, warum Meodin so aufgeregt war. „Wow“, murmelte er leise und küsste seinen Schatz. „Du bist da auf etwas wirklich Wichtiges gestoßen. Wir wissen noch zu wenig, über das, was ihnen Angst macht, aber es hört sich nach etwas an, was wir verfolgen sollten.“

Meodin nickte. „Wir sollten es zumindest nicht aus den Augen verlieren, aber in erster Linie müssen wir heraus finden, welche Kuppeln uns bei unserem eigentlichen Problem helfen könnten. Verbündete wie die Atlanter sind wichtig. Vielleicht sind diese Fremden auch so mächtig, dass sie uns ebenfalls...“ Meodin brach ab. Er wollte den Gedanken nicht beenden. Zwar hieß es immer der Feind des Feindes sei ein Freund, doch wenn diese Fremden so mächtig waren, brauchten sie keine Freunde.

Erdogan hatte sich den Palm genommen und sah sich die Daten noch einmal genau an. Meodin war da wirklich auf etwas Unglaubliches gestoßen. Es gab etwas, vor dem die Gottgleichen Angst hatten. Wenn sie herausfanden, was das war, dann hatten sie vielleicht eine Chance zu gewinnen. Er zog Meodin an sich und sah ihn lächelnd an. Er war unwahrscheinlich stolz auf sein Seepferdchen und das sollte er auch wissen. „Verbündete sind wichtig, da hast du Recht und unsere Priorität sollte klar erst einmal dort liegen, aber das heißt ja nicht, dass wir das andere nicht verfolgen sollten. Such weiter nach Hinweisen, egal wie unbedeutend es auch scheinen mag. Trag alles zusammen. Du bist da auf etwas wirklich Wichtiges gestoßen. Nicht jeder hätte das alles gleich in einen Zusammenhang gebracht.“

Meodin grinste schief, nickte aber. Er fühlte sich wichtig und das war gut. Er raffte alles zusammen und huschte aus dem Bett. „Lass uns frühstücken und dann rüber gehen.“ Er hatte noch ein paar schwere Gänge vor sich, der erst musste zu Diego führen, doch das war gar nicht notwendig, denn wie jeden Morgen kam der junge Mole, um das Essen zu bringen. Er klopfte und guckte nicht schlecht, als Erdogan ihm öffnete, weil Meodin im Bad verschwunden war.

„Komm rein. Meo ist duschen“ Erdogan ließ den jungen Mole rein und lächelte. „Danke, dass du dich um Meodin gekümmert hast, während ich weg war“, sagte er und stibitze sich etwas von dem Tablett. Das war zwar nicht für ihn, aber er ging davon aus, dass sein Seepferdchen mit ihm teilte – freiwillig oder unfreiwillig.

„Ich konnte mich doch gar nicht um ihn kümmern, er war doch gar nicht ansprechbar. Ich habe meistens das Schloss geknackt um rein zu kommen und er hat noch nicht mal gemerkt, dass ,ich da war!“ Thom hatte dafür gesorgt, dass auch die Chip-ID des jungen Moles die Tür öffnete als er gemerkt hatte, dass Meodin das Essen vernachlässigte.

„Doch, Diego, du hast dich um ihn gekümmert. Du hast ihm Essen gebracht, auch wenn du wusstest, dass er es noch nicht einmal bemerkt. Das macht nur ein wahrer Freund, dem etwas an Meodin liegt und dafür bin ich dir dankbar.“ Erdogan klopfte Diego auf die Schulter, was den jungen Mole etwas verlegen machte. Er blickte zu Boden und stammelte leise, dass er Meo doch mögen würde und das selbstverständlich wäre. Es war ihm peinlich vom Prinzen so gelobt zu werden. Er war nicht schnell genug wieder weg, da kam Meodin gerade aus der Dusche. Er hatte sich extra beeilt, denn er hatte Diegos Stimme gehört und er wollte ja noch mit dem Kleinen reden.

Darum pfiff Erdogan nach Sal, der sich verkrochen hatte, als er Diegos Stimme gehört hatte und ließ die beiden alleine. Er hatte seinem Birdell ja Cracker versprochen und so konnte Meodin mit seinem Freund alleine reden. Das war dem Mole bestimmt auch lieber.

„Guten Morgen“, begann Meodin. Er fühlte sich ebenfalls etwas unwohl, doch er musste da durch. Er hatte Mist gebaut und sich falsch verhalten, dazu musste er jetzt stehen. Und so versuchte er Diego zu erklären, was mit ihm passiert war und warum er in den letzten Tagen so komisch gewesen war. Gleichzeitig bedankte er sich überschwänglich und entschuldigte sich, weil er Diego so vernachlässigt hatte. Sie verabredeten sich für die Mittagspause im Aquarium und Diego sollte ihn rausschleifen, wenn er es vergessen sollte.

„Ich nehm dich beim Wort“, grinste Diego und umarmte seinen Freund, dann war er auch schon wieder weg. „Alles wieder in Ordnung?“, fragte Erdogan, der mit Sal auf der Schulter wieder ins Schlafzimmer kam. Er hatte den Birdell gefüttert und zum Schluss hatte er auch noch ein Stück Cracker bekommen. Irgendwie war das komisch gewesen, denn seit Meodin da war, hatte der sich meist um Sals Futter gekümmert. Doch Sal war es eigentlich egal, von wem er sein Futter bekam, so lange er welches bekam. Das war ihm immer noch das wichtigste. Da fragte er nicht lange. So putzte er sich gerade das Schnäuzchen, als Meodin ihn anzischte. Er war nachtragend. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis sie wieder dicke Freunde waren.

„Ja, er holt mich zum Mittag, damit ich eine Pause mache und ich habe ihm erlaubt, mich wegzuzerren“, erklärte Meodin. Doch er schlüpfte schon in die Schuhe, entdeckte dann aber das Tablett. Das kam ihm sehr entgegen, so mussten sie nicht in die Kantine.

„Das ist schön.“ Erdogan war froh, dass Meodin sich mit Diego ausgesprochen hatte. Sie teilten sich das Frühstück, wobei der Prinz sich etwas zurück hielt. Er ging nachher in der Kantine vorbei. Meodin bestimmt nicht. „Ab morgen nehmen wir unser Training wieder auf. Das ist ein guter Ausgleich dafür, dass du jetzt den ganzen Tag am Schreibtisch hockst.“

Ganz langsam blickte Meodin auf und hörte auf zu kauen. Er verzog das Gesicht und knurrte leise. „Muss das sein? Ich kann gerade wieder laufen und komme alleine bis ins Labor, das möchte ich nicht schon wieder aufgeben müssen“, erklärte er und hoffte, durch seinen Job um die Schinderei herum zu kommen.

„Ja, das muss sein, Schatz.“ Erdogan grinste. Ihm war sein Training schon so sehr ins Blut übergegangen, dass er sich unwohl fühlte, wenn er nicht dazu kam. „Wir gehen es diesmal langsamer an, ich weiß ja jetzt, wo deinen Grenzen sind. Darauf werden wir aufbauen.“

„Schön, dass du das weißt“, muffelte Meodin, doch er gab sich geschlagen. „Wann muss ich denn anfangen?“, wollte er also stattdessen wissen, als er das leere Tablett in die Küche brachte. Er wollte los, denn er hatte viel zu tun. Das konnte er nicht aufschieben, wenn er Mittag eine Pause machen wollte.

„Morgen früh.“ Erdogan nahm Meodin das Tablett ab und stellte es auf einem Tisch ab. Er zog Meodin an sich und küsste ihn. Es war komisch, dass sie sich jetzt den ganzen Tag nicht sahen. „Darf ich mit ins Aquarium heute Mittag?“, fragte er, dort waren sie zwar nicht alleine, aber das machte nichts. Er wollte einfach nur etwas Zeit mit seinem Schatz verbringen. „Sicher, warum nicht, wir waren dort oft zusammen. Das war schön“, sagte Meodin und äußerte sich lieber nicht mehr zu der Drohung, dass es morgen wieder los ging mit der Schinderei.

Zusammen führte sie ihr Weg ins Labor. Erdogan wollte den Rest davon in Kenntnis setzen, wie das Gespräch bei seinem Vater gelaufen war. Meodin wusste das schon und konnte sich an seine Daten setzen.

Erdogan versammelte seine Leute um sich. „Unsere acht Wochenfrist hat sich nicht geändert. Mein Vater war ziemlich enttäuscht über unseren Misserfolg im Archiv. Jefferson hat versucht sich nichts anmerken zu lassen, aber ich kenne ihn lange genug um zu wissen, dass er zufrieden damit war. Wir haben also gut daran getan, uns erst einmal bedeckt zu halten.“

Einheitliches Nicken.

„Glaubst du, er wird dich noch eine Weile gewähren lassen? Ich will nämlich nicht, dass dein Ansehen bei deinem Vater schrumpft und Jefferson noch mehr Oberwasser bekommt“, sagte Archiaon. „Wenn du merkst, dass es kippt, spiel die nächste Karte.“

„Und welche wäre das?“, fragte Jack, dabei sah er in die Runde.

„Wenn wir nicht zeigen wollen, dass wir doch Daten aus dem Archiv haben, müssen wir Bill in den Ring werfen und zwar so als wäre er bei Versuchen mit Blut über die Sache mit dem Wasser gestolpert“, schlug Leander vor.

„Gestolpert“, schnaubte Bill verächtlich, er stolperte nicht, er forschte.

„Ja ja, wir werden es Bill-freundlicher formulieren“, sagte Erdogan abgelenkt, denn er dachte darüber nach. „Ja, auch wenn mir das nicht gefällt, denn dann scheuchen wir diese Mistmaden auch auf und vielleicht verändern sie was mit dem Wasser. Aber das mit dem Archiv sollten wir wirklich als letzte Option aufbewahren.“

„Definitiv, denn dann wissen sie Bescheid und suchen unsere Wanze und dann haben wir ein Problem“, sagte Bill. „Entweder schicken sie Schadprogramme oder sie machen einfach die Quellen dicht, was das kleinere der beiden Übel wäre.“ Und das konnten sie nicht riskieren. Lieber mussten sie eine kleine Niederlage erleiden, als alles aufs Spiel zu setzen. Unfruchtbarer als jetzt konnten die Frauen nicht werden, hoffte er inständig, auch wenn es noch eine Menge Möglichkeiten für Ärger gab.

„Gut, nutzen wir erst einmal die restlichen unbehelligten Wochen aus und hoffen, dass wir etwas anderes vorweisen können, um meinen Vater dazu zu bringen, uns weitermachen zu lassen. Ich werde schon etwas finden, was ich ihm bis dahin erzählen kann, damit Jefferson nicht misstrauisch wird.“ Später, wenn sie beweisen konnten, was Jefferson für ein Spiel spielte, wollte er sich bei seinem Vater auf jeden Fall entschuldigen, dass er ihm nicht immer die Wahrheit gesagt hatte. Doch dazu brauchten sie Beweise und Archiaon hatte sich schon auf die Suche begeben, doch über die realen Identitäten der Gottgleichen war nichts heraus zu finden, darüber gab es keine Aufzeichnungen. Sie mussten einen anderen Weg finden, um ihn entlarven zu können, doch das hatte nicht oberste Priorität. An erster Stelle stand das Volk.

Sie lösten die Besprechung auf, denn mehr konnten sie jetzt nicht tun und alle hatten Dringendes zu erledigen. Erdogan sah noch kurz bei Meodin vorbei, aber der nahm ihn kaum wahr, so vertieft war er. Darum küsste der Prinz ihn nur aufs Haar und machte sich selbst an die Arbeit. Er wollte mit Archiaon Meodins Berichte über die Kuppeln durchgehen.

„Er ist gut“, musste Archiaon zugeben. Meodin war gründlich und wusste, auf was es ankam. Er kombinierte die Farben der Kuppeln mit den Daten aus dem Archiv und so war es leicht, die Aktivitäten der Gottgleichen in den Kuppeln bewerten zu können, zumindest so weit, wie sie aktuelle Daten hatten.

„Er hat noch was gefunden“, sagte Erdogan und holte seinen Palm raus, auf dem die von Meodin entdeckten Fakten zu den Fremden waren. Er zeigte sie Archiaon. „Kannst du etwas damit anfangen? Kennst du sie?“

Archiaon las sich durch, was Meodin gefunden hatte und runzelte immer wieder die Stirn. „Es gibt sie also doch?“, murmelte er leise und Erdogan räusperte sich leise, damit der Atlanter sich wieder daran erinnert, dass er nicht alleine war. „Oh...äh. Ich hatte das vollkommen vergessen, bis ich das hier gelesen habe. Ich weiß nichts über einen Feind, aber ich habe Gerüchte gehört. Ab und zu was aus Gesprächen aufgeschnappt. Es wurde nur getuschelt hinter vorgehaltener Hand.“

„Du weißt also auch nichts genaues?“, fragte Erdogan nachdenklich. „Schade, ich hatte still gehofft, dass du uns etwas mehr darüber sagen könntest. Aber wenn sie selbst untereinander nur darüber tuscheln, muss das ja ein richtig heftiger Gegner sein. Glaubst du, wenn wir wüssten, wer das ist, könnten wir sie für unseren Kampf gewinnen?“ Von Archiaons Antwort hing viel für ihn ab, denn wenn der Atlanter schon abwinkte, dann sollten sie wirklich die Finger davon lassen. Aber die Neugier trieb, wie sahen Wesen aus, die den Gottgleichen Angst machen konnten?

„Ehrlich? Ich hab keine Ahnung. Wenn sie wirklich so mächtig sind, sollten wir vorsichtig sein, aber es weiterverfolgen. Ich bin jetzt richtig neugierig, wer das sein könnte.“ Archiaon gab Erdogan den Palm wieder und sein Gesicht war entschlossen. „Ich bin neugierig. Kann Meodin mir seine Daten, die er gefunden hat und noch findet rüberschicken?“

„Sicher, ich werde sie nur vorerst nicht in den Bericht packen lassen und Meodin verfolgt das auch eher außer der Reihe. Ich will es vor unseren Freunden nicht geheim halten aber ich will auch nicht, dass das Wissen in falsche Hände kommt.“ Erdogan fühlte sich zwischen den Stühlen, sie hatten zu viele Fäden und zu wenig Leute. Doch aufzustocken kam nicht in Frage. Sie waren momentan sauber, von Neuen konnte er das nie mit Gewissheit sagen, auch wenn sie wussten, woran sie die Gottgleichen erkennen konnten.

„Kein Problem. Ich werde es nicht erwähnen.“ Archiaon wusste, welche Last auf Erdogans Schultern lastete und er war froh, dass er es nicht war. Aber er war bereit einen Teil dem Prinzen abzunehmen. Sie waren Verbündete und Freunde. „Ich werde das diskret weiter verfolgen. Vielleicht kann ich ja etwas finden, was Meodin nicht findet, weil er sich hauptsächlich auf die Auswertung der Kuppeln konzentriert. Ich möchte ihn ungern aus dieser Aufgabe reißen, denn er ist gut und gewissenhaft.“ Archiaon vertiefte sich wieder in den Fakten, die vor ihm lagen und so hatten sie aktuell nur zwei Kuppeln, die in Frage kämen für Verbündete. Doch sie lagen in Asien – weit weg. War die Frage, ob die Wege dorthin noch aktiv waren.

„Ich danke dir.“ Erdogan war froh, dass Archiaon sich darum kümmerte, denn er selber hätte dafür nur schwer Zeit gefunden. Er war im Moment sehr mit der Bohrung des Tunnels eingespannt und der Verschleierung ihre Unternehmungen. Er hatte gehofft, dass sie so etwas wie eine Personaldatei der Gottgleichen finden würden, aber das hatten sie bisher noch nicht. Aber er gab die Hoffnung nicht auf, solange die Daten flossen.

„Nicht dafür, wir haben ja schlussendlich alle etwas davon“, sagte Archiaon und kopierte sich die Daten vollständig. Dann wusste er, wo er ansetzen sollte. „Wenn ich Zeit habe, werde ich mich daran setzen, in erster Linie helfe ich Bill im Labor. Er hat nicht genügend Männer, um alle Experimente beaufsichtigen zu können, und nebenbei werde ich mir überlegen, wie wir deinem Vater mit so vielen Worten wie möglich so wenig Infos wie nur möglich vermitteln können, sollte es hart auf hart kommen.“ Der Senator kümmerte sich oft um den Schriftwechsel mit der Hauptkuppel. Das lag ihm.

„Wenn du das machst, werde ich dir ewig dankbar sein.“ Das war nicht einfach so dahergesagt, denn dann hatte Erdogan nicht das Gefühl, dass er seinen Vater hinterging. „Ich würde Bill ja auch helfen, aber ich fürchte er hat mich nicht sehr gern in seiner Nähe“, Erdogan grinste, denn noch immer waren der Genetiker und er sich nicht grün.

„Ich hab die Story über Meodin und dein Verhältnis zu Frankenstein von Leander gehört“, sagte Archiaon und grinste. Er lachte leise, als er sich erhob. „Wir sehen uns, wenn was ist, ruf an.“ Dann hatte er den Raum verlassen. Eine Probe seines Blutes wurde mal wieder gebraucht und er konnte ja nicht zulassen, dass immer nur Elaios leergesaugt wurde.

Erdogan machte sich auch an seine Arbeit. Er musste einige Listen durcharbeiten und die Bestellungen durchsehen. Das war keine besonders beliebte Arbeit, aber er musste sie machen, wenn sie ihre Kuppel in Betrieb halten wollten. Soldaten holten regelmäßig die zusammengestellten Utensilien und Lebensmittel, prüften sie auf Dinge, die dort nicht hin gehörten und brachten sie erst nach drei Tagen in einer Unterdruckkammer endgültig in die Kuppel. Sie wollten vermeiden, dass man auf die Idee kam, sie mit Krankheitserregern oder sonstigem davon abzuhalten, den Gottgleichen zu dicht auf die Fersen zu rücken.

Als es auf Mittag zuging, rauchte ihm der Kopf und der Prinz war froh, als er die letzte Liste durchgearbeitet hatte. Er hatte sich extra beeilt, weil er ja mit Meodin und Diego ins Aquarium wollte. Darum rief er Diego an, dass der Meodin abholen sollte, er selber kümmerte sich um das Essen.

Eine Viertelstunde später trafen sie sich im Aquarium. Meodin und Diego saßen auf Steinen, die sie dicht an das Glas gerollt hatten. Meodin wollte nach draußen sehen, beim Essen, denn das Wasser faszinierte ihn immer noch. Er konnte es nicht verleugnen, es war sein Element. Vielleicht sollte er einmal wieder schwimmen gehen, Elaios würde ihn sicherlich begleiten, wenn er ihn fragte.

„Hallo ihr zwei“, begrüßte Erdodan sie und gab den Korb mit dem Essen an Diego weiter. Er küsste Meodin auf die Schläfe und ließ sich dann einfach ins Gras fallen, um sich auszustrecken. Sal sah aus seinem Hemd und als er die Katze nirgendwo entdecken konnte, flitzte er zu Meodin, damit der ihn beschmusen und füttern konnte. Mittlerweile waren sie wieder dicke Freunde. Meodin war nicht nachtragend gewesen.

„Boah, was hast du denn Sid alles abgeschwatzt!“ Diego wühlte sich schon durch den Korb und entdeckte reichlich Leckerchen. Doch er besann sich und stellte die Schüsseln auf den zweiten Stein, gab in jede Schüssel etwas von dem, was er fand, und begann schon mal mit Essen, bei Erdogan und Meodin konnte das wieder länger dauern, das kannte er schon.

Erdogan hatte sich wieder aufgesetzt und beobachtete sein Seepferdchen, das immer wieder auf das Meer blickte. „Möchtest du raus?“, fragte er und gab eine Schüssel an Meodin weiter. „Du hast doch noch einen Wunsch, für einen Tag nach deinen Vorstellungen frei.“

Kurz blickte Meodin ihn an und lächelte. Dann nickte er. „Ja, ich möchte gern mal wieder schwimmen. Meine ersten Erfahrungen mit dem Element waren nicht die besten gewesen doch jetzt liebe ich es und leider haben Elaios und Archiaon viel zu wenig Zeit, um mit mir schwimmen zu gehen.“ Außerdem lag die Kuppel und Bonder viel zu dicht an der Oberfläche und so war es ohne Serum oder Anzug nicht ratsam. Aber Meodin zog es nach draußen.

„Wir werden schon eine Möglichkeit finden, Schatz. Wir könnten mit Archiaon und Elaios fahren, wenn sie wieder zurück nach Atlantis gehen. Du wirst schwimmen und wenn du möchtest, werde ich dich begleiten.“ Erdogan hatte das Atmungsgel schon immer ausprobieren wollen, seit dem er davon gehört hatte. Doch er hatte bisher nicht die Gelegenheit gefunden. Doch einmal war immer das erste Mal und er musste sehen, wann es günstig war und er sich einmal absetzen konnte ohne ein Loch zu reißen.

„Sprechen wir mit ihnen, dann kannst du Garry kennen lernen“, sagte Meodin und strahlte, er verdrängte, dass Daniel da auch noch ein Wörtchen mitzureden hatte, denn er war es gewesen, der Meodin hatte zusammenflicken müssen, nachdem dessen Immunsystem in Atlantis kollabiert war.

„Oh ja, den möchte ich unbedingt kennen lernen und auch deine anderen Freunde dort.“ Erdogan lachte und lehnte sich bei Meodin an. „Ich bin überhaupt auf Atlantis gespannt. Es ist so anders als hier.“

„Ja, das ist es“, sagte Meodin leise und begann zu essen. Sie hatten schließlich nicht ewig Zeit. So genossen sie die Stunde, die sie sich gegönnt hatten, aßen und tobten ein bisschen über die Wiese. Das mochte Diego am liebsten. Aber dann trennten sich ihre Wege wieder, denn die Arbeit machte sich nicht von selbst.

 

11 

„Bill, du weißt, was du sagen musst und was du nicht erwähnen darfst?“ Erdogan war ein wenig nervös. Sie waren auf dem Weg zu seinem Vater. Die Bohrung zur Quelle war abgeschlossen und die ersten Untersuchungen hatten gezeigt, dass der Katalysator darin nicht enthalten war. Darum hatten sie sich entschlossen, in die Offensive zu gehen und dem Fürsten die Möglichkeit ihr Problem zu lösen, zu präsentieren. „Sicher weiß ich, was wir abgesprochen haben“, knurrte der Genetiker, dem  der Prinz langsam auf den Geist ging. Er war kein Anfänger und er wusste ganz genau, was von dem Gespräch abhing. Wie alle anderen wollte er Bonder nicht aufgeben und das konnten sie nur, wenn sie den Fürsten an der kurzen Leine hielten ohne dass der das merkte.

„Okay, wollte es nur noch mal gesagt haben!“ Erdogan strich sich durch die Haare und holte tief Luft. Sie hatten beschlossen allein zu gehen und jeden in der Kuppel zurück zu lassen, der hier nicht unbedingt gebraucht wurde. So war die Gefahr geringer, dass jemand ihre Abwesenheit nutzen wollte und P0061 unterwandern.

„Auf geht's.“  Erdogan öffnete die Tür zum Büro seines Vaters und ließ seinen Begleiter eintreten. Sie begrüßten den Fürsten, der neugierig auf Erdogan sah. „Was gibt es denn so Wichtiges, das ihr so kurzfristig besprechen wollt?“ Der Fürst war neugierig und hoffte, dass es endlich positive Nachrichten gab.

„Wir haben etwas gefunden, über das wir reden sollten und wozu wir dein Einverständnis brauchen. Aber erst einmal guten Tag.“ Erdogan setzte sich und nach der Begrüßung setzte sich Bill ebenfalls. Er hatte lange nicht mehr mit dem Fürsten zu tun gehabt. Nicht seit er auf Bonder tätig war, sonst hatte er regelmäßig berichten müssen, als die Unit-Experimente noch gelaufen waren.

„Ihr habt etwas gefunden?“ Antion sah die zwei Männer an. „Los erzählt, was es Wichtiges gibt.“ Der Fürst hoffte, dass es endlich den Durchbruch gegeben hatte und sie eine Chance bekamen, ihr dringendstes Problem zu lösen. Erdogan zeigte auf Bill. „Bill wird dir erzählen, was wir oder besser er herausgefunden hat.“

„Also“, setzte der Genetiker an und öffnete ein Hologramm auf dem Tisch, um das eine oder andere etwas weniger abstrakt erscheinen zu lassen. „Es war eigentlich eher zufällig bei ein paar Experimenten mit dem Blut der Probanden. Als wir sie mit Wasser vermischt haben, gab es merkwürdige Reaktionen. Das hat mich stutzig gemacht und wir haben heraus gefunden, dass es wohl etwas im Wasser gibt, dass sich im Körper der Frauen zu einem Hemmstoff entwickelt, der die Hormone negativ beeinflusst. Wir wissen leider nicht, wie der Stoff ins Wasser kommt, haben aber eine Quelle aufgetan, in deren Wasser der Stoff nicht ist. Und da kommen sie ins Spiel, weil wir ihre Zustimmung zu einem Versuch benötigen.“

„Das Wasser?“ Antion wurde blass. „Soll dass heißen, dass wir verseuchtes Wasser trinken, das unsere Frauen unfruchtbar macht?“ Der Fürst war geschockt. Das war eine Katastrophe. „Ja, Vater. Es ist leider so, aber wie Bill schon sagte, haben wir vielleicht einen Ausweg. Wir haben eine neue Quelle angebohrt und wir würden gerne eine Versuchsreihe starten. Zwei Gruppen mit jeweils zwanzig Pärchen. Eine bekommt das Wasser wie bisher und andere das aus der neuen Quelle.“

„Woher kommt der Stoff?“, wollte der Fürst wissen, er war immer noch schockiert. Ein Grundnahrungsmittel, ohne das sie nicht leben konnten und ausgerechnet dort lag ihr Problem?

„Wir wissen es nicht“, sagte Erdogan, auch wenn es ihn schmerzte seinen Vater anlügen zu müssen. Doch er wusste nur zu gut, dass alles, was sie jetzt an Informationen gaben, ins Volk gestreut werden musste, um Freiwillige für den Versuch zu bekommen. Wenn man denen sagte, dass Fremde auf ihre Kosten Spielchen spielten, wuchsen Unmut und Misstrauen. Beides war kontraproduktiv.

„Woher kommt das neue Wasser? Wo liegt die Quelle?“ Antion fing sich langsam wieder. „Ihr wollt also zwei Gruppen testen und sehen, ob in der Gruppe mit dem neuen Wasser Frauen schwanger werden, die bisher unfruchtbar waren?“

„Ja, genau das ist der Plan und wenn wir Erfolg haben sollten, müssen wir die komplette Wasserversorgung umstellen“, sagte Erdogan. „Ich hoffe, dass unsere Quelle das schafft. Die Moles haben sie für uns erschlossen und Jack hat sie vom Erdboden aus unter unserer Kuppel lokalisiert“, verheimlichte der Prinz aber nicht das vorgehen, denn daran war nichts Verwerfliches.

„Das Wasser ist absolut sauber?“, fragte der Fürst nach und Bill nickte. „Reines Quellwasser und ohne diese Inhaltsstoffe, von denen wir annehmen, dass sie unser Problem sind.“ Antion nickte. Er vertraute darauf, dass die Quelle mehrmals untersucht worden war und sein Sohn die Kuppelbewohner keiner unnötigen Gefahr aussetzen würde. „Ihr habt meine Erlaubnis.“

„Danke, Vater, das bedeutet mir sehr viel. Hier sind auch die Berichte der Analysen, leider sind sie erst heute Nacht fertig geworden, deswegen konnten wir sie dir nicht früher zukommen lassen. Du kannst gern alles nachlesen und deine Meinung noch einmal revidieren, sollte dir etwas auffallen, was dir nicht geheuer vorkommt.“ Erdogan hoffte zwar, dass der Fürst das nicht tat, aber er sah an dessen Gesicht, dass ihm diese Worte gut taten. Er fühlte sich so in keiner Form übergangen.

„Ich werde es lesen, aber du kannst schon einmal beginnen, die Probanten auszuwählen. Habt ihr eine Idee, wie? Ein Aufruf? Oder sucht ihr gezielt mit den medizinischen Daten?“

„Da sind wir noch unschlüssig, aber ich denke, wir werden einen Aufruf starten. Unter denen, die sich melden, können wir dann die passenden für uns aussuchen.“ Erdogan sah zu Bill und der nickte. „So werden wir eine gut gemischte Gruppe bekommen.“

„Ich würde den Aufruf also gern in den Abendnachrichten starten. Bill wird erklären, was los ist und ich werde die Paare bitten, sich bei uns zu melden, wenn sie Interesse haben. Deswegen werden wir für zwei Tage hier sein. Wer sich noch nicht entscheiden kann, kann uns später auch anrufen. Wichtig ist nur, dass wir den Aufruf so schnell wie möglich und so breit wie möglich streuen.“ Es waren wieder ein paar Tage, die Erdogan nicht in seiner Kuppel verbringen konnte, die ihm mittlerweile mehr eine Heimat geworden war als sein Zuhause. Besonders Meodin fehlte ihm. Er hatte sich schon so sehr daran gewöhnt mit seinem Seepferdchen in den Armen einzuschlafen und aufzuwachen, dass er die Nächte, die sie nicht zusammen verbringen konnten, nie besonders gut schlief.

„Ihr habt das ja schon gut durchgeplant. Ich bin sehr zufrieden, Erdogan. Jetzt müssen die Experimente nur noch erfolgreich verlaufen und das größte Problem unseres Volkes ist gelöst.“ Antion lächelte seinen Sohn an und atmete tief durch. Noch nie waren sie so weit gekommen, denn sie hätten im Traum nicht daran gedacht, dass ein so banaler Stoff wie das Wasser der Grund sein sollte. Man hatte in den Genen der Menschen geforscht, Kreuzungen versucht und war auf die simplen Dinge des Lebens nicht gekommen. Er konnte es immer noch nicht fassen. Doch woran lag es, dass ein Teil der Frauen – wenn auch nur ein verschwindend geringer – doch schwanger geworden war? Er stellte Bill die Frage.

„Unsere Versuche mit den Blutproben haben ergeben, dass der Katalysator, wie wir ihn nennen, bei einigen Frauen nicht im Körper die Unfruchtbarkeit auslöst, indem er sich mit anderen Bestandteilen verbindet. Das erforschen wir natürlich auch, alternativ zur Wasserumstellung.“ Bill hatte sich die gleiche Frage gestellt und angefangen nachzuforschen. „Es kann auch daran liegen, dass der Stoff nicht hitzestabil ist und wenn jemand nur verarbeitetes Wasser nutzt und nie frisches...“ Er ließ den Satz offen, denn auch das war erst eine Theorie und ohne Beweise. Das würde ja heißen, dass sie nur das Wasser abkochen müssten und alles wäre gut. So einfach konnte es nicht sein! Nicht bei dem Gegner, den sie hatten. „Aber sobald wir Bescheid wissen, werden sie natürlich informiert.“

Antion wirkte sehr zufrieden. „Darum möchte ich bitten. Je mehr Möglichkeiten wir haben, umso effektiver können wir das Problem bekämpfen. Braucht ihr noch etwas, um eure Forschungen voranzubringen? Männer, Material?“ Jetzt wo sie dem Ziel so nah waren, sollten sie alles in die Waagschale werfen, was sie hatten.

„Nein, danke. Erst einmal nicht. Das Team ist eingespielt und abgestimmt. Da möchte ich keine Unruhen rein bringen. Was Material angeht, werden wir uns bei dir melden oder die wöchentlichen Lieferlisten aufstocken.“ Erdogan würde den Teufel tun und in der heiklen Phase des Projektes auch nur einer einzigen fremden Person Zugang zu P0061 gewähren. Da müsste er schon unter Drogen stehen, und selbst dann würde Leander es verhindern. „Kannst du also veranlassen, dass ich mich Punkt sechs Uhr in die Nachrichten schalten und das Projekt vorstellen kann?“ Anschließend mussten sie warten und das hasste er am meisten.

„Ja, natürlich.“ Antion nahm gleich Verbindung mit dem Sender auf und kündigte sie an. „Es geht klar, dein Palm wird mit dem Sender verbunden, damit du deinen Aufruf starten kannst. Ich drücke die Daumen, dass ihr genug Probanden zusammenbekommt.“

„Ich danke dir und ich hoffe für uns alle, dass sich Paare melden werden. Sie haben eigentlich nichts zu verlieren.“ Zumindest hoffte Erdogan das. Wenn das Volk erst einmal wusste, dass etwas im Wasser war, wurden sie sicherlich misstrauisch und tranken gar kein Wasser mehr. Sie mussten extrem vorsichtig vorgehen, wenn sie nicht erreichen wollten, dass dutzende Menschen wegen Dehydrierung im Krankenhaus landeten, weil sie dem Wasser aus dem Weg gehen wollten.

Darum hatten sie sich etwas anderes ausgedacht um das zu verschleiern. Die Probanden würden ein angebliches Medikament bekommen, das aber bei allen Paaren nur ein Placebo war. Gleichzeitig bekamen sie auch ihr Wasser und ihr Essen geliefert. Alles unter dem Vorwand, dass die Bedingungen bei allen gleich sein sollten. In den Plan weihten sie auch den Fürsten ein. Antion grinste, doch er nickte. Das war kein Betrug, dem konnte er zustimmen.

So trennten sich ihre Wege und weil es nur noch eine Stunde war, lohnte es sich nicht, noch groß andere Dinge zu beginnen. Erdogan und Bill gönnten sich also noch einen Kaffee in der unteren Etage des Gebäudes und warteten.

Kurz vor sechs zogen sie sich in ein leeres Büro zurück, damit niemand sie stören konnte. Jetzt kam es auf sie an.

Als erstes sagte Erdogan ein paar einleitende Worte und stellte Bill vor, der dann den eigentlichen Aufruf startete. Er erklärte, was sie vorhatten, und dass sie dafür 40 Pärchen benötigten. „So, jetzt kommt es darauf an, ob sich jemand meldet.“ Erdogan war froh, dass sie das hinter sich hatten. Sie hatten ihren Auftritt kurz und präzise abgehandelt, hatten wenige beängstigend wirkende Worte benutzt, was Bill mehrfach im Vorfeld als Verunglimpfung und Trivialisierung bezeichnet hatte, doch er hatte sich gebeugt.

„Ja, bleibt zu hoffen, dass ein paar Leute noch Interesse daran haben, eventuell Kinder zu bekommen. Ich bin selber völlig gespannt, ob sich der Zyklus der Frauen wieder einstellen wird und wie lange das wohl dauert.“ Am liebsten wäre es ihm, er hätte schon alle Probanden und könnte loslegen.

„Bill, wir werden genug Probanden zusammen...“ Erdogan wurde von seinem Palm unterbrochen, der anzeigte, dass eine Nachricht eingegangen war. Er rief sie auf und grinste. „Das erste Pärchen hat sich gemeldet und will teilnehmen“, sagte er und dann brach die Hölle los. Bills Palm meldete sich ebenfalls und dann hörte das Piepsen gar nicht mehr auf. Sie hätten nicht gedacht, dass in so extrem kurzer Zeit Resonanz kam, schon gar nicht in dem Umfang und so brachten sie die nächsten beiden Stunden damit zu, die Daten der betreffenden Personen aus der Datenbank der Krankenhäuser zu laden und die geeigneten Probanden von denen zu trennen, die für das, was sie vor hatten nicht geeignet waren. Und so luden sie die vielversprechenden Paare für morgen ein, um sich vorzustellen. Sie wollten wissen, warum die Leute mitmachten. Die Motivation verriet viel darüber, ob jemand durchhielt oder nur neugierig war.

„Wir haben jetzt schon mehr Probanden, als wir benötigen.“ Erdogan rief sich die Liste der Paare auf. Das war auch gut so, denn so konnten sie die perfekt passenden Probanden aussuchen. „Machen wir Schluss für heute. Ich wollte noch zu meiner Mutter.“

„Ja, mach das“, sagte Bill und las weiter. Er tippte auf seinem Palm herum und blickte noch nicht einmal auf. Erdogan konnte also getrost davon ausgehen, dass der Genetiker ganz bestimmt nicht Schluss für heute machte, doch er war alt genug und Erdogan würde ihn nicht dazu ermahnen, sondern machte sich auf den Weg.

Er selber verbrachte ein paar schöne Stunden bei seiner Mutter. Sie hatten sich länger nicht gesehen und die Königin wollte alles wissen, was Erdogan gemacht und erlebt hatte. Später kam sein Vater noch dazu und es wurde recht spät, bis der Prinz ins Bett kam. Bevor er sich aber schlafen legte, schrieb er noch eine kurze Nachricht an Meodin. Erst dann schloss er die Augen, damit er fit für den nächsten Tag war.

Und der begann ziemlich früh, denn Bill war schon vor dem Aufstehen wach und da er die Order hatte, in der Hauptkuppel nichts allein zu unternehmen, hatte er keine Hemmungen den Prinzen so lange mit Anrufen zu wecken, bis der es nicht mehr ignorieren konnte. „Ich wollte dich nur daran erinnern, dass wir um acht die ersten Gespräche haben“, erklärte er lapidar, als der Prinz sich meldete.

„Es ist noch nicht einmal halb sieben“, knurrte Erdogan und gähnte. Er hatte nicht gut geschlafen, war immer wieder wach geworden und hatte neben sich über die Matratze getastet, bis ihm einfiel, dass Meodin gar nicht da war. „Ich bin in einer halben Stunde bei dir. Besorg schon mal Frühstück.“ Erdogan trennte die Verbindung und ließ sich wieder nach hinten fallen. Noch fünf Minuten liegen bleiben. Dabei fiel sein Blick auf seinen Palm, der unaufdringlich blinkte. Als er das Gerät aufnahm, lächelte Erdogan. Meodin hatte ihm einen Gruß geschickt.

„Ach Meo“, murmelte er leise und drehte sich wieder in seinem Kissen, rollte sich ein bisschen zusammen und gähnte verhalten. Doch schließlich schrieb er seinem Seepferdchen einen lieben Gruß zurück und machte, dass er unter die Dusche kam. Bill würde sonst wieder drängeln, denn er bestand auf Pünktlichkeit.

Er schaffte es gerade rechtzeitig und Bill wartete schon auf ihn. „Setz dich, Erdogan, ich habe die vielversprechendsten Kandidaten zusammengetragen. Diese sollten wir besonders gründlich befragen. Von den medizinischen Daten passen sie perfekt.“ Der Genetiker ließ den Prinzen gar nicht zu Wort kommen und öffnete das Hologramm, in dem er die Fakten zu den einzelnen Paaren zusammengestellt hatte. Die Datenbank des Krankhauses hatte ihm heute Nacht gute Dienste geleistet.

„Die ersten beiden sind ein junges Paar, frisch verheiratet und kommen aus einer der kleineren Kuppeln. Sie leben noch nicht lange hier, aber ich habe es untersucht: das Wasser für alle Kuppeln kommt aus einer Quelle. Gleich danach kommt ein Paar mittleren Alters. Sie sind beide kurz über dreißig, haben schon eine Teenager-Tochter und wollen es gern noch einmal versuchen.“ Bill rief nach und nach alle Paare ab, während Erdogan etwas aß, Bill redete und redete.

Der Prinz nickte oder brummte nur immer wieder zwischendurch, damit der Genetiker wusste, ob er einverstanden war oder nicht. Im Großen und Ganzen waren sie einer Meinung, nur bei zwei Paaren hatte Erdogan Bedenken angemeldet. Das eine Paar war ihm zu jung und schien seiner Meinung nach noch zu unreif für ein Kind und das andere hatte eine kleine genetische Auffälligkeit. „Wir sollten sie auf die zweite Liste setzen, für den Fall dass welche abspringen, denn der Gendefekt könnte vielleicht die Ergebnisse verfälschen. Wir brauchen in etwas gleiche Voraussetzungen für alle Probanden – auch bei den Männern. Wie steht es eigentlich bei denen? Ist die Zeugungsfähigkeit eigentlich überprüft worden? Nicht dass es dann daran scheitert“, fragte Erdogan, sie wollten alles abklopfen.

„Japp. Alle Männer haben irgendwann einen Fruchtbarkeitstest gemacht. Von dort wird es kein Probleme geben.“ Darauf hatte Bill geachtet, denn solche Patzer konnten sie sich nicht leisten, wenn sie weiterhin das Wohlwollen des Fürsten behalten wollten. „Wir werden aber trotzdem vor Anfang der Testreihe noch einmal die Zeugungsfähigkeit überprüfen.“

„Davon gehe ich aus, wir brauchen Werte.“ Erdogan war sich noch nicht schlüssig, in welcher Form sie das Experiment kontrollieren wollten. Schlussendlich würde es wohl darauf hinaus laufen, dass sie sich ein Gebäude suchten, in dem die Probanden wohnten, wo sie bekocht wurden und wo sie gezielt mit dem entsprechenden Wasser versorgt werden konnten. Es mussten Regeln aufgestellt werden, dass draußen nichts gekauft und zu sich genommen werden durfte, alles musste vom Experimental-Labor mitgenommen werden. Es würde eine Umstellung werden, doch es musste klappen. „Wer wird die Versuche überwachen? Hier vor Ort?“

„Das werde ich übernehmen. Allan wird mir dabei helfen.“ Bill schmeckte es zwar nicht, sein Labor auf Bonder aufzugeben, aber er wollte dieses Experiment nicht aus der Hand geben. Es hing einfach zu viel davon ab.

Erdogan grinste, wenn Allan wieder hier war, konnte er Leander dann öfter mal die Aufträge hier in der Hauptkuppel erteilen, nicht dass er wieder mit mieser Laune herum lief, weil sein Liebling wochenlang nicht da war. Doch dazu schwieg er, darüber wollte er mit seinem Freund unter vier Augen reden. „Alles klar, sag was du brauchst. Eine Immobilie werden wir anmieten, wenn wir wissen, wie viele Probanden wir haben werden. Das Wasser wird mit einem Tankwagen aus P0061 gebracht, ich will nicht, dass in einer Pipeline irgendjemand pfuschen kann. Ich werde Connor fragen, ob er eure Küchen übernehmen will.“ Erdogan war sich nicht so sicher, ob es den Mole in die Hauptkuppel zog, das sollte der allein entscheiden.

„Ja, frag ihn.“ Bill hatte die Moles nach anfänglicher Skepsis voll akzeptiert. Er war fasziniert von der Stärke, Widerstandskraft und schnellen Auffassungsgabe der Moles und hatte schnell ihre Fähigkeiten schätzen gelernt. Viele arbeiteten in seinem Labor, wo sie Versuche überwachten. Allen voran Adrian, der von Tag zu Tag besser wurde. Er war so unglaublich begabt, dass Bill angefangen hatte, ihn auszubilden. Gern würde er ihn auch mit in die Hauptkuppel nehmen, doch er hatte noch ein paar andere Versuche laufen, die der Mole überwachen musste. Er war der beste Mann dafür.

Sie gingen noch ein paar Dinge durch, die sie klären mussten. Erdogan telefonierte wegen einer Immobilie, da klopfte es auch schon. Das erste Pärchen war da und streckte schüchtern die Köpfe in das Zimmer.

„Guten Morgen. Kommen sie herein“, begrüßte Erdogan sie und stand auf, um die Tür ganz zu öffnen. „Nehmen sie doch Platz“, bat er und deutete auf Bill. „Dr. Harper und ich möchten uns mit ihnen unterhalten, um herauszubekommen, warum sie an diesem Experiment teilnehmen möchten.“

„Natürlich, deswegen sind wir ja hier und wir hoffen inständig, dass wir wirklich ausgewählt werden“, sagte sie und stellte sich vor. Ihr Name war Phyllis und seit drei Jahren war sie mit ihrem Mann Frey verheiratet. Beide arbeiteten in geregelten Berufen in der Verwaltung. Sie gehörten also zur abgesicherten Mittelschicht und hätten genügend Zeit, ein Kind aufziehen zu können.

So kamen sie mit Bill und Erdogan ins Gespräch, die immer wieder mal eine Frage einstreuten, die auf ihrem Zettel stand, doch sie wollten die Befragung nicht wie ein Verhör aufbauen. Sie erfuhren auch so, was sie wissen wollten.

„Ihnen muss aber klar sein, dass es eventuell nicht an dem Stoff im Wasser gelegen hat, dass unsere Frauen nicht mehr schwanger werden und vielleicht nichts passiert. Können sie damit umgehen?“, wollte Bill wissen. Denn auch die psychische Stabilität war wichtig für ihn. Würden sie durchhalten.

„Das ist schwierig zu beantworten“, sagte Frey und nahm Phyllis Hand. „Wenn wir beide uns nicht Kinder wünschen würden, dann wären wir nicht hier. Das was sie vorhaben bringt uns diesem Wunsch näher, als wir je zu hoffen gewagt haben. Sicher wären wir sehr enttäuscht, wenn es nicht klappt, aber wir werden daran nicht zerbrechen, nicht wahr Schatz?“ Phillys nickte. „Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben, dass ein Weg gefunden wird, dass wir ein Kind bekommen.“

Zufrieden mit der Antwort machte Bill ein Haken hinter das Pärchen und erklärte noch kurz, wie das Experiment ablaufen sollte. Erdogan hatte eine Immobile gefunden und bereits veranlasst, dass sie für 40 Paare hergerichtet wurde, mit allem was notwendig war. Küchen bekamen die Apartments nicht, die Bäder für die Versuchgruppen mussten separat gespeist werden.

Nach einer halben Stunde waren sie mit dem ersten Paar durch und die nächsten kündigten sich durch klopfen an. Jetzt waren Bill und Erdogan schon gezielter und wussten, woraus sie achten mussten, was sie wissen wollten und so kamen sie gut über den Tag. Sie gönnten sich nur kurze Pausen, um so viele Daten wie nur möglich zu sammeln. Erdogan kam das ganz gelegen, das lenkte ihn ab.

Er vermisste Meodin. Er wusste selber, dass das unsinnig war, aber er konnte nichts dagegen machen. Sein Seepferdchen war nun einmal das Wichtigste auf der Welt geworden und nachdem sie den ganzen Tag über Kinder geredet hatten, wusste er, dass er ebenfalls welche haben wollte, aber nur mit Meodin. Gerade schloss Bill die Tür hinter dem letzten Pärchen und ließ sich in den Sessel fallen. „Das waren alle und wir haben genug Probanden. Wir können starten.“

„Aber nicht mehr heute“, sagte Erdogan. Er musste verhalten gähnen. Wie konnte Bill noch so frisch sein? Der Wissenschaftler schien aus dem Stress noch seine Energie zu ziehen, Erdogan konnte das nicht. Er war ausgebildeter Kämpfer. Er konnte tagelang marschieren, sich körperlich anstrengen, doch solche Tage wie heute raubten ihm Nerven und Energie.

„Na gut.“ Bill grinste und hatte schon wieder seinen Palm in der Hand. „Ich bleibe gleich hier, du fährst also morgen alleine zurück. Ich werde dir eine Liste von Dingen mitgeben, die ich aus meinem Labor brauche. Vor allen Dingen Allan, damit ich loslegen kann und wenn Adrian mit seinen Experimenten fertig ist, den auch.“

„Du bleibst also gleich hier.“ Erdogan nickte, ihm sollte es recht sein. So war gleich jemand vor Ort, der sich um alles kümmern konnte und vor allem jemand, der wusste, auf was zu achten war. Den ersten Tankwagen hatte er schon in die Dekontaminierung geschickt. Er selbst würde das morgen beaufsichtigen und den Wagen zur Kuppel fahren, den Shuttle der Tanklastwagen würden dann seine Soldaten übernehmen. Ebenso musste ein Reservoir unter dem Haus geschaffen werden, die Leitungen dekontaminiert. Das war eine Menge Arbeit, aber sie hatten alle das Ziel vor Augen – jeder würde sein bestes geben.

„Warum hin und her fahren. Ich werde gerade hier gebraucht, also bleibe ich hier.“ Bill sah das pragmatisch. Er war ja nicht aus der Welt. Innerhalb kürzester Zeit konnte er zwischen den Kuppeln pendeln.

 

„Okay, dann mach deine Liste fertig und schick sie mir auf meinen Palm. Ich muss mich noch etwas bewegen.“ Erdogan streckte sich. Das lange Sitzen war nichts für ihn. Er wollte noch ein wenig trainieren, damit er sich wieder besser fühlte. Er hoffte darauf, dass er dann besser schlafen konnte. Und je früher er aus dem Bett kam, umso schneller konnte er sich um den Tanker kümmern und nach P0061 aufbrechen. Erdogan schickte seinem Seepferdchen noch einen Gruß und verschwand dann in eines der Nebengebäude, in dem die Trainingsräume untergebracht waren. Er wollte jetzt laufen und das Laufband war da ideal.

Fast zwei Stunden tobte der Prinz sich aus und danach war er zufriedener und müde genug um schnell einzuschlafen. Er hatte sich den Wecker auf sechs Uhr gestellt, damit er den Tankwagen noch einmal überprüfen konnte, bevor er ihn zur Kuppel brachte.

12

„Hoheit, ihr seid schon wach?“ Die Mitarbeiter der Dekontaminierungsanlage reinigten einen der Tanker, in denen sonst Milch transportiert wurde. Als er des Prinzen ansichtig wurde, hastete er gleich zu ihm, denn sie waren noch nicht ganz fertig. Sie hatten erst einmal einen Wagen auftreiben müssen und es wurde nicht leichter, denn es wurden noch vier weitere Tanker benötigt.

„Macht weiter, ich wollte mir nur einen Überblick verschaffen, wie weit ihr schon seid.“ Erdogan klopfte dem Arbeiter beruhigend auf die Schulter, denn er wirkte ziemlich nervös. Er hatte wohl bisher nicht oft Kontakt mit dem Prinzen gehabt.

„Ja, klar!“ Der Mann hastete wieder davon und verschwand im Tank, während Erdogan sich in eine Ecke verzog, wo er am wenigsten störte und seinen Palm auf Meodins Kameras schaltete. Im Bett lag Meodin schon nicht mehr, was hatte Erdogan auch erwartet? Meodin ging in seiner Aufgabe auf, er war wie ein Schwamm. Einen Großteil dessen, was er las, behielt er auch. Das war erstaunlich.

Sein Seepferdchen war richtig aufgeblüht, seit er eine Aufgabe hatte, die ihm Spaß machte und bei der er wusste, dass sie Erdogan bei seinen Aufgaben half. Erdogan musste lächeln, als er Meodin ins Schlafzimmer hetzen sah. Nackt, die Haare noch feucht. Anscheinend kam er gerade aus der Dusche und wollte sich jetzt anziehen und wie die letzten Tage auch war ihm wieder eine Suchanfrage dazwischen gekommen. Dann überwog die Neugier und alles andere wurde nebensächlich. Erdogan hatte das schon leidlich erfahren und war ziemlich zufrieden, dass Meodin sogar sich selbst vergaß. „Erkälte dich nicht“, murmelte Erdogan leise und steckte den Palm wieder weg.

Er wollte nach dem Wagen sehen und langsam los. Leander schickte zwar regelmäßig Berichte, wie es in der Kuppel lief, aber der Prinz wollte zurück. Sie waren gerade in einer so heiklen Phase, da wollte er nicht, dass jemand anderes dafür die Verantwortung übernehmen musste, falls etwas schief ging. „Wie sieht es aus?“, fragte er den Techniker, als er am Wagen ankam.

„Fertig!“ Der Mechaniker strahlte und wirkte sehr zufrieden. Er wischte sich die Finger an der Hose sauber und deutete auf den Wagen. „Sie müssen ihn nur vorher noch einmal mit dem füllen, was sie transportieren wollen, damit er dann wirklich rein ist“, erklärte der Techniker. Er wusste nicht genau, was der Prinz mit dem Wagen vor hatte, er hatte nur etwas über anderes Wasser gehört, doch ihn ging es nichts an.

„Perfekt. Gute Arbeit. Vielen Dank“, lobte Erdogan den Mann. Er war mehr als pünktlich fertig geworden und das freute ihn. „Die anderen Wagen sollen auch so schnell wie möglich fertig werden. Ich werde Männer schicken, die sie dann übernehmen.“

„Ja, ich werde das veranlassen!“, beeilte sich der Mechaniker zu versichern und lächelte. Er wirkte erleichtert, denn er hatte sein erstes Zusammentreffen mit dem Prinzen der Kuppel heil überstanden. Er hatte über Prinz Erdogan schon anderes vernommen, wenn es nicht wie erwartet funktionierte.

Erdogan beeilte sich indes, den schweren Wagen vom Hof zu manövrieren, dann wurde er in das Schienennetz eingeklinkt und suchte sich seinen Weg in die Kuppel. Mittlerweile waren die Wege nach P0061 alle befestigt und die Durchgänge auch für große Transporter ausreichend dimensioniert. Und weil der Wagen fast alles selber tat und Erdogan nicht viel eingreifen konnte, griff er sich wieder seinen Palm.

Ein kleines Lämpchen blinkte und Erdogan lächelte, als er sah, dass Meodin ihm etwas geschrieben hatte. Sein Lächeln wurde noch breiter, als er las, dass sein Seepferdchen ihn wohl vermisste, weil es wissen wollte, wann er denn wieder Zuhause wäre. Er hatte gerade eine Antwort getippt, dass er bald zurück wäre, als sein Palm erneut blinkte. Die Nachricht kam auch von Meodin aber das, was er las, ließ ihn die Augenbrauen zusammenziehen. Meodin hatte etwas über die anderen gefunden. Doch er wollte noch nichts verraten. Er schrieb, dass auch die anderen eine Nachricht bekommen würden und sie sich treffen mussten, um zu reden. Er kam nicht weiter.

Erdogan knurrte leise. Meodin verstand es Spannung aufzubauen! Also lehnte er sich in seinem Sitz zurück, kontrollierte mit einem Auge immer die Anzeigen des Wagens, damit er nicht von der schiene abkam und wählte Meodins Palm an. Es klingelte überraschend lange, sodass Erdogan schon enttäuscht wieder auflegen wollte, doch dann hörte er Meodin. „Erdogan – bist du schon auf dem Weg?“

„Hallo Schatz. Ja, ich bin schon unterwegs, in ungefähr einer halben Stunde bin ich da.“ Erdogan lehnte sich wieder zurück und lächelte. „Kannst du das Treffen arrangieren, ich melde mich kurz bevor ich da bin. Was genau hast du denn gefunden?“

„Schön“, sagte Meodin und wirkte entspannter. Er lehnte sich ebenfalls etwas zurück und nickte. „Ich werde mich darum kümmern, dass alle Bescheid wissen und vor allem werden wir Thom brauchen. Ich glaube zwar, dass ich auf einen Namen gestoßen bin aber auch auf etwas, an das ich nicht ran komme, es ist gesichert.“

„Einen Namen?“ Erdogan wurde neugierig. Sollten sie endlich eine Spur zu diesen Unbekannten gefunden haben? „Du hast eine gesicherte Datei gefunden? Wieso denkst du, dass sie uns zu diesen Anderen führt?“ Erdogan hoffte, dass sein Schatz seine Fragen nicht als Misstrauen interpretierte, denn das war es ganz sicher nicht. Er wollte nur einfach sicher gehen. Meodin schwieg eine Weile. „Es stand dran“, erklärte er dann allerdings etwas patzig, weil er es sehr wohl als Misstrauen aufgefasst hatte. Erdogan konnte ja nicht wissen, dass er jetzt schon der vierte war, der ihm diese Frage stellte und Meodin allmählich das Gefühl hatte, als würde ihm hier keiner über den Weg trauen.

Erdogan hob überrascht eine Augenbraue und sah Meodin entschuldigend an. „Schatz, ich glaube dir doch. Ich wollte doch nur wissen, wie du darauf gekommen bist.“ Das Meodin seine Frage so falsch aufgefasst hatte, tat ihm leid. Doch da war das Seepferdchen auch schon wieder versöhnt, denn er spürte genau, dass Erdogan Reue in seiner Stimme hatte. Er hatte ja auch gar nicht so rabiat antworten wollen, doch jetzt noch einmal das gleiche zu hören, hatte ihn genervt. „Es stand wirklich da. Sie haben einen ganzen Ordner zusammengestellt, in dem sie alles zusammengetragen haben. Immer wieder ist von denen die rede und in einem Bericht werden sie bei dem Namen Jiang Shi genannt. Und als ich danach gefiltert habe, habe ich einen Ordner gefunden, der den Namen trägt aber der wohl durch ein Passwort geschützt ist. Thom hat gesagt, ich soll ihn mehrfach auf unabhängigen, nicht verbundenen Datenträgern sichern, nicht dass die Datei sich auslöscht, wenn man zu lange falsche Sachen eingibt. Das mache ich gerade. Dann sehen wir weiter.“

Erdogan hatte aufmerksam zugehört und war wirklich erstaunt, wie weit Meodin in der kurzen Zeit gekommen war. „Jiang Shi“, murmelte er leise und nickte. „Das machst du genau richtig. Zieh so viele Kopien wie du kannst. Das hast du wirklich gut gemacht.“

Meodin strahlte und wusste erst gar nicht, was er sagen sollte. Doch um seine Verlegenheit zu überspielen erklärte er, dass er gleich fertig wäre mit den Kopien, aber vor der Besprechung würde er an der Datei nichts machen. Thom hatte es ihm außerdem verboten. Das Dokument war zu wichtig, als dass man unbedacht heran gehen sollte. Er wollte das Dokument untersuchen, testen, und versuchen zu ergründen, nach welchem Algorithmus verschlüsselt worden war. Denn der Techniker ging nicht davon aus, dass man einer Akte über den Erzfeind so nachlässig sicherte.

„Thom wird das schon schaffen und wenn wir sie öffnen können, dann werden wir uns die Daten zusammen ansehen.“ Dass das noch dauern konnte, wusste Erdogan zwar, aber das hielt ihn nicht davon ab, sich auszumalen, was diese Anderen für Wesen waren, so dass die Gottgleichen sie fürchteten. Er sah auf seine Uhr und lächelte Meodin an. „Wir treffen uns in zwanzig Minuten. Hol bitte alle zusammen.“

„Ja, mach ich – bis gleich!“ Meodin trennte die Verbindung und setzte sich wieder in Bewegung. Er hatte mitten im Flur gestanden und es war ihm gleich gewesen, ob ihm jemand zuhörte oder nicht. Jetzt sah er sich um und ging zurück in das Labor, wo sein Hauptquartier aufgeschlagen worden war. Er musste öfter vor die Tür, denn die Klimaanlagen schafften es kaum, die Luft da drinnen erträglich zu machen.

Schnell hatte er das interne Kommunikationssystem angewählt, die IDs derer, die er erreichen wollte, angewählt und versendete die Nachricht zum Gespräch. Das war der schnellste Weg und Meodin hatte schnell begriffen, wie das funktionierte, denn so verteilte er auch seine Berichte.

Nach und nach kamen die Bestätigungen rein und Meodin war sehr zufrieden. Er ging schon einmal zum Konferenzraum vor und holte auf dem Weg noch etwas zu trinken und zu essen, damit sie zwischendurch nicht los mussten, um etwas zu holen. Er wusste dass die meisten so gestrickt waren wie er selbst. Wenn man ihn nicht dazu nötigte, indem man ihm den Strom abstellte, kam er gar nicht zum Essen. Diego hatte von Erdogan die Aufgabe, jetzt immer darauf zu achten, dass Meodin ordentlich aß, dem Kleinen konnte das Seepferdchen nämlich nichts abschlagen. Gut, wenn der Mensch Geheimwaffen hatte!

„Na? Was gibt es so dringendes?“ Allan war der erste, der sich einfand. Doch ihm folgten Bill und Jack. „Gleich, sind noch nicht alle da. Greift schon mal zu“, versuchte Meodin Zeit zu schinden.

„Kommen etwa alle?“, fragte Bill. Das konnte nämlich nur bedeuten, dass etwas Wichtiges im Gange war und das machte es ihm nicht leichter zu warten. „Los komm, rück schon raus“, drängte er Meodin, der ihn etwas verschreckt ansah. „Erst wenn alle da sind“, half ihm eine Stimme von der Tür, die Leander gerade hinter sich schloss. Erleichtert kam Meodin ihm etwas entgegen und wich dem Soldaten auch nicht mehr von der Seite. Der wusste schon, dass Meodin bei Bill immer noch etwas verstört reagierte. Ab und an träumte er auch noch schlecht, ohne sich daran zu erinnern. Nur Erdogan bekam es immer mit.

„Erdogan, die Brüder und die Moles fehlen noch“, überblickte Leander und setzte sich. Er hatte Hunger, jetzt wo er die belegten Brote sah.

„Und wann kommen die?“, muffelte Bill, der es gar nicht schätzte, warten zu müssen. „Wenn sie da sind“, erklärte Leander unbeeindruckt und biss in sein Brot. Sicher hatte Bill viel zu tun, aber eigentlich sollte der Genetiker wissen, dass man ihn nicht wegen einer Lappalie von seinen Forschungen abzog. Doch das hielt ihn nicht davon ab, dies noch einmal zu betonen und Meodin zog den Kopf ein. „Du musst ja nicht warten“, erklärte er kleinlaut, „kannst auch wieder gehen und wir informieren dich, wenn wir fertig sind.“ Er war sich nicht mehr so sicher, ob sein Rundumschlag mit der Einladung die richtige Methode gewesen war. Doch da tauchten zum Glück schon die Moles auf. Wieder ein paar mehr.

Fehlten nur noch die Brüder und Erdogan, die gemeinsam mit Archiaon und Elaios kurz nach den Moles ankamen und so Bill den Wind aus den Segeln nahmen. Leander rief alle an den Tisch und sah zum Seepferdchen, das gleich zum Prinzen gelaufen war und nun neben ihm saß. „Meodin hat etwas gefunden, das wichtig für uns sein kann“, fing er an und nickte Meodin zu, damit er berichten konnte.

Mit zittrigen Fingern öffnete Meodin die Dateien, die er gefunden hatte und in denen er auf einen Namen gestoßen war. Hastig wickelte er ab, was er getan und auf was er gestoßen war und setzte sich dann eilig wieder. Er mochte es gar nicht, wenn alle ihn so erwartungsvoll anguckten – wie stand Erdogan das jedes Mal durch?

Erdogan drückte kurz seine Hand und sah dann in die Runde. „Das ist der bisherige Stand. Wir haben einen neuen Posten auf unserer Prioritätenliste. Zwar wissen wir nicht, ob diese Datei etwas enthält, was für uns wichtig ist, aber eventuell finden wir so neue Verbündete.“

„Oder neue Feinde“, sagte Archiaon. Er kannte seine alten Wegbegleiter nur zu gut und wenn sie jemandem so mit Furcht begegneten, war mit dem nicht gut Kirschen essen, da war sich der Senator sicher. „Wir sollten nicht zu viele Hoffnungen in diese Unterlagen stecken.“

„Sollen wir sie also ignorieren, oder was?“, schoss Jack dazwischen, doch Archiaon schüttelte den Kopf. „Das habe ich nicht gesagt Jack, ich sage nur, dass wir vorsichtig damit sein sollten, was wir finden. Es wird einen Grund haben, wenn die Gottgleichen die Information sogar vor ihren eigenen Leuten absichern.“

Dagegen konnte Jack nichts sagen. „Wir können immer noch entscheiden, was wir machen, wenn wir die Datei öffnen können“, warf Erdogan dazwischen und sah Thom an. „Und hier kommst du ins Spiel. Diese Datei ist geschützt und nicht einfach nur mit einem Passwort.“

„Ich weiß“, sagte Thom. Es war ja nicht so als hätte er das Prachtstück nicht schon untersucht. Doch er hatte keinerlei Ideen, wie er vorgehen sollte. Man sah ihm seine Verzweiflung an und so sagte Archiaon: „ich glaube zwar nicht, dass sie so doof sind, aber zeig mir mal die Datei. Vielleicht kann ich etwas mit der Verschlüsselung anfangen.“ Für bestimmte Ebenen benutzten die Gottgleichen die gleichen Arten der Codierung, vielleicht hatten sie an dem System ja nichts geändert, seit er ausgestiegen war. Dann wussten sie wenigstens, in welche Richtung die Decodierungsprogramme spezifiziert werden mussten.

„Versuch dein Glück.“ Thom rückte ein wenig zur Seite, damit Archiaon sich den Bildschirm besser ansehen konnte. Der Senator tippte ein wenig herum, damit er sehen konnte, wie die Verschlüsselung aufgebaut war. Er musste ein wenig suchen, bis er gefunden hatte, was er brauchte. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie so traditionell sind“, murmelte er und tippte in einer zweiten Datei ein paar Kombinationen, die zusammen einen Code ergaben. „Das ist das Muster“, nuschelte er und Thom nickte verstehend. Er hatte ähnliches schon einmal gesehen. Er startete auf einem externen Datenträger, auf den Meodin die Datei kopiert hatte, den ersten Decodierer.

Neugierig scharten sich alle um Archiaon und Thom. Viel war auf dem Bildschirm nicht zu sehen, aber trotzdem sahen alle hin und warteten, dass etwas passierte. Jack murrte, denn das dauerte ihm alles zu lange. „Wird das noch was?“, fragte er. Wortlos reichte Thom ihm einen zweiten Datenträger, den Meodin ebenfalls präpariert hatte und sah Jack auffordernd an. „Versuch es selber mal, um dir die Zeit zu vertreiben, würde ich sagen.“

Doch Jack schnaubte nur und alle grinsten. Das war typisch für den Geologen, aber mittlerweile wusste alle mit seinen Macken umzugehen. „Dachte ich’s mir doch“, murmelte Thom und drehte sich wieder zum Bildschirm, weil Archiaon ihn antippte. „Da tut sich was.“

Thom wandte sich um und blickte auf den Bildschirm. „Wir... sind drin“, sagte er ungläubig und wusste nicht, ob er heulen oder lachen sollte. Hatten sie es wirklich schon geschafft? So schnell? Doch ehe er anfing zu denken, hatten seine Finger schon dafür gesorgt, Sicherungskopien der frei gelegten Daten zu ziehen, ehe sich etwas löschte und sie nichts davon hatten. Er spiegelte auf ein paar angeschlossene Datenträger und trennte diese dann vom Netz. Für einen startete er altmodisch einen Druckauftrag, denn was sie Schwarz auf Weiß besaßen, konnte kein Schadprogramm mehr löschen.

Erst dann fing er an zu lesen.

Er überflog die Zeilen auf der ersten Seite und seine Augen wurden immer größer und ungläubiger. „Ach du Scheiße“, murmelte er völlig fassungslos und sah auf, direkt in die fragenden Augen seiner Freunde. „Wir sind am Arsch, Leute.“

Er drehte den Monitor so, dass die anderen ihn ebenfalls einsehen konnten und schnell wurde ihnen klar, was Thom meinte. Leander sprach es aus: „Vampire!“

 

Ende Zyklus VI

Danke fürs Lesen ...