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Zyklus VI – Neo New York - Teil 7 - 9


07 

Wie vermutet fand Erdogan den Senator bei Bill, tief in die Daten vergraben. Neben ihm lag ein Block mit Notizen, wo er sich immer wieder etwas notierte. „Na, was interessantes gefunden?“, fragte Erdogan und setzte sich neben Archiaon. „Ich wollte dich fragen, ob du mit uns Kuppeln raussuchst, zu denen wir Kontakt aufnehmen können.“

„Klar kann ich das machen“, nickte Archiaon, spürte im Rücken aber den missbilligenden Blick seines behandelnden Arztes. „Daniel, ich werde im Observatorium sitzen und mich so wenig wie möglich bewegen, versprochen.“ Er raffte seinen Block. Viel hatte er noch nicht gefunden, was er selber gebrauchen konnte. Zwar kümmerte man sich in erster Linie um die Zukunft von Neo New York, doch wenn er Hinweise auf seine Kuppel fand, wollte er wissen, wo er nachhaken musste beim Suchen.

„Nach welchen Kuppeln, willst du suchen?“, fragte er auf dem Weg. „Nach den aufgegebenen oder denen wie Neo New York?“  Archiaon wollte wissen, wonach er Ausschau halten sollte. „Ich weiß noch nicht. Aufgegeben, heißt noch lange nicht, dass wir dort willkommen sind, also sehen wir erst mal, was es so gibt.“ Erdogan wusste noch nicht, was sie brauchten.

„Sie sollten nicht zerstört sein und erreichbar“, grenzte Erdogan ein, „aber sonst sollten wir wirklich sehen, welche Informationen wir über die Kuppeln bekommen können. Dann entscheiden wir.“ Sie arbeiteten in den blauen Dunst hinein, denn sie hatten noch keinen Schimmer. Der Prinz hoffte inständig darauf, dass sich das Konzept entwickelte, sobald sie vor der Weltkugel standen und die bunten Lichter blinkten.

„Okay, gucken wir was sich machen lässt.“ Archiaon nickte. Er musste zusehen, dass er den Prinzen wieder auf Linie bekam. Im Augenblick war er völlig neben der Spur.

Leander wartete schon auf sie und ging gerade um die Weltkugel, um sich anzusehen, welche Kuppeln überhaupt in Frage kamen. Die zerstörten und verseuchten Kuppeln blendete er aus. Die wollten sie eh nicht besuchen und lenkten nur ab. „Ah, da seid ihr ja. Ich hab schon mal angefangen.“ Leander sah kurz zu seinen Freunden und nahm seinen Rundgang wieder auf.

„Das ist löblich“, erklärte Erdogan und schloss sich seinem Freund an. Archiaon hatte das ebenfalls vor, doch die Stimme aus dem Lautsprecher, die ihn an sein Versprechen erinnerte, ließ ihn sich auf den Steinkreis setzen. Er knurrte leise. Der gefürchtete Mann im Lager war definitiv der erbarmungslose Arzt, der seine Patienten überall fand. Leander grinste, blickte aber nicht hoch zur Kamera.

„Schauen wir uns erst mal Kuppeln an, die in unserer Nähe sind und leicht zu erreichen“, schlug Erdogan vor. „Und dann müssen wir mal sehen, was wir über die Kuppeln erfahren können.“ Das letzte, was sie brauchten, war ein kriegerisches Volk auf sich aufmerksam zu machen. Den Kampf würden sie nicht gewinnen. So viel stand fest.

Die Kuppel in der Nähe von Neo New York war zerstört, aber auf der anderen Seite des Kontinents gab es noch Kuppeln, die bewohnt waren, San Francisco, Los Angeles und Las Vegas waren bewohnt. Jetzt mussten sie nur noch rausfinden, ob es eine Möglichkeit gab sie zu erreichen. Erdogan deutete darauf und sah Archiaon an. „Wie kommen wir dorthin.“

Schnell hatte Archiaon erklärt, was gemacht werden musste, denn er wagte nicht, sich zu erheben und herum zu laufen, nicht dass er wirklich noch still gelegt wurde durch seinen Arzt. „Das sind alle Möglichkeiten“, erklärte Archiaon, als die Wege durch und um den Kontinent angezeigt wurden.

„Die drei Kuppeln sind untereinander verbunden“, murmelte Erdogan und folgte mit dem Finger der Verbindung, die an die Ostküste führte bis nach Neo New York. „Eine Verbindung gibt es schon mal. Wir könnten also dort hin. Ist nur die Frage, ob wir das auch wollen.“ Sie waren alle grün/blau so wie ihre eigene.

„Können wir von hier aus auch auf die Daten zugreifen, die aus dem Archiv überspielt werden? Vielleicht können wir dann entscheiden, ob wir uns dort blicken lassen oder ob wir lieber so tun, als wären wir nicht da.“ Auch Leander stand vor der Verbindung. Sie schien dort zu starten, wo auch sie die Tunnelbahn gefunden hatte. Erst war die Strecke hellblau, dann dunkel. Nachdenklich strich er mit dem Finger über den Übergang. „Das helle sind normale Bahnen, so wie die zur Hauptkuppel. Das dunkelblaue sind Vakuumstrecken, die unglaubliche Geschwindigkeiten zulassen, weil die Reibung beim Transport wegfällt.“

„Vakuum?“ Erdogan war das Prinzip vertraut, aber er hatte noch nie von solchen Bahnen gehört. „Dann ist die Fahrt natürlich viel schneller.“ Er sah sich die drei Kuppeln noch einmal an. „Wir sollten nach Daten über die drei Städte suchen, damit wir wissen, ob es sich lohnt dort hinzu fahren.“

„Und nach Alternativen, wenn die Kuppeln für uns nicht in Frage kommen“, sagte auch Leander und betrachtete sich noch einmal die Weltkugel. „Außerdem sollten wir uns überlegen, welche Wege wir verfolgen werden. Wir können entweder nach neuen Quellen suchen oder die verseuchten regenerieren, vorausgesetzt das Mittel ist im Wasser und nicht im Körper.“ Der Soldat war immer leiser geworden, er sprach eher mit sich selbst als mit seinen Freunden.

„Lass uns alle zusammentrommeln, damit wir gemeinsam besprechen können, was wir machen sollen.“ Bisher hatten sie alle wichtigen Entscheidungen in der Gruppe getroffen und waren gut damit gefahren. Keiner fühlte sich ausgeschlossen und konnte Ideen beisteuern. Ein Ganzes war eben doch mehr als die Summe seiner Teile und so nickte Leander. „Ja, das sollten wir machen. Ich schicke allen eine Nachricht. In einer Stunde sollen sie sich hier einfinden. So lange können wir noch gucken, welche Kuppeln für Kontakte in Frage kommen.“

„In Frage kommen viele, erst die Datenbank wird uns sagen können, welche wir anfunken sollten und wo wir lieber so tun, als wären wir nicht da“, entgegnete Archiaon. Er wusste von allen am besten, dass man die Gottgleichen nicht mehr als unbedingt nötig auf die eigene Fährte locken sollte.

Er ging um die Kugel und tippte immer mal wieder auf eine der Kuppeln, um herauszufinden, welche Städte sich darunter verbargen. „Die gelben wären vielleicht eine Option. Die sind für die Gottgleichen uninteressant. Das kann aber auch bedeuten, dass dort rein gar nichts ist.“

„Es geht ja darum, Verbündete zu finden und eventuell frisches Genmaterial. Wir sollten alle Kuppeln abchecken, die auch nur irgendwie zugänglich sind“, überlegte Leander und strich sich durch die Haare. Er beobachtete Erdogan, der an einer Säule lehnte und abwesend wirkte. Also ging er zu ihm und tippte seinem Freund auf die Schulter. „Was ist eigentlich los mit dir? Wir haben schon tiefer in der Scheiße gesteckt, würde ich sagen und da warst du nicht so durch den Wind.“

Erdogan war ein wenig zusammengezuckt, als Leander ihn ansprach. „Du kennst mich viel zu gut“, grinste der Prinz schief und deutete mit dem Kopf auf das andere Ende des Raumes. Er wollte nicht, dass jemand hörte, was er zu sagen hatte. „Meodin funktioniert, hat er mir heute erzählt“, begann Erdogan und lehnte sich an die Wand. „Hera hat es ihm gesagt, als sie ihn entführt haben.“

„Was meinst du mit: er funktioniert. Bill hat doch festgestellt, dass die Units nicht das Ergebnis bringen würden, was erwartet wurde.“ Leander war irritiert und sah Erdogan mit schief gelegtem Kopf an.

„Meodin kann Kinder austragen. Hera hat ihn untersucht und es ihm nur erzählt, weil sie ihn töten wollten. Darum glaube ich das auch, denn jemanden, den man töten will, muss ich nicht mehr anlügen.“ Erdogan stieß sich von der Wand ab und begann hin und her zu laufen. „Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn nicht dränge und er entscheiden darf, ob er Kinder bekommen will oder nicht.“

„Er sollte sich mit der Entscheidung Zeit lassen. Er weiß noch viel zu wenig über die Welt, in der wir leben, er selbst weis auch über sich noch viel zu wenig und wenn er kein Experiment ist, sondern einer von uns, sollte er die Entscheidung selber fällen, da gebe ich dir Recht.“ Und so war das auch, keiner von ihnen – nicht einmal Bill – sah Meodin als Experiment an. Er war ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft. „Nur sollte niemand etwas davon erfahren, sonst...“ Leander ließ den Satz offen.

„Da bin ich ganz deiner Meinung. Das sollte ein Geheimnis zwischen uns dreien bleiben.“ Erdogan war froh, dass Leander es genauso sah wie er selbst. „Weißt du, was das heißt? Ich könnte Kinder haben. Wenn Meodin bereit ist, Kinder zu bekommen - sie mit mir zu bekommen, wie ich hoffe.“

Leander grinste und schlug seinem Freund auf die Schulter. „Sorgen wir erst einmal dafür, dass diese Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie keine Angst vor Wahnsinnigen haben müssen“, schlug er vor und grinste. Jetzt konnte er verstehen, warum der Prinz so durch den Wind war und ihm war auch klar, dass Erdogan sich wieder fangen würde. Er zweifelte nicht an ihrer Mission, er war momentan nur etwas überfordert. Das wurde schon wieder.

„Ganz genau, die kleinen Erdogans mit schwarzen Augen und Rückenflosse“, lachte der Prinz und jetzt fühlte er sich besser. Es hatte gut getan, mit Leander zu reden, auch wenn er das, was sie besprochen hatten, auch selber schon gewusst hatte. „Danke.“

„Nichts zu danken und jetzt los. Archiaon darf sich nicht belasten. Wir sollten noch ein paar Kuppeln heraus filtern, nach denen sich Thoms Jungs dann mal umhören sollen.“ Bis die Kollegen eintrafen, wollten sie noch ein paar Dinge in der Hand haben und während Erdogan sich zu Archiaon gesellte, schrieb Leander herunter, welche Alternativen sie jetzt hatten. Es musste abgestimmt werden, welchen Weg sie verfolgen wollten.

„Wir haben erst einmal drei Kuppeln ausgesucht. Einmal Hong Kong dann die Cango Caves in Südafrika und San Francisco. Diese drei wollen wir überprüfen und wenn sie okay sind, planen wir eine kleine Reise.“ Erdogan kam mit Archiaon zu Leander. „Es gab noch mehr Kuppeln, die interessant wären, aber fangen wir erst einmal mit diesen an.“

„Okay, dann werden wir mit den Jungs das so besprechen“ Leander notierte auch noch die Namen der Kuppeln und projizierte alles an die Wand. Viel war es nicht, was sie hatten, doch sie hatten zumindest mehrere Wege, die sie verfolgen konnten. War nur die Frage, was sie dem Fürsten davon berichteten und wann.

„Sieht schon mal gut aus“, erklärte Ewan. Er war der erste, der sich eingefunden hatte. Der Rest war auf dem Weg.

„Daraus müsste sich was basteln lassen.“ Erdogan setzte sich und Ewan kam zu ihm. „Wir müssen uns überlegen, was wir alles verfolgen wollen und vor allen Dingen, was wir meinem Vater sagen, ohne dass wir dem Spion der Gottgleichen zu viel verraten.“

„Herrlich, Verschwörungen!“ Bill war der nächste, der auf der Bildfläche erschien. Sein Mann hatte zusammen mit ihm das Labor verlassen und war auf dem Weg ins Lager, während sich der Genetiker im Arbeitskreis mit einbringen wollte.

„Quatsch nicht“, grinste Leander und winkte ihn zu sich. Als nächstes kamen Thom und Daniel. Sie waren sich zufällig auf dem Gang über den Weg gelaufen und schlugen nun gemeinsam auf. Ihnen folgte Adrian. Danach trudelte sogar Jack ein und dann konnte es losgehen.

„Also,“, begann Leander und zeigte auf die Tafel. „Wir haben drei Möglichkeiten: wir forschen am Wasser und suchen nach Wegen, den ganzen Mist unschädlich zu machen, das wäre Bills Job. Oder wir nutzen die Quellen der Moles und bauen eine für unsere Versorgung aus, das wäre Ewans Projekt. Oder wir suchen ganz neue Ressourcen. Damit sind Jack und Thom beschäftigt. Nebenbei werden wir Kuppeln untersuchen, die uns nützlich sein könnten.“ Das war der aktuelle Stand, den Leander zur Diskussion frei gab.

„Ich wäre dafür, dass wir alles verfolgen“, meldete sich Bill zu Wort. „Selbstverständlich werde ich alles versuchen, um Ergebnisse zu bekommen, aber das kann dauern. Es schadet also nicht, wenn wir nebenher nach einer Quelle und frischem Genmaterial suchen.“ Natürlich wollte er die Lösung finden, aber er war auch realistisch. Diese Gottgleichen waren Genies und seine Chancen schnell zu entschlüsseln, was sie zusammengebastelt hatten, waren nicht sehr hoch.

Bei dem Serum waren sie auch erst in eine Falle getappt, auf die Odin sie hatte aufmerksam machen müssen, sonst würde es ihnen mit dem Anti-Rad jetzt genauso gehen wie dem Teil der Moles, die sich immer noch von den Gottgleichen beliefern lassen, den unverbesserlichen, die immer noch nicht begriffen hatten, dass sie ausgenutzt wurden.

„Ich gehe da mit Bill konform“, sagte Archiaon, er hatte jetzt eine ganze Weile auf die Worte auf dem Bildschirm gestarrt. „Wir sollten Jack suchen lassen, wir sollten eine der Quellen der Moles ausbauen und dafür sorgen, dass nur wir sie kontrollieren können. Dafür müsste Jack den Wasserhorizont prüfen und sehen, ob er Zugänge hat, die wir ebenfalls sichern müssen. Doch das alles sollten wir geheim halten. Wir berichten nach oben nur das, was wohl die wenigstens Aussichten auf Erfolg hat – die ganze Sache mit der Substanz und deren Unschädlichmachen.“ Er sah Bill dabei an, doch der nickte. Er nahm es nicht als Angriff auf seine Fähigkeiten, er wusste selbst, dass ihre Chancen hier verschwindend gering waren. Und so lange die Gottgleichen dort versuchten, ihnen das Handwerk zu legen, solange bemerkten sie vielleicht nicht, die Suche nach frischem Wasser.

„Also werde ich meinem Vater von dem Zeug im Wasser erzählen. Das sollte ausreichen, um meinen Vater dazu zu bringen, uns weitermachen zu lassen. Das darf die Laus auch ruhig wissen“, fasste Erdogan zusammen. Er sah in die Runde und es war wohl an der Zeit noch ein paar Vermutungen los zu werden. „Apropos Laus. Wir vermuten das Jefferson der Verräter ist, also falls jemand auf ihn trifft, ist Vorsicht geboten.“

„So lange er nicht hier her kommt und wir nicht in die Hauptkuppel, ist keine Gefahr gegeben, dass wir ihm über den Weg laufen. Er wird es nicht wagen, dich zu untergraben und direkt an uns heran zu treten“, sagte Bill. „Er wird sicherlich regelmäßig Erkundigungen über uns einziehen, aber viel mehr als vorher wird er dabei auch nicht erfahren. Außerdem würde ich deinem Vater erst einmal nur berichten, dass wir im Archiv waren und gescheitert sind. Wenn Jefferson der Verräter sein sollte, wird er das schon wissen, wir geben also nichts Preis und haben erst mal wieder für ein paar Wochen ruhe. Kurz vor Ablauf der Frist, sollten wir dann... du weißt schon.“ Bill wedelte mit einer Hand herum und sah auf, als Meodin herein geschneit kam. Er entschuldigte sich und huschte neben Erdogan. Er hatte sich im Lager ordentlich eingedreckt und schnell geduscht und war doch glatt weggenickt.

Erdogan brachte ihn schnell auf den aktuellen Stand, damit Meodin wusste, was sie in seiner Abwesenheit besprochen hatten. „Wir werden meinem Vater also erst einmal nur den Bericht schicken, dass wir im Labor gescheitert sind und erst wenn unsere Frist abgelaufen ist, werden wir ihm das mit dem Zeug im Wasser präsentieren. Hoffentlich haben wir dann auch schon den Ansatz einer Lösung.“

Meodin nickte.

„Jack, weißt du schon, wer dich begleiten soll?“, wollte Leander wissen, ein Teil seiner Männer brauchte er sicherlich auch, um die Moles zu unterstützen und die Kuppel durfte auch nicht schutzlos sein, denn wenn die Gottgleichen merkten, was sie getan hatten, und dass die Neo New Yorker ihnen wieder einen kleinen Schritt näher gekommen waren, hatte Leander Sorge, dass ihrer aller Leben in Gefahr war.

„Connor und Dylan werden mich begleiten. Ich möchte mit keiner großen Gruppe gehen, dann sind wir unauffälliger.“ Jack hatte schon seine Geräte zusammengestellt, die er brauchte. Die konnten sie zu dritt gut tragen und auch noch ihre restliche Ausrüstung, die sie benötigten.

„Gute Wahl“, sagte Ewan. Connor war groß und kräftig, aber auch ziemlich helle. Schließlich hatte er ständige Plünderungen der Lager verhindern können und Diego hatte schon eine Dartscheibe mit Connors Bild in seinem Zimmer hängen, so frustriert war er. Und Dylan war vielleicht noch jung, doch er war pfiffig und lernte unglaublich schnell. Er konnte von Jack viel lernen. „Ich will regelmäßig eure Daten. Seht also zu, dass ihr Kontakt zu uns haltet. Wenn wir unten die Brunnen aussuchen, will ich wissen, welche Ausdehnungen die Horizonte haben. Am liebsten wäre es mir, ihr findet etwas, das außerhalb dieser Kuppel nicht zu erreichen ist. So könnten wir sicher gehen, dass niemand das Wasser manipulieren kann.“

„Ich werde es versuchen.“ Jack wusste, was der Prinz von ihm erwartete und natürlich würde er versuchen die Vorgaben zu erfüllen, aber es lag nicht in seiner Macht, wo die Quellen lagen. „Ich schicke regelmäßig jeden Abend einen Bericht und melde mich zwischendurch, wenn ich etwas entdeckt habe.“

Doppelt

Die Moles waren auf das angewiesen, was Jack mit seinen Tiefenprofilen feststellte, denn sie konnten nur die Quellen wirklich ausbauen, die von Erdogans Männern zu einhundert Prozent kontrolliert werden konnten und dazu gehörten die wasserführenden Schichten ebenso dazu wie die Zugänglichkeit. Sie konnten erst handeln, wenn Jack die ersten Bilder und Daten geschickt hatte.

„Thom, du stöberst in den Büchern nach alten geologischen Aufzeichnungen?“, fragte Leander und der nickte. Alles was digitalisiert worden war, wollte Thom mit Suchmaschinen sichten. Es wäre doch gelacht, wenn er da nicht auf ein paar Dinge stoßen würde. Auf die alten Karten von der Insel, auf der Bonder liegt, waren sie ja schließlich auch gestoßen. In der Epoche sollte er weiter suchen.

Erdogan war zufrieden, wie reibungslos alles ablief. Aus den Einzelkämpfern war eine Gruppe gewachsen. Sogar Jack hatte sich letztendlich integriert, nachdem man ihm klar gemacht hatte, dass er sonst ausgeschlossen wurde. Sie hatten schon viel mehr erreicht, als er sich überhaupt vorgestellt hatte und so bald wie möglich wollte er den Einsatz auch honorieren. Er wusste nur noch nicht wie. Aber da würde ihm schon noch etwas einfallen.

„Ihr habt die Weltkugel völlig verstellt, was habt ihr vor?“, wollte Jack wissen und Archiaon grinste. Was hatte er auch erwartet? Das es Jack nicht auffiel, wenn jemand an seinem Lieblingsspielzeug gewesen war?

„Wir werden uns zusammen mit den übertragenen Daten aus dem Archiv Kuppeln aussuchen und zu denen eventuell Kontakt aufnehmen. Zum einen werden wir Unterstützung brauchen gegen die Wahnsinnigen, zum anderen müssen wir damit rechnen, dass Bill bei seinen Versuchen feststellt, dass diese Substanz nicht abbaubar ist und im Körper verbleibt, dann brauchen wir frisches Genmaterial für die Hauptkuppel.“

„Gut, ihr dürft damit spielen, solange ich weg bin, aber es wird alles wieder richtig eingestellt, bevor ich wiederkomme.“ Jack sah Erdogan und Archiaon scharf an, denn er vermutete in ihnen die Hauptverursacher. „Und wenn ihr was neues rausfindet, dann will ich das natürlich wissen.“

„Mal sehen“, sagte Archiaon nachlässig und lachte, als Jack zur Schnappatmung überging. Doch noch ehe der Geologe sich darüber aufregen konnte, dass Wissen absichtlich vor ihm geheim gehalten werden sollte, sagte Erdogan hastig zu. Sie hatten nur den einen Geologen und wenn der hier blieb, um nichts zu verpassen, kamen sie nicht weiter. Nicht dass er das Jack zutrauen würde, aber sicher war sicher.

„Und Meodin soll nicht wieder alles löschen!“, erklärte Jack noch und das Seepferdchen zog den Kopf ein.

„Keine Sorge, das wird er nicht“, rettete Elaios seinen Freund und zwinkerte Meodin zu. Schließlich war es ein Versehen gewesen, was passiert war und es war fies ständig darauf herumzureiten. Meodin lernte schließlich noch, und da machte man nun einmal Fehler und daraus lernte man schließlich auch. Aber Jack sah das wohl etwas anders, zumindest wenn man seinen Gesichtsausdruck deutete. Aber er beließ es dabei.

So saßen sie noch ein paar Stunden zusammen und fixierten in Dateien und auf Bords, wie die nächsten Tage auszusehen hatten, strickten im Groben den Bericht für den Fürsten zusammen und es ging auf Mitternacht zu, als sich die Gruppe wieder trennte. So schnell würden sie nicht wieder in der Konstellation zusammen sitzen.


08 

„Schatz, das wird schon wieder“, lachte Erdogan und legte seinen Arm um Meodin, der mit schmerzlich verzogenem Gesicht neben ihm her schlich. Der Prinz hatte sein Versprechen gehalten und angefangen sein Seepferdchen zu trainieren. Meodin hängte sich richtig rein, so dass Erdogan ihn immer wieder bremsen musste, damit er sich nicht überforderte. Heute musste Meodin aussetzen, denn er hatte es gestern wirklich übertrieben. Heute hatte er Muskelkater und schleppte sich an der Wand entlang zwei Etagen tiefer zur Kantine. Noch nie war ihm der Weg so lang vorgekommen. Irgendjemand hatte mindestens achtzig Stockwerke zwischen ihn und die Kantine gestellt und sobald Meodin wieder in der Verfassung war, würde er den Verantwortlichen finden, stellen und angemessen bestrafen.

„Das sagst du“, knurrte er leise, weil der Prinz neben ihm so leichtfüßig herum hüpfte.

„Süßer, ich mache das seit 20 Jahren fast täglich. In ein paar Wochen fällt es dir nicht mehr so schwer.“ Erdogan griff Meodin etwas fester, damit er ihm besser Halt geben konnte. „Wenn nichts Wichtiges dazwischen kommt, werde ich dich heute Abend massieren. Das wird dir gut tun.“

„Hm“ das Seepferdchen knurrte vor sich hin und schleppte sich weiter Richtung Futter. Diego, der auf ihn zugerannt kam, wurde schon von weitem angebrüllt, jetzt bloß keinen Fehler zu machen und der junge Mole stoppte, hüpfte um Meodin herum und besah sich seinen Freund. Doch auch kleine Moles quälten keine Tiere, die litten, und so verschwand er mit seiner Katze irgendwo im Flur, während Sal, der sich verkrochen hatte, wieder aus Erdogans Rüstung kroch und weiter flitzte.

Sie wollten nur schnell einen Happen essen, dann ging es weiter zum Observatorium. Sie mussten sich weiter über die Kuppeln informieren und auswerten, was Bill seit fünf Tagen lieferte.

Erdogan setzte Meodin an einem der Tische ab und holte etwas zu essen. Mittlerweile wusste er ganz gut, was seinem Seepferdchen schmeckte. Mit dem beladenen Tablett kam der Prinz wieder zurück und hatte auf dem Weg auch noch Thom aufgesammelt, der ebenfalls noch etwas essen wollte, bevor er sich an die Auswertung der hereingekommenen Daten machte.

Ähnlich wie Archiaon hatte er sich eine Standleitung zum Labor gelegt, um vom Zimmer aus ebenfalls arbeiten zu können, wenn die Labore geräumt wurden, doch ab und an brauchte er auch das Gefühl des Teams, das Surren der Server, das Stimmengewirr der Kollegen, der Druck im Labor, endlich vorwärts zu kommen. Er brauchte das, auch wenn es die Arbeiten nicht gerade vereinfachte.

„Jack und Dylan kommen ziemlich gut voran. Ich glaube mit Connor haben sie eine niemals ermüdende Kraftmaschine, die ständig die Sensoren durch die Gegend zerrt.“ Thom war wirklich begeistert, was mit den Bildgebungsverfahren alles abgebildet werden konnte, vor allem bis in welche Tiefe. Die Auswertung der Schichten mussten sie Jack überlassen, doch das hydrologische Zusammenspiel konnte er selbst dann auch bewerten.

„Ja, ich habe die Berichte gelesen.“ Erdogan schob das Essen zu Meodin hin und nahm sich selber erst mal nur eine Tasse Kaffee. „Wenn ich das richtig gesehen habe, gab es bei dem Material gestern einen Abschnitt, der ziemlich vielversprechend aussah. Ich habe Jack gesagt, dass er da noch einmal gründlicher nachsehen sollte.“

„Sie sind schon dabei, die ersten Ergebnisse hat er eben rüber geschickt. Ich greife mir die Daten gleich im Labor. Aber ich glaube, die Quelle, die Ewan mit vier gekennzeichnet hatte, wäre gar nicht übel. Ich glaube, auf die laufen die Schichten zusammen. Sie kommen aus der Tiefe, sind nicht radioaktiv und vor allen Dingen nicht weit ausgedehnt. Wenn ich die ersten Daten richtig ausgewertet habe, dann liegt das Reservoir nur tief unter unserer Kuppel. Das wäre ein Glückstreffer, weil die Wahnsinnigen dann definitiv nicht dran kämen.“ Thom grinste.

„Das wäre perfekt. Ich glaub, ich muss nicht extra betonen, dass ich möchte, dass du dran bleibst.“ Erdogan grinste ebenfalls und boxte Thom gegen die Schulter. Er hatte es fast nicht zu hoffen gewagt, dass sie so einen Glückstreffer landen würden. Auf einmal sah das Leben gar nicht mehr so düster aus, auch wenn noch viele Fragen offen waren.

„Denk dran, elf Uhr im Labor. Bill will die ersten Ergebnisse vorstellen. Er hat mit Blutproben von Frauen aus der Kuppel Versuche gemacht und will uns heute zeigen, was dabei heraus gekommen ist. Er hat noch nichts verraten, und Daniel hält auch dicht.“ Thom ärgerte sich ein bisschen, dass nicht einmal er als Bruder informiert wurde, doch er musste sich fügen.

„Ich hoffe für ihn, dass er gute Nachrichten hat.“ Erdogan wollte sich gar nicht vorstellen, dass es nicht so war. Sein Vater hatte zwar seine Berichte nicht weiter kommentiert, aber der Prinz hatte deutlich gespürt, dass er nicht zufrieden war und bald Ergebnisse sehen wollte.

„Das werden wir in einer Stunde wissen, würde ich sagen“ Thom wollte es auf sich zukommen lassen. Egal wie es ausging, sie konnten es vorerst nicht ändern, sich nur den Gegebenheiten anpassen. „Wie weit seid ihr eigentlich mit den Kuppeln? Habt ihr welche gefunden, die wirklich in Frage kämen? Sagt das Archiv da irgendwas aus?“

„Die drei Kuppeln an der Westküste fallen aus. Dort sind die Gottgleichen ziemlich aktiv. Es wäre also keine gute Idee dort hin zu fahren.“ Erdogan nahm sich schnell das letzte Sandwich mit Käse und Schinken, bevor Meodin das auch noch verschlang. „Im Moment konzentrieren wir uns auf die Kuppeln in Afrika und Asien. Wenn dort auch nichts zu finden ist, dann suchen wir in Europa.“

Thom nickte. Doch sein Palm riss ihn aus dem Gespräch. Als er den Anruf annahm, erblickte er Marc, der knurrend erklärte, ob sich der Herr eventuell auch mal blicken lassen würde, die Server waren gerade dabei ans Limit zu kommen. Entweder fingen sie an, die Daten anderweitig zu deponieren oder sie hatten in ein paar Stunden ein Problem. Thom knurrte, doch er erhob sich.

„Wir kommen auch gleich nach“, rief Erdogan ihm hinterher und guckte, ob noch etwas für ihn auf dem Tablett übrig geblieben war. Meodin schien satt zu sein, darum nahm er sich das Teilchen, das alleine und verlassen vor ihm lag. „Möchtest du mit, oder doch lieber zurück ins Bett?“, fragte er sein Seepferdchen. Doch Meodin wollte tapfer sein. Die Soldaten schlugen sich noch mit ganz anderen Verletzungen herum und machten nicht schlapp. Oder Archiaon, der war genäht worden und hatte auch nicht die Zeit im Bett verbracht. Er selbst war ja auch nicht krank und so entschied Meodin, dass er sich mit ins Labor schleppen wollte.

So gingen sie langsam ins Labor, wo Thom und Bill schwer beschäftigt waren die Daten umzuschichten, damit der Datenfluss nicht abriss. Seit fünf Tagen flossen die Daten und sie konnten nur hoffen, dass sie noch nicht aufgeflogen waren und keine gefälschten Daten vorgesetzt bekamen. Doch sie glaubten nicht, dass in derart kurzer Zeit so viele Fälschungen hätten erfolgen können. Eher hätten  die Gottgleichen wohl die Übertragung abgebrochen. Doch sie mussten sehen, was von den Unterlagen glaubhaft war und was nicht.

„Ewan kommt auch zur Besprechung“, erklärte Bill und sah nicht einmal auf. Er hatte Meodin leise stöhnen hören, als er sich auf den Tisch setzte. Unit 1 hatte sich in den letzten Wochen wirklich gemacht. Dafür dass Bill davon ausgegangen war, dass das Experiment nicht überleben würde, hatte er sich erstaunlich gut gemacht. Er wurde kräftiger und von Tag zu Tag auch cleverer. Doch er konnte seine Studien am Objekt nur aus der Ferne betreiben, wenn er sich nicht mit dem verliebten Prinzen anlegen wollte.

„Das ist gut.“ Erdogan konnte nicht viel helfen. Er verstand nicht genug von der Technik um wirklich nützlich zu sein. Darum beschränkte er sich darauf, die Dinge zu holen, die Thom oder Bill brauchten, denn still sitzen konnte er nicht. Viel zu neugierig war er auf das, was der Genetiker ihnen mitzuteilen hat. Doch zu diesem Thema schwieg Bill sich aus. Er war nicht der Typ Mensch, der mehrfach erzählte, was er wusste. Er kündigte sich an und wer dann nicht da war, hatte eben Pech gehabt. Schließlich hatte er auch noch anderes zu tun.

„Marc, kommst du hier alleine klar?“, wollte Thom wissen, denn auch er musste zum Meeting. Sein Assistent nickte und deutete auf die beiden Moles, die geschäftig hin und her flitzten. Es war beängstigend, wie schnell die schwarzen Gestalten lernten. Es war wirklich ein Vorteil, sie nicht als Gegner zu haben. Auf die Dauer wären sie den Moles wohl nicht gewachsen gewesen. Sie lernten aus jedem Fehler und machten ihn kein zweites Mal.

Kurz vor 11 gingen sie in den Konferenzsaal, wo Archiaon Elaios und Ewan schon auf sie warteten und in ein angeregtes Gespräch vertieft waren. Der Senator und der Anführer der Moles nutzten jede sich bietende Gelegenheit, um sich auszutauschen. Zuerst hatte Archiaon ein wenig Distanz gewahrt, weil er die Moles nicht hatte einschätzen können, aber das hatte nicht lange angedauert und mittlerweile waren sie gut befreundet. Sie lernten von einander und über einander und Erdogan beobachtete dies mit Zufriedenheit. Dass Diego und Dylan Atlantis bereist hatten, war ein Anfang gewesen. Denn gerade der junge Mole hatte keinerlei Berührungsängste und brach oft die Bahn für die älteren.

„Sind wir vollzählig?“, fragte Bill, der sich umsah. Gerade stürzten noch Connor und Jack zur Tür herein, Dylan war im Lager bei seinem kleinen Bruder geblieben. „Jetzt schon“, knurrte der Geologe in seiner charmanten Art.

„Geht doch.“ Bill wirkte sehr zufrieden. Hatten seine Erziehungsmaßnahmen wohl doch gegriffen. Er sah in die Runde und war sich bewusst, dass er alle auf die Folter spannte, weil er immer noch nichts sagte, aber es machte einfach Spaß. Darum sortierte er noch einmal seine Unterlagen.

„Ewan? Möchtest du anfangen?“, fragte Jack also, denn er ließ sich nicht vorführen. Wenn Bill den großen Auftritt brauchte, sollte er sich ein anderes Publikum suchen, sie hatten keine Zeit für Spiele, denn draußen lagen noch einige Hektar, die abgespannt werden mussten. Jack hielt es sowieso nicht lange drinnen, solange er nicht fertig war.

„Nein, Bill fängt an“, bestimmte Erdogan und sah den Genetiker scharf an. „Was hast du herausgefunden? Spann uns nicht so auf die Folter.“ Bill zog gleich den Kopf ein, denn es war eine deutliche Warnung gewesen. „Also, es gibt etwas Gutes zu berichten. Der Katalysator ist im Wasser und er lagert sich nicht dauerhaft im Körper ab.“

Archiaon nickte. „So makaber es klingt, aber das habe ich mir fast gedacht, wollte euch aber keine unbegründeten Hoffnungen machen“, sagte er und erklärte weiter: „Es ist ein Experiment. Experimente müssen wiederholbar sein und sie müssen die Möglichkeit haben es rückgängig zu machen, wenn sie merken, dass es außer Kontrolle gerät.“

Die anderen nickten, das klang erschreckend logisch, wenn man es nüchtern betrachtete und verdrängte, dass sie die Ratten waren, um die es ging.

„Und was hast du noch?“, wollte Erdogan von Bill wissen und der warf wieder Bilder von Verbindungen an die Wand. Er begann zu erklären, was es mit dem Zusammenspiel der Substanzen auf sich hatte und musste zugeben, dass er noch keinen einfachen Nachweis für die gesuchte Verbindung hatte ausmachen können. Alles lief aufwendig über Massenspektroskopie. So hatte er das Blut von weiblichen Probanden aus der Hauptkuppel ebenso untersucht wie das Wasser.

„Das würde also heißen, dass wir das Zeug aus unseren Körpern spülen können, wenn wir die neue Quelle benutzen.“ Erdogan wirkte sichtlich zufrieden. Das war zwar kein Sieg auf ganzer Linie, denn sie wussten immer noch nicht, wie das Zeug ins Wasser kam. „Dann kann ja jetzt Jack weitermachen.“

„Okay“ der Geologe erhob sich und Connor ebenfalls. Das ließ die meisten schon staunen, denn eigentlich duldete Jack kein zweites Alpha-Tier neben sich, schon gar nicht wenn es um Erklärungen ging. Doch die beiden eher wortkargen Männer hatten sich angefreundet und ergänzten sich auf erschreckend harmonische Art und Weise. Während Connor also die einzelnen Bilder aufrief und als Hologramme über den großen Tisch stellte, hüpfte Jack ungehemmt auf dem Tisch herum, erklärte die einzelnen Schichten und forderte immer neue Informationen, die Connor in das Bild hinein lud.

„Das hier wäre also der Wasserhorizont, den wir nutzen sollten, denn er kann gut durch unsere Kuppel abgesichert werden. Er ist tief, aber lokal begrenzt – Ewan.“

Jetzt war es an dem Mole zu erklären, wie es mit dem Ausbau genau dieser Quelle voran ging. Ewan räusperte sich und zeigte auf das Bild. „Der Ausbau wäre zu schaffen. Allerdings brauche ich dafür mehr meiner Leute, als ich gerade zur Verfügung habe. Die Situation in meinem Volk ist recht angespannt zurzeit. Die Moles, die noch zu den Gottgleichen halten, machen gegen uns Front. Zwar können wir immer mal wieder einzelne davon überzeugen, dass sie vergiftet und versklavt werden, aber all die erfahrenen Moles, die schon seit Jahrzehnten Tunnel bauen, wollen davon nichts hören. Sie trauen euch nicht.“

Erdogan nickte, damit hatte er fast gerechnet. Auch ihm und seinen Leuten war nicht verborgen geblieben, dass das Volk der Moles dabei war sich zu spalten. Es gab viele, die verstanden hatten, dass man sie nur benutzt hatte und die schnell merkten, dass sie mit dem neuen Serum körperlich in besserer Verfassung waren und sie es nur noch nehmen mussten, wenn sie in die verstrahlten Bereiche mussten. Doch der Rat und die Alten verteufelten die Menschen, sie hatten verinnerlicht, was die Gottgleichen ihnen wie Mantras eingegeben hatten. Deswegen lehnte Ewan auch kategorisch die Hilfe der Menschen beim Ausbau der Quellen ab, denn er konnte dort unten noch immer nicht für ihre Sicherheit garantieren. Doch das hielt Erdogan nicht davon ab, es erneut anzubieten.

„Danke für das Angebot, Erdogan, aber das ist zu riskant. Wenn ich Leute zu eurer Bewachung abstellen muss, fehlen sie beim Tunnelbau“ Ewan nickte dem Prinz dankend zu und wieder einmal war er dankbar, dass sie aufeinander getroffen waren und sein Volk so eine Chance für einen Neuanfang bekommen hatte. Nach und nach waren auch einige Frauen zu seiner Gruppe gekommen. Noch arbeiteten sie nicht mit, aber sie hatten schon erklärt, dass auch sie in der Lage wären Tunnel zu bauen.

„Wie wird es jetzt also weiter gehen?“, wollte Bill wissen, denn er musste seine Experimente und Versuche darauf abstimmen.

Ewan rief ebenfalls eine Datei auf. Thom hatte ihm einen speziellen Palm gebaut, den er auch beim Graben bei sich haben konnte. Er zeichnete alles auf, den Standort, die Umweltbedingungen und die Körperfunktionen des Moles. Dadurch bekamen sie ein ganz gutes Bild. Diese Daten ließen sich auslesen und verarbeiten und so konnte Ewan jetzt in einem Hologramm auf dem Tisch ihren Tunnel darstellen. „Hier ist eure Kuppel, da ist das Lager“ er zeigte, was abgebildet war, damit sich jeder orientieren konnte. „Und das blaue hier unten ist die Quelle, die Connor und Jack als geeignet spezifiziert haben. Wie ihr seht, graben wir direkt senkrecht und verkleiden die Tunnelwand, die später der Brunnen sein wird. So verhindern wir, dass Quertunnel gegraben und das Wasser wieder kontaminiert werden kann.“

„Das ist gut.“ Erdogan beugte sich näher, damit er besser sehen konnte. „Ihr seid schon weiter, als ich gedacht hatte.“ Man hörte ihm an, dass er sehr positiv überrascht war. „Dann seid ihr wohl zum Glück auf keine unliebsamen Überraschungen gestoßen. Kannst du schon abschätzen, wie lange es noch dauert, bis ihr zum Wasser vorgedrungen seid?“

„Je tiefer wir kommen und so länger werden die Wege, um das Geröll rauszuschaffen und die Baumaterialien einzubringen. Es wird also nach hinten hin länger dauern und so lange uns nichts Unvorhergesehenes in die Quere kommt, hoffe ich, dass wir in vielleicht drei Wochen durch sind. Dann werden wir sehen, ob sich die Mühen gelohnt haben.“ Ewan ließ das Hologramm verschwinden und sah den Rest in der Runde an. Die Gesichter waren nachdenklich, doch sie nickten. Ohne die Maulwürfe wären sie noch lange nicht so weit, sie hätten die Quelle wohl nicht einmal so zielsicher ausmachen können.

„Gut, wie geht es jetzt also weiter?“

„Der Tunnel hat mit Bills Forschungen zusammen oberste Priorität. Das schließt auch die Datensichtung des Archivs mit ein. Soweit möglich werden wir den größten Teil unserer Ressourcen diesen Projekten zur Verfügung stellen. Alles andere muss halt warten.“ Erdogan sah in die Runde, ob alle damit einverstanden waren. Er wollte das nicht einfach bestimmen.

„Soll das heißen, dass wir jetzt nicht mehr rausgehen und die weiteren Schichten untersuchen?“, wollte Jack wissen, der zusammen mit Connor seine Tätigkeiten in der Kuppel gefährdet sah. Er spekulierte sogar darauf, auch außerhalb der Kuppel auf Suche zu gehen, doch erst einmal wollte er wissen, ob der Mohr seine Schuldigkeit getan hatte und jetzt nicht mehr gebraucht wurde.

„Nein, Jack, du und deine Leute, ihr gehört zum Tunnelprojekt.“ Erdogan grinste leicht, denn mit dem Einwurf des Geologen hatte er schon gerechnet. Zwar hatten sie ihre Quelle gefunden, aber es war nie verkehrt noch weitere Asse im Ärmel zu haben, falls etwas Unvorhergesehenes passierte. Außerdem war es gut, so viele Einflussmöglichkeiten auf die wasserführenden Schichten zu kennen, wie es geht. Umso geringer war die Möglichkeit, dass die Gottgleichen auch diese Wasserquelle anzapften und Ärger verbreiteten. Auch wenn Archiaon das nicht glaubte. Er kannte den Feind zu gut und er wusste, dass ein gescheitertes Experiment zu den Akten gelegt wurde und man sich für die cleveren Laborratten etwas Neues ausdachte. Es war, wenn sie ihren Sieg davon tragen sollten, nur eine Ruhe auf Raten.

Jack war mit der Antwort zufrieden und Connor offensichtlich auch. Der Mole hatte wohl seine Berufung gefunden. Erdogan sah zu Meodin, der immer noch etwas verkrampft neben ihm saß und strich ihm kurz liebevoll über das Bein. Sein Schatz fand auch noch etwas, was ihm Spaß machte und hatte dann nicht mehr das Gefühl  nicht nützlich zu sein. Und die Berufung kam vielleicht früher als gedacht, als Archiaon sagte: „Wir haben alle Kapazitäten an die Tunnelprojekte gebunden und im Labor. Aber wir brauchen jemanden, der weiter die Daten aller Kuppeln abgleicht, sie sortiert, komprimiert und so aufbereitet, dass wir sie abends vor dem zu Bett gehen lesen können.“

„Hm.“ Erdogan musste Archiaon recht geben. Sie brauchten die Kuppeldaten, um entscheiden zu können, welche sie besuchen konnten.

„Ich kann das machen“, hörte er Meodin neben sich sagen und er sah sein Seepferdchen an. „Ich werde in keinem der anderen Projekte gebraucht, also kann ich das übernehmen.“ Außerdem kam Erdogan dann vielleicht nicht wieder auf die Idee, diese Körperverletzung an ihm durchzuführen, bis er nicht laufen konnte. Doch in erster Linie wollte Meodin zeigen, dass er auch etwas konnte. Lesen hatte er schnell gelernt und er hatte eine unwahrscheinlich schnelle Auffassungsgabe. Nicht einmal Jack, der eigentlich grundsätzlich alles selber machte, sprach dagegen. „Warum nicht“, sagte er nur und auch der Rest schien damit einverstanden. Meodin war wohl immer noch besser als niemand und vielleicht machte sich das Seepferdchen ja ganz gut. Einen Versuch war es wert.

„Okay, dann wäre das auch geklärt. Meodin wird uns unsere Bettlektüre schreiben.“ Erdogan grinste und drückte Meodins Hand. Er war sich sicher, dass sein Seepferdchen das schaffte. „Dann würd ich sagen, machen wir uns an die Arbeit. Wenn nichts Dringendes anliegt, treffen wir uns in einer Woche wieder.“

Gemeinschaftliches Nicken, dann löste sich die Runde langsam auf. Archiaon, der mittlerweile wieder aufstehen durfte, war mit Elaios ebenfalls unter Bills Fuchtel. Man experimentierte auch mit deren Blut, denn es unterschied sich doch ein wenig von dem, was die Bewohner der Oberfläche in sich trugen. Ein paar Stoffe schienen zu fehlen, dafür waren andere vorhanden. Merkwürdig, doch Bill konzentrierte sich schnell wieder auf das wesentliche, während auch die Moles wieder unter der Erde verschwanden. Leander sicherte mit seinen Männern die Kuppel und Erdogan musste aufbrechen zum Rapport bei seinem Vater. Dieses Mal wollte er aber schon in zwei Tagen wieder da sein, denn er hatte nicht so viel Zeit.

Darum blieb er noch mit Meodin sitzen, bis alle anderen gegangen waren. „Ich muss gleich los, Schatz“, sagte er leise, weil er wusste, dass sein Seepferdchen es nicht mochte, wenn er ihn alleine ließ. Nur ließ sich das nicht vermeiden. „Ich begleite dich noch zum Labor.“

„Da bitte ich drum, schließlich hast du dafür gesorgt, das sich mich kaum bewegen kann“, versuchte Meodin seine Sorgen zu überspielen. Er war erst wieder ein ganzes Seepferdchen, wenn Erdogan zurück war und dass der jetzt jede Woche in diese unglücksbringende Hauptkuppel musste, machte es für Meodin nicht einfacher. Auch sie verließen das Observatorium und schlugen den Weg zu den Großraumlaboren ein, die Bill für die Datenarchivierung geräumt hatte.

Vor der Tür zog Erdogan seinen Schatz noch einmal fest an sich und küsste ihn. „Ich melde mich zwischendurch bei dir. Schließlich will ich wissen, ob es dir Spaß macht.“ Er wollte nicht gehen, aber sein Vater erwartete ihn und wenn er nicht jetzt bald losfuhr, kam er zu spät und das war nicht akzeptabel. „Lass dich nicht von Bill ärgern.“

„Ich werde versuchen ihm aus dem Weg zu gehen. Er macht ja seine Experimente und wird sich nicht um mich scheren“, zumindest hoffte Meodin das und rollte noch einmal die Schultern. Ein letzter Kuss für Erdogan, dann sah er dem Prinzen hinterher, wie er den langen Gang entlang lief und dann in einem der Fahrstühle verschwand. So öffnete Meodin die Tür und trat ein, Marc und Thom waren schon wieder intensiv beschäftigt. „Hi“, sagte er und schloss die Tür hinter sich.


09 

„Ah, unser Opfer“, grinste Thom und winkte Meodin zu sich. „Komm her, ich zeig dir alles. Hier ist dein Platz. Wenn du später merkst, dass du etwas brauchst, sag es Marc oder mir, wir besorgen dir alles. Ich werde dich einweisen.“

Meodin nickte gelehrig und setzte sich sofort hin. Er zuckte, weil die Muskeln schmerzten, doch das ließ irgendwann sicherlich auch nach. Erdogan hatte es versprochen und so hatte Meodin zumindest bei jedem kleinen Muskelschmerz die Erinnerung an Erdogan, bis der Prinz wieder da war.

Thom erklärte Meodin alles, was er wissen musste, wie er suchen konnte, wie er Berichte aufrief, wie er speicherte und wie er sortierte. Das Beste war, Meodin entwickelte sein eigenes System, dann konnte er damit am besten arbeiten. Wichtig war nur, was am Ende für alle dabei raus kam.

„Okay, dann bespaß dich damit, damit du ein Gefühl dafür bekommst.“ Thom klopfte Meodin auf die Schulter und lächelte. „Wenn was ist, komm fragen.“ Der Techniker hatte ein gutes Gefühl, denn Meodin hatte schnell die Zusammenhänge begriffen und das war schon die halbe Miete.

Und so machte sich das Seepferdchen daran und verschaffte sich einen Überblick. Als erstes lud er sich mit Marcs Hilfe alle Kuppeln aus dem Observatorium in eine Datei. Er ging davon aus, dass es einfacher war, die Daten zu strukturieren, wenn er wusste, um was es ging und wo er sie zuordnen musste. Er hatte sich eine kleine Kopie der Weltkugel auf den Schreibtisch projizieren lassen und nun war er ganz in seinem Element. Er tippte, suchte, wühlte, drehte die Kugel, sortierte, strich raus, schrieb dazu.

„Wow, da ist aber jemand völlig vertieft“, raunte Marc Thom zu und zeigte auf Meodin, der eifrig etwas auf ein Blatt Papier schrieb.

„Ja, so wie es aussieht, macht ihm die Arbeit Spaß.“ Thom war wirklich froh drum, denn er hatte mitbekommen, dass Erdogans Freund sich oft unnütz gefühlt hatte. Wie ein Anhängsel, das zu nichts zu gebrauchen war. Deswegen hatte sich Meodin bei vielen Dingen ausprobiert, aber schnell merken müssen, dass andere diese Aufgabe besser hatten ausfüllen können. Nun hatte er aber etwas gefunden, in dem er aufging und das tat er – seit acht Stunden ununterbrochen.

„Allerdings sollten wir ihn runter in die Kantine schicken, ehe Daniel uns den Vorwurf macht, warum wir nicht auf ihn achten“, gab Thom zu bedenken, doch er wagte es nicht, Meodin zu stören.

„Er hat seit Stunden keine Pause gemacht. Wir sollten ihn wirklich loseisen. Es nutzt keinem, wenn er zusammenbricht.“ Marc hatte da nicht so viele Skrupel. Er ging zu Meodin und tippte ihm vorsichtig auf die Schulter, damit er sich nicht erschreckte. „Komm mit Futter fassen. Du musst zwischendurch Pause machen, damit deine Augen sich erholen können.“

„Hm?“ Meodin zuckte hoch, er hatte sich gerade in einen Bericht über Hokkaido 128 eingelesen und musste sich erst wieder zurecht finden. Er erkannte Marc und nickte. „Ja, okay, aber ich kann dann hier weiter machen, oder?“ wollte er wissen und Marc zuckte die Schultern. Um die Wissenschaftler vor sich selbst zu schützen und zu unterbinden, dass sie sich überarbeiteten, wurden die Labore nachts für einige Stunden geräumt. Nur die Notbesetzung blieb vor Ort um Experimente zu überwachen oder die Server des Archivs. Meodin gehörte definitiv nicht dazu. Der Prinz würde sie um einen Kopf einkürzen, wenn er wieder kam und sein Seepferdchen war out of order.

„Um 22 Uhr wird hier Schluss gemacht. So lange kannst du dich austoben“. So hatte Meodin noch ein paar Stunden. „Du solltest es aber nicht übertreiben. Das was du machst ist ziemlich anstrengend und du solltest die Ruhepausen  nutzen.“

Meodin schwieg und musterte Thom, das war nie ein gutes Zeichen, denn er brütete in seinem Seepferdchen-Hirn etwas aus. „Kannst du dafür sorgen, dass ich wie Archiaon und Bill Zugriff auf das Archiv und das Observatorium von meinem Zimmer im Lager aus habe?“, wollte er wissen und Marc duckte sich ab. Der Prinz würde sich bedanken, doch das sprach er lieber nicht aus. Thom legte nachdenklich den Kopf schief. „Das ginge schon, aber ich werde den Teufel tun. Du sollst dich schonen. Du kannst nicht in einer Nacht das Wissen von Generationen durcharbeiten.“ Meodin verschmälerte die Augen.

„Dann bleibe ich hier, geht essen – ich habe keine Zeit.“

„Nichts da, Meodin. Was willst du damit bezwecken? Ich finde es toll, dass du dich so reinkniest, aber wenn du keine Pausen machst, bist du in einer Woche am Ende und liegst flach. Damit ist keinem geholfen.“ Thom wusste wie stur das Seepferdchen sein konnte, aber noch wollte er sich nicht geschlagen geben. Schließlich wollte er verhindern, dass der Prinz ihm nachher die Schuld gab, dass sein Schatzi kaputt war oder schlimmer noch, das Schlafzimmer aussah wie eine Bibliothek.

„Geht aber nicht. Das ist gerade so spannend, da kann ich nicht einfach aufhören. Ich würde die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich dann nicht weiß wie es weiter geht“, beharrte Meodin und setzte sich wieder. Er griff seinen Stift und rief seine Datei wieder auf, um weiter zu lesen.

„Meodin, aber nur, wenn du versprichst nicht die ganze Nacht durch zu machen. Ich kann das sehen und wenn du nicht schläfst, dann kannst du dir deine Standleitung knicken.“ Thom wusste, dass er gerade einknickte, aber Meodin sollte endlich Pause machen.

Wie ausgewechselt schoss das Seepferdchen hoch, lächelte süßlich, weil er wusste, dass er gewonnen hatte, und schob den Stuhl an den Tisch. „Okay“, erklärte er nur und folgte Marc nach unten in die Kantine. Thom fluchte leise, doch er blieb bei seinem Wort. Wenn es Meodin übertrieb, wurde der Saft abgestellt. Sie wollten schon mal sehen, wer hier am längeren Hebel saß. Doch dann beeilte er sich den beiden zu folgen.

Sie hatten alle eine Pause nötig. Seit Tagen schon arbeiteten alle am Limit und hatten ihre Pausen auf ein Minimum reduziert. Erdogan hatte das nicht verlangt, es hatte sich einfach so ergeben, weil alle dabei mithelfen wollten, so schnell wie möglich Ergebnisse zu erzielen.

„Wir erwarten heute noch keine Nachtlektüre“, sagte Thom irgendwann als sie am Tisch saßen und sich die belegten Brote schmecken ließen. „Wollte ich nur mal gesagt haben. Nicht dass du dich gleich am Anfang übernimmst und dir etwas passiert. Das würde ich mir nicht verzeihen. Versprich es, wenn ich dir die Standleitung lege. Das ist unser Deal!“ Er sah Meodin eindringlich an.

„Na gut“, brummte Meodin mit vollem Mund. Das passte ihm nicht ganz, aber erst einmal musste er sich damit zufrieden geben. Wenn er seine Technik erst einmal hatte, nahm ihn die keiner so schnell wieder weg. Glaubte er zumindest, doch er hatte nicht mit Thom gerechnet.

„Ich werde Daniel auffordern, ein Langzeit-EKG über deinen Chip schreiben zu lassen. Wenn ich sehe, dass du die ganze Nacht wach warst, ist das Zeug schneller wieder weg, als zu ‚blöder Thom’ sagen kannst, das schwöre ich dir.“ Er sah Meodin eindringlich an. Sie wollten schon sehen, wer am längeren Hebel saß. Marc grinste leise.

„Bitte?“ Meodin funkelte Thom an, aber der lächelte genauso süßlich wie Meodin vorhin.

„Wir würden alle wahrscheinlich mehr arbeiten, als gut für uns ist, aber das bringt unser Projekt zwangsläufig zum scheitern. Wir sind keine Maschinen, die ohne Pause arbeiten können. Wir brauchen unsere Ruhephasen um produktiv sein zu können. Wenn man müde ist, macht man Fehler und übersieht vieles.“

Meodin knurrte, doch er war noch zu jung, um zu begreifen, was Thom eigentlich sagte. Er kannte das Gefühl, völlig übermüdet zu sein, noch nicht. Man musste ihn also zu seinem Glück zwingen. Er war nicht einsichtig, doch er gab sich geschlagen. „Okay“, erklärte er also mürrisch und biss in sein Sandwich. „Aber ich bekomme alles, was ich brauche, in mein Zimmer.“

„Ja, kriegst du.“ Thom gab sich geschlagen. Mehr konnte er nicht tun, um Meodin vor sich selbst und sich vor Erdogan zu schützen. Er musste grinsen. Meodin hatte es wirklich drauf, seine Forderungen durchzusetzen. „Wir nehmen alles mit, was wir brauchen und ich schließ es dir an.“

„Und du sorgst dafür, dass ich auch auf die Daten zugreifen kann. Sonst brauch ich nicht viel. Erdogan hat ein paar Dinge bei sich rumstehen, die er nie nutzt. Ich glaube, die kann ich nehmen.“ Meodin war da ziemlich sicher, dass sein Prinz nichts gegen hatte, er selbst nutzte das Zeug doch gar nicht mehr. Dass er das nur nicht mehr nutzte, weil er im Schlafzimmer jetzt was anderes zu spielen hatte, stand nicht zur Debatte.

„Sicher kannst du auf die Daten zugreifen.“ Thom fühlte sich in seiner Ehre als Techniker gekränkt. Als wenn er halbe Sachen machen würde. „Iss auf, dann bringen wir alles rüber. Wenn dann können wir es auch gleich machen.“

„Okay“ Meodin zeigte sich zufrieden und aß noch etwas schneller, das hätte Daniel nicht gern gesehen, doch der war gerade nicht da. Zum Glück. Nur Marc musste sich beeilen und hielt sein letztes Sandwich in der Hand, als die anderen beiden schon losliefen. „Als gäbe es kein morgen“, muffelte er leise, folgte aber.

Sie gingen erst zu Meodins Quartier, damit Thom sehen konnte, was alles da war. „Technik hast du genug. Ich werde sie mit dem Labor verbinden, dann kannst du loslegen. Du kannst von hier auf die gleichen Daten zugreifen wie vorhin.“

„Das klingt gut, danke“, sagte Meodin. „Dann muss ich euch da drüben nicht die Plätze belegen. Ich melde mich dann einfach, wenn etwas nicht stimmt.“ Doch er ging davon aus, dass das nicht nötig war, denn was der Techniker installierte hatte Hand und Fuß. Er war schon ganz aufgeregt und rückte sich alles so zurecht, dass er hier bequem arbeiten konnte. Doch er brauchte von drüben noch seine Aufzeichnungen. Mist!

Er sprang also wieder auf und flitzte Thom und Marc her. „Ich brauche meine Aufzeichnungen“, erklärte er, als sie ihn fragend ansahen. „Ohne sie kann ich nicht weitermachen und dann bekommt ihr keine Gute-Nacht-Geschichten.“

„Na dann komm“ sie stiegen zusammen in einen Wagen, denn zum laufen war das Seepferdchen noch nicht in der Lage. Der Muskelkater zwickte noch immer und die Lauferei machte es nicht besser. Drüben angekommen raffte er alles, was er brauchte, wurde von ein paar anderen noch fragend angesehen, doch dann balancierte Meodin sein Hab und Gut nach Hause. Ein Wagen brachte ihn zurück und seit dem hockte er auf dem Bett und las alles, was er bekommen konnte.

Es war faszinierend. Die Gottgleichen zeichneten alles auf. Jedes Experiment wurde in jedem Detail beschrieben und manchmal war es gruselig zu lesen, aber Meodin biss sich durch. Er sortierte und verschob und dabei schuf er ein Diagramm, das die einzelnen Kuppeln miteinander verband. Er arbeitete wie ein Wahnsinniger und es kam wie erwartet, dass Thom ihm irgendwann den Saft abdrehte, um ihn zum schlafen zu zwingen, doch kaum war der Strom wieder da, war Meodin wieder an seiner Technik, er las, er verglich, er entwarf sein Diagramm weiter. Diego hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Seepferdchen mit Essen zu versorgen, doch dann war der junge Mole schnell wieder weg. Mit Meodin war einfach nichts mehr anzufangen.

Er wollte noch nicht einmal mehr mit ins Aquarium, wo er doch sonst dort jede freie Minute verbracht hatte. Er antwortete auf keine Fragen oder wenn dann nur mit einem Brummen. Das machte gar keinen Spaß. Da spielte er lieber mit seiner Katze. Die freute sich immer, wenn er Zeit mit ihr verbrachte. Und so kam Diego wirklich nur noch, um das Essen zu bringen, dann war er auch schon wieder weg. Doch er war nicht der einzige, der diese Erfahrung hatte machen müssen.

Die Zeit war vergangen und so war es Erdogan, der spät in der Nacht nach Hause kam. Sal war der erste, der ins Schlafzimmer huschte, um unter der Decke zu verschwinden, doch er blieb in der Tür stehen um sich neu zu orientieren. „So lang waren wir doch gar nicht weg“, lachte Erdogan, der sich gerade das Hemd über den Kopf zog.

Er war müde, denn er war nach der Besprechung mit seinem Vater gleich hierher gefahren, weil er Meodin vermisst hatte. Er wollte sich nur noch an sein Seepferdchen schmiegen und dann mit ihm einschlafen, aber irgendwie hatte er da ein kleines Problem, denn seine Seite des Bettes war vollkommen mit Technik und Papier belegt. „Schatz, wo soll ich schlafen?“, fragte er darum und ließ das Hemd einfach fallen. Doch Meodin hatte ihn noch nicht einmal bemerkt, er klickte sich gerade durch eine Datei und mit der anderen Hand notierte er sich ein paar Dinge, kopierte dann ganze Passagen in sein Sammelsurium. Er merkte nicht einmal wie Sal zu ihm ins Bett sprang, auf seinem Schoß herum lief und fiepste. Erst als Sal ihn zwickte, erschrak sich Meodin. „Sal, was soll der M ...  wo kommst du denn her? Erdogan?“ Suchend sah er sich um.

„Oh, auch schon gemerkt?“ Erdogan hatte sich an den Türstock gelehnt und einfach nur beobachtet, was passieren würde. Er war irritiert, dass er nicht bemerkt und gehört worden war und fragte sich gerade, was in den letzten beiden Tagen passiert war. Sein Schlafzimmer war auf jeden Fall nicht mehr wiederzuerkennen. Meodin hatte es nach seinen Wünschen umgestaltet und so war eine Wand mit Bildschirmen vollgehängt, vor einer anderen drehte sich das Hologramm eines Wesens und auf dem Bett hatte Meodin alles verstreut, was er in Reichweite brauchte. Da waren Datenträger und Papier, genauso wie Stifte und viele kleine Abspielgeräte.

„Du bist schon wieder da, das ist schön“, sagte Meodin und raffte hastig alles etwas zusammen, damit Erdogan zu ihm kommen konnte. Er sah müde aus. Dabei hatte er Sal fast noch zusammen mit Papier in eine Kiste gestopft und nur ein beherzter Sprung rettete das Tierchen davor, unter dem Deckel eingeschlossen zu werden.

Erdogan kam zum Bett und ließ sich vorsichtig am Rand nieder, damit er nichts durcheinander brachte. „Ich war fast drei Tage weg“, sagte er weich und zog Meodin an einer Haarsträhne zu sich, damit er ihn küssen konnte. „Du warst fleißig, das kann ich sehen.“

„Es ist unglaublich“, schwärmte Meodin. Doch er ließ sich küssen. Kaum spürte er die weichen Lippen auf seinen, war ihm schlagartig bewusst, was ihm gefehlt hatte, doch jetzt erinnerte ihn sein Körper wieder daran. So sank er Erdogan in die Arme, schoss aber hoch als eine seiner Suchmaschinen meldete, sie hätte etwas gefunden, dass seinen Suchkriterien entsprach.

Sofort war an seinem Bildschirm und sah sich an, was das Programm gefunden hatte. „Super, das hab ich gebraucht“, murmelte er leise und Erdogan saß wie vom Donner gerührt da und glaubte es einfach nicht. Meodin hatte einfach ihren Kuss gelöst, weil sein Computer gepiepst hatte. Das war jetzt doch wohl nicht wahr, oder? Wer hatte ihm diesen Kerl hier hin gesetzt und was hatten diese Mistkerle mit seinem Meodin gemacht? Hatten sie ihn entführt und hielten ihn als Geisel, während er jetzt mit diesem Workaholic zusammen leben sollte?

„Erdogan, das musst du dir angucken!“, sagte Meodin und seine Augen huschten über den Bildschirm – wieder war nur von DENEN die rede, eine Rasse vor denen selbst die Gottgleichen Angst zu haben schienen. Sie protokollierten akribisch die Zusammenstöße, die Verluste, doch niemals erschien ein Name, ein Ort, ein Hinweis auf ihre Identität. Meodin aber hatte vor, dieses Rätsel zu lösen!

„Was denn?“, Erdogan wirkte nicht sehr interessiert. Es war ja nicht so, dass er nicht stolz auf Meodin war. Er schien einiges herausgefunden zu haben in den wenigen Tagen, aber gerade wollte er eigentlich nur sein Seepferdchen ohne Ablenkung bei sich haben und vielleicht ein wenig Schweinkram machen. Er bereute es fast ein bisschen, zugelassen zu haben, dass Meodin sich derart engagierte. Doch er beugte sich gelangweilt vor, nicht schnell genug, denn Thom drehte gerade den Strom aus. Er hatte eine Zeitschaltuhr in die Datentransferleitung installiert und gerade, als Meodin sich wieder ein Stück näher wähnte, waren alle Bildschirme schwarz. Das Seepferdchen konnte es nicht fassen – starrte auf das schwarz und schrie plötzlich: „Thom, du Arsch!“

Erdogan zuckte zurück und sah Meodin entgeistert an. „Was hat er denn gemacht?“, fragte er. Was war nur in den letzten Tagen passiert? Er erkannte seinen Schatz gar nicht wieder.

„Was er gemacht hat? Um mich angeblich vor mir selber zu schützen und damit ich mich nicht überarbeite, dreht er nachts die Datenleitung zu. Ich glaube, ich spinne. Ich weiß schon, wann ich müde bin, verdammt!“ Meodin knurrte, doch er wusste, dass es keinen Sinn hatte, auf den Knöpfen herum zu drücken oder Thom anzufunken. Ihn zu wecken machte ihn nur noch wütender und dann bekam er sein Netz erst viel später wieder, das hatte Meodin alles schon durch.

„Anscheinend nicht.“ Erdogan erhob sich und zog sich ganz aus. „Ich geh duschen.“ Er war enttäuscht. Meodin starrte auf den schwarzen Bildschirm und beachtete ihn nicht weiter, sondern verfluchte Thom. So hatte er sich ihr Wiedersehen nicht vorgestellt. Er erkannte Meodin einfach nicht wieder. Wie konnte der sich derart verbeißen? Das war doch nicht mehr normal – doch dann musste er zugestehen, dass das nicht ganz fair war. Er selber war nicht anders gewesen als es darum gegangen war, Meodin vor Bill zu beschützen. Er hatte auch fanatisch Meodins Tank beobachtete, war ein Minenfeld für sein Umfeld gewesen und so musste er eingestehen, dass er im Augenblick zwar enttäuscht war, es aber auch nicht verübeln konnte.

„Erdogan?“, hörte er irgendwann Meodin, der ihm gefolgt war. Er hatte den Unmut gespürt, aber erst relativ langsam verarbeitet.

„Ja, Schatz?“ Erdogan atmete tief durch, dann drehte er sich lächelnd um. Meodin sah ihn unsicher an, darum streckte er ihm die Hand entgegen. „Komm lass uns zusammen duschen“, sagte er weich und ging auf sein Seepferdchen zu. Meodin kam näher, er hatte das ungute Gefühl, etwas grundlegend falsch gemacht zu haben und deswegen fragte er auch, denn er musste es wissen. Er ließ sich auskleiden und sah Erdogan forschend an. „Was ist falsch gelaufen“, fragte er nach einer Weile, weil Erdogan nichts sagte.

„Es tut mir leid, Schatz. Ich habe nur gerade festgestellt dass du jetzt genauso bist, wie ich war, bevor ich dich getroffen habe.“ Erdogan strich Meodin sanft über die Wange. „Ich habe Tag und Nacht gearbeitet und bin wütend geworden, wenn mich jemand daran hindern wollte und ich hatte Angst, dass du mich darüber vergisst.“ Es fiel ihm schwer, das zuzugeben, aber er wollte ehrlich sein.

„Ich vergesse dich nicht“, sagte Meodin mit Nachdruck, doch dann senkte er den Kopf. Er hatte Erdogan vergessen. Er hatte nicht einmal an ihn denken müssen in den letzten drei Tagen, das wurde ihm jetzt erst schlagartig bewusst, seit er wieder da war. „Ich werde dich nicht mehr vergessen, vielleicht ist es ganz gut, dass Thom den Saft abdreht, aber ich bin da auf etwas gestoßen, das musst du dir ansehen. Wirklich. Aber nicht jetzt, jetzt ist eh alles dunkel.“ Meodin ließ sich ganz entkleiden und zu Erdogan unter die Dusche ziehen. Er schmiegte sich gegen seinen Freund und schloss die Augen.

Erdogan hielt ihn fest und genoss es, Meodin wieder bei sich zu haben. „Ich werde es mir ansehen, Schatz, sobald Thom es zulässt“, versprach er und strich seinem Schatz die Haare aus dem Gesicht. „Du wirst deinen Rhythmus noch finden und bis dahin werden Thom und ich darauf aufpassen, dass du über deine Arbeit mich und deine Freunde nicht vergisst.“

Meodin nickte und holte tief Luft. Er hatte irgendwie gerade wirklich das Gefühl ihm würde alles entgleiten. Erst hatte er geglaubt, endlich etwas gefunden zu haben in dem er gut war und was nutzen konnte, schließlich hatte er schon zwei Berichte verschickt, doch unter dem Strich hatte er selbst am meisten dafür bezahlt. Er hatte Erdogan enttäuscht, Diego ließ sich gar nicht mehr blicken, außer um etwas vorbei zu bringen und an sich hatte das Seepferdchen das Zimmer nicht mehr verlassen, seit Thom ihm den Zugang eingerichtet hatte. „Vielleicht sollte ich wieder im Labor arbeiten“, überlegte er leise und es klang wie eine Aufgabe.

„Schatz, arbeite dort, wo du dich wohl fühlst. Du hast etwas gefunden, was dir Spaß macht und du machst deine Arbeit sehr gut. Ich habe deine Berichte gelesen und sie waren wirklich toll. Du sollst ganz bestimmt nicht damit aufhören.“ Erdogan zog Meodin fest an sich und nippte immer wieder an dessen Lippen. „Du solltest es nur nicht übertreiben, so wie ich es gemacht habe.“

„Hm“, machte Meodin. Langsam verstand er was Thom gemeint hatte und er musste zähneknirschend zugeben, dass er wieder etwas schmerzlich hatte lernen müssen. Doch er hatte es gelernt. „Ich werde dein Schlafzimmer wieder räumen und nur das nötigste da lassen. Vielleicht hatte Marc recht, als er sagte, ich solle die Arbeit nicht mit nach Hause nehmen, ich könnte in einer Nacht auch nicht die Welt retten, das könnte keiner.“ Meodin seufzte zufrieden, als die großen Hände ihn streichelten. Das war schön und lenkte herrlich ab.

 

„Nicht mein Schlafzimmer - unser.“ Erdogan streichelte über den Körper, der sich so perfekt an seinen schmiegte. „Ja, Marc scheint zu wissen, wovon er redet. Er hat es wohl auf die gleiche harte Tour gelernt wie wir beide. Aber Arbeit ist erst wieder morgen. Jetzt möchte ich dich einfach bei mir haben.“

„Nichts leichter als das“, murmelte Meodin und rieb sich ein bisschen an seinem Prinzen. Ihm hatte das gefehlt. Erst nach und nach kam wieder Leben in ihn. Wie hatte er diese drei Tage so derart von der Außenwelt abgeschottet sein können? Im Nachhinein war ihm das völlig unbegreiflich. Er musste unbedingt morgen zu Diego, bevor er ins Labor ging und weiter machte, denn der Kleine hatte eine Entschuldigung verdient. Doch das war morgen und jetzt war er mit Erdogan allein, das wollte er ausnutzen und ein bisschen Zuneigung tauschen.