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Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

1. Dezember

I.

Für Andrew Fitzstephen war Samstag ein Tag der Rituale. Zwar waren Rituale nicht auf den Samstag beschränkt, im Grunde hatte jeder Tag seine Rituale – wie  etwa das dreimalige Noch-fünf-Minuten-Dösen, welches Einfluss darauf hatte, auf welche Zeit der morgendliche Wecker tatsächlich zu stellen war – doch im Gegensatz zu etwa einem Montag war der Samstag weniger stressig und ließ einem somit Zeit für mehr und für ausgiebigere Rituale. Obgleich Andrew auch am Samstag arbeiten musste. Was für die meisten seiner Freunde und Bekannten nach blankem Horror klang, war allerdings Andrews freiwillige Entscheidung, denn aufgrund einer flexiblen Arbeitszeitregelung konnte er so jede Woche stattdessen werktags einen Nachmittag frei nehmen, um ihn mit seinen Nichten und Neffen zu verbringen. Egal ob Fußballtraining, Klavierunterricht oder einfach nur ein Ausflug zum nächstgelegenen Spielplatz, einmal in der Woche war er für die Kinder da. Insbesondere seine Schwägerin dankte ihm diese Mühe sehr, denn der Vater der Kinder war oft zu beschäftigt – anderweitig, wie er es stets ausdrückte, oder mit sich selbst, wie Andrew es für sich nannte. Da aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Vater sich seiner Kinder erinnerte, am Samstag von allen Tagen der Woche am höchsten war, wurde Onkel Andrew am Samstag kaum gebraucht und so nutzte er eben die Samstage sein Arbeitszeitkonto wieder auszugleichen. Abgesehen davon mochte er seine Arbeit und so war es für ihn nicht allzu schlimm nach einem ausgiebigen Frühstück – ein weiteres, geliebtes Samstagsritual – sich in das pulsierende Zentrum Londons zu begeben, um ein paar Stunden an seinen Büchern zu werkeln. Andrew Fitzstephen war nämlich Buchrestaurator bei der British Library.

Für diesen Samstag aber war er mit der Arbeit fertig und es war Zeit für ein weiteres Ritual: Seinen Wochenendkaffee! Mit diesem Gedanken vor Augen, schlug Andrew den Kragen seines Mantels hoch, um sich gegen die Kälte zu schützen – er musste unbedingt daran denken, seinen Wintervorrat an Schals wieder im Büro zu deponieren, denn es würde bestimmt nicht das letzte Mal sein, dass er beim morgendlichen Verlassen seiner Wohnung in der Eile den Schal vergaß – und ging raschen Schrittes in Richtung U-Bahn. Es waren nur ein paar Stationen bis zu seinem Lieblingscafé, doch bei den Temperaturen, mehr aber noch den Massen an Samstagseinkaufwütigen gepaart mit den üblichen Touristen – besonders unter Berücksichtigung, dass beide Menschengruppen mit Anbruch des Dezembers sprunghaft zunahmen – und dem Mangel an Einheimischen-Fußgängerspuren für zielgerichtete Stadtdurchquerungen, zog er die U-Bahn einem belebenden Spaziergang vor.

So verließ er wenig später die unterirdischen Gewölbe und ging gut gelaunt auf das Café zu. Nur um nach wenigen Schritten abrupt inne zu halten. Er war es gewöhnt, dass die Caffè Nero Filiale in Covent Garden gut besucht war, aber dass sie an einem Samstag Nachmittag regelrecht aus allen Nähten platzte, war mehr als ungewöhnlich. Noch dazu schienen alle Gäste junge Frauen im Alter zwischen fraglich-ob-volljährig und kennt-inzwischen-auch-nichtmännliche-Altersvorsorge zu sein. Trotz des Andrangs wagte Andrew es, sich seinen Weg durch die Massen zu bahnen, um erstaunt festzustellen, dass die wenigsten Anwesenden sich für die Kaffeeauswahl interessierten. „Was ist denn hier los?“, fragte er Melanie, die wie jeden Samstag Nachmittag als Barista hinter der Theke Dienst hatte.

Die junge Frau blickte auf die Masse und dann auf ihren Stammkunden. „Das hier ist los!“ Damit reichte sie ihm einen Zeitungsausschnitt, den offenbar eine der Damen am Tresen vergessen hatte.

Aufmerksam las Andrew den eher vage formulierten Text, in dem es um eine Art Date-Casting ging. Zumindest waren da von einem angeblich reichen Junggesellen und einer luxuriösen Abendveranstaltung die Rede, zu welcher besagter Junggeselle eine stilvolle Begleiterin suchte. „Das ist doch wohl ein Scherz, oder? Wer fällt denn auf etwas so Plattes herein?“ Gewiss war das nur wieder eine dieser dusseligen Facebook-Flashmob-Ideen, für die sich ein paar zu viele Leichtgläubige hatten gewinnen lassen.

„Und was würdest du sagen, wenn ich dir erzählte, dass es sich bei dem Junggesellen um Mr. Crady handelt?“

Andrew sah Melanie überrascht an. „Crady? Wie in Garrett Crady, über den man in den letzten Wochen so viel in den Boulevard-Blättern lesen konnte?“ Garrett Crady, 33, blond, hoch gewachsen und schlank, sah nicht nur nach allgemeinem Urteil gut aus, er war als Vorstandsvorsitzender und Mehrheitsaktionär eines erfolgreichen Pharmakonzerns auch überaus reich. Er war also definitiv nicht der Typ Mensch, der es nötig hatte, seine Abendbegleitung per Casting zu suchen. Andererseits war er der Typ Mensch, der es sich leisten konnte, eine solche Aktion auch tatsächlich umzusetzen.

Melanie nickte. „Zuerst hielten wir es auch für einen Scherz. Bis dann zum einen der Chef auftauchte und erklärte, er habe sein Einverständnis zu der Aktion gegeben, und zum anderen kurz darauf Mr. Garrett Crady höchst persönlich mit seinem Stab hier aufschlug und sich im Büro häuslich einrichtete.“

„Lass mich raten, keine fünfzehn Minuten später quoll der Laden hier dank moderner Kommunikationsmitteln förmlich vor hoffnungsloser Weiblichkeit über?“, fragte Andrew, der immer noch nicht fassen konnte, dass da irgend so ein daher gelaufener High Society Typ ihm seinen Wochenendkaffee vermiesen wollte.

Die Barista nickte. „Doch so leicht macht es Mr. Crady den Damen dann doch nicht. Sie müssen als erstes einen Fragebogen ausfüllen und der hat es in sich. Unter ‚stilvoll’ versteht Mr. Crady nämlich, dass man nicht nur über eine gewisse Allgemeinbildung verfügt, sondern auch wenigstens eine Fremdsprache beherrscht.“

„Ernsthaft?“ Andrew ließ den Blick durch den Raum schweifen. Am hinteren Ende war ein Tisch zur ‚Anmeldung’ umfunktioniert worden, wo eine Dame reiferen Alters, die ganz die autoritäre Ausstrahlung einer Vorstandssekretärin hatte, Fragebögen aushändigte und Mobiltelefone und andere technische Geräte in Empfang nahm. Neben dem Tisch stand ein bullig wirkender Mann, dem man sofort eine Sicherheitsfirma als Arbeitgeber ansah.

„Ja, das ist Mr. Cradys voller Ernst. Ebenso, dass die Kandidatinnen ohne elektronische Hilfsmittel arbeiten müssen. Schließlich will er mit einer Dame und nicht mit Google ausgehen.“

Andrew schüttelte den Kopf. „Oh Mann, das hat er sich ja ziemlich reiflich überlegt. Nur an eines hat er nicht gedacht: Dass er mit dieser Aktion anderen Menschen den Samstag verdirbt.“

„Och Honey, nimm es nicht so schwer. Verlass dich einfach auf deine Lieblingsbarista.“ Melanie grinste Andrew verschwörerisch an, dann schnappte sie sich einen der allgegenwärtigen Putzlappen und steuerte unauffällig und zielstrebig, wie es nur Servicepersonal in der Gastronomie konnte, eine Reihe Tische an, um dreckiges Geschirr abzuräumen und hier und da Flecken weg zu wischen und sich schließlich einem Tisch mit solcher Hingabe zu widmen, dass die dort herumlungernden Damen, deren niedergeschlagene Mienen eindeutig verrieten, dass sie den Test mit dem Fragebogen nicht bestanden hatten und nun eindeutig darauf spekulierten, mit ihren optischen Reizen bei Mr. Crady persönlich zu landen, sich gemüßigt sahen, doch das Feld und den Tisch zu räumen. Zumal Warten wohl eher zwecklos war, da das Objekt der Begierde sich seit seinem Auftauchen nicht mehr hatte blicken lassen.

Noch während die Göttin des Kaffeevollautomaten den Putzlappen schwang, drehte sie sich zum Tresen um und zwinkerte Andrew zu. Dieser konnte nur grinsen, während er sich den Weg zu ihr bahnte und es sich prompt am nunmehr freien Tisch bequem machte. „Wenn du mich jetzt noch mit meinem Spezial versorgst, bin ich auf ewig in deiner Schuld“, sagte er grinsend.

„Pass auf, was du versprichst, ich könnte dich darauf festnageln.“ Zum Glück kannten sie sich schon lange genug, kam Andrew doch jeden Samstag Nachmittag hier vorbei, dass Andrew derlei Versprechen gefahrlos machen konnte. „Aber ich werd’ sehen, was ich hinsichtlich deines Kaffees machen kann. Dafür möchte ich aber im Gegenzug von dir eine Skizze des hier herrschenden Chaos!“

Andrew verdrehte gespielt gepeinigt die Augen. Zu seinem Wochenendkaffee-Ritual gehörte auch sein Skizzenbuch, mit dem er die Eindrücke der Woche einfing. Teilweise Szenen, die sich vor dem Fenster des Cafés abspielten, teilweise Szenen aus dem Gedächtnis, die sich auf der Arbeit oder am Nachmittag mit den Kindern ereignet hatten. Doch wie die meisten Hobbyzeichner, die auf der Arbeit an einen höchstmöglichen Grad der Perfektion gewöhnt waren, war er von seinem Zeichentalent alles andere als überzeugt, weshalb er nur ungern jemandem seine Skizzen zeigte. Allerdings blieb es bei den vielen Nachmittagen, die er in diesem Café verbracht hatte, nicht aus, dass die Angestellten im Vorbeigehen doch den ein oder anderen Blick auf seine ‚Kunstwerke’ erhaschten. „Wenn du meinst, dass du deinen Augen das antun willst...“

„Du meinst, ob ich eine dauerhafte Erinnerung an die Erbärmlichkeit der modernen Gesellschaft haben möchte? Ja!“ Und ohne Andrew noch eine Gelegenheit zur Erwiderung zu geben, verschwand Melanie geschickt in der Menge in Richtung Theke.

Kopfschüttelnd kramte Andrew sein Skizzenbuch aus der Tasche und suchte seinen Lieblingsbleistift heraus. Dann ließ er den Blick über den Gastraum schweifen. Melanie hatte Recht, dieses Chaos war definitiv eine Skizze wert.

Bald war er ganz in seiner Zeichenwelt versunken und bekam kaum mit, wie seine Kaffeegöttin ihn mit seinem Wochenendspezial versorgte.

Die Menge junger Frauen wogte scheinbar vor und zurück, blond ging in braun und braun in kupferfarben über. Manchmal setzte sich jemand zu Andrew an den Tisch, doch störte das dessen Konzentration kaum, war die fragliche Person doch meist selbst mit sich und dem Fragebogen beschäftigt. Nebenbei seinen Kaffee schlürfend, füllte Andrews Bleistift Seite um Seite. Irgendwann blickte er einmal kurz auf, als wieder einmal eine Tischnachbarin aufstand und sah, dass sie ihren Fragebogen vergessen hatte. Doch noch ehe er sie darauf aufmerksam machen konnte, hatte er sie in dem Gewühl aus den Augen verloren, denn noch immer strömten Hoffnungsvolle nach. Neugierig geworden, zog Andrew den Bogen zu sich heran und ehe er es sich versah, hatte er begonnen, mit dem Bleistift die Antworten einzutragen. Für ihn waren solche Fragebögen immer ähnlich unwiderstehlich wie ungelöste Rätsel in einer Zeitung. Er hatte mit seinem Faible für Allgemeinwissen schon mehr als einmal seltsame Blicke geerntet und sein Mitbewohner während des Studiums hatte sich schließlich geweigert, mit ihm noch irgendwelche Spiele im Stil von Trivial Pursuit zu spielen. Er vertrat auch die Ansicht, dass Andrew als Baby nicht mit Muttermilch sondern mit einem Lexikon gefüttert worden war. Was in gewisser Weise vielleicht sogar stimmte, hatte die ältere Generation Fitzstephen doch tatsächlich auf eine Allgemeinbildung Wert gelegt, die über das hinausging, was die Schulen für ausreichend erachteten. Familientradition eben.

Die meisten Fragen waren eher harmlos und Andrew war sich sicher, dass sogar Menschen, die sich nur mäßig für alles was nicht glitzerte interessierten, sie beantworten konnten. Etwa, wer der derzeitige Premierminister war. Oder auf welchem Kontinent man die Pyramiden von Gizeh finden konnte. Dann aber wurde man aufgefordert in der Fremdsprache seiner Wahl einen kurzen Absatz über ein Geschichtsthema seiner Wahl zu schreiben. „Crady, Crady, das möchtest du nicht wirklich“, murmelte er, während er dazu ansetzte in seiner kleinsten Schrift – er ahnte, dass andernfalls der Platz im Fragebogen nicht reichen würde – auf Deutsch darüber zu berichten, weshalb Heinrich der Achte von England schlicht ein Jahr zu spät mit seinem Gesuch an den Papst um Scheidung von seiner ersten Ehefrau Katharina von Aragon gewesen war.

Danach vertiefte er sich wieder in seine Skizzen und bekam darüber nicht einmal mit, wie sich der Raum zunehmend leerte und die Vorstandssekretärin an seinem Tisch den Fragebogen einsammelte. Er bekam auch nicht mit, wie die Angestellten erleichtert die letzten Damen hinauskomplimentierten und ein großes Schild an die Tür hängten, dass verkündete, dass das Casting beendet sei. Allenfalls bekam er mit, dass der Geräuschpegel sich wieder der samstäglichen Norm näherte, aber da er diesen Zustand gewöhnt war, hielt ihn das nicht davon ab, weiter Bleistiftstriche zu Papier zu bringen. Erst als sich ihm gegenüber jemand auf den Stuhl niederließ und sich kurz darauf vernehmlich räusperte, blickte er von seinem Skizzenbuch auf.

„A.F.?“, fragte der Mann, der sich als niemand geringerer als Garrett Crady entpuppte.

Natürlich war Andrew diesem gegenüber in Vorteil, hatte die Boulevard-Presse doch im letzten Jahr ausführlich und reich bebildert über die Blitzromanze mit folgender Hochzeit berichtet, die schließlich durch die Geburt des Stammhalters gekrönt wurde. Noch genauer aber, mit der ihr üblichen Hingabe, hatten die Regenbogenpresse über das skandalträchtige Ende der Ehe vor zwei Monaten berichtet. Denn wie sich herausstellte – und man musste kein eingefleischter Kenner des Blätterwaldes sein, um zu wissen, mit welch schadenfrohem Genuss sich die Klatschreporter darauf stürzten – war der umhegte Filius keineswegs das Produkt von Garrett Cradys sicherlich fruchtbarer Lenden (Zeitungsjargon, sicherlich nicht Andrews Ausdrucksweise). Vielmehr war ein aus Afghanistan zurückgekehrter Offizier der leibliche Vater des kleinen Lucas. Offenbar hatte Helena Crady, zu dem Zeitpunkt noch Helena Davenport, während des letzten Heimaturlaubs von Captain Whitman mit diesem mehr als nur geflirtet und dann versucht dessen Kind Garrett Crady unterzuschieben. Aus reiner Mutterliebe natürlich – schließlich will man als Mutter nur das Beste für sein Kind – behauptete zumindest die frischgebackene Mutter zu ihrer Verteidigung. Ob man ihr das glaubte, sei dahingestellt, sah man sie doch selten in etwas anderem als der aktuellsten, teuersten Mode, die sie sich ohne Garrett Cradys Bankkonto im Hintergrund sicherlich nicht in dem Ausmaße hätte leisten können. Auf jeden Fall wies der kleine Lucas wohl eine für Captain Whitman eindeutige Ohrmuschelform auf, eindeutig genug, dass der Afghanistan-Veteran auf einem Vaterschaftstest bestanden hatte. Zur Schande für den Klatschjournalismus war es den interessierten Reportern nie gelungen, herauszufinden, wie Captain Whitman Mr. Crady davon überzeugt hatte, dem Vaterschaftstest zuzustimmen, aber das Ergebnis war allgemein bekannt. Der kleine Lucas war kein Crady sondern ein Whitman und Garrett Crady tat das, was jeder Gentleman in dieser Situation tat... er trat zurück und überließ dem Captain das Feld. Dass die daraus resultierende Scheidung nicht ganz so im Sinne Helenas war, war für diverse Gesellschaftskonkurrentinnen ein wahres Fest der Häme und ließ Garrett Crady herzlich kalt. Immerhin meinte es Captain Whitman ehrlich mit der Mutter seines Sohnes und bot ihr die Ehe an, was Helena nach kurzem Zögern und mit erstaunlich realistischem Blick auf ihre sonstigen gesellschaftlichen Optionen auch annahm. Und immerhin blieb ihr Mr. Crady in Form des Patenonkels von Lucas erhalten.

In gewisser Weise konnte Andrew also sogar nachvollziehen, weshalb Garrett Crady den Weg des professionellen Castings für die Abendbegleitung eingeschlagen hatte, aber das änderte nichts daran, dass er wenig angetan davon war, dass Mr. Crady mit seinem Egoismus das ganze Café für sein Casting blockiert hatte. Abgesehen davon hielt Andrew die Herangehensweise auch nicht gerade für Erfolg versprechend. Was sich offenkundig auch in der exorbitant hohen Anzahl übrig gebliebener Kandidatinnen widerspiegelte. Denn ein kurzer Blick durch den Raum zeigte, dass keine der hoffnungsvollen Damen von früher am Nachmittag verblieben war.

Auf Garretts Frage hin, nickte Andrew.

 

 

II.

Zuerst hatte Garrett das Casting für eine gute Idee gehalten. Es war eine nüchterne, logische Herangehensweise, die noch vor dem Smalltalk die Spreu vom Weizen trennte. Einfach die potenziellen Dates ein paar allgemeine Fragen beantworten lassen und die Chancen, dass er nicht bloß einen hochhackigen Gesellschaftsmühlstein am Abend an seiner Seite, oder viel mehr um seinen Hals hängen hatte, stiegen ungemein. War schließlich nicht viel anders als es all die Online-Partnerbörsen machten. Soweit die Theorie.

Die Umsetzung gestaltete sich als erstaunlich erfreulich... Das ganze Team hatte Spaß daran, sich die Fragen zum Allgemeinwissen auszudenken und eine Sprachschule steuerte ein paar Lehrer bei, welche die zu erwartenden Sprachen für den Fremdsprachenteil beurteilen würden. Auch der Ort des Geschehens war ohne größere Schwierigkeiten gefunden – Garrett hatte sich bewusst gegen eine der zentraleren Filialen nahe der Oxford Street entschieden, denn er wollte vermeiden, dass Touristen an dem Casting teilnahmen – sollte das Casting erfolgreich sein, hoffte Garrett durchaus, dass es nicht bei diesem einen Abend blieb. Dennoch war Covent Garden zentral genug, um für eine hinreichende Zahl möglicher Kandidatinnen erreichbar zu sein. Und der Chef der Kaffeehauskette zeigte sich auch seinem Vorschlag durchaus aufgeschlossen gegenüber, so dass die Lokalität gebucht war.

Dann aber schlug die Realität zu. Es tauchten zwar hinreichend junge Damen auf, darunter auch durchaus ein paar, die Garrett unter normalen Umständen – etwa in einer Bar – angesprochen hätte. Leider aber bestand gerade einmal die Hälfte aller Kandidatinnen die Allgemeinwissensfragen. Und bei den Sprachen sah es ähnlich bescheiden aus. Was die Schnittmenge aus beidem betraf... so fehlte es hier meist an dem notwendigen Blick über den heimischen Tellerrand hinaus, um bei einer Begegnung mit international verkehrenden Menschen nicht sofort als zweitklassig eingestuft zu werden. Denn es war nicht einmal so, dass Garrett selbst diese Ansprüche an seiner Begleitung gehabt hätte, zumindest nicht, was die bevorstehende Abendveranstaltung betraf. Natürlich begrüßte er persönlich ein gewisses Niveau, aber es war vielmehr eine Art Mitgefühl für die mögliche Dame an seiner Seite, dass er sie diesem Test unterzog. Gewiss, er wollte schon ein anregendes Gespräch mit der Dame führen können, bei dem es nicht nur um Dolce & Gabbana ging, aber das war nichts im Vergleich zu dem Haifischbecken, in dem er gesellschaftlich verkehrte und in welches er unweigerlich seine Begleiterin werfen würde. Wie überall war auch hier die Konkurrenz groß und entsprechend scharf wurde man beobachtet. Besonders von den Salonlöwinnen, die auf der Jagd nach einem möglichst gut betuchten Gatten waren. Zwar wiesen von denen auch die wenigsten die Kenntnisse auf, die Garrett in seinem Fragebogen abprüfte, aber sie hatten sich im Laufe der Jahre einen gewissen Firniss an Kultiviertheit und Weltgewandtheit angeeignet, so dass sie sich so darzustellen wussten, als hätten sie dieses Wissen. Und sie waren es auch, die am unbarmherzigsten mit Frischfleisch im Haifischbecken umgingen. Garrett musste es ja wissen, schließlich war er bis vor zwei Monaten noch mit einer solchen Dame verheiratet gewesen.

Zuletzt war nur noch ein Fragebogen übrig. Ausgefüllt in klaren Druckbuchstaben, was schon einmal wegen der Lesbarkeit interne Pluspunkte gab, gab der Bogen aber sonst kaum Auskunft über die Kandidatin. Noch nicht einmal ihren Namen hatte sie eingetragen, lediglich ihre Initialen: A.F.

Sich für das letzte Interview wappnend, bedeutete Garrett Mrs. Kennicot, seiner Sekretärin, die betreffende Dame hereinzubitten. Doch bereits nach wenigen Augenblicken kehrte Mrs. Kennicot mit einem Gesicht der seltenen Bestürzung zurück.

„Sir... Es ist mir unendlich peinlich, aber bei diesem Fragebogen scheint es sich um ein Missverständnis zu handeln.“

Fragend sah Garrett seine Sekretärin an und wartete auf die ganze Geschichte. Er wusste wie gewissenhaft Margaret Kennicot arbeitete, weshalb sich hinter so einem Missverständnis mehr verbergen musste, als nur die Tatsache, dass die Kandidatin kalte Füße bekommen hatte und nun nicht mehr anwesend war. Kurz überlegte er sich, ob eine der Kandidatinnen, die zuvor durchgefallen waren, mit einem zweiten Bogen sich eine zweite Chance zu erschleichen versucht hatte. Doch das war ausgeschlossen, so etwas wäre Mrs. Kennicot sofort aufgefallen und dann hätte sie eher wütend als bestürzt ausgesehen.

„Sehen Sie, es ist keine Dame mehr im Gastraum...“

„Ja...?“

„Bitte, sehen Sie selbst.“ Offenbar wusste Mrs. Kennicot nicht so recht, wie sie Garrett die Wahrheit sagen sollte. Also tat er ihr den Gefallen und folgte ihr zum Durchgang, der in den Gastraum führte. „Sehen Sie den Tisch dort drüben? Irgendwann im Laufe des Nachmittags hat der junge Mann dort Platz genommen und ist dort geblieben. Er war stets mit sich selbst beschäftigt, vermutlich ist er ein Stammgast, der sich trotz des Castings nicht von seinem Kaffee abhalten lassen wollte. Jedenfalls saßen auch von Zeit zu Zeit Kandidatinnen an seinem Tisch, um die Fragebögen auszufüllen, und das war dann auch der Tisch, von dem ich den fraglichen Bogen eingesammelt habe. Ich dachte, die betreffende Dame sei vielleicht nur kurz zur Toilette gegangen und käme gleich zurück...“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie nun zu der Auffassung gekommen sind, der junge Mann sei A.F.?“, fragte Garrett mit hochgezogenen Augenbrauen.

Mrs. Kennicot nickte.

Garrett sah für einen Augenblick so aus, als wisse er nicht, ob er fluchen, dem Fremden den Hals umdrehen oder einfach den Rückzug ins Büro antreten sollte. Dann aber fiel sein Blick auf die Wanduhr über der Eingangstür und ihm wurde bewusst, dass es im Grunde zu spät für einen Plan B war. Oder besser einen Plan C, denn dies hier war ja bereits Plan B, hatte Plan A doch eigentlich seine Ehefrau Helena als Begleitung für dieses Wohltätigkeitsdinner vorgesehen. Denn als er der Veranstaltung zugesagt hatte, war er schließlich noch verheiratet gewesen und somit nicht mehr in der Verlegenheit sich für derlei Gelegenheiten um ein Date bemühen zu müssen. Bei den anderen öffentlichen Terminen, die er seit seiner Scheidung hatte wahrnehmen müssen, hatte er auch allein erscheinen können, doch für das Dinner hatte er mit zwei Personen zugesagt und er wusste, dass es hier schlicht unmöglich war, alleine zu erscheinen. Aber konnte er es der Gastgeberin zumuten nicht mit einer Dame sondern einem Herrn an seiner Seite aufzutauchen. Denn, so analysierte sein Verstand, es sprach wohl kaum etwas dagegen, mit einem Freund zu erscheinen. Ganz harmlos... Schließlich wusste jeder, dass er frisch geschieden war. Da wäre es doch eigentlich nur natürlich, wenn er vorerst von der holden Weiblichkeit genug hatte und sich auf die Tugenden der guten alten Männerfreundschaft zurück besann. Auch würde das zu deutlich weniger Gerüchten in der Regenbogenpresse führen... Und es war ja nicht so, dass man heute noch unbedingt und unumstößlich im Wechsel von Mann und Frau um die Dinnertafel Platz nehmen musste.

Dergestalt von seinem Verstand mit Argumenten versorgt, beschloss Garrett dem Fremden zumindest die Ehre des Interviews und damit eine Chance einzuräumen. Er legte seiner Sekretärin beruhigend die Hand auf den Arm und meinte nur: „Schon gut, Mrs. Kennicot.“ Dann ging er durch den mittlerweile wieder angenehm leeren Gastraum und setzte sich zu dem anderen an den Tisch. Dieser schien ganz in ein Buch – ein Skizzenbuch, wie Garrett nun aus der Nähe erkannte – vertieft zu sein und gab ihm somit die Chance, sein Gegenüber etwas genauer zu betrachten. Im Schätzen vom Alter war Garrett noch nie gut gewesen, doch spontan würde er vermuten, dass der andere in etwa so alt war, wie er selbst, was seiner Idee der guten Männerfreundschaft nur entgegen kam. Er schien etwas größer als Garrett selbst zu sein, obgleich das so im Sitzen ebenfalls schwer abzuschätzen war. Von der Statur her hätte man ihn fast als hager bezeichnen können, doch dieser Eindruck wurde von dem wirren Schopf brauner Locken gemildert, so dass es eher drahtig wirkte.

Als offensichtlich wurde, dass sein Gegenüber nicht geneigt war, von ihm Notiz zu nehmen, räusperte sich Garrett vernehmlich. Wobei er es dem anderen wohl nicht übel nehmen konnte, dass er bei dem ständigen Kommen und Gehen des Nachmittags einfach gelernt hatte, auch seine unmittelbare Umgebung auszublenden. Nun aber blickte sein Gegenüber auf und Garrett konnte sich nun endlich Gewissheit verschaffen. „A.F.?“

Der andere zögerte einen Moment, musterte ihn kurz abschätzend, dann sagte er: „Ja. Wieso?“

Garrett gab sich Mühe möglichst gelassen zu erscheinen. „Das waren die Initialen, die Sie auf dem Fragebogen eingetragen haben.“

Es dauerte einen Moment, ehe sein Gegenüber in vollem Umfang die Situation erfasste. „Ähm, ja... was das betrifft, vergessen Sie es einfach. War die Neugier eines Kreuzworträtselfans.“

Garrett lächelte begütigend. „Mir ist schon klar, dass Sie nie vorhatten, an dem Casting teil zu nehmen.“

Der andere nickte.

„Allerdings ist es nun mal so, dass meine Sekretärin den Bogen zusammen mit anderen eingesammelt hat und er ausgewertet wurde. Und wie Sie vielleicht am aktuellen Publikum erkennen können, hat es keine der Damen geschafft, mich von sich zu überzeugen. Andererseits haben Sie bei Ihrem Fragebogen eine erstaunlich hohe Punktzahl erreicht...“

„Ich sagte doch schon, ich bin ein Kreuzworträtselfan. Als solcher hat man ein gewisses Allgemeinwissen und der Rest war dann reine Neugier“, versuchte Garretts Gegenüber abermals auszuweichen.

„Und der Mini-Aufsatz? So etwas kommt aber nicht in Kreuzworträtseln vor“, erwiderte Garrett skeptisch.

„Ist ein Steckenpferd von mir. Nennen Sie mich ruhig Streber, wenn es Ihnen beliebt. Aber es bleibt dabei: Ich habe nicht bei Ihrem Casting mitgemacht. Und selbst wenn ich es getan hätte, so fehlt mir doch eine entscheidende Voraussetzung in Form eines X anstelle eines Y-Chromosoms.“

„Das ist mir, wie gesagt, sehr wohl bewusst. Gleichzeitig aber muss ich gestehen, dass mir die Zeit ein wenig davon rennt“, offenbarte Garrett. „Denn sehen Sie, in nicht weniger als drei Stunden wird von mir erwartet, dass ich bei einem Benefizdinner erscheine, zu dem ich nun mal mit Begleitung zugesagt habe. Einer Begleitung, an der es mir im Augenblick akut mangelt. Und da dachte ich mir, dass wenn ich schon nicht mit einer hinreißenden Dame an meiner Seite aufwarten kann, ich zumindest einen guten Bekannten oder Freund, der obendrein die Möglichkeit eines interessanten Tischgesprächs bietet, mitnehmen könnte.“

Nun zog sein Gegenüber die Augenbrauen in einer Mischung aus Interesse und Amüsement hoch. Offenbar hatte man ihm seine Verzweiflung angemerkt, aber die offenen Worte ließen schließlich auch kaum Raum, das Ganze anders zu verstehen.

„Also, ich bin zwar weder Ihr guter Bekannter noch Freund, aber das mit dem interessanten Tischgespräch könnte ich hinbekommen. Andererseits – ist Ihnen klar, wie es wirkt, wenn Sie so kurz nach Ihrer Scheidung mit einem Mann an Ihrer Seite auftauchen, Mr. Crady?“

„Dass ich momentan von Beziehungen die Nase voll habe und mich stattdessen der Tugenden einer guten alten Männerfreundschaft besonnen habe?“, erwiderte Garrett.

Der andere schüttelte den Kopf. „Das würde man Ihnen vielleicht abkaufen, wenn es sich bei dem Begleiter um einen alten Schulkameraden aus Eton oder einen Studienkollegen aus Oxford handelte. Jemanden, mit dem man Sie schon bei früheren Veranstaltungen im freundschaftlichen Gespräch gesehen hat. Mir hingegen sind Sie heute das erste Mal begegnet. Was für die Klatschpresse bedeutet, dass Sie nach dem disaströsen Ende Ihrer Ehe jetzt das anderen Ufer zumindest versuchsweise erkunden. Was dann wiederum die Frage aufwirft, ob Sie nicht vielleicht schon immer am anderen Ufer gepaddelt haben und es nur nach außen hin nicht zugeben wollten. Oder natürlich, ob Ihre Ex-Ehefrau Sie dermaßen für das holde Geschlecht verdorben hat, dass Sie nun nur noch in den Armen eines Mannes Ihr Glück finden können.“

Bei der Erwähnung der Klatschpresse war Garrett ein wenig blass geworden. Er hatte es stets gehasst, wenn diese Reporter wie die Hyänen über ihn und sein Privatleben hergefallen waren.

„Ich sage nur, wie es ist“, sagte sein Gegenüber achselzuckend. „Damit Sie wissen, worauf Sie sich einlassen.“

„Und Ihnen wäre es egal, wenn man Sie mit mir in dieser Art in Verbindung brächte?“, fragte Garrett etwas ungläubig.

„Bei mir würde die Presse nicht gar so weit daneben liegen, wie bei Ihnen. Denn tatsächlich bin ich schwul. Auch wenn ich in Ihrem Fall heute Abend wenn als strikt männlicher guter Freund an Ihrer Seite wäre. Denn auch wenn man es selten für möglich hält, auch Schwule haben normale Männerfreundschaften.“

Garrett rang mit sich selbst. Wollte er tatsächlich mit einem schwulen Mann an seiner Seite bei dem Dinner auftauchen? Mit ihm fotografiert werden und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit am nächsten Tag auf den Gesellschaftsseiten der einschlägigen Zeitungen wieder finden? Er wusste selbst, dass Zeitungsreporter meist nur das hörten, was sie hören wollten, und dass es bei einer solchen Konstellation höchst unwahrscheinlich war, dass sie seine nur-gute-Freunde-Theorie überhaupt zur Kenntnis nehmen würden. Schließlich war die Plötzlich-Schwul-Theorie viel delikater. Und besonders die anwesenden Salonlöwinnen würden genüsslich die These aufgreifen, Helena habe ihn für die Damenwelt verdorben – und es dann auf sich nehmen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Einerseits war da tief in ihm dieser winzige Teufel, der ihm sagte, dass er es im Grunde ganz gerne sähe, Helena so noch einen mit auf den Weg zugeben, denn egal wie neutral er sich nach außen hin verhalten hatte, so hatte er doch eine Stinkwut auf die Frau. Andererseits war da jene Portion Realitätshumor, die ihn vor seinem geistigen Auge zu einem Hasen degradierte, der von einer Meute Gesellschaftshunde gejagt wurde. Und dann blitzte da noch ein ganz neuer Funke in ihm auf: Was wenn er die Presse einfach schreiben ließ, was sie wollte, und das ganze Theater ignorierte? Aber konnte er es diesem fremden Mann antun, so durch die Klatschpresse gezogen zu werden? Besonders wenn die Presse herausfand, dass zumindest einer von ihnen tatsächlich schwul war? Vielleicht war dieser ja gerade in einer Beziehung und derlei Berichterstattung würde womöglich sein häusliches Glück trüben?

 

 

III.

Andrew fand es faszinierend, wie leicht es ihm fiel, in dem Gesicht seines Gegenübers zu lesen. Er bezweifelte nicht, dass Garrett Crady bei Geschäftsverhandlungen vermutlich das beste Pokergesicht Londons aufsetzen konnte, doch was diese Situation hier betraf, so flackerten Emotionen und Ideen in fast schon erschreckender Klarheit über dessen Züge. So sah er eindeutig, dass dieser durchaus mit dem Gedanken spielte, Andrew zu fragen, ob er ihn am Abend begleitete, wegen der Presse aber noch zögerte. Schließlich beschloss Andrew Mitleid mit ihm zu haben. Immerhin schien Garrett Crady gar kein so übler Kerl zu sein...

„Andrew Fitzstephen“, stellte er sich vor. „Und ja, ich würde mit Ihnen heute Abend zu dieser Veranstaltung gehen, so Sie das noch immer möchten, und nein, es würde mich nicht im Geringsten stören, wenn die Presse mich dergestalt mit Ihnen in einem Atemzug nennt. Ebenfalls nein: Ich bin der Presse nicht als schwul bekannt, aber ja: Sollte ich darauf angesprochen werden, werde ich nicht leugnen, schwul zu sein, weshalb ich fürchte, dass die Reporter diesen Punkt meiner Persönlichkeit noch vor dem Ende des Dinners herausgefunden haben wird. Ferner verspreche ich, dass ich nur mit Ihnen flirten werde, wenn Sie es wünschen.“ Das Letzte sagte er mit einem Lachen in den blauen Augen, das unwillkürlich bei seinem Gegenüber auch ein leichtes Lächeln auf die Züge zauberte.

Es folgte noch ein kurzer Moment des Zögerns, dann aber hatte sich Garrett Crady zu einer Entscheidung durchgerungen. „Wieso eigentlich nicht? Es wird so oder so ein Spießrutenlauf werden.“

„Das sind solche Veranstaltungen immer. Wenn einen die Presse mag, dann gibt es genügend eifersüchtige Anwesende, die einem versuchen die Stimmung mit spitzen Seitenhieben zu vermasseln, und bleiben diese Spitzen aus, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Presse einen auf dem Kieker hat“, sagte Andrew achselzuckend.

„Das klingt, als wären Sie mit der Gesellschaft durchaus vertraut, Mr. Fitzstephen“, erwiderte Garrett trocken.

„Andrew“, verbesserte dieser. „Wenn wir als gute Freunde durchgehen wollen, sollten wir uns duzen und beim Vornamen anreden.“

Garrett nickte zustimmend.

„Was die Gesellschaft betrifft, so halte ich es da mit einem der Wahlsprüche von Elizabeth I.: Video et taceo!“

„Wie es scheint, bist du ziemlich bewandert, was die Renaissance angeht“, sagte Garrett schmunzelnd und nickte zu dem Fragebogen, den er mit an den Tisch gebracht hatte.

Andrew grinste schief. „Solltest du heute Abend irgendwann mal ein Schutzschildthema brauchen, bring mich einfach dazu, über Tudors und Habsburger zu sprechen und du kannst sicher sein, dass alle Anwesenden sich rasch einem anderen Gesprächspartner zuwenden.“

In diesem Moment kam die Sekretärin an den Tisch und räusperte sich entschuldigend. „Sir?“ Und sie tippte viel sagend aufs Handgelenk.

„Danke, Mrs. Kennicot“, erwiderte Garrett. Dann wandte er sich wieder Andrew zu. „Es wird Zeit, wir müssen uns schließlich noch umziehen... Da fällt mir ein – wie sieht es bei dir mit Abendgarderobe aus?“

„Wenn Smoking ausreichend ist, stellt das kein Problem dar“, erwiderte Andrew lächelnd.

Garrett nickte erleichtert. „Ansonsten hätte ich nämlich jetzt noch meinen Theatertrumpf ziehen müssen.“

„Theatertrumpf?“, fragte Andrew neugierig.

„Nun ja, der Plan sah vor, dass mir eine Bekannte, die beim Theater Herrin über den Kostümfundus ist, hilft, mein Date einzukleiden. Schließlich wäre es vermessen gewesen, zu erwarten, dass alle Kandidatinnen entsprechende Abendkleider bereits besitzen. Und für einen Einkaufsausflug, um ein entsprechendes Gewand zu erwerben, hätte mir in jedem Fall die Energie gefehlt.“

Andrew lachte. Dann aber, den gestrengen Blick von Mrs. Kennicot wahrnehmend, zu deren Aufgaben es offenbar gehörte, dafür zu sorgen, dass ihr Chef keinen Termin verpasste, fragte er: „Wo und wann treffen wir uns also für unseren glamourösen Auftritt?“

Garrett überlegte kurz. Er selbst hatte seinen Smoking vorsorglich im Büro hier in der Innenstadt deponiert, Andrew aber würde wohl erst noch einmal nach Hause fahren müssen. Ihn von dort abzuholen, konnte bei den üblichen Verkehrsverhältnissen unfreundlich lange dauern, auch wenn es die Höflichkeit eigentlich von ihm verlangte.

„Wie wäre es mit dem British Museum?“, schlug Andrew da vor, der sich offenbar ebenfalls Gedanken um einen möglichst zentral gelegenen Treffpunkt gemacht hatte.

Garrett konnte nur nicken. „Wie machst du das? Also, dass du immer so vernünftige Argumente und Vorschläge hast?“

Abermals grinste Andrew. „Übung, nichts als Übung. Besonders bei Kindern braucht man nachvollziehbar vernünftige Argumente.“

Kinder? Einmal mehr wurde Garrett bewusst, wie wenig er über Andrew wusste. Waren es seine Kinder oder hatte er beruflich mit Kindern zu tun? Wobei ersteres angesichts seiner sexuellen Orientierung eher unwahrscheinlich war. Außer natürlich, er hatte sie adoptiert. Schwule konnten doch Kinder adoptieren, oder? Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Doch nun war es zu spät, einen Rückzieher zu machen. Und ehrlich gesagt, wollte er das auch gar nicht. Dazu versprach der Abend an Andrews Seite viel zu spannend zu werden.

 

Andrew konnte immer noch nicht glauben, dass er sich auf diese Sache eingelassen hatte. Er verabscheute gesellschaftliche Pflichttermine, hatte sie schon immer verabscheut. Solange er zurückdenken konnte, hatte er stets versucht, sich von diesen zu drücken. Und jetzt willigte er aus freien Stücken ein, niemand geringeren als der Presse Lieblingsopfer Garrett Crady zu einem Wohltätigkeitsdinner zu begleiten! Er hatte eindeutig nicht mehr alle Tassen im Schrank. Und doch stand er nun, zur verabredeten Zeit, vor dem Haupteingang des British Museum und wartete darauf, dass Garrett ihn abholte, damit sie dann, wie es sich gehörte, gemeinsam einen Auftritt für die Presse hinlegen konnten.

Wenn Andrew ehrlich zu sich war, dann wusste er genau, warum er Garrett letztlich angeboten hatte, ihn an diesem Abend zu begleiten: Garrett war irgendwie süß, wenn er zweifelnd dreinblickte. Blieb nur zu hoffen, dass er den Abend überstand, ohne dass Garrett in seinen Augen noch attraktiver wurde. Denn auch wenn der andere rein äußerlich nicht wirklich in Andrews Beuteschema passte – er mochte ja mehr die dunkelhaarigen, mysteriösen Typen – war da noch Andrews Helfersyndrom, wie es seine Schwägerin immer ausdrückte. Wenn es in seiner Macht lag und er irgendeinen persönlichen Bezug zu einer Sache oder Person hatte, konnte er nicht anders als zu helfen, wenn Hilfe benötigt wurde. Was vielleicht auch seine Arbeitszeitenregelung erklärte. Nicht, dass er seine Neffen und Nichten nicht liebte, aber er war sich bewusst, dass ein solches Arrangement eher ungewöhnlich war. Wenn nun also jemand wie Garrett nicht nur Andrews Helfersyndrom ansprach, sondern obendrein auch noch süß war, war für Andrew höchste Vorsicht geboten. Denn wie er aus eigener Erfahrung hatte lernen müssen, war sein Helfersyndrom keine gute Grundlage für eine potenzielle Beziehung.

In diesem Moment kam eine schwarze Limousine um die Ecke gefahren und riss Andrew aus seinen Gedanken. Dankbar für diese Unterbrechung unnützer Überlegungen, stieg Andrew in den Fond des Wagens – es verstand sich von selbst, wenn jemand wie Garrett Crady bei einer solchen Veranstaltung von einem Chauffeur gefahren wurde und nicht selbst hinter dem Steuer saß – und grüßte seinen Gastgeber.

Offenbar hatte sich dieser, seit sie sich vorhin voneinander verabschiedet hatten, ebenfalls seine Gedanken über den heutigen Abend gemacht, denn kaum hatte Andrew die Wagentür geschlossen, als er sich von einer Reihe Fragen bombardiert sah. „Ich denke, wenn wir das heute Abend erfolgreich durchziehen wollen, sollte ich noch ein paar Dinge über dich wissen, Andrew“, eröffnete Garrett den Fragenreigen.

Andrew nickte zustimmend, wohl wissend, dass Garrett im Gegensatz zu ihm selbst, nicht allerlei Nützliches und Unnützes Wissen über seine Begleitung aus der Zeitung hatte erfahren können.

„Was machst du von Beruf? Bist du verheiratet? Also im gleichgeschlechtlichen Sinn? Oder sonst wie liiert? Hast du studiert und wenn ja, wo? Auf welche Schule bist du gegangen?“

„Halt, halt, halt... Immer nur eine Frage nach der anderen bitte. Ich weiß ja, dass die Zeit kurz ist, aber wenn ich mir die Fragen schon nicht merken kann, wie willst du dir dann all die Antworten merken?“, sagte Andrew und hoch leicht abwehrend die Hände. „Also, was mein Beziehungsleben betrifft, so bin ich nicht verheiratet, verlobt oder sonst wie verbandelt. Tatsächlich bin ich derzeit Single und das schon seit einem guten dreiviertel Jahr. Und so weit ich weiß, ist dieser Ex-Freund inzwischen auf einer anthropologischen Forschungsreise in Papua-Neuguinea, weshalb du also auch nicht befürchten musst, den Auftritt eines eifersüchtigen Ex miterleben zu müssen. Nun zu meinem Berufsleben: Ich bin Buchrestaurator an der British Library, also mehr ein Job im Hintergrund, den ich aber dennoch sehr liebe. Schule bis zum Abitur war das Dulwich College, was bei uns in der Familie für die Jungen Tradition hat. Und Uni war dann...“ Die Antwort auf diese Frage blieb Andrew Garrett schuldig, denn in diesem Augenblick hielt der Wagen vor dem Hotel, in welchem das Wohltätigkeitsdinner stattfinden sollte. Der Chauffeur hielt pflichtschuldig die Wagentür auf und schon brandete das Blitzlichtgewitter der örtlichen Presse auf.

„Mr. Crady!“

„Mr. Crady, hier her sehen, bitte!“

„Mr. Crady!“, tönte es von allen Seiten, doch Garrett schien sie alle zu ignorieren und stolzierte mit Andrew an seiner Seite und mit unbewegter Miene auf den Hoteleingang zu. Andrew konnte aus den Augenwinkeln heraus beobachten, wie seine Anwesenheit ein paar mehr als fragende Blicke auslöste und er musste an sich halten, um nicht breit zu grinsen. Aber es hätte zu sonderbar ausgesehen, wenn Garrett ernst drein blickte und er daneben wie ein grenzdebiler Maihase griente. Dennoch amüsierte es ihn in diesem Moment köstlich, den Reportern ein Rätsel aufgegeben zu haben, denn dass sie ihn nicht einzuordnen wussten, war deutlich zu hören. Oder besser gesagt: Nicht zu hören, denn kein einziger rief seinen Namen.

Dann hatten sie die Hotelhalle erreicht und folgten dem Strom der anderen Dinnergäste zur Garderobe, um dort die Wintermäntel – oder teuren Pelzstolen im Falle der weiblichen Gäste – abzugeben, und von dort aus in den Empfangssalon, in dem eine Handvoll Stehtische und viel freier Platz zum Plausch bei einem Champagner einluden. Es war der Bereich, wo auch noch die Presse Zutritt hatte, beim eigentlichen Dinner aber waren die Journalisten nicht erwünscht.

Garrett hatte sich gerade zu einem der geschäftig umhereilenden Kellner umgewandt, um ihnen jeweils ein Glas Champagner zu organisieren, als Andrew plötzlich ein Zischen an seiner Seite vernahm. „Was bei allen guten Geistern machst du hier? Hast du denn gar keinen Anstand?“

Als Andrew sich zu dem Sprecher umdrehte, stöhnte er innerlich auf, obwohl er die Stimme sehr wohl erkannt hatte. Eigentlich hätte er wissen müssen, dass dies genau die Art von Veranstaltung war, die sich jener nicht entgehen ließ. Denn neben ihm stand niemand anderer als sein älterer Bruder. Doch obgleich Andrew nicht gewillt war, es auf eine offene Konfrontation anzulegen, war er ebenso wenig geneigt, sich von seinem Bruder den Abend verderben zu lassen. „Ich vermute mal, dass ich das gleiche hier tue wie du: Für einen guten Zweck essen!“

„Leute wie deinesgleichen...“, zischte sein Bruder, doch Garrett, der in diesem Moment von seiner Mission erfolgreich zurück seine Aufmerksamkeit wieder seiner Begleitung zuwandte, verhinderte, dass er seinen Satz zu Ende sprach. Dennoch konnte Andrew es sich nicht verkneifen, den Satz aufzugreifen. „Leute wie meinesgleichen sind heutzutage gesellschaftlich anerkannt und somit dürfte es dich nicht überraschen, wenn Leute wie meinesgleichen auch ihre Bekannten und Freunde zu Veranstaltungen begleiten, wenn deren übliche Begleitung nicht zur Verfügung steht.“ Damit nahm er mit einem dankbaren Lächeln Garrett die Champagnerflöte ab.

„Pah! Wenn du auch nur einen Funken Anstand im Leib hättest!“

Jetzt reichte es Andrew dann aber doch. „Reggie, ich bitte dich! Du machst dich ja lächerlich. Tu nicht so, als seiest du Mycroft Holmes und ich dein soziopathischer kleiner Bruder Sherlock. Weder lenkst du die Geschicke Englands, noch arbeite ich als Berater für die Polizei in merkwürdigen Fällen. Ich habe auch keine Leichenteile in meinem Kühlschrank oder Einschusslöcher in meinen Wohnungswänden. Also komm von deinem hohen Ross herunter! Einen schönen Abend noch und grüße mir Alexandra.“ Damit wandte Andrew sich ab und wartete ruhig an dem Champagner nippend, bis sein Bruder wutschnaubend das Weite gesucht hatte.

„Will ich wissen, wer oder was das gerade war?“, fragte Garrett schließlich, der schwankte, ob er das Ganze amüsant oder besorgniserregend empfinden sollte.

„Das, Garrett, war mein lieber älterer Bruder: Reginald Fitzstephen, Baron of Talmock, Member of Parliament. Genauer, Mitglied der Oberhauses. Und seit Papi es seinerzeit geschafft hatte, mal Parlamentssprecher zu werden, betrachtet es mein werter Bruder als Familienpflicht, diesen Posten eines Tages ebenfalls zu erlangen. Leider mangelt es ihm dafür aber an einem gewissen politischen Fingerspitzengefühl. Denn schließlich sollte man meinen, dass jeder ernstzunehmende Politiker die Zeichen der Zeit erkennt und auf den Zug der LGBT-Bewegung aufspringt, noch dazu, wo er mit seinem eigenen Bruder einen persönlichen Bezug hat. Aber mein werter Bruder, Lord Talmock, zieht es vor, sich wie ein bigotter Idiot aufzuführen und in Schwulen eine Heimsuchung der alten Ordnung zu sehen. Würde mich nicht wundern, wenn er den Homosexuellen und mir im Besondern natürlich auch die Schuld daran geben würde, dass die meisten Erbsitze im Oberhaus abgeschafft wurden und er somit den schmählichen Gang über die Wahl antreten musste.“

„Klingt ja äußerst charmant“, erwiderte Garrett trocken.

„Oh ja, äußerst. Wobei Reggie durchaus charmant sein kann, wenn es seinem Zweck dient. Sonst hätte er es wohl kaum geschafft, ins Oberhaus gewählt zu werden.“ 

„Vermutlich nicht“, gab Garrett zu. Dann, als konnte er die Frage nicht unterdrücken: „Wird er uns Schwierigkeiten machen?“

Andrew sah Garrett einen Moment irritiert an, dann aber lachte er leise. „Du meinst, ob er bei der nächst besten Gelegenheit der Presse gegenüber erwähnt, dass du das Ufer gewechselt hast? Nein. Was die Presse und meinen Bruder betrifft, so tut er am liebsten so als existierte ich nicht. Und diese Einstellung bewahrt ihn zum Glück auch davor zu versuchen aus dieser Sache politische Vorteile zu ziehen, wie etwa dich zu großzügigen Parteispenden zu bewegen mit der Drohung sonst die vermeintliche Beziehung mit mir an die Presse heranzutragen. Diesbezüglich ist es vermutlich gut, dass meine Schwester keinerlei politische Ambitionen hat. Denn ihr würde ich derartige Schachzüge durchaus zutrauen.“

„Du hast auch eine Schwester?“

Andrew nickte. „Du könntest sie sogar kennen, denn sie ist eingefleischte Salonlöwin. Lynette Fitzstephen.“

Der Name sagte Garrett durchaus was, auch wenn er mit der Dame nicht persönlich bekannt war.

„Normalerweise“, fuhr Andrew fort, „wäre das eine Veranstaltung, die sie sich nicht entgehen lassen würde. Und ich bin mir sicher, dass sie sich metaphorisch betrachtet in den Hintern beißen wird, wenn sie die Zeitungen sieht und wir dort tatsächlich bildlich erwähnt werden. Denn du würdest genau in ihr Beuteschema passen. Derzeit aber weilt sie auf Großwildjagd in Singapur.“

„Großwildjagd in Singapur?“ Garrett schüttelte amüsierte den Kopf. Er war sich zwar nicht sicher, ob er Andrews offenes Wesen in Bezug auf dessen Familie wirklich willkommen hieß, aber es war allemal unterhaltsam.

„Ein Großwild namens Sir Leonard Burke. Seines Zeichens Investmentbanker, der es geschafft hat, selbst aus der Krise noch einen Erfolg zu machen. Mit ihm strebt Lynette eine Verlobung an, weshalb sie natürlich nicht ‚Nein’ gesagt hat, als er sie zu einem kurzen Ausflug nach Singapur einlud.“

Irgendetwas zuckte bei der Nennung dieses Namens in Garretts Hinterkopf, aber wie bei Lynette Fitzstephen konnte er dem Namen kein Gesicht zuordnen, weshalb er vermutete, dass es einfach jemand war, dem er bei einer der vielen gesellschaftlichen Veranstaltungen, vor denen er sich nicht immer drücken konnte, begegnet war. „Ah ja... Und gibt es sonst noch irgendwelche Geschwister über die ich was wissen müsste? Oder andere Familienmitglieder?“

Andrew schüttelte den Kopf. „Keine weiteren Geschwister. Es gibt zwar noch weitere Familienmitglieder, aber deren Leben ist Privatsache. Denn ganz gleich, was mein lieber Bruder von mir denkt, so habe ich doch so etwas wie Anstand. Weshalb das, was ich dir erzählt habe, zum gesellschaftlichen Allgemeinwissen gehört. Jeder im Parlament wird dir bestätigen, dass mein Bruder ambitioniert aber auch mehr als konservativ ist und du bräuchtest nur einer der hier anwesenden Damen den Namen meiner Schwester als Stichwort zu nennen, um all die netten Einzelheiten über ihre Beziehung zu Sir Leonard zu erfahren. Dann allerdings mit einer gehörigen Spritze Gift gemischt.“

„Und was wüssten Parlament und Gesellschaft über dich zu berichten?“, fragte Garrett leise, während man sich langsam in Richtung Speisesaal begab.

„Herzlich wenig. Ich trete fast nie in Erscheinung. Wozu auch? Für meinen Job brauche ich es nicht – im Gegensatz zu meinen Geschwistern –, also weiß die Gesellschaft herzlich wenig über mich. Gut, wer in der Baronatage nachschlägt, wird meinen Namen finden, aber so ist das eben, wenn Papa Baron war.“

„Aber du gibst den Leuten herzlich wenig Gründe, nachzuschlagen, wie ich das sehe.“

Andrew nickte. „Ich gehöre ja sogar zu den Leuten, die keinen eigenen Facebook-Account haben. Mein Privatleben ist eben genau das: privat!“

„Beneidenswert“, seufzte Garrett, verstummte dann aber, um höflich der Eröffnungsrede des Gastgebers zu lauschen.

 


 

Britta + Fich: Katzenaugen 6

(spielt ca. 2 Jahre vor Katzenaugen 5 und beleuchtet Bills Familie)

01

 

„Bill, bleib aber bitte nicht so lange. Morgen ist Schule“, erinnerte Ian seinen Sohn daran, dass er nach dem Kino sofort den Heimweg antreten sollte. „Und Uomi wird dich fahren, keine Widerworte!“ Er grinste, als er sich vorstellte, wie sein Sohn gerade die Backen aufblies. Vom Chauffeur des Vaters ins Kino gefahren und auch wieder abgeholt. Das kam in dem rebellischen Alter einer Demütigung sondergleichen gleich. Doch Ian kannte da unter der Woche keine Kompromisse. Sein Sohn war dreizehn Jahre und in letzter Zeit waren immer wieder Übergriffe auf Jugendliche öffentlich geworden.

>>Dad<<, maulte Bill wie erwartet, doch er wusste, dass er keine Chance hatte.

„Bill, das ist doch nur zu deinem Besten.“

>>Ich weiß, Papa. Aber meine Freunde werden wieder ihre Witzchen reißen.<<, murmelte er leise, grinste aber als sein Vater ihm erklärte, dass die bestimmt nicht mehr lachen würden, wenn sie nass geregnet am Bus warten würden, während Bill trockenen Fußes und mit einer fettigen Tüte voll Fastfood auf dem Schoß nach Hause gebracht wurde.

Ian spürte, wie Bills Augen leuchteten – er musste es nicht sehen, um es zu wissen. Bill starb für Fastfood. Doch als Ausdauerläufer setzte er kaum Fett an.

>>Okay. Zwei Whopper und viele Pommes. Hab dich lieb. Tschüss.<<

Ian lachte und legte auch auf. Sein Blick glitt durch sein Büro und blieb auf dem Modell hängen, an dem er aktuell arbeitete. Ein energetisch autarkes Hochhaus in Dubai. Er war ein international gefragter Architekt und Energietechniker, er konnte mit seinem Geld seinen Kindern alles bieten, nur Zeit hatte er für seine beiden Jungs immer weniger. Und allmählich war sich Ian nicht mehr sicher, ob Geld wirklich alles war im Leben. Für eine Katze hatte er es weit gebracht im Leben, auch wenn ihn der Verlust seiner Frau vor ein paar Jahren ziemlich zurück geworfen hatte. Er war allein mit seinen beiden Jungs zurückgeblieben – und sie waren alles für ihn. Wirklich alles. Aber in den letzten Monaten hatten die beiden mehr mit Kindermädchen, Haushälterinnen, Butlern und Chauffeuren zu tun als mit ihrem eigenen Vater.

Er wusste, dass er selbst daran schuld war. Immer hatte es ein Projekt gegeben, das er unbedingt noch hatte machen wollen, bevor er sich mehr Zeit für seine Familie nahm und jetzt steckte er in einem Trott fest, den er nur noch sehr schwer durchbrechen konnte. Er hatte Verpflichtungen, die er erfüllen musste.

Ian seufzte und warf den Stift, den er in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch. Bill war zwar heute Abend nicht zu Hause, aber Simon würde sich hoffentlich freuen, wenn sein Papa mal so früh zu Hause war, dass sie noch zusammen spielen konnten. Viel konnte er heute sowieso nicht mehr erreichen. Sein Kontakt in Dubai würde die für die Energiebilanz benötigten Messdaten heute sowieso nicht mehr liefern. Dort war jetzt tiefste Nacht. Ein Blick auf die Uhr. Es war auch schon wieder sechs. Die Zeit verging, das war unglaublich. Und so schob er nur noch die Papiere zusammen und räumte den unordentlichen Haufen in den Tresor. Einmal hatte man ihn über den Tisch gezogen und seine Ideen und Ansätze geklaut. Ein zweites Mal passierte ihm das nicht mehr.

Das Büro war schnell abgeschlossen und Ian auf dem Weg zum Parkhaus. Er hatte sich seine Büroräume extra so ausgesucht, dass er in der Nähe einen Parkplatz fand und dieses Parkhaus war ideal für ihn. Er betrat das Gebäude und horchte auf, als er ungewöhnliche Geräusche hörte. Sie ließen sich nicht richtig orten, darum zuckte Ian mit den Schultern. Oft trieben sich Jugendliche im Parkhaus herum. Deswegen war auch das Sicherheitslevel angehoben worden. Zumindest sollte mit den vielen Kameras das Gefühl vermittelt werden. Doch da Ian sich mit einem der Wachleute locker angefreundet hatte, weil man sich ab und an im Haus über den Weg lief, wusste er, dass die meisten Kameras nicht aufzeichneten, manche waren noch nicht einmal echt. Ian aber war es egal: wer ihn angriff, hatte seinen letzten Fehler gemacht. Er war ein Werkater und nicht gerade der schwächste. Mit einem ausgewachsenen Schneeleoparden legte man sich nicht unbeschadet an.

Mit schnellen Schritten erklomm Ian die Treppen in die zweite Etage. Er musste natürlich ans andere Ende der Ebene und Ian zog den Kragen seiner Jacke hoch. Es war verdammt kalt und durch die offenen Wände fegte der Wind, so dass es ziemlich unangenehm war. „Morgen parke ich neben der Tür“, brummte er und stiefelte los. Wieder horchte er auf, als er Stimmen hörte und runzelte die Stirn. Auf eine Horde Jugendlicher hatte er keinen Bock, darum lief er schneller. Einmal mehr spielte er mit dem Gedanken dort hin zu ziehen, wo jeden Tag die Sonne schien und es kein trübes, vorwinterliches, nasskaltes Matschwetter gab wie hier in New York. Allerdings hatte er die Ecke, die ihm gefallen könnte, noch nicht gefunden und seine Jungs aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen oder von ihrem Freundeskreis zu trennen, brachte er auch nicht übers Herz. Also blieb ihm nur den Kragen fester zuzuhalten und den Kopf etwas zu senken, als eine Bö über das Parkdeck fegte.

„In sechs Wochen ist Weihnachten und dann ist das Jahr auch schon wieder um, die Zeit rast“, sinnierte er und ließ – die Hand mit der Fernbedienung in der Manteltasche – seinen Wagen sich öffnen. Das leise Quietschen ging im Lärm allerdings unter. Es schien als kämen die Jugendlichen näher. Was trieben die eigentlich hier?

Ian sah sich um, und konnte aber niemand sehen. Das noch jemand mit ihm auf dieser Etage war, da war er sich sicher. Er schüttelte den Kopf, drehte sich wieder zu seinem Auto und zuckte erschocken zusammen, als von rechts, eine Gestalt in ihn rein lief und ihn zum Schwanken brachte. Ian konnte sich gerade noch so fangen, aber sein Versuch, die andere Person festzuhalten, schlug fehl und der Mann, wie er jetzt erkannte, fiel auf den Boden. Es machte ein hässliches Geräusch, als der Kopf auf dem Boden aufschlug und der Mann sich nicht mehr rührte.

„Scheiße, da ist einer. Weg!“, hörte er von irgendwo hinter einer der Mauern und dann waren schwere Schritte zu hören, die sich entfernten. Doch das nahm Ian nur noch am Rande wahr. Er kniete schon neben dem jungen Mann. Der sah fürchterlich aus. Überall Blut, frisch und getrocknet. Die Haare waren völlig zerzaust. Wenn das mal eine Frisur gewesen war, musste das schon länger her sein. Doch das war das kleinste Problem des Mannes. Ian tätschelte vorsichtig die Wange. Der Mann regte sich nicht. Er war mit dem Kopf auf den Betonboden aufgeschlagen und Ian befürchtete schon das schlimmste. Doch er konnte Atmung und Herzschlag wahrnehmen. Allmählich sickerte Blut auf den Beton und so hob Ian vorsichtig den Kopf des jungen Mannes an und legte hastig eine Decke aus seinem Kofferraum drunter. „So ein Mist“, murmelte er leise. „Hallo. Hören sie mich?“

Was sollte er denn jetzt machen? Erste Hilfe war gar nicht sein Ding. „Scheiße, Scheiße!“, fluchte er leise und fischte sein Handy aus der Jackentasche. Er kam aber nicht dazu, den Notruf anzuwählen, denn eine blutige Hand griff nach seinem Arm „Ni...ht“, flüsterte der Mann und seine Augen flehten Ian an. „Junge, du brauchst einen Arzt. Ich ruf einen Krankenwagen“, versuchte Ian zu erklären, aber der Mann schüttelte den Kopf. „Nein.“

Und dann machte er auch noch Anstalten sich zu erheben, so dass Ian sein Handy wegstecken musste, um ihn daran zu hindern. „Du hast einen Schock! Du blutest aus mehreren Wunden. Jede Bewegung macht es nur noch schlimmer. Ich finde das sollte sich ein Fachmann ansehen und da ich nur Architekt und kein Arzt bin, falle ich da aus“, knurrte er, als er versuchte, den Mann wieder auf den Beton zu drücken. Doch Ian wagte nicht mit seiner ganzen Kraft gegen ihn anzugehen, denn er wusste nicht, wie schwer der junge Mann verletzt war und welchen Schaden Ian zusätzlich anrichten würde. „Ich zahle das auch. Dich kostet das nichts“, erklärte er, falls der junge Mann nicht krankenversichert war und so zog er noch einmal sein Handy heraus.

Aber der Verletzte schüttelte nur wieder den Kopf und versuchte erneut aufzustehen. „Bleib liegen, Mensch“, brummte Ian. „Ich muss überlegen, was ich jetzt mache. Schließlich kann ich dich nicht einfach hier liegen lassen.“ Es kam selten vor, dass er nicht weiterwusste. Er sah zwischen dem Mann auf dem Boden und seinem Wagen hin und her und seufzte schließlich. Der Mann musste vom kalten Boden runter. „Ist es okay, wenn ich dich mit zu mir nehme?“

Skepsis schlug ihm entgegen, als der Fremde ihn ansah. Er schien wirklich darüber nachdenken zu müssen. Sein Schädel dröhnte. Er spürte, dass der Blutverlust der letzten Tage immer noch an seiner Selbstheilung zehrte und er eigentlich Ruhe bräuchte. Doch der Kerl roch so ähnlich wie seine Peiniger. Wenn er mitging, dann kam er vom Regen in die Traufe. So schüttelte er den Kopf. „Geh! … komme… klar.“ Er schloss die Augen, um Kraft zu sammeln, doch viel war davon nicht mehr da.

„Ja sicher, das kann ich sehen. Du liegst platt wie ein Käfer auf dem Rücken, bist verletzt und kannst noch nicht einmal aufstehen.“ Ian merkte, dass er wohl etwas heftig geworden war, als der Mann zusammenzuckte. „Entschuldige, Mann, so war das nicht gemeint. Für mich ist das hier auch Neuland. Ich bin in dich rein gelaufen, wegen mir hast du dir den Kopf angeschlagen und bist verletzt. Du brauchst Hilfe und da du nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus willst, muss ich mich wohl um dich kümmern. Allerdings solltest du wissen, dass ich eine lausige Krankenschwester bin.“

„Lass“, knurrte der Fremde und versuchte sich zu wehren. Er war wütend darüber, dass der Kerl einfach nicht begriff, wann Schluss war. Er hatte nicht die Kraft, sich gegen den Mann zu wehren und er roch wie seine Peiniger. Angst stieg in ihm auf, doch er konnte nicht aufgeben. Er musste weg, sich verstecken, Ruhe bekommen und regenerieren. Blut würde es einfacher machen, doch den Kerl vor sich zu überwältigen, dafür hatte er nicht die Kraft und dass jemand freiwillig sein Blut gab, das hatte Randy noch nicht erlebt. „Geh!“, versuchte er es noch einmal resigniert, doch das war das letzte, was er von sich gab. Er wurde ohnmächtig.

„Na toll. Ganz super“, fluchte Ian. Was sollte er denn jetzt machen? Liegen lassen konnte er den Mann auf keinen Fall. Bei der Kälte überlebte der die Nacht nicht. „Du kommst jetzt mit“, sagte er darum und hob den Verletzten hoch. „So habe ich mir meinen Abend zwar nicht vorgestellt, aber ist wohl nicht zu ändern.“

Schnell war die Wagentür geöffnet und Ian setzte den Verletzten vorsichtig auf den Beifahrersitz. Dann drehte er diesen weit nach hinten, um seinen unfreiwilligen Gast in eine liegende Position zu bringen. Er konnte nur hoffen, dass ihn jetzt kein Polizist anhielt. Es gab Dinge, die konnte man einfach nicht glaubwürdig erklären. Er schnallte den jungen Mann an, auch wenn das wenig Sinn machte. Es gab nun einmal Vorschriften. Und je weniger er davon brach, umso weniger Ärger gab es, hoffte Ian. Dann schwang er sich auf den Fahrersitz und startete den Wagen, immer eine Auge auf den Verletzten, um zu reagieren, wenn sich etwas änderte.

Er hatte versucht, zu ergründen, was sein Gast war. Doch er konnte nur das Blut riechen, es überdeckte alles.

Jetzt musste nur noch die nächste halbe Stunde alles glatt gehen. Ian wohnte etwas außerhalb in einem schönen, geräumigen Haus mit großem Garten. Er hatte damals mit seiner Frau dieses Haus ausgesucht, weil es ideal für Kinder war. Nun lebte er mit seinen Jungs und ein paar Angestellten alleine auf dem schönen Anwesen. Seine Frau Mel war bei Simons Geburt gestorben und er vermisste sie immer noch. „Stirb mir jetzt bloß nicht.“ Ian legte an einer Ampel seine Hand an den Hals des jungen Mannes, um den Puls zu fühlen.

Doch der war noch da. Stetig, etwas schwach, aber er war da. „Gut“, murmelte Ian leise und fuhr wieder an. Er schlängelte sich durch den Verkehr, hielt sich an alle Regeln und schlug innerlich drei Kreuze, als er durch das Tor zum Anwesen hoch fuhr und der Kerl neben ihm immer noch am Leben war. Dass er allerdings immer noch ohnmächtig war, kam Ian zwar entgegen, doch es machte ihm auch Sorgen. Es blieb zu vermuten, dass der Kerl mehr Schaden genommen hatte, als sie beide angenommen hatten. Vielleicht sollte er trotzdem den Arzt rufen, auch wenn sein Gast das eigentlich nicht wollte.

Aber es nicht zu tun, war Ian einfach zu heikel. Er fuhr den Wagen vor den Eingang und nahm seinen unfreiwilligen Gast auf die Arme. „Maria“, rief er laut. Seine Haushälterin sollte ihm die Tür aufmachen, denn das war gerade etwas schwierig. „Senior Brown“, rief die ältere Frau erschrocken, als sie die Tür öffnete. „Keine Sorge, ich bin nicht verletzt“, sagte er gleich, denn Maria hielt sich erschrocken die Hände vor den Mund. „Ruf doch bitte Dr. Carter an. Er soll sich den Mann mal ansehen.“

„Natürlich, Sir, sofort!“ Sie eilte davon, während Ian den Fremden in das Gästezimmer auf der unteren Etage brachte. Das war der kürzeste Weg und dort war der Mann ungestört. Es würde jetzt noch eine Weile dauern, bis der Arzt hier war, doch zum Glück wohnte und arbeitete sein Freund in der Nähe. Sie kannten sich seit vielen Jahrzehnten, auch wenn sie nicht dem gleichen Clan entstammten. Dexter Carter war ein Schakal und anfangs – in der Schule – waren sie beide nicht nur sprichwörtlich wie Hund und Katze gewesen.

„Mann, siehst du lädiert aus. War aber nicht alles ich“, murmelte Ian, als er den jungen Mann auf das Bett gelegt hatte. Er versuchte einen Teil der dreckigen Kleidung zu entfernen. Die Bettwäsche bekam ganz schön was ab und so verschwand er hastig im Bad, suchte dicke Handtücher und legte sie unter den Verletzten.

„Daddy?“ Plötzlich stand Simon in der Tür, der den Wagen seines Vaters gehört hatte.

„Simon!“ Ian drehte sich um und musste lächeln, als er seinen Jüngsten sah. Die Haare vollkommen verstrubbelt und den Mund mit Schokolade verschmiert, sah er unwahrscheinlich niedlich aus. „Hat Maria Schokocookies gebacken?“ Ian grinste von einem Ohr zum anderen, als Simon heftig mit dem Kopf nickte und sich mit der Handfläche über den Bauch rieb. „Super!“ Er ging zu seinem Sohn und hob ihn hoch. „Na, mein kleiner Engel“, begrüßte er seinen Sohn und küsste ihn auf die Stirn.

„Und ich hab geholfen!“, erklärte Simon stolz. Er hatte den Teig ein bisschen rühren dürfen und Teigklekse auf das Blech tropfen lassen. Doch dann fiel sein Blick auf den fremden Mann. „Wer ist das? Warum blutet der Mann?“, wollte er neugierig wissen und wand sich ein bisschen, als sein Vater ihm den Mund abwischte.

„Ich weiß nicht, wie er heißt. Er ist verletzt und damit es ihm bald wieder besser geht, habe ich ihn hier her gebracht.“ Ian rieb seine Nase an der seines Sohnes und sah zu dem Mann auf dem Bett. „Maus, geh doch bitte zu Maria, damit ich mich um unseren Besuch kümmern kann. Ich komme zu euch, wenn ich fertig bin.“

Begeistert war Simon nicht, doch er widersprach eher selten und so ließ er sich auf den Boden stellen. Er sah noch einmal zurück, doch dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und flitzte davon, während Ian sich beeilte und warmes Wasser holte, um die Wunden zu reinigen. Dann konnte Dexter sich ein besseres Bild machen.

Ian musste das Wasser mehrfach wechseln. Unter der Kruste aus Blut und Dreck erschienen nicht nur Schnitte, sondern auch Platzwunden und blaue Flecken. Mit irgendwem hatte sich der Kerl angelegt und Ian konnte sich nicht vorstellen, dass er hier den Sieger des Kampfes verarztete.

„Dr. Carter ist unterwegs.“ Maria guckte kurz in das Zimmer und sah auf den Mann im Bett. „Madre de dios“, flüsterte sie leise, als sie die vielen Verletzungen sah. Wer hatte den Mann nur so zugerichtet. „Geben sie mir seine Sachen, ich werde sie waschen und dann koch ich ihm eine kräftigende Suppe.“

„Danke, Maria“, murmelte Ian, als er das rechte Bein des Mannes trocken tupfte. Sein unfreiwilliger Gast war noch immer nicht zu sich gekommen, was Ian allmählich Sorgen bereitete. Er widmete sich dem Gesicht, wischte auch dort mit einem feuchten Lappen darüber und stutzte, als er mit dem Lappen aus versehen die Lippen etwas lupfte. „Fangzähne?“, fragte er sich verwirrt und schnupperte intensiver an dem jungen Mann.

„Vampir?“, murmelte er überrascht und schnupperte noch einmal, um sich sicher zu sein. „Kein Zweifel. Warum ist mir das vorher nicht aufgefallen?“, fragte er sich und hob noch einmal vorsichtig die Oberlippe an. „Wo bist du nur rein geraten?“ Vampire waren stark und durchaus wehrhaft und da fragte man sich, wer ihn so zugerichtet hatte. Außerdem wusste Ian, dass sie ihre Fänge einziehen konnten, wenn sie nicht gebraucht wurden. Wenn sie unwillkürlich erschienen hieß dass, dass der Körper Blut brauchte. „Da wird Marias Hühnersuppe nicht viel ausrichten können“, murmelte er und überlegte angespannt. Was hieß es einen hungrigen Vampir im Haus zu haben? Er musste verhindern, dass seine Jungs dem Fremden noch einmal nahe kamen!

„Dexter, wo bleibst du denn. Du warst schon schneller, wenn zum BBQ gerufen wurde.“

Er blieb bei seinem Gast sitzen und wischte weiter das Gesicht sauber. Unter dem ganzen Blut und Dreck kam ein gut aussehendes Gesicht zum Vorschein. Ian sah ihn sich genau an, aber er kannte den jungen Mann nicht. Was auch nicht verwunderlich war, denn er kannte kaum Vampire. Bisher hatte er sich immer fern von ihnen gehalten und war gut damit gefahren. Ihr Ruf war nicht der beste. Das galt nicht nur für den privaten Bereich sondern auch für den Geschäftlichen. Geschäfte mit Vampiren hatten immer den schalen Beigeschmack über den Tisch gezogen worden zu sein, ohne es zu merken.