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02

Britta + Fich: Katzenaugen

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„Du hast was aufgelesen, sagt Maria? Zeig mal her“, begrüßte Dexter seinen Freund, als er nach einem kurzen Klopfen am Türrahmen eintrat.

„Ja, was bissiges.“ Ian sah sich zu seinem Freund um. „Ein Vampir. Er wurde verfolgt, als ich auf ihn getroffen bin und so wie es aussieht auch misshandelt.“ Ian stand vom Bett auf, damit der Arzt sich den Mann ansehen konnte.

„Warum hast du ihn zu dir gebracht und nicht zu einem Krankenhaus?“ Dexter zeigte sich entsetzt darüber, dass sein Freund so leichtsinnig war. Eilig machte sich Dexter daran, den jungen Mann zu untersuchen. „Der Kerl ist völlig ausgehungert. Seine Wunden schließen sich fast gar nicht.“ Schnell waren die offenen Wunden versorgt. Aber dass der Mann immer noch nicht bei Bewusstsein war, war kein gutes Zeichen.

„Er braucht Blut. Würde es helfen, wenn ich ihm etwas von meinem gebe?“ Ian war hin und her gerissen. Jemanden hungern lassen, war unmenschlich, aber es war ein Risiko, wenn der Vampir wirklich ausgehungert war. Er war zwar noch nicht wirklich alt, aber doch schon so, dass sein Blut schon eine große Selbstheilungskraft besaß. Etwas, was der Vampir gebrauchen konnte.

„Glucke mit Helfersyndrom“, knurrte Dexter und lachte. Er kannte seinen Freund. Der rettete sogar Fliegen. So war Ian eben. Doch Dexter lehnte ab. „Ich habe in der Praxis noch ein paar Konserven. Die werde ich ihm intravenös eintrichtern. Das sollte den Körper stabilisieren.“ Dexter erhob sich. Er hielt nichts davon, den fremden Vampir mit Ians Blut zu füttern. „Also lass die Ärmel unten und warte, bis ich wieder da bin.“ Er strich seinem Freund über die Schulter.

„Okay, so ist es wahrscheinlich besser.“ Ian grinste seinem Freund schief zu. Was konnte er denn dafür, dass er sich für den Fremden verantwortlich fühlte. „Ich bleibe bei ihm, bis du wieder da bist und ich habe kein Helfersyndrom. Er wollte nicht ins Krankenhaus, kein Wunder wenn er ein Vampir ist. Was ich da aber noch nicht gewusst habe.“

„Red dich nur raus“, lachte Dexter. Dann war er auch schon weg und Ian mit seinem unfreiwilligen Gast wieder allein. Er deckte den jungen Mann zu und verließ kurz das Zimmer, um sich etwas zu trinken zu holen. Aus der Küche hörte er Simon, der Maria dabei zu helfen schien, die Suppe zu zaubern. Er fühlte sich schlecht, weil er eigentlich die Stunden, die er heute nicht mehr im Büro verbrachte, mit Simon hatte verbringen wollen. Er würde das nachholen. Morgen verordnete er sich einen Tag Homeoffice. Zum einen hatte er dann mehr Zeit für Simon und zum anderen hatte er dann ein Auge auf den Vampir.

Das würde seinem Jüngsten bestimmt gefallen, wenn sie morgen früh zusammen frühstücken konnten. Ian strich Simon durch die Haare, als er zum Kühlschrank ging und schnupperte. „Das riecht lecker“, meinte er lächelnd und hob seinen Sohn hoch. „Darf ich nachher auch mal probieren?“

Simon tat als müsste er darüber jetzt erst mal nachdenken. „Weiß nicht, ob das reicht“, sagte er also und kicherte, als er seinen Vater die Augen verdrehen sah. „Dann muss ich wohl dich fressen, hm?“, lachte Ian und knabberte seinen Jungen spielerisch über die Schulter und den Oberarm, bis er vor Vergnügen quietschte.

„Du darfst probieren“, lachte der Junge und wand sich in den Armen seines Vaters. Er legte Ian die Arme um den Hals und küsste ihn auf die Wange. Ian ließ sich halten und strich Simon über den Kopf. „So dann koch weiter, sonst hab ich nichts, was ich nachher probieren kann.“

„Ja!“ Simon nickte heftig und zappelte, weil es ihm nicht schnell genug ging, auf den Boden gesetzt zu werden. Ian beobachtete ihn noch ein paar Sekunden, doch dann erinnerte er sich, dass er Dexter versprochen hatte, so lange den unfreiwilligen Gast zu beaufsichtigen. Also griff er seine Wasserflasche, öffnete sie noch im gehen und als er im Flur an der Eingangstür vorbei kam, öffnete er sie. Er hörte Dexter die Treppen hoch steigen. Der Arzt hatte eine Kühltasche bei sich und einen Infusionsständer und schloss die Tür hinter sich, als er zusammen mit Ian zurück zu seinem Patienten ging.

Er half Dexter bei den Vorbereitungen. Routiniert setzte der Arzt die Infusionsnadel und das Blut lief aus der Konserve in die Vene des Vampirs. „Was glaubst du, wie viel er brauchen wird?“ Ian beobachtete seinen Gast genau, aber noch war keine Veränderung bei den Verletzungen zu sehen.

„Das dauert jetzt ein bisschen. Er ist völlig ausgehungert. Und selbst dann braucht das Blut eine Weile, ehe es anfangen kann zu wirken“, bremste Dexter die Erwartungen seines Freundes. „Ich habe erst mal vier Konserven. Wir müssen sehen, wie weit wir damit kommen.“ Er hatte für morgen noch ein Dutzend bestellt, nur für alle Fälle.

„Er hat wohl ‘ne harte Zeit hinter sich“, murmelte Ian und sah seinen Freund an. „Möchtest du etwas trinken?“, fragte er, weil er sich gerade an seine Gastgeberpflichten erinnerte. „Ein Kaffee wäre toll.“ Der Arzt sah nur kurz auf, weil er gerade den Puls seines Patienten kontrollierte.

„Okay“ Ian war ganz froh, dass er das Zimmer wieder verlassen konnte. Er hatte begonnen sich auszumalen, was dem jungen Vampir passiert sein mochte. Vor allem wer ihm dies angetan haben könnte. Er hatte sich die Wunden angesehen und was er sah, hatte ihm nicht gefallen. Viele der Wunden waren parallel – vier parallele Schnitte. Seine Möbel waren voll von ähnlichen Mustern, wenn seine Jungs wieder ihre Krallen an etwas geschärft hatten. Das passte alles nicht zusammen. Die Bilder in seinem Kopf gefielen ihm ganz und gar nicht. Er schüttelte den Kopf, straffte sich aber, als er wieder in die Küche kam.

Er setzte Kaffee auf und lehnte an der Anrichte. Er war in Gedanken und so zuckte er ein wenig zusammen, als sich zwei Arme um seine Knie schlangen. „Dad“, maulte Simon, weil er seinen Vater was gefragt hatte und er gar nicht zuhörte. „Was ist denn los, Mäuschen?“, fragte Ian und hob seinen Sohn hoch. „Du hörst nicht zu“, brummte der kleine Junge und kuschelte sich an seinen Vater. „Die Suppe ist fertig. Möchtest du probieren?“

„Aber natürlich möchte ich das. Aber zeig erst mal deine Hände. Nicht dass aus Versehen einer deiner Finger rein gefallen ist und ich den dann runter schlucke“, lachte er, dankbar für die Ablenkung. Er ließ Simon wieder auf den Boden, als der Junge zappelte. Denn er wollte zu Maria rüber, die gerade den Topf vom Herd zog. „Noch eine Schüssel für Daddy!“, rief er, guckte aber sicherheitshalber noch mal auf seine Finger. Sah gut aus. Fehlte bestimmt keiner, er wusste das aber nicht mit Gewissheit, weil er noch nicht zählen konnte.

„Noch alles dran“, lachte Ian und holte eine Schüssel aus dem Schrank. Er gab sie an Simon weiter und ging zurück ins Gästezimmer. „Möchtest du auch eine Schüssel Suppe?“, fragte er Dexter. Für ihren Gast blieb noch genug über, auch wenn sie alle etwas aßen. Außerdem konnte sich Ian nicht vorstellen, dass der in den nächsten Stunden etwas anderes als Blut gebrauchen konnte.

„Klar, warum nicht. Zu sehen wie der Kerl die Konserve aussaugt, als wäre er ein Schwamm, ist ja beängstigend.“ Dexters Blick lag auf dem Plastikbeutel mit dem dunkelroten Inhalt, der kopfüber an einem Gestell hing und seinen Inhalt über einen dünnen Schlauch in den Arm es Vampirs laufen ließ. Aber das Tempo, mit dem das passierte, erschütterte den Arzt. Er musste wochenlang gehungert haben.

„Dann komm rüber. Dein Kaffee ist auch gleich fertig.“ Ian sah noch einmal zu seinem Gast, aber der rührte sich überhaupt nicht. „Lassen wir die Tür auf, dass kriegen wir mit, wenn er wach werden sollte.“ Simon saß schon am Tisch, als sie in die Küche kamen und Ian musste schmunzeln. Simon hibbelte nämlich rum und es ging ihm alles nicht schnell genug. Ihm wurde immer wieder eingeschärft, dass erst gegessen wurde, wenn alle saßen und wenn sein Vater und Onkel Dexter noch lange so trödelten, dann würde er vielleicht mal ein Machtwort sprechen müssen. Doch es war nicht nötig, denn die beiden Männer setzten sich vor ihre dampfenden Schalen und schnupperten. Das roch wirklich gut. Hast du gut gemacht, Simon, sagte Dexter und lachte, als der Kleine schnurrte wie ein Traktor.

„Ja, nicht?“, strahlte der kleine Junge und löffelte eifrig. Sein Vater lächelte glücklich. Simon hatte seine Mutter nie kennen gelernt und Ian hatte immer Angst gehabt, dass seinem Sohn etwas fehlen würde und er ihm nicht die Mutter ersetzen konnte, aber Simon war aufgeweckt und fröhlich. Ihm schien es zum Glück an nichts zu fehlen. Er hatte seine Schüssel noch nicht richtig leer, da schielte er schon nach dem Topf. Wenn sie für Bill noch was aufheben wollten und für Daddys Gast, dann wurde es knapp. Also guckte er auf die Schüsseln von Dexter und seinem Vater, ob er nicht da noch was abgreifen konnte. Meistens half es, wenn er als Katze den Kopf auf die Pfoten legte und extrem niedlich guckte. Also wandelte er sich und versuchte nun sein Glück, indem er die großen pelzigen Pfoten auf den Tisch legte, den Kopf darauf bettete und die Augen ganz groß machte.

„Du verfressenes, kleines Monster“, lachte Ian und schob seine Schüssel über den Tisch auf Simon zu. Sie war noch etwas mehr als halb voll, das müsste reichen, um seinen Sohn satt zu machen. „Lass noch Platz für ein wenig Eis. Ich weiß nämlich zufällig, dass Maria deine Lieblingssorte gekauft hat.“

Der kleine Schneeleopard spitzte die Ohren und sah sich verschwörerisch zum Kühlschrank um. Doch dann hatte er seine raue Zunge auch schon in der Schüssel. Wenn Maria das sah, gab es Ärger, also beeilte sich Simon. Sich erst zu wandeln und dann noch Kleider anzuziehen, weil er nicht nackt am Tisch sitzen durfte – Familienregel, die für alle Schneeleoparden im Haus galt – dauerte ihm einfach zu lange und wer wusste schon, ob es sich sein Vater nicht doch noch einmal anders überlegte. Dexter lachte laut, Simon war auch nicht anders als Clay, sein jüngster Welpe. Er war wie Simon vier Jahre alt und seine Frau befürchtete, dass er ihnen irgendwann einmal die Haare vom Kopf fraß.

Ian strubbelte seinem Jüngsten über den Kopf. Man konnte diesem kleinen Wirbelwind einfach nicht böse sein, egal wie viel Blödsinn er auch machte. Wieder einmal nahm Ian sich vor, mehr Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Er wollte nicht später einer von diesen Vätern sein, die die Kindheit ihrer Kinder verpasst hatten.

„Wah! Maria kommt!“, sagte Dexter plötzlich und lachte laut, als Simon vom Stuhl sprang, unter dem Tisch verschwand und dann vorsichtig hervor lugte, um die Lage zu sondieren. Doch da kam niemand, Onkel Dexter hatte ihn reingelegt. Dafür bekam er spielerisch eine mit der Pfote gegen das Knie, dann hockte Simon wieder auf seinem Stuhl, der buschige lange Schwanz wiegte warnend hin und her und der kleine Leopard leerte alle Schüsseln, die auf dem Tisch standen, ehe er wieder vom Stuhl sprang und wartend vor dem Eisschrank Position bezog, dabei als Erinnerungshilfe knurrte.

„Hast du was gehört? Gibt es ein Gewitter?“, fragte Ian seinen Freund und sah aus dem Fenster. „Komisch, nichts zu sehen.“ Ian schüttelte gespielt den Kopf und sammelte die Schüsseln zusammen. „Ich hab nichts gehört“, spielte Dexter mit und zuckte leicht zusammen, als er spitze Zähne an seiner Wade fühlte. „Oh, ich glaube doch, ich habe was gehört. Kam aber nicht von draußen, sondern vom Kühlschrank.“

„Ach, hat Maria wieder Lebendfutter eingelagert. Das macht manchmal komische Laute, wenn es anfängt, sich zu langweilen oder sich im Kühlschrank mit Oliven und Radieschen zu bewerfen, da muss man echt aufpassen, wenn man die Tür… hoppla!“ Ian lachte, als in seinem Gesichtsfeld ein Schneeleopard mit einem Löffel im Maul auftauchte, den scheppernd auf den Tisch fallen ließ und Ian anstarrte, die Pfoten fest auf seinem Schenkel.

„Komm schon her, du kleiner Rabauke.“ Ian zog Simon auf seinen Schoß und legte die Arme um ihn. „Hab dich lieb“, flüsterte er in eines der pelzigen Ohren und küsste seinen Sohn auf die Nase. Er hielt Simon fest, als er aufstand und ging mit ihm zum Kühlschrank, um das Eis zu holen. Doch da zappelte Simon wieder, er wollte auf die Pfoten gestellt werden und selber mal die Nase in den Eisschrank stecken.

„Ich guck mal nach unserem Gast“, sagte Dexter. Er hatte das Gefühl, dass die erste Konserve leer sein müsste. „Fütter du lieber das Raubtier, denn ich habe nur noch drei Konserven und kann leider keine für dich entbehren.“ Er griff die Schüsseln und stellte sie in die Spüle, eh er aus der Küche verschwand.

Ian nickte ihm zu und ließ seinen Sohn aussuchen, was er essen wollte. „Ey, nicht die Packung zerbeißen“, lachte er und rettete das Schokoeis mit den Cookiestücken, das sie beide am liebsten aßen. „Gute Wahl, mein Sohn.“

„Ihr könnt eure Wurzeln eben nicht verleugnen“, rief Dexter aus dem Flur, dann war er wieder bei seinem Patienten. Er sah noch nicht wirklich besser aus als vorher. Nur dass der Beutel, an dem er hing, wirklich leer war. „Unglaublich“, murmelte Dexter, wechselte schnell die Konserve und betrachtete die Wunden. Da hatte sich noch nichts getan. Der Körper brauchte das Blut also erst einmal für die Aufrechterhaltung der Organfunktionen – es schien knapp gewesen zu ein. Noch ein paar Stunden, und der Kerl wäre elendig zu Grunde gegangen.

„Was hat man nur mit dir gemacht?“ Dexter waren ebenfalls die parallelen Schnitte aufgefallen und war zum gleichen Schluss gekommen wie Ian. Er sah auch die Probleme, die dadurch entstanden. Wenn wirklich Katzen für seinen Zustand verantwortlich waren, war es bestimmt nicht förderlich, wenn er in einem Katzenhaushalt aufwachte. Er musste noch einmal mit Ian reden. Es gab spezielle Krankenhäuser für Wertiere und Vampire. Dort würde sich keiner über ihn wundern aber ihm sicherlich helfen können. Aber erst mal wollte er den Mann stabilisieren. Seine Körperwerte besserten sich langsam, doch die Bewusstlosigkeit würde wohl noch ein paar Stunden anhalten, während der Körper sich regenerierte.

„Ian“, sagte er leise, wissend dass sein Freund mit seinem katzenhaften Gehör ihn auch in der Küche wahrnahm. „sollte er nicht doch lieber in eine Klinik?“

„Wahrscheinlich“, war die ebenso leise Antwort. „Aber er hatte ziemlich Panik, als ich ihn dort hin bringen wollte. Wenn er wieder wach ist, werde ich es ihm noch einmal anbieten.“ Ian wollte das nicht einfach über den Kopf des Fremden hinweg entscheiden.

„Gut“, sagte Dexter und nickte. Damit konnte er leben, auch wenn der Arzt in ihm den Mann gleich in der Notaufnahme hätte wissen wollen. Doch wenn er sich so vehement dagegen gewehrt hatte, dann hatte er vielleicht etwas zu verbergen und da Dexter ihn nicht in extremer Lebensgefahr sah, beließ er es bei ihrem Beschluss. Er hörte Vater und Sohn in der Küche lachen und dann verschwanden die beiden im Garten. Ian hatte sich ebenfalls gewandelt und jagte seinen Jungen jetzt über die Wiese des Anwesens, das mit einem hohen Sichtschutz in Form einer dichten Hecke umgeben war.

Dexter stellte sich ans Fenster und beobachtete seinen Freund, wie er mit Simon spielte. Die Schneeleoparden waren wunderschöne Tiere, die er schon immer um ihr weiches, langes Fell beneidet hatte. Man wollte einfach nur seine Finger darin vergraben, das Gefühl der seidigen Haare auf der Haut genießen. Simon war von der Fellzeichnung dunkler, als sein Vater, der ungewöhnlich helles Fell hatte. Nur ein oder zwei Monate im Jahr beneidete Dexter seinen Freund wirklich nicht, denn im brütenden Hochsommer war das dichte Fell eine Qual für die Katzen. Dann wandelten sie sich nur selten oder verschwanden für eine Woche in den Bergen, wo es kühler war. Aber im kalten November war das Fell perfekt.

Der Schakal hob eine Braue, als sich ein dritter Leopard dazu gesellte. Dexter blickte auf die Uhr. War es schon so spät, dass Bill aus dem Kino zurück war? Tatsächlich. Er sollte auch allmählich den Heimweg antreten, seine Frau dürfte sich schon Sorgen machen. Die Wölfin hatte nachts gern ihr ganzes Rudel um sich. Sie war anders als Dexter, dessen Schakalmentalität immer wieder einmal den Alleingang suchte.

Die zweite Konserve war fast leer und die nächsten beiden würden auch in einer halben Stunde leer sein. Zwar konnte der Vampir noch mehr Blut gebrauchen, aber es war vielleicht ganz gut, denn wenn er noch nicht wieder so richtig auf dem Posten war, wenn er wach wurde, war die Gefahr, dass etwas passierte, geringer.

So lange wie Ian noch mit seinen Jungs tobte und er Simon dann ins Bett brachte, blieb Dexter noch bei dem Patienten. Er hatte seiner Frau Bescheid gesagt und ihr das Problem erklärt. Natürlich hatte Gina es gleich verstanden, das Telefon aber noch an Clay weiter gereicht, der ihm gute Nacht sagen wollte. „Gute Nacht, mein Süßer. Und schlaf bitte im Bett und nicht wieder darunter“, lachte er leise und Clay knurrte. Das war nur passiert, weil er mit seinen Geschwistern verstecken gespielt hatte und eingeschlafen war. Fast verrückt vor Sorge hatten er und Gina alles abgesucht. Nirgends hatten sie Clay wittern können – doch das war Absicht gewesen. Der kleine, clevere Rabauke hatte sich so intensiv im Gras gewälzt, dass sein eigener Geruch komplett überdeckt worden war. Erst als Gina es merkwürdig fand, dass es in Clays Zimmer nach frischem Gras roch, hatten sie intensiver nachgesehen und den Welpen schlafend unter seinem Bett gefunden.

„Schlaf gut“, sagte er noch und legte auf, weil Ian mit Simon auf dem Arm zu ihm kam. „Gute Nacht, du Rabauke.“ Dexter wuschelte Simon durch die hellen Haare, der ihn schon ganz müde anblinzelte. Das Toben hatte ihn ziemlich geschafft. „Hast du Lust mal wieder Clay zu besuchen? Er hat schon gefragt, wann du wieder zum spielen kommst.“

Zwar nickte Simon nur noch träge, weil er so gut wie eingeschlafen war, doch wenn man bedachte, wie wild er bis eben getobt hatte, kam sein Nicken schon fast einem Freudenausbruch gleich. „Ihr habt also die Oleanderbüsche wieder eingegraben, die letztes mal verschleppt worden waren?“, lachte Ian. Es endete immer in einer Katastrophe wenn man Simon und Clay unbeaufsichtigt ließ. Aber sie waren Kinder und gemessen daran, was sie für scharfe Krallen hatten, waren die Schäden gering. Man ließ es ihnen also durchgehen.

 

„Ja, habe ich.“ Dexter lachte leise und winkte Simon hinterher, der von seinem Vater die Treppe hinauf getragen wurde. Bis Ian wieder runterkam sah er noch einmal nach dem Vampir. Da hatte sich zwar schon ein wenig was bei den Wunden getan, die sich langsam schlossen, aber er war immer noch besinnungslos.