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03

 

Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

3. Dezember

IV.

Selbst zwei Tage später, als Garrett in seinem modern eingerichteten Vorstandsbüro saß und sich mit der leidigen Korrespondenz beschäftigte, schweiften seine Gedanken immer wieder zu dem Wohltätigkeitsdinner ab. Er konnte nicht umhin, sich zu gestehen, dass er den Abend an Andrews Seite wirklich genossen hatte. Der andere war ein wirklich amüsanter Unterhalter gewesen, der aber auch sehr genau über Zeitgeschehen und andere Themen Bescheid wusste. Und ganz wie dieser es versprochen hatte, hatte er keinen Versuch unternommen, mit Garrett zu flirten. Natürlich bestand auch noch die Möglichkeit, dass Garrett diesbezüglich einfach nicht Andrews Typ war, und dieser deswegen auch gar nicht in die Versuchung gekommen wäre, mit ihm zu flirten, selbst wenn er es zu unterlassen nicht versprochen hätte. Doch wie dem auch sei, Garrett hätte nie für möglich gehalten, dass er sich in Gegenwart eines Schwulen so ungezwungen und – sicher – fühlen könnte. Dabei war es keineswegs so, dass Garrett etwas gegen Homosexuelle hatte. Sie gehörten einfach zur Welt. Aber das änderte nichts an der Unsicherheit, die man etwas Unbekanntem gegenüber empfand und das war es eben: Zu Garretts Bekanntenkreis hatte bislang niemand gehört, der offen sagte, er oder sie sei homosexuell. Natürlich gab es bei dem ein oder anderen mal Gemunkel, besonders wenn man die Person seit dem Studium kannte und eigentlich noch nie in einer festen Beziehung erlebt hatte. Aber auch hier war Garrett geneigt, anzunehmen, dass diese Menschen einfach nur sehr wählerisch waren, oder sehr beschäftigt, und daher einfach nur noch nicht ihren passenden Widerpart gefunden hatten. Vielleicht war aber auch Garrett ja ein sonderbarer Mensch, der nicht bloß, weil zwei Kerle sich gut verstanden, sofort assoziierte, dass sie vom anderen Ufer waren. Denn dann hätte sein Gerechtigkeitssinn verlangt, dass er jedes Mal, wenn zwei Mädels gemeinsam aufs Klo gingen – wie es die holde Weiblichkeit scheinbar ständig zu tun pflegte – irgendwelche verrucht lesbischen Taten vermutete.

Egal, jetzt hatte Garrett also einen schwulen Bekannten und mochte ihn. Wie man einen Schulfreund mochte. Nur, dass dieser Bekannte – Andrew – zum Glück nicht all die alkoholgetränkten Geschichten aus der Unizeit kannte, während das bei seinen tatsächlichen Schulfreunden wohl der Fall war. Aber wie das so mit Schulfreunden war, sie würden nie etwas darüber den falschen Personen gegenüber erwähnen – einfach weil Garrett über jeden einzelnen von ihnen genauso viele peinliche Geschichten kannte wie sie über ihn.

Das Telefon auf seinem Schreibtisch läutete und das Display zeigte einen internen Anruf seiner Sekretärin an.

„Ja?“, fragte Garrett.

„Mr. Crady, es sind drei Herren hier für Sie. Sie haben keinen Termin, sagen aber, Sie würden dennoch Zeit für sie finden.“

Garrett zog fragend die Augenbrauen hoch. Er konnte Mrs. Kennicot genau anhören, dass sie wenig erfreut darüber war, dass die Besucher offenbar davon überzeugt waren, eine Sonderbehandlung zu bekommen und in der Tat hätte Garrett beinahe entgegnet, dass die Herren sich bitte einen Termin geben lassen mögen, um dann zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu erscheinen, als er eine vertraute Stimme im Hörer vernahm.

„Garrett, altes Haus, wag es ja nicht uns mit einem Termin abzuspeisen!“ Und gleich darauf mischte sich eine zweite, ebenfalls bekannte Stimme ins Gespräch: „Komm schon raus und versteck dich nicht hinter Mahagoni-Türen. Passt nicht zu dir, du alter Feuerwerker.“ Dann klickte es in der Leitung.

Wenn man vom Teufel sprach...

Garrett konnte nur den Kopf schütteln. Er wusste nun, wer die drei Herren waren, die dort auf ihn warteten – niemand anderer als seine alten Studienfreunde, an die er eben noch gedacht hatte. Und offenbar hatten sie sich sogar erdreistet, Mrs. Kennicot den Hörer aus der Hand zu nehmen. Was nicht gut ausgehen konnte... Besser also, er ging und rettete die drei Schwerenöter vor dem Zorn seiner Sekretärin – und besänftigte besagte Sekretärin nebenbei, denn er brauchte ihre organisatorischen Fähigkeiten noch. Kurz überlegte er, ob er sich sein Jackett überziehen sollte – bei der Schreibtischarbeit fand er es meist hinderlich, Besuchern gegenüber trat er jedoch selten ohne diese zusätzliche Textilschicht auf – entschied sich dann aber dagegen. Denn wie seine Freunde schon gesagt hatten: Es passte nicht zu ihm, sich hinter Mahagoni oder feinem Wolltuch zu verstecken.

Er durchschritt sein Büro und trat hinaus in den Empfangsbereich, wo, wie nicht anders zu erwarten gewesen war, seine drei Studienfreunde, die intern auch unter dem Namen PCP bekannt waren, auf ihn warteten. Nicht, dass einer der drei je diese oder eine andere Droge genommen hätte. Aber was konnte man von leicht durchgeknallten Chemiestudenten auch anderes erwarten, die sich eine Wohnung teilten und noch dazu mit den Namen Philipp, Charles und Prakash daher kamen? Garrett hatte vermutlich Glück, dass es kein entsprechendes Akronym gab, das ihn mit eingebunden hätte. Allerdings hatte er auch nicht in der gleichen Wohnung gewohnt, sondern im Stockwerk darüber. Sein WG-Kamerad war jedoch längst nicht so unterhaltsam gewesen, wie die drei Chaoten, aber was konnte man auch von einem angehenden Juristen erwarten?

Die Begrüßung fiel, wie nicht anders zu erwarten war, für eine solch gehobene Vorstandsetage erstaunlich laut aus. Gleichzeitig schaffte es Garrett aber seine Sekretärin beruhigend zuzuzwinkern. „Wenn man euch so hört, könnte man glatt glauben, ihr hättet euren eigenen Namen gekostet“, sagte Garrett nur und scheuchte die Bande in sein Büro. „Und jetzt sagt, was euch hier her führt. Ich dachte du, Phil, seiest in York und schwer mit irgendwelchen Forschungsarbeiten beschäftigt. Und dich, Prakash hatte ich in Indien vermutet.“

„Und mich?“, wollte Charles neugierig wissen.

„Zu Hause“, entgegnete Garrett lachend. Sie alle wussten, dass für Charles das Chemiestudium mehr eine Notlösung gewesen war. Es war auf Chemie oder Betriebswirtschaftslehre hinaus gelaufen, und da es bei BWL bekanntlich selten Feuerwerk und andere hinreißende Reaktionen zu beobachten gab, hatte Charles sich für Chemie entschieden. Aber noch während des Studiums hatte er sich vor der schwierigen Zukunft als Teil der arbeitenden Bevölkerung elegant drücken können, indem er sich in eine Millionärserbin verliebt hatte und seine Liebe erwidert wurde. Sie hatten in Charles’ letztem Semester geheiratet und seither frönte dieser dem Leben eines reichen Privatmannes. Nicht, dass Charles untätig auf seinen vier Buchstaben zu Hause rumhockte, aber da er nun von der leidigen Pflicht Geld verdienen zu müssen – der Heiratsvertrag hatte klugerweise jedwede Einmischung in die Geschäfte der Familie seiner Gattin seitens Charles verboten – konnte er seinem Hobby nachgehen. Und das waren Feuerwerkskörper. Zum Glück für ihn gehörte zum Landsitz seiner Gattin auch ein passendes Waldstück, in welchem er sich eine Feuerwerkskörperwerkstatt eingerichtet hatte, die mittlerweile sogar einen recht guten, wenngleich noch nicht sehr verbreiteten Ruf hatte und vielleicht sogar Gewinn abwerfen könnte. Aber das hätte für Charles mehr Ernst und weniger Spaß an der Arbeit bedeutet und so begnügte er sich damit, wenn er zumindest kostendeckend produzierte.

„Tja, da siehst du mal, wie wenig du uns kennst“, erwiderte Phil mit einem breiten Grinsen. „Aber im Ernst, wenn du wissen willst, weshalb wir hier sind, dann solltest du den guten Prakash fragen.“

Nun wandte Garrett den Blick fragend zu seinem indischen Freund. Dieser blickte ein wenig verlegen umher, bis Charles schließlich mit der Nachricht herausplatzte: „Unser Kleiner hier hat sich verlobt und wird in wenigen Tagen heiraten!“

„Ehrlich?“ Garrett war überrascht. Nun ja, im Grunde nicht wirklich überrascht darüber, dass Prakash heiraten würde – für indische Verhältnisse war es wohl langsam eher überfällig, dass er dem steten Drängen seiner Eltern nachgab –, sondern mehr, dass er nur wenige Tage vor der Hochzeit hier in London und nicht im fernen Indien weilte.

Prakash nickte und rückte dann mit ein paar weiteren Informationen heraus. „Ihre ganze Familie lebt hier und da ich mit der kleineren Verwandtschaft aufwarte, fanden wir es einfacher, wenn meine Familie für die Hochzeit hier her kommt statt umgekehrt. Außerdem habe ich ein wirklich gutes Jobangebot hier in England bekommen...“

„Und was ist mit der Firma deiner Eltern?“, erkundigte sich Garrett.

„Es wird noch Jahre dauern, bis Paps sich zur Ruhe setzen wird, also wäre es auch dort nur eine Angestelltenposition. Und dann ist da noch der Ehemann meiner Schwester und meine Schwester selbst, die beide schon in der Firma arbeiten. Sie sind glücklich damit, während mir ehrlich gesagt England gefehlt hat, seit ich nach dem Studium zu meinen Eltern zurück gekehrt bin.“

Garrett schüttelte mit einem Lächeln den Kopf. „Und das von dem Menschen, der uns vier Jahre land die Ohren voll gejammert hat, dass man hier kein vernünftiges Palak Paneer kriegen würde.“

„Nun ja, das Problem löse ich ja jetzt, indem ich heirate“, erklärte Prakash verschmitzt. „Meine Verlobte macht ein köstliches Palak Paneer.“

Hier lachten alle herzlich.

„Na, dann ist ja alles geklärt“, meinte Garrett grinsend.

„Fast alles, mein Lieber“, mischte sich Phil nun wieder ein. „Angesichts der Tatsache, dass der liebe Prakash nun bald kein Junggeselle mehr sein wird und angesichts der weiteren Tatsache, dass wir noch nicht deine wiedergewonnene Freiheit gefeiert haben...“

„Ganz zu schweigen davon, dass wir dir keinen Junggesellenabschied bereiten durften“, warf Charles ein.

„... haben wir beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und dich morgen mit in einen Salsa-Club zu schleifen. Charles kennt da eine gute Adresse. Und wag es ja nicht, zu behaupten, du hättest da schon einen Termin. Denn während wir uns mit deinem Empfangsdrachen gebalgt haben, pardon, darüber diskutiert haben, ob wir einen Termin haben oder nicht, haben wir auch Einblick in deinen Terminkalender erhalten und da stand für morgen Abend nichts drin.“

„Krank sein nehmen wir dir auch nicht ab, denn für eine aufziehende Erkältung siehst du viel zu blendend aus.“

Garrett warf Prakash einen Hilfe suchenden Blick zu, doch alles was er von diesem erntete war ein Schulterzucken, das so viel besagte wie: ‚Sieh mich nicht so an, ich musste da auch schon durch und geteiltes Leid ist halbes Leid, also werde ich dich persönlich mitschleifen.’

Das Augenrollen, das Garrett Prakash dafür zuwarf, hieß so viel wie ‚Na schönen Dank auch’, dann aber nickte er den beiden Plagegeistern resigniert zu. „Also schön, morgen Abend. Aber nur unter der Bedingung, dass ich nicht mit euch tanzen muss.“ Er kannte seine Freunde gut genug, um zu wissen, dass er nicht mit der Bedingung überhaupt nicht tanzen zu müssen durchkam. Allerdings hatte Garrett aus Erfahrung lernen müssen, dass seine Freunde auch nicht davor zurückschreckten, sich höchst lächerlich eine Tischdecke um die Hüften zu wickeln, um so berockt die Frau zu geben und Garrett zum Tanzen zu zwingen. Dabei waren sie aber stets so lustig, dass man ihnen nie wirklich böse sein konnte. Dennoch fand Garrett, dass sie langsam für derartige Eskapaden zu alt wurden und so wollte er dem Ganzen doch lieber vorbeugen.

„Meinetwegen“, meinte Phil, aber Charles ließ es leider nicht darauf bewenden.

„Gut, mein Freund, aber sei gewarnt: Wir lassen nicht zu, dass du den ganzen Abend am Tisch sitzt und unsere Drinks bewachst. Wenn du nach einer Stunde die Tanzfläche noch immer nicht mit deiner Anwesenheit beehrt hast und dich nicht im Gespräch mit einem heißen Wesen befindest, welches wir als Tanzentschuldigung gelten lassen, werden wir dir eine Tanzpartnerin suchen!“

Garrett stöhnte innerlich. Worauf hatte er sich da nur wieder eingelassen. Zum Glück erlöste ihn sein Telefon, ehe die Planung für den nächsten Abend noch schlimmere Ausmaße annehmen konnte. „Ja, Mrs. Kennicot... Ist gut.“ Er legte wieder auf und wandte sich an PCP. „Wenn ihr meinen Terminkalender so genau studiert habt, dann wisst ihr ja, dass ich jetzt noch einen Termin mit meinem Anwalt habe. Also, wenn ich bitten darf...“ Und er öffnete die Zimmertür.

„Keine Sorge, mein Großer, wir wollten sowieso noch zu deiner netten Sekretärin und sie bitten den Termin für morgen einzutragen“, erwiderte Phil grinsend. „Nicht, dass es da zu zeitlichen Überschneidungen kommt. Und, ach ja, Prakashs Hochzeit am Freitag lassen wir auch gleich eintragen, nur damit du Bescheid weißt. Bis heute Abend dann? Wir holen dich gegen sieben Uhr hier ab!“

Damit waren die drei Männer auch schon wieder aus der Tür.

 

 


 

 Laila: Ein Bild für die Ewigkeit

 

01

 

Wütend auf sich selber und die ganze Welt, streifte Falcon Hunter durch den Wald.

Der Vampir knurrte. Er war wütend und traurig zu gleich.

Er war Falcon Hunter, ein 600 Jahre alter Vampir, reich, mächtig und gefürchtet und dennoch fühlte er sich jetzt elend.

Das alles nur wegen diesem kleinen, dummen Magier Timothy Sturm. Seinem wunderschönen Geliebten.

Der Vampir ballte die Hände zu Fäusten und stieß einen nichtmenchlichen Laut aus.

Kreischend flogen aufgeschreckte Vögel durch das Unterholz, aber der Vampir ließ sich daran nicht stören.

Immer wieder dachte er an Timothy. An dessen katzengrüne Augen. Wie sich das Licht darin fing. Wie es war, wenn der andere Mann lächelte.

Sie kannten sich seit fast 300 Jahren und waren auch fast so lange schon ein Paar. Mit diesem, fröhlichen, jungen Mann konnte Falcon glücklich sein, auch wenn er das gar nicht verdient hatte.

Wie hatte es nur so weit kommen können? Es war nichts weiter als ein Streit gewesen. Wieso war es plötzlich so eskaliert?

Timothy hatte ihn angeschrien, er wolle ihn nie wieder sehen.

Aber warum? Was hatte er nur getan?

Er liebte den Magier. Er liebte ihn viel zu sehr.

Glühender Schmerz fraß sich durch seine Eingeweide. Fast hatte der Vampir das Gefühl zu verbrennen.

So wie jetzt war es ihm noch nie gegangen.

Er war schwach. Schwach vor Liebe zu einem Mann. Seinem Mann.

Sie hatte vor knapp 10 Jahren geheiratet. Eigentlich hatte Falcon das nie tun wollen, aber Timothy hatte es sich gewünscht.

Sie waren auch sonst ein Paar. Sie waren auch im Blut verbunden. Aber das hatte Timothy nicht gereicht. Deswegen hatten sie geheiratet.

Timothy war sein Leben und sein Leben lag in Trümmern.

Für jeden Feind wäre jetzt der Moment gekommen um ihn zu töten. Denn jetzt war er schwach und ungeschützt.

Seine Trauer überlagerte alles.

„Timothy“, brüllte er.

Wieder schreckten die Tiere des Waldes zusammen.

Falcon spürte dem Schrei nach. Aber Timothy war nicht da.

Er konnte ihn nicht einmal über ihre Mentaleverbindung spüren.

Schon vor langer Zeit hatte Timothy sie mit Magie aneinander gebunden. Sie beide verwand ein ganz spezielles Band. Sie konnten die Gefühle des jeweils anderen spüren und sich in Gedanken unterhalten. Aber diese Verbindung hatte Timothy gekappt.

Da war nichts als Schwärze.

Eine blutige Träne rann über Falcons Wange.

So verloren und kalt hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt.

Sein Partner fehlte ihm.

Hastig wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. Er wollte nicht weinen, aber es ging um Timothy, den Mann, den er liebte.

Aber was sollte er tun?

Ohne weiter darüber nachzudenken, beamte er sich zu Rovan, einem guten Freund.

Überrascht sah er sich um. Er befand sich in einem Bürogebäude. Überall um hin herum waren Menschen.
Was Rovan an diesem Job fand, wusste er nicht. Auch nicht warum der Dämon überhaupt arbeiten ging.

Dieser hatte es nicht einmal nötig.

Genau wie Falcon hatte der Dämon Geld und musste sich um nichts Gedanken machen. Falcon hingegen arbeite für die Bruderschaft der Immortale. Sie waren ein Bund, der alle nichtmenschlichen Wesen abhielt sich zu offen in der Welt zu zeigen.

Sei es Vampir, Dämon, Hexe oder Lykantrop jeder wurde bestraft und im Höchstfall getötet wenn er sich nicht an die Spielregeln hielt.

Falcon jedoch machte dieser Job Spaß. Hatte er ihm doch Geld und Ansehen eingebracht. Nur so hatte er seinen Ruf bekommen.

 

Kaum hatte Falcon das Großraumbüro betreten, da hob Rovan auch schon den Kopf.

Der Dämon zog eine Braue nach oben, als er den Vampir sah.

Stolz den Kopf gehoben kam Falcon auf ihm zu. Deutlich spürte er die Blicke der Menschen auf sich. Spürte, wie die Frauen ihn anstarrten und ihre Herzen schneller schlugen. Er war ein schöner Mann und er wusste nur zu gut, wie seine Schönheit wirkte. Aber heute hatte er dafür keinen Kopf.

Auch wenn nichts an ihm den Schmerz verriet, so war dieser dennoch präsent und brannte in seinem Leib.

Mit leeren, kalten Augen blieb er neben Rovan stehen und sah ihn an.

Überrascht öffnete dieser den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn aber schnell wieder.

So hatte er Falcon noch nie gesehen. Der schöne Vampir wirkte gebrochen.

„Hallo Falcon. Ist alles OK?“ fragte er schließlich.

In dem ebenmäßigen Gesicht war keine Regung zu erkennen.

„Nein. Genau deswegen bin ich hier“, brummte der Vampir.

Dunkle Augen musterten Rovan und für eine Sekunde hatte er das Gefühl, Schmerz und Angst darin zu sehen.

„Was ist denn los? Willst du reden?“

Vor Falcon hatte er keine Angst. Der Vampir war mächtig und böse. Er könnte eine Gefahr für ihn und seine Freunde darstellen, aber sie waren älter und auch mächtiger.

Für einen Moment sah er so als, als wollte Falcon ihn schlagen. Seine Wut an jemanden auslassen, aber dann knurrte er nur.

„Es geht um Timothy. Wir haben uns gestritten und zwar heftig.“

Es widerstrebte ihm zutiefst darüber zu reden. Sich so zu offenbaren, aber er tat es dennoch. Er brauchte jemanden zum reden.

Ohne Rovan aus den Augen zu lassen, setzte er sich auf den Schreibtisch und schlug die Beine übereinander.

„Das tut mir leid. Was ist denn passiert? Vielleicht kann ich dir ja helfen. Ihr zwei seid doch sonst immer so unzertrennlich“, meinte Rovan leise.

Erst jetzt konnte er den tiefen Schmerz in Falcon spüren und es tat ihm selber weh.

Auch er hatte sich schon öfters mit Matthias gestritten. Mal mehr, mal weniger. Aber sie hatten sich immer wieder zusammengerauft.

Ein Streit gehörte in jede Beziehung.

Aber etwas an Falcon war anders. Von der edlen Anmut war nichts mehr zu sehen.

Auf seinen Wangen klebte immer noch Blut, auch wenn man es kaum noch sah. Die Kleidung war dreckig und Falcon sah müde aus.

Der starke Körper des Vampirs schien regelrecht unter seinem Blick in sich zusammen zu fallen.

„Es war nichts weiter als ein dummer Streit. Eine Kleinigkeit, dachte ich zumindest. Aber Timothy war anderer Meinung. Wir haben uns angebrüllt und er sagte, er wolle mich nicht mehr sehen. Ich solle aus seinem Leben verschwinden. Ich kann ihn nicht mal mehr spüren. Da ist nichts mehr.“

Die letzten Worte klangen schrill und zeugten von Schmerz.

Blanke Panik lag in ihnen. Er wollte Timothy nicht verlieren.

Was war er denn ohne den anderen Mann? Ein Nichts.

Falcon richtete den Kopf gen Decke und schloss die Augen. Wieder spürte er Tränen in sich aufsteigen. Spürte diese erbärmliche Schwäche, die Menschen an sich hatten.

Wütend knallte seine Faust auf den Tisch und ließ den Monitor, sowie die Akten vibrieren. Das Holz knackte unter der rohen Behandlung. Aber Falcon kümmerte es nicht.

Auch das man ihn anstarrte und das Getuschel lauter wurde. Er spürte nur noch seinen Verlust über die Mentaletrennung zu Timothy.

Rovan musterte ihn besorgt. So kannte er Falcon wirklich nicht.

Der Vampir war ein Monster und unbeherrscht, aber jetzt empfand er nur noch Mitleid.

„Shhh. Es ist OK. Ein Streit gehört dazu. Falcon, sieh mich bitte an“, bat er.

Ruckartig wirbelte der Vampir herum und knurrte so laut, dass alle Anwesenden es hören konnte.

„Wag es nicht so etwas zu sagen. Du hast deinen Liebsten, kannst mit ihm vögeln. Aber es geht hierbei nicht um dich. Timothy ist weg. Ich spüre ihn nicht mehr. Unsere Verbindung ist weg. Was bedeutet, dass er wirklich wütend ist. Ich hätte diese verdammten Gefühle nie zulassen dürfen. Ich hätte mich nie verlieben dürfen.“

Rote Wut überzog seinen Geist, versuchte den Schmerz zu verdrängen.

„Kannst du nicht einmal zu hören was man dir sagt? Du bist echt ein Idiot Falcon Hunter. Du leidest. Deine Liebe zu Timothy ist doch alles was du hast. Sie hat dich am Leben erhalten. Ihr seid nicht erst seit gestern zusammen. So eine Beziehung wirft man nicht einfach weg“, erklärte Rovan.

Der Dämon musste sich sehr zusammen reisen um Falcon nicht anzubrüllen.

„Mag sein. Aber es hätte nie passieren dürfen. Jetzt bin ich nichts weiter als ein Frack. Ich bin schwach. Ein Witz. Nur wegen diesem Mann.“

Mit einer einzigen Bewegung packte er Rovan und drückte ihn gegen die Wand.

Auch wenn er es besser wissen müsste, wandelte er sich in einen Vampir. Lange, spitze Reißzähne schoben sich über seine Lippe. Glühende, gelbe Augen hielten Rovan gefangen.

Aber dieser knurrte nur genervt.

„Lass mich los. Du fällst auf. Sonst jagt die Bruderschaft dich.“

Hart trat er Falcon gegen das Knie. Aber der Vampir lachte nur. Er wollte einen Kampf um seine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen.

„Sollen sie mich doch töten, ohne Timothy will ich nicht leben.“

Da war sie wieder, seine Schwäche.

Ruckartig ließ er von Rovan ab und trat zurück. Den Kopf gesenkt, atmete er hastig, auch wenn er das nicht nötig hatte.

Als er Rovan wieder ansah, war sein Gesicht wieder menschlich.

Der Dämon konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. Er lachte nicht über Falcon, sondern wie sehr dieser Timothy liebte und wie abhängig er von dem Magier war.

„Es tut mir wirklich Leid. Ich weiß, wie sehr du ihn liebst. Worüber habt ihr euch denn gestritten? Dein kleiner liebt dich und das weißt du besser als ich. Lass ihm doch etwas Zeit. So eine Beziehung wie eure wirft man nicht einfach weg.“

Langsam machte einen Schritt auf den Vampir zu. In dessen Blick lag nichts als Leere und Schmerz. Die Lust zu kämpfen war verschwunden.

Wie sollte er nur ohne Timothy leben? Wäre es nicht besser, sein ewiges Leben zu beenden als zu leiden?

Der Schmerz war so unerträglich.

„Ich habe keine Hoffnung mehr. Er wird nie wieder kommen. Dabei brauche ich ihn doch. Mir fehlt seine Wärme. Unsere Verbindung. So leer habe ich mich noch nie gefühlt.“

Falcon hasste sich für diese Schwäche, für diese Schmach. Aber er konnte nicht anders. Seine Gedanken, kreisten nur um diesen rothaarigen Mann, der so viele Jahre an seiner Seite war. Der ihn geliebt hatte, so wie er war. Der das Monster, in ihm verbannt hatte.

Er sehnte sich nach ihren Berührungen, nach der Wärme.

„Es gibt immer einen Weg. Timothy hat dich schon immer geliebt und er würde nicht einfach so gehen. Du musst mit ihm reden. Ihr müsst das klären. Du darfst nicht aufgeben. Kämpfe für deinen Mann“, sagte Rovan leise.

Am liebsten hätte er Falcon in die Arme genommen um ihn zu trösten, aber das wagte er nicht. Der Vampir war unberechenbar.

Ein freundloses Lachen ertönte, dann setzte sich Falcon wieder auf den Schreibtisch.

 

Aus der Hosentasche zog er sein Portmonee.

Ohne auf Rovan zu achten, zog er ein kleines, altes Bild heraus.

Das Foto war schon sehr alt. Es war etwas 1825 entstanden. Es zeigte ihn zusammen mit Timothy.

Ein Schatten huschte über seine schönen Züge, als er das Bild betrachtete.

Es war damals ein Geschenk für seinen kleinen Magier gewesen. Es war das erste auf dem sie beide zu sehen waren.

Falcon hatte es all die Jahre aufbewahrt. Eine kleine Erinnerung.

Vielleicht war er sentimental, aber ihm hatte es gefallen. Schließlich hatte es vorher noch nie so etwas gegeben.

Tief berührt von Falcons Trauer trat er neben ihn und warf einen Blick auf das kleine Foto.

„Es ist schön. Du musst für diese Liebe kämpfen. Ihr gehört einfach zusammen“, flüsterte er.

Der Schmerz des Vampirs war greifbar. Auch wenn Falcon ein Monster war, so hatte er so etwas  nicht verdient.

„Das war unser erstes Foto. Timothy wollte so gerne eines haben. Er fand es damals spannend. Ich wollte so etwas nicht, aber er hat mich überredet, wie in so vielen anderen Dingen auch. Ich würde alles für ihn tun. Er ist alles was ich habe und was ich brauche. Da kann ich auf mein Geld verzichten. Ich will nur Timothy. Wenn ich nur wüsste, wo er ist“, murmelte Falcon vor sich hin.

Sanft strich er mit dem Finger über das kleine Bild. Er wollte Timothy berühren.

„Was hast du getan, dass es so ausarten konnte? Ich kenne euch nur unzertrennlich.“

Freundlich legte Rovan eine Hand auf seine Schulter. Es war nur eine Geste und Falcon nahm sie an.

Traurige, schwarze Augen sahen ihn an.

„Wenn ich das nur wüsste. Es waren Kleinigkeiten, aber daraus wurde plötzlich mehr. Wir haben uns angebrüllt. Ich weiß nicht was es war. Aber Timothy sagte, er wolle mich nie wieder sehen und ist gegangen. Dann war auch unsere Verbindung weg. Weißt du, wie es ist, wenn du mit jemanden über Jahrhunderte verbunden bist und dann ist da Leere? Es ist nichts mehr da.“

Rovan hatte von dieser Verbindung gewusst. Er wusste, dass beide Mental miteinander kommunizieren konnten, aber dass da noch mehr war, hatte er nicht gewusst.

„Nein, dass weiß ich leider nicht. Aber ich weiß, dass ihr zusammen gehört. Geh zu ihm. Du wirst ihn finden und dann rede mit ihm“, entgegnete der Dämon.

Wenn er Falcon so sah, hatte er das dringende Bedürfnis, Matthias in die Arme zu nehmen und nie wieder los zu lassen.

„Und wo ist er?“

Falcon schloss die Augen und hatte Mühe seine Tränen zu verbergen.

„Frag dein Herz. Du kennst ihn besser als jeder andere. Geh ihn suchen.“

Der Vampir knurrte leise, steckte dann aber das Bild wieder ein.

Ein Funkeln trat in seine Augen. Nichts weiter als ein kleiner Hoffnungsschimmer. Vielleicht konnte er es wieder gut machen?

Geschmeidig ließ er sich von der Tischplatte gleiten. Alles an ihm, schien wieder kalt und berechnend, beherrscht.

Die alte Anmut kehrte in sein Wesen zurück.

„Danke. Ich weiß nicht, ob ich ihn finden werde. Aber mit einem hast du Recht, ich werde um ihn kämpfen und wenn er mich nicht mehr will, wird mein Leben enden.“

Die letzten Worte klangen so teilnahmslos, dass Rovan kurz zusammen zuckte.

„Immer gerne. Aber Falcon, versprich mir keinen Blödsinn zu machen. Wenn du reden magst, sag Bescheid. Freunde helfen sich gegenseitig“, sagte er.

Der Vampir grinste auf seine eigene arrogante Art.

„Ihr werdet es merken.“

Damit wandte er sich ab und verließ das Büro.

Rovan sah ihm einen Moment nach und schüttelte dann den Kopf.

Er hoffte, dass Falcon ihn fand und es klären konnte. Die beiden gehörten zusammen und er hatte das blöde Gefühl, dass Timothy ebenfalls litt.

Rovan ließ den Blick durch das Büro schweifen und erst jetzt dachte er wieder an die Menschen um ihn herum.

Ohne auf etwas zu achten, sperrte er seinen Rechner und rückte seine Schreibtischunterlage wieder zurecht, dann verließ auch er das Büro. Aber er würde Falcon nicht folgen.

Sein Weg führte ihn zu Matthias. Er brauchte jetzt dessen Nähe.

 

Falcons anfängliche Euphorie wandelte sich recht schnell wieder in Trauer. Er wusste immer noch nicht wo er Timothy finden sollte. Wenn der Kleine nicht gefunden werden wollte, hatte Falcon verloren.

Seine Suche führte ihn zuerst nach Irland. Dort war Timothy geboren.

Immer wieder hörte Falcon das Lachen seines Mannes. Es war als könnte er ihn spüren, aber da war nichts. Nur Einsamkeit.

Der Vampir ließ sich von seinen Gedanken, seinen Gefühlen leiten.

Wo konnte Timothy sein? Welchen Ort liebte er um sich zu verstecken?

Oder wollte er sich gar nicht verstecken? Vielleicht war es auch Absicht gewesen, der Streit mit ihm. Vielleicht hatte er einen anderen und war nun dort.

Die Gedanken waren irrsinnig, aber er konnte nicht anders.

Was war, wenn Timothy einen anderen Mann hätte? Wenn er sie erwischen würde?

„Ich werde beide töten und mich dazu“, knurrte der Vampir.

Der Schmerz in seiner Brust war so unerträglich, dass er glaubte hier und jetzt zu sterben.

Fluchend hob Falcon den Kopf gen Himmel. Er würde nicht aufgeben.