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Britta + Fich: Katzenaugen VI

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Ian rieb sich über die Augen. Er war müde, aber ein schneller Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es sich nicht mehr lohnte, sich noch einmal hinzulegen. Bill musste bald aufstehen, weil er in die Schule musste. „Schlaf noch ein bisschen. Bin gleich wieder da. Muss nur mal schnell den Tee loswerden.“ Ian kramte den Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss die Tür auf. Er lauschte ins Haus, aber da war noch alles still. Nur in der Küche, hörte er Maria werkeln. Seine Haushälterin bereitete bestimmt das Frühstück für Bill vor. Er ließ die Tür angelehnt, konzentrierte seine Sinne auf den Fremden und verschwand flink im Bad, erledigte das wichtigste und zog sich nach einer schnellen Dusche frische Kleider an. Das Hemd noch halb offen rauschte er in die Küche.

„Senior Brown!“, sagte Maria überrascht. Zwar wusste sie, dass der Herr des Hauses wegen der Umstände mit dem verletzten Gast heute zu Hause bleiben wollte, um von hier aus zu arbeiten, doch sie hatte ihn nicht so zeitig in der Küche erwartet. „Nehmen sie sich die große Tasse Kaffee auf der Theke, ich werd noch eine brühen.“

„Maria, sie sind ein Engel.“ Ian nahm sich die Tasse und sog den würzigen Duft tief in seine Lunge. Seine Haushälterin hatte ihn sicher für sich selbst gemacht und er hatte ein schlechtes Gewissen, ihn ihr weg zu nehmen, aber sie lächelte nur und bedeutete ihm, dass er ruhig trinken sollte. Maria war die gute Seele des Hauses und Ian war einmal mehr froh, sie zu haben.

„Möchten sie heute Bill wecken, Senior? Oder soll ich das Raubtier in den Tag scheuchen“, lachte sie, denn es war jeden Morgen der gleiche Kampf. Sie wussten beide, dass Bill aufstehen musste, doch das hieß noch lange nicht, dass Bill das auch einsah und kooperierte. Allerdings war er - wie alle Kinder - käuflich und so stellte Maria wie jeden Morgen eine Packung Oreo-Kekse auf die Theke, mit denen sie Bill aus dem Bett lockte.

„Ich mach das schon.“ Ian lachte und ging auch gleich los. Noch ein schneller Blick ins Gästezimmer, dann öffnete er die Tür zu Bills Zimmer. Sein Sohn schlief noch, darum setzte er sich auf die Bettkante und strich Bill durch die Haare. „Wach werden, Süßer“, flüsterte er leise und grinste, als sein Sohn sich brummend umdrehte. Dabei griff er die Decke mit einer Hand und drehte sich geschickt in den Stoff ein. Er hatte schon früh herausgefunden, dass man ihm so nur schwer die Decke klauen konnte, um ihn in die grausame Kälte des neuen Tages zu schubsen. Und nur ganz selten wagte es jemand, ihn aus seinem Kokon zu rollen wie die Pfannkuchenfüllung aus einem Pfannkuchen. „Noch fünf Minuten“, nuschelte es irgendwo unter der Decke.

Ian lachte und beugte sich vor, um Bill auf die Haare zu küssen. „Aber nicht länger“, flüsterte er dabei und streckte sich hinter seinem Sohn auf dem Bett aus. Er legte einen Arm um ihn und schloss selber noch für ein paar Minuten die Augen. 

Doch nach einer Weile blickte Maria in das Zimmer, grinste und hatte eigentlich nichts anderes erwartet. Es waren bereits zehn Minuten vergangen, Ian war noch einmal weggenickt und so raschelte sie mit der Keksschachtel. „Keks bitte!“, nuschelte Bill wie auf Kommando, als er langsam unter der Decke vor kam. Überrascht sah er auf seinen Vater.

„Ich auch“, kam es von Ian und Maria lachte. „Alle beide aufstehen, Kekse gibt es in der Küche.“ Sie wunderte sich gar nicht darüber, dass sie jetzt zweistimmig angebrummt wurde und ging wieder runter. „Morgen, Bill“, gähnte Ian und zog seinen Sohn zu sich in eine Umarmung.

„Morgen, Dad“, nuschelte Bill träge, „aber glaube nicht, dass du mehr Kekse bekommen wirst als ich. Das sind meine!“, stellte er gleich grinsend klar. So weit kam es noch, dass er seine Belohnung dafür, dass er aus dem warmen, weichen Bett in die kalte, harte Welt kletterte, teilen musste. Also warf er seine Decke über seinen Vater, damit der sich verhedderte. „Wer erster ist, kriegt alle!“, krähte er, wandelte sich noch im gleichen Augenblick und flitzte aus dem Zimmer.

„Ey“, rief Ian und versuchte sich aus der Decke zu befreien. Er wusste, dass er Bill nicht mehr einholen konnte, aber geschlagen gab er sich trotzdem nicht. Er setzte seinem Sohn hinterher, wandelte sich aber nicht. Schliddernd kam er in der Küche an, wo Bill schon den ersten Keks im Mund hatte und ihn frech angrinste. „Alles meine.“

„Junger, nackter Mann, du kennst die Regeln!“, sagte Maria streng. Sie duzte die Kinder, weil die beiden darauf bestanden. Sie stand vor der Theke und deutete mit einer Hand Richtung Badezimmer. Zwar hatte Bill ein eigenes Bad in seinem Zimmer, doch morgens nutzte er lieber das hier unten. Er war mit Maria allein, sie kannte ihn seit er geboren worden war und er hatte nichts, was sie nicht schon gesehen hatte. Aber die Wege waren kürzer und so erledigte er duschen und Frühstücken immer im Wechsel und versuchte dabei die Fliesen im Flur nicht zu überfluten. „Aber du rettest meine Kekse!“, schacherte er. „Und zwar alle. Ich bin schon groß, ich kann zählen!“

„Ab ins Bad mit dir“, lachte Ian und schüttelte den Kopf. So eine freche Rübe. Noch immer schmunzelnd ging er ins Gästezimmer, um nach seinem Gast zu sehen. Der lag mittlerweile auf der Seite und schlief wohl immer noch, aber wohl nicht mehr sehr tief, denn als Ian das Zimmer betrat, flatterten die Lider leicht.

Randy spürte, dass er aus etwas auftauchte. Es fühlte sich an als triebe er aus tiefem Wasser an die Oberfläche. Komischerweise spürte er kein Wasser, nur das Licht. Er ließ sich treiben und stieg und stieg. Bis er das Gefühl hatte die Oberfläche zu durchbrechen. Er öffnete die Augen, um zu sehen, wo er war und erblickte plötzlich neben sich eine andere Person.

Schlagartig wie mit einem Hammer kamen schmerzhaft die Bilder in seinem Kopf zurück.

Die Krallen, die Knüppel, die Ketten, die Messer.

„Nein!“, schrie er und gab der Person neben sich einen Schubs, nutzte den Schwung aus, um sich in die andere Richtung zu rollen und verhedderte sich in dem Schlauch, der noch in seinem Arm steckte. Er schrie auf und zog den Infusionsständer über sich. Sein Herz raste.

Ian war vollkommen überrumpelt und stolperte ein paar Schritte zurück, konnte sich aber schnell fangen. „Ganz ruhig, dir tut niemand etwas“, sagte er schnell und hob den Infusionsständer von dem panischen Mann. Er versuchte ruhig zu bleiben, um den Vampir nicht noch mehr zu verschrecken. „Du warst verletzt, da habe ich dich mit zu mir nach Hause genommen. Du wolltest nicht ins Krankenhaus und dich einfach im Parkhaus liegen lassen, konnte ich auch nicht.“

Randy versuchte sich mit im Hals klopfendem Herzen zu orientieren, dabei huschten nur seine Pupillen quer durch den Raum. Er wagte sich nicht zu bewegen. Der Geruch von Katzen stieg ihm schon wieder in die Nase, verdammt wo war er hier? „Wer bist du?“, wollte er also als erstes wissen, regte sich aber nicht. Er zerrte nur die Decke an sich höher, als ihm klar wurde, dass er nackt war.

„Mein Name ist Ian Brown. Ich weiß nicht, ob du dich erinnerst, aber du bist gestern im Parkhaus in mich reingelaufen und hast dich verletzt. Du wolltest nicht in ein Krankenhaus, darum habe ich dich mit zu mir genommen.“ Ian blieb ein paar Schritte vom Bett entfernt stehen, um den Mann nicht noch mehr in Panik zu versetzen. „Du warst in ziemlich schlechter Verfassung. Wir haben dir Blut gegeben, damit du heilen kannst.“

„Ah“, entgegnete Randy, um sich Zeit zu erkaufen. Er musste über all das, was dieser Ian gerade informativ auf ihn hatte nieder regnen lassen, erst einmal sortieren und bewerten. Das ging mit einem Brummschädel nicht so schnell. Doch er ließ dabei den offensichtlichen Kater nicht aus den Augen. „Zusammen gerannt“, hob er ein mentales Puzzlestück auf und legte es auf seinen geistigen Tisch. „Blut gegeben“, sortierte er als nächstes dazu. Das passte nicht zusammen – das ergab alles, nur kein Bild. „Wer hat dich geschickt? Mc Mannor oder Julio?“ Er brauchte mehr Informationen.

„Geschickt?“ Ian runzelte die Stirn, weil die Worte für ihn keinen Sinn ergaben. „Mich hat niemand geschickt. Ich wollte nach der Arbeit nur einfach zu meinem Wagen und nach Hause fahren. Das habe ich auch gemacht und dich habe ich mitgenommen.“ Er konnte sehen, dass der Mann zitterte und das nicht, weil ihm kalt war, sondern weil er Angst hatte. „Du bist in Sicherheit. Niemand wird dir hier etwas tun.“

Randy lachte trocken auf. Sicher. Das war er schon seit Monaten nicht mehr gewesen. Er war von Loch zu Loch gekrochen, hatte sich immer vor Julio verkrochen und deswegen seinen Job verloren und alles nur, weil er keinen Bock auf dessen Schwester gehabt hatte. Schneller als Randy hatte gucken können, hatte er sich in keinem Club mehr blicken lassen können, weil Julio – der Anführer der Pumas in New York – seiner kleinen Schwester nichts abschlagen konnte und die hatte sich Randy gewünscht. Und als hätte der Ärger nicht gereicht, war ihm auch noch McManner, einer aus dem Puma-Clan auf der Spur gewesen, weil der wiederum unbedingt Johanita zur Frau haben wollte, die aber lieber einen Vampir wollte. Verfahrene Geschichte – sein eigener Beitrag dabei war gering gewesen – doch die Auswirklungen, als Julio ihn doch zu fassen bekommen hatte, dafür umso schwerwiegender.

Und jetzt stand vor ihm eine weitere Katze und erklärte, er wäre in Sicherheit. Randy zog die Decke über den Kopf. Er fühlte sich überfordert. Sollte der Kerl ihn doch quälen. Er war bereit.

Ian zuckte zusammen, denn das Lachen ging ihm durch Mark und Bein. Es klang so hoffnungslos und verbittert. „Ich weiß nicht, was dir passiert ist, aber wenn ich deine Verletzungen richtig gedeutet habe, dann haben dir Katzen übel mitgespielt.“ Ian versuchte beruhigend auf den Mann einzuwirken. „Ich verstehe, dass du mir nicht traust, denn ich bin auch eine Katze, aber dir wird hier niemand etwas tun. Du bist hier wirklich sicher.“

Wie in Zeitlupe zog Randy die Decke nach unten. Er musste den Kerl noch einmal ansehen, um zu ergründen, ob der Typ einfach nur unglaublich naiv war oder extrem gerissen. Schweigend blickte er den Kater an und versuchte seine Sinne wandern zu lassen. Es war ein überraschend gutes Gefühl, es wieder zu können. Die Wochen in Gefangenschaft und ohne Blut, um ihn endlich gefügig zu machen, waren schmerzvoll gewesen. Nicht nur der Schmerz in seinem Körper, sondern auch das Gefühl taub und blind gewesen zu sein, weil seine Sinne allmählich versagt hatten. Unauffällig versuchte er in Ians Richtung zu schnüffeln. „Du bist kein …“

„Dad?“, hörte es Ian plötzlich hinter sich und Randy verspannte sich schlagartig.

Ian drehte sich schnell um, aber Bill war nicht in den Raum gekommen, sondern stand im Flur und zog sich die Schuhe an. „Bin gleich da, Bill“, sagte Ian schnell und grinste schief zu seinem Gast. „Mein Sohn. Er muss zur Schule“, erklärte er schnell und ging in Richtung Zimmertür. „Bin gleich wieder da, dann können wir weiterreden.“

„Wo warst du die ganze Zeit?“, wollte Bill nuschelnd wissen, als er sich gerade die Jacke überzog. Er hatte einen Keks im Mund, noch zwei in der Hand und er war mal wieder so spät dran, dass er nicht den Bus nehmen konnte, sondern Uomi ihn fahren musste. Der holte gerade den Wagen aus der Garage. Bill besuchte eine öffentliche Schule, er hatte sich dafür entschieden, denn viele seiner Freunde waren keine Wertiere sondern Menschen. Er wollte bei ihnen sein, Zeit mit ihnen verbringen.

„Ich durfte ja keine von deinen Keksen klauen, da musste ich mich ablenken“, lachte Ian und wuschelte Bill durch die Haare. „Komm ich bring dich noch raus. Du bist spät dran.“ Er legte seinem Sohn einen Arm um die Schulter und ging mit ihm vor die Tür. „Hab dich lieb“, sagte er leise und drückte seinen Sohn an sich.

„Wenn du mich lieb hättest, würdest du mir nicht die Haare verstrubbeln, die ich vor dem Spiegel fast 20 Minuten versucht habe in Form zu bringen.“ Bill knurrte gutmütig und versuchte nachlässig, seine Frisur zu retten, während er die Tasche auf den Rücksitz der Limousine warf. Er umarmte seinen Vater noch einmal, dann huschte er in den Wagen.

Ian lachte und schloss die Wagentür, damit Uomi losfahren konnte. Er wollte gerade winken, als er einen Schrei und ein Fauchen aus dem Haus hörte. Erschrocken drehte er sich um und lief ins Haus. Sein Herz raste und er hatte Angst, dass Simon etwas passiert war. Der Vampir war unberechenbar. Er stoppte in der Tür zum Gästezimmer und versuchte die Situation zu erfassen. Auf dem Bett kniete der Vampir und unter dem Schrank hockte Simon und fauchte ängstlich.

Randy versuchte immer noch zu ergründen, was passiert war. Das war alles so schnell gegangen. Er hatte hier gelegen, seine Sinne schweifen lassen und die Augen geschlossen. Es war ein Schock für in gewesen, als er sie wieder geöffnet und eine Katze neben ihm auf dem Bett gestanden hatte. Es war ein Reflex gewesen, das Tier zu schubsen und mit einem Schrei von sich zu treiben. Doch jetzt, wo er Zeit hatte, sich das Tier unter dem Schrank genauer anzusehen, war auch ihm klar, dass das keiner von Julios Pumas war. Das Tier war schneeweiß und es hatte noch die rundlichen Formen eins Jungtieres. Und so wie es da unter dem Schrank hockte, hätte niemals einer von Julios Pumas reagiert. Also zog er die Decke um sich, beugte sich dann aber weit aus dem Bett, damit er besser unter den Schrank gucken konnte. „Alles klar, Kurzer?“, wollte er als Angebot der Versöhnung wissen.

Simon zog sich erst etwas weiter unter den Schrank zurück und sah den Mann auf dem Bett misstrauisch an. Er verstand nicht, was los war, denn er hatte doch gar nichts gemacht. Er hatte seinen Vater gesucht und war auf das Bett gesprungen, um nachzusehen, ob er dort lag und schlief. Es konnte ja keiner ahnen, dass der Fremde von gestern Abend immer noch dort lag und dass er sich so erschreckte. Aber Simon hatte sich auch erschocken. Der Schubser hatte zwar nicht weh getan, doch es hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, so dass er vom Bett gefallen war.

„Du bist doch ein Junges, oder?“, fragte Randy. Er kannte sich mit Katzen nicht so aus. Er hatte um sie Bögen gemacht, so gut es ging, bis es nicht mehr gegangen war. Doch abgesehen von der Grausamkeit der Erwachsenen hatte er noch nicht viel über Katzen herausgefunden.

„Er ist vier und heißt Simon.“ Ian stieß sich vom Türrahmen ab und kam in den Raum. Er konnte gar nicht so schnell gucken, wie ein weißer Fellball auf ihn zugeschossen kam und ihm in die Arme sprang. Er hörte das Herz seines Sohnes schnell schlagen und drückte ihn an sich. „Alles gut, Süßer. Niemand tut dir was und keiner ist böse auf dich“, murmelte er leise und strich Simon mit der Nase durch das weiche Fell.

„Ah“, machte Randy wieder. Interessiert beobachtete er wie Ian mit der kleinen Katze umging. Nun, klein war sie nicht, aber wohl noch sehr jung. So waren Julios Pumas nie mit einander umgegangen, sie hatten sich gebissen und gekratzt, gefaucht und gebrüllt. Und wieder kam ein Puzzleteil auf seinen gedanklichen Tisch, was er nicht in sein Bild integrieren konnte. Das verwirrte den Vampir augenscheinlich. Er rückte sich auf dem Bett zurück, zog die Decke um sich und wäre jetzt gern überall nur nicht hier.

Ian setzte sich mit Simon in den Sessel und kraulte ihn zur Beruhigung hinter den Ohren. „Ich habe dir doch gesagt, dass dir hier niemand etwas tut“, erklärte er dem Vampir und lächelte leicht. „Verrätst du mir deinen Namen? Ich bin Ian, wie ich vorhin schon gesagt habe. Hier leben noch meine Söhne Bill und Simon und meine Haushälterin Maria.“

„In den letzten Monaten haben mir Katzen oft gesagt, dass mir niemand was tun wird. Dass man nur mit mir sprechen wollte“, knurrte Randy. Er war wütend und wusste noch nicht so richtig, auf wen jetzt eigentlich genau. Ob auf sich selbst oder diesen Heiligen da drüben. Der Kerl, der war ja überhaupt nicht aus der Fassung zu bringen. „Was ich davon halten konnte, hast du sicherlich gesehen“, entgegnete Randy, ohne seinen Namen zu nennen.

Ian seufzte und küsste Simon auf die Nase. „Los, ab in die Küche. Maria hat Kakao für dich gemacht. Ich komme gleich nach und dann frühstücken wir zusammen, wie ich es versprochen habe.“ Er sah seinem Sohn hinterher, der gleich aus dem Zimmer flitzte. Für Kakao ließ er alles stehen und liegen. Er spürte die Ablehnung des Vampirs und wollte nicht, dass Simon etwas davon mitbekam.

„Ich kann nicht ungeschehen machen, was dir Katzen offensichtlich angetan haben, aber in diesem Haus wird dir keiner etwas tun.“ Er war etwas enttäuscht, dass sein Gast ihm offensichtlich so sehr misstraute, dass er ihm nicht seinen Namen verraten wollte.

„Nein, das kannst du nicht“, stimmte Randy zu und sah sich um. „Wenn ich meine Klamotten wiederhaben könnte, dann würde ich mich gern verdrücken. Ich werf dir ein paar Scheine in den Briefkasten, sobald ich bei der Bank war und dann tun wir so, als wäre das nicht passiert. Dann habt ihr keinen Ärger und ich …“ Er stoppte. Ja – und er? Was – und er? Er hatte keinen Job, keine Bleibe, ein Rudel Pumas im Nacken und noch hundert Dollar auf seinem Konto, an das er ohne seine Karte und seinen Ausweis aber nicht ran kam. Er lachte kurz auf und sank in sich zusammen. Das Leben war scheiße und dass bald Weihnachten war, machte es auch nicht besser.

„Du musst nicht gehen. Wenn du es unbedingt willst, hole ich dir deine Sachen und du kannst verschwinden, aber mir wäre es wirklich lieber, wenn du noch hierbleiben und dich erholen würdest.“ Ian sah seinen Gast eindringlich an, seine ziemlich offensichtliche Hoffnungslosigkeit und Verbitterung versetzte ihm einen Stich. „Du warst vollkommen ausgehungert und die Blutkonserven die wir dir gegeben haben, haben dir das Leben gerettet, aber du bist noch lange nicht wieder so fit, dass du gehen kannst.“

„Ian“, sagte Randy, ohne dass er das verhindern konnte, „du bist anstrengend.“ Und das meinte er nicht beleidigend, sondern es war eine Feststellung. In den letzten Jahrzehnten hatte niemand so intensiv auf ihn eingewirkt. Zwar waren die Pumas noch etwas überzeugender gewesen als Ian, aber die hatten kaum geredet, nur gehandelt. Der Kater hier redete und redete und je mehr Randy ihm zuhörte, umso mehr verklärte sich der Mann vor seinem inneren Auge zu einem Weihnachtsengel mit Muskeln. Das war verrückt und dem musste er einen Riegel vorschieben.

„Ey, ich bin Vater von einem Teenager und einem Vierjährigen. Da muss ich anstrengend sein, wenn ich nicht untergehen will“, lachte Ian und lehnte sich etwas entspannter in seinem Sessel zurück. „Aber ganz ehrlich, bleib noch etwas hier, entspann dich und komm wieder zu Kräften.“

Randy verschränkte die Arme vor der Brust und das erste Mal bemerkte er die Kanüle in seinem Arm. Wie hatte er das bis jetzt übersehen können? Er musste ziemlich angespannt gewesen sein, um das nicht zu merken! Jetzt bemerkte er auch die Schläuche, die leeren Beutel und den Infusionsständer. „Warum tust du das? Du weißt, dass ich ein Vampir bin und eine Gefahr für euch. Warum setzt du das Leben deiner Kinder für mich aufs Spiel?“ Neugier sprach aus seinen Augen.

„Naja.“ Ian kratzte sich am Kopf und wusste nicht, wie er das erklären sollte. „Mein Sohn hat einmal zu mir gesagt, dass ich einen Samariterkomplex hätte. Ich könnte einfach nichts rumliegen sehen und alles, was hilflos ist, würde ich mit nach Hause schleppen.“ Ian zuckte mit den Schultern und grinste schief. „Du lagst da halt ohnmächtig rum, da hab ich dich mitgenommen.“ 

Man sah wie Randy die Gesichtszüge entgleisten. „Meinst du das ernst?“ Doch dann hatte er sich wieder gefangen, grinste sogar ein bisschen und Ian sah, dass die spitzen Fänge wieder verschwunden waren. „Er scheint ja nicht ganz unrecht zu haben, wenn du sogar einen ausgehungerten Vampir heim schleppen musst. Bist du deswegen in Behandlung? Dann würde ich gern mal mit deinem Therapeuten reden. Er muss deine Therapie anpassen. Sie schlägt nicht an.“ Randy rollte den Kopf und blickte Ian forschend an. „Danke“, fügte er aber noch hinten an. Ohne den Samariter wäre er jetzt bereits tot.

Ian lachte leise und verneigte sich leicht. „Gern geschehen. Ein Freund von mir ist Arzt und er hat dich gestern auch verarztet. Ohne ihn, hätte es dir nicht viel genutzt, dass ich dich mitgenommen habe. Er kommt nachher vorbei, um nach dir zu sehen und er bringt noch ein paar Blutkonserven mit.“ So gefiel ihm sein Gast schon viel besser, auch wenn es noch an ihm nagte, dass er immer noch nicht seinen Namen verraten wollte. „Hast du Lust mit mir und Simon zu frühstücken?“

„Glaubst du allen Ernstes, nach unserem Einstieg möchte der Zwerg mich beim Frühstück sehen?“, fragte Randy, aber er wusste, dass diese Frage rein rhetorisch war. Er wollte noch nicht mit den beiden frühstücken. Er wollte erst einmal hier liegen und zu sich selbst finden. Denn das hatte er wegen der gänzlich neuen Situation immer noch nicht. Er musste sein Leben überdenken und vor allem die nähere Zukunft. Hier konnte er vielleicht noch heute bleiben. Für morgen musste er dann bereits einen Plan haben. „Aber geh mal, nicht dass du als Lügner da stehst. Ich möchte hier noch etwas liegen.“

„Kein Problem. Ich bring dir gleich was. Möchtest du lieber Tee oder Kaffee?“ Ian war nicht enttäuscht. Er konnte es sogar verstehen, dass der Mann jetzt erst einmal Zeit für sich brauchte.

„Wie im Hotel. Frühstück ans Bett und dann auch noch die Wahl“, sagte Randy und sah Ian offen an. Er spürte, dass der Mann etwas verdient hatte. „Randy hasst Bohnenkaffee. Wenn du Getreidekaffee da hast, kommen wir ins Geschäft. Aber schwarzer Tee tut es auch. Danke.“

„Randy“, wiederholte Ian und er lächelte. „Du wirst es nicht glauben, ich habe wirklich welchen da. Bill trinkt den auch gerne.“ Ian stand auf und sah seinen Gast an. „Ich freue mich, dich kennenzulernen Randy.“

„Ganz meinerseits, Samariter Ian. Ich hoffe nur, dass ich euch nicht meinen Ärger ins Haus geschleppt habe“, fügte er noch tonlos hinzu und senkte den Kopf. Doch dann blickte er wieder auf und lächelte. Es war kurz vor Weihnachten – vielleicht hatten die Schicksalsgötter zur Abwechslung mal ein Einsehen und er war raus aus dem Spiel.