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Britta + Fich: Katzenaugen VI

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Doch er folgte langsamer. Der erste Schritt war noch etwas wacklig, aber er hatte wieder die Kraft, allein zu gehen. Das machte ihn unabhängiger. Er trat aus dem Gästezimmer in den Flur und ließ den Eindruck auf sich wirken. Das schien ein ziemlich großes Haus zu sein. „Na ja, Katzen brauchen Platz“, nuschelte Randy und folgte den Stimmen.

Er blieb in der Küchentür stehen und sah auf Simon, der schon am Tisch saß und ziemlich ungeduldig wirkte. „Maria, wann kommen die denn endlich“, maulte der junge Kater und die Haushälterin lachte. Sie sah hoch und lächelte Randy zu. „Hallo“, grüßte sie und war kurz irritiert, weil sie gar nicht den Namen des Gastes kannte. „Setzen sie sich doch zu uns. Sie sind doch noch gar nicht richtig gesund.“

„Danke, das ist sehr nett“, entgegnete Randy und stellte sich vor, während er sich auf einen der Stühle setzte. Er zog die Füße an, dann spürte er die Fliesen gar nicht. Neugierig huschte sein Blick über den Tisch. Das roch verlockend und sah noch besser aus. Ihm tropfte der Zahn und er spürte, dass er trotz des reichhaltigen Frühstücks schon wieder Hunger hatte. Allmählich machten sich die Entbehrungen der letzten Monate bemerkbar. „Regenwürmer“, murmelte er leise und blickte grinsend zu Simon.

Der grinste fett zurück und brüllte dann „Papa, jetzt mach“, so dass alle am Tisch zusammenzuckten. „Komme, Maus“, brüllte Ian aus dem Flur zurück und Maria seufzte ergeben. Wie sollte sie denn Simon klar machen, dass man nicht ständig durch das Haus schrie. „Bin da.“ Ian schlidderte grinsend in die Küche und wedelte mit den Hausschuhen, die er erst hatte suchen müssen.

„Kommuniziert ihr immer so?“, fragte Randy den jungen Kater und der nickte verständnislos. Was war daran falsch? Es funktionierte wunderbar. „Und ich dachte immer, Katzen wären diese leisen, schleichenden Wesen mit dem sanften Gemüt. Da muss ich was durcheinander gebracht haben“, lachte der Vampir und zog schnell die Hauschuhe an. Das war angenehmer als barfuß, was Randy sowieso nicht mochte. Ohne Socken ging er nirgendwo hin, manchmal noch nicht mal ins Bett.

„Sind wir auch“, lachte Ian und setzte sich neben Randy. Er verschaffte sich einen Überblick über das Essensangebot und war durchaus zufrieden. „Greift zu“, forderte er auf und ließ sich Simons Teller geben, um ihm etwas aufzutun. Gemüse schien bei dem kleinen Kater nicht so gut anzukommen, wenn man das leise Knurren richtig interpretierte, das immer erklang, wenn sein Vater der Schüssel auch nur nahe kam.

„Wenn man groß und stark werden will, reicht es nicht, frittierte Regenwürmer zu essen“, erklärte Randy beiläufig und Simon schlitzte die Augen. Eigentlich war er zu einem Waffenstillstand bereit gewesen, doch wenn der Fremde den nächsten Krieg anzetteln wollte, bitteschön. Er konnte das auch. Doch erst mal griff er sich seinen Teller, voll mit Nudeln und Regenwürmern, ersäufte alles in roter Soße und ließ es sich schmecken. Rache brauchte Energie.

Ian, der seinen Sohn ziemlich gut kannte, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Großer Fehler“, raunte er Randy ins Ohr. „Wir hatten schon die Gemüsekriege.“ Der Kater wackelte mit den Augenbrauen und nahm sich dann selber etwas. Auf seinem Teller landete allerdings weit mehr Gemüse als Regenwürmer. Randy tat es ihm gleich und flüsterte zurück. „Schlimmer als Regenwürmer kann es ja wohl nicht werden.“ Er ließ es sich schmecken und ging davon aus, dass er nicht lange genug hier sein würde, um Simon noch die Chance zu geben mit ihm in einen Kleinkrieg zu treten. „Ein Lob an die Küche“, sagte Randy nach den ersten Bissen. Das war wirklich gut. Sogar die Hackfleischregenwürmer.

„Danke.“ Maria errötete leicht und man sah ihr an, dass sie sich über das Kompliment freute. „Dasch isch lecker“, nuschelte Simon mit vollem Mund und Ian schloss sich natürlich an. Er fühlte sich gut und eigentlich fehlte nur noch Bill, um es perfekt zu machen, aber sein Sohn kam erst später aus er Schule.

„Wie soll der Kleine was lernen, wenn du es ihm nicht vormachst“, murmelte Randy und sah Ian offen an. „Bestimmt brüllst du auch immer durch das Haus und hast als Kid nie Gemüse gegessen und redest mit vollem Mund.“ Er lachte leise und zwinkerte Ian zu. Hier ließ es sich aushalten.

„Ey!“ Ian blies die Wangen auf und sah Randy empört an. „Das stimmt doch gar nicht und man muss hier manchmal lauter reden, weil das Haus so groß ist und man sich nicht versteht.“ Dass das mit den guten Katzenohren, natürlich nicht nötig war, sagte er lieber nicht, denn dann wurde er unglaubwürdig. „Außerdem bin ich der Meinung, dass die Geschmacksnerven für Gemüse erst im Erwachsenenalter ausgebildet werden. Ich weiß ja nicht, wie das bei Vampiren ist, aber bei Katzen ist das üblich.“

„Erstaunlich“, sagte Randy, der Ian dabei beobachtet hatte und versuchte ernst zu bleiben. „Katzen sind sehr mysteriöse Wesen. Sie entwickeln Geschmacksnerven für Gemüse – übrigens als einzige Lebewesen auf dieser Welt. Sie müssen schreien, weil sie so schlecht hören – im Gegensatz zu allen anderen Katzenartigen auf dieser Welt und sie bekommen violette Flecken, wenn sie lügen. Hast du das Dexter schon mal gezeigt?“ Randy betrachtete Ians Gesicht eindringlich. „Sieht nicht gesund aus.“

„Flecken? Wo? Wie viele?“, quietschte Ian gespielt panisch und ließ Simon kichern. Sein Vater befühlte sein Gesicht und machte dabei komische Grimassen, die Simon zum Lachen brachten. Auch Maria kicherte leise hinter vorgehaltener Hand. Es war einfach schön Vater und Sohn so ausgelassen zu sehen.

„Sieben“, sagte Randy und grinste. Er fühlte sich wohl hier, doch er sollte sich nicht allzu sehr daran gewöhnen. Doch er konnte nicht vermeiden, dass er ein bisschen neidisch war. Er hatte seinen Vater noch nicht einmal gekannt, geschweige denn, dass er sich je um ihn so gekümmert hätte. Doch er gönnte es dem Kleinen von Herzen. So machte er sich wieder über sein Essen her, ehe es ganz kalt wurde. Das lenkte ihn ab.

„Oh Gott, oh Gott“, jammerte Ian und Simon hatte ein Einsehen. „Da sind keine Flecken“, erklärte er lachend und Ian atmete hörbar auf. Er sank ein wenig in sich zusammen, straffte sich aber gleiche wieder und sah Randy mit geschlitzten Augen an. „Du gemeiner Kerl“, knurrte er und piekste dem Vampir in die Seite. „Geht man so mit Lebensrettern um?“

„Wenn die Lebensretter zulassen, dass man mit Regenwürmern gefüttert wird, dann geht man genau so mit ihnen um“, fand Randy, versuchte dem Finger auf seiner Seite aber auszuweichen. Nur waren seine Beweglichkeit und seine Schnelligkeit noch nicht wieder ganz hergestellt. So bewaffnete er sich mit seiner Gabel und hielt sie Ian entgegen, sollte der mit seinem flinken Fingern noch einmal Schaden anrichten wollen.

„Hah, Gabelkrieg“, triumphierte Ian und bewaffnete sich ebenfalls. „Stirb, Unwürdiger, stirb! Ich bin der Gabelkampfkönig!“ Der Leopard schlug mit seiner Gabel gegen Randys und Maria hielt sich die Hände vor die Augen. Gut, dass sie den Pflastervorrat wieder aufgefüllt hatte. Es war erstaunlich, dass der Gast genauso verrückt war wie der Hausherr.

„Ich muss dich warnen, du Gabelkampfkönig“, sagte Randy und kreuzte wieder die Waffen. „Ich habe viele Jahre Schwertkampf trainiert.“ Er wich geschickt aus und erwischte Ian an der Hand, entschuldigte sich aber gleich dafür. Das war nicht fair gewesen.

Ein wenig fassungslos sah Ian auf die drei kleinen roten Punkte, die seinen Handrücken zierten. „Das hat bisher noch keiner geschafft“, lachte er und verneigte sich ehrerbietig vor Randy. „Gelobet sei der neue Gabelkriegkönig. Heil dir, König Randy.“ Noch einmal neigte er seinen Kopf, dabei grinste er breit. „Du kannst wirklich mit einem Schwert umgehen?“

Laut lachend nahm Randy seinen neuen Titel an und gelobte, ein weiser aber gerechter König zu sein, der das Frittieren von Regenwürmern und das Brüllen im Haus verbieten lassen würde. Zum einen um die vom Aussterben bedrohten Regenwürmer zu schützen, zum anderen um Ruhe ins Haus zu bringen.

„Außerdem bin ich ja schon ein paar Jährchen alt. Damals gab es noch keine Mucki-Buden. Aber einen schweren Zweihänder zu schwingen macht auch fit.“ Doch er hatte seine Schwerter schon lange verkaufen müssen, um über die Runden zu kommen.

„Wie alt bist du denn?“, fragte Ian neugierig. Er hätte Randy nicht älter als dreißig Jahre geschätzt, aber da lag er wohl ziemlich daneben. Wenn er mit Zweihändern gekämpft hatte, waren das ein paar Jahrhunderte mehr.

„Schätz doch mal“, forderte Randy ihn auf. Ihn interessierte, was Ian von ihm dachte, wie er ihn einschätzte und was er erwartete. „Aber ich bin sensibel, also pass auf, was du sagst.“

„Öhm.“ Ian suchte fieberhaft in seinem Kopf, was er über Zweihänder wusste. Viel war es nicht und er brachte eigentlich nur den Highlander damit in Verbindung, weil der in dem gleichnamigen Film so ein Schwert benutzt hatte. „Etwas mehr als dreihundert Jahre?“, fragte er vorsichtig.

Entsetzt griff sich Randy ans Herz. „Ich werde noch ein Dutzend Konserven brauchen, wenn ich so alt aussehe. Dabei werde ich in drei Wochen erst dreihundert“, entgegnete er gespielt brüskiert und angelte noch nach ein paar Regenwürmern, musste sich aber ranhalten, weil Simon die Abgelenktheit der Erwachsenen nutzte, um die vom Aussterben bedrohten Regenwürmer gänzlich zu dezimieren.

„Du hast in drei Wochen Geburtstag und dann auch noch der dreihundertste? Wahnsinn, du musst mir unbedingt was aus dieser Zeit erzählen.“ Ian zog Randy ohne zu überlegen zu sich und knuddelte ihn. „Du siehst toll aus, aber leider muss ich dir sagen, dass du doppelt so alt bist, wie ich.“

„Schade, dann wird das mit uns leider nichts. Junger Kater. Mit solch jungem Gemüse wie dir lasse ich mich gar nicht ein. Zu sprunghaft, schreit ständig herum und haart das ganze Bett voll.“ Randy schüttelte den Kopf und guckte in die leere Schüssel, während Simon zufrieden kicherte und sich den vollen Bauch rieb. Doch dann gähnte er und Maria erhob sich, um den Jungen zum Mittagsschlaf hinzulegen.

„Wie bitte?“, empörte sich Ian auch gleich. Unterbrach seinen Redefluss aber kurz um seinen Sohn auf die Stirn zu küssen, der sich aus Marias Armen zu ihm runterbeugte. „Schlaf gut, mein Süßer.“ Er sah ihm hinterher, bis er Simon nicht mehr sehen konnte und drehte sich dann wieder mit zusammengezogenen Augen zu Randy um. „Was soll das heißen? Ich bin ein erfolgreicher Architekt mit großen Projekten auf der ganzen Welt und ich haare ganz und gar nicht. Du kannst gar keinen besseren finden als mich.“ Schmollend verschränkte Ian die Arme vor der Brust. „Junges Gemüse. Ich fass es nicht“, brummte er leise dabei.

Randy beugte sich weiter vor und berührte Ians Gesicht fast mit dem seinen. „Ich kann also nichts Besseres als dich finden“, flüsterte er und hauchte Ian einen Kuss auf die Lippen. „Davon bin ich allerdings nicht überzeugt. Und dass du im Bett nicht haarst, kannst du nicht beweisen. Es steht Aussage gegen Aussage“, lachte er leise und blickte Ian tief in die Augen. In einer kleinen Ecke seines Hirns war gerade noch genügend Blut um sich selbst zu fragen, ob er überhaupt wusste, was er hier tat. Doch dann war auch das vorbei. Er hatte sich in Ians Augen verloren.

Ian leckte sich über die Lippen. Der Kuss hatte ihn überrascht, aber komischerweise fühlte es sich nicht falsch an, von einem Mann geküsst zu werden. „Dann werden wir das wohl ausprobieren müssen, ob ich nachts haare“, murmelte er leise und ließ Randy nicht aus den Augen. Sie waren sich so nahe und die Spannung zwischen ihnen kribbelte auf seiner Haut, genau wie auf ihren Lippen. Ohne zu überlegen beugte er sich weit vor, bis er wieder das andere Lippenpaar auf seinen spürte. Randy nutzte die Eigeninitiative des Katers als Ausrede, um sich nicht zurückziehen zu müssen. Er zwang Ian zu nichts, Ian kannte die Fakten. Wenn Ian selber entschied, dass er mehr von Randy wollte, war der Vampir der letzte, der sich entziehen würde. Er beugte sich also auch noch etwas weiter vor, umklammerte dabei die Tischplatte, um nicht vom Stuhl zu rutschten und bewegte seinen Lippen auffordernd gegen das andere Paar. "Müssen wir wohl ausprobieren, nuschelte er leise.

„Unbedingt.“ Ian schloss die Augen und fühlte den sanften Berührungen nach. Er seufzte leise und wie von selbst legte sich eine Hand an Randys Wange und fuhr sanft darüber. Er genoss einfach nur und dass er einen Mann küsste, war nicht wichtig. Er wollte endlich wieder etwas Zärtlichkeit und Randy machte ihm dieses Geschenk. Der Vampir schloss die Augen und legte seine Hand auf Ians. Er sollte nicht die Möglichkeit haben, sich gleich wieder zurück zu ziehen. Er sollte weiter machen, Randy mit seiner Nähe und seiner Hitze einhüllen und ihm das Gefühl geben, das Richtige zu tun. Gern hätte er sich noch dichter gedrängt, doch dann würde er das Gleichgewicht verlieren. So reckte er vorsichtig seine Zunge und streichelte die sinnlichen Lippen des Katers. Der Mann war zu gut, um wahr zu sein.

Ian konnte gar nicht anders, als seine Lippen zu öffnen und die fremde Zunge mit seiner zu berühren. Es war wie ein Rausch, in dem er sich gerade befand. Randy hatte etwas in ihm geweckt, was seit Jahren tief verborgen und vergessen in dem Kater schlummerte. Vorsichtig stupste er den Eindringling an und zog sich gleich wieder zurück. Ohne, dass er es bewusst mitbekam, legte sich seine zweite Hand in den Nacken des Vampirs und hinderte ihn daran, sich wieder zu entfernen. So war Randy fixiert in einer unbequemen Lage. Doch er ignorierte die Hinweise seines Körpers. Er ließ sich lieber in den Rausch ziehen, der durch seinen Körper brandete. Gierig tauchte seine Zunge immer wieder durch die fremden Lippen, suchten sich etwas zum spielen. Gern hätte er mit seiner zweiten Hand in Ians Haar gegriffen, doch er musste sich am Tisch festhalten, um nicht vom Stuhl zu rutschen.

Ihre Zungen spielten miteinander und Ian verlor sich in dem Genuss. Immer wieder stellte er den Eindringling in seinem Reich, umschmeichelte und neckte ihn. Wenn es nach ihm ginge, hätte das noch ewig so weitergehen können, aber irgendetwas irritierte ihn. Er konnte ein Beben unter seinen Fingern spüren und nach ein paar Augenblicken drang zu ihm durch, dass es Randy war. Vorsichtig löste er ihre Verbindung und fing den Vampir auf, der langsam vom Stuhl rutschte. Ihn hatte wohl die Kraft verlassen und er konnte sich nicht mehr halten. „Vorsicht.“ Ian griff fester zu und zog Randy auf seinen Schoß. "Mir fehlt wohl noch etwas die Kraft", flüsterte der Vampir leise und strich sich eine der störrischen, braunen Strähnen aus dem Gesicht. Seine sonst blassen Wangen waren gerötet, seine Lippen glühten und er fühlte sich wunderbar, wenn auch noch etwas außer Atem, weil er noch nicht wieder ganz auf dem Posten war. "Du bist unglaublich, Ian, wenn ich nicht bald die Notbremse ziehe, habe ich ein ernsthaftes Problem", gestand er leise.

„Du bist ja auch schon ein alter Mann mit deinen fast dreihundert Jahren“, scherzte Ian und lehnte seinen Kopf auf Randys Schulter. „Das war schön“, murmelte er dabei und seine Arme zogen sich fester um den Vampir. „Ich möchte dir wirklich keine Probleme machen, Randy. Ich war gerade egoistisch, tut mir leid.“

„Dir muss nichts leid tun. Ich wusste, dass du wie jedes junge Kätzchen neugierig bist und habe es ausgenutzt. Es sollte nicht noch einmal passieren, Ian. Du…“ Randy brach ab. Die starken Arme, die ihn hielten, ließen ihn sich geborgen fühlen. Er hatte sich schon ewig nicht mehr so gefühlt. Aber Ian war nicht der Mann dafür. Er war neugierig, mehr nicht. Sich in ihn zu verlieben, wäre Randys Untergang. Das wusste er nur zu gut. Er musste sich wehren, sich lösen. Doch er war zu schwach. Er schob es auf seine körperliche Verfassung, wissend dass es eigentlich nicht daran lag. Er hätte sich erheben können, wenn er nur gewollt hätte. Da lag das Problem – er wollte nicht.

„Sag nicht immer junges Kätzchen zu mir. Dann komm ich mir vor wie Simon“, meckerte Ian leise und rieb seinen Kopf an Randys Schulter. „Wir haben anscheinend beide die Situation ausgenutzt. Dann sind wir quitt.“ Was für ein verrückter Tag. War es wirklich erst gestern gewesen, dass er den Vampir gefunden hatte? Ian hatte irgendwie das Gefühl, dass sie sich schon ewig kannten. „Aber aus der Nummer mit den Haaren kommst du nicht mehr raus.“

„Und ich werde das junge Kätzchen sofort aus dem Bett werfen, wenn ich auch nur ein einziges schneeweißes Haar in meinem Bett finde. Also bürste dich vorher lieber, wenn du auf Nummer sicher gehen willst“, stellte Randy klar, auch wenn er noch nicht wusste, wie er eine Nacht neben Ian überstehen sollte. Das konnte doch nur in einer Katastrophe enden. „Allerdings wolltest du eigentlich noch arbeiten, hast du vorhin erzählt“, versuchte er also abzulenken.

„Hmm“, war alles, was er von Ian hörte. Der hatte nämlich noch immer seinen Kopf auf Randys Schulter und genoss es offensichtlich, so wie er gerade lächelte. Der Vampir hatte ja Recht, aber er konnte sich gerade nicht dazu entschließen Randy loszulassen. „Noch fünf Minuten“, nuschelte Ian leise.

Randy seufzte. „Aber wirklich nur fünf Minuten, dann geht das kleine Kätzchen an seine Hausaufgaben, sonst geht’s ohne Abendessen ins Bett“, konnte er sich nicht verkneifen. Er versuchte sich abzulenken, denn sonst kam er gleich wieder auf ganz dumme Ideen und dafür würden keine fünf Minuten reichen. Ganz bestimmt nicht.

„Erzähl mir so lange etwas von dir“, bat Ian, der festgestellt hatte, dass er kaum etwas über Randy wusste. „Wo bist du geboren? Wie heißt du mit Nachnamen. Was bist du von Beruf? Was hast du noch für Hobbys außer Schwertkampf?“ Ian hob den Kopf und sah Randy an. „Ich weiß gar nichts über dich, außer wann du Geburtstag hast und da auch noch nicht mal das genaue Datum.“

„Du drückst dich ganz schön um deine Arbeit, scheint ja nicht gerade Spaß zu machen“, sagte Randy und blickte Ian in die Augen. Er zog die Schultern höher. Ihm wurde langsam kalt. „Also geboren bin ich in einer nassen Dezembernacht. Es war die Nacht vom Siebten zum Achten, in einem schottischen Schloss. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater entstammen einer langen Linie von schottischen Vampiren und so bin ich im Stil der schottischen Ritterschaft erzogen worden. Ich bin mit dem Schwert und der Feder groß geworden, doch auf die Dauer war das nichts. Ich habe also umgesattelt. Erst auf Nautik und fuhr viele Jahre als erster Maat zur See in der britischen Handelsmarine, doch das wurde öde, wenn man alles schon mal gesehen hat. Dann blieb ich an Land und lernte bei den Großen ihrer Zeit. Mathematiker, Physiker, Chemiker. Ich bin eine naturwissenschaftlich interessierter junger Mann.“

„Wow. Da ist meine Karriere als popliger Architekt ja vollkommen langweilig. Ein richtiger Ritter. Der Traum jedes kleinen Kätzchens“, lachte Ian, der allerdings durchaus gemerkt hatte, dass Randy die Frage nach seinem Nachnamen nicht beantwortet hatte und grinste. „Und wie heißt deine Familie? Mc Leod?“

Randy verstand nicht gleich, doch als er wusste, woher er den Namen kannte, boxte er Ian gegen die Schulter. „Du bist eine blöde, kleine Katze, verarsch solch einen alten Vampir wie mich nicht“, knurrte er gutmütig und grinste. „Und nein, ich heiße nicht Mc Leod sondern Ryan Logan McLachlan, wie unser Castle damals.“ Auf seinen Namen lief auch noch das Landgut in den Highlands, doch er hatte gut daran getan, es vor vielen Jahren in die Hände eines Verwalters zu geben. Er hatte nur das Wohnrecht auf Lebenszeit behalten, weil er das alte Castle liebte. Doch er konnte es nicht unterhalten. Heute gehörte es einer Gesellschaft, die sich um die Pflege und vor allem auch die touristische und geschichtliche Erschließung der Anlagen kümmerte. Ihm reichte das Wohnrecht in der kleinen Wohnung im Westturm.

„Ryan Logan McLachlan“, sagte Ian leise. „Ein schöner Name.“ Er rieb sich die Schulter und grinste. „Das ist echt spannend, sogar mit Schloss. Ich bin angemessen beeindruckt und neidisch.“

„Und wie neidisch bist du, wenn ich dir sage, dass ich in dem Schloss immer noch ein Eckchen habe? Die Wohnung ist nicht groß, altmodisch, mit Kamin. Zwar kommt Wasser aus der Wand und Strom auch, aber sonst ist sie sehr spartanisch und ich liebe sie. Ich hatte nur keine Kohle mehr, um mich abzusetzen. Dort hätten mich die dämlichen Pumas nicht gefunden.“ Randy murmelte nur noch leise und sank weiter in sich zusammen. Er fröstelte.

„Du hast da noch eine Wohnung?“ Ian bekam glänzende Augen und einen schwärmerischen Ausdruck auf dem Gesicht. „Schottland ist ein tolles Land. Ich habe dort einmal Urlaub gemacht und ich war total begeistert.“ Ian wollte gerade erzählen, was er alles gesehen hatte, da bemerkte er das Frösteln. „Komm, ich bring dich wieder ins Bett, wenn dir kalt ist. Dann wärmst du dich auf und wir unterhalten uns noch ein wenig und wenn wir fertig sind, fang ich an zu arbeiten.“

Randy fing unweigerlich an zu lachen. „Das sind ja unglaublich lange fünf Minuten“, konnte er sich nicht verkneifen, erhob sich aber, denn die Vorstellung, ins Bett zu krabbeln und sich bis zum Hals zuzudecken und sich aufzuwärmen war verlockend. „Ich werde das Gefühl nicht los, du hast heute gar keine Lust zu arbeiten.“

„Naja.“ Ian kratzte sich verlegen am Kopf und seufzte. So ein Mist aber auch, dass Randy ihn so schnell durchschaut hatte. „Ich habe da bei einem meiner Projekte ein Statikproblem, dass ich bisher noch nicht zufriedenstellend lösen konnte und langsam gehen mir die Ideen aus. Das fördert nicht gerade meinen Arbeitseifer.“

„Ah, verstehe“, sagte Randy und ging neben Ian durch den hellen, großen Flur zurück in sein Bett. Kaum dort angekommen, konnte er gar nicht so schnell unter die Decke huschen wie er fror. Doch noch ehe er ganz verschwinden konnte, hatte Ian schon seinen Arm gegriffen für ein paar Schlucke Nachtisch aus Dexters Lunchbox. Randy seufzte, gab sich aber geschlagen. Er hatte selber gemerkt, dass er noch ziemlich schwach auf der Brust war. „Zeig doch mal dein Problem, vielleicht kann ich dir helfen.“

„Echt? Das wäre toll, wenn du da was machen könntest. Manchmal ist man so festgefahren, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.“ Sofort holte er seinen Laptop und zeigte Randy, wo er alles finden konnte. „Guck schon mal durch. Bin gleich wieder da. Ich hol uns Kakao und noch eine Wärmflasche für dich.“

Randy lachte leise. Ian war ein Exemplar für sich. Doch er selbst machte es sich bequem, suchte sich durch die Dateien und rief sich die entsprechenden Zeichnungen und die Berechnungen dazu auf. Es ging um ein altes Landhaus, dass der Besitzer in England gekauft und Stein für Stein abgetragen hatte und nun wieder aufbauen wollte. Das Aufbauen war nicht das Problem, er wollte aber die alte Bausubstanz erhalten und trotzdem modernisieren. So kamen für die Dämmung auch nur Naturmaterialien in Frage, es sollten aber keine zusätzlichen Wände oder Träger eingezogen werden. Randy nickte, er guckte wieder auf die Skizzen, öffnete die Statiken und die Energiebilanz. Er merkte noch nicht einmal, dass Ian schon wieder neben ihm saß. „Warum verwenden sie Kork als Dämmung. Zu schwer. Kokosfasermatten haben die gleiche Wärmeleitfähigkeit und wiegen die Hälfte. Wenn man Abstriche bei der dritten Kommastelle bei der Wärmeleitfähigkeit hinnehmen kann, tut es auch Schafwollfilz oder Zellulosefaser. Das müsste einiges an Kräften aus den Balken nehmen… das müsste doch….“

Randy war vollkommen vertieft und Ian beobachtete ihn von dem Sessel aus, wo er sich niedergelassen hatte. Die Tassen standen auf dem kleinen Tisch, sie waren eh noch zu heiß und die Wärmflasche lag auf seinem Schoß. Als er auch nach fünf Minuten noch nicht beachtet wurde, kam er zum Bett und küsste Randy auf die Schläfe. „Na, den Fehler schon gefunden?“

Irritiert blickte der Vampir auf und sah Ian ein par Augenblicke an, bis die Frage in seinen Geist gesickert war. „Es gibt leichtere natürliche Dämmstoffe, bei gleicher Wärmeleitfähigkeit. Anstelle der Korkplatten kann man Kokosfasermatten nehmen oder Zellulose. Aber wenn es unbedingt Kork sein muss, dann kann man den auch in sich abstützen, um von den alten Balken die Kräfte abzutragen. Und das hier“ – Randy deutete auf einen komplizierten Abfang am Dach – „das bringt zu viele Momente in das Gebälk, wenn Wind geht. Wo stellt ihr das Ding denn hin?“

Fasziniert hatte Ian zugehört und sich dabei neben Randy auf das Bett gesetzt. Vorher hatte er ihm aber noch die Wärmflasche unter die Füße geschoben. „Das Haus kommt an die Küste nach Maine. Also viel Wind und auch sehr kalte Winter.“ Randy hatte mehr Fortschritte gemacht, als Ian in den letzten Tagen. „Du bist echt klasse.“

„Ihr müsst das hier vorn abstützen. Wenn da die Schneelast drauf liegt, kann es sein, dass die Balken in der Dachmitte brechen. Entweder stützt ihr das Dach unauffällig ab oder ihr verkürzt es. Ihr könnt auch die Balken verstärken, aber das halte ich für wenig sinnvoll. Kräfte aus Schnee oder Wind auf diesen Punkt hier“ – Randy tippte auf den Bildschirm – „bringen euch hier die Momente und die ziehen an den Balken.“ Randy rief das andere Fenster auf. „Und eure Energiebilanz lässt sich mit weniger Gewicht auch erzielen. Dann müssen die Wände weniger Masse abtragen.“

Ian sah von dem Bildschirm zu Randy und strahlte über das ganze Gesicht. „Du bist genial und du brauchst einen Job. Willst du nicht für mich arbeiten?“, fragte er spontan. „Ich habe im Moment jede Menge Aufträge und wenn ich die Statik an dich abgeben könnte, wäre das eine große Erleichterung für mich.“

„Äh“, war alles was Randy entgegnen konnte. Das kam jetzt etwas überraschend. Er hätte gern sofort zugesagt, doch sein Herz bremste ihn. „Warum nicht“, sagte er also erst einmal unverbindlich. Er konnte sich nicht bedingungslos auf Ian stützen. Was wenn es nicht gut ging? Er musste auf eigene Beine kommen. „Falls es von Interesse ist. Ich bin Bauingenieur, auch wenn das Studium schon vierzig Jahre zurück liegt. Und vor sieben Jahren habe ich eine Ausbildung zum Energietechniker gemacht.“

„Super und auch noch ein Mann mit Erfahrung.“ Ian legte einen Arm um Randy und drückte ihm die Schulter. „Du wirst mein Assistent mit dem Schwerpunkt auf Statik und du bekommst natürlich ein Gehalt.“ Im Geiste richtete er Randy schon ein Büro ein, direkt neben seinem. Musste halt ein wenig umgebaut werden. „Das wird klasse. Mein Team ist zwar super, aber ich brauche jemanden, der mich entlastet. “

„Ian!“ Randy klang panisch, ohne es vermeiden zu können. Das ging ihm alles zu schnell. Das hatte der Kater also gemeint, als er heute Morgen sagte, sie müssten Randys Leben wieder in geordnete Bahnen bringen. „Du kennst mich doch gar nicht, Ian. Vielleicht passe ich gar nicht zu euch. Vielleicht bist du mich in einer Woche über und würdest mich gern wieder loswerden. Versteh mich nicht falsch, ich bin dir für alles dankbar, was du für mich tust. Aber geh es langsamer an. Beschnüffel mich erst mal, ehe du dir diese blutsaugende Laus in deinen schneeweißen Pelz setzt.“

In seinem Elan etwas gebremst, hielt Ian inne und sah Randy mit schief gelegtem Kopf an. „Wie wäre es mit einer Probezeit von drei Monaten? Wenn das zwischen uns klappt, stelle ich dich fest ein?“ Er konnte Randys Einwände ja verstehen, auch wenn er sie nicht hören wollte. Für ihn war einfach klar, dass das zwischen ihnen nur gut laufen konnte. Allerdings stellte Randy stumm ein paar andere Anforderungen an das, was zwischen ihnen lief oder nicht lief. Randy würde lügen, wenn er behauptete, er spekuliere nicht auf intimen Kontakt zu dem Kater. Doch der war nur neugierig. Wie es werden sollte, wenn die Neugier verflogen war, wollte sich Randy noch nicht vorstellen.

„Okay, damit kann ich leben. Du wirst sehen, was ich kann und ob es das ist, was du suchst.“ Der Vampir wackelte mit den Zehen und spielte mit der Wärmflasche.

„Bis du wieder auf dem Posten bist, kannst du von hier arbeiten. Ich habe alles, was du brauchst hier. Unter dem Dach habe ich ein Büro, das du nutzen kannst. Ich werde die nächsten Tage dann auch noch Homeoffice machen.“ Ian angelte nach den Tassen und gab eine an Randy weiter. Jetzt hatte der Kakao genau die richtige Temperatur. „Auf deine neue Stelle.“

„Ja, auf die neue Stelle, danke Chef“, lächelte Randy und begriff immer noch nicht genau, was passiert war. Der Tag heute war dermaßen voll mit neuen Erkenntnissen, neuen Eindrücken und neuen Sichtweisen, dass Randy kaum begreifen konnte, dass alles ein einziger Tag gewesen sein sollte. Und der war gerade mal zur Hälfte um. Was er wohl bis zum Abend noch brachte? Randy trank einen tiefen Schluck und spürte die wohlige Wärme, die durch seinen Körper rann.

Ian lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen das Kopfende des Bettes und öffnete nach ein paar Augenblicken wieder ein Auge. „So, Pause vorbei für dich. Das muss fertig werden und dann gibt es da noch mindestens fünf Häuser, die auch eine bombensichere Statik brauchen. Ich werde derweilen weiter meinen Kakao genießen.“ Ian grinste und nahm auch gleich noch einen großen Schluck.

Randy aber hob nur eine Braue. „Ich werde mich mal mit dem Betriebsrat unterhalten müssen, Chef“, erklärte er, klickte sich aber weiter durch die Unterlagen. „Außerdem wird mein behandelnder Arzt dir gern bestätigen, dass ich noch nicht arbeitsfähig bin. Solltest du mich trotzdem zur Arbeit zwingen, Chef, dann wird sich leider mein Anwalt damit befassen müssen.“ Randy redete beiläufig und grinste in seine Tasse.

„Wie war das mit der vampirischen Laus?“, knurrte Ian, grinste aber. „Okay, für heute bist du noch krank geschrieben. Dexter werde ich schon klar machen, dass das ab morgen nicht mehr notwendig sein wird.“ Er beugte sich vor und erklärte Randy, was das für Projekte waren, an denen er gerade arbeitete und der Vampir hörte aufmerksam zu, machte sich dabei mental ein paar Notizen.