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07

 

Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

7. Dezember



VI.

Am Ende des Abends hatte Andrew doch seine Handynummer und auch seine E-Mail-Adresse herausgegeben. Denn insgeheim wollte er sehr wohl hören, ob Garrett es gelang, sich vor all den bunten und, in europäischen Augen, verrückten Details einer Hindu-Hochzeit zu drücken. Und er gab sich wirklich allergrößte Mühe am Mittwoch und auch am Donnerstag nicht ständig auf sein Smartphone zu schielen, in der Hoffnung, doch vielleicht in der Zwischenzeit etwas von Garrett zu hören.

Dann war es endlich Freitag. Er wünschte seinen Kollegen zum Mittag hin ein schönes Wochenende, wickelte sich in Schal und Mantel und machte sich dann auf zur Residenz seines Bruders, um mit Katharina und den Kindern in den Hyde Park zu gehen.

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, waren die Kinder schon reichlich aufgedreht und Andrew konnte den fünfjährigen Richard gerade noch an der Kapuze seiner Winterjacke festhalten, als dieser, kaum dass Katharina die Tür geöffnet hatte, um Andrew einzulassen, nach draußen entschwinden wollte.

„Halt, hier geblieben. Wir müssen erst noch auf die anderen warten“, sagte Andrew lachend und klemmte sich seinen Neffen kurzerhand unter den Arm und trug ihn in die Eingangshalle zurück.

Peter, acht Jahre, und Anne, sieben Jahre, waren beide gerade erst aus der Schule nach Hause gekommen und mussten erst noch die Schuluniformen gehen ausflugstauglichere Kleidung tauschen. Und die zweijährige Mia war soeben erst von ihrem frühen Mittagsschlaf aufgewacht. Alles in allem gab es also noch eine nicht unwesentliche kleidungstechnische Hürden zu nehmen und so dauerte es noch fast eine dreiviertel Stunde, ehe alle gestiefelt und gespornt zum Aufbruch bereit waren.

Alexandra Fitzstephen erschien aus ihrem privaten Büro, als sie die Truppe in der Halle versammelt hörte. Als freischaffende Journalistin für diverse Gartenzeitschriften, hatte sie neben den verschiedenen Vereinen, denen sie zum Teil aus Freude, zum Teil aber aus Repräsentationspflicht ihrem Mann gegenüber angehörte, leider nicht so viel Zeit für ihre Kinder, wie sie es gerne gehabt hätte, weshalb sie gerne die Familientradition der Talmocks eines Au-pair-Mädchens aufgegriffen hatte und sonst einfach das Beste aus der Zeit machte. Doch so gerne sie Zeit mit ihren Kindern verbrachte, hinkte sie gerade mit einer Artikelserie hinterher und konnte somit an diesem Nachmittag unmöglich mit in den Hyde Park kommen. Entsprechend dankbar war sie, dass ihr Schwager sich bereit erklärt hatte, Katharina und die Kinder zu begleiten. Denn ein Erwachsener alleine war – dafür kannte sie ihre Kinder gut genug – bei so einem Ausflug der Rasselbande hoffnungslos unterlegen. Sie selbst wollte die ruhigen Stunden ohne die Kinder nutzen, um möglichst viel in Hinblick auf die Artikelreihe zu erledigen. „Ich wünsche euch viel Spaß im Park“, sagte sie jetzt mit einem Lächeln. Dann wandte sie sich an Andrew. „Wie sieht es aus, bleibst du später zum Abendessen? Ich fürchte, dass Reginald mal wieder so viel in seinem Büro zu tun hat, dass er erst gegen Mitternacht heimkommt.“

Andrew verstand die unausgesprochenen Botschaften hinter diesen Worten. Die Bitterkeit darüber, dass Reggie einmal mehr alles andere seinem Heim und seiner Familie vorzog, die Befürchtung, dass dahinter eine Geliebte stecken mochte – leider war sein Bruder nicht gerade der treueste Ehemann, auch wenn eine Scheidung aufgrund des damit einhergehenden Skandals, egal wie ruhig und einvernehmlich man das Ganze angehen mochte, nie für ihn in Frage kam –, und die Bitte sie vor einem weiteren einsamen Abend zu bewahren, der unweigerlich folgen würde, wenn die Kinder erst im Bett waren. Zwar wäre da noch Katharina, doch diese verbrachte die Abende meist in ihrem Zimmer, um über den Computer mit ihren Freunden in Deutschland zu kommunizieren oder Hausaufgaben zu erledigen. Das war schließlich auch ihr gutes Recht und selbst wenn man berücksichtigte, dass Alexandra Katharina wie eine älteste Tochter betrachtete, so hätte eine Tochter in Katharinas Alter vermutlich genauso den Abend in ihrem eigenen Zimmer verbracht. Nicht, dass Katharina nicht willkommen gewesen wäre, am abendlichen Familienleben teilzunehmen, aber Alexandra kannte auch das Bedürfnis eines jungen Menschen nach Freiraum, und so drängte sie das Au-pair-Mädchen nie. „Ich bleibe gerne zum Essen. Bei mir würde es sowieso höchstens eine Fertigsuppe oder so geben“, nahm Andrew dankend die Einladung an.

„Nun, das werde ich mit Sicherheit toppen können“, lachte Alexandra. Zwar war auch sie keine Meisterköchin, aber ein solides Essen brachte sie durchaus zustande. Abgesehen davon, dass da ja noch die Haushälterin war, die wiederum eine ausgezeichnete Köchin war.

Dann aber verlangten die Kinder wieder Andrews Aufmerksamkeit und sie verließen das Haus.

Obgleich Dezember und somit durchaus schon recht kalt, war es doch noch nicht so kalt, dass insbesondere der kleine Richard nicht bald begonnen hätte zu quengeln, dass ihm mit Mantel, Mütze, Kapuze, Schal und Handschuhen zu warm sei. Was von der unterirdischen Wärme der U-Bahn noch verstärkt wurde und somit wenig verwunderlich war. Also war es an Andrew und Katharina nunmehr darauf zu achten, dass sie nirgends später dringend benötigte Kleidungsstücke vergaßen. Aber schließlich hatten sie es geschafft und erreichten den Hyde Park ohne größere Verluste. Dank Katharinas Studentenausweis und der Tatsache, dass Mia erst zwei Jahre alt war, kamen sie mit einem Familienticket und einem Studententicket für die ganze Gruppe aus, als es darum ging, im Magical Ice Kingdom Einlass zu bekommen.

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, waren die Kinder von der fantastischen Eiswelt hin und weg. Jeder wollte eine andere Eisskulptur zuerst sehen und jeder wollte dann woanders hin und überhaupt war es wie im Märchen, wie Anne wiederholt feststellte. Dazu trugen nicht zuletzt auch die vielen Eisstalagmiten bei. Überall glitzerte und funkelte es und jetzt murrte natürlich kein Kind mehr über zu viele Kleidungsstücke. Nicht, wenn man bedachte, dass das Ice Kingdom dauerhaft auf minus acht Grad Celsius gekühlt wurde. Besonders die Waldtiere aus Eis hatten es Richard angetan und darunter die Rentiere, Hirsche und alles überhaupt alles, was aussah, als könnte es einen Schlitten ziehen. Da war es wenig verwunderlich, dass er fragte, ob Father Christmas auch solche Tiere habe, weil er ja am Nordpol lebte und dort gäbe es schließlich auch ganz viel Eis. Worauf Peter aber besserwisserisch zurückgab, dass das vollkommener Unsinn war, denn die Zugtiere würden ja schmelzen, wenn Father Christmas mit ihnen an Weihnachten alle Kinder beschenkte – auch die Kinder in wärmeren Ländern wie etwa auf der Südhalbkugel, wo jetzt Sommer sei. Doch Richard ließ sich nicht beirren und erklärte mit der üblichen Kinderlogik, dass die Tiere gar nicht schmelzen könnten, weil die Weihnachtsmagie sie vor dem Schmelzen bewahren würde.

„Seien wir froh“, meinte Andrew zu Katharina, „dass Peter noch nichts von der globalen Erwärmung und dem Schmelzen der Polkappen weiß, sonst würde die Diskussion noch viel weiter gehen.“

Katharina grinste nur. „Aber Richard hat doch schon das alles erschlagende Gegenargument gefunden: Die Magie von Weihnachten!“

„Nur leider hält diese Magie den kleinen Raufbold nicht davon ab, Blödsinn zu machen“, und Andrew beeilte sich, Richard einzufangen, war der Junge doch allen Ernstes drauf und dran gewesen, zu versuchen, das Eis-Einhorn, das eine ebenso eisige Kutsche zog, zu besteigen, um damit zum Nordpol zu reiten. Kaum war diese Katastrophe abgewendet, als Katharina entdeckte, dass Peter und Anne herauszufinden versuchten, ob die im Eiswald herabhängenden Stalagtiten tatsächlich so kalt waren, dass man mit der Zunge daran kleben bleiben konnte. Gerade noch rechtzeitig zog sie die beiden Kinder von den Eiszapfen zurück. „Wenn ihr so weiter macht, gibt es nachher keinen Kakao auf dem Weihnachtsmarkt“, drohte sie. „Wenn ihr schon das Klebevermögen von Eis ausprobieren wollt, dann lasst uns das zu Hause mit Eiswürfeln machen. Dann laufen wir wenigstens nicht Gefahr hier heraus geworfen zu werden.“ Tatsächlich warf ein unweit von ihnen stehender Mitarbeiter des Winter Wonderlands den beiden Kindern halb belustigte, halb finstere Blicke zu.

Zu Andrew zurückgekehrt, war dann auf einmal Mia verschwunden. Es war der klassische Fall von zwei Erwachsenen, die sich einer Überzahl Kindern gegenüber sahen und jeder davon ausging, dass der andere auf das Jüngste Acht gab, während man selbst eine weitere Katastrophe verhinderte. Und so sparten sich Andrew und Katharina die gegenseitigen Vorwürfe und machten sich lieber gleich auf die Suche. Die anderen Kinder kamen, egal wie sehr sie auch protestierten für so etwas schon viel zu alt zu sein, an die Hand. Zum Glück hatte es Mia auf ihren kleinen Beinen nicht allzu weit geschafft und so entdeckten sie die kleine Ausreißerin nur ein paar Eisskulpturen von dem Einhorn entfernt. Danach gab es für alle erst Mal eine klare Ansprache und erneut die Drohung, später auf dem Weihnachtsmarkt weder kandierten Apfel noch heißen Kakao noch sonst irgendeine Leckerei zu bekommen und schon ging es wesentlich gesitteter zu. Denn wie sich herausstellte, war die Rasselbande sehr wohl in der Lage das Magical Ice Kingdom zu genießen, ohne einen Rausschmiss zu riskieren. Drei der vier waren von der Drohung sogar so in Schach gehalten, dass Andrew es zwischendurch wagen konnte, einen Blick auf sein Smartphone zu werfen. Denn das hatte im Laufe des Nachmittags wiederholt das Eintreffen diverser Nachrichten verkündet, jedoch war es in diesen Momenten stets zu riskant gewesen, sich auf etwas anderes als die Kinder zu konzentrieren. Jetzt aber, das sich Mia in ihr Schicksal, im Buggy festgeschnallt worden zu sein, ergeben hatte und eine Runde döste und Andrew kaum mehr zu tun hatte, als zu verhindern, dass er mit dem Kinderwagen andere Besucher rammte, konnte er sich endlich der Schilderung der Hindu-Hochzeit widmen, die da auf ihn wartete. Denn dass die Nachrichten von Garrett und nicht etwa seinem Schachclub stammten, verstand sich von selbst.

Andrew grinste ein wenig dämlich, als er sich vorstellte, wie Garrett auf der Flucht vor den Bollywood-Schönheiten, die ihm allesamt Tänze beibringen wollten, wo man mit der einen Hand den Hund streichelte und mit der anderen eine Glühbirne wechselte, sich schließlich auf der Herrentoilette verschanzte und Andrew sein Leid klagte. Am besten noch gefolgt von der Nachricht, dass er sich in diesen Momenten Andrew sehnlichst herbeiwünschte, um ihn vor der wild gewordenen Weibermeute zu schützen, da er erkannt habe, dass er sein Glück nicht bei irgendeiner schwarzhaarigen Schönheit vom Subkontinent sondern nur mit Andrew finden würde. Okay, der letzte Gedanke war ein wenig weit hergeholt, doch schön wäre er dennoch.

Verdammt! Andrew fluchte über seine wild davon galoppierenden Gedanken. Es war kaum eine Woche her, dass er Garrett kennen gelernt hatte, sie hatten sich lediglich Samstag und Dienstag gesehen und er benahm sich wie ein verliebter Teenager. Liebe auf den ersten Blick konnte es wohl kaum sein... oder? Wohl kaum, denn sonst hätte Andrew ja wohl schon das ganze vergangene Jahre Garrett anschwärmen müssen – zumindest aus der Ferne und nur in Form von Zeitungsfotos. Was also war es, dass er jetzt derlei Gedanken verscheuchen musste? Es konnte doch wohl kaum das entwaffnende Lächeln und die Art sein, mit der Garrett es Andrew erlaubte, in seinem Gesicht wie in einem Buch zu lesen? Zugegeben, es kam höchst selten vor, dass Andrew einem Menschen begegnete, der es zuließ, dass man ihn so leicht lesen konnte... Wie überlebte Garrett mit dieser Art eigentlich in der Geschäftswelt und auf dem gesellschaftlichen Parkett? Vielleicht sollte er ihn dies fragen, wenn er ihn das nächste Mal sah? Aber wann würde das sein? Sie waren zwar Bekannte, aber sonst...

Ehe sich Andrew vollkommen mit seinen Gedanken frustrierte, widmete er sich lieber seinem Handy.

 

Nachricht #1

>>Bollywood lügt! Farbkoordinierung für die Tänze existiert im wirklichen Leben nicht. Bunt ist es dennoch. Für europäische Verhältnisse... <<

 

Andrew schmunzelte. Er hätte nicht gedacht, dass Garrett Bollywood-Filme kannte. Er selbst war vor zwei Jahren in den Genuss gekommen, diverse Filme dieses Genres zu sehen, denn das damalige Au-pair-Mädchen war ein großer Fan dieser Filme gewesen und DVD-Abende im Hause Talmock nichts Unbekanntes, und da es dabei in der Regel reihum ging, das Programm zu bestimmen, war man in jenem Jahr auch nicht um Bollywood herumgekommen. So kannte er mittlerweile sowohl die harmlosen Filme regulärer Länge wie ‚Liebe lieber indisch’ oder ‚Kick it like Beckham’ als auch die überlangen Filme, welche nicht ohne DVD-Wechsel auskamen, wie ‚In guten wie in schweren Tagen’. Ihm persönlich war das Getriller der Damen meist eine Spur zu hoch gewesen, aber insgesamt fand er die Rhythmen und das bunte Treiben besonders bei tristem Wetter durchaus nicht schlecht.

 

Nachricht #2

>>Bollywood hat Recht! Heirat scheint zumindest für die Generation der Mütter Thema Nummer Eins zu sein. Man hat mir Beileid zu meiner gescheiterten Ehe ausgesprochen und mir im gleichen Atemzug zu verstehen gegeben, dass mir das mit einem indischen Mädchen nicht passiert wäre! Haha! Ich erkenne ein Verkaufsargument, wenn ich es sehe. Egal ob es sich dabei um Sonderposten beim Chemikaliengroßhändler handelt oder um Mütter, die ihre Töchter an den Mann bringen wollen. Kein Mensch ist so lieb, zurückhaltend, treu ergeben, etc. wie mir diese Damen weiß machen wollen. Abgesehen davon, dass ich mir eine Ehe mit einem solchen Wesen als extrem langweilig und mehr als ermüdend vorstelle. Zum Glück ist Prakashs Angetraute längst nicht so sanftmütig, wie man die Welt glauben lassen möchte. In ihrem Blick liegt durchaus Feuer, was dem alten Prakash gut tun wird.<<

 

Nachricht #3

>>Ich dachte, ich kenne indisches Essen... Ich mein, wir sind hier in London, wo so ziemlich jede Nation eine kulinarischen Botschaft in Form eines annehmbaren Restaurants eröffnet hat. Aber das ist nichts gegen selbst gekochtes indisches Essen. Es ist köstlich, aber auch gewöhnungsbedürftig und bisweilen einfach nur scharf! Aber ich möchte nicht wissen, wie lange die Verwandtschaft gebraucht hat, all die Speisen zuzubereiten. Immerhin werde ich mir wohl um Prakashs leibliches Wohl keine Sorgen machen müssen.<<

 

Andrew schmunzelte, als er sich vorstellte, wie Garrett beim Tippen dieser Nachricht insgeheim überlegte, wie er es wohl anstellen konnte, hin und wieder von den Neuvermählten zum Essen eingeladen zu werden. Denn es klang ganz so, als sei Garrett von dem Essen, egal ob gewöhnungsbedürftig oder scharf, durchaus angetan. Andrew selbst kannte nur die übliche Restaurantware, konnte sich also kein Urteil erlauben, obgleich ihn Garretts Nachricht neugierig gemacht hatte. Dann aber rief er sich ins Gedächtnis, dass Indien sehr groß war und es sicherlich eine Vielzahl regionaler Unterschiede beim Essen gab und selbst wenn man ein indisches Restaurant entdeckte, in dem es anerkannt authentisches indisches Essen gab, es wohl kaum für das ganze Land galt. Er erinnerte sich noch dunkel, dass ihm das Au-pair-Mädchen seinerzeit sogar erklärt hatte, dass Sari eher südindisch war, während der Norden ein Ensemble aus Hose und Tunika namens Shalwar Kamiz bevorzugte. Wieso sollte es dann beim Essen nicht ähnlich sein.

 

Nachricht #4

>>Rette mich! PCP wollen mich allen Ernstes zum Tanzen zwingen. Und zwar einen dieser sonderbaren Rundtänze, bei denen man eigentlich nichts falsch machen kann, wo einem hinterher aber der Schädel brummt und der Raum noch ein paar Extrarunden dreht. Falls dich jemand fragt, du bist soeben in den Rang meines Anwalts aufgestiegen, denn PCP meinten, ich dürfte mein Telefon nur noch geschäftlich nutzen.<<

 

Nachricht #5

>>Ich weiß, dass du mit den Kindern deines Bruders beschäftigt bist, aber könntest du bitte als braver Anwalt mal antworten, um mir eine Legitimation für weitere Nachrichten zu bescheren? Sonst muss ich als nächstes wirklich den Brummkreisel tanzen!<<

 

Hier lachte Andrew. Schien so, als käme er doch noch in den Genuss, Garrett retten zu dürfen, auch wenn er statt eines strahlenden Ritters in schimmernder Rüstung den dunkel gewandeten, trockenen Juristen geben durfte.

Inzwischen hatten die Kinder genug Eis für den Moment gesehen und sie bewegten sich langsam aber stetig dem Ausgang entgegen. Andrew warf Katharina einen Blick zu. „Kakao?“, fragte er und sofort hüpften drei quirlige Kinder freudig um sie herum, so dass auch Mia in ihrem Buggy aufwachte. Er hoffte, dass während die Chaotentruppe damit beschäftigt war, sich mit heißer Schokolade voll zu kleckern, sich ihm die Möglichkeit bot, Garrett auf der Hochzeit ein wenig Schützenhilfe zu geben.

Zum Glück war es zum Teil des Winter Wonderlandes, welches die Weihnachtsmarktbuden beherbergte nicht allzu weit und bald darauf waren alle mit heißen Getränken versorgt.

 

Anwalt an Brummkreisel #1

>>Die gewünschten Paragraphen besagen, dass es angeblich hilft, sich beim Drehen auf einen Punkt im Raum zu konzentrieren und den Kopf solange auf den Punkt gerichtet zu lassen, bis man fast einen Genickbruch erleidet, um dann blitzschnell den Kopf herumzuwirbeln und sich wieder auf den Punkt zu konzentrieren. Zumindest wird das den Kindern in Annes Ballettstunde immer so beigebracht. Natürlich ohne Genickbruch, aber du verstehst schon, was ich meine. Auch wenn die Höflichkeit beim Tanzen eigentlich gebietet, dass du dich auf deine Partnerin konzentrierst.<<

 

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

 

Nachricht #6

>>Endlich! Ich dachte schon, ich würde allein in den Äther schreiben. Brummkreiseltreiben ist zum Glück vorbei. Aber ich bin mir nicht sicher, ob damit die Peinlichkeiten schon ein Ende haben. Pardon, ich verbessere: Ich bin mir sicher, dass noch ein paar weitere Peinlichkeiten auf mich warten. Wie sollte es auch anders ein, wo ich hier doch mit PCP bin.<<

 

Anwalt and Brummkreisel #2

>>Haben die drei denn schon versucht, eine der anwesenden Damen davon zu überzeugen, dass ihnen der betreffende Sari viel besser stehen würde, als besagter Dame?<<

 

Nach dem, was Andrew von den drei Männern am Dienstag erfahren hatte, traute er ihnen eine derartige Aktion durchaus zu.

 

Nachricht #7

>>Noch benehmen sie sich. Zumindest für ihre Verhältnisse. Allerdings sollte ich hinzu fügen, dass Prakash heute der Bräutigam ist und als solcher sich wohl kaum daneben benehmen kann. Außerdem ist Charles in Begleitung seiner Ehefrau hier, was heißt, auch er benimmt sich und alleine ist Phil erstaunlich harmlos. Zumal er sich ähnlichen Problemen wie ich gegenübersieht, seit durchgesickert ist, dass auch er unverheiratet ist und obendrein eine sichere Stelle an der Universität hat.<<

 

Leider konnte Andrew nicht sofort darauf antworten, denn neben ihm ging plötzlich ein ohrenbetäubendes Kindergebrüll los. Es war Richard, während die beiden älteren erschrocken und betreten auf ihren Bruder blickten. Offenbar hatte Peter seinen Kakao als erster leer getrunken gehabt und dann mit der überschüssigen Energie eines Kindes angefangen rumzuhampeln. Dabei war er seiner Schwester bedrohlich nah gekommen, die, um ihren Kakao zu retten, ruckartig die Tasse zur Seite gezogen hatte, wobei sie aber wiederum Richard gerempelt hatte und der Jüngste des Trio Infernale hatte keine Chance mehr gehabt auszuweichen. Was wiederum dazu geführt hatte, dass ein Großteil des bis dahin in seiner Tasse verbliebenen Kakaos sich auf seiner Jacke wieder fand. Zum Glück hatten die dicke Jacke und der Schal verhindert, dass das heiße Getränk den Jungen irgendwo verbrühte, aber der Verlust des Kakaos war in den Augen des Kindes nicht minder schlimm. Eigentlich hätte die faire Reaktionskette darin bestanden, dass Peter seinen Kakao an Richard abgab, und so den Bruder entschädigte, war er doch letztlich die Ursache des Schlamassels, aber Peters Tasse war ja bereits zu Beginn der Aktion leer gewesen. Natürlich gab es da noch die Option Richard einfach einen neuen Kakao zu kaufen, aber das änderte nichts an den bösen Blicken, die Anne und Richard Peter zuwarfen, darauf wartend, dass ihr großer Bruder angemessen bestraft wurde. Andrew seufzte und fragte sich, ob er und seine Geschwister im Umgang miteinander ähnlich verräterisch und nach außen hin verschworen gewesen waren. Leider musste er sich eingestehen, dass dem sehr wohl so gewesen war. Also blieb ihm wohl kaum etwas anderes übrig, als eine Möglichkeit zu finden, Richard zu besänftigen, ohne Anne vor den Kopf zu stoßen und Peter klar zu machen, dass er bitte schön aufpassen sollte, wenn er schon herum zappeln musste, ohne dessen zarte Kinderseele dauerhaft zu schädigen. Denn Andrew war sehr wohl klar, dass es unnatürlich war, von einem Kind zu verlangen, ständig still zu halten. Schule war für solch quirlige Menschen wie Peter schon schlimm genug, auch wenn er es dort schaffte, sich zu betragen. Aber entsprechend wichtig war für ihn die Bewegung am Nachmittag, egal ob es sich dabei um Toben auf dem Spielplatz oder Auspowern beim Fußballtraining handelte.

Es war Katharina, die das Problem auf ihre Art löste und Andrew jeglicher Entscheidung enthob. Ein kurzer Blick in die Tasse Andrews offenbarte ihr, dass dort noch jede Menge Kakao drin war – schließlich war Andrew ja auch mehr mit seinem Handy als mit seinem Kakao beschäftigt gewesen – und so drückte sie kurzerhand Richard Andrews Tasse in die Hand. Als sie Andrews perplexes Gesicht sah, sagte sie zu Peter: „Und du wirst dich jetzt bei deiner Schwester und deinem Bruder entschuldigen und dann auch bei deinem Onkel, denn wegen dir hat er nun keinen Kakao mehr.“

Dass Onkel Andrew wegen ihm keinen Kakao mehr hatte, tat dem Jungen sichtlich mehr leid, als dass er die Ursache dafür gewesen war, dass sein kleiner Bruder seinen Kakao verschüttet hatte. Doch Katharina war noch nicht am Ende. „Und zu Hause wirst du dich bei deiner Mutter dafür entschuldigen, dass wegen dir Richards Winterjacke gewaschen werden muss. Das Gleiche gilt für dich, Anne. Denn du bist auch alt genug, aufzupassen, wohin du mit deinen Armen zielst, besonders, wenn du eine Tasse mit Kakao in den Händen hältst.“

Mit diesem Urteil war der Frieden vorerst wieder hergestellt. Und angesichts des Kakaomalheurs machte es auch nichts mehr, als Richard wenig später dann seinen kandierten Apfel auf die Jacke fallen ließ und sich zu den braunen Schokoladenspuren auch noch klebrig roter Zucker gesellte.

 

Letztlich war es, trotz des vielen Zuckers am Nachmittag, eine reichlich müde Truppe, die gegen Abend in das Talmocksche Anwesen zurückkehrte. Die Kinder drehten noch einmal auf, um ihrer Mutter haarklein alles zu erzählen – nicht, ohne dass Anne Katharina daran erinnert hätte, dass sie ihnen versprochen hatte, mit ihnen das Eisklebeexperiment zu Hause mit Eiswürfeln nachzuholen, doch Katharina vertröstete sie auf den nächsten Tag –, ließen sich aber ausnahmsweise einmal relativ diskussionsfrei ins Bett bringen.

Auch das Abendessen der Erwachsenen war eine ruhige Angelegenheit, auch wenn die Ruhe hier von anderer Qualität war. Obgleich Andrew auch hier immer wieder auf sein Handy schielte, wo immer noch Nachrichten von Garrett eintrafen, der sich langsam mit der Situation auf der Hochzeit abgefunden hatte und sogar so etwas wie Spaß zu empfinden begann, dennoch seine Kommentare per Handy nicht unterließ, konnte er nicht umhin zu bemerken, dass irgend etwas in dem Verhältnis zwischen Alexandra und Katharina im Argen lag. Er hätte zwar nicht den Finger darauf legen können, aber der Stille am Tisch fehlte ein wenig die familiäre Wärme, die er sonst von derartigen Zusammenkünften gewohnt war. Fast hätte man meinen können, Reginald wäre zugegen gewesen, dann aber hätte sich die eisige Stimmung auf Andrew bezogen und nicht den beiden Frauen zueinander. Andrew konnte nur hoffen, dass sich ihm im Verlauf des Abends noch die Gelegenheit bot, mit einer von beiden allein zu sprechen, um herauszufinden, was los war. Aus vollkommen egoistischen Gründen, denn trotz aller Spannungen, die zwischen ihm und Reggie herrschten, betrachtete er das Talmocksche Anwesen als eine Art Familienhafen für sich, in den er sich zurückziehen konnte, wenn ihm die Welt und sein Single-Dasein mal wieder zu viel wurden. Und da waren weitere interne Spannungen in seinen Augen nicht zu gebrauchen. Was insbesondere in Hinblick auf das herannahende Weihnachtsfest – was er immer bei seinem Bruder und dessen Familie verbrachte – von großer Wichtigkeit war. Vor diesem Hintergrund bedauerte er es noch nicht einmal, als Katharina sich allzu bald nach dem Dessert entschuldigte, um ein wenig über das Internet mit ihrer Familie und ihren Freunden in Deutschland zu chatten.

Jeweils mit einer großen Tasse Tee bewaffnet, zogen sich Schwager und Schwägerin in das elegant doch gemütlich eingerichtete und der Jahreszeit entsprechend angemessen stilvoll winterlich dekorierte Wohnzimmer zurück und machten es sich auf dem Sofa bequem. Doch kaum hatte Alexandra den ersten Schluck genommen, als Andrew auch schon über sie herfiel. „Raus damit, was ist hier los? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt sagen, dass du und Katharina euch feindselig gegenüber steht.“

„Ach Andrew“, erwiderte Alexandra, „da bin ich wirklich überfragt. Sicher, ich habe gemerkt, dass Katharina mir irgendwie distanziert begegnet, aber ich habe stets gedacht, es liegt daran, dass ich sie mehr wie eine Tochter denn wie eine gleichaltrige Freundin und Vertraute behandle. Dass sie sich dadurch in ihrer Ehre als junge Erwachsene irgendwie verletzt fühlt. Aber sie wirkt so jung...“

„Weniger jung als mehr ein wenig naiv“, verbesserte Andrew, denn vom Aussehen her hätte Katharina durchaus als Mitte Zwanzig durchgehen können. Andererseits gab es bereits Fünfzehnjährige, die man auf dieses Alter schätzen konnte.

„Dann meinetwegen naiv. Vielleicht komme ich mir seit Mias Geburt auch nur wesentlich älter vor...“, überlegte Alexandra laut. „Auf jeden Fall empfinde ich allein schon vom Alter eine gewisse Distanz, stärker noch als in all den Jahren zuvor.“

„Aber so eine Distanz ist auf die Dauer eigentlich eher natürlich. Doch sie erklärt nicht die Kälte, die ich beim Essen gespürt habe“, bohrte Andrew nach. Sein Handy brummte erneut, doch dieses Mal ignorierte er die ankommende Nachricht. Das hier war gerade wichtiger.

„Da hast du vielleicht Recht“, gestand Alexandra nach einigem Zögern. „Und wenn ich es mir richtig überlege, war es am Anfang gar nicht so. Katharina schien sich hier gut einzuleben, uns als Familie zu akzeptieren und sich selbst als Teil selbiger zu sehen. Doch dann... zog sie sich immer mehr zurück... zumindest mir gegenüber. Nie den Kindern gegenüber, und dafür bin ich dankbar, denn ich wüsste nicht, wie ich sonst reagieren würde. Aber es wird irgendwie immer schlimmer. Deshalb habe ich ihr ja die Woche am Dienstag den Abend zum Ausgehen frei gegeben. Denn, so dachte ich, vielleicht wird es ihr langsam mit den Kindern doch etwas viel. Ich weiß wovon ich rede. Ich liebe die vier, aber ich weiß auch wie anstrengend sie sein können. Und wie wichtig da eine persönliche Auszeit ist, die weiter geht als nur ein paar Stunden Freizeit im eigenen Zimmer.“

Das erinnerte Andrew daran, dass er Katharina am Dienstag Abend tatsächlich zum ersten Mal seit mehreren Wochen wieder richtig gelöst erlebt hatte. Von daher konnte er den Gedankengang seiner Schwägerin durchaus nachvollziehen. Dennoch... Katharina hatte am Nachmittag mit den Kindern nicht im Geringsten angespannt gewirkt, und die vier hatten es durchaus darauf angelegt, anstrengend zu sein. Also konnten es eigentlich nicht die Kinder sein. Es musste irgendwie persönlicher sein, etwas, das nur Alexandra und Katharina betraf. Und das verwirrte ihn persönlich. Katharina war das erste Au-pair-Mädchen, mit dem es derartige Spannungen gab. Alexandra gab sich stets große Mühe, dass die Au-pair-Mädchen sich wie ein Teil der Familie fühlten und verlangte nie Unmenschliches von ihnen. Und auf einer bestimmten Ebene schien Katharina, trotz aller Kälte und Distanz, Alexandra immer noch zu respektieren, denn wäre sie offen gegen ihre Gastmutter eingestellt gewesen, hätte sie bestimmt versucht gewisse Regeln, die Alexandra für die Kinder aufgestellt hatte, zu umgehen oder eigenmächtig zu interpretieren und abzuändern. Doch dem war nicht so. Aber es war offensichtlich, dass Alexandra ebenso wie er im Dunkeln tappte, was Katharinas Gefühle ihrer Gastmutter gegenüber betraf. Daher beschloss Andrew es für den Moment dabei zu belassen, aber er hoffte, dass es ihm gelingen mochte, über Katharina das Geheimnis zu ergründen. Und das am besten noch vor Weihnachten!

 

 

 

VII.

Es war spät, sehr spät, als Garrett endlich nach Hause kam. Aber nachdem er seinen anfänglichen Argwohn erst einmal überwunden hatte, hatte er es tatsächlich geschafft, das Spektakel dieser Hochzeit zu genießen. Und er hatte es geschafft, den Abend zu überstehen, ohne in eine Verlobung einzuwilligen. Zumindest glaubte er das. Hoffte er das... Okay, zur Not würde ihn sein Anwalt – und damit war tatsächlich sein Hausjurist und nicht Andrew gemeint – aus vermeintlichen Eheversprechen rauspauken müssen.

Bei dem Gedanken an Andrew musste er grinsen. Obgleich dieser mit seinen Antworten mehr als zurückhaltend gewesen war, hatte Garrett es sich nicht nehmen lassen, ihn mit laufenden Kommentaren über das Geschehen zu informieren. Und den wenigen Antworten nach zu urteilen, waren seine Kommentare durchaus gern gesehen gewesen.

Garrett schloss die Haustür auf und war wenig überrascht, dass ihm ein Pelzbündel zur Begrüßung um die Beine strich. „Na, mein Großer“, sagte er und strich dem Kater über den Körper. Mercutio war ein echter Schmusekater und obendrein ein Stubentiger, aber obgleich sein Haus katzenfreundlich mit großem Grundstück daherkam, führte in unmittelbarer Nähe eine stark befahrene Straße vorbei, und die nächtlichen Opfer an nachtaktiven Tieren hatten Garrett dazu bewogen, seinen Kater als Stubentiger zu erziehen. Er wollte nicht eines Morgens sein armes Haustier vom Asphalt kratzen müssen. Und da sein Haus groß genug war, um ein ganzes Zimmer als Spielzimmer für die Katze herzurichten, fehlte es Mercutio nicht an Möglichkeiten sich auszutoben.

Der Kater folgte Garrett, denn er wusste, dass dessen Schritte ihn als erstes in die Küche führen würden. Und Küche war gleichbedeutend mit Fressen für den Kater. Doch an diesem Abend machte sein Herrchen keinerlei Anzeichen, den Schrank zu öffnen, der all die Köstlichkeiten enthielt, von denen ein kleiner, verschmuster Kater heimlich träumte. Stattdessen nahm Garret den Stapel Post, den seine Haushälterin auf der dafür vorgesehen Ablage deponiert hatte, und blätterte durch die Umschläge. Das meiste waren lediglich Informationsschreiben, die er überfliegen würde, um sie dann dem Papierkorb anzuvertrauen. Die wirklich wichtige Post war eh an die Firma adressiert. Dann aber entdeckte er unter den Briefen einen Umschlag einer bekannten Konzertkartenverkaufsstelle. Irritiert blickte er den Umschlag an, denn er war sich nicht bewusst, irgendwelche Konzertkarten bestellt zu haben. In der Vermutung, dass es sich ebenfalls nur um ein Werbeschreiben handelte, dennoch neugierig geworden, öffnete er den Umschlag. Sein Herz schien für einen Moment zu stocken, als er sah, dass der Umschlag Eintrittskarten für das Konzert ‚Carols by Candlelight’ in der Royal Albert Hall enthielt. Diese Karten... er hatte diese Karten bereits im April bestellt. Und er hatte sie auch im April per Post zugestellt bekommen, wie Garrett sich nun wieder erinnerte. Nur, dass zwischen Bestellung und Eintreffen der Karten sein Traum von einer Familie zerbrochen war. Damals, als er die Bestellung getätigt hatte, hatte er noch von einem friedvollen Weihnachten mit all den herrlichen Festlichkeiten, welche die Saison bieten würde, geträumt. Von Konzertbesuchen mit Helena, davon für Lucas jede Menge Geschenke einzukaufen, den Weihnachtsbaum zu schmücken... Im Jahr davor war Helenas Schwangerschaft schon so weit fortgeschritten gewesen, dass an Konzertbesuche nicht zu denken gewesen war und als mitten im Schmücken des Weihnachtsbaums die Wehen eingesetzt hatten, war der Baum unvollendet geblieben und die kleine Familie hatte Weihnachten stattdessen im Krankenhaus zugebracht. Achtzehn Stunden hatte Helena in den Wehen gelegen, ehe sie von Lucas entbunden wurde, aber abgesehen von den langen Stunden war die Geburt normal verlaufen und Mutter und Kind wohlauf. Dennoch hatte man sie zur Vorsorge noch zwei Tage im Krankenhaus behalten, und als Garrett seine Familie mit nach Hause hatte nehmen können, war Weihnachten so gut wie vorüber gewesen. Deswegen hatte in diesem Jahr ja alles anders sein sollen. Als er die Karten dann aber erhalten hatte, hatte er davon nichts mehr wissen wollen und deswegen den Umschlag ganz hinten in seiner Sockenschublade verschwinden lassen. Aus den Augen, aus dem Sinn... Bis Rosalind, seine Haushälterin, offenbar heute Wäscheinventur gemacht hatte und dabei auf den Umschlag gestoßen war...

Als hätte Mercutio gespürt, dass sein Herrchen nicht mehr ganz so guter Dinge war, wie noch bei seiner Ankunft zu Hause, strich er erneut miauend um dessen Beine. Das brachte zwar immer noch nicht den gewünschten Erfolg in Punkto Leckerli, sicherte aber dem Kater immerhin die Aufmerksamkeit Garretts. Dieser legte die Briefe weg und hob stattdessen seinen bepelzten Hauskameraden hoch. Den Kater kraulend, ging er mit ihm in das Wohnzimmer und machte es sich auf dem hellen Sofa bequem.

„Ach Mercutio“, murmelte Garrett, „warum musste das mit Helena so furchtbar schief gehen? Wieso habe ich nicht gemerkt, dass sie mich nur ausnutzen wollte? War ich so versessen darauf, endlich eine Familie zu haben? Endlich nicht mehr allein zu sein?“

Als hätte der Kater ihn verstanden, erntete Garrett prompt auf die letzte Frage ein indigniertes Miauen. „Ja, ja, ich weiß, ich hab ja dich. Und Mrs. Kennicot, die mir alle Termine in Ordnung hält, und Rosalind, die hier zu Hause alles in Ordnung hält. Aber das ist nicht das Gleiche, weißt du? Mit keinem von euch kann ich in das Konzert gehen. Wobei du natürlich meine erste Wahl wärst, wären Haustiere in der Royal Albert Hall gestattet, Mercutio.“ Er grinste den Kater ein wenig dämlich an. „Das Doofe ist nur, dass ich nach Helena irgendwie keine Lust habe, mir eine neue Frau zu suchen. Selbst wenn sie so lieb und unschuldig wie Andrews angenommene Schwester Katharina ist. Irgendwie ist da immer die Stimme im Hinterkopf, die mich fragt, ob eine Frau wirklich an mir interessiert ist oder nur an dem Geld und der gesellschaftlichen Stellung, die ich ihr bieten kann. Wie viel einfacher ist es doch mit Andrew. Der ist einfach ein Freund. Und zumindest nach seiner Familie zu urteilen, hat er es auch nicht nötig, über mich irgendwelche gesellschaftlichen Leitern erklimmen zu wollen. Immerhin ist sein Bruder der Baron of Talmock. Auch wenn man vermutlich auf so einen Bruder verzichten kann.“

Nach der Begegnung bei dem Wohltätigkeitsdinner hatte Garrett nicht aus seiner Haut gekonnt und die wenigen Informationen, die er über Andrew hatte, mittels einer kurzen Internetrecherche verfeinert und bestätigt. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte er über Andrew selbst höchst wenig finden können, dafür aber umso mehr über dessen Bruder, stand dieser doch als Mitglied des Oberhauses fast ständig in der Öffentlichkeit. Dessen politische Ansichten als konservativ zu bezeichnen, wäre noch untertrieben gewesen, aber es gab auch die ein oder anderen Gerüchte, die besagten, dass der Baron es mit der Moral nicht ganz so genau nahm. Zumindest, wenn es um seine eigene Person gab. Aber das waren nur Gerüchte und Garrett war gewiss nicht die Person, die Gerüchten übermäßig viel Gewicht beimaß. Den einzigen Schluss, den er aus der Existenz dieser Gerüchte zog, war, dass die Klatschpresse immer wieder berechenbar war, und selbst wenn der Baron die unmoralischste Person des ganzen Planeten gewesen wäre, so hätte Garrett es auch nur achselzuckend zur Kenntnis genommen. Solange man mit seinem Verhalten niemandem Schaden zufügte, konnten die Menschen, wenn es nach ihm ging, tun und lassen, was sie wollten. Allerdings blieb da noch die Frage, ob des Barons Verhalten vielleicht seiner Familie schadete. Das zu beurteilen überließ Garrett allerdings der Familie selbst.

„Ich könnte natürlich Andrew fragen, ob er Lust hat, mit in das Konzert zu gehen“, fuhr Garrett mit seinen Gedanken fort und kaum, dass er diese Option ausgesprochen hatte, wurde ihm klar, dass Andrew dieses Mal alles andere als eine Verlegenheitslösung wäre, dass er gerne mit Andrew die Erfahrung des Konzerts teilen wollte. Er hatte instinktiv das Gefühl, als würde der andere das Konzert genauso zu schätzen und zu genießen wissen, wie er selbst, auch wenn Andrew gutmütig eingestanden hatte, mehr von Kunst als Musik zu verstehen und Mendelsohn kaum von Mozart unterscheiden zu können. Aber allein die Tatsache, dass er die Komponisten zumindest dem Namen nach kannte, zeigte Garrett, dass Andrew gar nicht so ungebildet in Punkto Musik sein konnte. Aber es ging ja bei dem Konzert gar nicht mal in erster Linie nur um ernste Klassik, sondern es gab auch die wunderschönen Weihnachtslieder wie ‚Hark! The Herald Angels Sing’ und Lesungen aus Dickens Weihnachtslied und dann das Kerzenlicht, das alles noch mal in ein besonderes Licht tauchte und so noch festlicher wirken ließ...

Garrett musste an sich halten, um nicht sofort zu seinem Handy zu greifen und Andrew zu fragen, aber ihm war bewusst, dass es dafür an diesem Abend schon zu spät war. Der nächste Morgen würde genügen müssen.