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08

 

Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

8. Dezember

VIII.

An diesem Samstag kam Andrew bei seinen Ritualen nichts in die Quere. Er hatte seinen Schal nicht zu Hause vergessen, sein geliebtes Café war nicht für ein weiteres Date-Casting gesperrt, sondern bot ihm die übliche Nachmittagserholung, und da er sonst nichts weiter für den Abend vorhatte, machte er sich guter Dinge zum Treffen seines Schachclubs auf. Es war nicht so, dass er ein rechter Fan von Turnier-Schach war – diese Partien, die sich über einen halben Tag hinzogen, waren für ihn nichts –, aber Blitz- und Speed-Schach, wie es in den Amateurclubs gespielt wurde, hatte durchaus seinen Reiz. Andrew wusste nämlich, dass er bei Spielen mit größerem Zeitlimit dazu neigte, die Situation auf dem Brett zu sehr zu analysieren und zu weit voraus schauen zu wollen. Oder er war schlicht zu faul alle möglichen Eröffnungen und darauf folgenden klassischen Züge auswendig zu lernen. Egal wie, bei kürzerem Zeitlimit aber musste er sich auf mögliche ein oder zwei Züge, höchstens drei im Voraus beschränken und darauf vertrauen, dass sein Gegner aufgrund des für ihn ebenfalls geltenden Limits einfach die wahrscheinlichste Möglichkeit wählen würde. Es war ein instinktiveres Spielen für ihn, wo er durchaus auch mal vollkommen vom Alltag abschalten konnte, fast so wie beim Zeichnen.

Als er an diesem Abend das Pub, in dem sie sich immer trafen, betrat, waren außer den üblichen Hardcore-Mitgliedern, die nie einen Abend versäumten, nur eine Handvoll Mitglieder versammelt. Und da sie es mit der Teilnahme an diesen Treffen nicht so streng sahen, war es durchaus möglich, dass sie auch nicht viel mehr an diesem Samstag werden würden. Aber das war im Grunde auch gleichgültig. Irgendwer fand sich immer, um die eine oder andere Partie zu spielen.

Andrews erster Partner an diesem Abend war John, ein Mann, der bereits die Fünfzig hinter sich hatte. John war ein erfahrener Spieler, der Andrew lockte, indem er hin und wieder eben nicht den wahrscheinlichsten Zug machte. Auch nicht einen der drei wahrscheinlichsten, die Andrew im Kopf hatte. Gegen John zu spielen war für Andrew immer so etwas wie eine Lehrstunde, aber der Ältere blieb dabei immer ein umgänglicher Spieler, der seinen Gegner nie die eigene Überlegenheit spüren ließ, weshalb Andrew sich ganz gerne auf eine Partie mit John einließ. Da er mit dieser Einstellung aber nicht der einzige im Club war, und John auch mal den ein oder anderen Abend ausfallen ließ, kam Andrew leider nicht so oft in den Genuss gegen diesen zu spielen, wie er es gerne täte.

Die Partie war auf dem Höhepunkt, als Andrews Handy ihn aus der Konzentration riss. Andrew verfluchte sich leise, das Telefon nicht ausgeschaltet zu haben, aber die meisten, die seine Nummer hatten, wussten, dass er am Samstag Abend eigentlich immer Schach spielte und störten ihn daher nicht. Eigentlich kam gerade nur eine Person in Frage: Garret.

Andrew wusste nicht, welches Gefühl in diesem Moment überwog: Freude, von Garrett zu hören, oder Frustration, dass dieser sich erst jetzt meldete, oder Ärger darüber, dass er ihn ausgerechnet jetzt störte. Aber er wusste, dass die Höflichkeit gebot, dass er den Anruf vorerst ignorierte und die Partie beendete.

„Was, kein heißes Date, dass dich von Dame und Springer weglocken will?“, scherzte John.

„Nope, eher meiner Eroberung vom letzten Wochenende“, gab Andrew genauso flapsig zurück, auch wenn er sich innerlich zu Recht wies, dass Garrett nun leider wirklich nicht als Eroberung zu betrachten war.

„Wann hattest du denn Zeit, wen zu erobern?“, wollte sein Schachgegner nun wissen. „Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, warst du vollauf damit beschäftigt als Mr. Mysteriös für die Kameras zu posieren.“

Andrew verdrehte die Augen. „Nicht du auch noch. Man sollte Alliterationen in der Presse verbieten.“

„Das wäre aber dann doch etwas zu viel von den lieben Klatschreportern verlangt.“

„Seit wann liest du die Klatschseiten?“

„Gar nicht“, erwiderte John. „Für so etwas habe ich inzwischen volljährige Töchter, die immer noch zu Hause wohnen und sich nun mal leidenschaftlich für alles interessieren, was mit Garrett Crady zu tun hat. Wie gut nur, dass sie nicht wissen, dass ihr alter Herr geschäftlich mit dem werten Mr. Crady bekannt ist.“

„Du kennst Garrett geschäftlich? Wie ist er da?“ Andrew konnte seine Neugier nicht bezähmen. Hier bot sich ihm die Gelegenheit, etwas über die ganz andere Seite von Garretts Leben zu erfahren.

„Wieso willst du das wissen?“ John betrachtete den Jüngeren etwas argwöhnisch. Zwar glaubte er Andrew gut genug einschätzen zu können, um zu wissen, dass dieser mit den möglichen Informationen, die John besaß, keinen Unfug anstellen würde, doch die Jahre als führender Sales Manager und Unterhändler bei einem Chemikaliengroßhändler hatten ihm auch eine gewisse Vorsicht und etwas Argwohn beigebracht.

Andrew druckste ein wenig verlegen herum. „Nun ja... irgendwie fällt es mir schwer, mir Garrett als einen knallharten Geschäftsmann mit Pokerface vorzustellen. Andererseits sagt mir die Logik, dass er ohne eine derartige Maske wohl kaum so erfolgreich mit seiner Firma sein könnte.“

„Ehrlich gesagt, habe ich ihn nie ohne eine Maske, wie du es nennst, erlebt“, erwiderte John nur. „Selbst auf dem Pressefoto letzten Samstag hatte er die Maske auf.“

„Wirklich? Nun ja, so genau hab ich mir das Foto nicht angesehen. Mich hatte nur interessiert, ob die Presse tatsächlich über ihn schreibt und ihn gar mit Foto abdruckt.“

„Dann solltest du dir das Bild vielleicht noch mal genauer ansehen, wenn du wissen möchtest wie ein Garrett Crady mit Maske ist“, meinte John trocken und bewegte seinen Turm. „Schach.“

Andrew beeilte sich, seinen König aus der Gefahrenlinie zu bringen. „Das würde nichts nutzen. Ich wüsste ja genau, was Garrett in diesem Moment empfunden hat, also würde ich das wohl automatisch in das Bild hineininterpretieren.“

„Wohl wahr. Schach und matt!“

Irritiert sah Andrew auf das Brett und erkannte, dass er von den Gedanken an Garrett dermaßen abgelenkt gewesen war, dass er zwar den König aus der Bahn des Turms bewegt hatte, aber zugleich übersehen hatte, dass das benachbarte Feld von einem Springer belauert wurde. Mit einem bedauernden Lächeln kippte er die Figur seines Königs auf dem Brett um und signalisierte somit seine Niederlage.

„Na, dann ruf deine Eroberung mal zurück“, meinte John, „und vielleicht hast du dann ja noch Zeit und Interesse an einer Revanche.“

Doch als Andrew, Johns Rat folgend, sein Telefon zückte, durfte er feststellen, dass es nicht Garrett war, der ihn zu erreichen versucht hatte, sondern seine Schwester. „Bitte? Das ist doch wohl mal ein schlechter Scherz“, murmelte er. Lynette wusste doch von dem Schachclub. Oder hatte Sir Leonard sie schon wieder in eine andere Zeitzone entführt, so dass sie nicht merkte, dass sie zur falschen Zeit anrief? Doch so wenig Lust Andrew auch verspürte, seine Schwester zurück zu rufen, kannte er sie gut genug, dass sie andernfalls ihn morgen früh zu einer wahrhaft unchristlichen Zeit aus dem Bett klingeln würde. Und dann würde sie sich am Telefon nicht so schnell abwimmeln lassen. Seufzend ließ er den kleinen Apparat die Nummer seiner Schwester wählen und wartete dann mit der Miene eines Märtyrers auf die schrille Stimme am anderen Ende. Ehrlich, hin und wieder fragte er sich, ob er ein Findelkind gewesen war, das seine Eltern aus reiner Herzensgüte aufgenommen hatten, so wenig wie er manchmal mit seinen Geschwistern gemeinsam zu haben schien. Doch leider gab es diverse äußerliche Merkmale, welche die Verwandtschaft offensichtlich machten... Kinnform etwa...

„Wird ja langsam auch mal Zeit“, meldete sich eine unverhohlen von sich selbst zu sehr überzeugte Stimme nach ein paar Sekunden.

„Dir auch einen schönen Abend“, erwiderte Andrew und bemühte sich gelassen zu bleiben. Er kannte Lynette lange genug, um eigentlich gelernt zu haben, ihre Art an sich abperlen zu lassen. Doch vielleicht lag es an der Tonhöhe, dass es ihm nicht gelang, seine Schwester mit dem gleichen Lächeln auflaufen zu lassen wie er es bei Reginald so häufig tat.

„Schön? Pah! Wieso hast du mich vorhin weggedrückt?“, verlangte Lynette zu wissen.

„Weil ich beschäftigt war?“

„Ich kann mir auch schon denken, mit wem: Garrett Crady!“ Die Art, wie sie den Namen förmlich ausspie, ließ Andrew unwillkürlich zusammenzucken.

„Mit Schach spielen, wenn du es so genau wissen musst“, entgegnete Andrew barsch.

„Ach so nennt man das heute? Klar, und ich spiele mit Leonard Dame.“

Andrew verdrehte die Augen. Es hätte ihm eigentlich klar sein müssen, dass seine Schwester nur das hörte, was sie hören wollte. „Freut mich zu hören, dass es dir wenigstens ein Spiel mit schwarzen und weißen Steinen angetan hat“, meinte er zuckersüß, obgleich er genau wusste, dass derartige Ironie bei Lynette wie Perlen vor die Säue werfen war.

„Mach dich nicht lächerlich“, kam es auch prompt.

„Lynette, du bist diejenige, die sich hier lächerlich macht. Ich sitze wie jeden Samstag Abend im Pub und spiele Schach. Das sollte sogar dir bekannt sein.“ In Momenten wie diesem fragte sich Andrew, woher er die Geduld im Umgang mit seiner Familie nahm. Ehrlich, er hätte von der anglikanischen Kirche längst als Heiliger vorgeschlagen werden müssen. Wobei er dafür vermutlich schon hätte tot sein müssen. Aber gut, das konnte man ja noch als Wunsch ins Testament aufnehmen.

„Von wegen jeden Samstag... Da ist man mal ein Wochenende nicht in der Stadt und schon schafft es der Herr Bruder in die Zeitung – zusammen mit niemand geringerem als Garrett Crady! Verdammt, Andrew, dieser Mann ist so schwer zu fassen und du spazierst einfach mit ihm zu diesem Dinner?“

„Tja, das Glück ist mit den Tüchtigen.“ Vielleicht waren er und Lynette aber doch miteinander verwandt, denn wie jeder Bruder konnte er es nicht lassen, seine Schwester hin und wieder zu ärgern.

„Ich weiß wie Tüchtige auf dem Gesellschaftsparkett aussehen, und du, mein Lieber, gehörst da definitiv nicht dazu. Vielmehr neigst du dazu einen riesigen Bogen um so etwas zu machen.“

„Was soll ich sagen...“ Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden, denn als schien dies eine mögliche Eröffnung zu sein, auf die Lynette gewartet hatte, fiel sie ihm prompt ins Wort: „Wann du ihn mir vorstellst.“

„Nie?“

„Das ist keine Antwort, die ich akzeptieren kann.“

„Bei unserer Hochzeit?“, versuchte Andrew erneut auszuweichen.

„Garrett Crady ist nicht schwul!“ Dieser Satz kam so laut und astrein aus dem Telefon, dass selbst die Spieler am Nachbartisch von ihren Partien aufsahen und Andrew halb belustigte, halb mitleidige Blicke zuwarfen.

„Und was würdest du sagen, wenn ich dir erzählte, dass ich nicht nur letzten Samstag mit ihm bei diesem Dinner war, sondern am Dienstag mit ihm getanzt habe?“ Dass es ein Dreiertanz zusammen mit Katharina war, musste er ja seiner Schwester nicht auf die Nase binden. „Und er mir gestern lauter unterhaltsame Nachrichten aufs Handy geschickt hat?“ Vorsorglich hielt er schon einmal das Telefon ein Stück von seinem Ohr weg, schließlich wollte er von dem nun folgenden, hysterischen Schrei nicht taub werden.

„Das... ist... nicht... wahr!“, sagte Lynette, die nach dem Schrei keuchend nach Luft schnappte.

„Warum sollte ich dich anlügen? Aber egal was Garrett und ich tun oder nicht und egal an welchem Ufer Garrett paddelt – und sag nicht, dass es garantiert nicht mein Ufer ist, schließlich sprichst du mit Mr. Mysteriös, und wenn das nicht nach einem Superheld, der sogar Heteros bekehren kann, klingt, weiß ich auch nicht –, was geht es dich an? Du bist so gut wie mit Burke verlobt und das war es doch, was du dir immer gewünscht hast.“

Eigentlich hatte Andrew eine schnippische Bestätigung der Beinahe-Verlobung erwartet, doch es folgte nur Stille. „Lynette?“, vergewisserte er sich schließlich, dass seine Schwester noch am Telefon war.

„Singapur ist nicht ganz so erfolgreich verlaufen, wie ich erwartet hatte“, kam es schließlich ein wenig patzig aus dem Handy.

„Was denn, hatte er keine Suite im Hotel deiner Wahl reserviert? Oder hat er sich geweigert, dir irgendwelche sündhaft teuren Klunker zu kaufen?“ Andrew hoffte, dass die Aussage seiner Schwester nicht bedeutete, dass es zwischen ihr und Burke endgültig aus war, denn eine Lynette, die einerseits das gebrochene Herz zur Schau stellte, andererseits aber schon wieder ihre Netze nach dem nächsten Fisch auswarf, würde diese Vorweihnachtszeit garantiert unerträglich werden lassen.

„Er hat die ganze Zeit gearbeitet! Er hatte keine Sekunde Zeit für mich“, beschwerte sich seine Schwester. „Selbst beim Essen hat er mich total ignoriert, weil dann irgendein Geschäftspartner aus der passenden Zeitzone unbedingt etwas überbewertet Wichtiges besprechen musste. Ehrlich, ich hätte nackt neben ihm sitzen können, und er hätte es nicht bemerkt. Wie bitte soll ich ihn unter diesen Umständen denn dazu bringen, mir einen Antrag zu machen?“

Andrew atmete erleichtert auf. Also hatte seine Schwester doch noch nicht durch übertriebene Gier oder übertriebenen Ehrgeiz ihre Beziehung mit dem Investment-Banker an die Wand gefahren, so dass dieser sich von ihr getrennt hätte. Und freiwillig würde sich Lynette ihrerseits auch nicht von einem so reichen und angesehenen Mann wie Sir Leonard Burke trennen, nicht, solange sie ihn als sichere Option betrachtete. Aber wenn ihr langweilig war – und das war ihr offenbar gerade –, dann war sie wie ein verwöhntes Kind, das stets nach einem neuen Spielzeug verlangte. Und offenbar hatte sie beschlossen, dass Garrett dieses neue Spielzeug sein sollte und ihr Bruder es ihr gefälligst zu schenken hatte. Auf ihre Frage zurückkommend, meinte Andrew: „Nun, ganz gewiss nicht, indem du mit einem Liebling der Presse wie Garrett Crady flirtest.“

„Ach komm schon, Andrew, was ist schon ein harmloser kleiner Flirt? Außerdem kapiert Leonard so vielleicht, dass er sich mal bewegen muss, wenn er mich nicht an wen anders verlieren will.“

„Sorry Lynette, aber ehrlich gesagt ist mir Garrett zu schade für so eine Spielerei mit dir. Von daher... vergiss es!“ Und ehe seine Schwester noch einmal aufbegehren oder den Laden erneut zusammenkreischen konnte, beendete Andrew das Telefonat.

Gerade wollte er sich wieder John zuwenden, der in der Zwischenzeit die Figuren auf dem Brett wieder aufgestellt hatte, als sein Handy erneut läutete. Überzeugt, dass es Lynette war, die gar nicht darüber erfreut war, so von ihrem Bruder abgewürgt worden zu sein, blickte er gar nicht erst auf das Display, sondern nahm das Gespräch unbesehen an – er wollte morgen früh schließlich ungestört ausschlafen können – und blaffte: „Was?“

„Dir auch einen schönen Abend“, kam es von einer eindeutig männlichen Stimme am anderen Ende. „Ich kann aber auch ein Andermal anrufen, wenn ich gerade störe.“

Beinahe panisch blickte Andrew nun noch kurz auf das Display und ohrfeigte sich mental. Denn jetzt war es tatsächlich Garrett, den er an der (nicht mehr vorhandenen) Strippe hatte. Einmal tief durchatmend, fuhr er sich durch die Haare. „Nein, nein. Sorry, tut mir echt leid. Ich dachte nur zuerst, du wärst meine Schwester. Also, der Anrufer wäre meine Schwester. Ich hab sie nämlich grad abgewürgt, weil...“ Hier unterbrach sich Andrew, ehe er sich noch um Kopf und Kragen redete.

„Wenn ich dich so höre, bin ich fast froh, keine Geschwister oder ähnlich nahe Verwandte zu haben“, erwiderte Garrett trocken.

„Wie, keine kleine Schwester zum Ärgern? Oder wenigstens eine Cousine, die den Part ersatzweise übernehmen darf?“, fragte Andrew ein wenig verblüfft.

„Noch nicht einmal eine Sandkastenfreundin“, verneinte Garrett. „Irgendwie neigte meine Familie mehr zu Einzelkindern und zurückgezogenem Landleben. Mein nächster Verwandter ist, glaube ich, ein Cousin zweiten Grades oder so, der in Australien lebt.“

„Ich glaube, du tust mir leid.“

„Wieso nur fällt es mir schwer, diesen Worten vollen Glauben zu schenken?“, kam es prompt und aufgesetzt scherzhaft zurück.

Andrew wusste nicht recht, was er davon halten sollte. Er hatte es durchaus aufrichtig gemeint. Dann aber sagte er sich, dass Garretts Antwort vermutlich eine reine Schutzreaktion war. Wenn er wirklich so allein in dieser Welt war, wie er sagte, empfand er es vielleicht als zu riskant, Mitleid von einem Freund anzunehmen, hätte das doch bedeutet, dass er sich eingestand, nicht so allein sein zu wollen. Doch ehe Andrew auch nur dazu ansetzen konnte, etwas zu erwidern, fuhr Garrett auch schon fort: „Weshalb ich eigentlich anrufe: Ich wollte dich fragen, ob du Lust hast, nächstes Wochenende, genauer Sonntag Abend, mit mir in das Carols by Candlelight-Konzert in der Royal Albert Hall zu gehen.“

„Nächsten Sonntag?“, wiederholte Andrew und überlegte fieberhaft, ob für diesen Tag etwas anstand. Doch da Sonntag üblicherweise kein Tag war, wo er den Kindern etwas Zeit versprach und die üblichen Pflichtveranstaltungen für treu sorgende Onkel wie Weihnachtskonzert der Schule und Weihnachtsballettaufführung unter der Woche stattfanden, stand seines Ermessens nach nichts einer Zusage im Weg. „Hab ich noch nichts vor. Also, bis jetzt nicht. Jetzt natürlich habe ich vor, mit dir in die Royal Albert Hall zu gehen.“ Ein Grinsen wuchs auf seinem Gesicht.

„Also abgemacht. Dann bis Sonntag!“ Und damit hatte Garrett auch schon aufgelegt.

Bei den Abschiedsworten hatte sich ein wenig Beklommenheit in Andrew breit gemacht. Irgendwie gefiel ihm der Gedanke, Garrett erst am nächsten Wochenende wieder zu sehen nicht wirklich. Und dann war da noch das Problem, dass es sich bei diesem Treffen schon wieder um eine Einladung Garretts handelte. Das Treffen im Salsa-Club am Dienstag zählte nicht wirklich, denn es war zufällig gewesen. Aber der Samstag davor war Garretts Einladung gewesen und nun das mit dem Konzert. Natürlich versuchte ihn ein rationaler Teil seines Gehirns darüber aufzuklären, dass der vergangene Samstag von Garrett als solcher mehr schlecht als recht durchgeplant gewesen war und man Andrew quasi als unfreiwilliges Opfer dieser verkorksten Pläne betrachten konnte. Dass er viel mehr Garrett aus der Patsche geholfen hatte, indem er sich von ihm hatte einladen lassen. Und mit nächstem Sonntag verhielt es sich vermutlich ähnlich. Garrett hatte am Telefon zwar nichts gesagt, aber die Tatsache, dass dieser eine Eintrittskarte übrig zu haben schien, legte nahe, dass er die Karten bestellt hatte, als er noch mit Helena verheiratet gewesen war. Und nun nicht wusste, wen er sonst mitnehmen sollte. Gut, im Gegensatz zu dem Wohltätigkeitsdinner hätte Garrett die Konzertkarten wohl weiterverkaufen können, aber, nun ja... Dennoch, irgendwie schien alles von Garrett auszugehen und das schmeckte Andrew nicht so recht. Dazu war er viel zu unabhängig, viel zu sehr Mann... Aber das Konzert deswegen abzusagen, war wiederum auch keine Option. Schließlich freute er sich ja schon auf das Wiedersehen mit Garrett. Dann aber kam ihm eine Idee. Sogar eine ziemlich gute Idee, wie er fand. Denn wer sagte, dass sie sich erst am Sonntag für das Konzert das nächste Mal sehen mussten?

Von diesem Gedanken beschwingt, stürzte er sich in das Revanche-Spiel gegen John und angesichts der Tatsache, dass bei dieser Partie das Handy stumm blieb, schaffte er es sogar, dass das Spiel mit einem Remis ausging.