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Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

12. Dezember

X.

Ironischerweise hatte auch Andrew am Mittwoch Nachmittag eigentlich einen Termin gehabt, den es nun zu verschieben galt. Denn eigentlich war für diesen Tag vereinbart gewesen, dass er seine Nichte Anne zu einem Plätzchenback-Treffen begleitete. Aber an diesem Mittwoch hatte Garrett einfach Vorrang. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, war seine Nichte alles andere als begeistert gewesen, dass ihr Onkel sie so einfach im Stich lassen wollte, aber die Kindertränen hatte sich zum Glück recht schnell mit dem Versprechen trocknen lassen, dafür am Sonntag mit ihr bei Andrew zu Hause Plätzchen zu backen. Nur sie und Andrew. Keine nervigen Geschwister.

Andrew erinnerte sich noch lebhaft daran, wie schwer es ihm als Kind gefallen war, die Aufmerksamkeit von Erwachsenen mit seinen Geschwistern zu teilen. Immer hatte er das Gefühl gehabt, zu kurz zu kommen. Mal, weil er nur der jüngere Sohn war, mal weil er das mittlere Kind war, mal, weil er seiner Schwester gegenüber doch den großen Bruder mimen sollte... Da war es egal, wie sehr sich die Eltern bemühten, jedem Kind gleich viel Aufmerksamkeit zu schenken. Bei vier Kindern konnte es also nur umso schlimmer sein. Deshalb versuchte Andrew nach Möglichkeit reihum jedem Kind einen Nachmittag allein mit ihm zu gönnen. Er war nur froh, dass es Anne tatsächlich um die Zeit alleine mit ihrem Onkel ging und nicht so sehr um das große Plätzchenbacken, das in einem Londoner Einkaufszentrum stattfand, und so die Möglichkeit eines sonntäglichen Plätzchenbackens eine annehmbare Alternative darstellte. Er musste nur daran denken, sich von seiner Schwägerin ein paar Ausstecher auszuleihen, denn er selbst backte höchstens mal einen Kuchen. Und bestimmt waren sie lange vor dem Konzert mit dem Backen fertig, so dass es auch hier nicht zu irgendwelchen Terminüberschneidungen käme.

Nachdem das geklärt war, kümmerte sich Andrew als nächstes um die Tickets für das Somerset House, damit sie nicht am Ende wegen Überfüllung der Eisbahn nur Glühwein schlürfend daneben standen und zusehen mussten. Denn gerade wenn die Sonne unterging und das Eis und die Fenster ein letztes Mal richtig zum Glänzen brachte und wenn dann die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung begannen so richtig zur Geltung zu kommen, wollte er gerne auf dem Eis sein und diesen Moment mit Garrett teilen. Doch da mitten in der Woche nicht so viele Schlittschuhromantiker Zeit hatten, stellte auch das kein größeres Hindernis dar.

So schritt er am Mittwoch Nachmittag fröhlich ein Weihnachtslied pfeifend erneut die Stufen zum Eingang von Crady Pharmaceuticals hinauf. Die selbe Rezeptionistin wie am Montag tat wieder Dienst. „Mrs. Kennicot dürfte für mich einen Ausweis hinterlegt haben. Andrew Fitzstephen“, sagte Andrew und wartete darauf, dass die junge Frau ihre Professionalität wiedergewann und ihm den Ausweis reichte. Ehrlich, er musste mal ein Wörtchen mit Mrs. Kennicot reden, dass sie eindeutig zu wenig Besuch bekam, wenn die Empfangsdame jedes Mal dermaßen aus dem Gleichgewicht kam, wenn jemand die Chefsekretärin zu sprechen wünschte. Er grinste bei dem Gedanken, nahm dann den Ausweis und schritt, wieder pfeifend, zu den Fahrstühlen.

Oben angekommen, begrüßte er Mrs. Kennicot gut gelaunt, die auch prompt zum Telefon griff, um ihren Chef darüber zu informieren, dass sein 15-Uhr-Termin eingetroffen sei. Gleich darauf legte sie wieder auf und sagte zu Andrew: „Sie können hineingehen.“ Und sie wies auf die schwere, von innen gepolsterte Tür zum Büro des Vorstandsvorsitzenden.

Als Andrew das Büro betrat, war Garrett gerade dabei, noch schnell eine E-Mail fertig zu schreiben und abzuschicken. „Einen Moment, bin gleich für dich da, Jenkins.“

Andrew wartete kurz, dann räusperte er sich. „Ich befürchte, dass mein Name nicht Jenkins ist.“

Garretts Hand an der Maus erstarrte und er blickte vom Bildschirm auf. „Andrew!“, rief er überrascht aus. „Aber... ich dachte... hatte Mrs. Kennicot nicht gesagt, mein Termin sei da?“

„Ich bin der Termin. Dein Treffen mit Jenkins wurde mit freundlicher Unterstützung deiner Sekretärin verschoben.“ Andrew hatte einen Garderobenständer neben der Tür entdeckt, an dem ein Mantel hing, von dem er jetzt einfach mal ausging, dass er Garrett gehörte. Wem auch sonst? Ihn von dem Haken nehmend, hielt er das Kleidungsstück Garrett entgegen. „Denn du und ich haben heute Nachmittag etwas Besseres vor als Zahlen zu jonglieren und Verträge zu studieren, oder was auch immer du mit Jenkins gemacht hättest.“

Für einen Moment sah es so aus als wollte Garrett ihm widersprechen, ihn zurechtweisen, dass seine Arbeit Vorrang habe und dann Mrs. Kennicot einen ähnlichen Vortrag halten. Dann aber konnte er der ansteckenden guten Laune Andrews nicht widerstehen und kam zu ihm hinüber, um seinen Mantel entgegen zu nehmen.

„Aber wenn die Firma deswegen pleite geht, werde ich dich namentlich dafür verantwortlich machen und der Presse zur Verfügung stehen, um ihnen in einem Exklusivinterview haarklein zu erklären, weshalb Buchrestauratoren als überaus gemeingefährlich zu betrachten sind.“

„Einverstanden“, erwiderte Andrew nur lachend, glaubte er doch keine Sekunde, dass es um das Pharma-Unternehmen so prekär stand, dass es nicht mal einen Nachmittag ohne den Chef auskam. „Hast du Schal und Mütze hier?“

Garrett schüttelte den Kopf. „Du sprichst mit jemandem, der einen Chauffeur hat, und folglich höchstens die fünf Meter vom Eingang zum Wagen zurücklegen muss. Da braucht man keinen Schal oder so.“ Er sah Andrew neugierig an. „Was hast du vor, dass du danach fragst?“

Doch Andrew antwortete nicht. Stattdessen überlegte er, woher er auf die Schnelle eine geeignete Kaltwetterausrüstung für Garrett bekommen konnte. Denn im Gegensatz zu ihm schien Garrett auch nicht für eventuelle Notfälle so etwas im Schreibtisch versteckt zu haben. Und noch mal bei sich im Büro vorbeizufahren hätte zu viel Zeit gekostet. Eigentlich konnte hier nur noch eine Person helfen: Mrs. Kennicot. Also ließ er Garrett kurzerhand stehen und eilte wieder aus dem Büro, während Garrett ihm sprachlos hinterher sah.

„Wussten Sie, dass Ihr Chef keine Mütze und keinen Schal trägt, wenn er ins Büro fährt, und das, obwohl wir Dezember haben?“ Er blickte die Sekretärin viel sagend an und hielt ihr zur Bestätigung seine Wollmütze entgegen, die er beim Betreten des Gebäudes vom Kopf genommen hatte.

Mrs. Kennicot verstand sofort. So konnte ihr Chef natürlich unmöglich Schlittschuhlaufen gehen. Sie überlegte fieberhaft und hatte dann eine Idee. „Geben Sie mir fünf Minuten! Und machen Sie sich darauf gefasst, dass er von meiner Idee nicht begeistert sein wird.“

Andrew nickte nur. „Zur Not überlasse ich ihm meine Mütze und Schal.“ Dann wandte er sich wieder Garrett zu. „Wie es aussieht, müssen wir warten, bis Mrs. Kennicot uns eine Lösung herbeizaubert.“

„Was hast du vor, dass Mütze und Schal so wichtig sind?“, wiederholte Garrett mehr oder weniger seine Frage.

„Och, etwas, wo wir an der frischen Luft sind“, erwiderte Andrew nur geheimnisvoll und blickte weiter hinaus auf den Flur in die Richtung, in welche die Sekretärin verschwunden war.

„Andrew...“, sagte Garrett mahnend.

„Okay, wie wäre es damit: Etwas, wo wir mit der U-Bahn hinfahren können, wie ganz gewöhnliche Menschen?“

Garrett verdrehte die Augen. „Vielleicht sollte ich doch lieber hier bleiben und mich mit meinen Akten beschäftigen.“

„Untersteh dich! Nicht, nachdem ich Mrs. Kennicot dazu gebracht habe, mir dabei zu helfen, dich an diesem Nachmittag zu entführen und nicht nachdem ich die Gute gerade auf die Jagd nach einer Winterausrüstung für dich geschickt habe.“

„Ich glaube, ich muss sowieso mit meiner Sekretärin ein ausführliches Gespräch darüber führen, wem ihre Loyalität zu gelten hat.“

„Glaub mir, mein Lieber, die Loyalität gilt dir immer noch. Aber es geht ihr auch um dein Wohlergehen“, erklärte Andrew grinsend.

„Ah ja... Und da kommst du ins Spiel?“ Garrett schaute Andrew ein wenig skeptisch an. Eines war sicher – der andere schien mächtig von sich überzeugt zu sein.

„Nicht nur, aber ich trage dazu bei.“ Noch immer grinste Andrew breit. „Und gib es zu, du magst mich dafür.“

„Ich und dich mögen?“

Obwohl die Worte eindeutig im Spaß gesagt waren, konnte Andrew nicht umhin, einen schmerzhaften Stich dabei zu empfinden. So schmerzhaft, dass für einen Moment die gute Laune sein Antlitz verließ und einem verletzten Ausdruck Platz machte. Dann aber schalt er sich einen Narren und setzte sein Grinsen wieder auf. „Das will ich doch aber mal bitte hoffen“, flachste er.

Doch Garrett hatte den verletzten Ausdruck sehr wohl bemerkt. Was hatte das zu bedeuten? Lag Andrew so viel daran, dass er, Garrett, ihn mochte? Und wenn ja, hieß das, dass Andrew ihn mochte? Aber wenn, auf welche Art? Als Freunde? Oder... Irgendwie traute sich Garrett nicht, den Gedanken bis zum Ende zu verfolgen. Zum Glück aber musste er das auch gar nicht, denn in diesem Moment kehrte Mrs. Kennicot mit einem siegreichen Lächeln zurück.

In der einen Hand hielt sie eine dieser lächerlichen Coca-Cola-Nikolausmützen, die man gern auch mal auf Betriebsfeiern trug, um sich der Lächerlichkeit Preis zu geben, und in der anderen etwas, das Garrett verdächtig an einen Tischläufer erinnerte. Tatsächlich meinte er sich daran zu erinnern, dass damit letztes Jahr die Tische im Kasino der Firma beim Weihnachtsessen des Vorstandes geschmückt gewesen waren. Er sah seine Sekretärin mehr als fragend an. Sie konnte doch nicht allen Ernstes glauben, dass er sich damit kleidete und so auch noch das Gebäude verließ?

Mrs. Kennicot hatte den Blick aufgefangen und wusste genau, was ihrem Chef durch den Kopf ging. So wandte sie sich an Andrew. „Mr. Fitzstephen? Ich fürchte, dass wir auf Ihr Angebot Mr. Crady Ihren Schal und Mütze überlassen zu wollen, zurückkommen müssen.“

Auch Andrew hatte Garrett und die Schätze, welche die Sekretärin ausgegraben hatte, beobachtet und konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. Es würde aber auch zu lächerlich aussehen, diese Zipfelmütze und das blaue, mit Sternen bedruckte breite Band um den Hals zu tragen. Er würde geradezu lächerlich aussehen, wie ihm jetzt aufging. Denn tatsächlich würde er wohl seine Winterausrüstung an Garrett weiterreichen und selbst als Weihnachtsdekoration herumlaufen müssen, wenn aus dem geplanten Ausflug noch etwas werden sollte. Aber das war es ihm wert. Außerdem war er sich fast sicher, dass sein Aufzug Garrett zum Lachen bringen würde, wann immer dieser in seine Richtung blickte. Und Andrews Meinung nach konnte Garrett durchaus etwas mehr Lachen in seinem Leben vertragen. Also reichte er seine Mütze Garrett und wickelte dann den Schal von seinem Hals. „Keine Sorge, ich habe keine Läuse, trage kein Make-up, welches die Mütze verschandeln könnte, habe auch keine Schuppen, bin in der Lage ein Taschentuch von einem Schal zu unterscheiden, kurz, die Sachen sind ungefährlich und wenn auch vielleicht nicht ganz taufrisch aus der Waschmaschine so doch sauber.“

 

Dank Mrs. Kennicots Einsatz und Andrews Bereitschaft, sich in das lächerliche Deko-Outfit zu werfen, schafften sie es pünktlich zum Somerset House, um den Sonnenuntergang zusammen auf dem Eis zu genießen. Nun ja, fast... Der eigentliche Sonnenuntergang fiel mit dem Besucherwechsel auf dem Eis zusammen, aber weit amüsanter war, dass Garrett in seinem Leben noch nie auf Schlittschuhen auf dem Eis gestanden hatte.

„Nicht mal während deiner Schulzeit?“, fragte Andrew ein wenig ungläubig, waren doch Besuche in Eissporthallen beliebte Schulausflugsziele.

Garrett schüttelte den Kopf. „Irgendwie hab ich es immer geschafft mich davor zu drücken. Klar, bin ich mit den Jungs von der Schule mal über einen zugefrorenen Weiher geschlittert. Auch auf dem Teich im Garten vom Landhaus meiner Eltern war ich. Aber eben immer mit normalen Schuhen. Und nicht mit wackeligen Kufen!“ In der Tat hatte Garrett reichlich Schwierigkeiten, auf dem Eis das Gleichgewicht zu finden.

Andrew war schon drauf und dran, ihm anzubieten, ihm einen der Pinguine aus dem Kinder-Pinguin-Club der Schlittschuhlaufschule zu besorgen, ließ es aber bleiben. Unter diesen Umständen war er ja schon glücklich, dass Garrett sich ihm zu liebe überhaupt auf Kufen auf das Eis wagte. Gleichzeitig aber traute er seinen eigenen Schlittschuhkünsten nicht weit genug, um Garrett einfach bei der Hand zu nehmen. So verlockend es auch war... aber er vermutete, dass das Ergebnis sie beide auf dem Eis sitzend sähe. Dann erinnerte er sich an etwas, dass er in Annes Ballettstunden aufgeschnappt hatte. Da ging es darum den Schwerpunkt im Körper zu spüren, das Gewicht bewusst von einem Bein auf das andere zu verlagern. Ihm schwirrten auch noch so Begriffe wie Standbein und Spielbein durch den Kopf, aber das war jetzt unerheblich. Interessanter war, herauszufinden, ob sich das mit dem Schwerpunkt und der Verlagerung auch aufs Eis übertragen ließ. Also stellte er sich hin und versuchte das Gleichgewicht nur dadurch zu halten, dass er den Schwerpunkt erfühlte. Was sich leichter anhörte, als es war, aber schließlich war er sich ziemlich sicher, ein recht gutes Gefühl dafür zu haben. Dann tat er vorsichtig einen gleitenden Schritt, im Bewusstsein das Gewicht zu verlagern. Wo war der Schwerpunkt? Gar nicht so einfach, wenn man eher instinktiv über das Eis glitt. Nun ja... aber ein Anfang war gefunden. Andrew vollführte einen Bogen und kehrte zu der Bande zurück, an welcher er Garrett hatte stehen lassen, um seine Theorie auszuprobieren.

„Ich dachte schon, du würdest mich für irgendeine Eisprinzessin verlassen“, sagte Garrett ein wenig verkrampft.

„Nie“, sagte Andrew ernster als er es beabsichtigt hatte. „Aber ich musste etwas ausprobieren. Etwas, womit du zumindest das Gleichgewicht beim Stehen nicht verlierst. Es geht darum deinen Schwerpunkt zu finden und von da aus deinen Körper bis hinunter zu den Zehen zu spüren und den Kufen, wie sie dich tragen.“

Garrett sah Andrew skeptisch an.

Dieser zuckte mit den Schultern. „Komm, versuch es einfach. Schlimmer als jetzt kann es auch nicht werden, oder?“

Dem konnte Garrett nicht widersprechen und so löste er sich Zentimeter für Zentimeter von dem sicheren Geländer, stets darauf achtend, nicht von den anderen, im Kreis kurvenden Eisläufern über den Haufen gerannt zu werden. Irgendwie schaffte er es aber nicht hinzufallen und tatsächlich schien es zu helfen, zu versuchen, sein Gewicht bis zum kleinen Zeh und den Kufen zu spüren. Sich damit fortzubewegen schien ihm aber dennoch ein Ding der Unmöglichkeit. „Und was mach ich jetzt? Eissäule spielen?“

„Eher Eisskulptur. Und ich muss sagen, du würdest eine äußerst hübsche Skulptur abgeben“, flachste Andrew. „Aber nein... jetzt kommen wir dazu das Gewicht auf ein Bein zu verlagern, damit du das andere bewegen kannst. Dann eine Schubbewegung mit diesem Bein und gleichzeitig das Gewicht auf dieses Bein verlagern und...“

Abrupt brach Andrew ab, denn mit einem Mal hatte er die Arme voll Garrett und er musste all sein Können aufbieten, damit sie nicht beide auf das Eis stürzten. Garrett hatte Andrews Worten offenbar sogleich Taten folgen lassen. „Mist-Eis. Klingt alles so langsam und kontrollierbar und in Wirklichkeit ist man ruckzuck mit Gleiten fertig und das Gewicht liegt noch sonst wo!“, grummelte dieser.

Doch nach ein paar weiteren Versuchen schaffte Garrett zumindest eine Handvoll Schritte, ohne gleich panisch wieder am Geländer oder an Andrew zu hängen. Dennoch schien die Runde um die komplette Eisbahn ewig zu dauern. Vermutlich hätte Andrew an diesem Punkt aufgegeben, hätte Garrett nicht langsam an der Atmosphäre und sogar dem Eis Gefallen gefunden, auch wenn er sich nur eher holprig fortbewegte. Allein die von der Kälte und Bewegung geröteten Wangen zu sehen, war in Andrews Augen den Ausflug wert.

Schließlich war ihre Zeit auf dem Eis abgelaufen und die Sonne gänzlich untergegangen, so dass jetzt die winterliche Dunkelheit mit der festlichen Beleuchtung kontrastierte. Noch nicht gewillt, den Ausflug für beendet zu erklären, wärmten sich beide an einer Tasse heißen Kakao und beobachteten noch etwas das Treiben auf dem Eis und den hell erleuchteten Christbaum.

„Danke, dass du mich entführt hast“, sagte Garrett lächelnd, den Blick auf das Eis gewandt.

„Gern geschehen“, erwiderte Andrew. „Ich hoffe, du hattest trotzdem deinen Spaß?“

„Ja, hatte ich“, beruhigte Garrett ihn. „Auch wenn gefrorenes Wasser und ich wohl nie wirklich Freunde werden. Denn auf Skiern bin ich genauso hilflos. Ich komm zwar in der Schneepflughaltung einen Berg hinunter, aber Spaß sieht anders aus. Dabei finde ich den Anblick von Schnee eigentlich wunderschön. Und am meisten mag ich die Stille, die man hören kann, wenn es zu schneien anfängt. Aber dann setzt die Realität ein, die meist bedeutet, dass alle Menschen plötzlich verlernt haben, wie man Auto fährt und der Weg von oder zur Arbeit ewig dauert. Außerdem verwandelt der Verkehr alles Weiß in trauriges Grau und das war’s dann. Von daher ziehe ich flüssiges Wasser eindeutig vor. Egal ob Schwimmen, Windsurfen oder Segeln.“

„Auch bei diesen Temperaturen?“, zog Andrew ihn auf.

„Wozu gibt es Hallenbäder?“, konterte Garrett nur. „Nicht, dass ich so dekadent wäre, eines in meinem Haus zu haben, aber es war ein Auswahlkriterium bei der Entscheidung, welchem Fitness-Studio ich beitrete.“

Andrew grinste. „Ich brauch kein Fitness-Studio. Ich lebe einen aktiven Alltag. Wobei ich vermutlich längst nicht so viel Bewegung bekäme, wenn ich nicht regelmäßig morgens so trödeln würde. Aber es ist wie verhext, die Bettdecke entwickelt morgens immer eine so überwältigende Anhänglichkeit... Tja, und dann wird die Zeit knapp, wenn ich einigermaßen pünktlich auf der Arbeit sein will.“

„Ich vermute mal, dass deine Nichten und Neffen auch ihren Teil zu deinem bewegten Alltag beitragen.“

Andrew nickte. „Besonders, wenn das Wetter und der Terminkalender erlauben, dass wir einfach nur zum nächstgelegenen Spielplatz pilgern. Denn natürlich darf Onkel Andrew dann nicht einfach nur mit den anderen Müttern einen Plausch halten, nein, er muss aktiv mitspielen. Und glaub mir, solche Klettergerüste können für Erwachsene echt eng werden.“

„Weil sie auch nicht für Erwachsene konzipiert wurden“, belehrte Garrett ihn lächelnd.

„Ja, aber was machst du, wenn sich deine zweijährige Nichte in die Mitte des Klettergerüsts vorgerobbt hat, auf dem Boden sitzt und nicht mehr weiß, wie sie rauskommen soll? Und ihr all die anderen kletternden Kinder Angst machen? Dann robbt man als guter Onkel soweit hinterher, bis man die kleine Ausreißerin zu fassen kriegt und unbeschadet herausziehen kann.“ 

„Lass mich raten, man pflückt selbiges Kind auch von der höchsten Rutsche und fragt sich, wie das Kind es geschafft hat unbemerkt die hohe Leiter zu erklimmen?“

„Man rutscht mit selbigem Kind und fragt sich, warum die Spielplatzdesigner die Rutschen so schmal gemacht haben“, bestätigte Andrew nickend. „Was das Hinaufkommen betrifft – wozu hat das besagte Kind ältere Geschwister? Beim Hinaufhelfen sind alle drei klasse. Und dann machen sie Mia vor, wie man hinunter rutscht, so dass sie schließlich allein verängstigt oben bleibt.“

Ein wehmütiges Lächeln huschte über Garretts Gesicht. „Es muss dennoch schön sein, Kinder um sich zu haben.“

„Du denkst an den kleinen Lucas?“, fragte Andrew.

„Ich glaube, Helena war mir nie so wichtig“, gestand Garrett. „Ich war nicht in sie verliebt oder so. Gewiss, sie sah gut aus und kannte die Gesellschaft und wusste sich zu benehmen. Attraktiv genug für eine kurze Beziehung. Aber vom Charakter her nicht attraktiv genug, um mich dauerhaft zu faszinieren.“ Nicht so wie du. Garrett erstarrte kurz und fragte sich, woher dieser Gedanke so plötzlich gekommen war. Doch dann schob er den Gedanken beiseite und erzählte einfach weiter. „Es war die Idee einer Familie, die ich geliebt habe. In sie hatte ich mich vom ersten Augenblick an, da Helena mir erzählte, dass sie von mir schwanger sei, verliebt. Sicher, ich wollte, dass die Ehe funktionierte. Ich bin mir sicher, dass Helena das auch wollte. Aber dann... Wäre Gavin Whitman nicht aufgetaucht, hätte es sogar klappen können. Wir wären wohl alle zufrieden gewesen. Aber ich konnte Whitman nicht seine Familie verweigern. Und Helenas Reaktion, als sie sich mit ihrem Schwindel konfrontiert sah, war alles andere als schön gewesen, was es mir noch leichter gemacht hat, mich von ihr scheiden zu lassen.“

„Und dennoch hast du eingewilligt, Lucas’ Taufpate zu sein.“

„Das war nicht Helenas Verdienst. Es war Gavins Idee gewesen und es war auch Gavin, der mich darauf ansprach. Und es wird auch über Gavin sein, dass ich Lucas hin und wieder sehe. Aber Helena... sie ist für mich gestorben“, gestand Garrett.

„Kann ich verstehen. Auch das mit dem Wunsch nach Familie. Ich weiß, dass es für mich vermutlich nie eine eigene Familie geben wird. Sicher, schwule Paare können hierzulande gemeinsam Kinder adoptieren. Aber ein ungebundener Single? Also muss erst mal die Familie meines Bruders als Ersatz herhalten. Und mein Bruder scheint ausnahmsweise mit dieser Art meiner Gegenwart in seinem Leben einverstanden zu sein. Vermutlich, weil es ihm die Möglichkeit gibt, guten Gewissens bei seiner Familie durch Abwesenheit zu glänzen. Auch wenn ich kaum glaube, dass er ohne mich ein allzu schlechtes Gewissen wegen seines Verhaltens hätte. Vermutlich würde er eine andere Rechtfertigung finden.“

„Und was ist mit Single-Adoption? Das wäre doch auch eine Option“, fragte Garrett.

Andrew zuckte mit den Schultern. „Wäre nichts für mich. Ich würde zwar keine Sekunde zögern, meine Nichten und Neffen zu adoptieren, sollte meinem Bruder und meiner Schwägerin etwas zustoßen, aber ich weiß, wie schwer es meiner Schwägerin als Quasi-Alleinerziehenden fällt, auch wenn sie auf die Hilfe eines Au-pair-Mädchens zurückgreifen kann.“

Garrett nickte. „Ich weiß nicht, vielleicht werde ich eines Tages ein Kind adoptieren. Scheint mir im Moment der vernünftigere Weg zu sein, als mich noch einmal in die Klauen einer Salonlöwin zu begeben.“

„Ach komm schon“, erwiderte Andrew, dem der resignierte Ton in Garretts Stimme nicht gefiel, „bestimmt wirst du mal wie in einem Roman bei einem Ausflug ans Meer die Tochter des örtlichen Bäckers kennen lernen, dich verlieben und sie heiraten.“

„Klar auch. Und sobald ich sie das erste Mal meinen Freunden hier in London vorstelle, erkennt sie jemand als die Tochter der verschollenen Tochter der Gräfin XY und die Gesellschaft, die am Tag zuvor noch über meine junge, bildschöne, unschuldige und überaus liebenswürdige Gattin hergezogen ist, wird nun vor ihr zu Kreuze kriechen.“

„Genau. Und nach einer angemessenen Zeit, in der ihr euch im Leid der anderen gesuhlt habt, zieht ihr euch aufs Land zurück und zieht dort eure zehn Kinder groß.“

„Zehn Kinder? Glaubst du nicht, dass das etwas übertrieben ist?“ Garrett sah Andrew mit vor Vergnügen funkelnden Augen an.

„Ganz und gar nicht. Du brauchst die arme Bäckerstocher nur so anzusehen wie mich jetzt und sie wird dir glatt zwanzig Kinder schenken. Fünf eigene, fünf adoptierte und zehn, die sie heimlich irgendwelchen illegalen Einwanderern geklaut hat.“

Garrett schüttelte sich vor Lachen, bei dieser unsinnigen Vorstellung.

„Na gut, vielleicht kauft sie ja auch drei den armen illegalen Einwanderereltern ab, um ihnen so einen Start in ein neues Leben zu ermöglichen.“

„Du bist die Güte pur“, erklärte Garrett unter Lachen.

Andrew warf sich in die Brust. „Endlich jemand, der meine Qualitäten zu schätzen weiß!“