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Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

16. Dezember

XI.

Wer kleine Jungs als anstrengend erachtete, hatte noch nie einen ganzen Tag mit kleinen Mädchen verbracht. Nicht nur, dass die Emanzipation ihnen Zugang zu den Spielsachen und Sportarten der Jungs verschafft hatte, nein, ihre Natur hatte ihnen auch weiterhin ihr aufgeschlossenes Gemüt erhalten, das sie dazu verleitete, Vertrauenspersonen so viel zu erzählen, dass diese sich fragten, was diese kleinen Geschöpfe mal Luft holten, und hofften am Ende des Tages noch beide Ohren am Kopf zu tragen.

Anne bildete diesbezüglich keine Ausnahme und weil sie möglichst viel Zeit mit ihrem Onkel verbringen wollte und sie ihm sooo viel zu erzählen hatte, hatte sie Katharina davon überzeugt, sie noch vor dem Frühstück zu Andrew zu bringen. Nun ja, fast... es war nach dem Frühstück der Kinder, aber noch vor Andrews Frühstück, berücksichtigte man die Tatsache, dass er Sonntags dazu neigte, den halben Vormittag zu verschlafen.

Weshalb Andrew den Großteil des Sonntags im Pyjama verbrachte, denn irgendwie ergab sich nie die Gelegenheit, sich in Jeans und Pullover zu werfen, Anne forderte einfach gnadenlos die volle Aufmerksamkeit ihres Onkels. Und irgendwann hatte Andrew es aufgegeben, sich umziehen zu wollen, sondern einfach nur Socken und Hausschuhe übergestreift und in diesem Aufzug mit dem Plätzchenbacken begonnen. Letztlich war es eigentlich auch egal, ob nun seine Jeans oder sein Schlafanzug das ganze Mehl und die Glasur abbekam und hinterher reif für die Wäsche war.

Und so machten sie sich einen vergnügten Tag mit Teignaschen, ganz viel Zuckerglasur und einem heillosen Chaos in der Küche. Währenddessen erzählte ihm Anne alles über ihre Schulstunden und die Hausaufgaben, und die Ballettstunde, und den Klavierunterricht, und wie doof es doch sei, darauf Rücksicht zu nehmen, dass Mia Mittagsschlaf halte, wenn sie dann üben wollte, und wie unfair, dass sie üben sollte, wenn sie gar nicht wollte, und wie doof Brüder doch sein konnten, und dass Peter behauptet hatte, Mädchen könnten nicht Fußball spielen, worauf sie ihm im Garten glatt vom Gegenteil überzeugen musste, und dass dabei aber leider einer von Mamis Blumentöpfen mit den Zierrosen zu Bruch gegangen war, aber das sei nicht ihre Schuld gewesen, sondern Peters, denn er habe ihren Ball nicht gehalten. Und natürlich von dem Eiswürfelexperiment mit Katharina, und von ihren Weihnachtswünschen – bloß keine Puppe –, und dass Zimmeraufräumen schrecklich sei und, und, und. Und so sehr Andrew sich auch bemühte, er schaffte es einfach nicht, all den Dingen, die da mit kindlichem Eifer vorgetragen wurden, mit wirklicher Aufmerksamkeit zuzuhören.

Eine gewisse geistige Abwesenheit von der Unterhaltung war bei Zeiten sogar erforderlich, denn andernfalls wäre das ein oder andere Blech Plätzchen verbrannt. Auf andere Weise aber würden ihn die Informationen, die er nur im Unterbewusstsein wahrnahm später noch höchst unangenehm heimsuchen.

Dann aber, viel zu bald für den Geschmack seiner Nichte, war es Zeit, sich von Anne zu verabschieden und Katharina dafür zu danken, dass sie sich bereit erklärt hatte, Anne auch wieder abzuholen, damit ihm selbst noch genug Zeit blieb, sich für das Konzert mit Garrett zurecht zu machen.

 

 

 

XII.

Wie schon bei der letzten gemeinsamen Abendveranstaltung hatten Andrew und Garrett vereinbart, dass Garrett Andrew am Museum abholen würde. Alles andere machte wenig Sinn, da sie in entgegengesetzten Richtungen vom Zentrum aus wohnten und es nur unnötige Fahrerei bedeutet hätte. Andrew hatte sogar vorgeschlagen, dass sie sich direkt am Konzerthaus trafen, doch Garrett hatte sich mit Hinblick auf mögliche Presse durchsetzen können. Auch wenn Andrew diesbezüglich der Ansicht war, dass Garrett es mit dieser Paranoia übertrieb. Gewiss mochte die lokale Presse Garrett Crady, aber das hieß noch lange nicht, dass sie bei jeder Abendveranstaltung in der Stadt lauerte, in der Hoffnung, ihm vielleicht dort zu begegnen und über ihn schreiben zu können. Was angesichts der Fülle von Abendveranstaltungen in der Stadt allein schon logistisch ein Ding der Unmöglichkeit war. Und im Gegensatz zu dem Wohltätigkeitsdinner war der Konzertbesuch auch kein öffentlicher Auftritt, bei dem die Besucherlisten im Vorfeld diskutiert wurden.

„Du weißt aber schon, dass das Wasser auf den Klatschmühlen wäre, wenn bekannt würde, dass du erneut mit Mr. Mysteriös zu einer Veranstaltung auftauchst. Und dieses Mal weiß ich mit Sicherheit, dass mein Bruder nicht anwesend ist, um die Presse in irgendeiner Weise davon abzuhalten, die wildesten Mutmaßungen anzustellen“, hatte ihn Andrew gewarnt, Garrett aber auch nicht weiter widersprochen. Ihm war es letztlich egal, ob er vor dem Museum oder dem Konzerthaus auf Garrett wartete und Garrett hatte ihm versichert, dass das Museum für ihn auf dem Weg zur Royal Albert Hall läge, er also lediglich einen kurzen Schlenker machen müsste, um auf seiner Fahrt gen Westen durch die Stadt Andrew einzusammeln.

 

Als sie die Royal Albert Hall betraten, hätte Andrew nicht zu sagen vermocht, ob Presse anwesend war oder nicht. Nun ja, irgendein Kulturreporter würde wohl schon anwesend sein, um über das Konzert zu schreiben, aber die Klatschkolumnisten? Egal.

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte Garrett zwei Plätze der besten Kategorie gebucht und somit hatte Andrew freie Sicht auf das Orchester. Zuerst wusste Andrew nicht, ob er die Aufmachung der Musiker nicht eher lächerlich fand – das gesamte Orchester war in einen Sonntagsstaat im Stil des achtzehnten Jahrhunderts gesteckt worden – doch im Laufe des Abends fügte sich alles zu einem harmonischen Bild zusammen. Was vielleicht nicht zuletzt an der entsprechenden Kerzenbeleuchtung liegen mochte. Oder am Programm, waren doch die modernsten Komponisten, die an diesem Abend vertreten waren, Mozart und Gruber – letzterer der Schöpfer des weltweit bekannten Weihnachtslieds ‚Stille Nacht’. Die ganze Atmosphäre war irgendwie unbeschreiblich. Das erwartungsvolle Publikum, das sich eine Portion Weihnachtsstimmung der besonderen Art erhoffte, die Musik, die Lesungen, und die Tatsache, Garrett neben sich zu wissen. Allein so eine Kleinigkeit, wie sich die Armlehne zwischen den Sitzen zu teilen... Und obwohl er gerade wegen Letzterem innerlich angespannt war, schaffte es das Konzert im Laufe des Abends alle andere Anspannung von Andrew abfallen zu lassen. Anspannung, von der Andrew noch nicht einmal gewusst hatte, dass sie ihn beherrscht hatte. Als er sich bei einer Lesung kurz zu Garrett umwandte, erkannte er, dass es diesem in Punkto weihnachtlicher Entspannung nicht anders ging. Er hatte Garrett in den vergangenen zwei Wochen in verschiedenen Situationen erlebt, aber nie hatte der Mann eine so gelassene Ruhe ausgestrahlt, wie an diesem Abend, in diesem Augenblick.

Am Ende war das Konzert dann viel zu schnell zu Ende. Dass sie beide nicht gewillt waren, den Zauber dieses Abends schon für beendet zu erklären, merkten beide, als sie beide zögerten, sich in die Schlange vor der Garderobe einzureihen, um die Mäntel abzuholen. Schließlich fragte Andrew: „Wie sieht es aus, wollen wir noch was trinken gehen?“

Man sah Garrett an, wie gerne er zugesagt hätte, doch stattdessen verzog er nur das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. „Hast du mal auf die Uhr gesehen? Die einzigen Läden, die jetzt üblicherweise noch offen haben, sind Nachtclubs und ich glaube kaum, dass du das im Sinn hattest.“

Andrew ließ die Schultern hängen. „Auch wieder wahr.“ Dann aber hellte sich seine Miene auf. „Wir könnten noch zu mir fahren. Ich hab noch ein paar Bier oder alternativ auch Milch und kindertauglichen Apfelsaft im Kühlschrank.“

Wieder zögerte Garrett und Andrew hätte sich im selben Moment ohrfeigen können. Selbst wenn er es gerade nicht so gemeint hatte, musste Garrett das doch unmissverständlich als Anmache auffassen. Dann aber überraschte Garrett ihn. „Eigentlich gern, doch wäre es besser, wenn wir zu mir fahren würden. Denn dann könnte ich meinen Kater füttern und mein Fahrer müsste nicht unnötig vor deiner Tür herumlungern und bei den Nachbarn Verdacht erregen.“

Es verstand sich von selbst, dass die Option zu Garrett zu fahren, eine mehr als annehmbare Alternative für Andrew war. Vor allem würde es diesem erlauben, noch ein wenig mehr über den Mann zu erfahren, in den er sich wohl oder übel und trotz besseren Wissens verliebt hatte. Oder zumindest auf dem besten Weg dorthin war. Und überhaupt, seit wann hatte Wissen Einfluss auf Gefühle?

Die Fahrt verlief in angenehmer Stille, die daher rührte, dass beide Männer noch den diversen Ohrwürmern des Konzerts nachhingen und so möglichst die ruhige Stimmung noch ein Weilchen länger konservieren wollten. Dann aber hatten sie Garretts Zuhause erreicht. Andrew war überrascht. Irgendwie hatte er etwas ähnliches wie bei seinem Bruder erwartet – eine Jugendstil-Stadtvilla oder dergleichen. Nicht aber ein so modernes, fast kantiges Gebäude mit den großen Glasflächen im Erdgeschoss. Dennoch passte es irgendwie zu Garrett.

Nachdem Andrew beinahe schon vehement erklärt hatte, dass er später einfach den Bus nehmen würde, verabschiedete sich Garrett von seinem Fahrer, vereinbarte noch die Zeit für den nächsten Morgen und wünschte ihm dann eine gute Nacht. Dann schloss er die Tür auf und bückte sich rasch, um den dunkelgrauen Pelzpfeil, der an ihm vorbei in den Garten schießen wollte, aufzuhalten. „Darf ich vorstellen: Mercutio. Seines Zeichens Stubentiger, auch wenn er gerne versucht, mich vom Gegenteil zu überzeugen.“

Andrew kraulte dem Tier kurz über den Kopf und folgte seinem Gastgeber dann in das Innere des Hauses.

„Mal sehen, vielleicht komme ich diesen Sommer endlich dazu, ihm ein Freigehege im Garten anlegen zu lassen. Aber bei dem Verkehr draußen will ich ihn lieber hier drinnen in Sicherheit wissen und ihn nicht eines Morgens vom Asphalt pflücken müssen“, erklärte Garrett, während er sich der Küche näherte. Sofort gab der Kater, der bis dato gezappelt hatte, seinen Widerstand auf und wandte den Kopf in Richtung seines Lieblingsschranks.

Andrew lachte, als der Kater leise begeistert maunzte, als Garrett tatsächlich den Schrank öffnete. „Ein berechenbarer Kater?“, fragte er.

„Nur wenn es um Futter geht“, erwiderte Garrett. Als die Katze versorgt war, wandte er sich dem Kühlschrank zu. „Bier oder lieber Wein? Milch hätten wir auch noch, aber ich fürchte, mit Apfelsaft kann ich nicht dienen.“

Andrew grinste. „Den Apfelsaft habe ich derzeit auch bloß im Kühlschrank, weil ich heute mit Anne Plätzchen gebacken habe. Aber wenn du mich so fragst, dann nehme ich gerne ein Bier.“

„Glas oder aus der Flasche?“, fragte Garrett.

Andrew zögerte. Die Etikette verlangte eigentlich nach einem Glas, er persönlich trank aber lieber aus der Flasche. Er würde auch nie verstehen, warum etwa die Deutschen ihr durchaus gutes Bier durch eine enorm große Schaumkrone verschandelten. Er wollte Bier trinken und nicht Schaum essen. Dann aber beschloss er, dass wenn Garrett schon fragte, er von dem Angebot Gebrauch machen wollte. „Flasche.“

„Bitte sehr.“ Garrett selbst schenkte sich ein Glas Rotwein ein. Irgendwie überraschte das Andrew nicht im Geringsten. Es passte zu Garrett.

Den Kater im Schlepptau machten sie es sich im Wohnzimmer gemütlich.

Andrew beäugte das helle Sofa und dann das Weinglas, das Garrett entspannt in der Hand hielt. „Hast du denn keine Angst vor möglichen Flecken auf dem Sofa?“

„Rosalind wird zwar, sollte ich kleckern, Zeter und Mordio brüllen, aber nun ja, sie ist eine wahre Zauberfee was das Entfernen von Flecken betrifft.“ Auf Andrews verwirrten Blick hin, ergänzte Garrett: „Rosalind ist meine Haushälterin. Sogar examinierte Hauswirtschaftsmeisterin. Und solange ich ihr nicht zu sehr in die Haushaltsführung hineinpfusche und unsinnige Haushaltshelfer aus der Werbung anschleppe, verzeiht sie mir sogar den ein oder anderen Fleck.“

„Du Glücklicher. Für Textilflecke bin ich selbst zuständig. Immerhin konnte ich Staubwischen und ähnlich wiederkehrende Oberflächenarbeiten outsourcen, so dass ich mich nur noch um meine Wäsche und das Geschirr kümmern muss.“

Garrett grinste. „Ich seh schon, in dir steckt ein ähnlicher Putzteufel wie in mir.“

„Was erwartest du?“, sagte Andrew mit einem nonchalanten Schulterzucken. „Ich bin zwar nur der jüngere Sohn, aber ich bin mit all den Privilegien eines Sohns des Baron Talmock aufgewachsen. Da gehörte eine Haushälterin und ein Au-pair-Mädchen prinzipiell dazu. Genauso wie die Privatschule und eine gute Universität. Immerhin war ich clever genug, mir von der Haushälterin Grundkenntnisse im Kochen und Backen vermitteln zu lassen. Lynette kann bis heute höchstens Toast in den Toaster stecken. Und Reginald... Ich glaube, der würde sogar an Instant-Kaffee scheitern.“

Obwohl er es eigentlich gewusst hatte, war Garrett doch irgendwie überrascht zu realisieren, dass Andrew ähnlich privilegiert aufgewachsen war, wie er selbst. Und da er sich nicht vorstellen konnte, dass ein Buchrestaurator so viel verdiente, dass er sich eine Wohnung in London, eine Putzfrau und was nicht noch alles leisten konnte, musste wohl auch ein Treuhandfond oder ähnliche ererbtes Vermögen im Hintergrund stehen. Was Garrett diesbezüglich aber wohl am meisten überraschte war, wie bodenständig Andrew bei all dem geblieben war. Und das war ein Punkt, über den er Näheres erfahren wollte. „Wie kommt es, dass du mit diesem Hintergrund so normal geblieben bist?“

Zum Glück nahm ihm Andrew diese doch recht persönliche Frage nicht übel. Stattdessen grinste er breit. „Glaub mir, bei den Negativbeispielen in meinem Umfeld würdest du auch alles tun, um normal zu bleiben. Zumindest, nachdem du ein wenig Realität geschnuppert hättest und festgestellt hättest, dass die Welt nicht mehr so aristokratisch geprägt ist wie noch vor hundert Jahren. Auch wenn ich glaube, dass sowohl meine Schwester als auch mein Bruder das begrüßen würden. Aber vielleicht war es auch die Tatsache, dass ich eben nur der jüngere Sohn war, dass ich einen Blick auf die Realität erhaschen konnte.“

„Sorry, aber Privatschule und so erscheinen mir nicht gerade realitätstauglich“, warf Garrett ein.

„Das vielleicht nicht. Aber dass andere Menschen für ihr Geld arbeiten müssen, habe ich gelernt, noch bevor ich in die Schule kam.“ Andrews Lächeln verhieß eine interessante Geschichte und so sah Garrett ihn einfach schweigend und fragend an.

„Ach, eigentlich ist es nichts besonderes“, meinte Andrew halb wegwerfend.

„Wenn es aber den Unterschied in deinem Verhalten und dem deiner Geschwister begründet, kann es nicht so unwichtig gewesen sein“, widersprach Garrett.

„Vielleicht hast du Recht... Dazu musst du wissen, dass die Talmocks keinen Landsitz mehr haben. Bestimmt schon seit der Zeit meines Großvaters, wenn nicht gar meines Urgroßvaters. Es muss entweder vor dem letzten Weltkrieg oder direkt danach gewesen sein. Auf jeden Fall hat der damalige Baron erkannt, dass die Zeit der Großgrundbesitzer endgültig vorbei ist. Also hat er zusammen mit seinem Sohn alles in die Wege geleitet, die Ländereien und das Haus zu veräußern, ehe der Erhalt der Gebäude die Einnahmen aus dem Land überstiegen. Er hat ein erstaunliches Gespür für den Wandel der Zeit bewiesen. Denn ohne diesen Schritt wäre die Familie heute sicherlich nicht so finanziell gesichert wie es der Fall ist. Auch das Stadthaus haben sie verkauft. So betrachtet muss es vor dem Krieg gewesen sein, denn ich bezweifle, dass das Haus den Krieg überstanden hätte, denn es war mitten in Mayfair. Auf jeden Fall wurde dafür eine Jugendstil-Villa am damaligen Stadtrand gekauft. Dort bin ich aufgewachsen und dort lebt mein Bruder heute noch mit seiner Familie. Die Tatsache, dass die Familie keinen Landsitz mehr hatte, um dort die Sommermonate zu verbringen, hat uns aber nie davon abgehalten auf dem Land Urlaub zu machen. Vielmehr haben wir die Tatsache, dass wir nicht mehr auf einen Ort für die Ferien festgelegt waren, genutzt, auch andere Teile des Landes zu erkunden. Spätere Generationen haben dann auch die weite Welt für sich erobert. Meine Eltern aber hatten eine Vorliebe für die See und auch wenn sie das Geld gehabt hätten, nach Italien oder Spanien zu fahren, haben sie es letztlich vorgezogen, ihren Urlaub in England zu verbringen. Das eine Jahr, ich war fünf oder sechs Jahre alt, waren wir in Weymouth. Hübsche Landschaft... aber das hat mich natürlich weniger interessiert. Viel wichtiger war für mich der Strand. Reginald ging schon zur Schule und war von einem seiner Freunde eingeladen worden, ein paar Wochen der Ferien bei ihm und seiner Familie auf dem Landsitz zu verbringen. Dessen Familie hatte noch den Landsitz, aber sonst auch alles an Ländereien abgestoßen... egal, für Reggie war das natürlich ein unwiderstehliches Angebot. Also waren es nur Lynette und ich, die mit den Eltern und dem Au-pair nach Weymouth gefahren sind. Aber Lynette war zu dem Zeitpunkt schon in ihrer Prinzessinnenphase, sprich mit mir am Strand im nassen Sand zu spielen war nichts für sie. Sie hat höchstens mal Muscheln gesammelt. Also hab ich allein gebuddelt. Zumindest die ersten beiden Tage. Dann aber habe ich schnell Anschluss an eine Gruppe Kinder, die dort wohnten, bekommen. Das erste, was mir auffiel war, dass keines der anderen Kinder ein Au-pair-Mädchen zu Hause hatte. Stattdessen hatten ein paar von ihnen Gastschüler über den Sommer bei sich wohnen, was für die Kinder bedeutete, dass ihre älteren Geschwister ihre Zimmer für die Gäste geräumt hatten und bei ihnen auf dem Boden auf Matratzen kampierten.“

„Um die Familienkasse aufzubessern?“, fragte Garrett wissend.

Andrew nickte. „Das war mir damals zwar nicht so bewusst, aber mir fielen halt immer mehr Unterschiede auf. Allein schon die Tatsache, dass diese Kinder ihre Sommerferien zu Hause verbrachten, statt weg zu fahren. Sie gingen auch nicht auf Privatschulen und nicht wenige erzählten, dass sie, wenn sie nach dem Sommer in die Schule kämen, die alten, abgelegten Schuluniformen ihrer Geschwister bekämen. Dass ihre Eltern beide arbeiteten. Solche Dinge eben.“

„Und was haben deine Eltern zu deinem Umgang gesagt?“

Andrew grinste. „Ich glaube, sie wussten davon so gut wie nichts. Schließlich war das Kinderhüten ja Aufgabe des Au-pair-Mädchens. Und du kannst dir sicher vorstellen, dass das Au-pair keinerlei Skrupel hatte, was meinen Umgang betraf. Schließlich entstammten die Au-pair-Mädchen meist selbst einer Familie, in der wenigstens ein Elternteil ernsthaft arbeiten ging und es keine Hausangestellten gab.“

„Ich wusste immer, dass meine Familie arbeitete“, erzählte Garrett nun seinerseits. „Wir hatten zwar auch Hausangestellte, aber auch nur, weil mein Vater so viel im Büro arbeitete, dass er unmöglich auch noch Staub wischen oder Wäsche waschen konnte. Und meine Mutter war Ärztin mit eigener Praxis im Ort. Das erlaubte ihr zwar, mehr für mich da zu sein, als mein Vater, aber nun ja... Hausarbeit war auch nicht ihre oberste Priorität. Ich habe Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass meine Mutter nicht hätte arbeiten müssen, es aber tat, weil es ihr ermöglichte, meinem Vater aus dem Weg zu gehen. So sehr sie sich zu Beginn ihrer Ehe geliebt haben müssen, irgendwann ist irgendwas schief gegangen und sie haben sich auseinander gelebt. Aber statt eine offizielle Trennung zu vollziehen, haben sie sich weiterhin ein Haus geteilt, aber jeder hat sein eigenes Leben gelebt. Ihr Sohn und die Haushälterin waren so ziemlich die einzigen Berührungspunkte. Da mutet es schon fast als Ironie des Schicksals an, dass beide gemeinsam bei einem Autounfall ums Leben kamen.“

„Das tut mir leid“, sagte Andrew.

„Glatteis“, erwiderte Garrett nur.

Andrew nickte, fragte aber nicht weiter. Es war offensichtlich, dass Garrett nach dem Tod seiner Eltern wohl das Haus auf dem Land und die Arztpraxis verkauft hatte und sich stattdessen diese Stadtvilla gekauft hatte.

Den Kater kraulend, an den Getränken nippend, hangelten sie sich von Thema zu Thema, ohne zu merken, wie es immer später wurde. Aber irgendwie schien dieser Abend dafür geschaffen zu sein, endlos zu werden. Schließlich aber konnten sich weder Andrew noch Garrett das Gähnen verkneifen. Als Andrew dann doch einen Blick auf die Uhr warf, konnte er ein Stöhnen nicht unterdrücken. Es war schon halb drei in der früh und bis er zu Hause wäre, wäre es noch wenigstens eine gute Stunde später. Und in Anbetracht der Tatsache, dass der Wecker um kurz vor sechs ging, damit er um viertel vor sieben Uhr tatsächlich aus dem Bett kam, und er eigentlich nur mit einem Minimum von fünf Stunden Nachtschlaf funktionsfähig war, würde der morgige Tag die Hölle werden. Denn sich deswegen krank melden wäre irgendwie auch nicht richtig gewesen.

Offenbar hatte sein Gesicht seine Gedanken deutlich widergespiegelt, denn Garrett sah Andrew kurz abschätzend an und sagte dann: „Ich weiß, du wolltest eigentlich den Bus nehmen, aber wenn du willst, kannst du auch hier im Gästezimmer übernachten und morgen mit mir in die City fahren.“

Alles in Andrew schien bei diesem Vorschlag Purzelbäume zu schlagen. Bei Garrett zu übernachten, mit ihm zu frühstücken, war überaus verlockend. Von dem praktischen Nutzen einer dadurch längeren Nachtruhe ganz zu schweigen. Aber was würde die Haushälterin sagen? Zumal das Gästezimmer doch mit Sicherheit nicht ständig für eventuelle Gäste vorbereitet war, oder? Und morgen dann in der Kleidung vom Vortag, dem Anzug, den er für das Konzert angehabt hatte, zur Arbeit zu gehen? Gut, er würde es vermutlich überleben, einmal die Unterwäsche zwei Tage lang zu tragen, aber trotzdem... Seine Kollegen würden ihn mehr als nur kritisch beäugen, war er doch mehr der Typ, der in Jeans, Hemd und Pullover zur Arbeit erschien. Gut, er achtete schon darauf, dass die Kleider zusammen passten und auch noch einen gewissen gepflegten Stil wahrten, aber Anzug war definitiv nicht seine Arbeitskleidung. Wäre bei seinem Job aber auch eher unpraktisch gewesen. Dazu war seine Arbeit zu handwerklich geprägt. Und in Klebstoff getauchte Krawatten waren nun wirklich nicht wünschenswert. Die Kleiderfrage beiseite schiebend, äußerte er zumindest seine Bedenken bezüglich eines gemachten Betts im Gästezimmer laut.

Garrett schüttelte nur den Kopf. „Mach dir darüber keine Gedanken... Es würde gegen Rosalinds Ehre gehen, nicht für wenigstens einen Überraschungsübernachtungsgast vorbereitet zu sein. Dementsprechend wird das Bett regelmäßig frisch bezogen, egal ob nun jemand drin genächtigt hat oder nicht, und sie wird sich morgen früh sicher freuen, zu sehen, dass jemand ihre Voraussicht zu schätzen wusste. Vermutlich wird sie sogar hoffen, mich dann zu einem richtigen Frühstück statt nur einem Müsliriegel und einem Kaffee überreden zu können. Sie sorgt sogar dafür, dass im Gästebad neue Zahnbürsten und Zahnpasta vorrätig sind.“

„Also gut“, stimmte Andrew schließlich zu und ließ sich von Garrett ins obere Stockwerk führen. Er war wirklich müde und er sah es schon kommen, dass, wenn er sich jetzt den Bus setzte, er höchstwahrscheinlich einen von mehreren Umsteigepunkten verpasste, die auf ihn warteten, um von Blackheath nach Islington zu kommen. Und Bus-Schlaf war alles andere als bekömmlich.

„Gute Nacht“, wünschte ihm Garrett, als er sich von Andrew vor der Tür des Gästezimmers verabschiedete.

„Gute Nacht.“

Später würde Andrew es einfach auf die späte Stunde und seine Müdigkeit schieben, dass er sich noch vorbeugte, und Garrett einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange hauchte.

 




Rezepte von  Laila


Adventslikör

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250 ml Schlagsahne

100 g dunkle Schokolade

2 TL Lebkuchengewürz

200 ml Schnaps z.B. Korn

Zubereitung:

Die Schlagsahne in einen Topf gegen, kurz aufkochen lassen und wieder vom Herd nehmen.
Die Schokolade grob hacken und mit dem Lebkuchengewürz zur Sahne geben. Gut rühren, bis die Schokolade zur Gänze geschmolzen ist. Danach abkühlen lassen.
Zum Schluss noch den Korn unterrühren.
Den Adventslikör am besten einen Tag durchziehen lassen - danach genießen!

Im Kühlschrank gelagert hält sich der Likör mindestens 1 Monat.

Ergibt ca. 500 ml fertigen Likör.

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Adventspunsch

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4 TL roter Tee am besten Instant

1 Stange Zimt

500 ml kochendes Wasser

100 ml Orangensaft

200 ml Kirschsaft

Etwas Honig zum Süßen

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Formularende

Zubereitung

Den Früchtetee und die Zimtstange in eine vorgewärmte Kanne geben, mit dem kochenden Wasser übergießen und 5 min. ziehen lassen.

Orangen- und Kirschsaft in einem Topf erhitzen, jedoch nicht kochen lassen.

Den Früchtetee abseihen, zu dem heißen Saft geben und mit etwas Honig süßen.

Das Getränk in Teegläser füllen und mit je einer Orangenscheibe garnieren.