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Zyklus VII - Hangzhou Provinz - Teil 4 - 6

04 

Viel hatte Leander schlussendlich doch nicht geschlafen, doch er fühlte sich schon etwas erfrischter als noch gestern abend. Er streckte sich und blickte neben sich, doch das Bett war bereits leer. Er hörte die Dusche und erhob sich langsam. „Allan?“, fragte er und suchte seinen Schatz. Groß war das Zimmer nicht und so ging er zielstrebig ins Bad.

„Hier, Schatz“, rief Allan aus der Dusche und drehte sich zu Leander um. Lächelnd winkte er ihn zu sich. Die Kabine war zwar eng, wenn zwei in ihr standen, aber er hatte nichts dagegen, dass sein Freund sich dann etwas enger an ihn drücken musste. Langsam kam Leander näher und gönnte sich einen genießenden Blick auf seinen Geliebten. Am Anfang ihrer Beziehung hätten sie wohl beide nicht gedacht, dass es etwas Dauerhaftes sein würde. „Guten Morgen, Al“, sagte Leander und folgte der ausgestreckten Hand. Das Wasser rauschte leise und lullte Leander ein, doch der schüttelte kurz den Kopf. „Gegen zehn ist ein Treffen, ich muss dir vorher noch etwas sagen“, gestand er also und sträubte sich ein wenig gegen die Nähe.

„Was ist los?“, fragte Allan und versuchte Leander in die Augen zu sehen. Wenn sein Freund so ernst wurde, war etwas nicht in Ordnung und Allan hatte immer Angst vor diesen Momenten, denn meist begab Leander sich dann in Gefahr und er musste damit rechnen, dass er nicht zurück kam.

„Du erinnerst dich doch an das, was Meodin vor ein paar Tagen gefunden hat. Über die, die die Gottgleichen so fürchten, dass sie nicht einmal ihren Namen nennen wollen“, begann er leise und lehnte sich an die Wand neben der Tür, er holte noch einmal tief Luft, dann erzählte er hastig, was er vor ein paar Stunden Erdogan erzählt hatte.

Allan war nach einer Weile zu ihm gekommen und lehnte nun neben Leander an der Wand. Er wusste, nicht was er sagen sollte. Viel zu fantastisch war diese Geschichte, die sein Geliebter ihm erzählt hatte. „Du bist wirklich einer dieser Jiang Shi?“, fragte er, nur um etwas zu sagen, denn er konnte spüren wie angespannt Leander war. Er zog ihn an sich und hielt ihn fest. „Sehr asiatisch siehst du aber nicht aus.“

„Das ist alles, was dir dazu einfällt?“, fragte Leander und ließ sich ziehen. Doch er wirkte erleichtert. Ebenso wie Erdogan war Allan einer der Menschen, bei dem es ihm das Herz gebrochen hätte, würden sich diese von ihm abwenden. Er blickte Allan an, der immer noch neben ihm lehnte, ihn aber nun im Arm hielt. „Ich liebe dich, weißt du das eigentlich?“, flüsterte er leise und schloss die Augen. Er genoss die Ruhe, die sich allmählich über ihm ausbreitete.

„Ja, das weiß ich. Aber es ist schön, es endlich einmal zu hören.“ Allan lächelte und zog Leander richtig an sich, so dass er die Arme um ihn schließen konnte. „Ich liebe dich auch“, raunte er leise in das Ohr seines Geliebten. Bisher hatten sie diese Worte nicht ausgesprochen, aber jetzt war genau der richtige Augenblick. Ihm war es egal, ob Leander ein Neo New Yorker oder ein Jiang Shi war, solange er  von ihm geliebt wurde und mit ihm zusammen sein konnte.

Leander lächelte schmal. Wieder war eine kleine Hürde genommen worden. „Komm lass uns duschen. Ich brauche noch was in den Magen, ehe ich dem Rest sagen muss, was los ist. Aber mit dir und Erdogan im Rücken wird es vielleicht nicht ganz so heftig.“ Er zog Allan mit sich und so gönnten sie sich noch ein paar Minuten unter dem warmen Wasser, ehe sie sich der Welt stellen wollten.

„Du machst das schon.“ Allan zog Leander noch einmal zu einem Kuss zu sich, nachdem sie etwas gegessen hatten. Er musste ins Labor und Leander wollte auch noch seinen Großvater kontaktieren, damit er Erdogan schon etwas mehr sagen konnte.

Also klemmte er sich hinter den Kommunikator und wählte als erstes die Nummer seines Großvaters. Doch da bekam er nur den Hinweis, dass der das Haus bereits verlassen hatte und nicht erreichbar wäre. So versuchte er es bei seiner Mutter. Dort hatte er mehr Glück. „Liebling, was treibt dich denn in meine Leitung“, begrüßte Pagane ihren Jungen und man sah ihr an, wie sie sich freute von ihm zu hören. Einmal mehr ging Leander auf, dass er sich wohl viel zu selten meldete.

„Guten Morgen, Mom“, grüßte Leander seine Mutter und lächelte. es war wirklich schon ein paar Wochen her, seit er persönlich mit ihr gesprochen hatte. Zwar hatte er ihr ab und zu eine Nachricht geschickt, aber das war es auch schon. Pagane legte den Kopf schief und sah ihren Sohn forschend an. „Was ist los, Lean?“, wollte sie wissen. „Ist etwas passiert?“

„Mehr oder weniger, deswegen muss ich unbedingt wissen, wo Opa ist. Erdogan und seine Freunde sind über Aufzeichnungen gestolpert über die Jiang Shi.“ Er musste nicht weiter ausholen, seine Mutter konnte sich selbst denken, was dies bedeutete. Er sah es an ihrem Gesicht. „Ich habe Erdogan bereits gesagt, wer ich bin und gleich werde ich den Rest aufklären. Aber ich muss wissen, wie wir weiter machen – dazu brauche ich Opa.“

„Da hast du Glück. Opa wollte in ungefähr fünf Minuten hier sein.“ Pagane war sich nicht sicher, was sie von der ganzen Geschichte halten sollte. Seit Jahrzehnten hatte sie ihr Geheimnis bewahrt und Daten gesammelt und nun fühlte sie sich schutzlos und das war kein schönes Gefühl.

Doch Leander versuchte ihr die Angst zu nehmen. „Euch wird nichts passieren. Macht euch darum keine Gedanken. Ich habe Erdogan bereits gesagt, dass ich nicht bereit bin, zum Schutz von Neo New York euch oder unser Volk zu opfern. Das sollte er nicht vergessen, sonst hat er ein Problem und ich glaube ihm, wenn er sagt, dass das nicht passieren wird. Aber um zu wissen, ob wir den Kontakt suchen sollen oder nicht, muss ich mit Opa reden. Er ist der einzige, der die Jiang Shi noch kennt, weil er unter ihnen gelebt hat.“ Leander war nervös. Er begriff nur langsam, welche Kreise das alles ziehen konnte.

„Du willst sie wirklich kontaktieren? Ich weiß nicht Jung...“ Pagane wurde durch das Läuten der Türglocke unterbrochen. „Opa ist da. Warte kurz.“ Leanders Mutter verschwand aus seinem Blickfeld und er konnte hören, wie sie ihren Vater begrüßte und ihm kurz einen Lagebericht gab. Er hörte seinen Großvater brummeln und dann konnte er das wettergegerbte Gesicht seines Großvaters sehen. „Morgen, Junge. Du willst mit Naran reden?“

„Hat sich ja schnell herum gesprochen“, lachte Leander leise und lächelte. „Aber hallo erst einmal.“ Er holte noch einmal tief Luft, dann erklärte er kurz, was besprochen worden war, nämlich dass er sich als erstes mit Opa beratschlagte und wenn der davon abriet, dann ließen auch sie die Finger davon. „Ich dachte nur, dass es vielleicht Sinn machen würde, die Ressourcen zu bündeln, wenn wir doch das gleiche Ziel haben.“

Khulan zog die Augenbrauen überlegend zusammen. Eigentlich war es nicht vorgesehen, dass die Schläfer den Kontakt suchten, aber es war nicht verboten. Schließlich konnte es immer sein, dass etwas Wichtiges weitergegeben werden musste. „Da hast du nicht Unrecht. Die Jiang Shi suchen schon lange Verbündete auf dem amerikanischen Kontinent, die ihnen helfen, die Gottgleichen zu bekämpfen.“

„Meine Sorge ist allerdings die Vorgehensweise. Wie schnell könntest du den Kontakt zum Palast suchen und mir Bescheid geben, ob es gewünscht ist, sich zu vereinen oder nicht?“, wollte Leander wissen. Wenn, dann wollte er Fakten schaffen und nicht nur mit vagen Vermutungen um die Ecke kommen. Erdogan rechnete mit ihm.

Khulan sah auf die Uhr. „Ist eine halbe Stunde früh genug, bis ich dir sagen kann, was Naran von der Sache hält? Ich melde mich bei dir.“ Wenn Leanders Großvater eine Prognose abgeben sollte, dann musste er passen. Er war schon viel zu lange von Zuhause fort, um einschätzen zu können, wie der Clanführer reagieren würde.

„Ja, sicher. Kontaktiere mich dann einfach auf meinem Kommunikator. Ab zehn Uhr werde ich mit dem Krisenstab des Prinzen zusammen sitzen. Da sie bereits über die Daten gestolpert sind, werde ich sie aufklären müssen. Aber ich warte auf deine Meldung, ehe ich den Vorschlag einer Zusammenarbeit überhaupt ansprechen werde.“ Anspannung machte sich in Leander breit, denn dutzende Gedanken schossen ihm gleichzeitig durch den Kopf. Was wollten die Jiang Shi? Was wollten die Neo New Yorker? Und selbst wenn beide das gleiche wollten, wie konnte die Zusammenarbeit gewinnbringend koordiniert werden?

„Okay, Junge, ich melde mich, wenn ich näheres weiß und danach will ich dich in den nächsten Tagen bei mir sehen. Wir haben einiges zu bereden.“ Leander nickte und sein Großvater verabschiedete sich. Er schickte seiner Mutter noch einen Kuss und hinterließ einen Gruß für seinen Vater, dann beendete er die Verbindung. Etwas erschöpft lehnte er sich zurück. Ihm schwirrte der Schädel. Er hatte genau gesehen, dass sein Großvater von der Idee nicht sehr überzeugt war und das machte es für Leander nicht leichter. Es war ihm wichtig, dass er nichts tat, was seiner Familie Ärger bereiten könnte und so saß er gerade zwischen den Stühlen.

„Nutzt ja alles nichts“, murmelte er leise, denn bevor er sich mit der ganzen Truppe traf, wollte er noch kurz Erdogan Bescheid geben, dass er die Sache ins Rollen gebracht hatte. Danach musste er auch schon los, wenn er pünktlich sein wollte. So tippte er schnell eine Nachricht und den Hinweis, dass er sich schon auf den Weg ins Observatorium machte. Vielleicht bekam er auf dem Weg dort hin den Kopf etwas frei.

Er winkte Diego zu, der gerade über den Flur flitzte, dann war er auch schon auf dem Weg.

Leander war der erste im Konferenzraum. Nicht einmal Jack war hier, der eigentlich Tag und Nacht die Kugel untersuchte.

Also nutzte Leander die ungestörten Momente und drehte die Weltkugel so, dass er Asien vor sich hatte. Hier kamen seine Vorfahren her und er fragte sich, wie schon so oft, wie sein Leben dort verlaufen wäre. Hätte er sich auch für die Armee entschieden, oder wäre er Handwerker, oder etwas anderes geworden. Auffällig war es schon, dass ein Teil der Kuppeln, die hier lagen, schwarz waren. Nachdenklich begann er zu zählen. Es waren unzählige kleine Kuppeln. Einige blau oder grün, so wie Neo New York, die schwarze zusammenhängende Masse sah aus wie eine Amöbe. Sie war noch relativ klein, aber bildete eine undurchdringliche Front.

„In eurem Gebiet wart ihr sehr erfolgreich“, murmelte er. Allein wenn man bedachte, dass all diese Kuppeln von den Gottgleichen gesäubert worden waren. Eine Zusammenarbeit mit den Jiang Shi würde auch hier einiges bewegen und sie hatten vielleicht eine Chance diesen Monstern beizukommen. Und wenn es nur ihr Erfolgsgeheimnis war, was sie teilten, denn auf physische Hilfe hoffte Leander nicht. Dafür war auf dem eigenen Kontinent für die Jiang Shi noch viel zu viel zu tun, als dass sie die Hände nach Amerika ausstrecken würden.

„Na? Was suchst du?“ Jack war der erste, der das Observatorium betrat. Er wollte die Minuten noch für ein paar Forschungen nutzen.

„Nichts, sie gehört dir.“ Leander trat von der Kugel zurück und überließ Jack das Feld. Der Geologe fing auch gleich an, die Einstellungen zu verändern und mittlerweile war er so geübt darin, dass einem fast schwindelig dabei wurde, so wie die Kugel rotierte. Schnell hatte er wieder das vor Augen, womit er sich beschäftigte. Das waren die Atlantis-Kuppeln rings um den amerikanischen Kontinent. Er hatte nicht eine Minute die Kuppeln in Asien gewürdigt und Leander ging auf, dass ihr Interesse bisher nicht auf Kuppeln gelegen hatte, die so weit entfernt waren. Würde sich das ändern? Er wusste es nicht, denn selbst wenn sie den Kontakt fanden und offen empfangen wurden, hatten sie kaum Möglichkeiten. Die Kuppeln lagen nicht am Meer. Die U-Boote dürften nutzlos sein.

Aber das schob er erst einmal weiter nach hinten. Darüber konnten sie nachdenken, wenn sich die Jiang Shi wirklich mit ihnen verbünden wollten. Da er nichts weiter zu tun hatte, setzte Leander sich auf die Umrandung und beobachtete Jack bei seiner Arbeit. Der hatte schon lange nicht mehr gedrängelt nach draußen gelassen zu werden. So sehr faszinierte ihn die Kugel und die Daten, die sie speicherte.

„Doch nicht erster?“ Meodin steckte den Kopf zur Tür rein und so blickte Leander auf. Wenn das Seepferdchen hier war, war der Prinz nicht weit. Und tatsächlich kam er wenige Augenblicke nach seinem Liebling durch die Tür. Er sah sich kurz suchend um und lächelte, als er Leander etwas zusammengesunken auf den Steinen entdeckte.

Leander winkte kurz und straffte sich. Er musste da jetzt durch. Er sah Erdogan und Meodin entgegen, die zu ihm kamen und sich neben ihn setzten. „Schon was von deinem Großvater gehört?“, fragte der Prinz und zog sein Seepferdchen neben sich.

„Von wessen Großvater?“, wollte Meodin wissen, der die Frage nicht ganz verstand. Erdogan strich ihm durch die Haare. „Leander wollte mit seinem Opa reden“, erklärte er und Meodin nickte. Er wusste zwar nicht warum, doch er fragte auch nicht nach. Lieber huschte er wieder zur Tür. Ungeduldig wartete er auf Thom. Der versuchte seit zwei Tagen die Daten zu entpacken, auf die das Seepferdchen gestoßen war. Keiner war so extrem neugierig auf das, was sie verbargen, wie Meodin selbst. Zumindest schien es so. Und je länger es dauerte, umso ungeduldiger wurde er. Deswegen war Leanders Großvater auch bereits wieder vergessen.

Erdogan zuckte grinsend die Schultern. Leander kannte das Seepferdchen, darum musste er nichts sagen „Und, hast du deinen Großvater erreicht?“  Davon hing einiges ab und der Prinz hätte das gerne geklärt, bevor die anderen dazu kamen.

„Ja“, sagte Leander leise, doch Jack ignorierte sie völlig. Er war wie eine junge Katze mit einem Knäuel Wolle. Er drehte und untersuchte und hatte die Welt um sich herum ausgeblendet. Leander setzte sich bereits an den Tisch und der Prinz nahm neben ihm Platz. „Er kontaktiert jetzt die Jiang Shi und meldet sich, sobald er mehr weiß. Er will erfragen, ob der Kontakt gewünscht ist oder nicht.“

Erdogan nickte. Das war schon mal ein Anfang. Wenn die Jiang Shi den Kontakt wollten, konnten die Gespräche beginnen. „Ich nehme mal an, er meldet sich bei dir.“ So nach und nach trudelten die anderen ein und Meodin belagerte Thom, weil er wissen wollte, wie weit der Techniker war. Doch der musste das Seepferdchen vertrösten, denn er hatte die Daten immer noch nicht decodieren können. Das zerrte an seinem Ego und da half es gar nicht, dass Meodin leise moserte. Und ehe noch etwas passierte, sammelte Erdogan seinen Liebling lieber ein. Man merkte, das Meodin noch sehr jung war, denn im Umgang mit Menschen war er noch etwas ungeschickt. Aber das würde sich noch geben, da war sich der Prinz sicher.

„Was war denn so wichtig, dass du nachts um eins noch eine Nachricht verschickst?“, wollte Archiaon wissen. Heute Nachmittag wollte er zusammen mit seinem Freund nach Atlantis zurück kehren.

Erdogan sah in die Runde und alle waren mittlerweile da, darum rief Erdogan sie an den Tisch. „Wie Archiaon schon gefragt hat, wollt ihr sicherlich alle wissen, warum ich die Besprechung heute einberufen habe. Es hat sich einiges neues bezüglich der Jiang Shi ergeben, das ich mit euch besprechen wollte.“ Der Prinz war sich sicher, dass er jetzt die Aufmerksamkeit aller hatte und nickte Leander zu. Er konnte beobachten, wie jeder seinen Platz einnahm. Sie guckten schon etwas fragend, warum nicht der Prinz sondern Leander stehen blieb. Und der wollte auch nicht lange um den heißen Brei herum reden und erklärte mit wenigen Sätzen das, was er auch Allan und Erdogan schon erklärt hatte.

„Du?“, fragte Jack, der den jungen Soldaten aus schmalen Augen ansah. „Du bist einer von ihnen?“

Leander nickte, was sollte er auch anderes tun.

„Du bist also ein Verräter, ein Spion – was willst du jetzt? Uns verkaufen?“

„Jack“, knurrte Erdogan, aber der Geologe ließ sich davon nicht einschüchtern. Er blickte Leander böse an. „Thom arbeitet noch am Algorithmus, da kannst du uns viel erzählen. Ist doch merkwürdig, dass du uns noch schnell einweihst, bevor wir nachlesen können, was die Jiang Chi eigentlich sind. Hattest du gehofft, dass wir es dann sein lassen?“

Leander blickte stoisch auf den Geologen. „Ich kann dir dein Misstrauen nicht verübeln. Es hat nichts damit zu tun, ob Thom die Datei öffnen kann oder nicht. Ob du mir glaubst oder nicht, ist mir persönlich ebenfalls egal. Schließlich hast du Recht. Ich kann dir viel erzählen, wenn der Tag lang ist. Warum ich mich wirklich offenbart habe, ist nicht, weil ich glaube, dass etwas über mich in der Datei stehen wird – das tut es nämlich nicht. Wichtig für mich ist die Tatsache, dass Neo New York in meinen Augen ein Verbündeter sein kann. Wir haben die gleichen Ziele.“

Jack schnaubte und sah Leander feindselig an. „Das glaube ich dir erst, wenn ich die Daten gesehen habe und deine Angaben überprüfen konnte.“ Man sah allen an, dass sie von den Neuigkeiten geschockt waren. „Du bist ein Schläfer?“, fragte Daniel und er wusste nicht, was er davon halten sollte, aber er war nicht so negativ eingestellt wie Jack.

„Na ja“ Leander grinste schief und kratzte sich am Kopf. „Mein Großvater kam als Schläfer, um die Kuppel zu beobachten. Wir sind seine Familie und werden seiner Aufgabe niemals zuwider handeln. Allerdings sucht er gerade den Kontakt zu den Jiang Shi und wird sich erkundigen, ob der direkte Kontakt zu uns gewünscht ist. Wenn ja, können wir vielleicht eine Menge Fragen beantwortet bekommen ohne die Datei öffnen zu müssen. Das kann ich nämlich leider auch nicht. Ich kenne die Verschlüsselung der Gottgleichen nicht.“

„Ich werde das schon knacken“, murmelte Thom und zuckte leicht, als alle Augen sich auf ihn richteten. „Leander ist einer von uns, egal ob seine Familie irgendwann einmal hierher gekommen ist. Und ich werde diese verdammten Daten entpacken, damit alle sehen können, dass Lean kein Verräter ist.“

„Danke“, sagte Leander und sah sich um, als ein paar von ihnen zustimmend auf den Tisch klopften. „Ich weiß am besten, wie er sich gefühlt haben muss“, sagte Archiaon „und ich werde auch mit meinen Leuten über das reden, was hier zur Debatte steht. Wenn wir die Chance haben, jemanden zu kontaktieren der den Gottgleichen Feuer unter dem Arsch machen kann, sollten wir die auch nutzen.“

„Ja, das sollten wir wohl“, sagte auch Daniel. So war es nur noch Jack, der grimmig guckte. Aber er war überstimmt und so musste er sich erst einmal damit begnügen, alles zu beobachten und Leander im Blick zu halten. „Gut, dann bleibt uns nur noch abzuwarten, bis sich Leanders Großvater meldet“, schloss Erdogan die Diskussion.

„Was machen wir, wenn die Jiang Shi den Kontakt ablehnen? Kann ja passieren?“, wollte Ewan wissen, denn er mochte es nicht, wenn man sich plötzlich auf Hilfe von außen versteifen wollte. Sie hatten selber genügend Dreck im Nest, den mussten sie selber beseitigen. „Die Wasserversorgung ist gesichert, die Feldversuche mit den Paaren in Neo New York laufen. Aber wir müssen weiter machen. Wir sind die noch lange nicht los.“

„Sicher machen wir weiter.“ Erdogan schüttelte den Kopf. „Die Jiang Shi sind weit weg, so dass sie uns bei unseren Problemen hier erst einmal wohl nicht helfen können. Wir müssen uns also selber darum kümmern, so wie bisher auch. Was ich hoffe, von ihnen zu bekommen, ist Wissen und die Möglichkeit auf gegenseitige Hilfe, wenn es notwendig ist.“

„Okay, dann sind wir uns ja einig“, sagte Ewan und wirkte zufrieden. Nichts anderes hatte er vom Prinzen erwartet, doch er hatte es noch einmal hören wollen. Meodin neben ihm beäugte immer noch Leander. Er hatte nicht alles von dem, was gesagt worden war, verstanden, doch er schwieg. Erdogan hatte ihm erklärt, dass man Fragen, die peinlich sein konnten, nicht im großen Kreis stellen sollte. Er würde das also später noch einmal hinterfragen.

Leander zuckte, als sich sein Kommunikator meldete.

Sein Herz klopfte, als er seinen Großvater sehen konnte. Viel hing für ihn von dem ab, was der Anführer der Jiang Shi davon hielt, mit den Neo New Yorkern in Kontakt zu treten. „Hallo Opa“, meldete er sich und Erdogan drückte ihm beruhigend die Schulter. Er wollte seinem Freund zeigen, dass sie Freunde blieben, egal, was werden würde.

„Lean, mein Junge. Sitzt der Kopf noch auf den Schultern?“, wollte Khulan wissen, doch es war ein Scherz. Er ging davon aus, dass man Leander wegen seiner Leistungen schätzte. Er hatte schließlich nichts Unrechtes getan.

„Ja, und wenn nicht, hätte Daniel ihn ja wieder annähen können. Aber was hast du in Erfahrung gebracht?“, entgegnete sein Enkel und Leander war aufgeregt. Er musste den Komunikator auf den Tisch legen, weil seine Finger klamm wurden.

„Naran war interessiert. Ich weiß nicht woher, aber er weiß von euch und eurem Tun und würde den Prinzen gern sprechen.“

Das ließ Erdogan aufhorchen. Er stellte sich so, dass Leanders Großvater ihn sehe konnte und grüßte ihn. „Er hat von uns gehört?“, fragte er ungläubig. Dass Leanders Familie nie von ihnen berichtet hatte, wusste er. „Wann will er mich denn sprechen?“, fragte er.

„Er hat mir eine Stunde eingeräumt. Wenn ich dir die Adresse gebe, wähle die Nummer an – die Kommunikation nach draußen ist vom Labor aus möglich“, entgegnete Khulan und blickte nun auch den Prinzen an. „Die Zeit ist bald um, also wählt bitte.“ Er gab den Zahlencode durch und Thom hastete zum großen Bildschirm, um dort die Anwahl zu starten. Gespanntes Schweigen erfüllte den Raum.

„Unser Techniker stellt die Verbindung her.“ Erdogan strich sich einmal durch die Haare und nickte Leander zu. Er war angespannt, aber sie mussten die Chance wahrnehmen. Er straffte sich, als der Bildschirm anzeigte, dass die Verbindung aufgebaut wurde und ein Mann zu sehen war, der ihnen entgegen sah.

„Naran?“, fragte er und verneigte sich leicht. „Ich bin Prinz Erdogan, ich grüße Sie.“

„Auch euch gilt mein Gruß“, erklärte Naran. Seine Augen blickten suchend und so tat Leander das erste, was ihm in den Sinn kam. Er stellte das Display seines Kommunikators auf Hologramm und so konnte Naran neben dem Prinzen Khulan sehen. Der Clanchef erkannte seinen Mann und nickte ihm zu.

„Hallo“, entgegnete auch Khulan, hielt sich aber im Hintergrund. Derweil wurde Naran von allen am Tisch heimlich beäugt. Der Mann war mittleren Alters, seine Augen wirkten wach. Hinter ihm sah man zwei junge Männer stehen.

„Man wollte mich sprechen“, erklärte Naran, weil der Prinz schwieg.

„Ja, das wollte ich und ich bin froh, dass es so schnell geklappt hat. Wir haben erst vor zwei Tagen von den Jiang Shi gehört. Wir haben Daten aus dem Archiv der Gottgleichen runtergeladen und sind dabei auf euch gestoßen.“ Erdogan sah in die hellen Augen Narans und fühlte sich etwas unwohl dabei. Er hatte das Gefühl, dass der Anführer der Jiang Shi bis in seine Seele blicken konnte.

Amüsiert hob Naran eine Braue. „So, so. Sie führen uns in ihren Archiven“, lachte er leise und sah sich zu seinem General um, doch der junge Mann mit den roten Haaren verzog keine Miene. Er wirkte beängstigend auf Leander, mehr noch als der Clanchef, von dem er wusste, dass er ein Vampir war.

„Was also wollt ihr wissen“, drängte Naran. Er konnte zwar verstehen, dass die Menschen etwas aufgescheucht waren, doch er hatte eigentlich noch anderes zu tun. Seinem Clanmitglied zuliebe hatte er dem Gespräch zugestimmt. Vielleicht waren die Jungs um Erdogan ganz nützlich.

„Nun, wir stehen gerade erst am Anfang bei unserem Kampf gegen die Gottgleichen. Wir haben kleine Erfolge erzielt und auch Verbündete gewonnen.“ Erdogan lächelte kurz. „Nachdem Khulans Enkel mir offenbart hat, dass er ebenfalls zu eurem Clan gehört, habe ich eine Chance gesehen, vielleicht neue Verbündete zu finden, oder aber, wenn  dies nicht gewünscht ist, vielleicht Wissen zu tauschen.“

Naran nickte. Der Mensch hielt nicht hinter dem Berg. Er versuchte nicht sich etwas zu erschleichen, sondern sagte offen, was er wollte. Er schätzte das. „Ich werde euer Anliegen mit meinem Rat diskutieren. Wir werden sehen, was sich machen lässt. Ist dies der Kommunikator, über den ich euch erreichen kann? Dann würde ich mich melden, sobald wir zu einer Einigung gekommen sind. Ich will dies nicht über den Kopf meines Volkes hinweg entscheiden“, erklärte der Clanchef und meinte das auch genau so. Der junge Prinz gefiel ihm, er wirkte entschlossen und selbstständig. Verbündete auf einem anderen Kontinent konnten Vorteile bringen. Doch er musste mit Akuma reden, der unmerklich geknurrt hatte. Das bedeutete meistens nichts Gutes.

„Ja, ich bin über diesen Kommunikator erreichbar. Meldet euch, wann immer ihr mit eurem Rat gesprochen habt.“ Erdogan war nicht enttäuscht, dass der Jiang Shi nicht sofort auf seinen Vorschlag einging. Er hätte es nicht anders gemacht. Schließlich war es eine wichtige Entscheidung, die gefällt werden musste. „Ich danke euch, dass ihr euch bereit erklärt habt, mit mir zu reden.“


05 

Hangzhou Provinz – Maru-Yane GX12-38


Naran nickte und verabschiedete sich, dann trennte er die Verbindung. Sein erster Blick ging zu Akuma, der hinter ihm an der Wand lehnte, der leere Blick ging starr gerade aus. „Du hast Bedenken, oder?“, fragte er direkt und Akuma blickte auf. Langsam füllten sich die Augen wieder mit Leben und Naran spürte einmal mehr, dass er handeln musste. Er hatte Angst seinen General zu verlieren, wenn nicht bald etwas geschah. „Wir sollten ihnen nicht blind vertrauen. Wir wissen nichts über sie und das sie so direkt auf uns zu  kommen macht mich stutzig.“

„Sie sind wohl rein zufällig auf uns in den Aufzeichnungen der Gottgleichen gestoßen. Khulan hat mir erklärt, dass sie erst seit wenigen Monaten überhaupt von denen wissen und sie seit dem bekämpfen. Wenn Khulans Enkel ihnen nicht von uns erzählt hätte, dann wären sie noch lange nicht soweit.“ Naran wollte hören, was Akuma von der Sache hielt, denn der General hatte ein gutes Gespür.

„Mag sein“, entgegnete Akuma, doch er wirkte angespannt. „Ich glaube ja vielleicht sogar, dass sie selbst auch gegen die Bekloppten kämpfen wollen, aber ich glaube, wir haben hier genug zu tun. Wir werden weder die Zeit haben, sie zu unterstützen, noch werden wir die Möglichkeit haben sie anzulernen. Ich sehe für uns keinen Vorteil.“

Naran musste lächeln. So eine Antwort hatte er von Akuma erwartet. „Das ist schon richtig, im Moment haben wir von einem Abkommen mit den Menschen aus Neo New York noch keinen Vorteil, aber wenn man längerfristiger plant, kann so eine Allianz sehr vorteilhaft sein.“

„Oder unser Untergang“, sagte Akuma und knurrte, als Bahadur sich von der Wand abstieß und wissen wollte, warum der General immer nur das schlechte sah. „Ich sehe nicht immer nur das schlechte. Aber im Moment haben wir nicht einmal genügend Leute, um unsere eigenen Kuppeln zu befreien. Wir haben weder die Zeit noch die Mannschaft zum expandieren. Die Jungs müssen alleine klar kommen.“ Akumas dunkle Augen blitzten und das Leder seines Mantels raschelte, als er sich auf Bahadur zu bewegte.

„So weit ich weiß, hat dieser Erdogan nichts davon gesagt, dass er Männer von uns haben will.“ Bahadur konnte es einfach nicht lassen, aber Akuma reizte ihn schon wieder. „Ich finde, wir sollten uns anhören, was er für Vorstellungen für eine Zusammenarbeit hat.“

„Dann tut das“, erklärte Akuma emotionslos. Er wusste, dass er in der Nahrungskette unter den beiden stand. Bahadur war zwar nur ein Colonel, doch er war auch der Prinz des Clans. Sollte der Clanchef entscheiden, wie zu verfahren war und ihn dann informieren. „Wir werden sehen, wie der hohe Rat entscheidet. Ich würde mich gern zurück ziehen, wenn ich nicht mehr gebraucht werde“, sagte er und blickte Naran an. Dabei ignorierte er Bahadur absichtlich.

„Doch, du wirst noch gebraucht.“ Für den Bruchteil einer Sekunde war Akuma überrascht, aber dann setzt er wieder seine emotionslose Maske auf. Naran gefiel das gar nicht, zeigte es ihm doch, dass endlich etwas passieren musste, wenn er seinen besten Mann nicht verlieren wollte. Nicht umsonst hatte er Bahadur in dessen Truppe integriert. Er sollte ihn unterstützen und Halt geben. Doch noch waren sich die beiden nicht sonderlich grün.

„Was gibt es noch?“, wollte Akuma wissen. Es drängte ihn in den Trainingsraum. Er wollte den Kopf frei bekommen. Im Moment war da drinnen noch viel zu viel, was an seiner Seele nagte. Auf der einen Seite schmerzlich auf der anderen Seite faszinierend. War er doch der Meinung, dass er schon längst keine Seele mehr hätte.

„Ich habe die Berichte von eurer letzten Mission gelesen und bin sehr zufrieden. Ihr beide habt euch kaum gekannt, aber trotzdem war eure Zusammenarbeit ein voller Erfolg.“ Naran sah die beiden Männer vor sich an, die offensichtlich nicht sehr davon angetan waren, hier mit dem jeweils anderen zu sein. „Ich habe beschlossen, dass ihr ab sofort eng zusammenarbeiten werdet.“

„Wie soll das aussehen?“, wollte Akuma als erstes wissen, denn so wie es gelaufen war, war ihm das eigentlich schon eng genug. Sie hatten funktioniert und einander vertraut, mehr musste nicht sein und mehr war in seinen Augen auch nicht notwendig.

„Ihr sollt eine Einheit bilden, wo ihr euch blind aufeinander verlassen könnt.“ Naran versuchte die bösen Blicke seines Sohnes zu ignorieren. „Darum werdet ihr ein gemeinsames Quartier beziehen und eure gesamte Zeit miteinander verbringen, außer es ist aus dienstlichen Gründen nicht möglich. Ihr sollt euch kennen lernen und Vertrauen aufbauen.“

„Halt! Moment!“ Das erste Mal seit langem zeigte Akuma Emotionen und seine Augen blitzten wütend. „Wofür werde ich bestraft?“, wollte er wissen, denn anders konnte er die Forderung des Clanchefs nicht interpretieren. Jeder wusste, dass er seine Ruhe brauchte und alles davon abhing, wie intensiv er sich in seiner Meditation regenerieren konnte. Dazu brauchte er Einsamkeit.

„Akuma, das ist keine Bestrafung.“ Naran sah seinen General an und war etwas über die Heftigkeit seines Einwurfes erstaunt. War sein Plan vielleicht doch nicht so gut, wie er gehofft hatte? Denn auch Bahadur blitzte seinen Vater wütend an. „Wir brauchen ein Führungsteam und ihr beide seid nun einmal die höchsten Offiziere. Von euch hängt es ab, ob unsere Missionen gelingen oder scheitern.“

„Vater, wir haben bewiesen, dass wir zusammen arbeiten können, wenn es nötig ist. Ich glaube nicht, dass es unserem Verhältnis gut tun würde, wenn wir 24 Stunden am Tag einander im Weg sind.“ Bahadur versuchte das so nett wie nur möglich zu umschreiben, dass er ganz bestimmt keinen Wert darauf legte, als erstes am Morgen das Gesicht des Generals zu sehen. Akuma war das völlig bewusst, doch er musste dem Colonel zustimmen. „Wir sind Einzelgänger. Dem sollte man nicht entgegen wirken wollen. Das ist kontraproduktiv.“

„Das sehe ich anders.“ Naran zog die Augenbraue zusammen, ein sicheres Indiz dafür, dass er langsam die Geduld verlor. „Ihr habt bisher alleine gearbeitet, aber das heißt nicht, dass ihr als Team nicht noch effektiver seid. Wir werden es ausprobieren und wenn es nicht klappt, wird es wieder geändert.“

Akumas Gesicht verschloss sich wieder. „Was bedeutet das? Ich werde mein Apartment bestimmt nicht aufgeben.“

„Ich auch nicht“, erklärte Bahadur gleich, nicht dass sein Vater noch auf blöde Ideen kam. Er verstand sowieso nicht, was der mit der Aktion bezweckte. Er musste später unbedingt mit ihm reden. Vielleicht konnte er alles noch etwas abmildern. Zusammen trainieren ging ja noch – aber wohnen auf keinen Fall! Dann kam ihn Panja bestimmt nicht mehr besuchen.

„Ihr könnt eure Appartements behalten, aber ihr werdet dort nicht mehr wohnen. Ich habe für euch eine neue Unterkunft vorbereitet. Gleich nach dieser Besprechung werdet ihr eure Sachen dorthin bringen.“ Naran ließ sich nicht beirren, egal wie wütend und abweisend Akuma und Bahadur waren.

„Wegen mir“, erklärte Akuma nur. Er würde sich dann absetzen. Er war sich ziemlich sicher, dass Bahadur nicht böse darüber war, wenn sie getrennte Wege gingen, wo es nur möglich war. Und seine Trainingshalle war sein Heiligtum. Da hatte keiner was verloren – auch der Prinz nicht.

Bahadur blitzte seinen Vater wütend an, aber er kannte ihn gut genug, dass er wusste, dass Naran jetzt keinen Widerspruch duldete. „Und wir sollen wirklich alles zusammen machen?“, fragte er noch einmal. Er hoffte ja, dass er das falsch verstanden hatte.

„Ja, du wirst mit Akuma trainieren und er wird dich bei deinen Sprengstoffversuchen begleiten. Ihr werdet gemeinsam essen und die Missionen planen – und WIR unterhalten uns gleich noch mal!“ Dabei sah er seinen Jungen eindringlich an. Er war die drängenden Worte allmählich leid.

„Meine Trainingsarena ist für Fremde nicht offen“, erklärte Akuma.

„Die Trainingsarena ist solange für Bahadur offen, wie ich es sage.“ Narans Ton wurde etwas schärfer. Er konnte verstehen, dass der General seinen Trainingsraum als sein Eigentum ansah, aber so war es nicht, denn der Rat hatte ihm diesen Raum zur Verfügung gestellt.

Akuma nickte, die Augen wurden trüb. „Ich werde packen gehen. Oder gibt es noch etwas?“ Er ging davon aus, dass man ihm die Adresse noch mitteilen würde. Aber er musste hier raus und die Spannungen abbauen. Sonst platzte er. Sein Schädel hämmerte und wenn er nicht bald zum meditieren kam, konnte er für nichts mehr garantieren.

„Nein, das war alles, Akuma. Tulga wird dir den Weg zu deinem neuen Quartier zeigen.“ Naran lächelte kurz und sah Akuma hinterher, bis er den Raum verlassen hatte. Erst dann drehte er sich zu seinem Sohn und sah ihn verstimmt an. „Kannst du mir mal sagen, was das sollte? Ich habe mir durchaus etwas dabei gedacht, wenn ich dich mit Akuma zusammenstecke.“

Bahadur lehnte an der Wand und sah seinen Vater immer noch finster an. „Kann ja alles sein. Aber er ist absolut unumgänglich. Er ist nicht das, womit man sich den Tag vertreiben möchte. Er ist ein guter Soldat aber menschlich eine mittelschwere Katastrophe. So kann ich mich nicht vorbereiten.“ Es war unüblich, dass er seinem Vater so intensiv die Stirn bot, aber hier hing mehr davon ab als nur seine Ruhe.

„Du hast es erfasst. Menschlich ist Akuma eine mittelschwere Katastrophe und eine tickende Zeitbombe, die wir unbedingt entschärfen müssen.“ Naran machte sich darauf gefasst, dass sein Sohn ihn gleich fragte, was er denn damit zutun hätte. Und er wurde nicht enttäuscht.

„Sag mir nicht, ich bin sein Babysitter und passe auf, dass er nichts Unrechtes macht?“ Bahadur wirkte ziemlich schockiert. Er war also gar nicht der Einheit des Generals zugeteilt worden, weil er der beste Sprengmeister war, sondern nur, weil er auf den Kerl aufpassen sollte?

„Ja und nein, Bahadur.“ Naran seufzte. „Du sollst nicht sein Babysitter sein, sondern ein Freund, Vertrauter.“ Er sah seinen Sohn entschuldigend an, weil er sich denken konnte, was sein Sohn von der ganzen Sache hielt. „Akuma wird nichts Unrechtes tun, aber ich befürchte, dass er sich selbst etwas antut, wenn er weiterhin alles in sich hineinfrisst. Er zerbricht an seinem Job und das muss ich verhindern.“

„Er“ Bahadur stoppte und dachte nach. „Er sucht sich die Jobs doch selber aus. Es ist ja nicht so, als würden sich andere nicht auch dazu anbieten, doch er lehnt jeden ab. Hab ich doch selber gesehen. Ich glaube also nicht, dass er...“ der Prinz zuckte die Schultern. Er hatte keine Lust, den großen Schweiger zum Reden zu bringen.

„Ja, er sucht sich die Jobs aus, weil er niemandem zumuten will, jemanden zu töten. Da macht er es lieber selber. Allerdings verschwindet er danach immer in seinem Trainingsraum und powert sich stundenlang aus. Zum Schlafen nimmt er Tabletten. Das ist sehr bedenklich.“ Naran tippte die Fingerspitzen aneinander. Er sah seinen Sohn eindringlich an und grinste dann. „Du bist der einzige, dem ich zutraue, ihn da raus zu bekommen und gleichzeitig habe ich meine besten Soldaten zu einer Einheit zusammen bekommen.“

„Na toll!“ Bahadur begriff langsam, was er eigentlich machen sollte. Er setzte sich auf die Ecke des Schreibtisches und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich soll ihm also auf den Zahn fühlen, ihn dazu bringen, dass er nicht alles selber macht und dafür, dass er redet, anstatt sich kaputt zu machen. Echt prima.“ Dafür hatte er also eine Militärausbildung gemacht?

„Ja so ungefähr hatte ich mir das vorgestellt, mein Sohn.“ Ein wenig hatte Naran ja schon ein schlechtes Gewissen, aber wenn es gar nicht klappte, konnte er sich immer noch um entscheiden. „Aber jetzt mal was anderes. Was hältst du von diesen Neo New Yorkern? Sollen wir mit ihnen zusammenarbeiten?“

„Anders als Akuma glaube ich schon, dass es nicht schaden kann, ein Netzwerk aufzubauen. Doch ich stimme ihm zu, dass man ihnen nicht einfach blind vertrauen sollte. Sie kamen zu spontan und zu zielstrebig. Unsre Leute sollen ein bisschen mehr über sie herausfinden, ehe wir sie wieder kontaktieren.“ Bahadur lehnte aber nicht grundlegend ab

„Ja, so wollte ich das auch machen. Obwohl dieser Prinz mir imponiert hat. Er hat klar gesagt, was er will und nicht drum rum geredet. Ich weiß wohl, dass er uns wohl nichts Neues über die Gottgleichen erzählen kann, aber wer weiß. Überraschungen gibt es immer wieder.“ Naran hatte sich schon entschieden und sein Sohn hatte ihn in seinem Entschluss bestätigt.

„Neues muss es gar nicht sein. Wir brauchen mehr Herde, an denen wir sie treffen können. Kleine Nadelstiche in jeder Kuppel. Damit sie endlich merken, dass ihnen diese Welt nicht gehört und niemals gehören wird..“ Bahadur fand schon, dass der Prinz der Neo New Yorker dafür ziemlich geeignet wäre. Doch er wollte sehen, was ihre Kundschafter zu berichten wussten.

„Und jetzt werde ich wohl im Trainingsareal verschwinden und gucken, was Akuma so treibt.“ Lust hatte er keine, doch danach fragte ja keiner.

„Mach das. Ich werde Khulan kontaktieren und ihn ein wenig über den Prinzen ausfragen.“ Darauf freute sich Naran sogar, denn er kannte Khulan noch persönlich, denn sie waren in etwa gleich alt. Er war ein Freund seines Vaters gewesen, der sich freiwillig für den Außendienst gemeldet hatte.

„Lass mir die Informationen auch zukommen“, sagte Bahadur noch, ehe er sich verabschiedete. Ihm stand weitaus weniger erfreuliches bevor als seinem Vater. Er würde auch lieber ein bisschen plaudern, als sich dem General ungefragt an die Fersen zu heften. Kurz überlegte der Prinz, ob er nicht erst seine Sachen umziehen sollte, doch dann schüttelte er den Kopf. Das bisschen, was er brauchte, konnte er auch nach dem Training holen und in das gemeinsame Apartment bringen. Vielleicht war es besser, sie trafen sich erst einmal auf weniger brisantem Gebiet.

Obwohl, so wie der Trainingsraum von Akuma  gegen Fremde verteidigt wurde, war das auch nicht gerade neutrales Gebiet. „Was soll’s.“ Bahadur zuckte die Schultern. Irgendwo musste er auf Akuma treffen und krachen würde es eh, da war im Trainingsraum wenigstens nicht so viel, was kaputt gehen konnte. Der Einstieg in die Katakomben unter dem Marktplatz war schnell gefunden. Damit es nicht so aussah, als würde er sich anschleichen, rief Bahadur immer wieder nach dem General, auch wenn er nicht davon ausging, dass der sich bemerkbar machte. So angepisst, wie der vorhin abgerauscht war, versprachen die nächsten Stunden reichlich Spaß.

Er war noch nie in dem Trainingsraum gewesen und pfiff leise durch die Zähne, als er die riesige Halle sah, in der Akuma gerade seine Runden drehte. Er war sich sicher, dass der General ihn schon bemerkt hatte, auch wenn er das nicht zeigte. Dem Kerl entging einfach nichts. Das war zum verrückt werden.

Akuma verbot es sich, das Erscheinen des Prinzen zu kommentieren. Schließlich war es die Order des Clanchefs gewesen. Sollte der Kerl hier eben auch trainieren, solange er Akuma zufrieden ließ. Vielleicht gelang es ihnen ja, nebeneinander her zu existieren. Das sollte doch in ihrer beider Interesse liegen.

Aber erst einmal ging Bahadur zu den Umkleiden. Wie in anderen Trainingshallen auch war hier Trainingsbekleidung vorhanden, so dass der Prinz sich umziehen konnte. Wie sonst auch, zog er sein Trainingsprogramm durch und fing mit seinen Laufübungen an, um sich aufzuwärmen. Akuma beobachtete ihn aus dem Augenwinkel und ärgerte sich darüber, dass er nicht einfach abschalten und den Mann ignorieren konnte.  Eigentlich zog er sich hier hin zurück, um keinerlei Ablenkung zu finden – doch das ging nicht. Tarek hatte er gut ausblenden können, obwohl der die ganze Zeit bei ihm gewesen war – Bahadur hingegen reizte ihn durch seine bloße Anwesenheit. So bekam er doch den Kopf niemals frei.

Auf ihren Runden trafen sie unweigerlich aufeinander und jedes Mal fiel es Akuma schwerer sich zu beherrschen. Dieser dämliche Vampir hatte hier nichts verloren. Das war seine Zuflucht! Immer wieder knurrte er leise, was auch Bahadur bemerkte. Zwar mochte er es gar nicht, so angefeindet zu werden, doch er kam nicht drum herum festzustellen, dass der General angeschlagen sein musste, wenn er so reagierte. Er hatte sich nur noch schwer im Griff und er erkannte, dass er Recht gehabt hatte. Es war nicht förderlich, dass sie aufeinander hockten. Akuma war angespannt.

Bahadur ließ sich nichts anmerken und lief weiter seine Runden, aber diese ständigen Anfeindungen nervten den Prinzen ziemlich, weil er so auch nicht in seinen Rhythmus kam. „Was ist dein Problem“, brummte er darum schlecht gelaunt, als Akuma schon wieder knurrte und ihn mit Blicken ermordete.

„Du“, rief der General ohne sich umzudrehen. Er lief einfach weiter. So konnte Bahadur nicht sehen, wie er lächelte. Er fühlte sich besser, gerade so als wären mit dem einen kleinen Wort Ströme angespannter Energie aus ihm gewichen. Das fühlte sich gut an.

„Ich bin ganz bestimmt nicht freiwillig hier“, rief Bahadur ihm hinterher, lief selber aber ebenfalls weiter. Ganz im Gegensatz zu Akuma ging es ihm jetzt nicht besser, sondern er wurde langsam wütend. Eigentlich war er heute Abend verabredet gewesen, aber das konnte er sich jetzt ja knicken. Anstatt ein bisschen Spaß zu haben, war er der Sandsack für den Psychopaten. Ganz toll!

„Mir doch egal – du bist hier, das reicht!“, rief Akuma zurück. Selbst Bahadur spürte, dass dessen Laufstil allmählich entspannter wurde.

„Du kannst mich mal, Arschloch.“ Bahadur war es jetzt vollkommen egal, dass Akuma eigentlich sein Vorgesetzter war. Sie waren nicht im Einsatz und wenn sie jetzt ständig aufeinander hockten, sollten die Fronten klar sein.

Der General stoppte und wandte sich betont langsam um, die dunklen Augen blitzten und einzelne Schweißperlen liefen die Schläfen hinab. „Du bist zu schnell zu reizen, so kann nichts aus dir werden“, entgegnete er und blickte Bahadur herausfordernd an.

„Kann ja nicht jeder so ein emotionsloser Eisklotz sein, wie du.“ Bahadur nahm die Herausforderung an. So ging das nicht weiter. Er wusste selber, dass es falsch war, dass er sich so aus der Fassung bringen ließ, aber da hatte sich bei ihm seit er auf Akuma getroffen war, so viel angestaut, dass es jetzt raus musste.

„Du kannst von mir halten, was du willst, aber ein Hitzkopf wie du wird es nie an die Spitze bringen. Du solltest dich besser unter Kontrolle haben, Bahadur.“ Akuma spannte die Muskeln. Auch wenn seine Worte ruhig klangen, war er doch auf Krawall gebürstet. Er musste sich abreagieren und der Vampir bot die perfekte Angriffsfläche dafür.

„Ist ja gut, dass es dir egal ist, dass ich dich für aufgeblasen, arrogant und völlig überbewertet halte.“ Es machte den Prinzen verrückt, dass Akuma sich als Maß aller Dinge hinstellte. Bahadur war kein Hitzkopf, das konnte er sich in seinem Job gar nicht erlauben.

„Wenn es mich interessieren würde, was ein Pyromane von mir denkt, hätte ich dich bereits danach gefragt.“ Akuma zuckte leicht, doch er wandte sich um, um nichts Unüberlegtes zu tun. Er war kurz davor mit einem blitzschnellen Angriff den Vampir zu Boden zu ringen. Besser nicht. Er musste mit dem Kerl ab jetzt sein Leben teilen. Da war es von Vorteil, wenn man so wenige Berührungspunkte hatte, wie nur möglich war.

Aber Bahadur ließ ihm dazu keine Chance, denn der war mittlerweile so wütend, dass es ihm egal war, dass er seinen Vorgesetzten und exzellenten Kämpfer vor sich hatte. „Ja sicher interessierst du dich nicht dafür, was ich von dir halte, weil du ja glaubst, als Protege meines Vaters, stehst du über allem.“

„Lass uns Revue passieren, Bahadur – wer ist wohl der Prinz und rutscht deswegen auf der Leiter nach oben.“ Akuma schmeckte es gar nicht, dass sein Training plötzlich nichts mehr wert sein sollte, weil dieser Vampir glaubte, er wäre nach oben gespült worden. Mit vielem konnte er gut leben, aber nicht mit solchen Anschuldigungen. Nicht aus dem Mund eines Prinzen.

„Das habe ich mir gedacht, dass du mir jetzt mit der Prinzennummer kommst.“ Bahadur sah Akuma geringschätzig an. „Ich bin keineswegs die Leiter nach oben gerutscht, wie du sagst, sondern habe mir jede Stufe erarbeitet. Ich habe ganz unten angefangen, wie jeder normale Soldat und nicht wie du, der mehr oder weniger aus der Versenkung aufgetaucht ist und plötzlich General wurde.“

Akuma legte den Kopf schief. „Mach dich bitte schlau, ehe du noch einmal behauptest, ich wäre aus der Versenkung aufgetaucht. Es könnte sein, dass ich anstelle des Sandsackes sonst ganz schnell dich als Trainingspartner nehme. Und dann werden wir sehen, ob ich nur protegiert wurde.“ Eigentlich prügelte er sich nicht gern. Doch gerade jetzt kam ihm der Vampir ziemlich recht. Er hatte eine Menge zu verarbeiten.

„Ich habe mich erkundigt, aber an Informationen über dich zu kommen, ist schwierig. Jeder blockt ab.“ Bahadur hatte es versucht, aber war immer wieder gegen eine Wand gelaufen. „Und wenn du dich prügeln willst, nur zu, ich bin gerade in der richtigen Stimmung.“

„Ich glaube nicht, dass Naran so begeistert sein wird, wenn ich seinem Sohn die Nase verbeule“, sagte Akuma, doch er ließ die Fingerknochen knacken, um zu zeigen, dass er bereit war. Er hatte vorhin erst eine neue Dosis Serum zu sich genommen, die wirkte gerade in seinen Muskeln. Er spürte die Kontraktionen.

Bahadur hob eine Augenbraue. „Lass meinen Vater da raus. Und wer hier wem die Nase verbeult, Mensch, das wird sich noch zeigen. Du magst ein guter Kämpfer sein und durch das Serum ziemlich stark, aber genau das, trifft auf mich genauso zu und das wirst du jetzt merken.“ Der Prinz hatte endgültig genug und rannte auf Akuma zu. Wenn der Blödmann einen Kampf wollte, sollte er ihn haben.

Dabei war Bahadur so schnell, dass es ihm gelang, Akuma zu überraschen. Er hatte zwar damit gerechnet, dass der Prinz die körperliche Konfrontation suchen würde, doch er war trotzdem überrascht. So gelang es ihm erst im letzten Moment auszuweichen, lief aber genau in die Falle des Prinzen und bekam das Knie in die Seite gerammt. Er ließ sich fallen und rollte  ab, sammelte dabei Energie und kam dann wieder auf die Beine. Seine Augen blitzten und seine Zähne zeigten sich durch das diabolische Grinsen. Bahadur hatte ihm einen Gefallen getan. „Zieh dich warm an“, knurrte er und ging ebenfalls zum Angriff über. Das war besser als joggen.

„Laber nicht, kämpf“, knurrte Bahadur und schon trafen sie aufeinander. Sie waren beide ausgezeichnete Kämpfer und ungefähr gleich stark. Immer wieder versuchten sie Lücken in der Deckung des Anderen zu finden und so den Kampf für sich zu entscheiden. Bahadur musste zugeben, dass er Akuma ein wenig unterschätzt hatte, aber nach kurzer Zeit hatte er sich darauf eingestellt und der General hatte den Stil seines Gegners ebenfalls schnell analysiert. Theoretisch wusste er, wo Bahaur angreifbar war, doch er war ein paar Bruchteile eines Augenblicks zu langsam, um diese Schwachpunkte wirklich ausnutzen zu können. So schlugen die Fäuste immer wieder auf Arme und Torso. Akuma landete einen Glückstreffer direkt auf Bahadurs Auge, war aber zu langsam, um den Fingern auszuweichen, die in sein Zwerchfell stachen und ihn sich krümmen ließen.

So konnte er auch nicht dem Schlag ausweichen, den Bahadur gleich hinterher setzte und der ihn hart am Kinn traf. So ging es eine ganze Weile, die beiden Kämpfer gönnten sich nichts und konnten immer wieder einzelne Treffer landen. Beide trugen immer mehr Blessuren davon, was aber an der Heftigkeit ihres Kampfes nichts änderte. Erst nach einem finalen Schlag, den sie dem anderen beibringen konnten, waren die Energiereserven erschöpft und sie blieben am Boden liegen – nebeneinander auf dem Rücken, keuchend wie junge Hunde nach dem Spiel. Zum Glück sah Bahadur das zufriedene Lächeln des Generals nicht. Der Kampf hatte ihn herrlich ausgelaugt – er fühlte sich unbeschreiblich. Das Adrenalin überspülte die Schmerzen.

 

06 

„Guter Kampf“, keuchte Bahadur und kämpfte sich in eine sitzende Position. Der Kampf hatte ihm gefallen, denn Akuma war endlich einmal ein Gegner, der ihm gewachsen war. Er sah auf den General hinunter und musste grinsen. Sie sahen wohl beide ziemlich ramponiert aus.

„Das Kompliment muss ich zurückgeben.“ Auch Akuma setzte sich langsam auf und rollte die Schultern. Dabei sah er den Colonel an und grinste. „Wenn ich dich so oft treffen konnte, bist du echt nicht in Form“, konnte er sich nicht verkneifen und das erste Mal seit langer Zeit musste er leise lachen.

„Ach ja? So wie es aussieht, habe ich ebenfalls einige Treffer gelandet.“ Bahadur zeigte auf Akumas Kinn und lachte ebenfalls. „Vielleicht sollten wir das ab und zu wiederholen, damit wir besser werden.“

„Vielleicht sollten wir das“, entgegnete auch der General, erhob sich aber. Seine Gestalt straffte sich und er sah noch einmal auf seinen Kontrahenten. „Ich werde das Apartment aufsuchen, du kannst noch bleiben – Naran hat es schließlich angeordnet, dass ich dir das Terrain uneingeschränkt zu Verfügung stellen soll.“

„Nein, ich komme mit. Ich weiß gar nicht, wo wir untergekommen sind.“ Bahadur stand ebenfalls auf und drückte den Rücken durch. „Danach muss ich meine Sachen holen.“

„Wie du willst“, erklärte Akuma und griff sich im Vorbeigehen seine Sachen. Er streifte den Pullover über und ging vor, Bahadur würde ihm schon folgen. Die eben noch gelöste Stimmung war wieder verflogen. So verließen sie zusammen das Trainingsareal und gingen in eine der älteren Straßen. Akuma kannte die Ecke gut und es störte ihn nicht, hier zu wohnen. Es war ja sowieso nur der Ort, wo er schlief und aß. Sonst würde er sich dort nicht aufhalten.

Bahadur sah sich um, sagte aber auch nichts, als er das ältere Haus sah, in dem sie wohl untergekommen waren. Er sah sich in dem großen Raum um, in dem sie leben sollten. Zufrieden stellte er fest, dass es wenigstens zwei Betten gab. „Trautes Heim“, murmelte er leise und verkniff sich ein Seufzen. „Welches Bett ist deins?“

„Ich habe mir die Nische dort hinten genommen“, sagte Akuma und ging quer durch den großen Raum. Er war eher spärlich möbliert, die Mitte bildete eine große Couch und ein Fernseher, der dazu gedacht war, sich abzulenken. Rechts und links an den Stirnseiten des Raumes waren Nischen abgeteilt, die etwas Privatsphäre vorgaukelten. Türen gab es keine. Lediglich das Bad konnte man hinter sich zumachen – die Küche war klein und offen in den Raum integriert.

Der Prinz nickte, dass er verstanden hatte und setzte seine Runde fort. Er sah kurz ins Bad und wirkte das erste Mal zufrieden. Es hatte eine große Wanne, eine Dusche und eine beheizte Ruhebank, die man auch für Massagen nutzen konnte, wie er durch ein darüber streichen feststellte. „Na wenigstens etwas.“ Doch er konnte jetzt nicht trödeln. Eine kurze Dusche musste reichen, dann sollte er sich auf den Weg machen. Naran erwartete Bericht und ein kurzer Blick in den Spiegel machte Bahadur klar, dass er sich gleich ein paar Takte anhören musste. Doch das war nicht zu ändern und ein Gutes hatte ihre Prügelei ja gehabt: Der General wirkte um einiges entspannter.

Frisch geduscht, machte der Prinz sich nach zehn Minuten auf den Weg in sein Apartment. Er packte eine Tasche und hielt sich nicht weiter dort auf. Er wusste, dass niemand es wagen würde, ohne seine Zustimmung das Apartment zu betreten. Ein letzter Blick zurück. „Hoffentlich findest du mich auch so, Süße“, sagte er leise und holte noch einmal tief Luft. Auf Panja wollte er eigentlich nicht verzichten, doch momentan war sie unterwegs.

Wie erwartet nahm Akuma keine Notiz von Bahadur, als er mit seinen persönlichen Sachen zurück kam. Er war im Bad und versorgte seine Wunden, wie Bahadur durch einen flüchtigen Blick durch die offene Tür bemerkte.

Das musste er nachher auch noch machen. Aber erst einmal machte er es sich auf dem Bett bequem. Allerdings kam er nicht wirklich dazu, zu entspannen, denn sein Vater kam vorbei und der Prinz musste sich wohl oder übel erheben, damit er den Clanchef begrüßen konnte.

Akuma hatte die Tür geöffnet und Naran knapp begrüßt und zog sich dann zurück. Augenscheinlich war er nicht der Grund für den Besuch und darüber war er nicht böse. „Ich hol was zu essen!“, rief er nur und verließ das Apartment. Naran sah ihm nach während Bahadur neben ihn trat. „Das hätte auch jeder Fußsoldat geschafft, dazu hätte ich keinen Colonel gebraucht, Bahadur“, knurrte er und sah seinen Jungen finster an.

„Gut, dann kann ich ja zurück in meine Wohnung“, schnappte Bahadur zurück und verschränkte verstimmt die Arme vor der Brust, auch wenn das ziemlich unangenehm war durch die Prellungen, die er vom Kampf davongetragen hatte. „Zumindest habe ich erreicht, was du wolltest. Er ist entspannter.“

Doch Naran ließ sich nicht beirren. Diese Lektion war nicht nur für seinen General gedacht. Bahadur sollte auch das eine oder andere verinnerlichen. So griff sich Naran fest das Kinn seines Jungen und drehte ihn etwas ins Licht. Dabei grinste er zufrieden, weil er das leichte Zucken spüren konnte. „Verdammt, er ist richtig gut – oder du richtig schlecht. Ich hätte nicht gedacht, dass er gegen einen von uns so gut austeilen kann und dann noch zum einkaufen geht. Er ist erstaunlich.“

„Glaub doch, was du willst“, knurrte Bahadur mit deutlich schlechter werdender Laune. „Du willst mir doch nicht erzählen, dass du nicht weißt, was er kann. Sonst hättest du ihn nicht zum General gemacht.“ Es schmeckte ihm gar nicht, dass sein Vater Akuma für besser hielt als ihn.

„Ja, ich gebe zu, ich bin mit meiner Wahl sichtlich zufrieden. Du wirst viel von ihm lernen und du wirst dafür sorgen, dass er ein Ventil hat. Ich kann es mir nicht leisten, ihn zu verlieren und ich glaube, du bist der ideale Blitzableiter für ihn.“ Auch wenn es so klang, Naran zog den General keinesfalls seinem Jungen vor. Doch er hatte nicht vor Bahadur zu verwöhnen. Wenn der nicht begriff, dass nur der Zweitbeste den Besten unterstützen konnte, half es auch nichts, ihm das zu sagen – er würde es lernen.

„Na wunderbar, da fühlt man sich doch gleich richtig nützlich, wenn man der Punching Ball für den wichtigsten Mann im Reich sein darf.“ Bahadur blitzte seinen Vater wütend an und ballte die Fäuste. Er fühlte sich benutzt und das stieß ihm ziemlich bitter auf.

Narans Grinsen verschwand und er legte seinem Jungen die Hand auf die Schulter. Er wurde ernster. „Stoß dir deine Hörner ab, damit du sehen kannst, wo dein Platz ist.“ Es schmeckte ihm nicht, dass Bahadur so störrisch war. Es würde wohl mehr Zeit brauchen als gedacht. Aber er war überzeugt, dass nur die beiden einander weiter bringen konnten. Jeder andere war mental nicht stark genug. „Ich zähle auf dich, Junge.“

„Ich weiß, wo mein Platz ist, auch wenn du das nicht zu glauben scheinst, aber...“, Bahadur schnaubte und winkte ab. Es hatte eh keinen Zweck. Sein Vater hatte beschlossen, dass er sich mit Akuma rumplagen musste und da ging er auch nicht mehr von ab. „Ist sonst noch was, Vater?“

„Deine Mutter wünscht, dass ich dir das gebe“, erklärte Naran. Er hatte den Rauswurf verstanden und ließ sich derartiges eigentlich nicht gefallen. Doch er wusste auch, dass er seinem Jungen heute sehr viel zugemutet hatte und der hatte das Recht, irgendwann etwas Luft abzulassen. „Melde dich wieder, ich zähle auf euch – und lass die Wunde unter dem Auge nähen, ehe Narben bleiben.“

„Danke. Grüße Mutter von mir und sage ihr, dass ich mich gefreut habe.“ Bahadur nahm das süße Gebäck entgegen und lächelte. Schon als Kind, hatte sie welche für ihn gemacht, wenn er wütend auf seinen Vater war. Anscheinend hatte sie gewusst, was ihr Mann vorhatte und vorgesorgt. Er aß sie gerne und seine Stimmung hellte sich etwas auf.

Naran nickte und verließ das Apartment. Er wirkte zufriedener, denn er hatte gesehen, was er sehen wollte. Beide waren noch am Leben, sein General war ausgeglichen und sie gingen ihren Weg. Jetzt konnte er sich wieder mit dem befassen, was ihn mehr beschäftigte: das Angebot von Prinz Erdogan auf Kooperation. Sein hoher Rat hatte sich noch nicht geäußert. Sie trafen sich gleich zur Beratung.

Bahadur sah seinem Vater nach, bis der die Wohnung verlassen hatte. Erst dann knurrte er laut und knallte die Schachtel mit dem Gebäck auf den Tisch. Ihm war der Appetit gründlich vergangen und da er auch keine große Lust hatte, sich mit Akuma zu beschäftigen, legte er sich auf sein Bett und nahm sich etwas zu lesen.

So verging die Zeit und Bahadur zuckte unmerklich, als die Tür zum Apartment geöffnet wurde. „In der Küche ist Essen“, erklärte Akuma, stellte die Portion für den Colonel auf dem Tresen ab und verzog sich dann in sein eigenes kleines Reich. Er musste die Wunde noch einmal richtig versorgen, denn beim laufen klaffte sie offen. Er hatte den Kratzer am Schenkel unterschätzt. Beim Laufen öffnete er sich. Also musste er zu Nadel und Faden greifen. Er tat das nicht gern, doch es musste sein.

Bahadur hatte mitbekommen, dass die Hose Akumas dunkel und feucht vom Blut war, darum setzte er sich auf. Wenn eine Wunde derart viel blutete, war sie tief. „Was ist mit deinem Bein?“, fragte er und stand auf. „Zieh die Hose aus, ich guck mir das mal an.“

„Nicht nötig. Ist nicht die erste Wunde, die ich selber nähe“, erklärte Akuma nur und machte weiter. Er durchsuchte das Bad, das überraschend gut ausgestattet war. Eigentlich hatte Akuma erwartet, dass hier nichts zu finden sein würde. Doch je intensiver er suchte, umso ausgestatteter waren sie hier. Also griff er sich Desinfektionsmittel, steriles Nahtzeug und Betäubungsmittel.

„Iss lieber was.“

„Das Essen läuft nicht weg.“ Bahadur ließ sich nicht beirren. Er wusste zwar, dass Akuma das durchaus alleine konnte, aber die Wunde lag ziemlich ungünstig dafür, um sie selbst zu versorgen. „Lass mich das machen. Es ist auch nicht meine erste Wundversorgung.“

Skeptisch blickte der General auf Bahadur und man sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Er hatte begriffen, was der Clanchef von ihm erwartete, doch es widerstrebte Akuma, Hilfe anzunehmen und sich auf jemand anderes als auf sich selbst zu verlassen. Seit er selbst wusste, wie er sich versorgen musste, besuchte er nicht einmal mehr die Ärzte, sehr zu Narans Leidwesen. Doch Akuma war das egal. Er musste autark sein – alles andere war nicht akzeptabel.

„Nun gib schon her. Ich mach dir auch ‘ne schöne Naht.“ Der Prinz verdrehte grinsend die Augen. „Kannst dich ja bei meinem Auge revanchieren.“

Akuma regte sich nicht. Nur seine Augen korrigierten den Blick. Er erkannte, was Bahadur meinte und nickte. „Das kriege ich hin“, erklärte er und zog sich das lange Hemd aus. Er streifte auch die Hose von der Hüfte und trat sie beiseite. „Das Licht über der Theke in der Küche ist am besten“, erklärte er und ging vor.

„Ok.“ Bahadur folgte Akuma in die Küche und legte ein Handtuch auf die Theke, damit diese nicht ganz mit Blut verschmiert wurde. Danach brachte er noch sein Essen in Sicherheit. „Leg dich hin, dann komme ich besser an die Wunde.“

Emotional unbeteiligt legte sich Akuma auf dem Rücken auf die kühle Theke. Er versuchte die Kälte auszublenden und schloss die Augen. Sein Körper verspannte sich und Bahadur knurrte leise. So konnte er nicht arbeiten. Die Muskeln mussten locker sein. So versuchte Akuma sich zu entspannen, doch es ging nicht. Er begab sich in fremde Hände – ein völlig ungewohntes Gefühl. „Fang einfach an, wird schon gehen.“

„Nein, wird es nicht. Komm schon, Akuma, mit einer schlecht versorgten Wunde lass ich dich bestimmt nicht rumlaufen. Du wirst mir schon vertrauen müssen. Wir haben wohl bald einen neuen Auftrag, da solltest du wieder fit sein.“ Bahadur sah Akuma fest an. Er konnte ihn zwar verstehen, aber sie waren jetzt ein Team und je eher sie zusammenwuchsen, umso besser. Er verstand zwar, was sein Vater bezweckte, doch die Art und Weise, wie der ihn benutzte, machte Bahadur immer noch wütend. Aber er musste sich mäßigen, denn wenn er jetzt Mist baute, wurde der Keil zwischen ihm und Akuma größer und das war nicht förderlich.

„Hm“, knurrte Akuma nur. Er atmete tief und versuchte sich meditativ zu entspannen. Meistens half es und er wurde ruhiger. Vielleicht konnte er Bahadur ausblenden.

Ganz zufrieden war Bahadur noch nicht, aber wenigstens entspannten sich die Beinmuskeln soweit, dass er anfangen konnte. Routiniert und so schnell wie möglich, versorgte der Prinz die Wunde. Sie war zwar recht tief, aber ließ sich gut nähen und so dauerte es nicht lange, bis er den Verband anlegen konnte. „Fertig. Weil du so gut mitgearbeitet hast, darfst du dir etwas Süßes aus der Dose auf dem Tisch nehmen.“

„Was?“, fragte Akuma irritiert und öffnete die Augen. Das helle Licht stach und so schloss er sie schnell wieder, richtete sich dabei aber auf, um Bahadur ansehen zu können. Er hatte nicht verstanden, was der Colonel gemeint hatte und so folgte er der Hand, die auf die Dose mit Gebäck deutete. Kurz sah er auf den Verband, bewegte das Bein und nickte, dann fixierte er wieder die Dose. Er begriff nicht, wofür er belohnt werden sollte. Er hatte nichts geleistet.

Bahadur war ziemlich irritiert, denn offensichtlich schien Akuma wirklich nicht zu wissen, was er meinte. „Kennst du das nicht? Als Kind gab es immer etwas Süßes als Belohnung, wenn ich den Arzt habe machen lassen und nicht um mich geschlagen und geschrieen habe. In der Dose ist Gebäck, das meine Mutter gemacht hat. Es ist lecker.“

Langsam wanderte Akumas Kopf herum und er sah Bahadur an. Noch immer arbeitete es hinter seiner Stirn. „Bei mir nicht“, sagte er und konnte das immer noch nicht einordnen. Doch als Bahadur die Dose etwas näher schob und der süße Geruch der Kekse zu ihm drang, griff er zu. Hunger hatte er sowieso. Eigentlich gab er seinem Körper nicht nach. Man spielte nach Akumas Regeln, nicht nach denen seines Körpers. Doch heute gönnte er ihm einen kleinen Sieg.

Und weil sie so verlockend dufteten, nahm Bahadur sich auch einen. „Du kennst das echt nicht?“ Bahadur konnte sich das fast nicht vorstellen. Wo war Akuma nur aufgewachsen? Er fragte aber nicht, sondern schwang sich neben Akuma auf die Theke, damit der gleich seine Wunde unter dem Auge versorgen konnte.

„Nein“, sagte Akuma knapp und aß den Keks, nickte unmerklich und schielte noch einmal in die Dose. Doch er beherrschte sich. „Danke“, erklärte er noch, ehe er Bahadur ebenfalls auf den Rücken drückte, so konnte Akuma besser hantieren. Schnell waren die Hände und die Wunde gesäubert und die Haut betäubt. „Halt still, damit das nicht ins Auge geht.“

„Ich sollte jetzt wohl besser nicht nicken“, nuschelte Bahadur und grinste schief. Zwar war es für ihn normal, sich von einem Arzt oder Kameraden verarzten zu lassen, aber bei Akuma war es merkwürdig. Nicht, dass er ihm das nicht zutraute, aber Vertrauen war so eine Sache, wenn man jemanden nicht kannte und eigentlich nicht leiden konnte. Doch er würde den Teufel tun und das in dieser Situation zugeben, denn der General war nachtragend.

„Still halten“, sagte Akuma und leuchtete das OP-Feld aus, ehe er den ersten Stich setzte. Da Bahadur kaum zuckte, ging er davon aus, dass das Mittel wirkte und legte los. Die Fäden würden sich in einer Woche aufgelöst haben. Man musste sie nicht ziehen – das war ein Vorteil. Viele klebten ihre Wunden, klammerten sie oder arbeiteten mit Regeneratoren, die die Zellen zum schnellen Wachstum anregten. Doch Akuma hielt von all dem nichts.

Er brauchte nur drei Stiche, um die Wunde zu schließen und so war alles nach fünf Minuten erledigt. Er klebte noch ein Pflaster darüber, damit die Naht besser geschützt war und Bahadur setzte sich auf. Er bewegte seine Gesichtsmuskeln weil das Gefühl ungewohnt war, aber er nickte. „Danke“, sagte er und sprang von der Theke. „Wir sollten was essen.“

„Dein Essen ist da drüben – meins hab ich schon mit rüber genommen“, sagte Akuma und reinigte die Theke, entsorgte das dreckige Handtuch und wusch sich die Hände. Dabei vermied er den Blick zu Bahadur. Der Mann in seiner Nähe machte ihn nervös. Akuma war es nicht gewohnt, sich ständig mit jemandem zu unterhalten und es kostete ihn viel Energie, sich zu beherrschen. Weswegen er sich auch wieder verspannte.

„Ah, die Audienz scheint beendet“, murmelte Bahadur ganz leise nur für sich, nahm sich sein Essen und ging rüber zu seinem Bett. Alleine am Tisch zu sitzen, hatte er keine Lust. Im Bett sitzend, konnte er weiterlesen und gleichzeitig essen. „Danke, dass du mir etwas mitgebracht hast.“

„Wir müssen ein Team werden“, sagte Akuma wie selbstverständlich. Er hatte die Aufgabe verstanden und versuchte dies jetzt zu verinnerlichen. Für ihn unüblich wandte er sich noch einmal um, als er in seiner Tür stand und blickte zur Bahadur hinüber, doch von seiner Nische aus war die des Colonels nicht einsehbar.

„Ja, das müssen wir wohl. Mein Vater hat mir das vorhin noch einmal eindringlich klar gemacht und wir haben dabei kein Mitspracherecht.“ Bahadur guckte noch einmal aus seiner Nische. Er wusste nicht wieso, aber gerade fand er es nicht mehr so fürchterlich mit Akuma zusammen zu leben.

Der lehnte noch in der Tür, weil er gespürt hatte, dass Bahadur sich noch einmal näherte. So blickten sie einander an. Akuma grinste diabolisch. „Du hast allen Ernstes versucht, dich gegen Naran durchzusetzen?“ Er lachte leise. „Ich weiß nicht, ob ich dich bedauern oder bewundern soll.“

„Sicher habe ich das.“ Bahadur grinste schief und lehnte sich wie Akuma an den Türrahmen. „Ich bin nicht der Meinung, dass mein Vater immer Recht hat und ich durchaus das Recht habe ihm zu sagen, wenn mir etwas nicht passt. Ich bin zwar Soldat, aber das heißt nicht, dass ich einfach alles, was er sagt, als gegeben hinnehme.“

Akuma nickte verstehend. Irgendwie machte es den Kerl fast ein bisschen sympathisch. „Mal sehen, was es nutzt“, sagte er und deutete auf sein Essen. Es war sicherlich schon kalt. „Lass es dir schmecken“, sagte er also und ging in seine Nische. Das Bett quietschte leise, als er sich setzte.

„Du auch.“ Bahadur tat es Akuma gleich und machte sich endlich hungrig über das Essen her. Dabei lauschte er immer mal wieder, ob er etwas von dem General hörte, aber in dessen Nische war es still und nachsehen wollte er nicht. Er wunderte sich sowieso schon darüber, dass der Kerl so viel redete. Eigentlich hörte man von Akuma nichts, wenn es nicht unbedingt sein musste. Konversation war ihm völlig fremd. Er schien die Aufgabe des Clanchefs sehr ernst zu nehmen.

Derweil hockte Akuma auf seinem Bett. Er war wütend über sich selbst, denn mit der Verletzung konnte er nicht trainieren. Zumindest nicht in dem Maße, wie er es gerade gern gewollt hätte. Er konnte nur hier liegen, an die Decke starren und auf die Geräusche lauschen. Doch von Bahadur hörte man nichts.

Frustriert über seine Situation schoss Akuma plötzlich hoch, ignorierte den Schmerz im Bein und ging rüber ins Wohnzimmer. Dort schaltete er den Fernseher an.

Bahadur war ein wenig eingeduselt und schreckte hoch, als er auf einmal Stimmen hörte. Es dauerte zwei Herzschläge, bis er begriff, dass der Fernseher lief. „Er guckt Fernsehen?“, murmelte er leise und stand auf. Akuma vor dem Fernseher musste er mit eigenen Augen sehen.

Doch da saß er wirklich – auf der Couch. Eigentlich saß er nicht wirklich. Bahadur wusste noch nicht, wie er das bezeichnen sollte, was Akuma da tat. Er hing kopfüber. Die Knie hingen über die Rückenlehne der freistehenden Couch, der Rücken lag auf der Sitzfläche und der Kopf schwebte kurz über dem Boden.

Bahadur schlich näher und blickte über die Couchlehne auf Akuma runter. Das war aber auch ein schräger Typ. Irgendwie konnte er sich vorstellen, dass noch niemand ihn so gesehen hatte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das bequem ist.“

„Probier es aus“, schlug Akuma vor und blickte kurz auf. Er hatte Bahadur sich nähern hören, doch er wusste, dass er es nicht hätte vermeiden können, noch so gesehen zu werden. Die Wunde hinderte ihn an raschen Bewegungen. Und so hing er lieber auf der Couch als unelegant hochzuschnellen und die Wundheilung zu gefährden. Er glaubte, dass Bahadur es nicht ausnutzen würde – warum er das glaubte, wusste Akuma aber nicht.

„Hm.“ Bahadur blickte zweifelnd auf Akuma, zuckte dann aber mit den Schultern und platzierte sich genauso wie der General auf der Couch. Es war gar nicht so unbequem, aber zum Fernsehen nicht geeignet, wie er fand. „Ganz entspannend“, gab er zu und wackelte mit den Füßen.

„Das Gehirn gewöhnt sich nach einiger Zeit daran, dass die Bilder auf dem Kopf stehen“, erklärte er. Er gab seinem Hirn öfter mal solche Aufgaben, damit er sich darauf trainierte, in unüblichen Situationen zu funktionieren. Aktuell ließ er sich von Aufnahmen aus Kuppeln berieseln, die für Menschen nicht oder nur unter hohen Auflagen zugänglich waren. Die Jiang Shi hatten begonnen, uralte Tier- und Pflanzenarten aus Gendatenbanken neu zu züchten und auszuwildern. Sie hofften darauf, dass eines Tages die ganze Erde wieder bevölkert werden konnte. Darauf wollten sie vorbereitet sein.

„Das mag sein, aber ich glaube, ich bevorzuge doch die normale Sitzposition beim Fernsehen.“ Bahadur schloss die Augen und entspannte sich. Das tat richtig gut im Rücken. „Sag mal, sollen wir regelmäßig trainieren? Ich habe selten einen ebenbürtigen Gegner.“

„Dein Vater hat es verordnet und du hast die Erfahrung gemacht, dass man ihm nicht widersprechen sollte.“ Für Akuma stand diese Frage nicht mehr im Raum. Er ging davon aus, dass er ab jetzt seine Trainingseinheiten mit Bahadur verbringen musste. Doch eines musste auch er zugeben: „Es könnte interessant sein, gibt also schlimmeres.“

„Okay, ist das auch geklärt. Zu welchen Zeiten trainierst du? Wir sollten uns abstimmen.“ So wie es im Moment aussah, musste Bahadur sich mit Akuma arrangieren und da sollten sie gleich anfangen, die Eckpunkte ihres Zusammenlebens festzulegen.

„Komm einfach morgen früh mit. Den Rest klären wir dann. Ich habe keine festen Zeiten, sondern trainiere, wenn ich Zeit habe.“ Er hatte es bisher so gehalten und würde das auch weiterhin tun. Vorausgesetzt er hatte noch die Zeit dazu. Akuma schaltete auf eine andere Kuppel und beobachtete Affen in hohen Bäumen. Er studierte die Bewegungen und versuchte sie auf sich selbst anwenden zu können. Zufrieden war er noch lange nicht mit seinem Stil.

„Machen wir das so.“ Das kam Bahadur entgegen, denn er hatte selber auch keinen festen Plan und so konnten sie die Zeit effektiver nutzen. Er sah auf den Bildschirm und musste lachen, weil zwei junge Affen miteinander rauften. „Wie wir“, lachte er und stupste Akuma an, um ihn darauf aufmerksam zu machen.

„Nur dass die sich nicht hinterher zusammen flicken“, entgegnete Akuma, beobachtete die Tiere aber weiter. Er bewunderte die Schnelligkeit und ihr Geschick, wie sie gleichzeitig kämpfen und balancieren konnten. Hier sah er noch seinen Schwachpunkt und sobald er wieder bei einander war, musste er härter trainieren. Jetzt hatte er jemanden, der ihm dabei helfen würde.

„Das stimmt.“ Bahadur setzte sich wieder normal hin, weil er es nicht auf Dauer mochte, mit dem Kopf nach unten zu hängen. Er zog die Beine auf die Sitzfläche und angelte nach der Dose mit den Süßigkeiten. „Möchtest du auch?“

Akuma blickte auf und hob den Oberkörper. Die Bauchmuskeln spannten sich und vibrierten leicht. Er mochte das Gefühl. „Danke“, entgegnete er und griff ebenfalls zu. Er musste zugeben, dass Nahrung nicht nur praktisch sein konnte, sondern auch lecker. Eine sehr interessante Erfahrung.

Sie beobachteten noch eine Weile die Tiere in den Kuppeln. Aber als Bahadur immer wieder gähnen musste, trennten sie sich und jeder zog sich in seine Nische zurück. Bahadur lag noch eine Weile wach und ließ den Tag Revue passieren. Er wurde aus Akuma nicht wirklich schlau, aber er kam zu keinem Ergebnis mehr, weil er mitten in seinen Überlegungen einschlief.