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Spiel und Ernst - Teil 1 - 3

Spiel und Ernst

 Original [NC-16]

[lime]

Inhalt:
Martin, Spieler in der Rollenspielgruppe von Damian und Gerrit, arbeitet ehrenamtlich in einer Auffangstation für Jugendliche, die zu hause raus geflogen oder von selbst gegangen
sind. Als einer ihrer Schützlinge verschwindet, triff Martin auf jemanden, der Tage vorher schon einmal seinen Weg gekreuzt hatte. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem Jungen.

Teile: 12

Dank wie immer an unsere unermüdlichen beta-Feen ....



 
01

 

„Damian“, knurrte Gerrit als er mit ansah, wie sein Elf sich in seinem knappen Kostüm gerade wie zufällig vor einer Schar geifernder, weiblicher Waldläufer in Pose rückte. Die enge Wildlederhose und die knappe Weste überließen nichts - aber auch gar nichts - mehr der Fantasie. Und einmal mehr war sich Gerrit nicht sicher, ob seine Entscheidung, zusammen mit der Rollenspielgruppe zu einem Live-Event zu fahren, wirklich eine so gute Entscheidung gewesen war. Zumal sie hier eigentlich auf einem Treffen der Sinclair-Welt waren. Was hatten da Elfen und Waldläufer verloren?

„Ja, Schatz?“, fragte Damian unschuldig, als er sich zu seinem Liebling umdrehte, grinste dann aber dreckig und konnte gerade noch hinter Martin verschwinden, als Gerrit versuchte, ihn mit einem blauen Sack zu bedecken. Dieser Luxuself gehörte ihm und Gerrit schätzte es gar nicht, dass hier Hinz und Kunz Fotos von seinem halbnackten Schatz machte!

„Komm her, Damian, du wirst jetzt ganz nah bei mir bleiben und ich werde dich vor all diesen lüsternen Blicke abschirmen“, knurrte Gerrit und versuchte Damian hinter Martin hervor zu zerren. Jetzt ging das Gerangel los und Martin stand mittendrin. Er wurde hin und her gezerrt und schließlich hatte er die Nase voll. Er duckte sich unter Gerrits Arm durch und hechtete zur Seite. Nur dass er so viel Schwung hatte, dass er ins Stolpern kam und gegen etwas knallte, das weich und nachgiebig war, stolperte und einen Fluch ausstieß.

„Tschuldigung. Tut mir echt leid“, murmelte Martin, als er sich aufrichtete. Seine weiche Landung hatte er einem großen Rothaarigen zu verdanken, der sich den Ellenbogen hielt.

„Spinnst du?“, knurrte der Fremde und funkelte ihn wütend an.

„Hab doch gesagt, tut mir leid“, knurrte Martin, der nun auch schon etwas aggressiver wurde. Er hatte es sich ja schließlich auch nicht ausgesucht, dass er stürzte. War doch nicht seine schuld, wenn der Feuerkopf in seiner Flugbahn herum rannte. Der hätte doch auch mal aufpassen können. Nur aus dem Augenwinkel sah er Ole, der die Gruppe begleitete, um Fotos zu machen. Gerrit hatte darum gebeten.

„Blutet's? Hab Pflaster“, kam er dem Fremden aber entgegen, schließlich hatte der ihn – wenn auch unfreiwillig – vor Schmerzen bewahrt.

Der Fremde besah sich seinen Ellenbogen und schüttelte den Kopf. „Nein, kein Blut“, brummte er und wollte noch etwas sagen, als einer aus seiner Gruppe nach ihm rief. „Shawn, komm, wir müssen uns noch umziehen.“ Daraufhin, sah er den Typen an, der immer noch auf ihm hockte, so dass er nicht aufstehen konnte.

„Oh – äh …“, stammelte Martin, als ihm aufging, wo er hockte und wie er da hockte. Hastig beeilte er sich, sich zu erheben. „Tut mir voll fett sorry, echt!“, murmelte er leise vor sich hin und hielt Shawn die Hand hin, um diesem ebenfalls aufzuhelfen.

„Schon okay. Kann mal passieren“, murmelte Shawn und ließ sich aufhelfen. Das Wochenende fing ja gleich gut an. Noch keine halbe Stunde da und schon lag er im Dreck. Er klopfte sich den Staub von der Kleidung und nickte dem etwas kleineren Mann vor ihm zu und ging zu seinen Freunden. „Man sieht sich.“

„Ja, schätz ich auch“, murmelte Martin und sah dem Feuerkopf hinterher. Blieb nur zu hoffen, dass sie nicht gegen diese Gruppe antreten mussten, dann hatten sie gleich einen schlechten Stand. Da Shawn verschwunden war und im Gewimmel der Massen abtauchte, die sich zwischen den Verkaufsständen tummelten, wandte sich auch Martin wieder um. Da standen immer noch Damian und Gerrit und Martin grinste, als er den von vielen umschwärmten Elfen in einem Pullover an der Hand seines Freunds sah. Es schien als hätte es doch jemand geschafft, den berühmt berüchtigten Kriegerelfen an die Kette zu legen.

„Was grinst du so?“, knurrte Damian, der genau wusste, was sein Freund gerade dachte. Aber was tat man nicht alles für ein erfülltes Sexleben?

„Nix, gar nix“, kicherte Martin und zeigte Gerrit den erhobenen Daumen. Lachend lief er zu Ole und der wusste, was kommen würde. „Ja, habe ich. Mehrere“, grinste der große Blonde und wackelte mit seinem Fotoapparat. Er kannte die Truppe jetzt schon eine Weile und wusste, was von ihm erwartet wurde. Gerrit war von den Bildern, die der große Schwede von ihren Wettkämpfen schoss, so begeistert gewesen, dass er ihn gebeten hatte, auch für die Live-Events ab und an einzuspringen und ein paar Bilder zu schießen. Damian und Sabrina hatten begonnen, für ihre Gruppe eine Homepage zu basteln und da kamen ihnen gute Bilder immer zu pass. Und deswegen war auch an diesem Wochenende Ole mit von der Partie, folgte den Spielern auch vor ihrem eigentlichen Spiel auf Schritt und Tritt und ihm folgte Felix, der es liebte auf solchen Events an den Verkaufsständen herum zu suchen.

„Hm“, machte Damian nur und wollte dafür, dass er so schändlich verhüllt wurde und sich nicht mehr in den Blicken seiner Anbetenden sonnen konnte, einen tiefen innigen Kuss, damit er wusste, warum er auf seine Jünger verzichtete.

Natürlich kam Gerrit dieser Aufforderung gerne nach und als er seinen Schatz immer mehr ins Hohlkreuz drückte, konnte man anfeuernde Rufe und Pfiffe hören. Die zwei waren allerdings so in ihren Kuss gefangen, dass sie davon gar nichts mitbekamen. Natürlich, wurden die beiden Küssenden abgelichtet und es hing mal wieder an Sabrina, ihren Bruder in die Wirklichkeit zurück zu holen. „Es reicht, alle haben‘s gesehen. Wir wollen weiter“, brummte sie und piekste Gerrit in die Seite. „Dieses territoriale Macho-Gehabe ist echt nicht mehr lustig.“ Dann ging sie zu Melanie. Ihr Saal war ausgelost worden und jetzt mussten sie sich dorthin begeben. Es hatte von Anfang an fest gestanden, dass ihre Gruppe das Sinclair-Team spielen würde. Sie mussten gegen eine Truppe antreten, die die Mord-Liga verkörperte. Melanie war angespannt. Sie betraten neues Terrain im Live-Rollenspiel und war noch unsicher.

„Das wird schon“, versuchte Sabrina sie zu beruhigen. „Wir werden unser Bestes geben und wenn es nicht klappt, versuchen wir es nächstes Jahr noch einmal. Wir sind hier um Spaß zu haben und das werden wir, ob wir gewinnen oder nicht.“ Sabrina wollte zwar auch gewinnen, aber sie sah das nicht so verbissen. Sie hatte gelernt ihren Bruder in der Gruppe zu akzeptieren, hatte gelernt ihn an der Seite ihres besten Freunds zu ertragen – sie konnte nicht mehr viel schocken, glaubte sie zumindest. „Da hinten sind Tessa und Jens. Lass uns sie einsammeln und dann treiben wir die ganze Herde in unseren Saal.“ Sabrina war schon völlig gespannt. Ihre Rollen spielten sie jetzt schon seit gut einem Jahr und auch wenn der Anfang etwas holprig gewesen war, hatten sie nicht nur sehr gut in die Welt um den Geisterjäger John Sinclair gefunden, sie hatten auch richtig Spaß daran, denn es fanden sich doch immer wieder – wenn auch nur kleine – Parallelen zu ihrer alten Welt. Aber es würde wohl nicht ewig ihre Welt sein.

Damian war ein grandioser Sohn des Lichts und er spornte seine Truppe immer zu neuen Höchstleistungen an. Selbst Gerrit hatte sich so gut in die Gruppe eingefügt, dass keiner auf ihn verzichten wollte, noch nicht einmal Sabrina. Auch wenn sie ihm ab und zu einen Dämpfer verpassen musste, wenn er zu übermütig wurde.

Schließlich spielte sie seine Freundin – Shao, war mit Suko liiert, und dieser Johns Kollege. Jens hatte sich für die Rolle des Journalisten Bill Conolly entschieden und seine Frau Tessa spielte die Detektivin Jane Collins, Johns Freundin. Melanie spielte wechselnde Rollen und mochte am liebsten die von Glenda Parkins, der Sekretärin von John – dann konnte sie sich in kleinen Eifersuchtsanfällen mit Jane Collins raufen. Martin hatte sich für Myxin entschieden, einen Magier aus dem alten Atlantis bei dem man nie wusste, auf welcher Seite er war. Das hatten seine Mitspieler schon öfter mal gemerkt, ehe sie tot waren.

„Ich bin so aufgeregt“, rief Melanie und sah sich um. Sie war vorher noch nie auf so einer Veranstaltung gewesen und sie fand es einfach spannend. Die vielen verschiedenen Rollenspielcharaktere, die über das Gelände liefen mit den wirklich naturgetreuen Kostümen. „Das ist so klasse. Drehen wir nachher noch eine Runde?“

Sabrina lachte glockenhell, doch nickte sie eifrig. „Natürlich. Ich habe nicht vor zu schlafen, ich will alles erkunden und sehen, was andere so spielen. Vielleicht finden wir auch neue Inspirationen für uns.“ Als auch Damian und Gerrit mit Martin im Schlepptau endlich da waren, pilgerten sie Richtung ihres Saales. Bisher hatten sie immer im Freien gespielt und sie wussten noch nicht so richtig, was auf sie zukam. Jeder hatte seine Vorstellung, doch als sie die Tür öffneten mit der Aufschrift, die auch auf ihrem Zettel stand, waren sie platt. Es schien ein Teil einer Lagerhalle zu sein. Wo sie standen war ein Auditorium aufgebaut, wo die Zuschauer sitzen konnten – auf der anderen Seite waren drei Etagen Gerüste so aufgebaut, dass es aussah wie eine überdimensionale Puppenstube auf drei Etagen.

„Geil! Ole mach Fotos!“, rief Martin.

„Bin dabei“, lachte der große Blonde und lief schon in die Halle. Felix immer im Schlepptau, der die Tasche mit den Objektiven trug. Er wollte auch etwas zu den Bildern beitragen und nicht nur einfach als Maskottchen mitgenommen werden. „Wow“, Gerrit drehte sich einmal im Kreis und schnappte sich Damian. „Das ist ja so krass. Lass uns loslegen. Wir treten dieser Mordliga sowas von in den Arsch.“

„Ach?“, hörten sie es hinter sich. Die Tür hatte sich noch einmal geöffnet und eine gemischte Truppe betrat den Saal, lärmend und gut gelaunt wie sie selbst. Es war ähnlich wie bei den Mittelerdewelten auch – man beschnüffelte sich gleich, begrüßte sich und Martin, der eine Hand hin hielt, die nicht sofort ergriffen wurde, sah auf – der Feuerkopf. Na super. Wie hatte der noch gesagt? Man sähe sich? „Oh“, machte er also etwas dümmlich. „Du hier?“

„Sieht so aus.“ Shawn grinste schief und schüttelte die dargebotene Hand nun doch. Das war doch albern, schließlich hatte der andere ihn nicht absichtlich von den Beinen gerissen „Shawn“, stellte er sich vor. „Und das mit dem in den Arsch treten, werden wir noch sehen.“

„Ja, werden wir. Unser Fotograf wird das für unsere Website festhalten“, grinste Martin und stellte sich selber auch vor. Doch noch ehe sich das hier vertiefen konnte, wurden die beiden Gruppen zu verschiedenen Spielleitern gerufen. Jeder briefte eine Gruppe, ohne dass der Gegner erfuhr, was sie besprachen. Ihre Aufgabe würden sie am Telefon erfahren, so wie das für Inspektor Sinclair meistens der Fall war. Das Haus sollte einen Unterschlupf der Mordliga darstellen und John und seine Leute hatten jetzt 20 Minuten zum Umziehen und um sich darüber Gedanken zu machen, wie sie das aufziehen sollten. Sie erfuhren weder welche Fallen ausgelegt waren, noch wer alles im Unterschlupf sein würde. Im Gegensatz zum Publikum, das sich allmählich sammelte, würden sie nicht in die offene Seite sehen können und ihre Überraschungen live erleben.

Damian scheuchte seine Truppe zur Umkleidekabine und alle machten sich schnell fertig. Dabei besprachen sie, wie sie das Spiel beginnen sollten. Ihre Aufgabe war es, eine Geisel, die die Mordliga genommen hatte, zu befreien. Die Geisel befand sich natürlich im obersten Stockwerk der Bühne und sie mussten durch das ganze Haus, um dorthin zu gelangen. So viel wussten sie schon, doch sie hatten keine Ahnung, wer diese Geisel sein würde, bis der Anruf bei Scotland Yard einging.

Langsam wurden sie nervös, es war ihr erstes Play in dieser Welt und da draußen wirklich ein paar Leute, die sich das angucken wollten. Ein paar von ihnen kannte Damian und er wusste, warum die Mädels da waren. Grinsend sah er unauffällig zu seinem Schatz, der die Truppe ohne ihre Waldläuferkostüme zum Glück nicht erkannt hatte. So ließ er bei seinem Hemd ein paar Knöpfe offen – Fan-Service musste einfach sein.

„Damian“, wurde er gleich angeknurrt. Gerrit mochte die Mädels nicht erkannt haben, aber das was da gerade so freizügig entblößt wurde, ging die Zuschauer nichts an, das gehörte ihm. „Nu ist aber gut, Suko. John ist dein bester Freund, nicht dein Liebhaber“, zog Martin ihn auf und ging in Deckung, als Gerrit zu ihm rumwirbelte und ihn finster ansah. „Meins“, knurrte der Schwimmer und brachte alle zum Lachen.

Jens und Tessa konnten es sich nicht verkneifen die Möwen aus Findet Nemo zu imitieren und machten fortlaufend, „Meins, meins, meins, meins, meins…“ bis der große Schwimmer knurrend seine chinesische Jacke schloss und vor sich hin brabbelte, bis er einen Kuss zur Versöhnung bekam. „Ein bisschen Fan-Service und nur du weißt, dass du der einzige bist, der das anschließend auch noch haben darf – der Rest darf nur gucken“, bot Damian einen kleinen Frieden an, während er die nervigen Möwen scheuchte.

„Noch einen Kuss und ich glaube dir.“ Gerrit beugte sich zu Damian runter und küsste ihn so, dass sein Freund sich ausmalen konnte, dass Gerrit sein Angebot auf alle Fälle annehmen würde. Dann löste er sich und klatschte grinsend in die Hände. „So und jetzt werden wir zwei Knöpfe wieder zu machen und es kann losgehen.“

„Vergiss es, Schatz, du hast eben mit deiner frechen Zunge den Deal angenommen, die bleiben auf“, lachte Damian und machte, dass er weg kam, der Spielleiter erwartete sie schon, dann konnte es endlich losgehen. Sie hörten Schritte in den Etagen über sich und wussten, dass die Mordliga sich schon verteilte. Damian versuchte zu ergründen, wie viele es waren, doch die Jungs und Mädels waren clever, sie liefen in Gleichschritt, das war unmöglich auseinander zu halten. Die waren nicht schlecht, keine leichten Gegner.

Das Telefon klingelte und Damian ging dran, er lauschte kurz, zog die Augenbrauen zusammen. „Okay, verstanden“, sagte er und drehte sich zu seinen Leuten um. „Sie haben Felix“, sagte er knapp und Gerrit riss die Augen auf. „Du meinst die haben unseren Regenwurm entführt?“, fragte er vollkommen perplex. Damit hatte er nicht gerechnet. Doch dann musste er lachen. „Die Ärmsten“, konnte er sich nicht verkneifen. „Ich hoffe, sie haben ihm etwas zu essen mitgegeben, wo immer sie ihn versteckt haben. Nach zehn Minuten langweilt er sich meistens und dann nöhlt er oder will essen.“ Doch dann wurde auch er wieder ernst. Er schlüpfte in seine Rolle als Suko und nickte dann. „Wer war das am Telefon und was genau hat er gesagt.“

„Er war eine Sie und sie sagte, sie hätte gesehen, wie eine bildschöne, blonde Frau – flankiert von zwei Wölfen – einen rothaarigen jungen Mann über der Schulter in einen Wagen gestiegen und davon gefahren wäre. Es war eine Nachbarin von Felix und hat deswegen gleich angerufen. Du weißt, was das heißt, Suko?“

Gerrit nickte – „Lupina, die Königin der Werwölfe hat ihre Pfoten im Spiel und sie wird Felix nicht geholt haben, um mit ihm Schach zu spielen.“

Damian nickte. Zu gut konnte er sich noch an Lupina zurück erinnern, sie war ein dunkler Fleck in seinem Leben. Einst war John ihr verfallen und nur mit Mühe hatte er sich lossagen können. Doch sie versuchte es immer wieder.

„Verdammt“, knurrte Suko und alle anderen nickten. Lupina war ein unberechenbarer Gegner und sie agierte nie allein und noch wussten sie nicht, wen von der Mordliga sie dabei haben würde. Martin fragte sich, welchen Charakter dieser Shawn wohl spielen würde. Doch vorerst musste er sich zurückziehen. In seiner Rolle als Magier, der nur erschien, wenn es ihm in den Kram passte, musste er sich erst noch überlegen, welche Seite er unterstützen würde und auch Melanie alias Glenda Parkins würde erst einmal das Team nicht begleiten. Die erste, die zu John und Suko stieß war Jane, die sie informiert hatten. Zu dritt zogen sie los, informierten aber Jens alias Bill Conolly, der sie unterwegs treffen würde.

Martin hatte sich eine Nische gesucht. Von der aus konnte er zwar die offene _Front nicht einsehen, aber seine Freunde beobachten – und dachte nach.

Shawn wartete in der ersten Etage. Seine Rolle als Vampiro-del-mar, mochte er sehr. Er war mächtig und sehr böse, etwas das normalerweise nicht seiner Natur entsprach. Aber er befand es als befreiend, während des Spiels seiner dunklen Seite freien Lauf lassen zu können, ohne dass jemand zu Schaden kam. Und er liebte sein Kostüm, mehr aber noch die Maske, die Silke – eine angehende Künstlerin – ihm immer wieder verpasste. Die herrlichen langen Fänge, die ihn kaum sprechen ließen, weil er fast aussah wie ein Säbelzahntiger, die Fetzen, die er am Leib trug und die herrlichen Wunden und Eiterbeulen an seinem Leib.

Er war zwar der Spielleiter ihrer Gruppe, doch er hatte sich als erste Verteidigungsbastion seines Teams angeboten. Sein Raum war verdunkelt, damit das Sonnenlicht ihn nicht töten konnte. Er hatte als Rückzugsort, sollte es eng werden, seinen Sarg in diesem Raum. Doch es würde niemand wagen, sich ihm in den Weg zu stellen. Was er nicht wissen konnte, war, dass ein kleiner hinterlistiger Magier es sich gerade zum Ziel machte, heute doch mal auf der Seite des Guten zu kämpfen.

Er lauschte, ob seine Feinde schon auf dem Weg zu ihm waren und machte sich bereit. Sein Herz schlug schnell und er ballte seine Hände zu Fäusten, als er leise Schritte hörte. Sie kamen! Shawn zog sich in den Schatten zurück und wartete mit angehaltenem Atem. Es war immer wieder berauschend, wenn das Spiel richtig begann und die ersten Kämpfe ausgetragen wurden. Manchmal traten sie gegeneinander an, manchmal würfelten sie die Entscheidung aus – es war der Spielleiter, der das Schicksal spielte und dafür sorgte, dass nicht alles reibungslos lief. Gerade würfelten vor der Tür John und Suko, ob die Tür sich öffnen ließ und Bill würfelte ob sie quietschen würde – sie hatten Glück. Die Tür war nicht nur offen, sie ließ sich auch lautlos aufschieben. So betraten sie – John mit seiner Bleistiftlampe vorneweg – den Raum.

„Siehst du was?“, fragte Suko, die Dämonenpeitsche in der Hand. John neben ihm murmelte leise, dass sich sein Kreuz erwärmen würde, sie wären also nicht allein.

„Ich kann euch helfen“, sagte plötzlich jemand hinter den beiden und huschte gebückt an ihnen vorbei zum Fenster, um den Vorhang beiseite zu ziehen. Wie hätte Martin alias Myxin auch wissen können, dass er so den Vampir brutzelte – es war ja stockdunkel gewesen.

„Vampiro-del-mar ist raus“, erklärte einer der Spielleiter im Auditorium und alle im Raum sahen sich verwirrt um. Das war den meisten zu schnell gegangen.

Auch für Shawn. Er stand wie erstarrt noch immer an derselben Stelle und blickte fassungslos auf das Fenster und den Mann davor. „Du!“, knurrte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als er erkannte, wer ihn getötet hatte. So langsam ging ihm der kleine Scheißer gehörig auf den Sack. Er war raus und dabei hatte er sich so auf dieses Spiel gefreut.

„Tut mir leid, ich hab dich echt nicht gesehen. Hattest dich total gut verborgen“, versuchte sich Martin zu verteidigen und zog den Kopf zwischen die Schultern, während Gerrit ein leises „Yes“, murmelte und im Geiste schon mal die erste Kerbe in den Colt machte. Doch das merkte Martin nicht, er hatte eher Sorge, dass der große Feuerkopf ihn griff und aus dem eben aufgezogenen Fenster warf, also ging er lieber einen Schritt zurück hinter den Sohn des Lichts, sollte der ihn vor dem Vampir schützen.

Aber Shawn drehte sich nur mit versteinertem Gesicht weg und ging mit langen, schnellen Schritten aus dem Raum. Man sah ihm an, dass er sich ziemlich beherrschen musste, um nicht etwas Unüberlegtes zu tun, das seine Truppe sofort zum Verlierer erklärt hätte. Etwas wie in der Art, einen Gegner zu erwürgen oder aus dem ersten Stock in die Zuschauer zu werfen. Stattdessen warf er nur einen kurzen Blick in den Zuschauerraum, den Ole nutzte um ihn abzulichten. Das steigerte seine Laune auch nicht gerade. Hatte ihm dieser kleine Querulant nicht vorhin noch gesagt, ihr Fotograf würde alles für die Website festhalten? Er ahnte also bildlich, wo er sich wiederfinden würde und so verschwand er zusammen mit seiner Laune im Keller, gefolgt von Martins Blicken.

„Suko, komm“, sagte John. Sie hatten noch eine Aufgabe zu erfüllen – Felix hoffte auf sie.

Shawn lief in den Aufenthaltsraum, der hier für die Spieler vorhanden war und nahm sich eine Flasche Wasser. Nur leider hatte er seine Fänge vergessen und so landete der größte Teil seines Glases nicht in seinem Mund sondern auf seinem Kostüm und jetzt hatte er endgültig genug. „Verdammte Scheiße“, fluchte er laut und schlug mit der Faust auf den Tisch. Den Tag konnte er komplett in die Tonne treten. Der Blödmann hatte ihm heute das Pech wie Hundescheiße an die Hacken gekittet. Ganz klar.

Shawn hatte die Tür offen, denn er wollte zumindest noch hören, was draußen passierte, aber richtig darauf konzentrieren konnte er sich auch nicht mehr. Er war wütend, entrüstet. Der Mistkerl hätte ihn gar nicht töten dürfen. Der konnte doch nicht einfach so auftauchen und ohne das Schicksal befragt zu haben handeln! Und je länger Shawn mit sich allein war, umso mehr er sich seiner nassen Klamotten bewusst wurde, umso wütender wurde er. Und es wurde nicht besser, als das Sinclair Team den nächsten Raum eroberte.

Wenn sie das Spiel jetzt auch noch verlören, dann war der Tiefpunkt des Tages für ihn erreicht, denn er wusste, dass ihre Gegner zum ersten Mal Live spielten. Angespannt lauschte er den Geschehnissen über ihm und was er da hörte, steigerte seine Laune in keinster Weise. Wieder wurde einer seiner Mitstreiter besiegt und die Hälfte seiner Leute waren aus dem Spiel. Und es war unglaublich, was die Neulinge für ein Würfelglück hatten.

Immer wieder versuchte Shawn heraus zu bekommen, was dieser blöde Myxin anstellte, doch er schien sich jetzt etwas zurück zu halten. Doch das nutzte nichts. Die Typen waren ziemlich clever, stürmten nicht wie von Neulingen erwartet, einfach in den Raum sondern sondierten. Die nutzten ihre Handys um unter Türen durch den Raum abzulichten und zu erkunden, sprangen im richtigen Augenblick beiseite, wenn Lady X mit der MP die geschlossene Tür durchsiebte und als hatte Angelika alias Lady X nichts dazu gelernt, ließ sie sich in ihrer wilden Hatz in einen Raum mit Sonnenlicht locken.

Das triumphierende „Tschacka“, das darauf folgte, ließ Shawn leise knurren. Auf dem nächsten Treffen wurde ganz bestimmt nicht viel gespielt, sondern analysiert, wie sie sich von Neulingen so hatten hereinlegen lassen. „So eine verdammte Scheiße“, murmelte er leise und ließ seinen Kopf auf die Tischplatte fallen.

Und der Fan-Club von diesem Sohn des Lichts, der wohl eigentlich ein Quereinsteiger war und eigentlich als Elf vergöttert wurde, so wie er vorhin gesehen hatte, machte es auch nicht besser. Selbst in seiner Welt hatte man von Damian Strater schon gehört – und jetzt das!

„Man!“ Angelika kam in den Raum und kickte den Stuhl beiseite. „Das kann doch nicht wahr sein. Sind Lasley und Sven noch draußen rauchen?“ Ihre Augen blitzten, die MP hatte sie fest im Anschlag und ihr enges Outfit saß perfekt wie immer. Und wofür? Um nach vier Minuten Auftritt in den hellen Sonnenschein zu laufen – „Dieser scheiß Myxin!“

„Der Typ geht mir echt auf den Sack. Der ist doch gemeingefährlich.“ Shawn war richtig froh, dass er jetzt jemanden hatte, der genauso angepisst war, wie er selbst. „Ich hoffe Klaus und Ina halten länger durch, denn sonst können wir uns doch gar nicht mehr hier sehen lassen.“

„Wart‘s erst mal ab - ich werde sowieso eine Beschwerde einreichen, wie kann dieser Myxin bei dir einfach so auftauchen. Das hätten die Würfel entscheiden müssen. Und dann die Show mit dem Handy unter der Tür, würde ein Sinclair nie machen. Die spielen doch total falsch“, knurrte Angelika und knallte die Plastikwaffe auf den Tisch. „Man würd ich den Spinner gern mal durch den Dreck ziehen – und die Weiber da draußen, die ihm zujubeln und ihn anhimmeln. Warum eigentlich? Der Kerl ist doch eh schwul und vergeben – null Chance! Blöde Schicksen!“

„Wir werden nicht Beschwerde einreichen.“ Shawn hatte sich aufgesetzt und seine Stimme war schärfer geworden. „Wie sieht das denn aus, wenn wir hier verlieren sollten und dann noch Beschwerde einlegen? Dann halten uns doch alle für totale Looser.“ Das kam gar nicht in Frage, eine Niederlage war auch so schon peinlich genug.

„Aber“, knurrte Angelika, doch als sie sah, wie entschlossen Shawn wirkte, ließ sie es lieber bleiben zu wiedersprechen. „Find’s trotzdem nicht richtig, dass die mit dem ganzen Scheiß durchkommen“, konnte sie sich aber nicht verkneifen und warf sich in ihrem Stuhl nach hinten. „Und dieser Foto-Fritze, was ist das eigentlich für ein Wahnsinniger? Lecker, aber wahnsinnig.“ Sie grinste, denn der Kerl war eigentlich ganz ihre Kragenweite.

„Vergiss den besser gleich wieder, der ist genauso schwul wie dieser Strater. Scheinbar gehört unsere Geisel zu ihm, zumindest haben sie heftigst geknutscht, bevor wir ihn uns geschnappt haben.“ Shawn trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und sprang dann auf. Irgendetwas passierte dort oben und er lief zur Tür, damit er besser hörte. „Ich fass es nicht. Sie haben schon wieder beim Würfeln gewonnen. Klaus ist raus, ich fass es nicht.“

„Ich will die Würfel sehen, die sind doch gezinkt“, knurrte Angelika, aber nicht nur wütend darüber, dass wieder einer von ihnen raus war, sondern dass der leckere Blonde kein Trost für sie sein konnte. „Der kleine Rothaarige in der Kiste ist sein Lover“, fragte sie und hob eine Braue, „kann der nicht was Besseres haben?“ Sie war sauer und jemand musste es ausbaden. Dann doch lieber Typen, die es eh verdient hatten, weil sie sie geärgert hatten, als ihre eigenen Leute, die selber schon angepisst genug waren. So beschissen war ein Play lange nicht gelaufen!

Jetzt war es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Ina, die Lupina spielte, sich der Übermacht beugen musste. Schließlich stand sie alleine ihren noch vollständigen Gegnern gegenüber. Dann war die Geisel befreit und das Spiel beendet. „Konnte der Arsch nicht bei seinen Elfen bleiben?“

„Ja, sage ich auch. Dann wäre uns einiges erspart geblieben. Es sollte verboten werden, zwischen den Welten zu springen. Der soll seine Elfenohren ankleben und sich verpissen. Ich geh und hole die anderen beiden, wenn wir verlieren, verlieren wir gemeinsam“, sagte sie, als Klaus eben fluchend den Raum betrat. „Sage mal, warum haben die Blödmänner immer Glück, ey?“, knurrte er missgestimmt. Solo Morasso mochte es gar nicht, wenn die Tränentiere seinen Fallen einfach mit Glück entkamen. Das war doch nicht normal. „Ich will die Würfel sehen“, sagte auch er, „So viel Glück kann man nicht haben.“

„Vergiss es, Mann. Strater spielt nicht falsch. Er hat einen Ruf zu verlieren.“ Shawn rieb sich über das Gesicht und seufzte. Er hatte sich so auf dieses Wochenende gefreut nach all den Überstunden und Nachtschichten der letzten Wochen und jetzt wollte er nur noch weg. Er hob grüßend die Hand, als Angelika mit Sven und Lasley in den Raum kam.

„Lupina hat sich gewandelt und Suko ausgeschalten. Zumindest kann er den Stab des Buddhas nicht mehr anwenden und die Zeit einfrieren. Jetzt muss John sich selber helfen“, knurrte Angelika gehässig, doch sie hatte irgendwie das ungute Gefühl, dass Jane und Bill ihm trotzdem helfen konnten. Schon allein mit den Silberkugeln, die gerade angefeuert wurden und bei denen die Würfel bestimmten, ob sie trafen und wo.

Sie biss sich vor Aufregung in die Faust, als gewürfelt wurde und jubelte los, als der erste Schuss daneben ging. „Wir machen dich fertig“, knurrte sie, auch wenn sie wusste, dass das wohl reines Wunschdenken war. Wie Recht sie damit hatte, wurde klar, als sie draußen lauten Jubel hörten. „Nein“, rief sie leise und ließ sich auf einen Stuhl plumpsen.

„Die Säcke haben echt gewonnen, ich raff das nicht. Larry und seine Truppe werden sich totlachen über uns.“ Klaus rutschte vom Tisch auf einen Stuhl und legte den Kopf in den Nacken. Das war die Blamage des Wochenendes. Und dabei hatten sie heute Nachmittag noch ein Spiel und morgen auch. Doch es war nicht leicht sich zu motivieren, wenn man verloren hatte. Vor allem wenn man seit Monaten das erste Mal wieder gegen eine andere Truppe verloren hatte - „Gegen Neulinge“ Sie konnten es nicht fassen.

„Los, wir müssen raus, wir können unsere Lupina jetzt echt nicht alleine mit dem jubelnden Pack lassen.“ Angelika erhob sich, griff ihre Waffe und ging zur Tür.

Die anderen folgten ihnen und auf der Bühne, absolvierten sie das Pflichtprogramm und gratulierten den Gewinnern, wie es sich gehörte, auch wenn es heute nicht so herzlich ausfiel. Niemand sollte ihnen nachsagen, dass sie schlechte Verlierer waren. Shawn zog es einfach durch, bis dieser Martin vor ihm stand - sein ganz persönlicher Wochenendalbtraum. „Glückwunsch“, sagte er darum nur knapp und wandte sich gleich wieder ab.

„Dein Kostüm ist echt der Hammer“, sagte Martin anerkennend, denn er hatte es sich jetzt das erste Mal richtig ansehen können. „Steckt viel Arbeit drinnen, hm?“ Felix hatte sich schon abgesetzt, er musste seinem Schatz, der noch ein paar Bilder von der Verabschiedung knipste, erzählen, was für Höllenqualen er hatte ausstehen müssen. Er brauchte jetzt Zucker. Ein Eis wäre gut. Martin grinste, als er das mitbekam.

Shawn drehte sich wieder zu Martin um und lächelte leicht. Egal wie sauer er auch war, er liebte sein Kostüm und war stolz darauf. Angelika hatte Stunden daran gesessen und ein wirkliches Meisterstück vollbracht. „Danke, Angelika, unsere Lady X hat sie gemacht. Ich werde ihr sagen, dass es dir gefallen hat.“

„Kannst du ihr gern sagen – hoffe dass ihr nicht allzu sauer seid. Irgendwie wirkte das so“, sagte Martin, drehte sich aber um, als er seinen Namen hörte. Der Rest wollte etwas essen gehen und das Geiselopfer brauchte auch eine Stärkung. Sie konnten ja schlecht zulassen, dass ihr so hart erkämpftes Opfer dann eines Hungertodes starb. „Ich muss“, sagte er also und grinste schief. „Aber du bist echt bequem, wenn man mal fällt.“

„Ich werde das nächste mal nur nicht da sein, um dich aufzufangen“, rief Shawn ihm hinterher. Er blickte der Truppe hinterher, bis sie um eine Ecke verschwunden waren, dann wandte er sich wieder an seine Freunde. „Dienstag, Treffen bei mir“, sagte er und alle nickten. Sie mussten das schnell wieder loswerden, damit sie weitermachen konnten.

 

02

 

„Na? Bist du schon auf dem Sprung?“ Ester blickte Martin hinterher, wie er durch sein Büro flitzte und seine Unterlagen in den Schränken verteilte. Seit dem ihr junger Kollege in der Stadtverwaltung tätig war, war Leben in den Büros. Martin war ambitioniert und engagiert, was sich auch darin zeigte, dass er viermal in der Woche in einem Lokal aushalf, was sich eigentlich für junge Homosexuelle beider Geschlechter geöffnet hatte. Wer nicht wusste wo hin, konnte dort Hilfe finden, konnte dort für ein paar Nächte unterkommen.

„Ja, ich habe heute Küchendienst und muss vorher noch ein paar Sachen besorgen, ich bin schon wieder zu spät.“

„Dann husch. Lass die Akten liegen, ich räum sie weg.“ Ester machte das oft, denn sie hatte irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil sie Martin bisher immer einen Korb gegeben hatte, wenn er sie gefragt hatte, doch mal zum Cafe mitzukommen. Sie wusste, dass die Freiwilligen dort einen wirklich tollen Job machten, aber sie konnte sich dazu einfach nicht aufraffen. Also beruhigte sie ihr schlechtes Gewissen, indem sie Martin mehr Zeit verschaffte.

„Danke, Ester“, lächelte Martin und legte die Akte zurück auf den Stapel. Schnell war er in seine Jacke geschlüpft und hatte seine Tasche gegriffen. Zum Glück lag der Discounter direkt auf dem Weg. Das Geld hatte er dabei, und die Liste auch. Wenn jetzt nichts mehr dazwischen kam, dann konnte er noch pünktlich sein. „Wir sehen uns morgen. Tschüss!“, rief er vom Flur aus, dann war er auch schon auf dem Parkplatz, überredete seinen alten Volvo zum Anspringen und spielte dann brav mit im allnachmittäglichen Straßenballett zwischen den roten Ampeln der Stadt Bochum.

Seine Verspätung hatte sich schon wieder um fünf Minuten verlängert, als er beim Supermarkt ankam. Musste er den Einkauf wohl im Schnelldurchlauf erledigen. So kam sein Einkauf eher einem Dauerlauf gleich, als er mit seinem Wagen durch die Gänge lief. >>Komme gleich, bin schon fast da<<, tippte er in sein Handy, als er vom Parkplatz rollte. War nicht mal gelogen, wenn man mindestens zwanzig Minuten Fahrt, als bald da interpretierte. Und Jerry hatte meistens Mitleid, denn auch er war oft ein Opfer des Straßenverkehrs. Aber Martin wollte kein Verständnis, er war zwar „nur“ ein Freiwilliger, doch das hieß noch lange nicht, dass man sich nicht an Regeln zu halten hatte. Also gab er noch ein bisschen Gas, dort wo es ging, hoffend dass die Polizei ebenfalls irgendwo im Stau stand und ihn nicht raus fischen würde.

„The Winner takes it all“, sang er grinsend, als er vor dem Cafe aus dem Auto stieg und im Laufschritt hinein lief. „Bin da, Jerry“, brüllte er hoch in den ersten Stock, wo das Büro lag und lief gleich weiter zur Küche. Er musste Gemüse schnibbeln, damit es nachher etwas zu essen gab.

„Bist ja fast pünktlich“, brüllte Jerry nach unten. Er hockte wie so oft am Telefon, um für ein Mädchen, dass seit gestern bei ihnen wohnte, einen Platz zu finden, wo sie bleiben konnte, vor allem aber einen, wo sie die Hilfe bekam, die sie brauchte. Er kannte mittlerweile die richtigen Adressen für die ersten Kontakte. Jana kam derweil zu Martin in die Küche. Sie war noch immer verschüchtert, die Lippe, die gestern noch geblutet hatte, war heute geschwollen. Das Lächeln wirkte etwas schief. „Magst du mit mir kochen?“, wollte er von der Vierzehnjährigen wissen, die mit einer Strähne spielte, die ihrem langen, braunen Pferdeschwanz entkommen war.

Sie zuckte mit den Achseln, kam aber näher und sah sich an, was er mitgebracht hatte. „Ihh, Brokkoli“, sagte sie angewidert. „Das kann man doch nicht essen, das ist ekelig.“ Martin lachte und schüttelte den Kopf. „Stimmt doch gar nicht. Brokkoli ist lecker.“ Er war froh, dass sie überhaupt redete und so lächelte er sie an. „Aber ich werde aufpassen, dass er dich nicht anfällt. Kannst du mir die Karotten schälen?“, fragte er lieber und deutete auf die Möhren. „Wenn ich den Brokkoli gebändigt habe, helfe ich dir gleich und dann gucken wir mal, ob nicht irgendwo noch ein Kakao auf uns wartet.“

Kurz leuchteten ihre Augen auf, aber dann wurden sie wieder stumpf. „Ja klar, kann ich machen“, sagte sie und setzte sich an den Tisch. Sie nahm sich den Schäler und begann die Karotten zu schälen. „Soll ich sie in Scheiben schneiden?“

„Wenn du mir das abnehmen würdest, wäre ich nicht böse drüber. Ich hatte letzte Woche einen kleinen Disput mit einem Küchenmesser, seit dem trage ich diesen edlen Schmuck.“ Er zeigte auf ein Pflaster um seinen Mittelfinger und grinste schief. Er hatte sich ablenken lassen, als er sich am Wochenende etwas kochen wollte. Vielleicht war doch etwas dran, wenn seine Mutter fand, dass der Fernseher in der Küche nicht die beste Idee gewesen sei.

„Klar, wenn ich grad dabei bin.“ Es sprach nicht unbedingt Begeisterung aus ihrer Stimme, aber solange Jana es freiwillig anbot, hatte Martin kein schlechtes Gewissen, sie das machen zu lassen. „Danke.“ Martin strahlte sie an und ein kleines Grinsen schlich sich auf das Gesicht des jungen Mädchens.

Jana hatte noch nicht viel von sich selber erzählt, außer dass ihr allein erziehender Vater sie vor die Tür gesetzt hatte, weil er sie mit einer Freundin erwischt hatte, wie sie sich geküsst hatten. Das passte wohl nicht in das Weltbild des Mannes und so war er wohl der Meinung gewesen, dass jemand wie Jana nicht mehr auf seine Kosten durchgefüttert werden müsste. Es war unglaublich, wie Menschen ihr eigen Fleisch und Blut behandelten. Und dabei hatte Jana noch Glück, dass sie nur rausgeflogen war. Sie hatten hier schon Mädchen und junge Frauen aufgepäppelt, denen man auf deutlichere Art hatte klar machen wollen, dass ihre Art zu leben, die falsche war.

Jana aber war jetzt hier und schnitt Karotten klein, etwas lustlos, doch sie summte leise dabei. Ein kleines gutes Zeichen.

Mit Janas Hilfe, war er schneller fertig und das Essen konnte noch pünktlich rausgehen. Das gab immer einen Aufstand, wenn die Bewohner des Hauses warten mussten. Zum Glück hatte er das bisher nur einmal erlebt. Während das Gemüse noch kochte, kontrollierte Martin, ob auch genug Teller, Gläser und Besteck vorhanden waren. Allerdings fehlte ein bisschen. Als Jana sah, was er vorhatte, schob sie ihn zurück zum Herd. „Mach lieber leckere Schnitzel, ich wasch dafür das Zeug ab“, bot sie einen Deal an und grinste schief. Sie hatte das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen, wenn sie hier schon mit offenen Armen und ohne Fragen aufgenommen worden war. Und Jessy durfte sie hier auch besuchen. Sie wollte zum Essen kommen. Jerry hatte es ihr erlaubt. Schließlich mussten sie reden.

„Du bist meine Heldin“, strahlte Martin und Jana wurde ein wenig rot. Abwaschen war gar nicht Martins Ding, aber das gehörte nun mal dazu. Wie gewünscht machte er sich darum daran, die schon vorbereiteten Schnitzel in das heiße Fett zu schmeißen. Heute klappte alles wie am Schnürchen und das Fleisch, das Gemüse und die Kartoffeln waren gleichzeitig fertig. „Essen“, brüllte er durch das Haus und so strömte es aus allen Richtungen. Nur Jana setzte sich ab. Sie wollte noch einmal zur Tür und sehen, wo Jessy blieb. Leider hatte sie kein Handy mehr. Das hatte ihr Vater einkassiert, schließlich bezahlte er ja auch den Tarif. Martin sah ihr nach, doch dann war er auch schon von zwei Mädchen und sieben Jungen zwischen fünfzehn und zwanzig umringt und jeder griff sich einen Teller, die Martin im Akkord bestückte. Auch für sich und Jerry füllte er einen Teller und als er Jana strahlend zurückkommen sah, machte er gleich zwei weitere Teller fertig. An ihrer Hand aus dem Dunkel des Flures trat ein Mädchen mit langen, grünen Haaren, smaragdgrün. Tolle Farbe, dachte sich Martin und winkte die beiden zu sich.

„Hallo Jessy, schön dich kennen zu lernen“, begrüßte er das Mädchen und reichte ihr einen Teller. „Krasse Haarfarbe, ist doch bestimmt aufwendig das zu pflegen“, fragte er und gab auch Jana einen Teller. Die beiden passten gut zusammen, wie er fand.

„Danke, dass ihr mein Babe aufgenommen habt“, sagte sie gleich und ihre Augen zeigten, dass sie das ernst meinte. Wenn man ihr in das Gesicht sah, merkte man, dass sie keine vierzehn mehr war, sicherlich siebzehn oder achtzehn. „Ich bin selber hellblond von Natur aus, ich muss also immer nur die Ansätze nachfärben, das geht zum Glück ganz gut und Jana hilft mir immer dabei, damit wir den Farbton in etwa treffen, wir sind schon ganz gut da rinnen“, lachte Jessy.

„Dafür sind wir hier.“ Martin lächelte erfreut über das Lob, dann zwinkerte er Jessy zu. „Außerdem kann keiner so toll Karotten schälen und in Scheiben schneiden wie Jana. Guck sie dir an. Perfekt. Eine wie die andere Scheibe.“

„Ja, sie hat viele Qualitäten“, lachte Jessy und strich ihrer Freundin lächelnd über die Wange, die rot auf ihren Teller starrte. Doch die Lippen verzogen sich ebenfalls zu einem Lächeln. Doch sie aß weiter, denn sie hatte wirklich Hunger. Auch Martin machte sich endlich über sein Essen her, doch er zuckte, als er Jerrys Handy vernahm. Das war nie ein gutes Zeichen und auch als er zuhörte, wie Jerry kurz angebunden mit Jas und Neins antwortete und dann erklärte, er wäre da, sie sollten vorbei kommen, wann immer sie das für richtig hielten, sah er ihn fragend an.

„Die Polizei. Wir kriegen wohl gleich einen Neuzugang.“ Jerry wirkte nicht glücklich, denn jedesmal, wenn jemand zu ihnen gebracht wurde, war ein Leben aus den Fugen geraten. Er war selber als Jugendlicher rausgeflogen und leider hatte er es damals noch keine Einrichtung wie diese gegeben. Darum hatte er dieses Café auch eröffnet. Niemand sollte alleine auf der Straße stehen. Schon gar nicht, wenn man sowieso gerade in einem Chaos der Gefühle fest steckte und nichts dringender brauchte als einen Ort der Ruhe, wo man den Kopf frei bekommen konnte, um mit sich ins Reine zu kommen.

„Dann mach ich nach dem Essen gleich Zimmer 12 fertig“, sagte Martin. Das war nicht viel Arbeit, denn die Zimmer wurden nach dem Auszug der Bewohner auf Vordermann gebracht. Es musste nur das Bett bezogen werden, dann hatte wieder jemand für eine Weile eine Ecke, die nur ihm gehörte.

„Danke, Martin.“ Jerry war wirklich froh, dass so viele Freiwillige wie Martin bei ihm arbeiteten. Sie bekamen zwar Zuschüsse von der Stadt und auch ein wenig Spenden, aber ohne die Freiwilligen könnte er das Cafe gar nicht stemmen. „Ist noch was zu essen da?“

„Ja, drei Portionen sind noch da. Am besten lege ich eine weg, den Rest kann ich meistbietend versteigern“, sagte Martin. Doch er wusste, dass die meisten ihre Teller immer so voll luden, dass sie es gerade schafften aufzuessen. Nachschlag nahm sich selten jemand. Doch das machte nichts. Das wurde schon alle. Hier kam nichts um. Meistens war Regine ein guter Abnehmer, die tagsüber den Café-Betrieb aufrecht erhielt und froh war, wenn etwas Warmes zum Mittag in erreichbarer Nähe war.

Jerry nickte. Alles lief, wie ein Uhrwerk ab. Jeder wusste, was zu tun war. Bisher wusste er nur, dass ein Junge zu ihnen gebracht wurde 16 Jahre alt, in keinem guten Zustand. Der Junge hatte wohl schon ein paar Tage und Nächte auf der Straße zugebracht.

So aßen sie gemeinsam. Doch während der Rest noch sitzen blieb und die Runde dazu nutzte, sich zu unterhalten, auszutauschen und kennen zu lernen, machte sich Martin auf in die obere Etage, um das Bett zu beziehen, ein Handtuch bereit zu legen und ein paar Drogerieartikel für die ersten Tage. Dann ging er in die Kleiderkammer, wo immer ein paar Sachen lagen für die, die nur das besaßen, was sie am Leib trugen.

Er sichtete die Bestände und war zufrieden. Von allem war etwas da. Er hatte sich angewöhnt, Kleidung, die er aussortierte und die noch tragbar war, hierher zu bringen. Einige seiner Freunde taten das auch, so war eigentlich immer in allen Größen etwas da. Sein neuester Lieferant war Gerrit. Sein Babe brachte selber immer mal was vorbei und da wurde dann eben bei Gerrit auch aussortiert. Damian selbst war ein guter Lieferant, denn er hatte den Spleen sich regelmäßig neu einzukleiden. Er ging unglaublich gern shoppen, hatte aber nur einen relativ kleinen Schrank in seinem Ankleidezimmer.

Martins Kopf zuckte hoch, als er die Klingel hörte. Und so schloss er die Tür des Raumes und ging wieder nach unten. Er war neugierig und ging gleich zur Tür durch, wo Jerry sicherlich schon hin gegangen war. Meistens kümmerte sich Martin um die Jugendlichen, während Jerry das Formale mit den Polizisten hinter sich brachte.

Er trabte den Gang runter, wo er Jerry mit zwei Polizisten und einem verschüchtert wirkenden Jugendlichen sehen konnte. „Oben ist alles fertig“, rief er Jerry zu, damit er den Jungen nach oben bringen konnte. Er öffnete schon mal die Tür zum Büro und wollte gerade etwas sagen, als die Polizisten sich zu ihm umdrehten und einer der beiden ihn völlig überrascht ansah. „Ach du Scheiße. Myxin.“

Martin verstand nicht gleich, doch als er den Beamten genauer betrachtete, kam ihm der Feuerkopf bekannt vor. „Der Brutzel-Vampir“, konnte er sich nicht verkneifen und betrachtete sich Shawn noch einmal genauer. In zivil sah er um einiges besser aus als mit seinem Kostüm, wenn er nicht gerade auf dem Boden lag, war er sehr groß und füllte die Uniform überraschend angenehm aus.

„Ihr kennt euch?“, wollte Jerry irritiert wissen. Seit wann hatte Martin mit der Polizei zu tun? Doch der winkte nur grinsend ab. „Hab ihn erst angefallen und dann getötet, lange Geschichte.“

„Die ich nachher unbedingt hören will“, lachte Jerry. Shawn lächelte ein wenig verkniffen. „Muss nicht sein“, brummte er leise und folgte mit seinem Kollegen Martin ins Büro. Es war das erste Mal, dass er einen Jugendlichen hierher gebracht hatte. Er suchte für sich etwas, wo er sich engagieren konnte, denn er fand es wichtig, sich sozial zu betätigen, wenn man die Möglichkeit dazu hatte. Bisher hatte er nur Gutes über diese Einrichtung gehört und er war neugierig geworden, darum hatte er sich auch gemeldet, den Jungen hier her zu bringen.

Kurz sah Martin Jerry und dem Jungen hinterher, dann widmete er sich wieder ganz den beiden Beamten und versuchte in dem Feuerkopf nicht Vampiro-del-mar zu sehen sondern Shawn Hennessy, als der er sich ausgewiesen hatte. Klang nicht gerade deutsch, doch er sprach akzentfrei. „Nehmen sie Platz, was zu trinken?“, bot er an und setzte sich selbst auch in die kleine Couchecke in Jerrys Büro. „Wer ist der Kurze und was müssen wir über ihn wissen?“

Shawn wartete kurz und als sein Kollege nichts sagte, wandte er sich an Martin. „Ein Wasser wäre nett, wenn du so etwas hast“, sagte er und lächelte kurz. Er sah nicht ein, jetzt anzufangen sich zu siezen, wo sie doch schon jede Menge Körperkontakt hatten und sich auf dem Festival bereits geduzt hatten. „Der Junge heißt Tim Lauer, ist sechzehn Jahre alt und so wie wir das bisher rausbekommen haben, seit zwei Tagen auf der Straße, nachdem sein Vater ihn verprügelt und rausgeworfen hat, weil ihm irgendjemand gesteckt hat, dass sein Sohn, wohl einen Jungen geküsst hat.“

„Jedes Mal einen Cent, wenn ich diese oder ähnliche Geschichten höre und ich wäre reich“, knurrte Martin und nickte. Irgendwie kam ihm die Geschichte gerade sehr bekannt vor. Jana war es ähnlich gegangen. „Wo habt ihr ihn aufgegriffen?“, wollte Martin wissen, als er an den kleinen Kühlschrank ging und eine Flasche Sprudel heraus nahm, dazu aus dem Regal darüber drei Gläser, falls der zweite Beamte doch etwas haben wollte.

„Am Hauptbahnhof. Aber zum Glück haben wir ihn wohl gefunden, bevor er auf dumme Gedanken gekommen ist.“ Allein die Vorstellung, ließ Shawn wütend werden. Dankend nahm er das Glas Wasser entgegen und nahm einen tiefen Zug. „Wir werden das Jugendamt benachrichtigen. Sie werden sich wohl morgen bei euch melden. Bis die entscheiden, was mit Tim wird, kann er erst einmal bei euch bleiben.“

„Ja, kein Problem. Ich habe ihm oben ein Zimmer hergerichtet und Jerry wird ihm gerade erklären, wie das bei uns läuft, ihm die Regeln erklären und ihm die Wahl lassen, ob er die anderen hier beschnuppern will oder nicht.“ Hier hatte jeder die Freiheit selbst zu entscheiden, ob man allein sein wollte oder die Gemeinschaft suchte. „Braucht ihr noch eine Bestätigung von uns, dass ihr den Jungen hier abgegeben habt? Sonst macht Jerry das immer. Aber der war schnell weg als er merkte, dass wir uns …“ Martin wedelte mit der Hand zwischen sich und Shawn. Der andere Beamte hatte bisher noch nichts gesagt. Er schien sich hier auch nicht richtig wohl zu fühlen. Noch einer von der Sorte, hm?

„Ja, das wäre gut.“ Shawn grinste. „Näher kennen?“ Jetzt so in zivil, fand er Martin sympathisch und sehr kompetent in dem, was er tat. Etwas, was die Arbeit erleichterte. „Bist du hier fest angestellt, oder ein Freiwilliger?“, fragte er und sah aus den Augenwinkeln, wie sein Kollege leicht die Stirn runzelte. Shawn galt im Allgemeinen als ziemlich wortkarg, wenn er im Dienst war. Es war selten, dass er etwas Privates erzählte, oder von sich aus ein Gespräch begann. Doch Ben schob es wohl darauf, dass die beiden sich bereits zu kennen schienen.

„Ich bin Freiwilliger. Eine Institution wie diese hat mir auch mal den Hals gerettet. Eigentlich bin ich Beamter, ich arbeite in der Stadtverwaltung. Und da ich aktuell allein lebe und auch sonst weiter keine Verpflichtungen habe, bin ich hier so oft ich kann, meistens nach Dienst und kümmere mich um das Essen und ein bisschen Bespaßung für die Jungs und Mädels. Du glaubst nicht wie hoch der Gesprächsbedarf bei den Jugendlichen ist, wenn sie erst einmal aufgetaut sind.“

„Ja, das glaube ich gerne. Es ist wichtig, dass sie hier die Wahl haben.“ Shawn trank sein Glas leer. „Wir müssen dann los, machst du die Bescheinigung?“ Er schob eine Visitenkarte über den Tisch. „Ruf an, wenn was mit Tim ist, oder wenn du Fragen hast oder Hilfe brauchst.“

„Klar, mach ich“ Martin sah kurz auf die Visitenkarte, dann steckte er sie ein. Wenn er wusste, was mit Tim war und ob er etwas essen oder reden wollte, würde er sich noch um den Papierkram kümmern. Sie erhoben sich und gingen zur Tür. „Danke, dass ihr den Jungen her gebracht habt. Einen schönen Abend noch“, verabschiedete sich Martin, dann gingen die Beamten und er schloss die Tür, als der Streifenwagen sich in den fließenden Verkehr einfädelte.

Martin schüttelte den Kopf. Das er Shawn noch einmal begegnen würde, hatte er auch nicht gedacht. Er hatte noch nicht einmal gewusst, dass sie aus der gleichen Stadt kamen. Aber jetzt konnte er sich nicht damit aufhalten. Er wollt hoch und Tim etwas zu essen bringen. Danach fühlte man sich doch meist etwas besser. Doch als er in die Küche kam, war die Portion schon weg und so sah sich Martin suchend um. Doch Jana erklärte, dass Jerry die Portion schon mit hoch genommen hätte. Zusammen mit Jessy machte sie gerade den Abwasch und Martin lächelte. „Wenn ich wieder unten bin, gibt es den versprochenen Kakao“, sagte er und ging die Treppe nach oben, dort hörte er Jerrys Stimme.

Langsam ging Martin die Treppe hoch und machte dabei Geräusche, damit Jerry und Tim ihn hören konnten. Er steckte den Kopf durch die Tür und lächelte. „Hey, ich bin Martin“, grüßte er und besah sich den Neuzugang. Sein Gesicht sah ziemlich übel aus, aber es heilte anscheinend langsam. „Braucht ihr was?“

Jerry sah Tim an, der gerade verschüchtert an dem Schnitzel knabberte. Dann schüttelten sie den Kopf. „Tim möchte erst mal ein bisschen alleine sein, etwas essen und duschen. Dann kann er eine Mütze Schlaf gebrauchen und morgen sieht die Welt bestimmt schon wieder anders aus“, sagte er und lächelte den Jungen an. Der grinste schief zurück, das war ein gutes Zeichen. So nickte Martin nur. „Ich mach den Papierkram“, sagte er, „ruft, wenn ihr was braucht.“

Doch ehe er sich wirklich daran setzte, ging er zu Jessy und Jana zurück, die gerade mit dem Abwasch fertig waren. „Danke Mädels, das gibt einen ganz großen Kakao, wer will mit Sahne.“ Martin suchte alles zusammen.

„Ich“, riefen beide gleichzeitig und kicherten. Jana wirkte glücklich, seit Jessy da war. Gar nicht mehr verschüchtert und zurückhaltend. Martin machte zwei große Tassen Kakao fertig, krönte sie mit einem Berg Schlagsahne und Schokostreuseln.
„So, die Damen. Lasst es euch schmecken.“

„Du nicht?“, wollte Jana wissen. Martin schüttelte den Kopf. „Ich muss mich noch um ein paar Sachen kümmern“, sagte Martin und strich ihr über den Kopf. „Danke noch mal, das hätte ich sonst noch machen müssen“, sagte er mit einem Nicken auf das saubere Geschirr. Das nächste, was sie sich zulegen sollten, war ein Geschirrspüler, der würde sich allmählich rentieren. Das Haus war eigentlich nie leer. Leider. Denn das bedeutete, dass Kinder keinen anderen Ausweg sahen.

„Los jetzt“, motivierte er sich selbst. Der Papierkram hörte nie auf. Alles musste dokumentiert werden, damit bei einer Überprüfung alles lückenlos nachgewiesen werden konnte. Da die Überprüfungen immer ohne Anmeldung stattfanden, musste alles immer tip top sein. Sonst konnten sie ziemlichen Ärger kriegen. Schließlich arbeiteten sie mit Jugendlichen.

Er setzte sich also an den Tisch, schaltete die Tischleuchte an und griff die Formulare. Da kam ihm die Visitenkarte in seiner Tasche wieder in den Sinn und Martin kramte sie hastig hervor. „Shawn Hennessy“, murmelte er, „Kommissar?“ Martin hob eine Braue. Der Kerl war im gehobenen Dienst. „Is nich wahr!“ Er drehte das kleine Kärtchen in seinen Händen. „Kommissar Hennessy“, murmelte er nach einer Weile und erst da ging ihm auf, was er hier tat. Hatte er nichts anderes zu tun? Und so begann er die Felder auszufüllen, die er ausfüllen konnte, ein paar Dinge musste er später – oder besser morgen – von Tim erfragen.

Er strich sich über die Augen und gähnte. Man sollte meinen bei seinem Job sollte ihm Büroarbeit nicht schwer fallen, aber das tat es. Er mochte es lieber, etwas mit seinen Händen zu tun. Rumsitzen machte er schon den ganzen Tag über. Doch mit seinem Wissen konnte er Jerry viel Arbeit abnehmen und ihm Zeit sparen, also tat Martin, was er am besten konnte und füllte geschwind alles aus, was er wusste. Es ging auf elf zu, als er endlich fertig war. Wieder hatte er die Visitenkarte in der Hand. Er merkte noch nicht einmal wie er sie in den Fingern drehte, wie sie schlussendlich wieder in seiner Gesäßtasche verschwand.

Es war still geworden im Haus und Jerry kam gerade die Treppe runter. „Er schläft, viel erzählt hat er noch nicht.“

„Das wird noch.“ Martin streckte die Arme nach oben und stöhnte leise, als die Wirbel leise knackten. „Ich mach mich dann auch in die Spur. Muss morgen wieder früh raus. Ich hab die Unterlagen soweit ausgefüllt, wie ich konnte. Kannst sie ja morgen mit Tim zusammen vervollständigen.“ Wieder musste Martin gähnen und sah Jerry entschuldigend an. „Ich muss ins Bett.“

„Mach das und danke, dass du hier warst“, lächelte Jerry. Er wohnte mit im Haus, er war hier, wenn jemand etwas brauchte oder wenn ein Notfall reinkam, was er leider auch schon mehr als einmal hatte erleben müssen. Er schlug seinem Freund auf die Schulter. „Und wenn du morgen kommst, will ich wissen, was du mit dem Polizisten hattest.“ Er grinste und wippte anzüglich mit den Augenbrauen. Dabei wusste er, dass Martin seit Monaten Single war und noch nicht einmal einen Flirt am Laufen hatte.

„Ich hatte nichts mit ihm“, empörte sich Martin auch gleich. „Ich bin nur auf ihn gefallen und saß dann auf ihm.“ Als Jerrys Gesicht sich zu einem Grinsen verzog, verdrehte Martin die Augen. „Da war nix, ehrlich. Ich hab nur auf ihm gesessen und ihn später umgebracht. Im Spiel. Er spielte einen Vampir und ich habe ihn gebrutzelt.“

Jerry kannte Martins Hobby, schließlich hatte er schon ein paar seiner Spielpartner hier kennen gelernt. „Der Typ ist ein Rollenspieler?“, fragte er deswegen etwas irritiert. Doch er musste zugeben, dass Damian und Gerrit auch nicht so aussahen, als würde man ihnen ihr Hobby von der Stirn lesen können. Bei Martin war es ja ähnlich. „Ist er wenigstens bequem, wenn du schon auf ihm sitzt?“, konnte er sich dann doch nicht verkneifen.

„Ja, ist er.“ Martin verdrehte schon wieder die Augen, musste aber kichern. „Unser Polizeikommissar Shawn Hennessy ist ziemlich bequem, wenn man fällt und auf ihm landet.“

„Kommissar?“, fragte Jerry genauso überrascht wie Martin vorhin gewesen war. „Ich hab den Kerl völlig falsch eingeschätzt. Also, Beamter im gehobenen Dienst, spielt Rollenspiele und ist bequem, wäre das nicht deine Kragenweite?“ Doch er hob gleich abwehrend die Hände wie jedes Mal, wenn er versuchte Martin wieder unter Menschen zu bringen, besser noch: unter Männer, obwohl es ihm reichen würde, ihn unter einen Mann zu bringen. Aber oben drauf war doch auch ein guter Anfang. Und irgendwie konnte man ihm seine Gedankengänge leider vom Gesicht ablesen.

„Du kannst es echt nicht lassen, oder? Wie oft denn noch, Jerry? Ich bin nicht auf der Suche. Ich habe gar keine Zeit für einen Freund. Arbeit, Rollenspielgruppe, die Arbeit hier. Ich bin vollkommen ausgelastet und zufrieden.“ Martin wusste nicht, wie oft er diese kleine Ansprache schon gehalten hatte. Wahrscheinlich hunderte Male, aber Jerry gab nicht auf.

„Na und? Er ist Polizist, die sind ja nun auch nicht gerade für Acht-Stunden-Tage bekannt. Rollenspieler ist er auch. Er wenig Zeit, du wenig Zeit. Das hält die Liebe frisch“, lachte Jerry und schlug Martin auf die Schulter. „Mach dich vom Acker, es war ein langer Tag. Sehen wir uns morgen?“

„Ja, sicher. Ich komm nach der Arbeit vorbei. Ohne mich bist du doch vollkommen aufgeschmissen. Du kannst nämlich nicht kochen. Das hör ich immer wieder an den Tagen, nachdem ich frei hatte.“ Martin sprang aus Jerrys Reichweite und schnappte sich seine Jacke. „Schlaf gut.“ Er winkte noch einmal grinsend und lief zu seinem Auto.

„Frecher Kerl“, knurrte Jerry gutmütig und schloss die Tür. Wie jeden Abend würde er jetzt noch einmal eine Runde durchs Haus machen, denen gute Nacht sagen, die noch wach waren und zusammen saßen, und sie ins Bett scheuchen. Er ließ es nicht einreißen, dass die Jugendlichen hier ein Lotterleben führten. Der Morgen begann human aber zeitig und der Abend endete spätestens um Mitternacht, meistens früher. Das wusste jeder und verzog sich vorher. Also machte auch er, dass er in seine Wohnung unter dem Dach kam.

 

03

„Komme schon, komme schon“, rief Jerry und rannte in sein Büro. Das war doch wie verhext. Den ganzen Tag saß er dort und wenn er nur mal kurz was anderes machte, klingelte das Telefon. Er hatte nach Tim gesehen, der sich die letzten Tage ganz gut eingelebt hatte, auch wenn er immer noch sehr still war. Schuld daran war wohl auch der Besuch vom Jugendamt, der leider nicht so gut gelaufen war. Tims Vater bestand darauf, dass sein Sohn zurück nach Hause kam. Das hatte den Jungen ziemlich verunsichert. „Café Arche, Jerry am Apparat“, meldete er sich, als er das Telefon erreicht hatte und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. „Ah, Frau Wimmer, ich grüße sie“, entgegnete er als die Dame vom Jugendamt sich meldete. Schlagartig hatte er kein gutes Gefühl. „Rufen sie wegen Tim an?“, wollte er wissen und merkte nicht, wie in seinem Rücken weiche Schritte auf dem Flur verstummten.

Eine Weile hörte Jerry nur zu, doch dann stieg Wut in ihm auf. „Sie haben den Jungen doch gesehen, wie können sie zustimmen, dass eine prügelnder Vater den Jungen wieder in seine Gewalt bekommt? Wie viele Kinder müssen eigentlich sterben, ehe sie … nein, ich beruhige mich nicht. Erzählen sie mir nichts von Kindeswohl. Den Jungen zu diesem Schläger zurück zu schicken, ist garantiert nicht zum Wohle des Kindes…“

Was er nicht merkte, waren die eben erst verstummten Schritte, wie sie sich hastig entfernten.

Jerry schnaubte leise, als die Frau vom Jugendamt am anderen Ende meinte, dass der Vater nun mal das Sorgerecht hätte. Außerdem hätte er bei einem Gespräch mit dem Jugendamt bereut, dass er so die Fassung verloren hätte. „Und das glauben sie ihm?“, fragte Jerry entgeistert. Er hatte so etwas schon zu oft erlebt. „Also nehmen sie einfach in Kauf, dass der Junge in ein paar Tagen wieder hier landet, oder noch schlimmer, im Krankenhaus?“ Er konnte es nicht fassen und erwartete auch gar eine Antwort auf diese entwaffnende Frage. Darauf zu antworten war eine Zwickmühle. Ein Ja würde man ihr nicht abnehmen und ein Nein hieße die eigenen Gesetze in Zweifel zu ziehen. Also schwieg sie sich aus und Jerry nickte. „Hab ich mir gedacht. Wann werden sie den Jungen holen und wie werden sie sicherstellen, dass es dem Jungen gut geht? … Ach das geht mich nichts an, sehr gute Antwort.“ Er schüttelte den Kopf und sah sich um, als schwere Schritte das Parkett im Büro quietschen ließen. Martin kam herein, weil er Jerry selten so wütend erlebt hatte.

„Was ist los?“, formten die Lippen lautlos und Martin lehnte sich neben der Tür an die Wand. Jerry signalisierte, dass sie gleich reden würden. „Sie wissen ja, wo sie uns finden. Auf Wiederhören.“ Jerry knallte den Hörer auf das Telefon und atmete laut aus. „So eine verfluchte Scheiße. Die wollen Tim doch glatt zu seinem Vater zurückschicken.“

„Bitte?“, fragte Martin irritiert. Wer war denn bitte so blöd? Irgendwie taten die Behörden wirklich alles um ihrem schlechten Ruf in der Bevölkerung zu pflegen. „Was dem Jungen dort passiert, interessiert die Schlampen nicht, oder?“, knurrte er aufgebracht. „Deren Kinder sind sicher wohl behütet. Aber über das Schicksal anderer entscheiden sie nicht mit dem Hirn sondern mit dem Gesetzbuch. Und da wundert man sich noch, dass Deutschland die Kinder ausgehen, wenn solche Bürokraten darüber entscheiden?“ Er schnaubte und trat gegen den Türstock.

„Da bin ich ganz deiner Meinung. Aber Papi hat ja glaubhaft Reue gezeigt und versichert, dass es nur ein einmaliger Ausrutscher war. Das ist so ein Bullshit. Gerade die vom Jugendamt müssen doch wissen, was man von solchen Aussagen halten kann.“ Jerry sollte eigentlich nicht so entsetzt sein, dazu hatte er so etwas schon zu oft erlebt. „Und rate mal, wer das jetzt Tim beibringen darf.“

„Ich mach das“, sagte Martin. Jerry hatte heute weiß Gott schon genug durchgemacht. Irgendwann brauchte auch er mal eine Auszeit. „Ich habe Urlaub, ich kann also auch gern über Nacht bleiben, wenn das nötig sein wird.“ Er nahm eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und schenkte Jerry etwas ein. Dann lächelte er ihn an. „Ich guck mal, wo er ist.“

„Danke, Martin.“ Jerry nahm einen großen Schluck Wasser und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Du kannst gerne heute Nacht hier bleiben, ich würde mich auf jeden Fall freuen, jemanden zum quatschen zu haben.“

 

„Kein Problem. Aber erst mal such ich jetzt Tim und versuche ihm beizubringen, dass das Amt, das nichts mehr bewachen sollte als seine körperliche und geistige Unversehrtheit, nichts Besseres zu tun hat, als ihn zu seinem Vater zurück zu schicken, damit ein Fall zu den Akten gelegt werden kann und keine Arbeit mehr macht.“ Er konnte sich seinen Zynismus bei so viel Ignoranz einfach nicht verkneifen. Wenn er dann im Fernsehen das Gejammer hörte, es gäbe zu wenige Kinder oder es war wieder eines durch die Hand seiner Eltern gestorben, weil das Amt sich die Augen zugehalten hatte, dann fragte er sich: lernte denn keiner was draus? Blieb nach der Betroffenheit denn gar nichts zurück?

Langsam ging er zu Tims Zimmer.

„Tim?“, rief er leise und schaute in den Raum, aber da war der Junge nicht. Vielleicht war er ja in einem anderen Zimmer, darum klapperte er alle belegten Zimmer ab, aber nirgendwo war Tim zu finden. Als er ihn im Gemeinschaftsraum und der Küche ebenfalls nicht finden konnte, fing er an sich langsam Sorgen zu machen. Er ging in Jerrys Büro. „Ich kann Tim nirgends finden. Hat er was davon gesagt, dass er raus wollte?“

„Was?“ Jerry schoss herum. „Er ist nicht da?“ hektisch sprang der junge Mann auf und lief auf den Flur. „Tim!“, rief er, wissend das das keinen Sinn hatte. Martin hatte unter Garantie gründlich gesucht. „Er geht eigentlich nicht auf die Straße. Er geht noch nicht mal mit den anderen auf den Hof zum Rauchen.

„Komm in sein Zimmer, ich will sehen, ob er seine persönlichen Sachen mitgenommen hat.“ Jessy, Janas Freundin, hatte dem verschüchterten Jungen ein kleines Plüschtier geschenkt, was ihm gut gefallen hatte. „Der kleine Werwolf ist weg“, sagte Jerry, „und seine Jacke auch. So eine verdammte …“

„Da kann ich nur zustimmen.“ Martin raufte sich die Haare und in seinem Kopf rotierte es. Sie wussten zu wenig über Tim, um zu wissen, wo er hingegangen sein könnte. Die Polizei wollte er nicht.... Martin schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Ja sicher, das war es. Er griff in seine Gesäßtasche und holte sein Portemonnaie raus. Da drin war Shawns Visitenkarte. Einen Versuch war es wert ihn anzurufen. Er zückte sein Handy und wartete bis es klingelte. Kaum dass Shawn sich meldete, überfiel er ihn gleich. „Hallo, hier ist Myxin, äh Martin, meine ich. Wir haben ein Problem. Deine Männer müssen die Augen offen halten, weil … ach du hast Urlaub. Oh.“

Jerry konnte beobachten wie verwirrt Martin war.

Shawn setzte sich auf. Heute war sein erster Urlaubstag und den verbrachte er gewohnheitsgemäß einfach mit Nichtstun. Sein Handy hatte ihn aus einem Halbschlaf gerissen und es dauerte etwas, bis er realisiert hatte, wer ihn anrief. „Was ist passiert?“, fragte er, plötzlich alarmiert. Martin hatte etwas panisch geklungen.

Martin, der eben schon auflegen und im Revier anrufen wollte, holte Luft. Kurz berichtete er vom Anruf des Jugendamtes. „Vielleicht hat Tim irgendwas gehört. Wir wissen es nicht. Jedenfalls ist er weg, genauso wie seine Jacke und das kleine Plüschtier, was Jessy ihm geschenkt hat. Das sieht alles nicht gut aus und deswegen wollten wir, dass deine Jungs auf den Straßen in der Nähe, wo ihr ihn aufgegriffen habt, die Augen offen halten. Vielleicht taucht er ja wieder dort auf.“

„Shit“, fluchte Shawn und sprang auf. Diese Arschlöcher vom Jugendamt hatte er noch nie leiden können. „Wo bist du? Im Café? Bleib dort, ich hol dich ab, dann fahren wir zum Präsidium und versuchen was zu organisieren und rauszufinden.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten legte er auf. Da merkte man, dass Shawn es gewohnt war, das seinen Anweisungen Folge geleistet wurde. Martin blickte auf sein Handy, das leise tutete, dann schaltete auch er das kleine Gerät aus. „Shawn, ich meine Kommissar Hennessy ist auf dem Weg hier her“, sagte er zu Jerry.

„Und das war die erste Nummer die dir eingefallen war?“, frage Jerry zurück, den das etwas verwundert hatte. Er hätte wohl auf dem Revier angerufen.

„Er hat mir seine Karte gegeben, weil ich anrufen sollte, wenn ich Hilfe brauche.“ Martin verstand jetzt gerade nicht, warum das Jerry jetzt so verwunderte. Wenn man doch jemanden kannte, der helfen konnte, warum sollte man das nicht nutzen?

„Okay“ Jerry nickte. „Ich hör mich mal um. Vielleicht hat Tim noch was gesagt.“ Er konnte jetzt nicht herum sitzen. Er musste das Gefühl haben, etwas zu tun. Und wie er das dem Jugendamt verklickern sollte, nachdem er dort solch eine Welle geschlagen hatte, wusste er auch noch nicht. Das sah doch jetzt so aus als wäre er an Tims Verschwinden beteiligt, um ihn dem Vater vorzuenthalten. Das dürfte Kreise ziehen, die er jetzt noch nicht absehen konnte.

„Mach das, alles kann helfen, auch wenn es gerade nicht wichtig erscheint. Ruf mich an, wenn du etwas gehört hast.“ Martin nahm sich schon mal seine Jacke, denn er wusste nicht, wann Shawn da sein würde. „Wir müssen Tim finden. Der Junge hat schon genug durchgemacht.“

Doch wo sollte er anfangen? Er trat vor die Tür und sah sich um. Eine Richtung war so gut wie die andere und so beschloss er den Weg zum Bahnhof einzuschlagen, dorthin, wo der Junge aufgegriffen worden war. Vielleicht wollte er ja weit weg von hier, damit keiner auf die Idee kam, ihn seinem Vater erneut auszuliefern. Er zog die Kapuze hoch und ging los, den Blick in jeden Hauseingang und jeden Hinterhof geheftet. Die Stadt war kein Ort für einen einsamen Jungen.

Unterwegs schickte er Shawn eine Nachricht, wo er war. Nicht dass sie sich verpassten. Shawn runzelte die Stirn, als sein Handy sich meldete. Er konnte nur hoffen, dass keiner seiner Kollegen gerade in der Nähe war. Er las schnell die Nachricht und setzte den Blinker. Er kam gerade am Bahnhof vorbei und musste Martin gleich sehen, darum fuhr er langsamer. Er hupte, als er jemanden auf sich zulaufen sah und versuchte das Gesicht unter der Kapuze zu erkennen. Die Gestalt blickte auf und sah den silbernen Audi irritiert an. Erst auf den zweiten Blick erkannte Martin die feuerroten Haare und zog die Kapuze vom Kopf, ehe er auf den Wagen zu ging, bei dem sich gerade die Beifahrertür öffnete. „Shawn, danke, dass du da bist. Eine Idee, wo er sein könnten?“, überfiel er den Kommissar gleich, weil er bald verrückt wurde.

„Hallo Martin. Kein Problem. Ich helfe gerne Tim zu suchen.“ Da er den Jungen zum Café gebracht hatte, fühlte er sich für ihn verantwortlich und darum war es selbstverständlich für ihn mitzuhelfen ihn zu suchen. „Nein, bisher habe ich noch keine Idee. Aber wenn wir schon mal hier sind, sehen wir uns am Bahnhof um.“

„Okay!“ Martin nickte und ging einen Schritt zurück, damit Shawn den Wagen richtig parken konnte. Nicht dass der Kommissar noch ein Knöllchen abgriff. Das kam seinem Ruf bestimmt nicht gerade zu pass. Als der Ire ausgestiegen war, trat Martin zu ihm. Er wirkte nervös, sah sich immer wieder suchend um. Das kam der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen gleich. „Wo fangen wir an? Ich kenn mich hier nicht aus.“ Er fühlte sich ohnmächtig und hilflos.

„Erst mal da, wo wir ihn vor ein paar Tagen gefunden haben, dann sehen wir uns im gesamten Bahnhof um. Aber vorher muss ich noch kurz telefonieren.“ Er holte sein Handy raus und rief auf dem Revier an. Er gab durch, was er über Tim wusste und trennte die Verbindung. „So Gregor fängt schon mal mit der Recherche an, bis wir im Revier sind.“

„Okay“ sagte Martin erneut, das wurde allmählich zu seinem Lieblingswort, doch er wusste nicht viel mehr zu sagen. Also machten sie sich auf den Weg. Sie umrundeten den Bahnhof, sprachen ab und an ein paar Personen an, die so aussahen, als wären sie hier öfter. Ab und an zückte Shawn dabei seinen Dienstausweis, doch ihnen konnte keiner weiterhelfen. Auch im Gebäude kamen sie nicht weiter. Sie sprachen mit den Beamten der Bahnpolizei. Sie versprachen die Augen offen zu halten und sich zu melden sobald ihnen der Junge auffiel. Mehr konnten sie hier also auch nicht erreichen.

Man sah Shawn an, dass er nicht zufrieden war, denn sein Mund war zu einem Strich zusammengepresst. Er hasste es, im Trüben zu fischen, so wie sie es jetzt machen mussten. „Lass uns zum Revier fahren, aber vorher holen wir uns was zu essen. Kann ein langer Abend werden.“ Sie kamen gerade bei der Mc Donalds Filiale im Bahnhof vorbei und er deutete in die Richtung. „Sollen wir was von hier mitnehmen, oder lieber was anderes?“

„Ich ess‘ fast alles, da ist das eine so gut wie das andere und das hier geht am schnellsten.“ So bogen sie ab und reihten sich in die Schlange. Schnell war bestellt und bezahlt und so hatte jeder eine große Tüte mit Futter in der Hand, als sie zurück zum Wagen gingen.

„Warum arbeitest du im Café?“, fragte Shawn, als sie wieder im Auto saßen und er sich in den Verkehr einreihte. Mittlerweile fand er es lächerlich, dass er auf dem Festival so wütend auf Martin gewesen war. Er war nett, engagiert und vor allen Dingen eine angenehme Gesellschaft, was Shawn ziemlich selten fand.

„Weil ich damals froh gewesen war, dass es Orte wie diese gab, als ich sie gebraucht habe und deswegen möchte ich jetzt etwas zurück geben“, sagte er ehrlich und rückte die beiden Tüten auf seinen Knien zurecht. Er war bei dem Thema immer nervös, denn er sprach nicht gern über das, was damals passiert war. Tims Schicksal ging ihm vielleicht deswegen so unter die Haut, weil er einen ähnlichen Weg hatte gehen müssen. „Und die Kids dort sind echt lieb. Sie haben es verdient mit offenen Armen empfangen zu werden.“

Shawn sah kurz zu ihm rüber, konzentrierte sich dann aber wieder auf die Straße. „Du bist also schwul“, stellte er schlicht fest. „Und du bist Zuhause rausgeflogen und hast Hilfe bekommen“, fasste er zusammen und lächelte dann kurz. „Du hast dich davon anscheinend nicht unterkriegen lassen.“

„Warum sollte ich. Ich war doch noch am Leben“, sagte Martin lapidar. Er sprach ungern über diese Zeit und hoffte, dass Shawn verstand, wenn er sich zur Seite drehte. „Aber du hast Recht, ich spiel lieber mit Jungs. Ist dir das unangenehm?“ Er wollte die Fronten klar haben, ehe sich Berührungsängste in ihre Suche mischten und sie behinderten.

Shawn verstand den Wink und ließ das Thema fallen. Dafür kannten sie sich anscheinend noch nicht gut genug und das akzeptierte er. „Ich hab doch schon mit dir gespielt, du hast mich von den Füßen gerissen und auf mir gelegen“, grinste Shawn und lachte dann leise. „Nein, es ist mir nicht unangenehm, außerdem weiß ich, dass mindestens vier aus deiner Gruppe schwul sind, also überrascht es mich nicht wirklich, dass du es auch bist, besonders mit dem Wissen, wo du ehrenamtlich arbeitest.“

„Felix und Ole gehören nicht zur Spielegruppe, Ole ist unser Fotograf“, klärte Martin auf und grinste schief. „Und da ich meinen Kopf noch auf den Schultern habe, schien es dich nicht gestört zu haben, dass ich es mir auf dir bequem gemacht habe.“ Er grinste schief und raschelte mit den Tüten. Doch er wollte das Thema lieber nicht vertiefen. Er wusste, dass das bei der Polizei wie auch bei der Bunderwehr und anderen Refugien für echte Männer immer ein heikles Thema war. Er wollte Shawn nicht überstrapazieren.

„Nein, es hat mich nicht gestört, keine Sorge, auch nicht seit dem ich weiß, dass du lieber mit Jungs spielst. Die sexuelle Ausrichtung eines Menschen hat keinen Einfluss darauf, ob ich ihn mag oder nicht.“ Shawn setzte den Blinker und fuhr auf den Parkplatz des Polizeipräsidiums. „Bei Myxin allerdings ist Hopfen und Malz verloren. Der Kerl hat mich einmal zu viel geröstet.“

„Was soll das denn heißen!“, schoss Martin gleich zurück, „ich habe dich erst einmal geröstet. Das sollte ja wohl mal erlaubt sein.“ Doch er grinste und sah neben sich. „Kann doch keiner wissen, dass ein großer, böser, alter Vampir in einem Raum herum flitzt, der gerade mal mit Vorhängen abgedunkelt ist. Da muss man mit rechnen, dass die, die nicht so gute Augen haben, eben mal ein Fenster aufmachen. Selber schuld, nicht Myxins.“

Shawn lachte laut und schaltete den Wagen aus. „Ihr habt uns ganz schön nass gemacht an diesem Wochenende und unseren Egos einen ziemlichen Dämpfer verpasst.“ Mittlerweile konnte er über die Niederlage lachen und seine Truppe hatte es auch wach gerüttelt. Gut zu sein hieß eben nicht, dass man sich nicht mehr anstrengen und besser zu werden brauchte. Sie hatten in den letzten Monaten immer nur gegen Gruppen gespielt deren Schwachpunkte sie ganz genau kannten. Sie wussten, wen sie wie in die Falle locken konnten. Doch bei Damian Strater und seiner Truppe hatten sie sich verrechnet. Die kamen aus einer anderen Welt – im wahrsten Sine des Wortes. Die brachten ganz andere Erfahrungen mit.

„Aber keine Sorge, ihr seid uns bald wieder los. Wir schließen unsere interne Geschichte noch ab, dann werden wir wohl wieder die Welt wechseln. Die Waldläufer verlangen ihren halbnackten Elf zurück“, grinste Martin und freute sich heute schon auf Gerrits Reaktion.

„Schade, ich würde gerne noch einmal gegen euch antreten.“