Du befindest Dich hier: Geschichten > Weihnachten 2012 > 17

17

Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

17. Dezember 

XIII.

Der Gedanke an den Kuss war es dann auch, der Andrew mehrere Stunden später beinahe jäh aus dem Schlaf riss. Gut, eigentlich war dafür der Wecker in seinem Handy verantwortlich, aber es war der erste Gedanke, der in sein noch schlaftrunkenes Hirn vordrang und ein Weiterdösen unmöglich machte. Immerhin nicht auf die Lippen, war der einzige Trost, den der rationale Teil seines Verstands ihm anbot, aber es war ein reichlich schwacher Trost. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Zugegeben, er hatte gar nicht gedacht, aber was musste Garrett jetzt von ihm denken? Und wie sollte er diesem jetzt unter die Augen treten?

Andrews nächster Gedanke galt der Flucht. Vielleicht gelang es ihm ja, sich heimlich aus dem Haus zu schleichen und den nächstbesten Bus in egal welche Richtung zu erhaschen, nur um der Blamage zu entgehen. Doch das Bild, wie er, mit Hose und Schuhen in der Hand, wie ein heimlicher Liebhaber, über den (nicht vorhandenen) Balkon türmte und den Nachbarn reichlich Gesprächsstoff bot, war dermaßen idiotisch, dass er die Fluchtidee postwendend fallen ließ. Abgesehen davon hatte er ja auch keine Ahnung, wann Garretts Haushälterin eintraf, und es zu schaffen, sich an Haushälterin und Stubentiger unbemerkt vorbei zu schleichen, erschien ihm als eher undurchführbares Unterfangen.

Also sank er mit einem Stöhnen in das Kissen zurück und fragte sich stattdessen, ob er sich wohl erfolgreich im Gästezimmer verbarrikadieren konnte. Was angesichts mangelnder Essensvorräte ebenfalls nicht wirklich eine Option darstellte. Er wäre zwar vielleicht in der Lage, einen Pizzalieferanten anzurufen, aber wie bitte sollte er dem Boten erklären, dass er die Ware wie ein Frisbee in das zweite Fenster von links werfen sollte? Abgesehen davon, dass diese Aktion zusätzlich dadurch erschwert wurde, dass das Gästezimmer zum Garten hinausging.

Es half alles nichts, er musste sich der Realität stellen und hoffen, dass es Garrett vielleicht zu peinlich war, ihn darauf anzusprechen. Dann würde er sich höflich verabschieden und den Bus nehmen, denn er konnte nach der Aktion ja wohl kaum mehr erwarten, dass Garrett ihn noch mit in die Stadt nahm.

Seufzend raffte sich Andrew auf und tapste in das Gästebadezimmer. So oder so, der tote Hamster im Mund musste beseitigt werden, ehe er sich Garrett Cradys Urteil stellte.

 

„Wie, was soll das heißen, du nimmst den Bus? Wir hatten doch abgemacht, dass ich dich mit in die Stadt nehme“, widersprach Garrett sofort, als Andrew sich gemäß seines Plans verabschieden wollte.

Andrew sah Garrett überrascht an. Konnte es sein...? Nein, so viel Wein, dass er sich nicht mehr an die Vorkommnisse der letzten Nacht erinnerte, hatte Garrett nicht getrunken. Aber wieso...? Andrew war davon überzeugt gewesen, dass Garrett nach der Aktion von gestern Nacht nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte und ihn so weit weg von sich wie nur möglich wissen wollte. Vielleicht... vielleicht wollte Garrett das Ganze aber auch nur ehrenvoll zu Ende bringen. Seinen Teil der gestrigen Abmachung einhalten, um dann erst Andrew ein schönes Leben und auf Nimmerwiedersehen zu wünschen. Möglich, dass Garrett das Fahrtversprechen vielleicht mehr als Geschäft betrachtete. Oder zumindest unter Zuhilfenahme seiner Geschäftsmaske bis zum Ende durchzustehen gedachte. Und tatsächlich – zum ersten Mal seit dem Beginn ihrer Bekanntschaft konnte Andrew an Garretts Miene nicht ablesen, was dieser dachte.

Zum Glück verhinderte die gute Laune der Haushälterin, dass sich ein unangenehmes Schweigen zwischen den beiden Männern ausbreiten konnte, nachdem Andrew von seinem Plan, den Bus zu nehmen, Abstand genommen hatte. Und im Wagen, auf der Fahrt in die City, erlöste ein dringender Anruf Garrett von der Notwendigkeit, Konversation zu machen.

So blieb es letztlich bei einem kurzen Händedruck und dann war Andrew auch schon auf dem Weg zur nächsten U-Bahn-Haltestelle, um sich zu seinem Arbeitsplatz zu begeben. Und obwohl er sich die größte Mühe gab, sich nichts anmerken zu lassen, konnte er nicht verhindern, dass er den Kopf, von trüben Gedanken beschwert, hängen ließ.

Er hatte es verbockt. Er hatte es eindeutig verbockt! Aber er konnte sich nicht länger etwas vormachen. Er hatte sich wider besseren Wissens in Garrett verliebt. In dessen Lächeln, in dessen Nachdenklichkeit, in dessen ganze Art. Nun ja, vielleicht bis auf die Maske von heute morgen. Und doch, irgendwie mochte er auch diesen Zug an Garrett Crady. Die Stärke, die dahinter steckte und es ihm erlaubte, auch die unangenehmsten Situationen durchzustehen. Egal ob es eine Ex-Ehefrau mit Kuckuckskind oder die Presse oder ein schwuler Bekannter, der seine Lippen nicht bei sich behalten konnte, waren. Andererseits... wo hätten ihn seine Gefühle je hinführen können? Er hatte von Anfang an gewusst, dass Garrett hetero war. Und dass Heteros hetero blieben, aber für den einen Mann eine Ausnahme machten, geschah allenfalls in Kitschromanen. Da sein Leben aber nun mal kein Kitschroman war, hätte er bestenfalls auf eine Freundschaft mit Garrett hoffen können, die für ihn aber auf Dauer frustrierend bis schmerzhaft gewesen wäre. Vielleicht war es also so gesehen jetzt besser... wie mit dem Pflaster, das man ruckartig abzog, um den Schmerz nicht zu lange andauern zu lassen. Blöd nur, dass Andrew wegen einer Pflasterkleberallergie seiner Schwester von klein auf nur an Sensitivpflaster gewöhnt war, die beim Abziehen nie weh taten. Sie hielten zwar auch nicht so fest wie andere Heftpflaster, aber was man kannte, kaufte man als Erwachsener eben auch. Weshalb die Pflaster-Analogie dämlich war. Doch Andrew wusste genau, was sein Verstand ihm zu sagen versuchte. Leider war der Verstand der einzige Part seiner Selbst, der diesem Argument zustimmte. Der Rest bemitleidete sich lieber noch ein wenig selbst und hing Tagträumereien nach, die sich allesamt um Garrett und die gemeinsamen Erlebnisse drehten.

 

Seine reichlich trübsinnig durchwachsene Ausstrahlung sorgte auch dafür, dass seine Kollegen Andrew an diesem Tag allein ließen. Sie fragten gegen Mittag zwar kurz, ob er mit zum Essen kommen wollte, aber sie bedrängten ihn nicht, als sie keine Antwort bekamen, weil Andrew schlicht so sehr mit sich selbst beschäftigt war, dass er seine Kollegen nicht einmal gehört hatte.

Andrew hätte an diesem Tag nicht zu sagen vermocht, ob es Fluch oder Segen war, einer handwerklichen Tätigkeit nachzugehen, denn aufgrund jahrelanger Übung gingen ihm die meisten Arbeitsschritte so leicht von der Hand, dass er sich nur im Unterbewusstsein darauf konzentrieren musste. Was wiederum dem bewussteren Teil seines Verstandes erlaubte, sich auf einer anderen Ebene mit Garrett und immer wieder mit Garrett zu beschäftigen. Als würde dieser Teil seiner Selbst mit seinen Gedanken irgendwie außerhalb von ihm schweben.

Aber die Gedanken an Garrett waren nicht die einzigen, die es auf diese Ebene schafften. Denn das Unterbewusstsein hatte auch all die Informationen gespeichert, die ihm seine Nichte am Vortag zugetragen hatte. Dass die Eltern sich mal wieder gestritten hätten, sie aber nicht genau mitbekommen hätte, worum es ging. Dass Katharina morgens immer blass sei und nicht mit den Kindern frühstücke, sondern beim Anblick vom Frühstück ins Bad gestürzt sei. Dass Anne eine Magen-Darm-Grippe bei dem Au-pair-Mädchen vermutete, es aber ungewöhnlich sei, dass sich noch niemand anderer aus der Familie angesteckt habe. Dass die Mutter Katharina so komische Blicke zuwerfe.

Als diese Aussagen, die Anne am Vortag natürlich nicht so zusammenhängend gemacht hatte, sich in Andrews Kopf gleich Puzzleteilen zusammenfügten, fand er sich abrupt im Hier und Jetzt wieder. Seine eigenen Sorgen, sein Selbstmitleid, waren beiseite geschoben. Wenn er die Bemerkungen seiner siebenjährigen Nicht richtig deutete, dann... Er musste mit Katharina sprechen!

Andrew schnappte sich sein Telefon und seinen Mantel und eilte aus der Werkstatt ins Freie. Dieses Mal dachte er sogar daran, den Kollegen zuzurufen, er sei sich etwas zu Essen holen. Denn schließlich war eine Gemeinschaftswerkstatt wohl kaum der rechte Ort, um ein solches Gespräch zu führen.

Doch das Au-pair-Mädchen ging nicht ans Telefon, als Andrew ihre Nummer gewählt hatte. Ein Blick auf die Uhr erklärte ihm auch, warum – Katharina holte soeben Peter und Anne von der Schule ab. Da Andrew aber nicht warten wollte, nicht warten konnte, rief er die nächste Person, die in diese Geschichte verwickelt war an: Alexandra Fitzstephen, die Baronin of Talmock.

Bei seiner Schwägerin hatte er mehr Glück, sie war zu Hause und passte auf die beiden Kleinen auf.

„Andrew? Was kann ich für dich tun? Wieso rufst du an? Müsstest du nicht bei der Arbeit sein?“, fragte sie und Andrew wurde bewusst, dass er um diese Zeit eigentlich nie anrief.

Er lachte verlegen. „Ich war heute so in die Arbeit vertieft, dass ich die Mittagspause verschlafen habe und erst jetzt dazu komme, mir ein Sandwich zu holen.“

„Aha“, kam es vom anderen Ende, wobei deutlich herausklang, dass seine Schwägerin davon ausging, dass er keine Entscheidungshilfe brauchte, welches Sandwich er denn nehmen sollte.

„Alexandra, mir ist heute bei der Arbeit eine Sache, die Anne gestern erwähnt hat, nicht aus dem Kopf gegangen. Etwas, das zuerst keinen Sinn ergab, doch jetzt mehr Sinn macht und mehr Dinge erklärt, als mir lieb ist. Und darüber wollte ich mit dir sprechen.“

„Andrew... bleib kurz dran.“ Man hörte aus dem Hintergrund, wie eine häusliche, von Kinderhänden gestaltete Katastrophe abgewendet wurde, dann war seine Schwägerin wieder am Apparat. „Sorry.“

„Schon in Ordnung“, erwiderte Andrew. „Ich weiß, dass jetzt vielleicht nicht der beste Zeitpunkt ist. Daher die Frage: Wenn Katharina mit den beiden Großen wieder da ist, meinst du, du könntest dich von deiner Arbeit losreißen und mich im Caffè Nero in Covent Garden treffen? Ich denke, es wäre gut, wenn wir nicht in der Nähe von neugierigen Kinderohren über das Thema, das mich beschäftigt, sprächen.“

Andrews Tonfall musste deutlich gemacht haben, wie ernst es ihm war. Dennoch zögerte seine Schwägerin.

„Bitte, Alexandra, es ist wichtig.“

Schweigen. Dann gab sich Lady Talmock einen Ruck. „Es geht um Katharina, nicht wahr?“

Instinktiv nickte Andrew, doch er kam nicht dazu, dem Nicken auch noch eine verbale Bestätigung, die seine Schwägerin dann auch mitbekommen hätte, folgen zu lassen, denn da sprach diese auch schon weiter. „Also gut, ich komme. Vermutlich brauche ich selbst auch jemanden, um darüber zu reden. Aber es wird bestimmt zwei Stunden dauern, ehe ich dort sein kann.“

„Ist in Ordnung. Ist eh noch zu früh für mich, um Feierabend zu machen“, erwiderte Andrew. „Bis später.“

 

 

 

XIV.

Andrew entdeckte die elegante Gestalt Alexandra Fitzstephens schon beim Betreten des Cafés. Er begrüßte sie und ließ sich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder, ohne sich erst mit einem Kaffee aufzuhalten.

Doch auch seiner Schwägerin war nicht nach langem Warten zu Mute, und so fragte sie direkt, ohne erst Smalltalk in Punkto Wetter und Befinden zu machen: „Was hat Anne gesagt, dass du so dringend mit mir über Katharina reden musst?“ Man merkte ihr deutlich die Nervosität an, die Unschlüssigkeit, ob sie ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet oder entkräftet sehen wollte.

Andrew ergriff Alexandras Hand und drückte sie beruhigend. „Keine Sorge, deine Tochter hat zwar mehr gesehen und gehört, als dir vermutlich lieb ist, aber sie hat es nicht in einen Zusammenhang gebracht. Dazu ist sie zum Glück noch zu jung.“

Man sah der Mutter förmlich die Erleichterung an. Dennoch, was folgen würde, würde noch unerfreulich genug sein. Das Wort Skandal hing über ihr wie eine dunkle Gewitterwolke.

„Wenn ich aber ihre einzelnen Aussagen in einen Zusammenhang stelle“, fuhr Andrew fort, „dann würde ich sagen, dass Katharina schwanger ist. Und zwar von Reggie. Und dass du ihn deswegen zur Rede gestellt hast.“ Das Ganze hatte er so leise gesagt, dass man es schon am Nachbartisch nicht mehr hören konnte, aber auch Andrew war sich des Schadens bewusst, den eine solche Information in unbedachten Händen anrichten konnte. Wobei es ihm weniger um Reginalds politische Karriere als mehr um den Familienfrieden der Kinder ging. „Wie lange hast du schon von Katharina und Reginald gewusst? Deswegen warst du doch ihr gegenüber so kühl, oder?“

Alexandra nickte und verschanzte sich einmal mehr hinter der Miene der Politikergattin. Als Lady Talmock hatte sie ihren Ehemann auf zu viele Veranstaltungen begleitet, um sich in der Öffentlichkeit gehen zu lassen. „Dieses dumme, dumme Kind!“

Zuerst dachte Andrew erschrocken, seine Schwägerin meine Anne, doch dann wurde ihm klar, dass dieser Ausspruch dem Au-pair-Mädchen galt. „Andrew, ich habe es nicht gewusst, ich habe es nur vermutet. Nun ja, sehr stark vermutet, und ja, daher auch meine Distanz, doch Vermutungen sind nichts, über das man spricht. Auch nicht mit dir. Aber seien wir ehrlich, die Distanz ging mehr von Katharina aus. Ich weiß nicht, was Reginald ihr erzählt hat – auch wenn ich es mir denken kann –, aber sie zog sich immer mehr von mir zurück, baute immer mehr eine Mauer auf. Ich habe letztendlich nur noch darauf reagiert, wohl auch, um mich zu schützen. Vielleicht sollte ich mittlerweile daran gewöhnt sein, aber das ist wohl eine der Sachen, an die ich mich nie gewöhnen werde... dass Reginald so ziemlich allem unter den metaphorischen Rock greift, das nicht bei drei auf den Bäumen oder mit ihm verwandt ist. Auch wenn ich nie gedacht hätte, dass er soweit gehen würde, seine Beute im eigenen Haus zu suchen.“

Sie starrte einen Moment stumm auf die Tischoberfläche und Andrew, der spürte, dass sie noch mehr bewegte, ließ ihr die Zeit.

„Wusstest du, dass Reginald nie ein viertes Kind wollte? Dass ich nur ihm zum Trotz noch einmal schwanger geworden bin?“

Überrascht sah Andrew seine Schwägerin an.

„Inzwischen sind es bald drei Jahre... da hatte er eine Affäre mit einer Geschichtsstudentin, die über die alten Familien recherchierte und mehr Informationen haben wollte als man in den einschlägigen Adelskatalogen erhält. Nun ja, ich schätze, sie bekam die privatesten Einblicke, die man sich nur wünschen kann.“

„Nicht bitter werden, Alexandra. Das hat der Mistkerl nicht verdient“, beschwor Andrew sie.

Die Frau ihm gegenüber lachte verächtlich. „Wie soll man dabei bitte nicht bitter werden? Die Studentin – sie war nicht die erste Affäre. Aber bis dahin war er eigentlich immer diskret gewesen, und es hatte sich auf die Wochen beschränkt, wo ich hochschwanger und wirklich unausstehlich war. Ich weiß selbst, dass ich in den letzten Schwangerschaftswochen immer ein unerträgliches Biest war, einfach, weil ich es kaum erwarten konnte, dass es vorüber war. Und auch wenn es weh tat – immerhin war ich mit seinen Kindern schwanger – war es unverbindlich und wenn dann die Zeit der Geburt kam, war er sofort wieder an meiner Seite. Er hat jedes der ersten drei Kinder abgöttisch geliebt. Du hättest sehen sollen, wie stolz er war, dass gleich das erste Kind ein Sohn war. Sein Erbe.“

Andrew verzog leicht das Gesicht. Er erinnerte sich noch gut genug daran, wie unausstehlich sein Bruderherz in seinem Vaterstolz gewesen war.

„Bei Anne wusste er dann im Vorfeld bereits, dass es ein Mädchen würde und auch wenn er auf einen zweiten Sohn gehofft hatte – du weißt schon, falls dem ersten was passiert – war sie vom ersten Augenblick an, da er sie in seinen Armen hatte, seine Prinzessin. Dann kam Richard und seine Welt war perfekt. Und meine ebenso, dachte ich.“

„Aber dann kam die Geschichtsstudentin...“, führte Andrew den Faden fort.

Alexandra nickte. „Da wusste ich, dass er nicht bloß untreu geworden war, weil ich unausstehlich gewesen war, sondern dass er das Abenteuer suchte. Schlimmer noch, dass er sich für Gottes Geschenk an die Weiblichkeit hielt. Als er dann auch noch die Unverfrorenheit besessen hat, zu Richards Geburtstag einen Kongress vorzutäuschen, aber stattdessen mit seinem Liebchen ein romantisches Wochenende auf dem Land eingelegt hat, habe ich beschlossen, ihm einen Grund zu geben, wieder fremd zu gehen. Ich beschloss, entgegen seinen Wünschen, noch einmal schwanger zu werden.“ Sie lachte erneut, und auch wenn es nicht mehr so verächtlich wie zuvor klang, so war es doch auch kein frohes Lachen. „Es war so einfach... Denn ob du es glaubst oder nicht, Reginald besitzt noch so etwas wie ein Gewissen. Er weiß, dass es falsch von ihm ist, seine Frau zu betrügen. Also versucht er es wieder gut zu machen, indem er besonders aufmerksam und zärtlich mir gegenüber ist. Tja, und das war es letztlich auch, was mich jetzt misstrauisch gemacht hat. Wenn er auf einer Tagung oder so einen One-Night-Stand aufreißt, dann krieg ich Blumen. Oder Schmuck. Was zwar auch keine wirkliche Entschädigung ist, aber ich weiß, dass die Sache bereits vorbei ist. Wenn aber zu den Blumen noch Sachen kommen, wie dass er vorschlägt, dass wir beide alleine schön Abendessen gehen könnten...“

„Und in letzter Zeit ist er sehr aufmerksam?“, wollte sich Andrew vergewissern.

„Ja“, bestätigte ihm seine Schwägerin. „Er hat sich neulich sogar donnerstags Zeit genommen, mit zu Peters Fußballspiel zu gehen. Das hat er, wie du weißt, noch nie getan.“

„Kein Wunder, dass du da misstrauisch wurdest.“

„Ich hatte zu dem Zeitpunkt aber noch keine Ahnung, wer seine Geliebte sein könnte. Denn nach der Sache mit der Geschichtsstudentin ist er vorsichtig geworden. Oder zumindest vorsichtiger. Im Sinne von, dass er nicht mehr seine Sekretärin bittet, Restauranttische, Hotelzimmer oder Veranstaltungskarten für ihn zu reservieren, wenn er nicht vorhat, mit mir dort hin zu gehen. So habe ich ja auch das mit der Studentin herausgefunden... Ich weiß nicht mehr, weshalb genau, ich weiß nur noch, dass ich Reginald dringend erreichen wollte, dann aber feststellen musste, dass ich keine Nummer von dem Hotel hatte, in dem er wegen dieser Tagung war. Also hab ich seine Sekretärin angerufen. Die wiederum ganz erstaunt war, dass ich von zu Hause anrief, denn ihr hatte mein werter Göttergatte erzählt, er wolle sich mit seiner Frau ein romantisches Wochenende machen. Mit ihrer Hilfe war es dann nicht schwer, herauszufinden, wer tatsächlich mit Reginald auf dem Land war. Schon erstaunlich, wie loyal Sekretärinnen der Ehefrau des Bosses gegenüber sein können.“ Ein kleines, zufriedenes Grinsen zierte Alexandras Gesicht bei diesen Worten.

Andrew lachte. „Wie sollte es auch anders sein. Schließlich weiß Reggies Sekretärin genau, dass du es bist, die für das Weihnachtsgeschenk und die Geburtstagsgrüße verantwortlich zeichnet. Du bist es auch, die nicht versäumt, sich nach den Kindern in Irland zu erkundigen und nach dem Hund zu fragen. Du hast also, im Gegensatz zu meinem Bruder, so etwas wie eine persönliche Beziehung zu ihr.“

„Wäre die Gute nicht so unersetzlich in ihrem Job, hätte Reginald sie mit Sicherheit entlassen, als er herausfand, dass ihre Loyalität mir und nicht ihm galt. Wobei ich sein Gesicht eigentlich schon ganz gerne gesehen hätte, als sie ihn danach ein ums andere Mal unschuldig fragte, ob sie bei dieser oder jener Reservierung, die er angeblich für uns beide geplant hatte, mich anrufen und mir sagen sollte, dass es mit der Reservierung geklappt habe.“

„Weshalb er jetzt wohl oder übel die Sachen selbst organisieren muss“, schloss Andrew.

„Glaubst du das wirklich? Andrew, wir reden von Lord Talmock, der es noch nicht einmal schafft für seine Kinder zu Weihnachten etwas bei Amazon zu bestellen. Eher darf die aktuelle Geliebte das Stelldichein organisieren. Was aber vielleicht auch ganz fair ist, immerhin kann sie so sicherstellen, dass es ein Ort ist, der ihr gefällt.“ Die Zynikerin brach in Alexandra hervor. „Keine Ahnung, wie er es mit Katharina gehalten hat, aber inzwischen...“ Sie brach ab, um ein Schluchzen, das sich gegen ihren Willen seinen Weg ihre Kehle empor zu bahnen drohte, zu unterdrücken. „Aber inzwischen traue ich ihm sogar zu, dass er es mit ihr in unserem eigenen Haus getrieben hat.“

„Oh Alexandra.“ Andrew wusste nicht, wie er seine Schwägerin, die ihm näher stand als seine eigene Schwester, trösten sollte. Jeder anderen Person hätte er wohl längst geraten, einen Schlussstrich unter diese ganze missratene Ehe zu ziehen, doch er wusste, dass das für Alexandra nicht in Frage kam. Zum einen waren da die Kinder und solange sie und Reginald sich nicht soweit gehen ließen, sich offen vor den Kindern zu streiten, war eine Familie der Situation einer Scheidung vorzuziehen. Selbst wenn die Eltern eher nebeneinander als miteinander lebten. Und dann war da noch ihr Stolz, der nicht zuließ, dass sie klein bei gab, dass sie aufgab und anderen das Feld überließ. Von dem Skandal, den es bedeutet hätte, ganz zu schweigen. Wobei ihr hier weniger der Familienname von Wichtigkeit war, als das Bewusstsein, dass die Klatschpresse nicht einmal vor den Kindern halt machen würde. Nein, eine Scheidung generierte mehr Probleme als sie löste. Vermutlich hätte sie sich mit Reginald hinsetzen und versuchen sollen, das ganze gütlich zu regeln. Eine Art Vertrag aufzusetzen, in dem sie ihr Leben unter einem Dach genau regelten. Dinge wie seine Anwesenheit bei Fußballspielen und ihre bei Gesellschaftsereignissen. Und dann einfach getrennte Schlafzimmer einrichten. Aber noch hatte sie diesen Punkt nicht erreicht, noch war sie innerlich nicht distanziert genug von ihrem Mann, um durch dessen Weibergeschichten nicht verletzt zu werden. Und dieser neuste Vorfall war wie ein Schlag in den Magen.

„Dass es Katharina war, habe ich erst realisiert, als bei ihr die Morgenübelkeit eingesetzt hat. Erst dann sah ich die Blicke, die sie meinem Mann immer zugeworfen hat, in einem ganz neuen Licht. Und auch ihre Kälte mir gegenüber. Vorher dachte ich... rückblickend weiß ich nicht mehr, was ich eigentlich dachte... vermutlich etwas in der Richtung, dass sie meinen Mann mit seiner Geliebten gesehen hätte und mich als schwache Ehefrau verachtet und mir deswegen so distanziert begegnet. Nun aber...“

„Nun aber befürchtest du, dass Reggie ihr allerhand Lügen über dich und/oder eure Ehe aufgetischt hat, um sie zu verführen?“, fragte Andrew.

Alexandra nickte. „Ja, so etwas in der Art.“

„Und, was hast du jetzt vor? Wie willst du mit der Sache umgehen?“

„Ich fürchte, das weiß ich nicht“, gestand sie. „Meine erste Reaktion war, Reginald zur Rede zu stellen. Worauf er gesagt hat, ich würde mich lächerlich machen. Der daraus resultierende Wortwechsel war wohl lauter, als ich gedacht hatte... Wenn Anne es mitbekommen hat...“

„Alexandra“, begann Andrew, „ich sage es nicht gern, aber deine Kinder kriegen fast jeden Streit mit, den du und Reginald haben. Wenn sie nicht direkt hören, dass wie ihr euch verbal attackiert, so merken sie es spätestens an eurem Verhalten danach.“

„Oh mein Gott!“ Erschüttert ließ die Mutter den Kopf auf ihre Hände sinken.

„Wenn es dir ein Trost ist, so denken sie meist, dass es darum geht, dass Reginald zu wenig Zeit für die Familie, für sie als Kinder hat. Was irgendwie auch logisch ist. Also, dass sie es darauf projizieren. Denn dass ihr Vater häufiger seine Versprechen bricht, was seine Anwesenheit bei Fußballspielen, Ballettaufführungen, Schultheater und ähnlichem betrifft, gehört leider für sie zum Alltag. Sicher wissen sie von ihren Freunden, dass das in anderen Familien nicht so ist und, nun ja, ich finde ja auch die Zeit. Und da es als Mutter deine Aufgabe ist, die Kinder zurecht zu weisen, wenn sie sich falsch benehmen, gehen sie eben davon aus, dass du als Mutter auch ihren Vater zurecht weist, wenn er sich nicht richtig verhält. Nur, dass er halt mehr Widerworte gibt als sie selbst.“

„Das mögen sie zwar jetzt noch denken, aber wie lange noch? Wie lange, bis sie merken, dass es bei den Streitereien nicht nur um seinen Zeitmangel der Familie gegenüber geht?“

„Das kann ich dir nicht sagen, Alexandra. Aber für den Moment ist es wohl wichtiger, sich zu überlegen, wie du die Situation mit Katharina handhaben möchtest. Noch glaubt Anne an eine Magen-Darm-Grippe. Aber wie lange wird so etwas andauern? Sicher nicht so lange wie Morgenübelkeit. Und irgendwann wird man es Katharina ansehen, dass sie schwanger ist.“

„Ich weiß... Ich wollte sie deswegen auch schon konfrontieren, aber ehrlich gesagt, nach dem Streit mit Reginald fehlte mir irgendwie der Mut.“

„Verständlich“, erwiderte Andrew. „Nur leider löst es das Problem nicht.“

„Du hast Recht... Mein Gott, ich weiß ja im Moment noch nicht einmal, ob ich es ertragen würde, sie Tag für Tag zu sehen, zu wissen, dass in ihr das Kind meines Mannes heranwächst. Aber ich kann sie doch auch schlecht einfach so rauswerfen. Egal wie sehr mir in manchen Momenten danach ist.“

„Was ist mit Katharinas Familie? Vielleicht möchte sie ja freiwillig nach Hause? In dieser Situation? Möchte sie denn überhaupt das Kind austragen oder behalten?“ Darüber hatten sie sich bislang noch gar nicht unterhalten. Sie waren einfach wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Katharina das Kind nicht würde abtreiben wollen. Vermutlich, weil eine Abtreibung für Alexandra nie in Frage gekommen wäre.

„Ich weiß es nicht“, gestand Alexandra Andrew. „Also, ob sie das Kind austragen möchte. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass sie begriffen hat, dass sie schwanger ist. Was ihre Familie betrifft, so ist sie zusammen mit ihrem Bruder von der Großmutter großgezogen worden, nachdem die Eltern bei einem schweren Zugunglück ums Leben gekommen sind. Und ob sie ihre Familie in die Sache mit hineinziehen möchte, weiß ich nicht.“

„Es hilft alles nichts, wir müssen mit Katharina reden. Hören, was sie dazu sagt. Dann können wir Pläne schmieden“, sagte Andrew.

„Aber nicht mehr heute“, bat seine Schwägerin. „Das würde nicht gut gehen. Ich bin jetzt schon zu aufgewühlt. Auch wenn ich froh bin, dass ich endlich mit jemandem darüber reden konnte.“

Andrew nickte verstehend. Außerdem war es bereits Abend, dunkel draußen, und er hatte die Nacht zuvor zu wenig geschlafen. War es wirklich erst eine Nacht her, dass er... nein, jetzt bloß nicht mit den Gedanken in diese Richtung abschweifen.

Alexandra stand auf. „Es wird Zeit, ich sollte nach Hause gehen. Sonst sehe ich meine beiden Großen heute gar nicht mehr wirklich.“

Andrew lächelte ihr aufmunternd zu. „Irgendwie finden wir eine Lösung.“ Er begleitete sie noch zu ihrem Wagen, dann machte er sich auf den Weg zur nächsten U-Bahn-Station.

 

 

 

XV.

Auch Garretts Tag war durchwachsen, was seine Gedanken und Gefühle betraf. Andrew hatte ihn reichlich verwirrt. Gewiss, er hatte gewusst, dass der andere schwul war und ja, es war gestern reichlich spät und sie hatten beide Alkohol getrunken. Konnte er da allen Ernstes etwas in Andrews Handlung, den Kuss auf die Wange, interpretieren? Überhaupt, es war nur ein Kuss auf die Wange gewesen. Nicht auf die Lippen, was wohl eindeutig etwas zu bedeuten gehabt hätte. War es vielleicht nur ein freundschaftlicher Kuss? Oder hatte Andrew ihn auf die Lippen küssen wollen, diese aber verfehlt? Nein, das nicht! So viel Alkohol hatten sie nun auch nicht getrunken. Also was dann?

Andrews Reaktion am nächsten Morgen nach zu gehen, hatte es was zu bedeuten. Oder weshalb sonst hätte er vorschlagen sollen, den Bus zu nehmen? War es ihm peinlich? Hatte er Garrett vielleicht doch nur aus Versehen geküsst und befürchtete nun, dieser würde mehr dahinein interpretieren, falsche Signale sehen? Aber Andrew musste doch wissen, dass Garrett hetero war. Und als Hetero sah man keine derartigen Signale. Denn das hätte bedeutet, dass man sich als Hetero mehr von dem Schwulen erhoffte. Was allein in dieser Formulierung schon irrsinnig klang. Also... Aber wieso hatte dann seine Haut so geprickelt, dort, wo Andrews Lippen sie berührt hatten? Und wieso hatte er die halbe Nacht, so kurz sie auch war, wach gelegen und darüber nachgedacht? Wieso war er so verwirrt? Dermaßen verwirrt, dass er sich hinter seiner Geschäftsmaske versteckt hatte?

Frustriert ließ Garrett den Bleistift auf den Vertragsentwurf fallen, den er eigentlich gerade durcharbeitete. Nun ja, durcharbeiten wollte... sollte... Nur, dass ihn seine Gedanken davon abhielten. Wie hatte es Andrew nur geschafft, sich so tief in sein Bewusstsein zu graben, dass er sich nicht einmal mehr mit Arbeit davon ablenken konnte? Selbst während der Geschichte mit Helena hatte ihm die Arbeit geholfen. Er hatte sich einfach hinter einem Berg von Papier verschanzt und die Welt dort draußen vergessen. Jetzt aber...

Vielleicht sollte er sich einen Kaffee holen.

Garretts Blick fiel auf die noch fast volle Henkeltasse auf seinem Schreibtisch und er seufzte. Diesen Ausweg hatte er schon vor einer Stunde probiert. Und was war daraus geworden? Er hatte so lange gegrübelt, dass der Kaffee darüber kalt geworden war.

Vielleicht sollte er sich einen Kaffee holen. Aber nicht aus der Kaffeeküche, sondern aus der Kantine. Vielleicht auch eine Kleinigkeit zu Essen. Heute Morgen war ihm irgendwie nicht danach gewesen und zum Glück war Rosalind es bereits gewöhnt, dass er nur einen Müsliriegel zu sich nahm. Und vielleicht...

Zum ersten Mal an diesem Tag breitete sich so etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, als er sich auf den Weg in die drei Stockwerke tiefer gelegene Kantine machte.

 

Die Frühstückszeit ging gerade zu Ende, nur wenige Angestellte der Firma waren noch mit den Resten ihrer Zwischenmahlzeit und einem kurzen Blick in die Tageszeitung beschäftigt.

Obgleich Garrett meist nicht in der allgemeinen Kantine sondern im Casino des Führungskreises aß, besuchte er die Kantine doch häufig genug, so dass sein Erscheinen keinen der Anwesenden in eine instinktive Panik versetzt hätte. Zwar sahen wohl alle auf und der ein oder andere trank seinen Kaffee ein wenig schneller als er es sonst wohl getan hätte, doch im Allgemeinen nickten die Angestellten ihrem Chef nur freundlich zu und kümmerten sich dann wieder um ihre eigenen Belange.

Garrett war stolz auf diese Reaktion. Gewiss, er wollte, dass man ihm in seiner Funktion als Firmenchef Respekt entgegen brachte, aber er wollte nicht, dass seine Angestellten ihn fürchteten oder sich durch ihn eingeschüchtert fühlten. Zumindest nicht unangemessen, unüberwindbar eingeschüchtert. Schließlich war er auch nur ein Mensch. Und als solcher, als Mensch, hatte er sich die Mühe gemacht, jede Abteilung zu kennen und jeden Mitarbeiter zumindest vom Sehen her zuordnen zu können. Auch sparte er nicht mit Anerkennung für gut geleistete Arbeit, wusste er doch, dass ein lobendes Wort für die meisten weit mehr bedeutete, als eine mögliche monetäre Anerkennung. Auch wenn letzteres natürlich nicht abgelehnt wurde.

Auch die Küchen-Crew, egal ob sie in der Kantine oder im Kasino arbeiteten, kannte er gut. Aber sie kannten ihn besser. Kaum hatte er die Kantine betreten, war eine Mitarbeiterin in die Küche gegangen, um nachzusehen, ob noch ein Kirschplunder vorhanden sei – die Vitrinen waren bereits leer geräumt worden, um sie für das Mittagessen vorzubereiten. Nun kam sie mit einem Teller und einem Lächeln zurück. Sie alle wussten, dass wenn der Chef mal zum Frühstück vorbeischaute, er stets einen Kaffee und ein Kirschplunder wählte.

Er dankte der Frau und legte seinen Firmenausweis auf das Lesegerät, diente die Karte doch zugleich auch als Geldkarte in der Kantine. „Ist der Chef auch da?“, fragte er.

„Ist heute Montag?“, gab die Dame nur lächelnd zurück.

Garrett erwiderte das Lächeln. Natürlich war der Küchenchef Robert MacPhee da. Und weil Montag war, bedeutete das, dass ein Currygericht auf dem Speiseplan stand und der Chef damit beschäftigt war, die Gewürzpaste herzustellen, die, in kleine Schüsselchen abgefüllt, es den Angestellten erlaubte, nach Belieben das Gericht nach zu schärfen. „Dann will ich ihn nicht stören“, sagte er, wusste er doch, dass der Koch hierzu frisch gemahlene Gewürze grammgenau abwiegen würde und selbst der Luftstoß einer aufgehenden Küchentür fatale Folgen für das Endergebnis haben konnte. „Aber wenn Sie ihm sagen würden, dass ich hier bin, wenn Sie ihn sehen?“

„Das kann aber noch ein wenig dauern“, erwiderte die Mitarbeiterin vorsichtig.

„Ist schon in Ordnung. Ich werde einfach so lange ein wenig Zeitung lesen.“ Damit nahm Garrett seinen Teller und den Kaffee und setzte sich an einen der Tische. Doch statt sich noch eine Zeitung zu holen, starrte er lieber ein wenig aus dem Fenster.

 

So fand ihn auch eine gute halbe Stunde später der Küchenchef. Mit einer eigenen Tasse Kaffee ließ er sich Garrett gegenüber an dem Tisch nieder. Den Koch umgab noch der unverwechselbare Geruch von Curry und Chilipulver, das dem unverkennbaren Schotten eine seltsam exotische Aura verlieh. Robert MacPhee nahm einen Schluck Kaffee und wartete dann ab, dass Garrett das Gespräch begann. Als dies jedoch ausblieb, ergriff er selbst die Initiative. „Wo drückt denn der Schuh?“

Hätte man Garrett nach einem Freund gefragt, so hätte Robert MacPhee ziemlich weit oben auf der, zugegeben recht kurzen, Liste gestanden. Denn auch wenn sie sich nur innerhalb des Firmensitzes von Crady Pharmaceuticals trafen, so war der Koch eindeutig die Person, der Garrett sich mit seinen Problemen am ehesten anvertraute. Nichts Geschäftliches, sondern stets nur Privates. Man hätte in gewisser Weise sogar soweit gehen können, zu behaupten, Robert MacPhee sei Garretts persönlicher Kummerkasten. Aber irgendwie hatte der hochgewachsene Schotte etwas an sich, das Garrett dazu brachte, ihm zu vertrauen. Vielleicht lag es daran, dass Robert ein absoluter Familienmensch war. Er war glücklich verheiratet, hatte zwei Kinder und liebte seinen Job unter anderem deswegen, weil er ihm erlaubte, den Nachmittag und Abend mit seiner Familie zu verbringen, auch wenn er dafür im Gegenzug sehr früh aufstehen musste. Allein die Tatsache, dass der Koch sein Privatleben so zu schätzen wusste, machte ihn Garrett sympathisch. Und in den fünfzehn Jahren, die Robert verheiratet war, hatte er das Zuhören gelernt. Gepaart mit der inneren Ruhe, die er als Küchenchef einer hektischen Kantine haben musste, war er also geradezu prädestiniert, selbst jemandem wie dem Chef ein vertrauenswürdiges Ohr zu leihen.

Obwohl Garrett mit einer solchen Frage gerechnet hatte, zögerte er noch einen Moment, denn er wusste nicht recht, wie er anfangen sollte. Schließlich sagte er: „Du erinnerst dich noch an das Debakel mit Helena?“

„Blöde Frage. So was vergisst man nicht.“

„Du hast Recht, blöde Frage.“ Garrett seufzte. „Ich glaube, sie hat mich für die Frauenwelt verdorben.“

„Inwiefern?“

„Als ich neulich auf dieser Wohltätigkeitsveranstaltung war, ließ mich die anwesende Weiblichkeit absolut kalt. Dabei war ich nicht mal in weiblicher Begleitung da. Ich hätte also für Flirts offen sein können. Oder sogar sein müssen. Oder zumindest den Damen so viel Aufmerksamkeit schenken, dass ich die ein oder andere an dem Abend wenigstens gedanklich unter ‚attraktiv’ einsortiert hätte. Aber da war nichts dergleichen.“

„Na ja, du warst aber an dem Abend nicht alleine auf der Veranstaltung. Und auch wenn deine Begleitung nicht weiblich war, so bist du doch nicht so unhöflich, deine Begleitung zu ignorieren, nur um das Terrain zu sondieren“, erwiderte Robert.

„Schon, aber man kriegt doch aus den Augenwinkeln was mit oder lässt mal den Blick durch den Saal schweifen. Doch da ist nichts haften geblieben. Dafür erinnere ich mich an seinen Bruder umso deutlicher. Aber gut, so viel Dämlichkeit und Bigotterie und Dünkel vergisst man wohl nicht so schnell.“

„Sein Bruder?“

In diesem Moment ging Garrett auf, dass Robert Andrew vermutlich höchstens als Mr. Mysteriös von den Zeitungsbildern her kannte. „Meine Begleitung war Andrew Fitzstephen, der Bruder von Lord Talmock, der seines Zeichens wiederum Mitglied des Oberhauses ist.“

„Aha“, nickte Robert. „Und was ist bei dir sonst noch von dem Abend haften geblieben?“

„Das ist es ja... alles, woran ich mich erinnere, hängt irgendwie mit Andrew Fitzstephen zusammen.“

„Und wegen dieses einen Abends glaubst du nun, der Frauenwelt abschwören zu müssen?“ Robert beäugte Garrett ein wenig ungläubig. Das konnte noch nicht alles sein. Sonst wäre der Chef nicht so durch den Wind.

„Wenn es bei dem einen Abend geblieben wäre, vermutlich nicht“, gestand Garrett und erzählte seinem Küchenchef auch noch von den anderen Begegnungen.

„Klingt doch alles recht harmlos.“

Garrett seufzte ungehört. Natürlich hatte er das mit dem Kuss auf die Wange weggelassen. Das war irgendwie zu peinlich. „Ja, aber... ich weiß nicht, waren da vielleicht Signale von ihm, dass er sich mehr als nur Freundschaft erhofft? Habe ich vielleicht unbewusst solche Signale gesendet und ihm somit erlaubt auf mehr zu hoffen? Und wieso ist er der Erste, der mir einfällt, wenn ich wie zum Beispiel für gestern eine Konzertkarte über habe?“

„Deine Frage nach den Signalen kann ich dir leider nicht beantworten. Denn ich bin diesbezüglich, glaubt man meiner Frau, absolut blind. Weshalb sie mich ja auch um das erste Date gebeten hat, nachdem sie erkannt hat, dass ich nie verstehen würde, dass sie aufs Heftigste mit mir geflirtet hat“, gestand Robert mit einem schiefen Grinsen. „Was aber die letzte Frage betrifft, so fällt dir dieser Andrew Fitzstephen vielleicht deswegen als Erster ein, weil du weißt, dass er ungebunden ist und somit vermutlich Zeit hat, du außerdem weißt, dass er intelligent und unterhaltsam ist und definitiv nichts aus deinem Privatleben an die Presse weitergeben würde. Weil du dich in diesem Punkt bei ihm sicher fühlst.“

„Hm... aber bloß weil er ‚verfügbar’ ist... das klingt als wäre er eine Ware mit Abrufauftrag.“

„Das wäre nur dann der Fall, wenn du das Gefühl hättest, ihn dabei zu benutzen“, wandte Robert ein. „Und da der Ausflug zum Schlittschuhlaufen auf seine Initiative hin zustande gekommen ist, scheint das nicht der Fall zu sein.“

„Aber bei all diesen Gelegenheiten waren auch Frauen um uns herum... und keine einzige habe ich wirklich zur Kenntnis genommen. Im Grunde hätten zum Beispiel am Somerset House auch nur lauter Hunde und Katzen auf dem Eis sein können.“

Der Koch lachte. „Also das Spektakel wäre dann sicher bei dir im Gehirn haften geblieben.“

Auch Garrett musste bei der Vorstellung lachen. „Ja, wahrscheinlich. Aber Fakt ist: Wenn ich mit Andrew unterwegs bin, nehme ich keine Frauen wahr. Zumindest nicht auf die Art.“

„Nimmst du denn Männer wahr? Und sei es nur, dass du unbewusst nach einem möglichen Beziehungskandidaten für Andrew Ausschau hältst?“

Garrett schüttelte den Kopf. „Irgendwie ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass Andrew vielleicht auf der Suche sein könnte.“

Robert MacPhee schmunzelte bei diesem selbstverständlichen Egoismus.

„Doch Andrew hat auch nie Anzeichen gezeigt, dass er das Terrain in dieser Weise sondieren würde...“

„Wir haben also zwei männliche Singles, die gemeinsam unterwegs sind, ohne nach potenziellen Flirts zu suchen, sondern sich einfach nur auf einander konzentrieren?“, fasste der Koch zusammen.

„So könnte man es ausdrücken.“

Robert dachte einen Moment nach. Die absolute Aufmerksamkeit, die aus dieser Schilderung sprach, legte zumindest nahe, dass dieser Andrew vielleicht durchaus Interesse an Garrett hatte. Und so attraktiv wie Garrett auf die Frauenwelt normalerweise wirkte, war es nicht sehr abwegig den Schluss zu ziehen, dass auch ein schwuler Mann Garrett attraktiv finden würde. Aber gleichzeitig klang es so, als sei dieser Andrew sehr vorsichtig, wenn es darum ging, das mögliche Interesse zu bekunden. Zumindest machte Garrett nicht den Eindruck als sei der andere ihm zu nahe getreten. Denn wäre dieser ihm zu nahe getreten, hätte das durchaus eine Reaktion des Abgestoßenseins und nicht eine Verwirrung, wie sie Garrett offenbar beherrschte, hervorgerufen. Aber mochte es sein, dass Garrett unbewusst auf die kleinen Signale, die Andrew wohl dennoch ausgesendet haben würde, reagierte? Robert betrachtete sein Gegenüber und beschloss dann eine Gegenprobe zu machen. Vielleicht gelang es ihm so herauszufinden, was Garrett empfand, von dem er selbst nicht einmal etwas wusste, und das so zur Klärung beitrug. „Was wäre, wenn du Andrew das nächste Mal wegen einer Veranstaltung fragen würdest und er dir sagte, dass er da nicht könne, weil er da mit seinem neuen Freund zu Hause einen kuscheligen Filmeabend geplant habe? Und er dir dann mit dem typischen Eifer eines Frischverliebten von diesem anderen Mann erzählte? Würdest du dich für ihn freuen?“

„Ja, ich...“ Garrett brach seine instinktive Antwort ab und dachte noch einmal über die Frage nach. Würde er sich wirklich freuen? In gewisser Weise schon, aber wieso bildete sich bei dem Gedanken zugleich auch ein unangenehmer Klumpen in seinem Magen? Hieß das...? Und war das der Grund, weshalb es so gekribbelt hatte, als Andrew ihn auf die Wange geküsst hatte?

„Ich denke“, riss Robert, der bei dieser zögerlichen Antwort zu ahnen begann, in welche Richtung der Gefühlshase lief, Garrett aus seinen Gedanken, „dass du dich zu Andrew auf mehr als nur eine Weise hingezogen fühlst. Was genau, oder wie sehr, das weiß ich nicht und es geht mich auch nichts an. Aber ich würde vorschlagen, dass du versuchst es herauszufinden. Und zwar, indem du mit Andrew redest. Denn es wird nicht funktionieren, wenn du versuchst es allein durch Grübeln herauszufinden, wie es sonst deine Art ist.“ Damit stand der Koch auf, denn ein kurzer Blick auf die Uhr hatte ihm offenbart, dass in der Küche nun die heiße Phase anlief und es besser war, wenn er zur Stelle war, um alles zu überblicken.

Garrett sah Robert kurz hinterher, dann ließ er den Blick wieder aus dem Fenster wandern und dachte über das nach, was sein Freund ihm zuletzt gesagt hatte.

 

 

 

XVI.

Dass Garrett ein Sturkopf war, wusste er selbst. Umso erstaunlicher war es, dass er bereits um drei Uhr am Nachmittag zu dem Schluss kam, dass Robert Recht hatte und er mit Andrew reden musste. Wobei, natürlich hatte Robert Recht. Seine Nanny MacPhee, wie sich der Koch selbst scherzhaft nannte, hatte immer Recht. Außerdem, wäre es so schlimm, wenn er sich auf diese Art zu einem Mann hingezogen fühlte? Gut, es gab Menschen, wie den Baron of Talmock, die es wohl nie lernen würden, aber diese Menschen waren in Europa zunehmend in der Minderzahl. Was, wenn er also beschloss, schwul zu sein? Beschloss man das überhaupt? Oder war man das nicht einfach? Oder war er, aufgrund der Tatsache, dass er vor Andrew noch nie einen Mann auch nur annähernd interessant gefunden hatte, nicht eher als bisexuell einzustufen? Was waren das eigentlich für Labels, mit denen sich die Menschheit kategorisierte? Das klang irgendwie bizarr... als wäre man kein richtiger Mensch, wenn man sich nicht einer Kategorie zugehörig fühlte... Konnte man nicht einfach sagen: Ich habe einen Menschen gefunden, mit dem zusammen ich glücklich bin? Eine neue, nicht sexuell orientierte Klasse der Glücklichen definieren? An diesem Punkt in seinen Gedanken angelangt, der ihm eine gewisse innere Ruhe versprach, gab es für Garrett kein Halten mehr. Wozu das Ganze noch unnötig heraus zögern? Er würde noch heute mit Andrew reden!

Diesem Entschluss Taten folgen lassend, ließ er sich von Mrs. Kennicot einen Fahrplan ausdrucken, wie er von Crady Pharmaceuticals am besten per U-Bahn zur Bibliothek, in der Andrew arbeitete, kam, um diesen zum Feierabend abzupassen.

Er schaffte es sogar, sich in den unterirdischen Stationen nicht zu verlaufen, auch wenn er einmal mehr feststellte, dass öffentliche Verkehrsmittel nie sehr weit oben in seiner Gunst stehen würden. Aber es wäre Irrsinn gewesen, mit dem Wagen durch die City zu wollen und zu hoffen, es zur Bibliothek zu schaffen, ehe Andrew seinen Heimweg antrat. Denn dann hätte Garrett bis zum nächsten Tag warten müssen, wusste er doch nicht, wo Andrew wohnte. Und Warten war zu diesem Zeitpunkt eine wirkliche Option für ihn. Diesbezüglich war die U-Bahn also eindeutig im Vorteil.

Leider aber nutzte ihm an diesem Tag auch dieser Vorteil nichts. Als er am Informationsschalter nach Andrew fragte und die Dame in die Katakomben telefoniert hatte, wurde ihm mitgeteilt, dass Mr. Fitzstephen bereits vor einer viertel Stunde in einer dringenden Familienangelegenheit das Haus verlassen hatte. Am liebsten hätte Garrett laut geflucht, aber seine gute Erziehung verbot dies. Stattdessen beließ er es dabei, sich frustriert durch die Haare zu fahren. Dann dankte er der Bibliotheksangestellten und wandte sich zum Gehen.

Er hatte die Tür noch nicht ganz erreicht, als eine helle Frauenstimme ihm hinterher rief. „Mr. Crady! Warten Sie!“

Als Garrett sich umwandte, sah er eine elegant gekleidete, schlanke Dame mit wohl frisiertem Haar auf sich zueilen. Fragend sah er sie an und wartete, bis sie nahe genug herangekommen war, um ihm mitzuteilen, weshalb er warten sollte.

Sie setzte ein Lächeln auf. „Ich nehme an, Sie wollten zu meinem Bruder?“

Erstaunt blickte Garrett die Frau an. „Entschuldigen Sie, aber... wer sind Sie?“

Ein glockenhelles Lachen perlte aus ihrem Mund. „Verzeihen Sie, wie dumm von mir. Ich bin Lynette Fitzstephen, Andrews Schwester. Und dass Sie zu meinem Bruder möchten, habe ich vermutet, weil Sie neulich zusammen bei dem Wohltätigkeitsdinner waren und danach noch mal tanzen...“ Sie klimperte mit den Wimpern.

Garrett musste stark an sich halten, um nicht genervt die Augen zu verdrehen. Lynette Fitzstephen war so offensichtlich auf einen Flirt mit ihm aus, dass jede Dampfwalze dagegen wie eine anmutige Primaballerina gewirkt hätte. Und in dieser Hinsicht war sie leider genau so, wie Andrew sie beschrieben hatte. Aber als Andrews Schwester wusste sie höchstwahrscheinlich wo ihr Bruder wohnte und wenn es ihm gelang, ihr diese Information zu entlocken, dann hätte er die Möglichkeit dort zu warten, bis dieser von der dringenden Familienangelegenheit zurückkehrte und müsste nicht bis zum nächsten Tag warten. Also setzte er sein unverbindliches Gesellschaftslächeln auf und nickte. „Sie haben Recht, Miss Fitzstephen, Ihr Bruder und ich sind nach dem Dinner in Verbindung geblieben. Und ja, ich hatte gehofft, Ihren Bruder hier anzutreffen, um ihm seinen Schal wiederzugeben.“ Der Schal war jener, den Andrew Garrett beim Schlittschuhlaufen geliehen und dann zurück zu fordern vergessen hatte. Als Garrett Andrew später darauf angesprochen hatte, hatte dieser nur lachend abgewinkt und gesagt, er habe noch andere Schals im Büro. Jetzt diente er Garrett lediglich als Ausrede.

„Mein Bruder“, lachte Lynette gekünstelt. „Er verliert ständig seine Schals. Wenn wir nicht wissen, was wir ihm zu Weihnachten schenken sollen, schenken wir ihm immer Schals.“

Was nach amüsanter Familienanekdote klingen sollte, war selbst für Garrett zu viel der Scheinheiligkeit. Selbst wenn er nicht gewusst hätte, dass Andrew gewöhnlich seine Schals lediglich zu Hause oder auf der Arbeit vergaß und nicht wirklich verlor, hätte Lynette Fitzstephen noch diverser Stunden Schauspielunterrichts bedurft, um diese Episode überzeugend zu verkaufen. Vielleicht wusste Garrett aber auch nur aus Andrews Erzählungen zu viel über dessen Schwester, um von deren durchsichtigen Bemühungen beeindruckt zu sein.

„Aber wenn Sie möchten, kann ich ihm den Schal bringen. Sehen Sie, wie Sie wollte ich heute meinen Bruder zu Feierabend überraschen, habe ihn aber verpasst. Jetzt wollte ich zu ihm nach Hause fahren“, schlug Lynette mit einem Lächeln vor, „und dort nach ihm sehen.“

Garrett wusste nicht, ob er jubilieren sollte, dass Lynette ihn tatsächlich zu Andrews Wohnung führen könnte, oder ob er sie wegen ihres affektierten Gehabes nicht lieber gleich strangulieren sollte. Stattdessen sagte er: „Ich fürchte, dass er noch nicht zu Hause ist. Laut seinen Kollegen ist er wegen einer dringenden Familienangelegenheit heute früher gegangen.“

„Ach, dann ist sicher etwas mit einem der Kinder. Vielleicht ist Richard vom Klettergerüst gefallen und das Kindermädchen ist natürlich nicht in der Lage ihn ins Krankenhaus zu fahren, ohne dass die anderen Kinder zu Hause das reinste Chaos anrichten.“ Die Nebensächlichkeit, mit der Lynette über ihren Neffen sprach, den sie verletzt vermutete und die Herablassung, die sie gegenüber dem Au-pair-Mädchen bezeugte, von der Lieblosigkeit in den Worten über die anderen Kinder, in denen sie offenbar kleine Monster sah, ganz zu schweigen, erstaunten Garrett nicht schlecht. Dennoch durfte er sich nichts anmerken lassen. Nicht, wenn er von ihr noch erfahren wollte, wo Andrew wohnte. Deswegen beschloss er zum Gegenangriff überzugehen, auch wenn die Dame es vermutlich so auslegen würde, dass er auf ihren Flirt einging. „Miss Fitzstephen, ich weiß, es ist noch recht früh am Abend, aber vielleicht hätten Sie Lust mit mir eine Kleinigkeit essen zu gehen, vielleicht in einem Restaurant in der Nähe der Wohnung Ihres Bruders, wo wir beide auf ihn warten könnten? Dann könnten Sie sich nach Ihrem Neffen erkundigen und ich könnte Andrew den Schal selbst zurück geben. Denn ich sähe es nur ungern, wenn er glaubte, ich würde sein Eigentum einem x-beliebigen Boten überlassen. Nicht, dass Sie ein x-beliebiger Bote sind, aber Sie wissen ja, wie Brüder sind – die eigene Schwester zählt nicht als Person.“ Garrett zwang sich noch zu einem Lächeln, um sie seiner Aufrichtigkeit zu versichern, doch das wäre nicht nötig gewesen. Lynette hatte gieriger angebissen als ein Piranha.

„Oh, ich weiß genau, wo wir hingehen könnten. Es gibt da einen kleinen Italiener, an dem Andrew jeden Tag auf dem Weg von der U-Bahn vorbeikommt und wo er sich manchmal auch etwas zum Abendessen mitnimmt. Nun ja, es ist natürlich keine Sterneküche, aber wir würden auf keinen Fall verpassen, wann er nach Hause kommt“, flötete Lynette Fitzstephen sogleich.

Garrett war so erleichtert, dass er gar nicht den berechnenden Blick in ihren Augen sah, als er ihr, stets der vollendete Gentleman, den Arm reichte, um sich von ihr zur richtigen U-Bahn-Station lenken zu lassen. Falls Lynette Fitzstepehen überrascht war, dass er sie nicht zu einer in der Nähe wartenden Limousine geleitete, so ließ sie sich zumindest nichts anmerken.

 

Das italienische Lokal war in der Tat genau so, wie Lynette es beschrieben hatte: kein Sternerestaurant, aber auch keine heruntergekommene Kaschemme. Doch im Grunde waren Garrett die fehlenden Sterne nur recht. Er mochte zwar durchaus den Stil, die Eleganz und die gehobene Küche solcher Restaurants, allerdings nur in Maßen. Lieber aber noch mochte er urtümliche Lokale, die versuchten, Geselligkeit und Gemütlichkeit neben gutem Essen zu servieren. Lokale, in denen man nicht gleich schief angesehen wurde, wenn man über eine witzige Anekdote laut lachte. Abgesehen davon, waren in diesen Lokalen meist die Essensportionen größer, was die Notwendigkeit zur Konversation dankenswerter Weise einschränkte, wenn man sich in Gesellschaft befand, die man nicht wirklich mochte. Denn auch wenn er Lynette Fitzstephen erst seit diesem Nachmittag persönlich kannte, so hatte sie es doch schon geschafft, sich in dieser kurzen Zeit dermaßen unbeliebt bei ihm zu machen, dass er sich fragte, wie sie es geschafft hatte, diesen Investmentbanker dazu zu bewegen, sie mit nach Singapur zu nehmen.

Garrett war erleichtert, als ihm diese Information, die ihm Andrew an ihrem ersten Abend mitgeteilt hatte, wieder einfiel, bot sie doch eine ausgezeichnete Möglichkeit, Lynette den Großteil der Konversation zu überlassen. Und so fragte er, nachdem ein jovialer Kellner ihre Bestellung aufgenommen hatte, wie ihr Singapur gefallen habe und ob es nicht ein großer Temperaturschock für sie gewesen sei, als sie wieder zurückgekommen war, war es doch ein deutlicher Unterschied zwischen dem tropischen Klima in dem äquatornahen Stadtstaat und dem britischen Winter.

„Oh, Sie wissen, dass ich in Singapur war?“, fragte sie überrascht und vielleicht zum ersten Mal an diesem Tag war ihr Tonfall nicht gekünstelt.

„Ihr Bruder erwähnte es.“

„Es spricht für Sie, dass Sie sich an so etwas erinnern“, säuselte Lynette und nippte an dem Wein, den der Kellner gebracht hatte. Bei diesen Worten aber hörte man genau ihre ähnlich lautenden Gedanken in Form von: ‚Es spricht für mich, dass Sie sich an so etwas erinnern.’

Einmal mehr hätte Garrett am liebsten die Augen verdreht. Er konnte nur hoffen, dass Andrew nicht zu lange brauchte, um nach Hause zu kommen und ihn aus dieser Folter zu erlösen.

 

 

 

XVII.

Andrew ließ sich von dem Strom der arbeitenden Bevölkerung, die überall in der City dem Feierabend entgegenstrebte, in Richtung U-Bahn treiben. Ihm war es egal, welche Station er auf diese Weise erreichte, er kannte das Streckennetz gut genug, um den kürzesten Weg nach Hause sofort unterbewusst zu erfassen. Stattdessen hing er seinen Gedanken nach. Wie hatte Katharina nur so dumm sein können? Und wie würde wohl das Gespräch morgen verlaufen? Alexandra und er wollten es nicht auf die lange Bank schieben und so hatten sie beschlossen, zum Mittagessen mit ihr zu reden. Andrew konnte nur hoffen, dass seine Kollegen bereit waren, für eine oder zwei Stunden auf Mia und Richard aufzupassen, aber er war zuversichtlich. Mia würde vermutlich die meiste Zeit mit Mittagsschlaf verbringen und wenn man Richard ein wenig Papier und ein paar Stifte überließ, würde er sicherlich ‚Bücher illusieren’, wie er es nannte – er meinte natürlich Bücher illustrieren. Das hatte er einmal bei seinem Onkel gesehen, und auch wenn dieser ihm eingeschärft hatte, nie in den Büchern, an denen sein Onkel und dessen Kollegen arbeiteten, zu malen, war Richard von dieser Beschäftigung äußerst fasziniert gewesen. Zum Glück war er aber normalerweise ein braves Kind, das sich an entsprechend deutlich geäußerte Verbote hielt.

Dann schob Andrew energisch alle Gedanken an Katharina und ihre Situation beiseite. Er konnte heute eh nichts mehr diesbezüglich tun und wie sein Magen laut grummelnd verkündete, hatte er darüber bereits versäumt, etwas zu Mittag zu essen. Angesichts dieser Tatsache war es eigentlich das Naheliegendste, sich etwas bei seinem Lieblingsitaliener zum Mitnehmen zu bestellen. In Gedanken an die große Portion Spaghetti Vongole lief Andrew förmlich das Wasser im Mund zusammen.

Einen kurzen Orientierungsblick später hatte er die Zeit kalkuliert, die er von seinem jetzigen Standort nach Hause brauchen würde und festgestellt, dass es die optimale Zeit war, bei dem Lokal anzurufen und schon mal seine Spaghetti zu bestellen. Mit etwas Glück wären sie dann schon fertig, wenn er ankam, oder ansonsten wären es nur noch wenige Minuten, die er warten müsste, ehe das tobende Tier in seinem Magen besänftigt werden konnte.

 

Wie üblich war die U-Bahn um diese Zeit mehr als voll, aber Andrew wusste auch, dass es nichts brachte, auf die nächste Bahn zu warten, da diese genauso voll wäre. Also gab er sich einmal mehr dem Gefühl einer Ölsardine in der Dose hin und war nur froh, dass er so groß war, dass er zumindest über die Köpfe der meisten anderen Fahrgäste hinwegblicken konnte und sich so zumindest ein klein wenig weniger eingeengt fühlte. Dennoch war er wie üblich froh, als er den Zug wieder verlassen konnte. Die kalte Luft, die ihn an der Oberfläche erwartete, war richtig wohltuend.

Voller Vorfreude auf sein Essen, schritt Andrew frohgemut aus und betrat bald darauf das vertraute Lokal. Wie jedes Mal wurde er mit einem fröhlichen Hallo von dem Kellner und dem Chef hinter der Theke begrüßt. So kam es, dass er den Gastraum mit keinem weiteren Blick würdigte, sondern gleich an die Theke trat, um sich nach seinem Essen zu erkundigen.

 

Garrett, der unglücklicherweise zu sehr Gentleman gewesen war, hatte mit dem Rücken zur Tür Platz genommen und so Andrews Eintreten nicht bemerkt. Als dieser jedoch die Grüße erwiderte, erkannte er die Stimme augenblicklich. Beinahe verschluckte er sich an dem Bissen, den er gerade im Mund gehabt hatte, so überrascht war er. Gewiss, er hatte darauf gehofft, Andrew zu sehen, wie dieser draußen am Fenster vorbei kam, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass dieser heute in dem Lokal vorbeisehen würde. Oder wenn doch, so hatte er erwartet, an Lynettes Mienenspiel zu erkennen, wenn ihr Bruder hereinkam. Schließlich wartete sie ja auch auf ihn. Ein kurzer Blick in die Richtung seiner Tischpartnerin belehrte ihn eines Besseren. Mit scheinbar stoischer Ruhe pickte sie in ihrem Salat. Wartete sie darauf, dass Andrew sie entdeckte? Aber das machte doch keinen Sinn, wenn sie doch versucht hatte, ihn in der Bibliothek zu sehen. Dann aber erkannte Garrett mit wachsendem Unbehagen, wie Lynette ihren Bruder aus den Augenwinkeln mit einem berechnenden Blick verfolgte.

Gerade als Garrett beschloss, dass es ihm egal war, was Lynette dachte oder von Andrew wollte, er würde sich auf jeden Fall diese Gelegenheit nicht entgehen lassen; gerade als er sich, dem Gedanken folgend, den Mund mit der Serviette abtupfte, um aufzustehen, ging Lynette zum Angriff über. Mit der Schnelligkeit einer Kobra schoss ihre Hand über den Tisch und zog Garret an dessen Krawatte zu sich heran, und ehe dieser noch Zeit gefunden hatte, zu reagieren, spürte er schon Lynettes Lippen auf den seinen.

Im Hintergrund hörte er, wie etwas Schweres in einer Plastiktüte zu Boden fiel. Es folgte ein unterdrückter Fluch, den Garretts Gehirn schmerzhaft Andrew zuschreiben musste, hastige Schritte und das heftige Klappen der Eingangstür.

Im selben Moment, da die Tür zufiel, ließ Lynette von ihm ab und lehnte sich mit einem selbstzufriedenen, triumphierenden Blick in ihrem Stuhl zurück.

Garrett aber hatte genug. Ruckartig stand er auf. „Madam, Sie sind zu weit gegangen! Sollten Sie mir noch einmal auf diese oder andere Weise zu nahe treten, werde ich dafür sorgen, dass die Gesellschaft die Wahrheit über Sie erfährt.“ Dann eilte er zur Tür, besann sich aber doch eines Besseren, schließlich wäre es nicht angegangen nach dem bisherigen Debakel dem Ganzen auch noch Zechprellerei hinzuzufügen. Doch er war so wütend über Lynette Fitzstephens Verhalten, dass er zum ersten Mal in seinem Leben, da er mit einer Frau essen war, auf einer getrennten Rechnung bestand. Erst dann wandte er sich wieder der Tür zu.

„Warten Sie!“, sagte der Besitzer des Lokals und drückte Garret eine weiße Plastiktüte in die Hand – jene Tüte, die Andrew zuvor hatte fallen lassen. „Nehmen Sie ihm das mit. Die Spaghetti vertragen so einen Sturz schon mal.“

Garrett nickte, zögerte an der Tür jedoch abermals. In welche Richtung war Andrew verschwunden?

„Gehen Sie nach rechts“, murmelte ihm der Kellner im Vorbeigehen zu. „Er wohnt ein Stück weiter die Straße runter.“

Garrett dankte dem Kellner ebenso leise und verließ dann endgültig das Lokal und Lynette.

Draußen atmete er noch einmal tief durch, wandte sich nach rechts und begann nach dem dritten Haus die Namensschilder an den Klingeln zu studieren. Mit jedem weiteren Schild, das nicht auf den Namen Fitzstephen lautete, schwand sein Mut ein klein wenig mehr, doch er war zu fest entschlossen, noch heute mit Andrew zu reden, als dass er aufgegeben hätte. Zu gerne hätte er voraus geplant, sich überlegt, was er Andrew sagen wollte, doch sein Kopf war seit Lynettes unverfrorener Aktion wie leergefegt.

 

 

 

XVIII.

Endlich, am zehnten Haus, fand er das ersehnte Klingelschild. Und ehe er es sich noch anders überlegen konnte, drückte er schnell auf die zugehörige Klingel.

Es dauerte einen Moment, dann knackte die Gegensprechanlage und ein sichtlich mürrisch klingender Andrew fragte: „Ja?“

Garrett überlegte fieberhaft. Was sollte er sagen? Schließlich fiel sein Blick auf die Plastiktüte in seiner Hand. „Lieferdienst. Sie hatten eine Portion Spaghetti bestellt.“ Okay, er würde nie den Job eines Pizzaboten übernehmen wollen. Das war ja peinlich! Wenn er sich dazu noch eine ebenso peinliche Uniform und einen nicht minder peinlichen Motorroller vorstellte, hätte er beinahe schmunzeln können.

„Garrett, was soll der Scheiß?“, kam es nur unfreundlich und zugleich auch verletzt aus dem Lautsprecher.

Garrett konnte Andrews Laune ja durchaus verstehen, aber ein winziger Teil seines Gehirns registrierte erfreut, dass er für Andrew noch Garrett und nicht Mr. Crady oder gar nur Crady war. „Kein Scheiß“, erwiderte er, „ich hab hier tatsächlich deine Spaghetti. Mit freundlichen Grüßen vom Chef. Und...“, ihm kam eine Idee, „auch wenn ich vermutlich die letzte Person bin, die du sehen willst, hast du zufällig Desinfektionsmittel im Haus? Ich muss dringend meine Lippen reinigen.“ Vielleicht konnte er ja so Andrew klar machen, was er von Lynettes Aktion hielt.

Einen Moment lang war es am anderen Ende still, dann kam ein trockenes, aber immer noch nicht wirklich freundliches „Ich hätte Chlorbleiche zu bieten, wenn es das auch tut“ zurück.

„Von mir aus auch das. Und wenn meine Lippen weggeätzt sind, kommt hoffentlich keine Gesellschaftsfurie mehr auf die Idee, mich einfach so überfallen zu können.“

Das entlockte Andrew endlich das erhoffte Kichern und ein Summen an der Tür zeigte an, dass Garrett Eintritt gewährt wurde.

Erleichtert betrat Garrett das Treppenhaus und erklomm langsam die Stufen, darauf hoffend, nicht schon wieder Klingeschilder vergleichen zu müssen. Er hatte dieses Mal Glück, Andrew stand mit verschränkten Armen an den Türrahmen zu seiner Wohnung gelehnt.

„Du willst dir gleich die Lippen wegätzen?“

„Wenn mich das vor den Lynettes dieser Welt schützt, ja!“, erwiderte Garrett vehement. „Ich weiß, sie ist deine Schwester, und deshalb sollte ich das vielleicht nicht sagen, aber ehrlich, dieses Weibsstück ist echt nur wiederlich!“ Allein schon bei dem Gedanken an den aufgezwungenen Kuss, verzog Garrett dermaßen angeekelt das Gesicht, dass Andrew zu Lachen begann.

„Komm rein“, sagte er und gab den Weg in seine Wohnung frei. „Das Bad ist dort vorne, wenn du dir den Mund auswaschen willst. Aber das mit der Chlorbleiche solltest du dir noch überlegen. Wäre schade um die schönen Lippen.“

Der letzte Satz war so leise gesprochen, dass Garrett ihn beinahe nicht mitbekommen hätte, doch nicht leise genug. Und sofort tauchten in ihm wieder all die wirren Gedanken auf, die ihn eigentlich zu Andrews Wohnung geführt hatten. Wie sollte er diesen Satz verstehen? Hieß das, dass Andrew seine Lippen anziehend, attraktiv, schön fand? Oder wollte er ihn nur aufziehen? Garrett seufzte leise und beschloss sich dennoch den Mund zu waschen. Allein schon, um zumindest das Gefühl zu bekommen, etwas gegen mögliche Rückstände dieses Kusses getan zu haben. Lynette-Bazillen! Bah! Das klang zwar wie ein angeekelter Grundschüler, aber die Realität konnte weit schauderhafter als Kindergetrieze sein. Leider dauerte die Prozedur bei aller Gründlichkeit aber nicht sehr lange, und so waren keine zwei Minuten vergangen, ehe Garrett vorsichtig aus dem Bad in Richtung Küche lugte, um zu sehen, wie Andrews Stimmung wohl war.

Dieser stand am Tresen seiner Küche und blickte unverwandt und mit erneut verschränkten Armen in Richtung Bad, so dass er Garrett prompt ertappte.

Mit einem betretenen Lächeln verließ Garrett das Bad. Dann fasste er sich ein Herz. „Das mit Lynette war nicht meine Idee. Also, das mit dem Kuss...“

„Das habe ich mir schon fast gedacht“, kam es trocken zurück.

Garrett senkte den Blick.

„Ehrlich gesagt, hätte ich nach heute Morgen nicht geglaubt, dich so schnell noch einmal zu sehen“, sagte Andrew nun.

„Tut mir leid“, sagte Garrett beinahe instinktiv. „Ich wusste nur nicht, wie ich mich verhalten sollte...“

„Nein, eigentlich bin ich es, der sich entschuldigen sollte“, widersprach Andrew. „Schließlich war ich es, der es verbockt hat.“

„Verbockt?“ Garrett schüttelte den Kopf. „Du hast mich überrascht. Ja. Du hast mich verwirrt. Ja. Aber vielleicht war das auch ganz gut so.“

Abrupt hörte Andrew auf, das Muster der Tapete hinter Garrett zu studieren und sah den Mann vor ihm an. Hatte Garrett das gerade wirklich gesagt? Und hatte er es so gemeint, wie Andrew es verstand? Verstehen wollte?

„Andrew? Das gestern Nacht... das war nicht wegen dem Alkohol, oder? Ich mein, es war nicht so viel...“ Fast schon flehend sah Garrett ihn an.

Andrew schüttelte den Kopf. „Um mich zu unkontrollierten Handlungen hinreißen zu lassen, bedürfte es weit mehr Alkohols.“

„Warum dann?“ Irgendwie schaffte es Garrett nicht, trotz aller Entschlossenheit, die Szene vom letzten Abend mit Worten auszusprechen.

Andrew zögerte. Er wusste, dass von seiner Antwort viel abhing. Zu viel oder zu wenig und Garrett würde sich wieder vor den Kopf gestoßen fühlen. „Es war ein schöner Abend gewesen. Ein sehr schöner Abend. Ich habe mich so wohl gefühlt wie schon lange nicht mehr. Das Konzert war toll gewesen, aber hinterher noch mit dir reden zu können, war mindestens genauso toll. Auf anderer Ebene. Aber dieses Wohlfühl-Gefühl war die ganze Zeit da. Und... na ja... irgendwie wollte ich dir wohl zeigen, wie viel es mir bedeutet, Zeit mit dir zu verbringen. Wie viel du mir bedeutest.“

Was sollte das heißen? War der Kuss auf die Wange ein reiner Kuss aus Dankbarkeit gewesen? War es das? Hatte Garrett seinerseits zu viel in diese Geste hinein interpretiert? Hatte er sich letztlich umsonst den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrochen? Garrett spürte, wie Panik in ihm aufstieg, doch er zwang sich ruhig zu bleiben. Er wollte nicht wie am Morgen überreagieren. Vielleicht... Er hoffte inbrünstig, dass Andrew noch weiter sprach, ihm erklärte, dass es kein Kuss aus Dankbarkeit gewesen war.

Als hätte Andrew seine Gedanken lesen können, fuhr er fort: „Es fühlte sich irgendwie richtig an. Richtig und falsch zugleich. Richtig, dich zu küssen, und falsch, weil alles in mir danach schrie, dich richtig zu küssen. Nicht bloß auf die Wange. Aber... das wäre auch wieder falsch gewesen.“

Garrett atmete hörbar ein. Wenn Andrew ihn nicht bloß auf die Wange hatte küssen wollen sondern auf den Mund – denn was sonst wäre ‚richtig’ küssen gewesen –, dann konnte es kein Kuss aus Dankbarkeit gewesen sein. Man küsste keine Freunde aus Dankbarkeit auf den Mund. Dann waren seine Gedanken also nicht umsonst gewesen. Unwillkürlich musste Garrett leise lachen, so groß war die Erleichterung darüber, den Tag über nicht umsonst in diesem Kopfkarussell fest gehangen zu haben.

Sein Lachen irritierte Andrew. „Ich wusste noch gar nicht, dass ich mich zum Komiker eigne“, sagte er und konnte nur mit Mühe den ungehaltenen Ton, der sich in seine Stimme schleichen wollte, zurückdrängen.

„Sorry“, sagte Garrett. „Ich lache nicht über dich, sondern über mich. Obwohl ich, glaube ich, mich auch nicht zum Komiker eigne. Ich bin mehr der Typ, der das Publikum ob seiner tragischen Fehler zum Lachen bringt.“

Fragend sah Andrew ihn an.

„Ich bin ein Grübler. Ich neige dazu, alles von allen möglichen Blickwinkeln aus zu analysieren. Das ist zwar im Geschäftsleben durchaus hilfreich, kann ich doch so mögliche Fußangeln in Verträgen rechtzeitig erkennen. Im Privatleben aber ist es eher hinderlich... man kann nämlich Dinge auch überanalysieren. Glaub mir, du möchtest nicht wissen, was für Gedanken heute mit mir Karussell gefahren sind.“

„Und das alles nur, weil ich dich auf die Wange geküsst habe?“

Garrett nickte.

„Und was sagt dein Karussell jetzt?“, wollte Andrew neugierig wissen.

„Nun ja... es ist fast zum Stillstand gekommen.“

„Fast? Das heißt, es ist fast alles geklärt?“, vergewisserte sich Andrew.

Garrett nickte abermals.

„Und was ist noch nicht geklärt?“

Garrett zögerte. Konnte er es sagen? Sollte er es wagen?

Andrew sah, wie es in Garrett arbeitete und so wartete er geduldig, auch wenn er das Gefühl hatte, das Schweigen würde ihn schier auffressen.

„Andrew...“, sagte Garrett schließlich, „würdest du mich küssen? Bitte? So, wie du es gestern eigentlich wolltest?“

Andrew hielt vor Überraschung den Atem an. Hatte er richtig gehört? Garrett bat ihn, ihn zu küssen? Als er sich traute, Garrett anzusehen, erkannte er die Erwartung in dessen Gesicht. Er hatte sich nicht verhört. Andrew fing Garretts Blick ein und nickte. Den anderen weiterhin ansehend, löste er sich langsam vom Tresen und kam zu Garrett hinüber. Kurz überlegte er noch, ob er Garrett die Hände auf die Schultern legen sollte, denn alles in ihm drängte danach, diesen Mann zu berühren, doch er entschied sich dagegen. Er wollte Garrett die Möglichkeit geben, sich aus dem Kuss zu lösen, falls der Kuss nicht das war, was Garrett wollte. So schmerzhaft das dann auch für ihn wäre.

Als er direkt vor Garrett stand, der wie angewurzelt verharrt hatte, lächelte er noch kurz, dann näherte er seine Lippen Garretts in einem Tempo, das ihm wie Zeitlupe vorkam, in Wirklichkeit wohl aber keine zwei Sekunden gedauert hatte.

 

Zu sagen, es sei ein Traum in Erfüllung gegangen, wäre wohl zu viel gewesen. Denn wovon Andrew träumte, war kein vorsichtiger, fast schon als keusch zu bezeichnender Kuss, sondern vielmehr etwas wesentlich Innigeres... mit Zunge... mit Händen... auf Garretts Rücken, in Garretts Haaren. Mit Garretts Händen, die Andrews Körper erkundeten. Aber für einen vorsichtig tastenden Kuss war es durchaus... wie das Gefühl nach einem langen Arbeitstag nach Hause zu kommen.

Langsam löste sich Andrew wieder von Garrett und sah diesen fragend an. Hatte der Kuss die letzten Fragen geklärt? Wie gebannt starrte Andrew auf die rosa Zunge, die über Garretts Lippen huschte und dem Kuss nachspürte. Andrew bezweifelte zwar, dass Garrett sich dieser Handlung bewusst war, aber allein der Anblick genügte, dass Andrew ihn am liebsten gleich noch einmal geküsst hätte. Doch das ging nicht... erst musste Garrett was sagen. Oder?

Stille breitete sich zwischen ihnen aus.

Schweigen.

Wieso sagte Garrett nichts? Wieso stand er noch immer wie angewurzelt da?

Es war beinahe mit einem Geistesblitz zu vergleichen, als Garretts eigene Worte in Andrews Kopf gleich einem Echo widerhallten: „Man kann nämlich Dinge auch überanalysieren.“ War es das, was Garrett gerade tat? Diesen Kuss gedanklich sezieren, bis er wieder in einem Gedankenkarussell gefangen war? Schließlich hielt Andrew es nicht mehr aus und beschloss sich in den Humor zu flüchten: „Und... im Fitzstephen-Vergleich... wie war ich?“ Im selben Moment, da diese Worte seinen Mund verlassen hatten, hätte er sich ohrfeigen können, aber nun war es zu spät. Jetzt blieb ihm nur noch, das Beste daraus zu machen. Und immerhin hatte er sein Ziel erreicht, Garrett aus dessen Starre zu reißen.

„Wie? Ähm... hilft es, wenn ich sage, dass ich akut nicht das Bedürfnis habe, dich um die Chlorbleiche zu bitten?“

„Es hilft zumindest ein bisschen... Es sagt mir zumindest, dass ich etwas besser küsse als Lynette... aber... es sagt mir noch nicht, ob dir der Kuss gefallen hat“, drängte Andrew schließlich auf eine Antwort auf die eigentliche Kernfrage.

Der kurze Wortwechsel schien Garrett aber zumindest geholfen zu haben, sich soweit wieder zu fangen, dass er nicht mehr in seinen Gedanken umher irrte. „Nun ja, zugegeben, diese Aussage ist etwas wenig tief gehend. Schließlich gehört nicht viel dazu, besser als deine Schwester zu küssen. Ich würde fast sagen, dass selbst Mercutio besser küssen kann als sie.“

Wider Willen grinste Andrew. Er war so froh, dass zumindest die Szene, die er im Lokal hatte mit ansehen müssen, soweit geklärt war und Lynette für Garrett von keinerlei Interesse war. Auch wenn ihn immer noch interessierte, wie es überhaupt dazu gekommen war, dass ausgerechnet diese beiden ausgerechnet in diesem Lokal gemeinsam beim Essen gesessen hatten. Doch jetzt galt es erst mal einer anderen Information nachzuspüren. „Und wie küsse ich im Vergleich zu Mercutio?“, wollte er daher wissen.

„Schwer zu sagen, weil Mercutio mich noch nie auf diese Weise geküsst hat“, gestand Garrett.

„Würde es helfen, wenn ich dich noch mal küsste?“, fragte Andrew. Vielleicht konnte er ja so erfahren, wie es um Garrett stand.

Erneut zögerte Garrett kurz, dann nickte er.

Dieses Mal, wissend, dass Garrett nicht zurückweichen würde, beließ Andrew seine Hände nicht bei sich. Dieses Mal wurde es ein richtiger Kuss. Nun ja... immer noch ohne Zunge, aber immerhin schon wesentlich intensiver. Und dieses Mal erwiderte Garrett den Kuss... bewegte seinen Lippen zuerst zögerlich, dann aber mit wachsender Natürlichkeit gegen Andrews. Und Andrew spürte auch, wie langsam die Anspannung aus Garretts Körper wich und er sich in den Kuss hineinlehnte.

Wäre er nicht gerade anderweitig beschäftigt gewesen, hätte er wohl spontan einen Freudentanz durch die Wohnung hingelegt. Dafür tanzten die Schmetterlinge in seinem Bauch, die er bis zu diesem Zeitpunkt beharrlich unterdrückt hatte, um so heftiger. Gab es eigentlich eine Bauch-Schmetterlings-Befreiungsfront? Wenn ja, würde er dieser sofort beitreten!

 

Später hätte keiner von ihnen beiden sagen können, wie lange der zweite Kuss gedauert hatte. Und ob der zweite Kuss wirklich nur ein Kuss gewesen war, oder eine Aneinanderreihung von Küssen. Auch wenn es immer noch zungenfreie Küsse waren, wie Andrew mit einem leichten Bedauern für sich feststellte, obgleich er im selben Atemzug schon froh war, Garrett überhaupt küssen zu dürfen. Und dass dieser die Küsse erwiderte.

Dann aber grummelte Andrews Magen so vernehmlich, dass sich beide voneinander lösten und einander ein wenig dümmlich angrinsten. „Ich schätze mal, die Spaghetti würden gerne die Mikrowelle von innen kennen lernen“, scherzte Garrett.

„Eher den Topf, denn da ich mich gerne in meiner Küche, so klein sie auch ist, noch bewegen können möchte, habe ich mich gegen einen klobigen Kasten von Mikrowelle entschieden. So praktisch die Dinger manchmal auch sein können.“ Mit diesen Worten schritt Andrew zur Tat und kramte aus einem der Unterschränke einen kleinen Topf hervor, um in diesem die Spaghetti aufzuwärmen.

Die Zeit, die Andrew in der Küche beschäftigt war, nutzte Garrett, um sich ein wenig näher in Andrews Wohnung umzusehen. Einmal mehr musste er sich ins Gedächtnis rufen, dass Andrew nicht aus ärmlichen Verhältnissen stammte und mit dem Treuhandvermögen, über das er mit seiner Volljährigkeit hatte verfügen können, gewiss keine Probleme hatte, die Miete für diese Wohnung zu begleichen. Denn nur von seinem Gehalt war diese Zwei-Zimmer-, nein, Drei-Zimmer-Wohnung – da hinten ging noch eine weitere Tür ab – nicht allein zu halten. Doch Lage und Größe der Wohnung schienen der einzige Luxus zu sein, den sich Andrew hier leistete. Ansonsten waren die Möbel nichts, was man nicht schon in diversen Möbelhäusern in den verschiedenen gängigen Ausführungen gesehen hatte, und auch das bekannte schwedische Möbelhaus war in einigen Dingen vertreten. Es sah zwar etwas zusammengewürfelt, aber durchaus gemütlich aus. Garrett war nicht im Mindesten überrascht zu sehen, dass die eine Längswand vollkommen von Buchregalen dominiert wurde, ebenso wie es ihn kaum überraschte, dass die darin stehenden Bücher durchaus den Eindruck machten, gelesen zu werden, oder zumindest gelesen worden zu sein.

Was ihn aber überraschte, war die liebevolle Weihnachtsdekoration, die überall angebracht war. So zierten geschickt gearbeitete Kunsttannengirlanden die Regale, kleine Weihnachtsfigurinen tummelten sich zwischen den Büchern und anderem Nippes und im Wohnzimmerfenster zur Straße hin hing ein großer, beleuchteter Papierstern. An anderen Stellen standen und hingen Weihnachtsdekorationen, die eindeutig von Kinderhänden gefertigt worden waren. All das erinnerte Garrett daran, wie nüchtern es doch bei ihm zu Hause noch aussah, wie wenig weihnachtlich. Doch irgendwie war ihm nach letztem Jahr nicht danach gewesen, dieses Jahr einen neuen Versuch zu starten. Nun aber fragte er sich, ob das die richtige Entscheidung gewesen war.

Er hatte gerade einen schiefen Tontannenbaum in die Hand genommen, der mit allerlei bunten Punkten als Dekoration gesprenkelt war, als Andrew zu ihm trat. „Das hat Anne letztes Jahr gemacht.“

„Hab ich mir fast schon gedacht“, erwiderte Garrett schmunzelnd, stellte dann aber ertappt das Stück in das Regal zurück.

„Du hättest sehen sollen, wie stolz die Rasselbande war, als jeder ‚seine’ oder ‚ihre’ Sachen an einen Ehrenplatz stellen durfte. Das haben wir in der letzten Novemberwoche statt eines Ausflugs gemacht. Ich alleine hätte sonst wohl bis zwei Tage vor Weihnachten gewartet und mich hinterher geärgert, die Wohnung nur so kurz geschmückt zu haben“, erklärte Andrew, ehe er zum Herd sprintete, wo es köchelnd zischte. Den Kochlöffel noch in der Hand, wandte er sich wieder Garrett zu. „Bei mir hat es den Vorteil, dass es nicht so perfekt aussehen muss. Es gibt zwar ein paar Lieblingsstücke, die ich nach wie vor außer Reichweite der Kinder aufstelle – auch wenn das Regalbrett, auf dem sie stehen, jedes Jahr etwas höher ausfällt – aber ansonsten stört es mich nicht, wenn etwas krumm und schief ist oder mit zusätzlichem Klebestreifen und Reißzwecke festgemacht werden muss. Bei ihnen zu Hause dagegen muss die Weihnachtsdekoration nicht nur festlich sondern auch repräsentativ sein, denn traditionell empfängt mein Bruder ein paar politische Bündnispartner am Heiligabend bei sich zu Hause zu einem Cocktail-Abend. Da passen solche Dinge nun mal nicht“, und er deutete auf den schiefen Tannenbaum.

„Das ist schade“, erwiderte Garrett.

„Vielleicht... aber die Kinder kennen es nicht anders. Sie wissen, dass ihre Mutter ein paar ihrer Bastelarbeiten bei sich auf dem Schreibtisch aufbewahrt, und dass selbst mein Bruder die Weihnachtslesezeichen, die sie ihm gebastelt haben, für die Bücher auf dem Nachttisch verwenden. Alexandra hat es von Anfang an verstanden, ihnen verständlich zu machen, dass es in der Familie von Lord und Lady Talmock ein Privatleben gibt, wozu die Kinder gehören und auch all die Bastelarbeiten, und dass es da noch die öffentliche Seite gibt, wo man sich perfekt benehmen muss – und dass dieses perfekte Benehmen sogar für den Weihnachtsbaum gilt.“

Irgendwie war Garrett erleichtert zu hören, dass Reginald Fitzstephen als Vater wohl doch nicht gar so abweisend war, wie es häufig aus dem, was er in Erzählungen mitbekommen hatte, den Eindruck gemacht hatte.

Inzwischen waren die Spaghetti wieder heiß und Andrew holte einen Teller hervor. „Willst du auch noch etwas?“, fragte er.

Garrett schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Ich habe schon gegessen.“ Er verzog ein wenig das Gesicht, als er an die letzte Mahlzeit dachte.

Andrew sah es, holte aber lieber erst Besteck für sich aus der Schublade und ging dann zum Tresen, wo er sich auf einen der Hocker setzte.

Unwillkürlich war Garrett näher gekommen und setzte sich nun auch, wäre es doch unhöflich gewesen, stehend zuzusehen, wie Andrew aß.

Erst nachdem dieser die erste Gabel Spaghetti genossen hatte, fragte er: „Wie kam es eigentlich, dass du mit Lynette essen warst?“

Garrett, der schon die ganze Zeit auf eine solche Frage gewartet hatte, zögerte nicht, die Geschichte zu erzählen. „Eigentlich müsste ich mich schlecht fühlen, deine Schwester so benutzt zu haben, aber nach dem, was sie sich geleistet hat, kann ich das beim besten Willen nicht. Ich bin sogar soweit gegangen, sie mit ihrem Teil der Rechnung sitzen zu lassen. So etwas habe ich noch nie gemacht. Meine Mutter würde sich meiner schämen, wenn sie noch am Leben wäre.“

Andrew lachte herzhaft. „Ich denke nicht, dass deine Mutter sich schämen würde. Zumindest nicht für dich. Eher für Lynettes Auftreten. Mütter sind diesbezüglich erstaunlich nachsichtig, wenn es um die eigenen Söhne geht und entsprechend unversöhnlich, wenn ihren Kindern Unrecht widerfährt.“

„Vielleicht...“, sagte Garrett zögerlich.

„Nichts vielleicht. Oder wenn vielleicht, dann vielleicht, dass Lynette einen solchen Denkzettel schon längst einmal verdient hat. Übrigens brauchst du dich kein bisschen schuldig zu fühlen, weil du sie benutzt hast. Sie hat dich nämlich genauso benutzt. Denn ob du es glaubst oder nicht, heute wäre das erste Mal gewesen, dass sie mich auf der Arbeit besucht.“

„Ernsthaft?“

Andrew nickte. „Und so wie ich mein Schwesterchen kenne, war sie nur deswegen in der Bibliothek, um zu hoffen, dass ich endlich einwillige, dich ihr vorzustellen. Das möchte sie, seit sie aus Singapur zurück ist und unser Foto in der Presse gesehen hat. Aber ehrlich, ich hab dich viel zu gern, als dass ich dich ihr als Spielzeug überlassen würde. Sogar schon vor vorhin... jetzt natürlich müsste sie mich erst in einem chinesischen Dissidentengefangenenlager verschwinden lassen, ehe sie an dich herankäme.“

Garrett schmunzelte. „Na, da bin ich aber froh. Nicht, dass sie je eine Chance gehabt hätte... und jetzt erst recht nicht. Nicht, wo ich jetzt weiß, welcher Fitzstephen wenn überhaupt für mich in Frage kommt.“ Garret brach ab und sah Andrew ein wenig betreten an. Wie musste das nur für diesen geklungen haben? Hastig sprach er weiter: „Also, was ich meine... ich...“ Er suchte verzweifelt nach den richtigen Worten, um das auszudrücken, was in ihm vorging. „Ich weiß jetzt, dass ich mich zu dir hingezogen fühle. Und nicht bloß als Freund. Aber ich weiß noch nicht, wohin das alles führt. Das ist alles so neu für mich...“

Seine Hand war schon wieder auf dem Weg sich, wie so oft, die Haare zu raufen, doch Andrew fing sie ein und drückte sie verständnisvoll. „Garrett? Keine Panik. Lass uns einfach sehen, was daraus wird und uns einen Schritt nach dem anderen tun, ja? Wir kennen uns gerade mal etwas über zwei Wochen. Da würde ich auch noch keine festen Aussagen treffen wollen. Aber ich würde gerne sehen, was die Zukunft bringt.“

Garrett nickte und atmete erleichtert auf.

„Zurück zu Lynette“, sagte Andrew, um mittels eines recht neutralen Themas ihnen beiden die Möglichkeit zu geben, die instinktive Anspannung wieder abzubauen. „Fakt ist also, dass sie heute innerlich jubiliert haben muss, als sie dich in der Bibliothek gesehen hat. Und ihr Kuss – nun ja, ich schätze, damit wollte sie mir vorführen, dass sie meine Hilfe nicht braucht, um dich zu kriegen. Allerdings hat sie sich in diesem Punkt wohl herzlich verrechnet.“ Hier konnte sich Andrew ein selbstzufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Dann aber wurde er wieder ernst und seufzte. „Ich wünschte, Sir Leonard würde ihr endlich einen Antrag machen. Dann würde sie vielleicht endlich Ruhe geben.“

„Sir Leonard?“, fragte Garrett und setzte sich aufrecht hin.

„Ja, Sir Leonard Burke. Ich hab dir doch schon davon erzählt... an unserem ersten Abend.“ Andrew blickte Garrett ein wenig irritiert an.

„Hattest du“, gab Garrett zu. „Aber ich gestehe, dass ich mir an diesem Abend nur gemerkt hatte, dass es ein Investmentbanker ist, mit dem deine Schwester in Singapur war. Vermutlich, weil ich an dem Abend mit dem Namen nichts anfangen konnte.“

„Aber jetzt kannst du es?“, hakte Andrew nach.

Garrett grinste breit. „Oh ja, das kann ich!“ Er lachte leise, riss sich dann aber zusammen, um Andrew an der Geschichte teilhaben zu lassen. „Leider muss ich dir mitteilen, dass deine Schwester nie einen Antrag von Sir Leonard erhalten wird.“

„Was? Wie bitte? Nie...?“

„Sir Leonard Burke ist bereits verheiratet. Ich bin mir sogar fast sicher, dass deine Schwester seine Frau kennt.“

Sprachlos starrte Andrew Garrett an.

„Es ist mir an jenem Abend nicht eingefallen, aber vor ein paar Jahren gab es ein ziemlich lustiges Missverständnis in einem Laden. Ich hatte Rosalind, meine Haushälterin – du erinnerst dich? –, gebeten mir zu helfen, ein passendes Weihnachtsgeschenk für Mrs. Kennicot zu finden. Wir hatten uns schließlich auf ein edles Schaltuch geeinigt. In dem selben Geschäft wurden auch Krawatten verkauft und Sir Leonard war in Begleitung einer hübschen, zierlichen Asiatin dort um eben Krawatten zu kaufen. Nun ja... ich dachte, sie sei seine Haushälterin und er dachte, Rosalind sei meine Gattin. Umgekehrt wurde eher ein Schuh daraus. Ich gratulierte ihm zur Eheschließung, die erst wenige Wochen zuvor in Vietnam stattgefunden hatte, und äußerte meine Verwunderung darüber, keine entsprechende Verlautbarung in der Zeitung gesehen zu haben. Er lächelte ein wenig verlegen, und gestand mir dann, dass er zum einen sein Privatleben lieber als solches – nämlich privat – sehen wollte und zum anderen es in seinem Beruf vorteilhafter war, wenn er als unverheiratet galt und entsprechend auch Flirten als Berufswaffe einsetzen konnte. Ersteres kann ich verstehen, letzteres – nun ja, ich kenne seinen Beruf nicht gut genug, um dieses Argument auf seinen Wahrheitsgehalt hin untersuchen zu können.“ Garrett zuckte mit den Schultern. „Letztlich ging es mich aber auch nichts weiter an und so habe ich nichts dazu gesagt. Und da ich nicht dazu neige, derartige Neuigkeiten gleich weiterzuerzählen, wundert es mich nicht, dass die Gesellschaft bislang nichts von Burkes Ehe weiß. Tja, aber weil seine Frau ihm tatsächlich auch den Haushalt besorgt, vermute ich glatt, dass Lynette ihr begegnet ist, sie aber schlicht nur für die Haushälterin gehalten hat.“

Andrew wusste nicht, ob er darüber lachen sollte, oder ob er um seiner Schwester willen erbost sein sollte. „Wenn Sir Leonard verheiratet ist, wieso fliegt er dann mit meiner Schwester nach Singapur?“

Obwohl ein Einzelkind erkannte Garrett sofort die Wesenszüge, die in Andrew miteinander kämpften. Denn obgleich er seine Schwester und ihr Verhalten nicht gut hieß, war sie doch immer noch seine Schwester, und sie auf diese Weise benutzt zu sehen, war für ihn als Bruder nur schwer zu ertragen. Dann rief sich Garrett noch einmal jene Begegnung in dem Laden ins Gedächtnis. „Ich weiß nicht, flirten ist eine Sache, aber damals machte Sir Leonard nicht den Eindruck, als würde er es fertig bringen, seine Frau ernsthaft zu betrügen.“

Andrew legte die Stirn in Falten, während er geistesabwesend seine Spaghetti auf die Gabel wickelte. Irgend etwas nagte an ihm, als gäbe es da eine Information irgendwo in seinem Kopf, die er aber so auf Anhieb nicht abrufen konnte, die aber einiges erklären würde. Bis er mit einem lauten Klirren das Besteck in den Teller fallen ließ. „Er hat es nur auf Lynettes Geld abgesehen! Da bin ich mir fast sicher... denn, ja, jetzt ergibt alles einen Sinn. Du hast Lynette erlebt, sie ist nicht gerade das, was man als schüchtern und zurückhaltend bezeichnen kann. Und glaub mir, sie ist in keiner Weise schüchtern oder zurückhaltend. Entsprechend verwundert war sie also relativ zu Beginn ihrer Beziehung mit Sir Leonard, dass dieser auf ihre ziemlich unverhüllten Einladungen horizontaler Vergnügungen nicht eingegangen ist. Frag mich nicht, wie er es gedreht hat, aber anscheinend hat er es geschafft, dass meine Schwester glaubt, er wolle sich ihr erstes gemeinsames Mal für die Hochzeitsnacht aufheben. So herrlich romantisch und altmodisch, hat sie es genannt. Ehrlich gesagt, konnte ich mir nicht vorstellen, dass jemand wie Sir Leonard wirklich so gestrickt sein soll, aber gut, wir zeigen der Welt alle in der Regel nur eine Maske, wieso sollte also der wahre Sir Leonard, der nach außen hin ohne Scham flirtet nicht innerlich hohe Moralansprüche haben? Jetzt aber ist klar, dass er seine Frau nicht betrügen wollte.“ Andrews Zorn wich plötzlich einem amüsierten Grinsen. „Nun, wenn er Lynette so umgarnt, in der Hoffnung, dass sie ihm die Aufsicht über ihren geerbten Treuhandfond überlässt, dann wird er ziemlich frustriert sein. Mindestens genauso frustriert wie Lynette mit ihm. Denn ich bin mir jetzt sicher, dass er unter anderem nur deshalb mit ihr nach Singapur geflogen ist, um ihr ein paar der dortigen Investmentmöglichkeiten vorzustellen. Aber da Lynette ein anderes Ziel verfolgt hat, wird sie keinen Ton von dem gehört haben, was Sir Leonard ihr eigentlich mitteilen wollte. Ergo ist er keinen Schritt weiter, als vor der Reise. Und ich schätze, er wird weiterhin von ihr frustriert sein. Denn Lynette würde ihr Geld nie einem anderen anvertrauen als Reginald. Hat zum einen etwas mit Familienstolz zu tun, zum anderen aber auch mit Reginalds wahrem Talent. Politiker ist er aus Ehrgeiz, weil er glaubt, das seinen Vorfahren schuldig zu sein. Aber wäre er nicht so gewieft, was Gelddinge anbelangt, könnte er es sich wohl nicht leisten, mit so viel Ehrgeiz das Politikerleben zu bestreiten. Durchaus möglich, dass Lynette also sogar ein paar Investments in Asien hat, aber davon nichts weiß. Es kümmert sie auch nicht. Solange die Erträge stimmen, lässt sie meinem Bruder freie Hand.“

Garrett schmunzelte. „Dann haben wir also ein Gesellschaftspärchen, das sich aneinander die Zähne ausbeißen wird. Irgendwie verdienen die beiden sich so betrachtet.“

„Da hast du vermutlich Recht. Nur fürchte ich mich schon vor dem Zeitpunkt, da Lynette auf irgendwelchen Wegen von Sir Leonards Ehefrau erfährt.“ Andrew seufzte. Eigentlich sollte er als Bruder seiner Schwester reinen Wein einschenken und sie so vor größerem Leid bewahren. Aber wollte er sich das wirklich antun?

„Nun, hoffen wir einfach mal, dass deine Schwester es nicht vor Weihnachten erfährt, oder?“, versuchte Garrett es mit ein wenig Humor, und schaffte es tatsächlich, Andrew ein leichtes Lächeln zu entlocken.

 

 


 

Britta + Fich: Katzenaugen VI

 

11 

Dexter bekam seine Bestechung von Ian gereicht und damit die beiden in Ruhe essen konnten, bekam Simon auch gleich etwas, damit er nicht mit knurrendem Magen um sie herumschleichen musste. Zufrieden verzogen die drei sich in die Küche, wo noch Salate und alle möglichen Saucen warteten. „Raubtiere gefüttert“, lachte Ian und stellte sich an den Grill, damit sie später nicht nur verbranntes Fleisch hatten. Er zog Randy wieder zu sich und legte locker einen Arm um ihn.

Der Vampir ließ es geschehen. Es war müßig sich dagegen zu wehren und im Augenblick konnte er sich damit heraus reden, dass er noch angeschlagen war und Wärme brauchte, wenn er hier draußen blieb. Dass er ebenfalls rein gehen könnte, blendete er aus. Das kam für ihn komischerweise nicht in Frage. „Mal sehen für wie lange“, sagte er leise und rollte die Kartoffeln ein bisschen, damit sie von allen Seiten schön gar wurden. Er mochte Folienkartoffeln und freute sich darauf schon am meisten. Sie hinterher in Soßen und Dips zu ertränken war das schönste.

„Ich fürchte nicht sehr lange.“ Ian wendete das Fleisch und langsam bekam er auch richtig Hunger. „Wir grillen oft, denn das kommt uns Katzen sehr entgegen. Viel Fleisch, nicht allzu viele Beilagen.“ Geschickt legte er das fertige Fleisch auf die bereitstehende Platte und schnupperte genießend. „Komm jetzt sind wir dran.“

„Warte“, murmelte Randy und suchte sich einen Stock, um eine der Kartoffeln aus der Glut zu holen. Dazu ein Schiffchen, in dem Gemüse schmorte. Sie standen am Rand des Grills in Folie geschlagen und garten langsam durch. Zufrieden mit seiner Beute folgte er Ian, der mit der Fleischplatte nach drinnen wechselte und rief: „Schichtwechsel!“ Randy seufzte. Kein Wunder, dass der Kurze durch das ganze Haus brüllte, Ian war doch auch nicht anders. Aber dann grinste der Vampir. Es war egal – Ian war perfekt, so wie er war. Da gab es nichts zu deuteln.

„Sofort“, kam es undeutlich zurückgebrüllt aus der Küche. Man war wohl noch nicht fertig mit der Bestechung. Bill schob sich eine letzte Gabel Kartoffelsalat in den Mund und wurde von Maria strafend angesehen. Sie mochte es nicht, wenn ihre Jungs so schlangen. Simon ließ sich nicht stören und dass es ihm schmeckte, sah man ziemlich deutlich an dem total verschmierten Mund.

„Iss langsam, Bill“, sagte Dexter und griff sich seinen Burger, den konnte er auch gut in der Hand essen und schon mal draußen eine Auge auf das Essen haben. So bremste sich der junge Leopard und griff noch einmal zu. Schließlich hatte er auch Hunger. Er war der einzige von den Katzen, der heute nützlich gewesen war, indem er sich in der Schule der Bildung unterworfen hatte. Er war sich ziemlich sicher, dass sein Vater sich heute ziemlich hatte ablenken lassen und was der Junior getrieben hatte, war Bill ins Auge gestochen als er heim gekommen war.

„Greif zu“, forderte Ian Randy auf und wünschte allen einen guten Appetit. Ein großes Stück Fleisch landete auf seinem Teller und er musste auch gleich probieren. Erst dann nahm er sich noch etwas Salat und ein wenig Gemüse. Nicht zu viel, dann konnte er mehr Fleisch essen. Randy beobachtete das aus dem Augenwinkel, doch er mischte sich da nicht ein. Er wusste, dass Katzen Raubtiere waren und als diese hatten sie nun einmal andere Ernährungsgewohnheiten. Er fragte sich, ob Ian auch jagen würde, wenn sich die Möglichkeit bot und einmal mehr erwischte er sich dabei, wie er sich dieses Kraftpaket in wilder Hatz vorstellte. „Danke“, entgegnete Randy, griff sich zu seiner Kartoffel aber erst einmal die Dips und Soßen, ehe auch auf seinem Teller noch ein Stück Fleisch landete. Es roch herrlich und sein Magen knurrte laut, als ihm das Wasser im Munde zusammen lief.

Ian und Bill wechselten sich immer wieder am Grill ab und jedes Mal wurde die Fleischplatte recht schnell dezimiert, bis alle am Tisch sich satt und zufrieden die Bäuche rieben. „Das war gut“, seufzte Ian und schob sich den letzten Bissen in den Mund. Selbst die Salate und das Gemüse waren fast alle, was aber eher Randy zu verdanken war. Der hatte sich an die Kartoffeln und das Gemüse gehalten, denn das war wirklich gut gewesen. „Großes Lob an die Küche, sowohl draußen als auch hier drinnen.“ Er lächelte zu Maria, die sich eben erhob um den Tisch abzuräumen. Der Vampir rieb sich über den Bauch und war sich sicher, dass er gleich platzen würde. Nur gut, dass die Hose, die er bekommen hatte, weit und bequem war. Er musste nur das Schnürband ein wenig lösen und seufzte dabei erleichtert. Simon fand, dass das entspannend aussah und versuchte es ebenfalls. Doch seine Hose hatte Knopf und Reißverschluss.

„Junger Mann“, sagte Maria nur, als der kleine Leopard gerade seine Hose öffnen wollte.

„Och Menno“, muffelte Simon leise, ließ es aber sein.

„Zieh dir das nächste Mal gleich eine bequeme Hose an“, sagte Maria versöhnlich und strich ihrem kleinen Liebling über die Wange. Sie war schon lange in der Familie, hatte beide Söhne aufwachsen sehen und seit ihre Mutter nicht mehr da war, versuchte sie sie wenigstens ein wenig zu ersetzen.

Simon gab jetzt muffelnd zu bedenken, dass man ihn vorher hätte darauf aufmerksam machen können, doch keiner sah die Notwendigkeit dessen. Sie kannten ihn, er ließ sich sowieso nichts vorschreiben – schon gar nicht bei seinem Kleidungsstil. Er kramte immer selber aus dem Schrank, was er anziehen wollte, ließ sich zum Glück aber an manchen Tagen von Maria beraten. Denn einen Teil seiner Kreationen konnte Simon vielleicht zu Hause tragen, aber in den Kindergarten konnten sie den Kleinen so nicht lassen. Ganz vorn war sein Teufelskostüm von Halloween, was er liebte.

„Und was ist mit Eis?“, wollte Bill wissen. Der Grill war gelöscht, die letzten Reste gegart und auf die Theke gestellt und nun fand er, dass er ruhig noch etwas Belohnung verdient hatte. Es schien Absicht gewesen zu sein, Simon daran zu erinnern, dass es ja noch Eis im Haus gab und er selber schon so voll war, dass nichts mehr rein passte. Doch er kannte die Lösung. Schnell hatte er sich gewandelt und saß erwartungsfroh vor dem Eisschrank. Randy schüttelte den Kopf. Katzen!

„Okay ausnahmsweise“, lachte Ian, der eigentlich immer darauf achtete, dass niemand mit Pfoten und Fell zum Essen erschien. Aber er fühlte sich heute viel zu gut, da konnte er einmal ein Auge zudrücken. Er holte zwei Schälchen, denn zu dem ersten hatte sich ein zweiter Leopard gesellt. Das Prozedere war einfach. Ian holte eine Eispackung raus und seine Söhne nickten oder schüttelten den Kopf, je nachdem ob sie etwas wollten oder nicht.

„Das machen sie augenscheinlich nicht zum ersten Mal“, murmelte Randy. Dexter hatte sich zu ihm gesetzt, damit der Gast nicht so alleine war. „Nee, das ist normal. Sie sind gute Abnehmer für Magentabletten.“ Dexter ließ immer mal ein paar da, gepaart mit guten Ratschlägen und Hinweisen, doch die fruchteten nicht, wenn es um Eis ging. Simon hatte sich für Schokoeis entschieden, was auf seinem frisch gewaschenen Fell sicherlich die herrlichsten Flecken hinterlassen würde und Bills Pfote pendelte immer zwischen einer Packung mit Aprikosengeschmack und Mascarpone und einer ganz neuen Kreation aus Sahneeis und verschiedenfarbigen Fruchtmarkstrudeln.

„Nimm doch beide“, schlug Randy vor und Bill sah ihn erschrocken an. Er hatte nicht damit gerechnet, beobachtet zu werden.

Aber da er mit dem Kompromiss einverstanden war, stupste er seinen Vater an, damit er seine Schüssel wie vorgeschlagen füllte. „Schon verstanden“, lachte Ian, füllte die Schalen und stellte sie vor seine Söhne. „Noch jemand Eis?“, fragte er in die Runde. Dexter wollte bestimmt nichts, denn der war kein großer Eisfreund, aber Randy war noch ein potentieller Abnehmer.

Doch der zog nur den Pullover hoch, deutete auf seinen runden Bauch und schüttelte stumm den Kopf. Da passte nichts mehr rein, selbst wenn er wollte. „Danke, nicht für mich“, erklärte er aber, damit wenigstens jemand mit Ian redete. Der Rest kommunizierte ja mit Gesten. „Nicht mal noch ein Bier?“, fragte Dexter. Er wohnte um die Ecke. Er konnte laufen – eines passte auf jeden Fall noch rein. „Och, dafür hätte ich noch Platz“, stimmte auch Randy zu.

„Euer Wunsch sei mir Befehl.“ Ian verneigte sich und kam mit drei vollen Flaschen zum Tisch. „Das ist doch ein toller Tagesabschluss.“ Sie ließen die Flaschen aneinander klingen und nahmen einen großen Schluck. „Was machen wir denn noch mit dem angefangenen Abend?“

„Keine Ahnung, ich bin Strohwitwer und für fast alles zu begeistern, was nicht damit zu tun hat, dass ich mich noch weit und intensiv bewegen müsste“, sagte Dexter. „Und ich bin Gast, ich weiß nicht, was hier so üblich ist“, redete sich auch Randy raus. So blieb es an Ian, der von beiden erwartungsvoll angesehen wurde, während seine Jungs zufrieden schlabberten und brummten.

„Hm!“ Ian hatte ja gehofft, dass ihm die Entscheidung abgenommen wurde, aber da hatte er wohl falsch gedacht. Er strich sich durch die Haare. „Film gucken, ein Spiel spielen, faulenzen?“, zählte er auf. Alles Dinge, bei denen man sich nicht viel bewegen musste. Das kam ihm selber sehr gelegen.

„Nee, mit euch spiele ich keine Brettspiele mehr. Ich habe das letzte Mal das blöde Spielmännchen fast verschluckt, das du nach mir geworfen hast“, erklärte Dexter und hob abwehrend die Hände. Dass es daran gelegen hatte, dass er sich über Ians blödes Gesicht tot gelacht hatte, als Simon ihn besiegte, ließ Dexter ungesagt. Das gehörte hier jetzt nicht hin. „Aber faulenzen und Film klingt gut. Eure Couchlandschaft ist wie gemacht für faulenzen und Film gucken. Ich will die Liegefläche rechts!“

„Okay, dann wäre das wohl geklärt.“ Ian hatte nichts gegen die Planung. Sollte Dexter sich die Lümmelecke sichern. Randy und er würden es auch bequem haben. Wozu hatte er eine Schlafcouch gekauft? „Dexter, du weißt, wo Decken und Kissen sind. Randy, du suchst einen Film aus. Dexter zeigt dir, wo sie sind. Du hast freie Hand.“ Man merkte, dass Ian es gewohnt war, Aufgaben zu verteilen. Er selbst kümmerte sich um die Snacks. Auch wenn sie gerade sehr satt waren, Snacks gingen immer.

„Und ihr beiden wascht euch die Schnauzen ehe ihr auf die Couch kommt. Ich will keine Flecken an dem Stoff und auch nicht an den Kissen.“ Dann war auch er aus der Küche und die jungen Leoparden sahen sich an. Dann schlichen sie beide auf den Eisschrank zu. Einer sicherte alles ab, einer versuchte den Schrank zu öffnen. Doch Ian versuchte das zu übersehen.

„Was guckt man hier denn so?“, murmelte Randy. Er stand vor einer kompletten Wand voller DVDs. Sortiert nach Themen. Horror, Fantasy… „Vampire?“, las er auf einem Regalbrett. „es gibt so viele Vampirfilme? Warum das denn?“

„Da musst du die Filmindustrie fragen. Ich weiß auch nicht, was die an Vampiren finden. Die sollten mal Filme über Schakale machen“, lachte Dexter und verteilte die Kissen und Decken auf der Couch. Nett wie er war, zog er den anderen die Couch aus. So mussten eigentlich alle fünf auf der riesigen Liegefläche Platz finden. Schließlich hatte das auch geklappt, als er mit seiner ganzen Familie zu Besuch gewesen war und da waren sie zu acht gewesen.

„Und nicht einer davon hält sich an die Realität, da bin ich mir ziemlich sicher“, murmelte Randy. Er hatte von ein paar der Filme gehört oder gelesen. Glitzernde Vampire, sich verwandelnde Vampire, zu Rauch werdende Vampire. Lauter Mist von dem Randy bis heute nicht wusste, wie solche Mythen hatten entstehen können.

„Hey! Von dem hab ich gehört, der soll tolle Bilder haben“, murmelte Randy weiter und hielt HOME, die Geschichte einer Reise in den Händen. Doch das war nichts für einen Filmabend mit Kindern. Also legte er die DVD beiseite, wollte sie aber im Hinterkopf behalten.

„Also, was hier immer gut ankommt, sind Zeichentrickfilme, die findest du da hinten.“ Dexter deutete auf die linke Seite der Wand und machte es sich schon mal gemütlich. Herrlich! Ein bequemes Lager, eine kühle Flasche Bier und Kinder, die nicht seine eigenen waren und er sich nicht um deren Erziehung kümmern musste. So ließ es sich wirklich aushalten.

Randy ging vor der Wand mit den Trickfilmen in die Knie und verschaffte sich einen Überblick. Da war Action, da was fürs Herz, da was zu lachen. Er ließ den Finger über die DVD-Hüllen-Rücken gleiten und wollte eine greifen, da schob ihn eine große Pranke mit Schokoflecken im Fell vorsichtig weiter bis er seinen Finger auf Madagaskar liegen hatte. Dann brummte der junge Leopard neben ihm wohlwollend und verschwand wieder, schließlich war sein Bruder mit dem Eis alleine in der Küche.

„So, die Entscheidung wurde gefällt“, lachte Randy und nahm die DVD an sich, während Ian gerade noch seinem Jungen hinterher gucken konnte, wie der aus dem Wohnzimmer flitzte. Die Krallen kratzten dabei über das Parkett.

„Lass mich raten! Ein Madagaskar Film.“ Ian kannte das schon. Den sahen sie meistens, wenn Simon dabei war. Das machte keinem was aus, denn alle mochten den Film. Er ließ sich den Film geben und legte ihn ein. „Komm, wir sichern uns die besten Plätze.“ Er zog Randy mit sich zur Couch in seine Lieblingsecke und breitete eine Decke über sie aus. Dass er Randy dabei nahe an sich und zwischen seine Beine zog und die Arme um ihn legte, war irgendwie schon selbstverständlich. Randy fiel das nicht ganz so leicht, diesem verlockenden Körper wieder so nah zu sein. Und was er da an seinem Rücken spürte, machte es auch nicht leichter. Er war sich jetzt schon sicher, dass er von dem Film nicht viel mitbekommen würde. Doch er lehnte sich nach hinten, spürte locker die fremden und doch wohl bekannten Hände auf seinem Bauch und beobachtete die beiden kleinen Leoparden, wie sie – endlich wieder sauber und sehr zufrieden – ebenfalls auf der Couch ihren Platz suchten und so lange schoben, schubsten und drängelten, bis sie bequem lagen. Jetzt konnte es losgehen.

Ian startete den Film und ließ sich mal wieder davon gefangen nehmen. Sein ganz persönlicher Lieblingschara war die Giraffe, mit ihren ganzen Phobien und Ängsten. Darüber konnte er sich köstlich amüsieren. Ganz von selbst strichen seine Finger um Randys Bauch. Das machte er schon ganz automatisch, weil er sonst eigentlich immer einen seiner Söhne auf dem Schoß sitzen hatte und sie kraulte. Doch die aalten sich dieses Mal zufrieden unter einer Decke und Randy atmete flach, damit Ian nicht bemerkte, wie ihn diese Berührungen aus der Fassung brachten. Hoffentlich konnte von den Wertieren keiner riechen, was eigentlich gerade in ihm vor ging. Er zuckte, als einer der Leoparden im Takt zu King Julians ‚I like to move it, move it‘ gegen sein Bein tatzte und lachte leise. Da schien aber jemand diesen Film wirklich zu lieben. Etwas entspannter ließ Randy sich nach hinten sinken. Er schloss die Augen.

Ian bemerkte natürlich, dass Randy sich entspannter an ihn lehnte und küsste ihn auf die Schläfe. „Schön, dass du hier bist“, flüsterte er leise und meinte das auch so. Es war nicht so, dass er etwas in seinem Leben vermisst hatte, aber Randy gab ihm das Gefühl nicht mehr alleine zu sein.

„Ja“, flüsterte Randy leise. „Es ist auch schön hier zu sein.“ Doch er ließ die Augen geschlossen. Er war müde, der Tag hatte an ihm gezerrt. Das merkte er erst jetzt, als er wieder zur Ruhe kam. Gestern um die Zeit war er noch mehr tot als lebendig gewesen. Er musste seinem Körper endlich etwas Ruhe gönnen, denn der war immer noch damit beschäftigt, die Schäden zu reparieren, die die Wochen ohne Nahrung bei ihm angerichtet hatten. Und so döste er immer wieder weg.

Ian hielt ihn die ganze Zeit fest und ließ ihn schlafen. Seine Söhne waren auch irgendwann ins Traumland abgedriftet und hatten sich eng aneinander gekuschelt. Alleine gingen wohl alle drei nicht ins Bett. „Du die Kinder, ich Randy“, verteilte Ian die Aufgaben an sich und Dexter, der als einziger auch noch wach war.

„Das war mir klar, dass ich wieder die mit den Krallen und den Zähnen bekomme und du den hübschen Vampir“, stichelte Dexter, der nun doch nicht mehr an sich halten konnte. Er grinste, als er sich aus seinem Nest schälte und die beiden Leopardenkinder so zusammen schob, dass er sie mit einem Mal heben konnte.

„Natürlich! Du bist ein verheirateter Familienvater und da deine Frau eine gute Freundin ist, muss ich jegliche Versuchung, egal welchen Geschlechts von dir fern halten. Ich bewahre nur deinen Familienfrieden“, schoss Ian gleich zurück und streckte seinem Freund die Zunge raus, während er Randy hochhob und mit ihm zusammen aufstand.

„Ah, verstehe. Nur zu meinem Besten“, murmelte Dexter und lachte leise. Er griff die beiden Leoparden fester, damit ihm keiner unterwegs abhanden kam und ging los, um sie in ihren Zimmern zu verteilen. Den Fehler, den falschen Leoparden in das falsche Bett zu stecken, hatte er nur einmal gemacht. Dafür war ihm vor allem von Bill ordentlich der Kopf gewaschen worden, denn Simon hatte sich intensiv in dessen Zimmer umgesehen und umgeräumt. Dexter hatte sich vorhalten lassen müssen, dass er sie behandeln würde, seit sie auf der Welt waren und sie immer noch nicht auseinander halten konnte. Das hatte an seiner Ehre gekratzt.

„Jetzt hast du es verstanden.“ Ian brachte Randy in das Gästezimmer und legte ihn erst einmal nur auf dem Bett ab. Er wollte noch einmal nach seinen Söhnen sehen und ihnen eine gute Nacht wünschen, auch wenn sie das wohl nicht mitbekamen, aber Ian fühlte sich dann besser. So huschte er in die Zimmer seiner Söhne, küsste sie auf die Stirn und deckte sie noch einmal zu. In Simons Zimmer traf er auf Dexter, der es mit ihm zusammen wieder verließ. „Ich mach mich dann auch in die Spur“, meinte der Schakal gähnend. Er wollte jetzt nur noch ins Bett.

„Okay. Schön, dass du da warst“, sagte Ian, als er seinen Freund noch zur Tür brachte. Dexter zog sich die Jackenaufschläge höher und stapfte in die Novembernacht hinaus, während Ian ihm kurz nachsah, dann aber die Tür wieder schloss. Die Kälte kroch ins Haus, das musste ja nicht sein. Als er zurück in das Gästezimmer kam, war das Bett leer. Aus dem Bad kamen leise Geräusche. Randy war noch einmal wach geworden, und hatte sich wenigstens noch die Zähne putzen wollen, ehe er die Klamotten von sich warf und ins Bett ging. So kam er nur noch mit seiner Schlafhose auf den Hüften aus dem Bad und stand plötzlich Ian wieder gegenüber.

„Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“ Ian lächelte und wirkte ein wenig schuldbewusst. „Soll ich dir noch eine Wärmflasche holen?“, fragte er und grinste plötzlich. „Nee, du kriegst eine viel bessere Wärmflasche mit Fell.“

„Hast du dich gebürstet? Du weißt ganz genau, was passiert, wenn das kleine, weiße Kätzchen mir das ganze Bett voll haart“, schoss Randy zurück, ehe er rote Schatten unter den Augen bekam. Er ließ sich den viel zu langen Pony vor das Gesicht fallen, um es zu kaschieren, legte aber die Arme um sich, weil er fröstelte. Doch sein Herz begann schneller zu schlagen. Er konnte nicht vermeiden, dass seine Zunge kurz über seine trocknen Lippen huschte.

„Ich glaube, warmes, weiches und kuscheliges Fell, das dich herrlich wärmen kann, wird ein paar Haare im Bett doch bestimmt erträglich machen.“ Ian zog Randy zu sich und sah ihn lächelnd an. „Keine kalten Füße“, versuchte er noch mehr Entscheidungshilfen zu geben.

„Habe ich das richtig verstanden. Du wirst dich ans Fußende legen und mir die Füße wärmen, während ich mich im Rest des Bettes ausbreiten kann, wie ich möchte?“, verstand er Ian absichtlich falsch. Er war wieder hellwach, sein Kreislauf lief auf Hochtouren, gerade so als würde er einen Marathon laufen. Verrückt! Er ließ sich halten und spürte die fremde Wärme. Herrlich. Und eigentlich wollte er Ian nicht als Katze neben sich – er wollte den Mann. Um kalte Füße machte er sich momentan nämlich wirklich die wenigstens Sorgen.

„Möchtest du das denn?“, fragte Ian leise und strich mit den Lippen über Randys Gesicht und verteilte federleichte Küsse. Es war schon verrückt, wie er sich benahm, aber er wollte unbedingt heute Nacht bei Randy bleiben und ihn bei sich haben.

„Ian, du weißt ganz genau, was ich eigentlich möchte“, sagte der Vampir leise und legte seine Arme locker um den Kater. „Du weißt, dass ich dich anziehend finde und du weißt, was passieren kann, wenn du bleibst. Die Frage ist also nicht, ob ich möchte, dass du bleibst oder als Katze zu meinen Füßen liegst, sondern was du bereit bist zu geben, ohne es zu bereuen.“ Randy brauchte klare Verhältnisse. Er spürte, dass Ian sich immer wieder näherte und dann doch wieder zurück zog. Das machte ihn verrückt. Der Kater war neugierig, wie es sein Naturell war, doch Randy wollte nicht spielen – er wollte lieben und geliebt werden.

„Ich weiß, Randy, ich weiß.“ Ian zog Randy fester an sich und lächelte traurig. „Ich weiß nicht, was ich bereit bin zu geben, oder auch zu nehmen. Ich mag es, dich bei mir zu haben, dich zu berühren und dich zu küssen. Ich fühle mich einfach gut in deiner Nähe, was ich schon seit sehr langer Zeit nicht mehr hatte.“ Er strich dem Vampir den Pony aus den Augen, damit er ihn ansehen konnte. „Tut mir leid, das ist nicht das, was du gerne hören wolltest.“

Randy lächelte schmerzlich und holte tief Luft. Ian hatte es schon gesagt, also musste er es nicht mehr aussprechen, nur noch nicken. „Es ist spät, lass uns schlafen. Ich wette, der Kurze wird morgen wieder gestalterische Anwandlungen im Garten bekommen. Da solltest du ausgeschlafen sein, um das zu verhindern und nicht wieder mitzumachen. Du bist ein schlechtes Vorbild.“ Randy wechselte absichtlich das Thema, denn sonst wurde er noch verrückt. Sanft machte er sich los und ging zum Bett, lächelte Ian aber auffordernd an. Es war an ihm zu entscheiden, ob er bleiben oder lieber gehen wollte.

Wie der Kater sich entschieden hatte, sah er daran, dass Ians Kleider auf einmal zusammensackten und keine zwei Herzschläge später eine große Katze elegant auf das Bett sprang. Der Leopard krabbelte unter die Decke und arbeitete sich von dem Fußende hoch, bis sein Kopf oben am Kopfende wieder aus der Decke guckte. Er maunzte leise und rieb vorsichtig mit der Nase über Randys Kinn.

„Verstanden“, sagte Randy und lächelte. Doch es erreichte seine Augen nicht. Zu sagen er wäre enttäuscht, würde zwar der Wahrheit nahe kommen, doch eigentlich hatte er nichts anderes erwartet. So kroch auch er unter die Decke und löschte das Licht. Eine Hand legte sich locker auf den großen Kater, als er die Augen schloss. Vielleicht war es das Beste, so wie es war – nicht zufriedenstellend aber auch nicht verfänglich. Ian war nicht bereit zu geben, was Randy wollte. So einfach war das und damit musste der Vampir leben.