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18

 

Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

18. Dezember



XIX.

Als der Wecker am nächsten Morgen klingelte, wollte sich Andrew wahrlich nicht aus dem Bett quälen. Es war viel zu schön, von Garrett zu träumen. Besonders, wo ihn draußen nur die harte, kalte Realität erwartete, an der auch die Weihnachtsbeleuchtung der Stadt nichts änderte. Weshalb konnte er bitte schön nicht einfach bis zum Abend liegen bleiben? Denn am Abend würde er mit Garrett telefonieren können. Und am Abend wäre alles Unangenehme des Tages bereits vorbei.

Andrew verdrehte ob seiner eigenen Unlogik die Augen und drehte sich noch ein letztes Mal unter der Bettdecke um – schließlich hatte er nicht umsonst den Wecker so höllisch früh gestellt. Aber Fakt blieb: Um am Abend alles Unangenehme hinter sich zu haben, musste er aufstehen und sich dem Unangenehmen stellen. Und das war an diesem Tag das Gespräch mit Katharina. Wobei das Au-pair-Mädchen noch nichts von ihrem ‚Glück’ ahnte...

Als der Radiosprecher im Wecker abermals die Kurznachrichten mit dem Wetterausblick beendete, löste sich Andrew dann doch von seiner geliebten, warmen Bettdecke. Es half ja nichts. Dann lieber doch in den Alltag stürzen und hoffen, sich mittels Arbeit soweit abzulenken, dass hoffentlich nur Tagträume über Garrett aus seinem Unterbewusstsein an die Oberfläche trieben.

 

Tatsächlich hatte diese Taktik Erfolg und so zuckte Andrew regelrecht zusammen, als seine Schwägerin ihm auf die Schulter tippte.

„Einen guten Tag wünsch ich dir“, sagte Lady Talmock mit einem leichten Grinsen. „Und ja, es ist tatsächlich schon so spät.“

Andrew nickte nur und versuchte die Spinnweben seiner Traumwelt abzuwerfen, in die er sich die letzten Stunden geflüchtet hatte, während er mit Nadel und Faden, Papier, Klebstoff, Pappe und Leder hantiert hatte. Zum Glück hatte er gleich am Morgen, als er in die Werkstatt gekommen war, seine Kollegen gefragt, ob sie auf die Kinder aufpassen würden und so war Richard bereits mit Buntstiften und Papier versorgt, während ein Kollege Mia gerade eine witzige Geschichte über einen Bären erzählte, der so weiß wie Papier war und sich deswegen zwischen den ganzen Büchern verstecken wollte, was sich aber als schwierig erwies, sobald das Papier bedruckt war und auch wollte er nicht, dass seine Pfoten eingeklemmt wurden, wenn ein Buch zugeklappt wurde. Verstand sich von selbst, dass dieser Buchbär Vorsatzblätter am liebsten hatte, und es verstand sich auch von selbst, dass diese Geschichte so lange weitergesponnen würde, bis Mia eingeschlafen war.

„Wollen wir nach oben ins Restaurant gehen?“, fragte Andrew.

Alexandra nickte rasch. Das Bibliotheksrestaurant strahlte, wie die Bibliothek selbst, eine Ruhe aus, die sie während des Gesprächs noch gut brauchen würden, weshalb dies der Alternative eines der vielen Cafés in der Umgebung vorzuziehen war.

„Ich sollte hier bleiben und auf die Kleinen aufpassen“, vermeldete Katharina ein wenig steif, verstand sie doch nicht, weshalb Lady Talmock darauf bestanden hatte, dass sie und die Kinder mitkamen.

„Oh nein“, erwiderte Alexandra Fitzstephen da auch schon. „Du kommst mit. Richard und Mia sind bei Andrews Kollegen gut aufgehoben.“

Obgleich Katharinas ganze Haltung Ablehnung gegenüber diesem Vorschlag oder Befehl – denn letzteres war Alexandras Aussage eigentlich – ausdrückte, legte sie keinen weiteren Widerstand an den Tag, sondern verlegte sich auf bockiges Schweigen. Andrew und Alexandra ließen sie für den Augenblick gewähren.

Das Restaurant war wie eigentlich zu jeder Tageszeit recht gut besucht, doch nicht so voll, dass sie keinen Tisch bekommen hätten. Mit Blick auf die Kings Library war es aber auch ein anziehender Ort. Während sich Andrew für eine Suppe und Alexandra für einen Salat entschied, versuchte Katharina das wohl Unvermeidliche hinauszuzögern, indem sie eine der Wok-Kreationen wählte, die frisch zubereitet wurde. Doch auch das half ihr nicht. Nachdem sie alle ihr Essen hatten und am Tisch zusammen saßen, eröffnete Andrew das Gespräch. Er war am Vortag mit Alexandra überein gekommen, dass er als Außenstehender die erste Aussage wohl neutraler treffen würde, als Alexandra als Betroffene.

„Wie sieht es aus, hast du vor über Weihnachten nach Hause zu deiner Familie zu fliegen? Noch sieht man es dir schließlich nicht an“, erkundigte sich Andrew so beiläufig, als wäre das eigentliche Problem schon längst gelöst.

Katharina sah ihre Gastmutter irritiert an. „Wir haben doch schon über Weihnachten gesprochen“, sagte sie, „und beschlossen, dass ich hier bleibe. Schließlich findet Heilig Abend der Cocktail-Empfang statt und da muss jemand auf die Kinder aufpassen. Und den Tag darauf erst zu fliegen, wäre nicht wirklich lohnend, besonders, wo in Deutschland doch der Heilig Abend der wichtigere Tag ist. Und überhaupt, was soll man mir ansehen?“

„Diese Pläne hatten wir gemacht, bevor wir von deiner Schwangerschaft wussten“, sagte Alexandra ruhig. „Und eben das ist es, was man dir in ein paar Wochen oder Monaten ansehen wird.“

„Schwanger?“ Entrüstet starrte die junge Frau die beiden anderen an. „Da irren Sie sich aber ganz gewaltig. Ich bin nicht schwanger.“

Alexandra hob nur die Augenbraue. „Und deine Morgenübelkeit? Sie dauert zu lange, um von einer Magen-Darm-Erkrankung herzurühren. Und erzähl mir nicht, du hättest dir in den letzten vierzehn Tagen überlegt, du müsstest ein paar Pfund verlieren und dich für die Bulimie-Diät entschieden. Nein, mein Kind, du bist schwanger. Und sofern du nicht noch mit jemand anderem verbandelt bis, würde ich darauf tippen, dass mein Gatte der Vater deines Kindes ist.“

Andrew war erstaunt, wie ruhig seine Schwägerin bei diesen Aussagen blieb. Nach ihrer Reaktion am gestrigen Tag hatte er alles erwartet, nur nicht das. Dann aber erkannte er, dass Alexandra ihre Maske der Lady Talmock aufgesetzt hatte. Er musste ein bitteres Lachen unterdrücken. Erst gestern noch hatte er sich mit Garrett über eben solche Masken unterhalten.

„Glaub mir, ich weiß wovon ich rede, schließlich war ich selbst vier Mal schwanger“, sagte Lady Talmock begütigend.

„Ich bin aber nicht schwanger!“, beharrte Katharina.

Nun mischte sich Andrew wieder ein. „Weil ihr immer verhütet habt? Ist es das? Katharina, du bist doch sonst so ein kluges Mädchen. Du weißt, dass keine Verhütungsmethode unfehlbar ist. Und sage nicht, dass du nicht schwanger bist. Deine morgendliche Übelkeit ist sogar Anne schon aufgefallen. Sie weiß zwar noch nicht, was das zu bedeuten hat, aber es ist auffällig genug.“

Zuerst sah es so aus, als würde Katharina an diesem Punkt zusammenbrechen, war doch schon das gefährliche Glitzern von Tränen in ihren Augen zu sehen. Dann aber ging ein Ruck durch die junge Frau und sie straffte sich. Angriff als Verteidigung strahlte ihre Haltung aus. „Also schön, dann bin ich vielleicht schwanger. Na und? Ist ja nicht so, als hätten ich und der Vater des möglichen Kindes nicht eh eine gemeinsame Zukunft geplant.“

Für einen Moment schöpfte Andrew Hoffnung, dass Reginald doch nicht derjenige war, der Katharina geschwängert hatte, doch dann richtete die junge Frau einen so eisigen Blick auf Alexandra, dass alle Hoffnung das Weite suchte.

„Mit einer so eiskalten Ehefrau – wen wundert es da, dass er sich jemanden liebevolleren sucht? Der mit seinen Kindern umzugehen weiß?“

Alexandra Fitzstephen zuckte unter diesen Worten zusammen, als hätte sie jemand mit einer Peitsche geschlagen. Mühsam rang sie um Fassung. Dann brach Andrew auch noch in ein Lachen aus, was weiter an ihren Nerven zerrte, bis sie erkannte, dass es ein beinahe höhnisches Lachen war, das Katharina galt.

„Das hat er dir tatsächlich erzählt. Und schlimmer noch: Das hast du ihm tatsächlich abgekauft? Katharina, ich nehme alles zurück, was ich vorhin in Bezug auf deine Klugheit gesagt habe.“

Giftig starrte das Au-pair-Mädchen nun Andrew an.

„Katharina, glaub mir, mein Bruder wird sich nie von seiner Ehefrau scheiden lassen. Egal, was du über ihre Ehe denkst, egal, was er dir über diese Ehe erzählt hat, Reginald Fitzwilliam, der Baron of Talmock und Mitglied des Oberhauses, wird nicht zulassen, dass so etwas wie der Skandal einer Scheidung einen Schatten auf seine politische Karriere wirft. Er mag seine sexuellen Vergnügungen außerhalb der Ehe suchen – und glaub mir, du bist nicht die erste, mit der er seine Frau betrügt –, aber was die gesellschaftliche Stellung der Lady Talmock, seiner Ehefrau, angeht, so gibt es für ihn nur Alexandra Fitzstephen.“

„Was ist das für eine Ehefrau, die er nur zu Repräsentationszwecken hervorzaubert?“, begehrte Katharina auf.

„Was ist das für eine Geliebte, die zulässt, dass er sie in dem Haus vögelt, in dem seine Ehefrau und seine Kinder leben?“, konterte Andrew und war bewusst harsch in seiner Wortwahl.

Katharina wurde aschfahl und Alexandra warf Andrew einen vorwurfsvollen Blick zu, doch Andrew schüttelte den Kopf. „Nein, Alexandra, Katharina muss der Wahrheit ins Auge sehen.“ Er wandte sich wieder der jungen Frau zu. „Katharina, mein Bruder hat dich benutzt. Auf das Schändlichste benutzt. Reginald mag seiner Ehefrau nicht die Treue, nicht den Respekt entgegenbringen, den sie verdient, aber sie ist seine Gattin, sie ist die Mutter seiner Kinder, die Mutter seines Erben! Das alles durch eine Scheidung aufs Spiel zu setzen, käme für ihn nie in Frage. Du weißt selbst, wie stolz, wie standesbewusst, wie traditionsverbunden er ist! Mach die Augen auf! Glaubst du wirklich, er würde sich scheiden lassen, um dich zu heiraten? Katharina, du bist neunzehn! Du bist gerade einmal zehn Jahre älter als sein Erbe! Das Beste, worauf du hoffen kannst, ist, dass er für dich und das Kind sorgt, aber er wird das Kind nie anerkennen, denn auch ein illegitimes Kind kommt für ihn einem Skandal gleich.“

„Das glaube ich nicht, nein, das kann ich nicht glauben! Ihr lügt doch. Alle beide! Das sagt ihr nur, um mich und Reginald auseinander zu bringen! Damit er zu ihr zurück kehrt!“ Kathrina war vom Tisch aufgesprungen und wischte sich wütend die Tränen aus den Augen.

„Wieso fragen wir ihn dann nicht ganz einfach?“, schlug Lady Talmock vor, der klar wurde, dass Katharina ihnen nicht glauben würde. Sie wollte ihnen nicht glauben. Sie wollte lieber in der Traumwelt leben, dieser Seifenblase, die sie sich geschaffen hatte und in der Reginald Fitzstephen, der Baron of Talmock sie und nur sie liebte. Eine Seifenblase, von der Alexandra wusste, dass ihr Gatte sie mit einem einzigen, verbalen Hieb zerstören würde.

Irritiert sah Katharina die andere Frau bei diesem Vorschlag an. Wollte diese wirklich hören, wie ihr eigener Ehemann sich von ihr abwendete und seine Loyalität gegenüber seiner jungen Geliebten offen bekundete?

In dem Moment, da dieser Gedanke durch Katharinas Kopf schoss, wurde ihr bewusst, wie unwirklich, wie unrealistisch das klang. Alles drehte sich plötzlich um sie und sie spürte noch, wie die Beine unter ihr nachgaben. 

Andrew hatte das Au-pair-Mädchen genau beobachtet und schaffte es gerade noch rechtzeitig, sie aufzufangen, ehe sie unsanft mit dem Boden Bekanntschaft machte. Vorsichtig setzte er sie wieder auf die Bank am Tisch. Dann reichte er ihr das Glas Wasser, das noch unberührt da stand.

Als Katharina aufblickte, sah sie regelrecht verloren aus. Ihre ganze Welt war mit einem Schlag zusammengebrochen. So hatte es jedenfalls den Anschein. „Er wird sie nie verlassen, oder? Er hatte es auch nie vor.“

Andrew schüttelte den Kopf. „Nein, er hatte es nie vor.“

Nun gab es kein Halten mehr und die lang zurückgedrängten Tränen brachen sich endgültig ihren Weg.

Es dauerte schier eine Ewigkeit, ehe sich das Mädchen, das sich in seinem Kummer an Andrew geklammert hatte, wieder beruhigte. Doch kaum waren die Tränen versiegt, als die Panik in ihr hochstieg. „Was mache ich, wenn ich wirklich schwanger bin? Das kann ich meiner Oma nicht antun... Aber genauso wenig kann ich es...“ Katharina brachte es noch nicht einmal fertig, das Wort Abtreibung überhaupt auszusprechen. Dafür tat es Lady Talmock.

„Genauso wenig kannst du es abtreiben lassen?“

Katharina nickte schwach.

„Was ist mit Adoption?“, fragte Andrew. Er merkte, wie die Räder in seinem Gehirn bei dieser Idee zu rattern begannen. Je mehr Sekunden verstrichen, desto deutlicher sah er es vor sich. Ein Plan, der immer mehr Gestalt annahm. Doch es galt einen Schritt nach dem anderen zu tun. Und der erste Schritt waren nun mal die bevorstehenden Feiertage. „Alexandra, Katharina wird über Weihnachten nach Hause zu Oma Norwin fahren“, sagte Andrew entschieden. „Es ist vermutlich das letzte Mal für viele Monate, wo sie in jeder Hinsicht gefahrlos zu ihrer Familie fahren kann. Wenn ich mich an deine Schwangerschaften erinnere, dann könnte die Morgenübelkeit bis dahin auch soweit nachgelassen haben, dass es nicht weiter auffällt. Ansonsten muss Katharina es einfach auf schlechtes Flugzeugessen schieben. Nach Weihnachten kommt sie zurück nach England, als sei nichts geschehen.“

„Andrew, sie kann unmöglich bei uns bleiben!“, warf Lady Talmock ein.

Dieser nickte. Er wusste sehr wohl, dass die Situation für alle im Hause Talmock unerträglich wäre, würde Katharina dort bleiben. Für Katharina wäre es unerträglich, weil sie ständig Reginald begegnen würde und sich so ständig damit konfrontiert sähe, wie naiv sie gewesen war. Für Alexandra wäre es unerträglich, in Katharina jeden Tag zu sehen, wie sehr ihr Mann ihre Ehe verraten hatte. Auch hatte sie die demütigenden Worte nicht vergessen, die Katharina zu ihr gesagt hatte, denn auch wenn das Mädchen jetzt vermutlich alles geben würde, um sie zurücknehmen zu können, so hatte sie sie in diesem Moment doch durchaus ernst gemeint. Und für die Kinder würde die ständige Spannung unter den Erwachsenen auch unerträglich werden. „Wir werden eine Lösung finden. Und wenn ich Reginald erpressen muss, dass er Katharina für die Zeit ein Universitätsstipendium besorgt.“ Er wandte sich zu Katharina. „Keine Sorge, wir werden dich trotz allem nicht im Stich lassen.“

 

 

 

XX.

Erst als Andrew an diesem Abend die Wohnungstür hinter sich schloss, erlaubte er es sich, alle Stärke von sich fallen zu lassen. Er fühlte sich wie ausgelaugt. Er sehnte sich danach, von jemandem in den Arm genommen zu werden. Er sehnte sich danach, von Garrett in den Arm genommen zu werden. Doch weil er nicht gewusst hatte, wie lange die Sache mit Katharina dauern würde, hatte er Garretts Vorschlag abgelehnt, dass dieser ihn nach der Arbeit abholte. Nicht, dass er diese Entscheidung bereute, wusste er doch, dass er nach so einem Tag kein guter Gesellschafter war. Aber das hinderte ihn nicht daran, sich nach Garrett zu sehen.

Sein Handy klingelte, und als Andrew auf das Display sah, musste er leise lachen. Es war als könnte dieser Gedanken lesen.

„Hey! Woher hast du gewusst, dass ich gerade jetzt an dich gedacht habe?“, fragte er.

„Dir auch einen schönen Abend“, kam es lächelnd zurück. „Und ich wusste nicht, dass du gerade jetzt an mich gedacht hast, aber ich hab es mir hier gerade mit einem unheimlich verführerischen Kerl kuschelig gemacht, der aber längst nicht so gut küsst wie du.“

Jetzt lachte Andrew, das erste ehrliche Lachen des Tages. „Tja, mein Lieber, ich schätze, dir fehlt es an ein paar felinen Genen, um für Mercutio ein attraktiver Kusspartner zu sein.“

„Vermutlich“, erwiderte Garrett ebenfalls mit einem Lachen. „Aber abgesehen von dem Kater, wollte ich eigentlich fragen, wie dein Tag war. Habt ihr die Familiensituation klären können? Oder ist es immer noch so prekär, dass du es mir nicht erzählen magst?“

Am Abend zuvor hatte Andrew Garrett nur mit der Information einer wirklich dringenden Familienangelegenheit abgespeist. Nun aber seufzte er und beschloss, Garrett alles zu erzählen. Vielleicht hatte dieser ja noch eine Idee, die ihnen bislang nicht gekommen war. „Die Kurzfassung: Mein bigotter Bruder hat Katharina, das Au-pair-Mädchen, geschwängert. Und das dumme Ding hat tatsächlich geglaubt, er würde ihr zu Liebe seine Ehefrau verlassen.“

„Was er natürlich nicht tun wird.“

„Du hast es erfasst. Und glaub mir, es war ein hartes Stück Arbeit, Katharina von dieser Wahrheit zu überzeugen.“

„Und was nun?“

Es tat Andrew gut, dass Garrett Interesse ohne maßlose Neugier zeigte, einfach nur für ihn in dem Moment da sein wollte, und ihm zuhörte. „Ich schätze sie ist in der achten bis zehnten Woche. Abtreibung wäre also noch eine Option, kommt aber für Katharina nicht in Frage. Und wir wollen sie natürlich auch nicht dazu drängen.“

„Also Adoption? Oder will sie das Kind behalten?“

„Ich glaube kaum, dass sie das Kind behalten will... Sie weiß, dass mein Bruder das Kind nie anerkennen wird, und selbst wenn sie ihn auf Unterhalt verklagt... ich glaube kaum, dass sie den Fehler, sich auf Reginald eingelassen zu haben, ihr Leben lang vor Augen haben möchte. Aber wer weiß das schon... Den Punkt der Mutterliebe kann man nie wirklich berechnen.“

„Mutterliebe hin oder her, ohne Unterstützung, und das nicht nur finanzieller Art, wird es sehr schwer werden. Ich weiß noch, wie anstrengend Lucas war, und wir waren zu dritt, die uns um ihn gekümmert haben. Und wir mussten uns zu dem Zeitpunkt nicht mit solchem Ballast wie einem abtrünnigen Kindsvater herumplagen.“

„Ja. Und es wird auch ihre Zukunftsplanung maßgeblich beeinflussen, wenn sie das Kind behalten will. Denn Kind und Studium unter einen Hut zu bringen, wird auch nicht so einfach. Schon gar nicht so ein Studienfach wie Grafik und Design. Wenn nicht gar unmöglich. Und einfach zu einem späteren Zeitpunkt, etwa wenn das Kind dann in den Kindergarten geht, mit dem Studium anzufangen, klappt in den seltensten Fällen. Was auch einer der Gründe ist, weshalb ich glaube, dass Katharina die Option der Adoption ernsthaft in Erwägung ziehen wird. Und in diesem Fall...“ Andrew zögerte. Es war ein Gedanke, der ihn nicht los ließ, seit er das erste Mal das Thema Adoption in den Raum gestellt hatte. „Ich denke, in diesem Fall würde ich das Kind adoptieren wollen. Immerhin wäre es mein Neffe oder meine Nichte... und so würde das Kind wenigstens ein Fitzstephen werden...“ Er brach abermals ab. Er war unsicher, wie Garrett auf diese Eröffnung reagieren würde. Gewiss, sie hatten das Thema Adoption angeschnitten, als sie vergangene Woche Schlittschuh laufen gewesen waren. Aber das war gewesen, ehe sie sich geküsst hatten. Ehe die Möglichkeit einer Beziehung bestanden hatte. Und jetzt... Doch Fakt blieb, dieses Kind war ein Teil seiner Familie und Andrew konnte den Gedanken nicht ertragen, dass dieses Kind womöglich in eine völlig fremde Familie kam.

„Verständlich“, sagte Garrett da, und Andrew meinte, so etwas, wie ein Lächeln in dessen Stimme zu hören. „Aber was wird dein Bruder dazu sagen?“

„Wenn ich seinen unehelichen Spross adoptiere?“, hakte Andrew nach.

„Ja.“

„Ehrlich gesagt, ist mir das ziemlich egal. Zumal er es ja schlecht selbst adoptieren kann. Zumindest nicht, ohne nicht eine Reihe von Fragen aufzuwerfen. Und wenn dann herauskommt, dass es das Kind seines Au-pair-Mädchens ist, werden die Fragen boshafter werden... und der Wahrheit wohl gefährlich nahe kommen. Stattdessen wird er sich, wenn ich das Kind adoptiere, in der Rolle des Taufpaten wieder finden. Ganz aus der Verantwortung wird er sich nicht stehlen können.“

„Klingt nach einem guten Plan“, erwiderte Garrett. Dann fragte er nachdenklich: „Was passiert mit Katharina in der Zwischenzeit? So eine Schwangerschaft dauert schließlich neun Monate und auch wenn die ersten zwei Monate deiner Schätzung nach verstrichen sind, wären das immer noch sieben Monate, die es zu überstehen gilt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie unter diesen Umständen in dem Haus deines Bruders bleiben kann. Und was ist mit ihrer Familie in Deutschland?“

„Ihre Familie wäre wohl die naheliegendste Lösung, ja, aber die kommt leider hier nicht in Frage. Sie will die Schwangerschaft vor ihrer Familie geheim halten. Oder zumindest vor ihrer Großmutter. Aber da sie und ihr Bruder in Deutschland bei der Großmutter leben... Ich weiß zwar nicht, wie es um die Moralansichten der Dame bestellt ist, aber ich kann mir auch vorstellen, dass es vielleicht einfach nur so ist, dass die Dame zwar so noch recht rüstig ist, Katharina aber fürchtet, durch diese Sache einen Herzinfarkt oder so heraufzubeschwören. Deshalb...“, er zögerte erneut, war dieser Teil des Plans, der ihm nach dem Gespräch am Mittag erst eingefallen war, wieder etwas, das eine mögliche Beziehung mit Garrett belasten könnte, „wird Katharina wohl im neuen Jahr in mein Gästezimmer ziehen. Was zwar auch nicht optimal ist, aber ein Studentenwohnheim ist ebenso wenig optimal“, erklärte er schließlich.

„Andrew, du bist ein bemerkenswerter Mann“, sagte Garrett. „Ich kenne nicht viele, die wie du so in die Bresche springen würden, um andere aus einem Schlamassel zu befreien, mit dem du nicht das Geringste zu tun hast.“

„Ja, ja, Alexandra nennt es immer mein Helfersyndrom“, wehrte Andrew ab.

„Was keine schlechte Eigenschaft ist... Mir fällt da was ein!“, unterbrach Garrett sich selbst. „Vielleicht kann ich auch einen kleinen Teil zur Lösung des Problems beitragen.“

„Garrett, das ist wirklich nicht nötig“, erwiderte Andrew verdutzt. Das Letzte, was er mit seiner Erzählung gewollt hatte, war bei Garrett den Eindruck zu erwecken, dass er ihn nötigen wollte, ebenfalls helfend einzugreifen.

„Blödsinn!“, entgegnete Garrett ruhig. „Ich weiß, dass es nicht nötig ist. Und ich will auch nicht sagen, dass meine Idee ganz uneigennützig ist. Denn seien wir ehrlich, wenn Katharina bei dir einzieht, und nichts weiter zu tun hat, als sich mit ihrer Schwangerschaft zu beschäftigen, wird sie dich früher oder später die Wände hochtreiben. Was heißt, dass du meist zu frustriert sein wirst, um mit mir ein paar schöne Stunden zu verbringen. Wenn aber meine Idee umsetzbar ist, dann wäre Katharina zumindest für einen Gutteil ihrer Schwangerschaft beschäftigt und du hättest mehr Zeit für mich. Und ich hätte zusätzlich das befriedigende Gefühl, etwas Gutes getan zu haben.“

Jetzt musste Andrew doch lachen. So wie Garrett es darstellte – und er zweifelte nicht, dass der andere es ernst meinte – war es tatsächlich keine altruistische Tat, die dieser plante, oder etwas, wozu er sich genötigt fühlte. „Also schön. Und wann kannst du mir verraten, was das für eine Idee ist, und ob sie klappt?“, fragte er.

„Wie wäre es mit morgen, nach der Arbeit? Wir könnten die Oxford Street entlang bummeln und uns die Weihnachtsbeleuchtung ansehen“, schlug Garrett vor.

„Aber nur, wenn wir auch in der Carnaby Street vorbeisehen“, erwiderte Andrew.

 

 


 

Britta + Fich: Katzenaugen VI

 

12

„Bin Zuhause“, rief Ian durch das Haus, als er die Haustür aufgeschlossen hatte. Heute war er nach vier Tagen mal wieder im Büro gewesen. Den Termin mit einem Kunden hatte er nicht verschieben können. Verwundert, dass niemand auf seinen Ruf reagierte ging Ian weiter ins Haus, da hörte er auch schon das Trappeln von kleinen Füßen. Simon kam die Treppe runtergefegt und ließ sich von seinem Vater auffangen. „Hallo, Maus. Wo sind denn alle?“, fragte der Leopard und drücken seinen Jungen an sich. „Maria ist einkaufen und Randy ist auch los, was besorgen“, erklärte ihm Bill, der mit einer Schale voll Cornflakes aus der Küche kam. Ian drehte sich zu ihm um und lächelte. „Randy ist was besorgen? Was denn?“

Doch noch ehe Bill antworten konnte, klingelte es schon wieder und dann ging die Tür auf. Clay hatte nicht warten können, bis man ihm öffnete. Er wusste, dass die Tür immer offen war und dass er immer reinkommen konnte. Hinter ihm im Türrahmen stand sein verdutzter Vater der sich entschuldigend durch die Haare strich. „Er zieht bald hier ein, ihr habt mehr Büsche“, lachte er. Sie waren hier um Simon einzusammeln. Morgen war wieder Kindergarten und da durfte Simon heute bei Clay übernachten und morgen früh würde Gina beide zum Kindergarten bringen. Sie teilten sich oft rein. „Lass das Stephano nicht hören, der ist immer noch verstimmt von Freitag“, murmelte Bill und kam ebenfalls näher, löffelte aber weiter seine Cornflakes.

Kaum hatte Simon Clay gesehen, quietschte er begeistert und sie wandelten sich beide. So konnten sie sich raufend auf dem Boden im Flur begrüßen, so wie sie das am liebsten taten.

„Kommt rein“, lachte Ian und stieg über das Knäuel aus Katze und Wolf und wuschelte beiden über die Köpfe. „Ich glaube nicht, dass Gina auf die Dauer damit einverstanden wäre, wenn ihr Jüngster nicht mehr nach Hause kommt.“ Er drückte Dexter an sich und erinnerte sich daran, was Bill gesagt hatte. „Wo ist denn Randy hin, Bill?“

„Er sagte, er hätte vergessen Maria zu sagen, dass er noch Zigaretten bräuchte. Dann hat er sich von mir verabschiedet und war weg“, sagte Bill und seinem Blick sah man an, dass er das schon etwas merkwürdig gefunden hatte. „Er hatte auch seine eigenen Sachen wieder an und nicht deine, die er immer hier im Haus getragen hat.“ Und wieder verschwand ein Löffel Cornflakes in seinem Mund. Er musste sich beeilen, sie fingen an labberig zu werden.

„Zigaretten?“ Ian sah Bill irritiert an. „Er wollte Zigaretten? Er raucht doch gar nicht?“ Ian bekam ein merkwürdiges Gefühl. Sein Magen zog sich zusammen und er lief ins Gästezimmer. Das war sauber und aufgeräumt, so als wenn die letzten Tage niemand dort gelebt hätte. Die Anziehsachen, die er Randy geliehen hatte, lagen fein säuberlich zusammengelegt auf dem Bett und darauf ein Zettel. Vorsichtig ging er näher, Dexter und Bill blieben in der Tür stehen. Aus dem Flur war immer noch das Raufen der Kinder zu hören. Ian wusste nicht genau, was er erwartete zu lesen und so griff er sich den Zettel und überflog ihn. Halblaut las er vor. „Hallo Ian, da ich noch in der Probezeit bin und auch noch keinen Vertrag unterschrieben habe, nutzte ich die Möglichkeit ohne Angaben von Gründen zurückzutreten. Hab vielen Dank für alles und sobald ich wieder etwas Geld verdient habe, werde ich mich für die Ausgaben revanchieren. Liebe Grüße, Randy.“ Fassungslos drehte er den Zettel in seiner Hand. War das alles?

Immer wieder las er sich die wenigen Zeilen durch und sein Gesicht verschloss sich immer mehr. „So ein Arsch. Haut einfach ab“, knurrte er. „Kein Wort mehr von einem uns. Da kann ich mir ja denken, wie ehrlich das war, dass er an mir interessiert wäre.“ Es tat weh, anders konnte er es nicht beschreiben. Er fühlte sich verlassen und hintergangen.

„Ian“, sagte Dexter leise und kam näher. Er drückte seinen Freund auf das Bett und setzte sich neben ihn, während Bill sich absetzte. Die beiden Kurzen kugelten durch das Haus und das ging nur selten ohne Glasbruch ab. Vielleicht konnte er vorbeugend eingreifen.

„Warum glaubst du, ist er gegangen“, fragte er sanft und sah seinen Freund an. Seine Augen bekundeten offenes Interesse, denn er war sich sicher, dass Ian nicht begriffen hatte, was zwischen ihm und Randy eigentlich passiert war.

„Woher soll ich das wissen? Vielleicht hat er was Besseres gefunden“ Ian wollte wütend sein, weil Randy ihn einfach alleine gelassen hatte, aber er klang nur verletzt und traurig. Es tat weh.

„Blödmann“, lachte Dexter leise und zog seinen Freund dichter zu sich. „Er hat nichts Besseres gefunden. Er wollte gar nichts Besseres finden. Viel Zeit habe ich ja nicht mit euch zusammen verbracht, aber ich habe gesehen, wie er dich ansieht und ich habe gemerkt, wie alles um dich herum egal wurde, wenn es um Randy ging und habe gespürt, wie sich die Luft elektrisiert, wenn ihr im gleichen Raum wart. Ich glaube also nicht, dass er gegangen ist, weil du ihm egal bist und er was Besseres gefunden hat. Er ist gegangen, weil…“ Dexter brach ab.

„Weil?“, Ian sah Dexter auffordernd an. Er konnte es gar nicht leiden, wenn man Andeutungen macht und ihn dann dumm sterben ließ. „Dexter, wenn ich wüsste, warum er gegangen ist, säße ich jetzt nicht hier.“ Er wollte seinen Freund nicht anknurren, denn der versuchte ja nur ihm zu helfen, aber gerade war er nicht sehr geduldig.

„Du bist nicht bereit, Ian. So einfach ist das. Du bist immer noch verheiratet und nicht bereit, Mel gehen zu lassen. Randy hat keine Chance gegen sie. Er hat es eingesehen und für sich selbst die Konsequenzen gezogen.“ Dexter wusste, dass Ian bei dem Thema sehr sensibel war, doch sein Freund hatte gefragt. Genau dort sah Dexter das Problem. Denn dass Randy sich verliebt hatte, das war offensichtlich gewesen. Doch er hatte begriffen, dass er nicht weiter an Ian heran kam, wie der Kater blockte. Ihre Wege sich trennen zu lassen, war wohl in Randys Augen die einzig logische Konsequenz.

„Das ist doch Blödsinn“, brauste Ian auf. „Mel ist seit über vier Jahren tot. Wie soll sie für Randy Konkurrenz sein?“ Das konnte doch nicht sein. Da gab es jemanden, bei dem er sich wohl und geborgen fühlte und der ging, weil er glaubte, dass er noch um seine Frau trauerte? Natürlich trauerte er. Er hatte Mel geliebt, sie war die Mutter seiner Söhne. Sollte er sie vergessen? Das konnte keiner von ihm verlangen. „Er geht einfach so, ohne uns eine Chance zu geben?“

„Ach Ian“, sagte Dexter und strich seinem Freund durch die Haare. „Wie hätte das ausgesehen, euch eine Chance zu geben? Es gab kein euch, Ian. Nicht in meinen Augen. Welche Chance hast du ihm gegeben, Ian. Sag‘s mir. Wie hast du ihm gezeigt, dass es sich für ihn lohnen kann, dran zu bleiben.“ Er war neugierig, er wollte seinen Freund nicht hängen lassen, doch er brauchte ein paar mehr Fakten. Wie es schien, hatte es Ian erwischt. Er war bereit gewesen sich zu öffnen und in dieser heiklen Phase verschwand sein Gegenüber einfach. Er konnte also gut verstehen, dass Ian enttäuscht war.

„Ich habe nie gesagt, dass er keine Chance hat, sondern, dass ich nicht weiß, was ich bereit bin zu geben oder zu empfangen.“ Ian stütze den Kopf auf seine Hände und seufzte. Ihm schwirrte der Kopf. „Ich kenne ihn gerade drei Tage und ich habe ihn näher an mich gelassen als jeden anderen außer Mel. Konnte er nicht ein wenig geduldiger sein?“

„Katerchen, ich verstehe dich, weil ich dich kenne. Aber versetz dich mal für eine Minute in seine Rolle.“ Dexter spürte, dass er nicht viel Erfolg haben würde. Er hatte sogar das ungute Gefühl, mit seinem Gerede mehr kaputt zu machen, als zu helfen. Trotzdem wollte er eine Sache noch loswerden. „Ihm war klar, dass er nicht das von dir bekommen würde, was er sich ersehnt. Er war dieser sprichwörtliche Esel, dem die Karotte vor der Nase hing und er kam nicht dran. Vielleicht war es Selbstschutz? Vielleicht ist er gegangen, weil er nicht anders konnte. Vielleicht hat er dabei noch nicht einmal daran gedacht, was es in dir auslösen könnte. Aber schlussendlich kann ich auch nur raten – es gibt nur einen, der dir deine Fragen beantworten könnte, Ian. Das weißt du so gut wie ich.“

„Ach Mist.“ Ian schloss die Augen und legte den Kopf auf die Schulter seines Freundes. „Ich will nicht, dass er weg ist. Er fehlt mir und es tut weh“, murmelte der Kater und fasste so zusammen wie er sich fühlte. Er hatte Randy in den wenigen Tagen, die sie sich erst kannten, vollkommen in sein Leben integriert. Und wenn er darüber nachdachte, hatte er alles getan, um Randy daran zu hindern, zu gehen. „Ich will, dass er zurück kommt.“

„Dann lass uns die Kurzen bei meiner Frau deponieren und wie stecken die Nasen in den Wind. Vielleicht finden wir ihn“, schlug Dexter vor. Er hatte keine bessere Idee, denn er hatte keinerlei Vorstellung, wohin der Vampir hätte gehen können. Er hatte keine Wohnung und keinen Job, keine Fixpunkte in seinem Leben, an denen man ansetzen konnte. Aber Ian hier so zu sehen, brachte Dexter auch nicht über sich. Sie mussten etwas tun oder wenigstens das Gefühl bekommen etwas getan zu haben. „Und dann wasch ihm den Kopf.“

„Danke, Dex.“ Ian drückte seinen Freund und straffte sich dann. „Ich werde ihn finden und dann kann er sich was anhören. Du die Kleinen, ich erkläre Bill, warum er heute bei euch schlafen soll.“ Ian stand auf und zog den Schakal mit hoch. Er wollte los. Es hielt ihn nichts mehr. Er musste Emotionen loswerden, Fragen stellen und Antworten bekommen und er konnte nur hoffen, dass Randy die richtigen Antworten gab.

„Ich hol mein Zeug“, sagte Bill, nachdem Ian ihm erklärt hatte, wo er hin wollte. Ihm war es eigentlich auch ganz recht, wenn Randy wieder im Haus war. Er mochte den Vampir. Sie hatten die gleiche Wellenlänge und er konnte Hilfe gegen seinen Vater und seinen kleinen Bruder wirklich gut gebrauchen. Er sah seinen Vater noch einmal an und lächelte, ehe er die Treppe hoch ging.

Er kam nicht sehr weit, denn da wurde er auch schon in eine feste Umarmung gezogen. „Danke, Bill“, flüsterte Ian leise und ließ seinen Sohn weitergehen. Er musste nicht erklären, warum er sich bedankt hatte. Bill würde es wissen. „Simon, Clay, wir wollen los“, brüllte er durch den Flur, denn Dexter hatte es mit den Kleinen bestimmt nicht so leicht. Er sah seinen Freund mit den Klamotten in der Hand ankommen und er hatte Simons Tasche in der anderen Hand. Die beiden Jungs huschten – immer noch im Fell – aus der Haustür und in den Wagen von Dexter. Er fuhr eine große Familienkutsche mit einem Fangnetz vor dem Kofferraum des Kombis, ideal für kleine raufende Leoparden und Wölfe. Zum Glück war es bis zu ihm nicht weit. Und so warf er die Sachen auf den Rücksitz, ließ die Jungs im Kofferraum raufen. Er würde vor fahren. Ian und Bill kamen nach. Dexter musste den Wagen seiner Frau da lassen – sie wollten sich dann mit Ians Wagen auf die Suche machen.

Die Übergabe der Kinder verlief reibungslos. Gina wusste Bescheid und wünschte beiden Glück bei ihrer Suche. „Wo fangen wir an?“, fragte Dexter und Ian seufzte überfordert. „Ich habe keine Ahnung. Der Unfall war im Parkhaus neben dem Büro, aber ich glaube nicht, dass er dort hingehen wird.“ Er startete den Wagen und sah hoch. Nicht mehr lange und es wurde dunkel.

„Nein, das glaube ich auch nicht. Und wenn wir versuchen ihn zu wittern?“ Dexter wusste selber, wie blöd das klang. Doch die Möglichkeit bestand ja. Ihre Nasen waren sehr gut und wenn jemand Randys Geruch in der Nase haben sollte, um ihn wiederzufinden, dann doch Ian.

„Verschlechtern wird es unsere Chancen, ihn wiederzufinden, auf jeden Fall nicht.“ Ian fuhr los und fädelte sich in den Verkehr ein. Er hatte nicht viel Hoffnung, denn New York war riesig und wo sollten sie anfangen? Aber er musste es einfach versuchen. Schließlich hatte Randy gemeint, dass er stur wäre. „Lass uns Parks und öffentliche Flächen absuchen. Dahin würde ich wohl gehen.“

„Dann lass uns im größten anfangen“, schlug Dexter vor. Er wusste nicht, warum er es ausgerechnet im Central Park versuchen wollte. Er lag nicht gerade um die Ecke, doch er war der am besten besuchteste Park. Vielleicht fühlte sich Randy dort vor seinen Verfolgern immer noch am sichersten. Doch dachten sie da falsch? Wenn die Pumas noch hinter ihm her waren, war das dümmste, was er tun konnte, sich zu zeigen. Vielleicht verbarg er sich auch an einer Ecke der Welt, wo sie ihn niemals finden würden. Doch das sprach Dexter nicht aus. Er wollte Ian nicht demotivieren.

„Okay“, war alles, was Ian sagte. Daran konnte man erkennen, wenn man ihn gut kannte, dass er wenig Hoffnung hatte, aber es unbedingt versuchen wollte. Er setzte den Blinker und reihte sich in den Verkehr ein, der ihn Richtung Manhattan brachte. Sie fuhren an den Rand des Parks und Ian schnupperte. „Nichts.“ Er konnte aber noch nicht aufgeben. Er lief los und hielt immer wieder die Nase in den Wind. Dexter folgte ihm.

Sie liefen über die Wege, durch die Wälder, über die Wiesen. Sie liefen von Nord nach Süd und von Ost nach West. Sie hatten zwei Stunden lang gesucht, als sie zurück zum Wagen wollten. „Warte“, murmelte Dexter und wandelte sich zwischen den Bäumen ungesehen von allen in seine Zwischenform. Er hatte etwas gehört und wollte das mit seinem nun besseren Gehör noch eingrenzen. Etwas hatte seine Neugier geweckt, doch er konnte noch nicht sagen, was es gewesen war. Worte? Eine Stimme? Er war angespannt.

Automatisch wandelte Ian sich auch und schnupperte. Da! War da nicht schwach, ein unverkennbarer Duft? Immer auf seine Deckung bedacht, folgte er der schwachen Spur und wurde immer schneller. „Er ist in der Nähe“, rief er Dexter zu und wurde immer schneller. Die Stimmen, die er hörte, ließen ihn nichts Gutes ahnen.

 

„Hätte nicht gedacht dass du noch am Leben bist, Randy-Baby“, grollte eine dunkle Stimme, doch Randy antwortete nicht. Es war für ihn auch nicht leicht, denn er lehnte mit dem Rücken über einem umgestürzten Baumstamm, die Wirbelsäule dabei soweit durchgebogen, dass es schmerzte und auf seiner Brust lag ein Puma, drückte ihn mit seinem ganzen Gewicht gegen das Holz. Es wäre für Randy ein leichtes gewesen, die Katze zu entfernen – doch McManner, der unweit stand, war nicht allein. Er hatte noch zwei seiner Leute bei sich und einer würde Randy erwischen. Er musste auf den geeigneten Augenblick warten. Sein Herz schlug wild. Warum war er hier her gekommen? Er hatte doch gewusst, wessen Revier das hier war. Warum war er so blöd gewesen? Er wusste es nicht. „Aber das lässt sich ändern. Johanita  muss nichts davon erfahren, dass du doch überlebt hast.“ Randy spürte die Krallen an seiner Kehle und schluckte schwer.

„Verpiss dich“, keuchte er und versuchte McManner anzufunkeln.

Als plötzlich das Gewicht von ihm gerissen wurde und er den Puma schmerzvoll aufjaulen hörte, blinzelte er überrascht. Lautes Gebrüll war zu hören und er sah einen weißen Schatten unter den Pumas wüten. Ian hatte sich noch im Laufen in seine Katzenform gewandelt und auf den Puma gestürzt, der auf Randy hockte. Er war wie in einem Rausch. Biss, kratzte und versuchte, die anderen Katzen kampfunfähig zu machen. Er musste Randy retten, für etwas anderes war in seinem Kopf kein Platz.

Selbst Dexter vermied es, sich in das Kampfgetümmel zu werfen. Er brachte Randy an sich, der immer noch verstörte um sich sah, während der Schakal ungläubig dabei zusah, wie eine zweite Katze gegen den Baum geschleudert wurde. Der Aufprall klang nicht gesund und das Tier blieb liegen. Jetzt gab es nur noch zwei – Ian gegenüber stand McManner. „Wer bist du?“, knurrte der Mann. Auch er hatte sich gewandelt und stand nun in seiner Zwischenform vor Ian. Sie umkreisten einander wie die Raubtiere, die sie waren. „Was hast du in meinem Revier zu schaffen, du Flohzirkus?“ Doch dann wollte er nur noch seine Wut über die Störung kanalisieren und das weiße Tier war ideal. Er wandelte sich ebenfalls und sprang auf den Fremden zu. Der würde sich noch umgucken. Niemand störte ihn ungestraft bei seiner Rache – niemand!

Ians Vorteil waren seine Alter mit der guten Selbstheilung, seine Schnelligkeit und seine Kampferfahrung. In jungen Jahren hatte er sich als Kämpfer ziemlich erfolgreich sein Geld verdient und das kam ihm jetzt zugute. Er wusste, wie er den Puma, der ihm kräftemäßig ebenbürtig war, zermürben konnte. Immer wieder schlug er ihm Wunden, die die noch schwache Selbstheilung der Katze an seine Grenzen brachte.

„Ian?“, murmelte Randy leise. Er saß noch immer im Gras, wurde von Dexter vorsichtig untersucht und versuchte, zu verstehen, was da vor seinen Augen ablief. Was machte Ian denn hier? Wie kam der Mann hier her und vor allen Dingen, warum?

„Lenk ihn jetzt nicht ab“, forderte Dexter leise, denn er wusste, dass es Ian aus der Fassung bringen dürfte, wenn er Randys Stimme ängstlich rufen hören würde. Randy nickte nur und schluckte hart. Es war das passiert, was nicht hätte passieren dürfen – Ian war mit hinein gezogen worden. Die Pumas würden ihn dafür jagen. Und Randy konnte nicht vermeiden, dass ihm die Tränen liefen. Hätte der Blödmann ihn nicht einfach gehen lassen können?

„Scht.“ Dexter zog Randy an sich und hielt ihn fest. Dabei ließ er Ian nicht aus den Augen. Der Leopard hatte einiges abbekommen, aber seine Wunden bluteten kaum, weil sie sich immer noch relativ schnell schlossen. Bei dem Puma sah das anders aus. Der war mittlerweile blutüberströmt und seine Angriffe hatten an Kraft verloren. Als Mc Manner den Kopf schüttelte, weil ihm Blut in die Augen lief, nutzte Ian die Chance und stürzte sich auf ihn. Er brachte den Puma unter sich und wandelte sich in seine Zwischenform. Mit den Krallen an der Kehle der anderen Katze, funkelte er seinen Gegner an. „Zwei Möglichkeiten. Du schwörst Randy und alle, die mit ihm zu tun haben, ab sofort in Ruhe zu lassen, oder du stirbst hier und jetzt.“

„Niemals“, knurrte Mc Manner, der sich ebenfalls gewandelt hatte, auch wenn es nicht leicht gewesen war. Er gab sich nicht geschlagen, schon gar nicht gegen eine ihm unbekannte Katze in seinem eigenen Revier. „Er hat sich da rein gebracht, misch du dich da nicht ein. Was willst du eigentlich!“ Der Puma versuchte sich zu befreien, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Die Wunden schmerzten, sein Körper war mit der Heilung vollauf beschäftigt und so hatte er nicht mehr die Kraft, den agilen weißen Kater von sich zu treiben. Er versuchte, die Krallen in die Seiten des fremden Katers zu treiben, doch Ian ließ das nicht zu. Geschickt hinderten seine Knie McManner daran, ihn zu packen.

„Falsch, du Narr. Randy hat sich nirgendwo hineingebracht. Ihr habt ihm das aufgezwungen, weil eine egoistische, verwöhnte Katze nicht das bekommen hat, was sie wollte.“ Ian verstärkte den Druck seiner Krallen und forderte Blut. Der Puma sollte ihm zuhören und begreifen, was für einen Wahnsinn er angezettelt hatte. „Das ist Wahnsinn. Noch hast du Gelegenheit, die Sache ruhen zu lassen. Nimm dir diese Johanita, denn Randy wird sie nie bekommen. Er gehört zu mir und ich verteidige die, die ich liebe, bis zum letzten und du solltest dir wünschen, dass ich nicht jagen muss, um meine Familie zu beschützen.“

„Was“, murmelte Randy leise und versuchte zu begreifen, was Ian da gerade sagte. Er gehöre zu Ian, und er verteidige die, die er liebe? Hieß das im Umkehrschluss nicht, dass Ian ihn…

„Rede nicht so über Johanita. Du kennst sie nicht, also halt dein Maul“, zischte McManner. Er hatte es schon nicht ertragen können, dass diese edle Katze lieber einen verlausten Vampir haben wollte als ihn. Doch dass dieser weiße Kater so über sie sprach, machte ihn rasend. Er mobilisierte – beflügelt durch seine Wut – eine letzte Kraftreserve.

Ian ließ sich nicht anmerken, wie viel Kraft es ihn kostete, den Puma ruhig zu halten. Aber zur Verdeutlichung, dass er es gar nicht schätze, wenn man sich ihm widersetzte, bohrten sich seine Krallen noch etwas tiefer.

„Was glaubst du denn, wie ich über diese Frau reden sollte, die so tief gesunken ist, einen Mann zwingen zu wollen, sie zu lieben. Für so eine Kreatur habe ich nur Verachtung über und sie kann von Glück sagen, dass ich sie am Leben lasse.“ Ian fletschte die Zähne und verzog die Augen zu Schlitzen. „Sieh zu, dass sie mir nie unter die Augen kommt, denn für das, was sie Randy angetan hat, hat sie einen schmerzhaften Tod verdient und den würde sie bekommen.“ Ian wusste, dass er seine Wut besser zügeln sollte, aber das konnte er gerade nicht. Er war zu allem bereit und wenn er töten musste, würde er es ohne Reue tun.

„Ian, nicht. Lass den Bastard ziehen und mach dich nicht unglücklich“, sagte Randy leise. Das letzte, was er wollte, war, dass der Schneeleopard wegen ihm zum Mörder wurde. Das war McManner nicht wert. Der Puma machte sich gern größer als er war. Er selbst wilderte ebenfalls im fremden Revier, das wusste Randy. Der Central Park gehörte einem Leoparden namens Caleb. Und sich diesem in den Weg zu stellen, bedeutete unweigerlich den Tod. Sollte der Kater das übernehmen aber nicht Ian.

„Schnauze, Blutsauger. Halt dich raus. Wir regeln das wie Männer und anschließend bekommt Johanita, was sie will.“ Der Puma konnte nicht aufgeben – nicht vor dem Spielzeug!

Man hörte ein lautes Knacken und McManner schrie gellend auf. Ian hatte ihm den Arm gebrochen, weil er Randy beleidigt hatte. „Fehler“, knurrte er dunkel und seine Krallen zogen quer über die Brust des Pumas tiefe, blutende Wunden.

Dexter biss sich auf die Lippe. Das lief alles langsam aus dem Ruder. „Komm mit“, raunte er Randy zu. Er raffte Ians Kleider an sich und lief mit dem Vampir los. Er hoffte, dass Ian ihnen folgen würde. Er sah sich im Laufen um und atmete erleichtert auf, als er Ian aufspringen sah, der dem Puma noch einen Schlag versetzte und hinter ihnen herlief.

Randy aber fühlte sich immer noch betäubt, alles vor seinen Augen lief ab wie ein Film. Er ließ sich ziehen, sah sich nicht um. Er versuchte immer noch zu begreifen, was eigentlich passiert war. Er hatte doch aus Ians Leben treten wollen, um ihn nicht in eine Situation zu bringen, in der er nicht wusste, was er tun sollte. Feige hatte er sich davon gestohlen, weil er nicht bekommen hatte, was er wollte und dann hatte sich plötzlich alles überschlagen. Erst McManner und dann Ian und jetzt rannten sie durch die kalte Nacht. Sie mussten einen guten Kilometer gerannt sein, Randy keuchte wie eine alte Dampflok und so hielt Dexter in einem Waldstück an und wartete auf Ian, der keine drei Meter hinter ihnen lief.

Wortlos blickte Randy dem Kater entgegen, und wieder hatte er Tränen in den Augen. War das vom schneidenden Wind, der ihm bei der wilden Hatz in die Augen gestochen hatte?