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19

 

Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

19. Dezember 

XXI.

Dieses Mal hatte die hilfsbereite Bibliotheksangestellte mehr Erfolg in der Beschaffung von Andrews Person, als Garrett am späten Nachmittag das Gebäude der British Libary betrat und nach diesem fragte. Nach einem kurzen Anruf dauerte es nur noch ein paar Minuten, dann kam Andrew aus den Katakomben nach oben, bereit für ihren Ausflug zur Oxford Street.

Garrett musterte ihn kurz, dann hob er fragend die Augenbrauen: „Keinen Schal?“

Andrew schlug sich kurz gegen die Stirn. „Da siehst du mal, wie sehr mich der Gedanke, dich gleich wieder zu sehen, ablenkt. Warte kurz, ich hole ihn noch schnell.“

Garrett lachte. Irgendwie gefiel es ihm, dass er Andrew derart ablenken konnte.

„So, da bin ich wieder!“, sagte Andrew gleich darauf und ein wenig außer Atem, weil er sich so beeilt hatte. „Lass uns die U-Bahn bis Holborn nehmen“, schlug er vor.

„Klingt gut. Zumal ich mir in weiser Voraussicht ein Tagesticket besorgt habe. Bin nämlich schon mit der U-Bahn hierher gekommen. Ehrlich, ich frage mich, wieso die Leute in der Vorweihnachtszeit glauben, es sei eine gute Idee, mit dem Auto in die Stadt zu fahren.“

„Weil es einfacher ist, alle Einkäufe gleich in Kofferraum zu verstauen, statt sich damit in den Stoßzeiten in die U-Bahn zu quetschen?“, erwiderte Andrew mit einer rhetorischen Gegenfrage.

„Klar, und das wiegt auch allemal das Schlangestehen vor dem Parkhaus, an jeder zweiten Ampel und wo nicht sonst noch überall auf.“

„Garrett, wir sind Briten, wir lieben ist, Schlange zu stehen“, zog Andrew ihn auf.

„Wir lieben es nicht, wir sind nur zu höflich, einen unkoordinierten Pulk zu bilden, bei dem jeder der Erste sein will“, erklärte Garrett entschieden.

Andrew lachte. „Auch möglich.“

 

Leider konnte auch die Höflichkeit nicht verhindern, dass die Bürgersteige der Oxford Street für einen Werktag reichlich voll waren. Dafür war Weihnachten schon zu nah. Andererseits wollte sich Andrew gar nicht erst vorstellen, wie voll es wohl erst am Samstag sein würde. Würde man da überhaupt noch etwas von dem Glitzern und Funkeln der riesigen Lichter-Sterne sehen, welche die Straße überspannten? Egal, er würde sich auf jeden Fall nicht den Anblick durch die geschäftig umhereilenden Jäger des verlorenen Weihnachtsgeschenkes verderben lassen. Genauso wie es ihm egal war, dass die diesjährige Beleuchtung von Marmite gesponsert wurdet und er diesen Brotaufstrich so überhaupt nicht mochte. Er war ja mehr der Nutella-Fan.

Als er das Garrett mitteilte, grinste dieser. „Och, ich mag Marmite eigentlich ganz gerne. Kindheitserinnerungen und so.“

„Dann kann ich ja noch guter Hoffnung sein, dass du mir nicht zum Frühstück mein Nutella wegisst.“

„Und selbst wenn“, konterte Garrett, „würde ich Rosalind einfach bitten, dir bei nächsten Einkauf ein neues Glas zu besorgen.“

„So ist das also... erst mir das Nutella klauen und dann bin ich dir noch nicht mal so viel wert, dass du dich selbst in den Kampf mit den modernen Supermarktkassen stürzt“, zog Andrew ihn lachend auf.

„Andrew, für dich würde ich es mit jeder Supermarktkasse aufnehmen, aber wir wollen doch nicht, dass Rosalind sich zurückgesetzt fühlt, weil ich ihr plötzlich die Arbeit abnehme und sie sich deswegen an mir rächt, indem sie mir nur noch Blümchenkaffee vorsetzt und ich somit morgens unleidlich bin“, erwiderte Garrett in dem gleichen scherzenden Ton.

Antworten, die Andrew durch den Kopf gingen, wie ‚Wer sagt denn, dass ich morgens anwesend bin, um dich in unleidlichem Zustand zu erleben?’ wurden gefolgt von der Erkenntnis, dass in Garrets Worten sowohl die Hoffnung seitens Garrett auf gemeinsame Morgen mitschwang, als auch der Tatsache, dass, wenn er seine Morgen nicht mit Garrett verbrachte, er in seiner Wohnung wäre, was ab nächstem Jahr eine schwangere Katharina mit all den zu erwartenden hormonellen Gefühlsschwankungen als Mitbewohnerin bedeutete. Und der Gedanke an Katharina wiederum rief Andrew ins Gedächtnis, dass Garrett diesbezüglich am Vorabend ja eine Idee gehabt hatte, von der er ihm heute hatte erzählen wollen. Und so erinnerte er Garrett jetzt daran, ohne die Nutella-Kaffee-Debatte noch groß fortzuführen.

Obgleich Garrett Andrews Gedanken nicht lesen konnte, und so von dem scheinbar nicht nachvollziehbaren Sprung von scherzhaftem Geplänkel zu dem Ernst der Situation mit Katharina ziemlich überrascht war, ließ er sich ohne zu Zögern auf den Themenwechsel ein. Er lächelte Andrew mit einem nur schlecht verborgenen Stolz an. „Sofern Katharina das Angebot annimmt, steht ihr ab Januar die Möglichkeit offen, bei der Werbeagentur, die für Crady Pharmaceuticals die Verpackungen, Anzeigen und ähnliches entwirft, für die Dauer ihrer Schwangerschaft ein Praktikum zu absolvieren.“

Sprachlos starrte Andrew Garrett an. „Ist das dein Ernst?“

„Nein, das ist mein August“, erwiderte Garrett mit einem Augenrollen. „Natürlich ist das mein Ernst. Es ist zwar ein unbezahltes Praktikum, denn normalerweise nimmt diese Agentur überhaupt keine Praktikanten, aber mir zu Liebe macht man eine Ausnahme. Und für Katharina hätte es den Vorteil, dass sie nicht nur beschäftigt wäre, sondern gleich praktische Erfahrung in dem Beruf sammeln kann, den sie später einmal ausüben möchte.“

„Da kann ich mir kaum vorstellen, dass sie nicht sofort zusagen wird“, erwiderte Andrew begeistert und ergriff Garretts Hand. „Danke!“ Sein Blick sagte deutlich, dass er Garrett in diesem Moment gerne geküsst hätte, aber er wusste nicht, ob eine solche Geste in der Öffentlichkeit bei Garrett auf viel Gegenliebe gestoßen wäre. Und außerdem hatte es auch irgendwie etwas Exklusives zu wissen, dass ihre Küsse nur für ein privates Umfeld bestimmt waren.

„Was machst du Weihnachten?“, fragte Garrett, nachdem sie nun das ernste Thema Katharina hinter sich hatten. Sie waren ein paar Schritte schweigend geschlendert und hatten einfach die kalte Luft und das Glitzern der Lichter genossen – wobei ihnen der Neid ihrer Umgebung, den Verkehrslärm und das Gedränge so einfach auszublenden, gewiss war.

„Heilig Abend hab ich Alexandra versprochen, auf die Kinder aufzupassen. Nachdem Katharina ja jetzt zu ihrer Familie fliegt... Und mit den Vorbereitungen und dem Cocktail-Abend selbst, wäre es wirklich nicht fair, wenn ich Alexandra mit den vieren allein ließe. Mal sehen, was ich mit ihnen unternehme. Katharina hätte sie vermutlich einfach im oberen Stockwerk zu Hause beschäftigt, aber ich glaube, nach all dem Durcheinander der letzten Tage wäre es auch für die Kinder schöner, wenn sie sich auf einen richtigen Ausflug freuen könnten. Schade, dass sich diese Dinge erst so spät ergeben haben, sonst hätte ich vielleicht noch Karten für die Panto kriegen können. Im Shaw Theatre wird ‚Die Schöne und das Biest’ gegeben, was allen sicherlich gut gefallen hätte. Jetzt aber... selbst wenn ich noch Karten kriege, die guten Plätze sind mit Sicherheit schon alle weg.“ Andrew seufzte. „Nun ja, mir wird sicher noch was einfallen.“

„Wenn du willst, kann ich Mrs. Kennicot auf Karten ansetzen“, schlug Garrett vor.

Andrew lachte. „Garrett, es ist nicht deine Aufgabe, das Weihnachtsfest der Fitzstephens zu retten. Du hast schon mehr als genug getan.“

Garrett grinste verschmitzt. „Wer sagt denn, dass ich nicht wieder höchst eigennützige Gründe für mein Vorgehen habe?“

„Ach ja?“, fragte Andrew mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Nun ja, meine Idee war, Mrs. Kennicot zu bitten nicht bloß fünf sondern sechs Eintrittkarten zu besorgen. Denn wie du dir vielleicht vorstellen kannst, sind meine Pläne für Weihnachten mehr als dürftig und da ich davon ausgehe, dass du den Weihnachtstag selbst bei deinem Bruder und deiner Schwägerin zusammen mit den Kindern feierst, könnte ich so zumindest den Heilig Abend mit dir verbringen.“

„Das wäre schön“, sagte Andrew. Dann fügte er bedauernd hinzu: „Ich würde dich ja auch für den Weihnachtstag einladen und ich bin mir sicher, dass Alexandra damit keine Probleme hätte...“

„Aber dein Bruder, ich weiß. Und wir wollen doch nicht, dass er dir unter dem Lärm des Geschenkpapieraufreißens vorwirft, mich ehrlichen Hetero korrumpiert zu haben.“ Er zwinkerte Andrew zu.

„Wenn man dich so reden hört, könnte man glatt glauben, dass du mit meinem Bruder persönlich bekannt bist“, erwiderte dieser neckend.

„Ich denke, ich belasse es vorerst bei der Zufallsbegegnung bei dem Dinner neulich und ansonsten bei einer Stellvertreterbekanntschaft. Im Übrigen verlasse mich da ganz auf deine Darstellung“, sagte Garrett lachend.

„Wie sieht es mit deinen Plänen für Boxing Day aus?“, fragte Andrew nun seinerseits.

„Da mache ich Frühstück für Rosalind. Eine der wenigen Weihnachtstraditionen, die ich von meinen Eltern übernommen habe – an Boxing Day bekochen wir unsere Hausangestellten.“

„Hm... und könntest du da einen versierten Pfannkuchenkoch an deiner Seite gebrauchen?“

„Pfannkuchen?“

„Mit vier Nichten und Neffen wird man zwangsläufig zu einem guten Pfannkuchenkoch. Denn selbst das appetitloseste Kind kann dem Angebot von Pfannkuchen in der Regel nicht widerstehen. Ich kann sogar richtige Formen zaubern... Sponge Bob und Mickey Maus oder Autos und Blumen...“, erzählte Andrew lachend.

„Na, wenn das so ist, werde ich dieses Angebot wohl kaum ablehnen können“, sagte Garrett und freute sich mit einem Mal auf Weihnachten wie schon seit vielen Wochen nicht mehr.

„Und ähnlich wie du, gestehe ich, bei diesem Angebot nicht ganz uneigennützig zu handeln.“

„Wieso überrascht mich das nicht?“, flachste Garrett.

„Weil wir uns diesbezüglich eben sehr ähnlich sind?“, kam es rhetorisch von Andrew zurück.

„Vielleicht. Aber was sind denn deine nicht ganz uneigennützigen Gründe? Abgesehen von meiner unwiderstehlichen Anwesenheit bei diesem Früshtück?“

Andrew grinste. „Och... da wäre zum einen dieses dämliche Schicki-Micki-Champagnerfrühstück meiner Schwester... In ihrem Loft, oder Penthouse oder welche Bezeichnung gerade für ihre Bleibe in ist. Mit all ihren Schicki-Micki-Freundinnen. Um Sir Leonard zu beweisen, was für eine vollendete Gastgeberin sie ist. Um ihren Freundinnen zu zeigen, welch dicken Fisch sie sich geangelt hat, so zu sagen. Denn Sir Leonard wird natürlich auch dabei sein. Und da es für mich gar zu unwiderstehlich aber zugleich äußerst unhöflich wäre, ihn zu fragen, wie das Weihnachtsfest mit seiner sicherlich reizenden Frau war, ist es wohl besser, wenn ich nicht dabei bin.“

„Sicherlich eine weise Entscheidung“, pflichtete Garrett ihm bei.

„Und dann wäre da noch die Tatsache, dass es sicherlich von Vorteil wäre, bei deiner Haushälterin ein paar Pluspunkte zu sammeln. Denn wer weiß, wann ich sie vielleicht früh morgens mal dazu überreden muss, mir etwas von deinen Frühstücksmüsliriegelvorräten abzugeben.“ Er zog viel sagend die Augenbrauen hoch.

Garrett hatte Mühe ernst zu bleiben, schaffte es aber noch ein „Unter diesen Umständen ist es natürlich unerlässlich, dass du Rosalind mit deinen Pfannkuchenkünsten beeindruckst“ hervorzubringen, ehe er ein leises Lachen nicht länger unterdrücken konnte.

In dieser guten Stimmung verharrend, durchzogen von allerlei Geplänkel, spazierten sie weiter die Oxford Street entlang, bis es am Oxford Circus Zeit wurde, den Marmite-Lichtern den Rücken zuzuwenden und sich stattdessen den Lichtern der Regent Street zu widmen. Mit viel Gold, Stechpalmornamenten und den Bildern des berühmten Weihnachtsliedes ‚Twelve Days of Christmas’, wirkte auch diese Straße unglaublich festlich, und Andrew ertappte sich immer wieder dabei, wie er die ein oder andere Strophe leise summte. Als Onkel von vier Kindern war es geradezu seine Pflicht, die Texte aller wichtigen Weihnachtslieder zu kennen.

Die fast schon schrille Dekoration der Carnaby Street schließlich, mit ihrer Hommage an die Rolling Stones, bildete einen reizvollen Kontrast zu dem ruhigen Geglitzer, doch Andrew und Garrett hätten nicht zu sagen gewusst, was ihnen besser gefiel. Beides hatte auf seine Art seinen Reiz und gehörte für sie zur Londoner Weihnachtsbeleuchtung einfach dazu.

Wenn einer der beiden den anderen beim Bummelnd dabei ertappte, wie er in dem ein oder anderen Schaufenster, an dem sie vorbeikamen, etwas genauer hinsah, in der Hoffnung, dort vielleicht spontan noch ein Weihnachtsgeschenk für den jeweils anderen zu finden, so herrschte auch ungesprochen zwischen ihnen beiden das Einverständnis, derlei Blicke zu ignorieren, um sich die mögliche Überraschung nicht zu verderben.

Und auch wenn weder Andrew noch Garrett an diesem Tag wussten, was die Zukunft bringen würde – ob es eine gemeinsame Zukunft wäre – sprach allein schon ihre Fähigkeit der nonverbalen Kommunikation eindeutig für sich.