Du befindest Dich hier: Geschichten > Weihnachten 2012 > 24

24

 

Chaotizitaet: Zwölf Tage im Dezember

 

24. Dezember – Ein Jahr später 

XXII.

Andrew hatte die kleine Erica Fitzstephen auf dem Arm und tanzte mit ihr zu ‚Rocking around the Christmas tree’ durch Garretts Wohnzimmer, in dem in diesem Jahr endlich auch ein vollständig dekorierter Weihnachtsbaum stand.

Garrett, der soeben das Feuer im Kamin angezündet hatte, wandte sich um und betrachtete die beiden glücklich.

 

Es war ein bewegtes Jahr gewesen, mit Höhen wie auch mit Tiefen, aber es war definitiv kein Jahr, das er bereute. Ebenso wenig, wie er es bereute, Andrew endlich gefragt zu haben, ob dieser nicht mit ihm zusammen ziehen wollte. Ganz offiziell. Und nicht bloß in Form von einem zunehmenden Stapel Kleidungsstücke und Lieblingsbücher, die sich im Laufe der letzten Monate hierher verirrt hatten und bei denen ihn Rosalind jedes Mal gefragt hatte, ob sie die Sachen wirklich ins Gästezimmer räumen sollte. Aber Garrett hatte die Zeit gebraucht, den Entschluss seines Herzens, sich ganz auf Andrew einlassen zu wollen, auch vom Kopf her zu akzeptieren. Nicht nur vom Verstand her zu wissen, dass es richtig war, sondern den Punkt zu erreichen, wo es ihm tatsächlich egal war, was seine Bekannten und was die Presse darüber dachte. Der erste Auftritt vor der Presse als offizielles Paar hatte tatsächlich einiges an Aufmerksamkeit erregt, aber die abgeklärte Art, mit der sie beide reagiert hatten, hatte ihr übriges dazu beigetragen, dass die Meute letztlich recht schnell interessantere Themen gefunden hatte.

Allerdings war es auch von Vorteil gewesen, dass Andrew in Hinsicht auf Garretts Schneckentempo geradezu engelsgleiche Geduld bewiesen hatte. Wobei vielleicht die turbulenten Zeiten, die Andrew selbst durchgemacht hatte, diesbezüglich ihr Übriges beigetragen hatten.

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte Katharina den angebotenen Praktikumsplatz dankend angenommen. Und sie war auch Andrew dankbar dafür, dass sie für die Zeit bei ihm unterkommen konnte. Dennoch war es nicht immer leicht gewesen. Zwar hatte Andrew bei seiner Schwägerin schon diverse Schwangerschaften miterlebt, doch er hatte noch nie ständig mit einer Schwangeren zusammen gelebt. Wann immer Alexandra unleidlich geworden war, hatte er sich in seine eigene Wohnung zurückziehen können. Jetzt aber ging das nicht und auch wenn Garrett ihm jederzeit und gerne Asyl anbot, war es doch manchmal Nerven aufreibend gewesen.

Was die Adoption betraf, so schwankte Katharinas Meinung immer wieder, obwohl sie auch hier letztlich dankbar war, zu wissen, dass wenn sie sich für die Adoption entschied, das Kind nicht in eine fremde Familie käme, sondern bei Andrew aufwachsen würde. Und so war es erst als Katharina ihre neugeborene Tochter das erste Mal in ihren Armen hielt, dass sie unter Tränen entschied, ihr Kind nicht zu behalten. Denn in dem Moment, da sie das kleine Wesen zum ersten Mal erblickte, wurde ihr bewusst, dass sie nicht in der Lage wäre, dem Kind das zu bieten, was sie sich für ihre Tochter alles wünschte. Und das war in erster Linie eine gesicherte, glückliche Zukunft. Aber so, wie die Dinge standen, war ja ihre eigene Zukunft nur von Ungewissheit überschattet, wie sollte sie da auch noch die Verantwortung für die Zukunft eines anderen Menschen übernehmen? Doch sie erbat sich von Andrew, dass sie für ihre Tochter keine Fremde sein würde, dass er ihr nicht den Kontakt zu dem kleinen Mädchen, dem sie den Namen ihrer Großmutter gegeben hatte, verweigern würde. Eine Bitte, der Andrew gerne statt gab. Und tatsächlich hatte Katharina seit ihrer Rückkehr nach Deutschland jeden Monat einen langen Brief mit Fotos von sich an der Universität und mit Freunden, sowie Erinnerungen an alles, was sie mit ihrer Tochter teilen wollte, geschickt. In Zeiten von E-Mail, Skype und Facebook wirkte es anrührend altmodisch, auf diese Weise in Kontakt zu bleiben, aber es war ungleich persönlicher. Und genau so sollte dieser Kontakt auch sein.

Zum Glück war die Au-pair-Agentur, die auch Katharina vermittelt hatte, bereit, Lady Talmock bei der Suche nach einem kurzfristigen Ersatz für das Mädchen zu helfen. Der Agentur, wie auch Peter, Anne, Richard und Mia – wenngleich den Kindern gegenüber in einfacheren, kindgerechteren Worten –, erzählte man die offizielle Version von Katharinas ‚Missgeschick’... Dass jemand Katharina bei einem Discobesuch mit Freunden K.-o.-Tropfen in ihren Drink gemischt und sie dann vergewaltigt hatte. Weil sie sich aufgrund der Droge an die Tat nicht mehr hatte erinnern können, hätte es eine Weile gedauert, bis man den Tathergang soweit rekonstruieren und auf den besagten Abend hatte eingrenzen können. Leider blieb ihnen nur die Möglichkeit der Strafanzeige gegen Unbekannt.

Die Agentur drückte ihr Bedauern aus und versicherte Lady Talmock der Diskretion. Falls sich die Agentur wunderte, dass die Dame in der Folge zusätzlich zu anderen Wünschen auch noch als Kriterium angab, dass potenzielle Au-pairs männlich sein sollten, so ließ sie sich zumindest nichts anmerken. Und obgleich bei männlichen Au-pairs die Auswahl bei weitem nicht so groß war, wie bei weiblichen Au-pairs, war Alexandra Fitzstephen doch nicht gewillt, es noch einmal zu einem Vorfall wie mit Katharina und ihrem Mann kommen zu lassen. Natürlich war sie sich bewusst, dass auch männliche Au-pairs ihre Eheprobleme nicht lösen würden. Auch wusste sie, dass männliche Au-pairs spätestens dann nicht mehr in Frage kamen, wenn Anne ein Interesse für das andere Geschlecht entwickelte, aber für den Augenblick verschaffte es ihr zumindest etwas inneren Frieden.

Bei Lynette hingegen war innerer Frieden in weite Ferne gerückt. Die Geburt eines Stammhalters hatte Sir Leonard im Sommer endlich dazu bewegt, der Öffentlichkeit Lady Burke vorzustellen. Die Erkenntnis, dass die vermeintliche Haushälterin in Wirklichkeit Lady Burke war, die Häme ihrer Gesellschaftskonkurrentinnen und allgemein die Demütigung, die Lynette bei dieser Offenbarung empfand, hatte allen erwachsenen Mitgliedern der Familie Fitzstephen leidvolle Wochen beschert, wo man nie wusste, ob nicht zu unchristlichen Zeiten die Schwester vor der Haus- oder Wohnungstür erschien, um bei einem gefälligst mitleidvollen Familienmitglied eine Hasstirade gegen die Burkes loszuwerden. Nachdem sie bei einer dieser Gelegenheiten auch noch Garrett aus Andrews Schlafzimmer hatte kommen sehen und als Reaktion ein paar Bücher aus Andrews Kollektion unsanft gegen die nächste Wand gepfeffert hatte, war das Maß voll gewesen und Andrew hatte sich geweigert, ihr auch nur noch einmal die Tür aufzumachen. Auch ihre Handynummer hatte er in seinem Telefon gesperrt und auf der Arbeit allen Bibliotheksmitarbeitern eingeschärft, dass er für sie prinzipiell nicht zu sprechen war. Wobei er bei den Angestellten der National Library auf reichlich Verständnis stieß, als er von der Büchermisshandlung erzählte. Denn Bücher waren in diesen Mauern heilig, und wer Büchern nicht den nötigen Respekt entgegen brachte, konnte noch so herrisch auftreten, er – oder vielmehr sie – hatte von den Angestellten kein Entgegenkommen zu erwarten. Schließlich hatte Lynette sich und ihr geknicktes Ego nach Südafrika verfrachtet, wo sie nach wie vor weilte. Zur allgemeinen Erleichterung der Familie. Aber immerhin hatte sie aus dem Debakel mit Sir Leonard gelernt und falls es also ein neues potenzielles Großwild für sie zum Jagen gab, so war davon noch kein Gerücht nach London vorgedrungen.

Die vielleicht größte Überraschung in diesem Jahr jedoch war Reginald Fitzstephen, Baron of Talmock, Member of Parliament, gewesen. Nicht, dass sich Andrews Bruder in seinen wesentlichen Charakterzügen geändert hatte – sehr zum Leidwesen seiner Frau starrte er noch jedem kurzen berockten Frauenzimmer über achtzehn auf eindeutige Weise hinterher –, aber er hatte sich immerhin dazu durchgerungen, Garrett als Andrews Partner zu akzeptieren. Was angesichts seiner allgemein bekannten Haltung gegenüber Homosexuellen mehr als erstaunlich war. Natürlich wäre es zuviel verlangt gewesen, zu erwarten, dass er sich nun auch offen für die gleichgestellte gleichgeschlechtliche Ehe einsetzte, aber wenn ein Hetero wie Garrett für sich beschließen konnte, dass er zwar Frauen durchaus attraktiv fand, aber es ein Mann namens Andrew war, den er liebte, so konnte ein bigotter Konservativer wie Reginald sich auch dazu durchringen, allgemein gegen Homosexuelle zu sein, aber zu akzeptieren, dass sein Bruder mit einem Mann liiert war. Und da weder Andrew noch Garrett versuchten, ihn politisch zu beeinflussen, sondern sich diesbezüglich sehr zurückhaltend verhielten, brach ihm da auch im Oberhaus kein Zacken aus der Krone, wenn er privat seinen Bruder und dessen Freund duldete. Aber allein das war schon mehr, als sowohl Andrew als auch Garrett noch vor einem Jahr für möglich gehalten hätten. Damals hatte Reginald dermaßen Zeter und Mordio geschrieen, als er erfahren hatte, dass Andrew zusammen mit seinem aktuellen Flirt – als mehr konnte man Garrett offiziell wohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht bezeichnen – an Heilig Abend die Kinder betreuen wollte. Das Ganze wäre wohl tatsächlich noch in Mord und Totschlag ausgeartet, hätte Alexandra Fitzstephen nicht eingegriffen und ihrem Mann ganz ruhig vorgeschlagen, dass sie ja auch die Cocktailparty absagen könnten, damit sie selbst auf ihre Kinder aufpassen könnten. Das war natürlich für den Politiker in ihm nicht denkbar und so waren Peter, Anne, Richard und Mia doch noch in den Genuss der Aufführung von ‚Die Schöne und das Biest’ gekommen. Denn Garrett hatte nicht zu viel versprochen, als er gesagt hatte, Mrs. Kennicot könne diesbezüglich wahre Wunder bewirken.

 

In diesem Jahr aber hatten Andrew und Garrett den Heilig Abend für sich. Nun ja, mit der Ergänzung von Rosalind, die bereits mit den Tassen heißen Kakaos auf dem Sofa saß, und natürlich Erica, die noch immer von ihrem Vater tanzend um den Weihnachtsbaum getragen wurde und all die glitzernden Anhänger bewunderte. Aber für Garrett kam das einer Familie so nahe, wie er es in seinem Leben noch nie persönlich erlebt hatte und er war in diesem Moment einfach nur glücklich.

 

ENDE

 


 

Britta + Fich: Katzenaugen VI

 

17

„Randy! Randy!“, schallte es durch das ganze Schloss und man hörte kleine Füße eilig durch die Flure trappeln. Simon war auf der Suche nach dem Vampir, denn er konnte nicht mehr warten: Heute war Heiligabend und Sir Granger hatte ihnen eine große Überraschung versprochen. Allerdings hatte Simon bisher noch nichts rausfinden können und jetzt wollte er sein Glück mal wieder bei Randy versuchen, denn er war doch so neugierig. Und wie aufs Stichwort erschien der Vampir im Flur. Er nutzte es aus, dass er um einiges schneller sein konnte als die Katzen, so konnte er verbergen, wo er eigentlich her kam. „Was ist denn los, Maus, bist du Bill schon wieder ausgerückt?“, wollte er grinsend wissen und kam auf den Jungen zu, ging in die Knie um ihn auffangen zu können.

Simon warf sich in seine Arme und schniefte theatralisch. „Was ist das für eine Überraschung?“, fragt er und blinkerte mit tränenfeuchten Augen. Das klappte meistens. „Ist es bald soweit? Kann ich es sehen?“

Doch heute war Randy standhaft und blickte kurz beiseite um sich wieder zu fassen. Sie waren noch nicht fertig, Ian kämpfte gerade in der Küche und Sir Granger ging ihm zur Hand. Er war also für eine Weile entbehrlich und konnte die Kinder ablenken. „Natürlich kannst du es sehen, Schatz, nur noch nicht jetzt, weil es noch nicht fertig ist. Es würde dir keinen Spaß machen“, versicherte der Vampir und hob Simon auf den Arm, als er sich selbst erhob und mit dem Jungen ein Stück durch den Flur ging.

„Wenn ich es noch nicht sehen darf, dann sag mir, was es ist“, verlangte Simon mit Kinderlogik und versuchte sich wieder in unfairer Überredung. Er legte seinen Kopf auf Randys Schulter und legte ihm die Arme um den Hals. „Ich hab dich doch so lieb.“ Er fuhr die ganz schweren Geschütze auf, die die sogar dann noch Erfolg versprachen, wenn alles andere schon versagt hatte. Und Randy schwankte. Es war nicht leicht. Doch er versuchte standhaft zu sein. „Maus, wir haben dich auch lieb. Und deswegen möchten wir gern sehen, wie du dich freust, wenn alles fertig ist. Außerdem ist die Überraschung für dich und deinen Bruder. Bill da raus zu lassen, wäre doch nicht fair, oder?“

„Hm.“ Man sah Simon an, dass er nachdachte, denn man sah förmlich die kleinen Rauchwölkchen über seinem Kopf schweben. Simon liebte seinen Bruder und ihm Weihnachten kaputt machen, wollte er nicht. Aber er war doch so neugierig. Er steckte also in einem riesengroßen Dilemma. „Och Menno“, brummte er leise.

„Komm, lass uns Bill suchen und dann gehen wir ein bisschen auf den Hof toben. Dann vergeht die Zeit viel schneller, hm?“, schlug Randy vor und schlug schon den Weg zu seiner Wohnung ein. Ab und an blieb er an einem der Fenster stehen und sah hinaus auf den Hof. Es hatte fast jeden Tag geschneit, so konnten die Kinder immer wieder neue Spuren im Schnee machen. Und bisher hatte Simon noch nicht einen einzigen Busch verschleppt.

Simon war dafür auch ausgiebig gelobt und geknuddelt worden, bis er sich schnurrend über das Bett gerollt hatte, damit Randy und sein Vater ihn auch überall beschmusen konnten. „Feiern wir jetzt immer hier Weihnachten?“, fragt er, denn er fand es toll hier und Sir Granger kannte tolle Rittergeschichten und Simon war sich sicher, dass er noch nicht alle gehört hatte.

„Wenn ihr das möchtet, gern. Ich bin sowieso viel zu lange nicht mehr hier gewesen.“ Randy lächelte, denn er freute sich von Herzen darüber, dass Ian und seine Kinder diesen Ort genauso mochten wie er selbst auch. „Hier ist es auch im Sommer schön. Aber dann liegt kein Schnee“, lachte er und setzte Simon auf den Boden, damit der vor flitzen konnte. Er wusste nämlich, wo sie Bill suchen mussten. Er war in einer der Bibliotheken.

Er rief schon von Weitem. „Bill wir fahren in den Sommerferien hier hin“, und Randy schüttelte den Kopf. „Häh?“, Bill sah von seinem Buch auf. Er hatte sich in die Geschichte des Castles vertieft und fand es vollkommen faszinierend. „Hast du kleine Zwecke wieder Randy genervt?“

„Er würde doch niemals nerven, das weißt du doch“, sagte der Vampir, der eilig hinter Simon den Raum betreten hatte und zwinkerte Bill zu. Interessiert kam er näher und betrachtete sich das Buch. „Wenn dich die Geschichte des Hauses interessiert, in meiner Wohnung habe ich die Bautagebücher meines Vaters. Er hatte eine fürchterliche Handschrift, aber mit ein bisschen Übung kann man sie ganz gut lesen.“ Dabei wuschelte er Simon durch die Haare, dem alles schon wieder nicht schnell genug ging.

„Komm lass uns raus gehen. Randy will mit uns toben.“ Was hieß Bill und Simon stürzten sich gemeinsam auf den Vampir und versuchten ihm so viel Schnee wie möglich in die Kleidung zu schaufeln. Randy war dann meistens pitschnass und durchgefroren, aber sein Katerchen kümmerte sich dann liebevoll um ihn und wärmte ihn auf. Meistens machte er ihm ein heißes Bad fertig und massierte ihn hinterher, damit der Vampir für die nächste Attacke fit war. Doch heute würde Randy aufpassen müssen, dass er nicht allzu nass wurde, denn es war keine Zeit für das allabendliche Aufwärmritual. Ian stand bis zu den Ellenbogen in den Vorbereitungen für das Abendessen und Randy hatte die Aufgabe, die Kinder abzulenken. Sie hatten geknobelt und er hatte das kürzere Hölzchen gezogen. Doch er tobte gern mit den Jungs, er konnte wieder durch das weiche, dichte Fell fahren – er liebte das Gefühl auf seiner Haut.

„Na, dann los.“ Bill war sofort Feuer und Flamme. „Und was war das mit dem Sommer hier?“ Er wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, als Simon sofort ohne Punkt und Komma plapperte. Randy musste schmunzeln, denn Bills Gesichtsausdruck zeigte ehrliches Interesse und beide überlegten laut, was sie dann tun konnten. Das Monster im See hervorlocken, war ihr Favorit dabei.

„Aber Duich-Dragon ist sehr schüchtern. Ich glaube nicht, dass ihr Erfolg haben werdet. Zumindest nicht ohne den richtigen Köder, aber den habe ich auch noch nicht herausgefunden. Wir sollten Köder testen!“ Auch Randy war mit dabei, als sie zurück zum Zimmer gingen. Damit die Kleider der Jungs nicht wieder im ganzen Schloss lagen, wandelten sie sich in Randys Wohnung und außerdem musste sich der Vampir noch etwas Warmes überziehen – doch dann gab es für alle drei kein Halten mehr.

Die beiden Katzen liefen vor, damit sie Zeit hatten, sich Material zusammen zu klauben. Einer lauerte dann neben der Tür und der andere fing an zu schaufeln. Dass er dabei seinen Bruder ebenfalls in Schnee hüllte, war egal, denn das Fell ließ nichts durch. So hockte Bill neben der Tür, denn er hatte mehr Kraft und so größere Chancen den Vampir aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch Randy war ja auch nicht doof. Er hatte sich zweimal überrumpeln lassen und kannte nun die Tricks der Jungs. Um sie abzulenken hastete er durch den Flur in den Westflügel und schlich sich dort aus der Tür. Die beiden Katzen neben der Tür gegenüber lauern zu sehen, war herzallerliebst. Simon saß auf dem Sprung und spitzte um die Ecke und Bill stand mit dem Hintern zur Tür, bereit Vollgas mit den Hinterpfoten zu geben, wenn Simon das Zeichen gab. Schnell hatte Randy zwei Schneebälle geformt und nach den beiden Attentätern geworfen – Treffer!

Die zwei Katzen zuckten herum und schon ging die wilde Hatz los. Sie versuchten Randy von zwei Seiten anzugreifen, aber der Vampir war einfach zu schnell. Er ließ sie rankommen, aber bevor sie ihn anspringen konnten, wich er geschickt aus und es ging ins Leere. Dass er dabei auch noch durch ihr Fell strich, machte die Katzen vollkommen kirre und sie versuchten es noch vehementer. Mal warf er ihnen losen Schnee auf den Kopf, dass Bill aussah als hätte er ein weißes Mützchen auf, mal sprang er mit seiner den Vampiren eigenen Kraft über die Katzen hinweg, die auf ihn zu gelaufen kamen. Doch eher er die beiden Kinder völlig frustrierte und verärgerte, tat er, als hätte ihn Simon im Sprung erwischt und ließ sich zu Boden gehen. Gleich warfen sich beide Katzen auf ihn und Randy lachte ausgelassen.

Er drückte sie an sich und vergrub kurz seine Nase in ihrem Fell. Aber bevor sie richtig raufen konnten, gellte ein lauter Pfiff durch den Hof und Ian stand in einem der geöffneten Fenster und winkte. „Es geht los“, rief er und grinste breit. „Los ab in die Wohnung, abtrocknen und anziehen, was dort bereit liegt“, rief er den dreien zu und schloss das Fenster wieder.

Die drei blickten weiter nach oben, wo Ian eben noch zu ihnen gebrüllte hatte – Randy lachte leise. Ian änderte sich nie, doch das war auch nicht nötig. Er war perfekt, so wie er war. „Dann los, Pfoten abputzen und dann hoch mit euch“, scheuchte der Vampir die Jungs und lief ihnen hinterher. Er wusste, was dort wartete und wollte gern die Augen der Kinder sehen, wenn sie erblickten, was dort lag. Und die beiden waren schnell – sie waren wohl ebenfalls neugierig. Schließlich hatten sie sich einen ganzen Tag gedulden müssen.

Wie der Blitz flitzten die Katzen durch die Gänge, Randy immer ganz dicht hinter ihnen, damit er auch nichts verpasste. Er lief bald in sie rein, als sie in ihr Schlafzimmer flitzten und abrupt stoppten. „Cool“, rief Bill, der in seiner menschlichen Gestalt nach vorne stolperte, weil er noch zu viel Schwung hatte. Auch Simon neben ihm stürzte quietschend zum Bett, wo für jedes der Kinder Rittergewänder ausgebreitet lagen. Mit Stiefeln, Hosen, einem bunten Übergewand in den Farben der McLachlans und einem Kettenhemd. Aber was Simons Augen leuchten ließ, war der Helm und das Holzschwert, die sein Outfit komplettierten.

Randy machte ein paar Bilder, doch dann scheuchte er die meuternden Jungs in das Bad. Sie sollten duschen. Das Wasser war warm.

„Das ist überhaupt nicht stilecht“, maulte Bill, schielte aber wieder auf die Kleider. „früher hat man sich nicht gewaschen. Das war uncool. Schon gar nicht im Winter, weil der Dreck total gut wärmt.“ Natürlich griff Simon diese Theorie gleich auf und versuchte auch besonders auf Realität zu achten. Doch Randy ließ nicht mit sich streiten. Er zog sich ebenfalls aus und stieg unter die Dusche, zog die Kinder mit sich. „Nicht im Schloss der McLachlans. Hier wurde gebadet“, erklärte er und freute sich schon auf seine eigenen Kleider, endlich wieder den alten Schottenrock tragen.

Es hatte Ian und ihn selber auch völlig baff gemacht, als Sir Granger ihnen seine Schätze gezeigt hatte, die er über die Jahrhunderte gesammelt hatte. Zum Beispiel hatte Simons Kettenhemd, Helm und auch das Holzschwert einmal Randy gehört, als er selber noch ein Kind gewesen war, genauso wie Bills Outfit. Ian war richtig gerührt gewesen, als er das gehört hatte und dass seine Kinder diese Sachen tragen durften. Auch Randy war sehr ergriffen gewesen, vor allem weil auch seine beiden traditionellen Röcke darunter gewesen waren. So war er der erste aus der Dusche und huschte in seine Tracht, wie sich das gehörte unten ohne. Er ging davon aus, dass die Flure nicht sehr zugig waren. Er war gerade fertig, da huschten die nackten Jungs durch das Wohnzimmer und wollten weiter ins Schlafzimmer. Doch Randy hatte die Kleider ins warme Wohnzimmer geholt, damit die frisch geduschten Kinder nicht ins kalte Schlafzimmer mussten.

Er half ihnen die Kleider richtig anzuziehen und machte Fotos für das Familienalbum. Simon lief mit stolzgeschwellter Brust durch den Raum, die Hand auf dem Schwert und versuchte grimmig zu gucken. Er ahnte ja nicht, wie süß und niedlich er so aussah und Randy vermied es auch, ihm das zu sagen. Aber er wurde heimlich abgelichtet, damit Ian das auch sehen konnte. „Na dann, los, edle Ritter.“ Randy verbeugte sich leicht und deutete auf die Tür.

Entschlossen nickte der Junge und stapfte los. Bill folgte ihm, nicht minder stolz. Ihm standen die Kleider sehr gut. „Wo geht’s denn hin?“, wollte er wissen und sah sich zu Randy um, der ihm eilig folgte. „In den Speisesaal im Westflügel“, sagte Randy, als wäre es das normalste der Welt die Räumlichkeiten des Castles zu nutzen. Simon blieb stehen, sah sich mit großen Kulleraugen um. „Echt jetzt?“, wollte er wissen und Randy nickte lachend. „Überraschung. Und jetzt husch. Euer Vater und Sir Granger warten.“

„Jippi“, jubelte Simon, denn der große Saal war sein absoluter Lieblingsraum. Die Wände hingen voller Banner und Waffen und Rüstungen standen dort dicht neben einander. Er hatte gar nicht mehr weg gewollt. Besonders, als Sir Granger noch Geschichten dazu erzählt hatte, war er im siebten Himmel gewesen. Sie hatten den Verwalter des Castles einfach in ihre kleine Familie integriert und besonders Simon suchte seine Nähe. Bill hingegen fand den riesigen Tisch um einiges faszinierender. Er war über zehn Meter lang, drei Meter breit und doch verteilten sich nur zwanzig Stühle an beiden Enden. Er hatte ihn untersucht, gefühlt, das Holz gespürt und war fasziniert davon gewesen. Aber die Sammlung alter Rüstungen war ebenfalls sehr faszinierend. Bill schätzte die Handarbeit und einmal mehr überlegte er, ob er nicht selbst einen handwerklichen Beruf ergreifen sollte. Ausgerissene Bäume eingraben konnte er ja schon.

Ein Geschick für Holz schien er wohl zu haben. Er grinste Randy an, der neben ihm ging und drückte ihn spontan an sich. „Danke“, murmelte er dabei, doch dann folgten sie schnell Simon, denn der rannte so schnell er konnte, weil er seinem Vater zeigen wollte, dass er ein Ritter war. Darum stürzte er auch nicht schreiend in den Raum, sondern ging gemessenen Schrittes, wieder die Hand auf dem Schwert und mit strengem Gesicht in den Saal. Ian und Sir Granger hatten ihn schon gehört und sahen ihm lächelnd entgegen. Hinter ihm trat Randy in den Raum und neben ihm Bill. Sie ließen Simon seinen großen Auftritt, während Randy sich einen Überblick über das verschaffte, was auf Warmhalteplatten auf der Mitte des Tisches stand – ein ganzes Buffet und langsam begriff Bill, warum der Tisch so groß, aber nur so wenige Stühle da waren. Eine Seite war eingedeckt, die Kerzen im Kronleuchter über dem Tisch flackerten, das Feuer im Kamin prasselte und das Essen roch fantastisch.

„Wow“, entkam es Bill andächtig und seine Augen strahlten. Er lief zu seinem Vater und ließ sich bestaunen und umarmen. Danach kam Ian zu Randy und zog ihn stumm in seine Arme. Die Augen des Schneeleoparden glitzerten feucht und er musste sich erst einmal fangen und räuspern, bevor er was sagen konnte. „Das ist das schönste Weihnachten seit vier Jahren. Danke, Schatz. Du machst uns unwahrscheinlich glücklich.“

„Mein Beitrag war doch sehr gering“, flüsterte Randy verlegen, ließ sich aber gegen Ian sinken. „Die Reise habt ihr organisiert, das Essen hast du gekocht, die Kleider hat Sir Granger aufbewahrt.“ Sir Granger war derweil mit den Jungs beschäftigt, die sich nun das Buffet erklären ließen und das Besteck suchten.

„Ohne dich wären wir nicht hier und ohne dich sähe Simon nicht so zum niederknien süß aus.“ Ian küsste Randy sanft und seine Augen glitzerten immer noch verdächtig. „Bill wäre nicht dieser junge Ritter, der erahnen lässt, wie er wohl einmal sein wird, wenn er älter ist und ich könnte ohne dich nicht wieder glücklich in die Zukunft blicken. Eine Zukunft, die ich nicht mehr alleine verbringen muss, weil ich endlich wieder lieben darf und geliebt werde.“ Ian lächelte verliebt und nahm das Gesicht seines Lieblings in seine Hände. „Du siehst also, ohne dich wäre das alles überhaupt nicht möglich gewesen.“ Randy lächelte verliebt und schloss die Augen, als er den Kopf schief legte. „Ihr habt es mir von Anfang an leicht gemacht, euch lieben. Niemand außer meinen Eltern hat mich jemals so herrlich und kompromisslos aufgenommen wir ihr. Ich bin es, der sich bedanken muss.“ Und das tat er auch – mit einem Kuss. Tief, innig und voller Liebe. Er war angekommen – nach so vielen Jahren. Und mit den Wurzeln seiner Vorfahren unter den Füßen hatte er endlich seinen Platz im Leben gefunden.

Ein frohes Fest – das Fest der Liebe.

 

ENDE

 

 

 

Frohes Fest euch allen…