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Spiel und Ernst - Teil 7 - 9

07 

Martin knurrte, als etwas komische Geräusche machte. Was war denn das? Er dauert ein paar Augenblicke bis er es als einen Wecker erkannte und rollte sich über das Bett, um ihn zu erreichen und auszuschalten. So rollte er gegen etwas, das auch langsam anfing sich zu bewegen. Das verwirrte Martin und so öffnete er die Augen und blickte auf die roten Haare und ein klassisch schönes Gesicht, das sich ebenfalls gerade unwillig regte.

„Bleib liegen“, brummte Shawn und zog Martin an sich, damit er endlich aufhörte zu zappeln. Mit der anderen Hand holte er sein Handy und schaltete den Alarm aus. „Unser Flug geht um zehn, jetzt ist es kurz vor sechs. Wir haben also noch ein paar Minuten. Also hör auf zu zappeln und lass mich noch ein wenig dösen.“

„Okay“, quietschte Martin nur. Das hier war gerade nicht förderlich. Nicht für seinen Geist, nicht für seinen Körper, nicht für seinen Gemütszustand. Doch was sollte er tun? Er schloss also wieder die Augen und befand, dass Shawn mit dem Mist angefangen hatte und schmiegte sich zufällig etwas dichter. Der Kerl sah nicht nur nett aus, saß sich nicht nur bequem, er fasste sich auch sehr gut an!

„Gute Entscheidung“, nuschelte Shawn gähnend und vergrub seine Nase in Martins Haaren. Und weil sein Bettnachbar so schön kooperativ war, belohnte er ihn mit einem sanften Streicheln über Nacken und Rücken. Es sollte ja nicht heißen, dass Shawn undankbar war. Allerdings konnte Martin das nicht so richtig genießen. Der Kerl war ihm sowieso schon sympathischer als er eigentlich sollte und er lenkte ihn davon ab, dass sie Tim finden mussten, ohne zu wissen, wie es hinterher weiter gehen sollte. Aber es war so erschreckend leicht, sich ablenken zu lassen und so rückte Martin noch etwas dichter und presste sich auf ganzer Länge gegen den trainierten Polizisten.

Shawn döste ein paar Minuten vor sich hin und realisierte so nach und nach, wie Martin und er lagen und auch, dass er selber sie in diese Situation gebracht hatte. Langsam hob er den Kopf und lächelte leicht. „Morgen“, sagte er leise, weil er es jetzt nicht richtig fand die Stille zu sehr zu stören. Er hielt Martin weiter in seinen Armen und es gefiel ihm, den anderen Körper an seinem zu spüren.

„Moin“, entgegnete Martin schief grinsend. „Du weißt, was du hier tust?“, fragte er und blickte an ihnen beiden hinab, soweit er unter der Decke eben sehen konnte. Doch auch er machte keine Anstalten sich zu lösen. Lag es daran, dass er seit Monaten auf dem trocknen saß oder lag es an Shawn, weil er Shawn war. Nachdenklich sah er den Polizisten an.

„Ich würde sagen: Ja, ich weiß gerade ziemlich genau, was ich hier tue.“ Shawn erwiderte Martins Blick. „Und bevor du jetzt fragst, warum ich das dann mache. Ich mag es und ich mag dich.“ Er war sich bewusst, dass er mit seiner Antwort wieder neue Fragen aufwarf, aber es war wohl langsam notwendig, dass sie sich mit ihrer etwas ungewöhnlichen Situation auseinandersetzten.

Und tatsächlich schien er Martin mit seiner Antwort etwas zu derangieren und der setzte sich etwas auf, aber nur so weit, dass er sich auf einen Ellenbogen stützen und auf Shawn hinab blicken konnte. Sein Blick sagte nichts, doch dann brach er die Stille. „Du magst es und du magst mich?“, wollte er noch einmal wissen, vielleicht hatte er das in seinem morgendlichen Dusel nur nicht richtig verstanden.

„Ja, ich mag es und ich mag dich.“ Shawn nickte bei seinen Worten bestätigend mit dem Kopf. „Ich weiß, dass macht alles nicht unbedingt einfacher zwischen uns, aber...“ Er brach ab und ließ den Kopf wieder fallen. „Ist aber einfach so.“

Martin setzte sich auf und blickte nun auf Shawn herab. Er hatte sich ganz gelöst, er musste den Kopf klar bekommen. Nicht dass er jetzt vielleicht etwas kaputt machte, von dem er nicht wusste, ob es da war oder nicht. „Einfacher zwischen uns“, wiederholte er leise und blickte Shawn wieder fest in die Augen. „Ich hatte bisher nicht bemerkt, dass es ein uns gibt“, grinste er und legte den Kopf schief. Eine seiner Hände strich Shawn vorsichtig über die Wange. Rasieren täte not, doch der Look stand ihm.

Shawn sah zu ihm hoch und seine Augen spiegelten seine Unsicherheit wieder, da er nicht wusste, worauf genau sie jetzt zusteuerten. „Ich bin Einzelgänger, oder nein, das trifft es nicht ganz. Ich bin ziemlichen verschlossen, gebe kaum etwas über mich bekannt. Ich schließe nicht schnell Freundschaften und jetzt fahre ich mit einem Typen nach Irland, den ich gerade mal etwas über einen Tag kenne und freue mich darauf. Irgendwie liegt da schon ein wir in der Luft, oder?“ Shawn lehnte seine Wange vorsichtig gegen die streichelnden Finger und schloss die Augen.

„Ja, das tut es wohl“, sagte Martin nachdenklich und strich vorsichtig über die Wange. Es gelang ihm tatsächlich, alles andere aus seinem Kopf zu verbannen. Er hätte das selbst nicht für möglich gehalten, doch Shawn nahm alles ein. „Ich bin eigentlich relativ offen, schon weil ich hier arbeite. Aber so schnell wie du war mir noch keiner sympathisch. SO sympathisch!“, versuchte er den Unterschied durch die Betonung klar zu machen. „Auch wenn mit Tim alles glatt geht und jeder von uns in seinen Job zurück geht, würde ich dich schon gern behalten wollen. Und nicht nur damit du bei mir Beweismittel vernichtest.“

Shawn sah Martin mit einem Schmunzeln an. „Hört sich fast so an, als wenn du dir ein nettes, neues Haustier zulegen möchtest.“ Er klopfte neben sich, denn er mochte es lieber, wenn sie sich gegenüberlagen, wenn sie sich unterhielten. „Was heißt das jetzt? Ich mag dich und du findest mich SO sympathisch? Du möchtest mich behalten und mich versetzt diese Tatsache nicht in Panik, sondern es freut mich.“

„Ich glaube jedes Haustier ist froh, wenn es ein nettes Herrchen bekommt, das es im Bett schlafen lässt und mit Paranüssen aus illegalen Lieferungen versorgt. Du hast ja gesehen, ich habe genug Platz, um ein Haustier zu halten und probeweise war ich mit dir ganz zufrieden. Du bist bequem, warm und SO sympathisch.“ Martin grinste und legte sich wieder hin, zog dabei die Decke etwas höher.

Noch immer strichen seine Finger über Shawns Wangen und der schloss die Augen, damit er den Berührungen besser nachfühlen konnte. „Du meinst also, dass ich es auf jeden Fall mal als dein Haustier probieren sollte? Ich bin allerdings nicht unbedingt pflegeleicht.“ Er hob eine Hand und legte sie vorsichtig auf Martins Brust. Er hatte den anderen Mann in den letzten Stunden schon so oft berührt, hatte ihn auf die Stirn geküsst und jetzt fühlte er sich unsicher.

„Ich werde dich gut behandeln, dich täglich duschen, füttern, dich Gassi führen und du darfst vor meinem Bett auf einer Decke schlafen – na, wie wäre das?“, schlug Martin leise vor, grinste aber damit Shawn sich etwas besser fühlte. „Aber deine Hände fühlen sich zu gut an. Ich weiß nicht, ob ich dich auf deiner Decke in Ruhe lassen könnte“, gestand er leise und drückte sich fester gegen die ihn liebkosende Hand. Seine strich vorsichtig Shawns Hals hinab.

Shawn öffnete die Augen und sah Martin ein paar Herzschläge einfach nur an. Dann veränderte sich sein Blick und er seufzte, so als wenn er gerade eine Entscheidung getroffen hätte und noch nicht wusste, ob er auch den Mut hatte es wirklich durchzuziehen. „Du weißt, worauf das hier gerade hinausläuft?“, fragte er leise und fuhr mit der Zungenspitze über seine trockenen Lippen. „Da solltest du wohl wissen, dass ich, was diese Sache zwischen uns betrifft, zwar nicht völlig unbedarft, aber völlig unerfahren bin.“

Jetzt verzog Martin aber doch die Stirn, das verstand er nicht. Seine Hand hielt inne und sein Blick wurde fragend. „Du hast es normal nicht so mit Kerlen?“ wollte er wissen, denn er wusste das im Moment nicht einzuordnen. „Ich für meinen Teil weiß, auf was das hier hinaus läuft, und tue alles, dass es in diese Richtung läuft. Aber im Moment frage ich mich eher, ob die Richtung für dich auch die richtige ist?“ Eigentlich wollte er sich nicht in einen Hetero verlieben. Aber Shawn machte es ihm schwer, das war nicht fair. Sorgen stiegen ihm ins Gesicht.

„Ja...nein...ach ich weiß doch auch nicht.“ Shawn war ziemlich aus dem Konzept gekommen, das sah man ihm an und es lag wohl daran, dass Martin gerade so guckte, als wenn etwas ganz und gar nicht in Ordnung wäre, wie er sich eingestehen musste und da musste er wohl doch mit mehr Informationen über sich rausrücken. Etwas, was er eigentlich immer vermieden hatte. „Als Jugendlicher habe ich, wie soll man das sagen, experimentiert. Ich war neugierig und wollte alles ausprobieren und kennen lernen. Nun ja, das habe ich dann auch. Allerdings bin ich bei Männern nicht über das Küssen und ein wenig fummeln hinausgekommen. Was nicht daran lag, dass es mir nicht gefallen hat, es hat sich nur irgendwie nie mehr ergeben und ich habe nicht explizit danach gesucht.“

„Süß“, konnte sich Martin nicht verkneifen, als Shawn sich etwas abwendete. Doch er griff vorsichtig das Kinn des Polizisten, so dass er ihn wieder ansehen musste. „Wir können ja erst mal das versuchen, was du schon kannst und dann gibt’s bei Interesse den Aufbaukurs, hm?“, fragte er und kam wieder näher. Seine Hand begann wieder zu streicheln, rutschte den Hals entlang auf die breite Brust. Selbstvergessen spielte er mit den Haaren. Sie waren ebenfalls rot, aber spärlich. Seine Augen aber fixierten die trocknen Lippen. Langsam beugte er sich vor.

„Spinner“, grinste Shawn schief, dann zog er die Augenbrauen zusammen und versuchte böse zu gucken. „Ich bin nicht süß. Falls du es vergessen haben solltest, ich bin der mit den Handschellen.“ Seine Hand legte sich wie von selbst auf Martins Seite und zog ihn näher zu sich. „Dann lass uns mal versuchen, ob ich mich noch erinnern kann, was ich gelernt habe.“ Er kam Marin entgegen und seine Augen drifteten zu, als sich ihre Lippen berührten.

„Brutzel-Vampir“, kam es noch über Martins Lippen, ehe er schnell seine auf Shawns legte, um ihn an einer Replik zu hindern. Lieber spürte er die leicht rauen Lippen, sie waren ganz trocken, sicher war Shawn aufgeregt. Martin selbst ging es nicht besser, beim Drüberlecken hatte er das schon gemerkt. Doch was sollte es? Nichts konnte ihn davon abhalten diesen Mann zu genießen – das erste Mal seit langem jemand, bei dem es sich lohnte, sich fallen zu lassen. Und das tat Martin. Wie Shawn auch schloss er die Augen und drückte den Polizisten auf den Rücken, um sich besser über ihn beugen und den Kuss intensivieren zu können. Sanft strich seine Zunge über Shawns Lippen.

Wie von selbst kam Shawn Martin entgegen und seine Lippen öffneten sich einen Spalt. Sein Herz klopfte laut und schnell und als sich eine freche Zunge zwischen seine Lippen drängte, seufzte er leise auf. Küsse mit einem Mann waren anders, als mit einer Frau, das hatte er schon damals festgestellt und jetzt fragte er sich, warum er es damals aufgegeben hatte, denn gerade konnte er nicht genug davon kriegen. Er war es nicht, der dominierte, er wurde einfach ungefragt überrumpelt, denn Martin hatte eine Unmenge aufgestauter Neugier in sich, die sich nun über ihre Verbindung entlud. Er wollte alles wissen, wirklich alles! Jede Einzelheit. Seine Zunge strich über Shawns und wollte sie endlich zum Spielen überreden. Sie wirkte noch etwas zurückhaltend, doch das gab sich schlagartig. Martin stöhnte in den Kuss, als er spürte, wie Shawn über ihn hinweg spülte.

Shawn registrierte das leise Stöhnen mit einem kurzen, zufriedenen Grinsen, dann konzentrierte er sich wieder darauf, nicht zu viel Boden zu verlieren. Er stellte sich seinem Gegner, der sich viel zu selbstverständlich bei ihm umsah. Die Defensive war noch nie sein Ding gewesen und um wieder ins Spiel zu kommen, waren ihm auch schmutzige Tricks recht. Er legte seine Hände auf Martins Hintern und drückte zu. Überrascht drückte sich Martin fest gegen Shawns Leib, um den vorwitzigen Händen auszuweichen doch schon im zweiten Atemzug hielt er das für die falsche Richtung und drückte sich ein bisschen den großen Händen entgegen, die auf seinen Körper passten als wären sie nur für ihn geschaffen worden. „Wann müssen wir los“, nuschelte er leise gegen die gierigen Lippen und versuchte den Polizisten von seiner gründlichen Razzia abzuhalten.

„Leider bald“, nuschelte Shawn zurück. Es gefiel ihm zwar nicht, eine seiner Hände von Martin zu nehmen, aber er holte sein Handy und guckte drauf. „Es ist jetzt kurz nach sechs. Wie lange brauchst du für duschen, anziehen? Danach richtet sich, wann wir aufstehen müssen. Ich brauche ungefähr fünfzehn Minuten.“ Immer wieder nippten seine Lippen an Martins und er grinste leicht. „Frühstücken können wir im Auto.“

„Ich schaff's vielleicht in vierzehn“, nuschelte Martin und folgte den sich frech immer wieder entziehenden Lippen wie an Fäden gezogen. Er knurrte leise, weil Shawn mit ihm spielte und so griff er durch und hielt Shawns Kopf einfach fest. „Essen gibt’s auch am Flughafen.“ Doch dann eroberte er wieder die fremden Lippen. Man, war das lange her, dass er das letzte Mal so intensiv gefühlt hatte. Langsam drehte sich ihm der Kopf – unglaublich!

Shawn ließ sich nach hinten sinken und zog Martin auf sich. Dieser Mann hatte innerhalb kürzester Zeit das geschafft, was schon seit Jahren keiner mehr geschafft hatte. Ihn ganz und gar für sich einzunehmen. Das Gewicht auf ihm fühlte sich gut an und dieser Kuss war grandios, so dass er gar nicht genug bekommen konnte.

„Wann müssen wir das Haus verlassen“, nuschelte Martin gedankenverloren, denn im Berufsverkehr von Bochum nach Dortmund war auch nicht gerade ein Kinderspiel. Doch er wollte das hier keine Minute zu früh beenden müssen. Jetzt hatte er Shawn unter sich und es war bequemer für Martin, sich etwas aufzurichten, Shawn dabei zwischen seinen Beinen und sich neben dessen Kopf mit den Händen abstützend, um nicht mit seinem ganzen Gewicht auf ihm zu lasten.

Shawn fand es etwas schade, dass Martin den Kuss unterbrochen hatte, aber sie sollten wohl wirklich reden. „Ich würde sagen kurz nach sieben. Um acht sollten wir spätestens dort sein.“ Er hob eine Hand und strich Martin über die Brust. die Haut war warm und weich und er musste lächeln. „Dass ich mal mit Myxin hier lande, hätte ich auch nicht gedacht.“

„Und dass einer wie ich mal einen gebrannten Vampir abschleppt, das würde mir sowieso keiner glauben, schon gar nicht Damian“, lachte Martin und strich seinem Vampir wieder über die Stirn. Er mochte es, durch die nachtfeuchten Haare zu streichen. Shawn roch unglaublich anziehend. Und so beugte er sich auffällig unauffällig wieder etwas tiefer und schnüffelte ein bisschen an seinem Hals, dem Schlüsselbein, leckte darüber. „Ich könnte dir blind verfallen, ist dir das eigentlich klar?“

„Bis jetzt nicht.“ Shawn bekam eine Gänsehaut und seufzte leise, als er das feuchte Lecken auf seiner Haut spürte. Er strich Martin durch die Haare und kraulte ihn im Nacken. „Ich denke mal, es hat uns beide erwischt und ich hoffe, dass du nicht nur etwas Kurzfristiges suchst, denn das ist nichts für mich.“

„Dafür bist du viel zu schade. Das wäre doch Verschwendung, dich erst anzulernen und dann andere die Früchte meiner Arbeit genießen lassen“, kicherte er frech und biss zart in die Haut über dem Schlüsselbein. „So was wie dich habe ich schon viel zu lange gesucht, als dass ich dich einfach wieder gehen lasse würde. Außer du willst das.“ Er küsste sich langsam rüber, bis er die weichen Lippen wieder umspielen konnte. Sie waren nicht mehr so trocken.

Sie tauschten einen weiteren liebevollen Kuss, dann sah Shawn lächelnd zu Martin hoch. „So so, du hast also sowas wie mich gesucht? Du kannst wohl von Glück sagen, dass ich wohl ziemlich leidensfähig bin, denn deine Methoden sind wirklich fragwürdig. Umreißen und umbringen sind wohl kaum die erste Wahl, bei der Knüpfung von zarten Banden, oder?“

„Alles andere habe ich schon früher versucht und es hat nicht geklappt. Ich dachte mir eben – alles oder nichts. Reiß ihn um und wenn er dich nicht küsst, dann brutzel ihn zu Tode. Dann wird er schon sehen, was er davon hat mich verschmäht zu haben“, lachte Martin, seine Hände immer noch in Shawns rotes Haar vergraben. „Und außerdem ist es gar nicht so leicht jemanden zu finden, der was mit Rollenspielen anfangen kann. Damian kann da auch ein Liedchen von singen. Ich habe von ihm gelernt und mir gegriffen, was ich kriegen konnte. Und wenn ich es mit Nüssen füttere, bleibt es vielleicht sogar bei mir.“

Shawn lachte laut und küsste Martin auf die Nasenspitze. „Du hast echt ‘nen Schaden, aber das weißt du wohl.“ Er kicherte und Martin auf ihm wurde durchgeschüttelt. „Dann haben wir jetzt also eine Beziehung mit allem drum und dran?“, fragte er. „Ich hoffe, du weißt, worauf du dich einlässt.“

„Darauf jede Woche Paranüsse besorgen zu müssen, dreimal die Woche mit einer Razzia konfrontiert zu werden, eventuell mit Handschellen gefesselt, wenn ich mich nicht benehme und außerdem muss ich dir noch zeigen, was nach fummeln kommt. Ich habe also gut was vor“, lachte er und knabberte sich über Shawns Kinn. „Aber die Vorstellung mit dir eine Beziehung zu haben, klingt gut.“

„Ja, das finde ich auch. Ich habe nur nicht wirklich viel Erfahrung damit und es hat bisher nicht wirklich gut geklappt.“ Shawn wollte Martin keine Angst machen, aber er wollte, dass sein Freund wusste, worauf er sich einließ. „Aber deine Ansätze, mich an dich zu binden, haben durchaus Potenzial. Besonders das mit den Handschellen. Das sollten wir noch mal genauer besprechen.“

Martin hob eine Braue, doch dann erhob er sich und setzte sich neben Shawn auf. „So, so. Handschellen“, sagte er und legte seinem Freund eine Hand auf die Brust. „Aber ich gehe mal davon aus, dass ich das mit dir schon in den Griff kriege. Du bist clever und gelehrig, sonst wärst du nicht Kommissar. Aber jetzt solltest du dich sauber machen. Ich geh auch duschen und dann sollten wir uns ins Getümmel stürzen, sonst geht der Flieger ohne uns.“ Er lächelte, beugte sich aber noch einmal zu einem Kuss tiefer.

Shawn legte die Hände auf Martins Wangen und dehnte den Kuss ein wenig aus, weil er ihre Nähe noch nicht unterbrechen wollte. Aber sie mussten wirklich aufstehen. „Wie lange hast du eigentlich Urlaub?“, fragte er und setzte sich ebenfalls auf. „Ich habe jetzt drei Wochen frei.“

„Ich nur zwei, aber Jerry hat mich fest eingeplant, weil ich ihn darum gebeten hatte. Wir wollen mit den Kids ein paar der Räume renovieren, die es nötig haben, das schöne Wetter nutzen“, sagte er. Er hatte seinen Urlaub gerecht geteilt. Die Hälfte bekam Jerry und die Hälfte nutzte er für sich selbst. Doch das kam später. „Warum?“ er hob den Kopf und legte ihn schief.

„Nun, da wir jetzt eine Beziehung haben und in Irland sind, wollte ich dich eigentlich meiner Granny vorstellen, nachdem wir Tim gefunden haben. Ein paar Tage nur wir beide im Land meiner Familie.“ Shawn war die Idee gerade gekommen. „Aber nur wenn du möchtest. Wenn du Jerry versprochen hast ihm zu helfen, dann ist das auch okay.“

„Dann müssen wir Tim schnell finden und gönnen ihm ein paar Tage bei seinem Bruder. Dann wären auch ein paar kurze Tage für dich und deine Granny drinnen. Ich muss eh mal gucken, wann ich einen Flug zurück bekommen kann“, sagte Martin leise, denn gerade zerriss es ihn innerlich. Er konnte und er wollte Jerry nicht allein lassen. Sie hatten doch so viel vor! Aber Shawn wollte er auch gern bei sich haben, ihn belgeiten, alles über ihn erfahren, ihn erkunden. „Ich geh duschen“, sagte er leise und lächelte, ehe er sich erhob.

„Martin, ich werde Jerry sagen, dass er mich gnadenlos für die Renovierung einplanen kann. Ich finde es nämlich großartig, was ihr hier tut.“ Shawn stand auf und ging zu Martin, der ihn lächelnd ansah. „Ich werde ab jetzt wohl oft hier sein, weil du hier sein wirst. Ich möchte nämlich nicht, dass du deine Arbeit hier wegen mir einschränkst.“

„Danke!“, lächelte Martin erleichtert und küsste Shawn noch einmal. Kurz lehnte er sich gegen ihn, doch dann wurde es wirklich langsam Zeit. „Komm mit duschen, so lange alles noch schläft. Wenn die ersten wach werden sind Duschen Mangelware“, sagte er und griff sich Handtücher aus dem Schrank und das kleine Fläschchen Duschgel, was immer dabei stand. So stromerten sie Hand in Hand über den Flur und liefen prompt in Jerry rein, der den beiden schnell ein Frühstück machen wollte, ehe sie den Kontinent verließen. Sein Blick ging als erstes auf die verbundenen Hände, noch ehe er etwas sagen konnte.

 

08 

„Gut geschlafen, vermute ich mal“, lachte Jerry und zwinkerte Martin zu. Er hatte sich schon gedacht, dass da was zwischen den beiden war, aber die verbundenen Hände, überraschten ihn doch ein wenig. „Ich hab euch was zum Frühstück gemacht, also beeilt euch.“

„Morgen“, rief Shawn ihm zu und grinste breit. Er ließ sich von Martin in die Dusche ziehen und schloss hinter ihnen ab.

„Danke“, warf Martin seinem Freund noch hinterher. Jeder bekam eine Duschkabine. Zum Glück waren sie verglast, so dass man auch mal gucken konnte. Doch viel mehr durfte jetzt nicht laufen. Sie waren spät dran und wenn sie Tim erst einmal wieder gefunden hatten und klar war, was mit dem Jungen passieren würde, dann hatte Martin den Kopf frei und würde Shawn alles das beibringen, was er wissen musste, um ein erfülltes Leben zu haben – nicht nur Sex.

Sauber und nass hüpfte er aus seiner Dusche, rubbelte sich trocken und griff sich aus einem Schrank im Bad aus Fach sieben seine Zahnbürste mit Becher. Er suchte aus einem Schubfach eine neue für Shawn und verschwand nackt und Zähne putzend wieder in ihrem Zimmer, um sich Kleider zu suchen.

Shawn kam etwas später als Martin aus der Dusche und sah sich kurz um. Er hatte nicht mitbekommen, dass sein Freund rausgegangen war. Er zuckte mit den Schultern. Martin würde schon nicht verschütt' gegangen sein. Er rubbelte sich die Haare trocken und machte sich dann wie Martin auf in ihr Zimmer, schließlich hatte er nichts zum Anziehen mitgenommen.

Dort hatte sich Martin gerade angezogen und zog das Bettzeug ab, das konnte er gleich mit runter in die Waschküche nehmen. „Lecker“, konnte er sich nicht verkneifen, als der nackte Shawn ins Zimmer kam. „Daran könnte ich mich gewöhnen“, gab er zu und betrachtete Shawn – sie hatten ja jetzt schließlich eine Beziehung – ganz ungeniert. Auch bei Licht betrachtet war der Kerl einfach lecker.

Shawn drehte sich zu Martin um und sah ihn von oben bis unten an. „Ich würde das ja auch gerne sagen können, aber ich wurde ja boykottiert.“ Er wedelte mit seinem Arm vor seinem Freund rum. „Zieht der sich einfach an, bevor ich begutachten kann, was jetzt mir gehört“, grinste er und drehte sich noch ein wenig, damit Martin auch das Tattoo auf seiner Leiste richtig sehen konnte. Schließlich hatte das Stechen des kleinen Drachens weh getan, da konnte man auch mal damit angeben.

„Du hast doch selber schon festgestellt, dass ich unlautere Mittel nutze, um gutaussehende Polizisten an mich zu binden. Glaubst du allen Ernstes, wenn unsere Bindung noch so labil ist, will ich dich gleich abschrecken? Nee, nee, mein Schöner. Erst mal mach ich dich noch ein bisschen abhängig und dann, wenn du nicht mehr anders kannst, egal wie verwachsen und dickbäuchig ich bin, und nicht mehr von mir lassen kannst, werde ich mich offenbaren. Aber der Kleine da ist süß“ und zeigte auf den Drachen, mal auch auf das beachtliche Geschlecht. Er grinste frech.

„Du“, knurrte Shawn, der durchaus die Bewegung des Fingers mitbekommen hatte. „So, wenn du das, was du siehst wohl nicht zu würdigen weißt, werde ich das, was immer du süß findest jetzt bedecken.“ Er streckte Martin die Zunge raus und stieg in eine Shorts, ruckelte alles zurecht. Natürlich so, dass Martin auch alles gut sehen konnte.

„Und da heißt es immer: die Polizei, dein Freund und Helfer. Und kaum will man das mal testen, wird einem das Leckerchen weggeschlossen. Also so benimmt sich kein Haustier. Haustiere wollen dem Herrchen gefallen und ihn erfreuen. Ach nee!“ Martin raffte das Bettzeug und seine Tasche, damit er die Hände voll hatte und Shawn nicht die Kleider vom Leib riss, die er gerade so umständlich anzog. „Du bist ja nicht das Haustier, du bist ja die Beziehung, dann ist das was anderes.“ Er kicherte, kam aber trotzdem zu einem Kuss näher.

Shawn raffte ihn mit der ganzen Bettwäsche an sich und ließ sich hingebungsvoll küssen und hielt ihn danach noch ein wenig fest. Er beugte sich mit blitzenden Augen vor. „Und was ist die nächste Stufe nach Haustier und Beziehung? Liebhaber?“, raunte er Martin dunkel ins Ohr und fuhr dabei sanft mit seiner Zunge über Martins Ohrmuschel.

„Nein“, zitterte Martins Stimme und seine Finger verkrampften sich um Tasche und Bettwäsche, damit er seine Finger nicht in Shawns breite Brust grub. „Partner“, sagte er leise und ließ sich küssen. Er bekam einfach nicht genug davon. Wie hatte er so lange Zeit ohne solche Nähe leben können? Doch die Antwort war einfach, Shawn war ihm bis dahin noch nicht begegnet.

„Ich freue mich darauf, wenn du mich das erste Mal so nennst.“ Shawn löste seine Arme nur zögernd von Martin und musste sich letztendlich dazu zwingen. Es war wirklich erstaunlich, dass er diese Nähe suchte, weil sie nämlich sonst so gar nicht sein Ding war, aber Martin wollte er ständig bei sich haben.

„Erst mal nenn ich dich noch ein bisschen Brutzel-Vampi, und jetzt husch. Bedecke deinen makellosen Leib. Auf dem Flughafen haben sie Schleusen, die dir unter die Wäsche gucken können. Du musst da nicht nackt antreten.“ Er ging zur Tür und wandte sich noch einmal um, lächelte entschuldigend. „Komm runter, wenn du fertig bist. Wenn ich bleibe wird das nie was. Sorry.“

„Schon okay.“ Es machte ein warmes Gefühl, dass Martin sich von ihm losreißen musste, weil er sonst unanständige Dinge mit ihm anstellen wollte. Lachend ließ sich Shawn nach hinten auf das Bett fallen. „Ich bin dabei mich zu verlieben“, flüsterte er leise. „In einen Mann, ein wunderbaren, aufregenden, sexy Mann.“ Er sprang auf und zog sich schnell an. Sie mussten los, aber eigentlich wollte er einfach Martin in seiner Nähe haben.

„Ich hab die Bettwäsche abgezogen und in den Waschraum gebracht“, erklärte Martin, als er in die Küche kam. Viel Zeit war nicht mehr, doch Herbergsmutter Jerry hatte wieder an alles gedacht. Er hatte den beiden Toast gemacht, Brote geschmiert, die sie auf der Fahrt noch essen konnten, weil Jerry wusste, dass Martin morgens nur wenig frühstückte. Der Kaffee dampfte und eine kleine Flasche Wasser und zwei Äpfel waren für unterwegs auch noch eingepackt worden.

Shawn legte die Arme von hinten um Martin, küsste ihn in den Nacken und schnupperte. „Kaffee. Jerry, du bist mein Held.“ Shawns Augen leuchteten, als er die dampfende Tasse gereicht bekam und er inhalierte den würzigen Duft mit geschlossenen Augen. „Wenn du regelmäßig für Nachschub sorgst, werde ich nicht nur bei der Renovierung helfen, sondern auch soweit es mein Dienstplan zulässt euer Team verstärken, wenn ich darf.“

„Bei uns ist jede helfende Hand willkommen. Und als Polizist hast du vielleicht auch ein bisschen Wissen um den Kids weiter zu helfen. Ich bin ja in vielen Bereichen nur Laie, also würde ich dich gern in Beschlag nehmen.“ Jerry grinste, war aber zufrieden. Sein Blick suchte den von Martin, der gerade auf seinem Toast herum kaute, weil ihm sonst auf nüchternen Magen Jerrys Morgenteersuppe die Magenwände zerfraß.

„Willst du was sagen?“, fragte er herausfordernd, er wusste doch, dass Jerry auf etwas lauerte. Brachten sie es hinter sich.

Da Martin sich nicht zuckte, übernahm das Shawn. „Ich bin jetzt wohl Martins Beziehung“, erklärte er schmunzelnd. „Gestern war ich noch ein Haustier und dann hab ich Karriere gemacht. Anscheinend muss ich wohl was richtig gemacht haben.“ Er griff sich einen der Toasts und biss ab. Er brauchte jetzt unbedingt was in den Magen. Doch er blieb, wo er war und hatte einen Arm weiterhin um Martin gelegt, der schief grinste. „Ja, du bist ins richtige Bett gestiegen. Sowas muss man doch fördern und ausbilden. Alles andere wäre Verschwendung von Talent“, gab er zurück und Jerry lachte leise. „Na mir isses egal, er scheint ein guter Fang zu sein und wenn er auch noch bei dir bleibt, wenn er dich erst mal kennt, dann…“

„Ach halt doch die Klappe“, knurrte Martin und trank seinen Kaffee, lachte dabei aber leise.

Shawn lachte mit ihm und zwinkerte Jerry zu. „Sollen wir dir was aus Irland mitbringen, außer Tim natürlich? Ich könnte meine Granny fragen, ob sie für dich ein paar ihrer köstlichen Schokoladenkekse backt. Wenn wir Zeit haben, möchte ich ihr Martin vorstellen. Sie liegt mir schon seit Jahren in den Ohren, dass ich mein Single-Dasein aufgeben soll.“

„Ach!“, sagte Martin gespielt pikiert. „Von wegen Bindung und irgendwann mal Partner, du brauchst nur etwas um deine Oma ruhig zu stellen, wenn ihr auf der gleichen Insel verweilt. So sieht das also aus!“ Er schüttelte den Kopf und aß seinen Toast auf, leerte seine Tasse. Sein Blick huschte immer wieder zur Uhr über der Spüle.

Doch Jerry nickte nur, beachtete Martin gar nicht. „Kekse wären toll und vielleicht ein Whiskey. Einen irischen?“

„Was für ein Glück für dich, dass meine Granny in der Nähe von Tullamore wohnt. Da lässt sich bestimmt was machen.“ Shawn trank seinen Kaffee aus und küsste Martin wieder in den Nacken. „Wir müssen los. Danke für das Frühstück.“

„Meldet euch ab und an und haltet mich auf dem Laufenden. Eigentlich reicht es mir, wenn ihr nur Tim wiederfindet. Ich weiß sowieso noch nicht, was wir machen werden, wenn er wieder hier ist. Der Vater hat das Sorgerecht, das geht nicht einfach auf den Bruder über, schon gar nicht im Ausland. Alles eine Scheiße, aber jetzt zischt ab!“ Jerry merkte, dass er Martin schon wieder anfing in ein Loch zu ziehen. Sein Blick reichte schon, Martin musste noch nicht einmal etwas sagen. Um das zu verhindern schob er die beiden mit ihren Taschen zur Tür.

„Darum habe ich mich gekümmert. Mit Alexanders Zustimmung habe ich gestern Abend mit dem Jugendamt gesprochen und ihnen seine Polizeiakte gefaxt. Ich weiß zwar nicht, wohin Tim letztendlich kommen wird, aber sein Vater wird es definitiv nicht sein.“ Shawn guckte ein wenig grimmig, aber er erzählte nicht, dass er dem Dienststellenleiter des Jugendamtes ziemlich die Hölle heiß gemacht hatte. Manchmal war sein Job wirklich zu etwas nutze und er fand die Idee von Jerry nicht ganz verkehrt, sich hier intensiver einzubringen, wenn es die Zeit zuließ.

„Danke, Herr Kommissar, aber jetzt macht euch in die Spur und bringt den Jungen zurück.“ Jerry winkte ihnen nach und schloss die Türen, als beide in Shawns silbernen Audi stiegen.

„Das Beste wäre, er könnte zu seinem Bruder. Hier scheint ihn ja nicht viel zu halten, wenn er sich freiwillig auf den Weg macht“, überlegte Martin und hatte wieder ihre Verpflegungstüte auf den Knien.

„Schauen wir uns Alexander an und wenn wir glauben, dass Tim bei ihm gut aufgehoben ist, dann werde ich versuchen, das zu regeln, aber versprechen kann ich nichts. Ich weiß nicht, ob der Leiter vom Jugendamt gerne wieder mit mir zu tun haben möchte.“ Shawn lächelte schief und fuhr los. Er winkte noch einmal Jerry und konzentrierte sich dann auf den Verkehr. Sie waren eine viertel Stunde zu spät, aber wenn sie gut durch kamen, musste es klappen.

Sie schwiegen eine ganze Weile, doch das war nicht unangenehm. Keiner hatte das Bedürfnis, zwanghaft etwas sagen zu müssen und so kamen sie erst wieder richtig in ein Gespräch, als sie den Wagen am Flughafen parkten. Sie lagen gut in der Zeit und so gönnten sie sich auf dem Weg zum Terminal noch ihre Brote und einen Apfel. „Lenk mich ein bisschen ab, Shawn“, bat Martin und holte tief Luft. Als er aufblickte sah man ihm auch an warum, er hatte Sorgengalten auf dem Gesicht und sein Blick sprach Bände über das, was ihm durch den Kopf ging.

Shawn ließ seine Tasche fallen und zog Martin in seine Arme. „Schatz, wir werden Tim finden und ihm wird es gut gehen“, sagte er leise und küsste Martin sanft auf den Mund. „Wir haben alles getan, was möglich ist, um ihm eine sichere Reise zu gewährleisten. Wir müssen darauf vertrauen, dass es ihm gut geht.“

„Schatz, das klingt gut“, sagte Martin leise. Es war ihm egal, dass manche sich zweimal nach ihnen umdrehten. Er brauchte jetzt die Nähe des Menschen, der ihm am besten die Angst nehmen konnte. So lehnte er sich intensiv gegen seinen Freund und ließ seine Tasche auch fallen. „Ich hoffe, dass er Alex bald findet und der sich meldet und sagt dass alles gut ist“, murmelte er leise.

„Dann werde ich dich oft so nennen, Schatz.“ Shawn strich Martin mit der Nase durch die Haare und zog ihn fest an sich. „Alex hat es versprochen und wenn Tim mit dem Überlandbus gefahren ist, dürfte er bald bei ihm ankommen.“

„Ich werd bald verrückt“, sagte Martin und sah zu Shawn auf. Er war ein Stück größer als Martin und so legte er den Kopf etwas in den Nacken, um an Shawns Lippen nippen zu können. Doch dann löste er sich und lächelte. „Danke, Süßer. Lass uns gehen. Nicht dass der Flieger noch ohne uns geht.“ Es war schön nicht mehr allein zu sein.

„Ich bin nicht süß, mein Drache auch nicht und schon gar nicht das, worauf du noch gezeigt hast“, knurrte Shawn und piekste Martin in die Seite. „Ich bin Polizist, Kampfsportler und eine Beziehung, also ganz bestimmt nicht süß.“ Eigentlich gefiel ihm die Bezeichnung, aber es machte ihm Spaß sich mit Martin zu kabbeln und ihn so noch mehr abzulenken.

„Okay, ich nehme es bei dem Drachen zurück – aber der Rest war echt süß“, konnte sich dann Martin doch nicht verkneifen und machte einen ausfallenden Seitwärtsschritt für den Fall, dass Shawn ihn vielleicht greifen und in den Schwitzkasten nehmen wollte, so wie Jerry, wenn nichts anderes mehr gegen Martin half. „Oder wäre es dir lieber, ich würde dich als lecker bezeichnen? Aber das klingt doch doof. Leckerer, ich liebe dich – wie klingt denn das!“

Shawn wollte Martin gerade hinterher, blieb aber wie vom Donner gerührt stehen. Hatte er das wirklich gehört? Hatte Martin gerade gesagt, dass er ihn liebte? Shawn legte den Kopf schief und sah Martin an. Ja, das hatte er und mit der Erkenntnis breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Nenn mich wie du willst, wenn du mir nur wieder sagst, dass du mich liebst.“

Martin, wohl etwas überrascht von seinem Spruch, ließ ihn kurz Revue passieren, doch dann nickte er. Er hatte es gesagt und so war es auch. Er griff aber seine Tasche mit der linken, seinen Freund mit der rechten an der Jacke vor der Brust und zog ihn langsam zu sich. Als ihre Nasen sich berührten, sagte er leise: „Leckerer, ich liebe dich – aber jetzt sollten wir echt in die Puschen kommen.“

„Gleich“, flüsterte Shawn zurück und nippte an den weichen Lippen seines Freundes. „Ich liebe dich auch, Schatz“, sagte er genauso leise und legte seine Hand auf die seines Freundes. „Jetzt können wir gehen und einchecken.“

„Gut“, lachte Martin und schüttelte über sie beide Kopf. Doch dann nahmen sie die Beine in die Hand. Sie hatten nur Handgepäck dabei, der clevere Leckere hatte gestern Abend bei der Buchung der Tickets gleich den online-check-in gemacht und so mussten sie nicht mehr zum Schalter.

Ihre Röntgenrunde verlief reibungslos und auf dem Weg Richtung Gate gönnten sie sich noch einen Kaffee.

Shawn ließ Martins Hand nur los, wenn es wirklich sein musste. Es gefiel ihm, zu zeigen, dass sie zusammen gehörten und Martin schien das genauso zu sehen. Nach dem Kaffee gingen sie in den Eincheckbereich und setzten sich in eine ruhige Ecke. Shawn erzählte Martin von sich und seiner Familie und von seiner Granny und seinem Grandpa, die sie beide besuchen wollten. Auch Martin gab ein paar Kleinigkeiten über sich zum Besten doch das war nicht besonders spannend. Seine Familie folgte alter Bochumer Tradition. Bis zu den Eltern seiner Urgroßeltern hatten sie den Stamm der Hinzbergers in Bochum zurückverfolgen können. Weit waren sie nicht herum gekommen und das hatte sich auch heute nicht geändert. Während andere die weite Welt bereisten, genügte für die Sippe der Hinzbergers der Halterner See als Fernreise. „Ich werde der Held sein, wenn ich aus Übersee wiederkomme“, witzelte er, doch so schlimm war es nicht. Seine Cousins und Cousinen hatten wohl die Nasen alle voll gehabt und sich abgesetzt, von der Generation waren nur wenige im Pott geblieben.

Shawn lachte und zog Martin in seine Arme. „Der Marco Polo der Hinzbergers.“ Er strich mit seiner Nase durch das braune Haar und schloss die Augen. „Du musst keine Angst haben, dass meine Granny geschockt sein wird, dass du ein Mann bist. Sie weiß, von meinen Experimenten. Wir haben ein enges Verhältnis und ich kann mit allem zu ihr kommen, was mir auf dem Herzen liegt.“

„Gut, dann hätte ich auch nicht das Kleid einpacken und mir auch nicht die Beine rasieren müssen. Es wäre nett gewesen, mir solche Details früher mitzuteilen, ehe ich damit beginne, meine Maskerade zu planen, um deine Identität zu schützen“, sagte Martin ernst, grinste aber.

„Es tut mir leid, Schatz“, murmelte Shawn gespielt reumütig. Seine Augen blitzten schalkhaft, als er Martin liebevoll küsste. „Wenn du die Maskerade jetzt ja nicht für meine Granny und auch für den Rest meiner Familie brauchst, ziehst du sie dann einmal für mich an?“ Shawn senkte seine Stimme zu einem rauchigen Flüstern. „Dann kann ich es dir Stück für Stück wieder ausziehen und den Mann freilegen, den ich liebe.“

„Können wir das alberne Kleid nicht weglassen“, flüsterte Martin mit dünner Stimme. Diese dunkle Stimme, die Shawn ihn in Nacken und Ohr gleiten ließ, lockte ihm eine Gänsehaut über Arme und Beine. „Als Ausgleich darfst du mit mir machen, was du willst. Alles!“ Er drückte sich fester in seinen Sitz und gegen Shawn, schloss die Augen. Der Aufruf zum Boarding erschreckte ihn fast zu Tode.

„Alles, was du willst, mein Herz“, flüsterte Shawn und lachte leise. „Ich kann meine erste Unterrichtsstunde kaum noch erwarten. Wenn wir Tim gefunden haben und es ihm gut geht, dann will ich dich in einem Bett ohne Störungen.“ Er griff sich Martins Hand und sie reihten sich in die Schlange ein. Der konnte nur noch den Kopf schütteln. Dafür, dass der junge Mann wenige Erfahrungen hatte, schien er aber ziemlich erpicht darauf, alles mit Martin zu teilen. Er konnte das Gefühl, das ihn flutete nicht beschreiben und so bekam er nur nebenbei mit, wie der Steward sein Ticket auslas und einen kurzen Blick in den Ausweis warf. Dann wurde er von Shawn hinter diesem   zum Flugzeug gezogen.

„Mach mir nicht so viel Kopfkino, sonst vergesse ich, warum wir eigentlich unterwegs sind. Und das darf ich nicht, Leckerer. Er ist jetzt ganz allein unterwegs. Wissen deine Kollegen in Irland eigentlich mehr? Sollen wir sie aufsuchen, wenn wir gelandet sind?“

Sie suchten sich ihre Plätze und erst als sie saßen, konnten sie sich weiter unterhalten. „Ich werde alles tun, um dich abzulenken. Du hilfst ihm nicht, wenn du dich völlig fertig machst, solange wir nichts Genaues wissen. Meine Kollegen in Irland halten Ausschau nach ihm, aber sie suchen nicht explizit nach ihm.“ Shawn nahm Martins Gesicht in seine Hände und sah ihn liebevoll an. „Wir haben alles getan, was wir konnten.“

„Ja ich weiß, aber solange er nicht wieder da ist, werde ich trotzdem das Gefühl haben, nicht genug getan zu haben“, entschuldigte sich Martin, ließ sich aber von Shawn anschnallen und gegen dessen Schulter ziehen. Für ein paar Stunden war es ihm gelungen sich ablenken zu lassen, doch jetzt kam die Sorge zurück wie ein Hammerschlag. Er konnte gar nichts dagegen tun.

 

09 

Shawn hielt ihn den ganzen Flug über in einer Umarmung und er redete mit ihm, um ihn abzulenken. Normalerweise war das nicht so sein Ding, aber es machte ihm Spaß Martin etwas über sich zu erzählen und im Gegenzug auch etwas über seinen Freund zu erfahren. Er erzählte Martin auch, wie wütend er auf ihn an dem Wochenende gewesen war, wo sie sich kennen gelernt hatten.

„Was hab ich denn gemacht?“, fragte Martin irritiert. „Mein Zutun an den Geschehnissen war irgendwie gering. Dass ich dich umgerissen habe, da war Damian dran schuld, der seinem Liebling entkommen wollte, der ihn wiederum – wegen der ganzen gaffenden Weiber in einen blauen Müllsack stopfen wollte und dass du gebrutzelt wurdest – ey, hallo? Selber schuld!“ er sah zu Shawn auf und grinste.

„Was du gemacht hast?“, fragte Shawn gespielt knurrig. „Du hast unsere Siegesserie zunichte gemacht. Stell dir doch einmal vor, da kommt eine Truppe von Neulingen in diesem Genre an und innerhalb von fünf Minuten habt ihr mich, den Spielleiter meiner Truppe einfach so ausgeschaltet und dann auch noch den Rest meines Teams. Das kam nicht gerade gut an.“

„Aber da können wir doch nichts für“, verteidigte sich Martin grinsend. „Wir sind vielleicht neu im Genre aber nicht im Rollenspiel. Aber wir werden wohl wieder wechseln. Der Ausflug war ganz nett, aber die Waldläufer vermissen ihren Kriegerelf. Aber als Vampi mit Sonnenallergie die Vorhänge nur zu ziehen, anstatt die Scheiben abzudunkeln – sorry mein Schatz, das war blöd.“

Shawn lachte und küsste Martin. „Ich weiß, Schatz, aber an dem Wochenende standen wir alle unter Schock. Wir hatten schon von euch gehört und wussten, dass ihr gut seid. Damian hat einen guten Ruf und eure weiße Hexe ist legendär. Aber angetan hat es mir Myxin. Den gebe ich nicht mehr her.“

„Ich enttäusche dich ja nicht gern, mein Leckerer, aber Myxin wird wohl bald zurück nach Atlantis geschickt. Dann wird der schwarzmagische Elbenritter Farnir wieder sein Unwesen treiben und dem Kriegerelfen sein Leben zur Hölle machen. Wirst du ihn als Ersatz akzeptieren?“ Um es Shawn etwas einfacher zu machen, küsste Martin ihn kurz, damit ihm die richtige Antwort schneller einfiel.

„Farnir?“, fragte Shawn und spitzte die Lippen, damit er noch einmal geküsst wurde. „Ich werde ihn mir ansehen und wenn er genauso hinreißend wie Myxin ist, dann werde ich ihn akzeptieren.“ Shawn grinste und lachte leise. „Was natürlich nicht heißt, dass er mich auch von den Füßen reißen soll.“

„Aber er könnte es. Er ist ein guter Krieger mit Pfeil und Bogen. Mehr noch. Seinem Volk abtrünnig hat er sich der schwarzen Magie verschrieben, er könnte deinem Vampiro-del-mar fast ebenbürtig werden. Nur dass er nicht brutzelt, wenn er Sonne sieht, sondern vom Sonnenlicht gestärkt wird. Wer mich töten will, muss mich ins Dunkel schleppen.“ Martin kam ins reden und so ging ihm auf, dass er seine alte Rolle schon vermisste, wie die meisten von ihnen auch. Die Erfahrungen mit Sinclair waren interessant und nett gewesen, doch sie gehörten nicht in diese Welt, das war ihnen bewusst geworden.

Martins Augen leuchteten, als er von Farnir erzählte und Shawn konnte gar nicht anders. Er musste Martin an sich ziehen und küssen, weil er seinen Schatz so einfach unwahrscheinlich sexy fand. „Ich glaube, dein Elbenritter macht mich ziemlich an“, raunte er leise in das Ohr seines Freundes und ließ wie zufällig ihre verbundenen Hände über seinen Schoß streifen, wo Martin seine beginnende Erektion spüren konnte. Der stutzte, doch dann konnte auch er sich nicht zurück halten und drängte etwas intensiver gegen die Härte in Shawns Schoß. Er wusste nicht warum, doch als Shawn leise stöhnte, war Martin klar, dass das keine gute Idee gewesen war, nicht hier und nicht jetzt. Sie hatten weder den Ort noch die Zeit, das, was sie gerade anrichteten, wieder auszubügeln. „Sorry, ich habe mich für einen Augenblick vergessen“, murmelt er entschuldigend und küsste Shawn um sich abzulenken, zog seine Hand aber lieber zu sich, er traute sich selbst nicht mehr über den Weg.

Shawn hatte die Augen geschlossen und atmete betont tief und gleichmäßig. Ihn hatte selbst überrascht, wie heftig er reagiert hatte. „Wow“, murmelte er leise und öffnete die Augen. „Du musst dich nicht entschuldigen, ich habe angefangen.“ Shawn lächelte und strich Martin über das Bein und zog ihn noch einmal zu sich, damit er ihm was ins Ohr flüstern konnte. „Normalerweise habe ich mich ganz gut unter Kontrolle, aber bei dir klappt das nicht. Ich sollte mich wohl darauf einrichten, ständig mit einem Ständer rumzulaufen, wenn du in meiner Nähe bist.“

„Ich werde Gerrit bitten, dass er ein paar seiner engen Sportbadehosen heraus rückt. Er trägt auch beim Training oft zwei übereinander, hat er erzählt. Falls sich bei kaltem Wasser doch mal was tut, sieht man das nicht so. Wenn ich dir die verpasst habe, kann dir nichts mehr passieren“, grinste Martin, doch er konnte nicht vermeiden, dass er grinste wie das sprichwörtliche Honigkuchenpferd – er war es, der Shawn dazu trieb. Er allein, allein mit seiner Nähe. Allein der Gedanke berauschte ihn.

„Ich denke, wir finden eine andere Lösung, um meinem Problem Herr zu werden“, schmunzelte Shawn und ruckelte ein wenig herum, damit seine Erektion nicht so sehr gegen den Reißverschluss drückte. „Aber danke, dass du Gerrit fragen willst. Er ist Schwimmer?“ Der Freund von Damian war schon ein Leckerchen, das hatte er schon bei ihrer letzten Begegnung bemerkt.

„Japp. Das mit ihm und Damian war auch so eine Knaller-Story. Er ist der Bruder von Damians bester Freundin und trotzdem waren sie sich noch nie über den Weg gelaufen. Erst als Damian für seinen Professor ein paar Vorlesungen und Seminare übernehmen musste, sind sie sich unbekannterweise über den Weg gelaufen. Von einer kurzen Begegnung auf der Messe mal abgesehen. Aber Gerrit schwimmt, sieht man, oder?“ Martin sah beiläufig aus dem Fenster, unter ihnen war Wasser, doch es kam das Signal zum Anschnallen. Der Landeanflug begann.

„Ja, sieht man.“ Shawn schnallte sich an und nahm wieder Martins Hand. Bald waren sie wieder auf festem Boden und konnten ihre Handys wieder anstellen. Er hoffte, dass er eine Nachricht von Alexander hatte, dass Tim wohlbehalten bei ihm angekommen war. Das würde den Druck von Martin nehmen. Und wenn die erhoffte Nachricht nicht da war, dann mussten sie sehen, dass sie Infos bekamen und dann am besten auf dem gleichen Weg versuchen nach Cork durchzuschlagen wie Tim es auch tun würde. Dann war die Möglichkeit den Jungen zu finden, wahrscheinlich noch am höchsten.

„In Irland soll es ständig regnen, stimmt das?“, wollte Martin wissen, der neugierig am Fenster hing und nach draußen guckte. Schließlich war er der hinzbergersche Marco Polo! Er musste Eindrücke sammeln um sie seiner Familie zu streuen.

„Nein, eigentlich nicht mehr als bei uns. Das Wetter ist milder, aber nicht so anders als bei uns. Kennst du diese Kerrygold-Werbung? Sanfte grüne Hügel mit Kühen drauf. So ungefähr sieht es aus, wo meine Granny wohnt. Sie und Grandpa leben in einem alten Cottage mit einem herrlichen Garten drum herum. Als Kind war ich unwahrscheinlich gerne da.“

„Das kann ich mir vorstellen. Ich war schon immer ein Vorstadtkind, ich hatte dort meine Abenteuerwelten, vielleicht war das auch der Grund, warum ich später angefangen habe, mich in Rollenspielwelten herum zu treiben. Wer weiß. Aber ich bin schon gespannt und wir holen alles nach, wenn wir Tim erst einmal gefunden haben.“ Er drückte Shawns Hand, guckte aber weiter aus dem Fenster. Das war so aufregend!

Shawn ließ ihn aus dem Fenster gucken und beobachtete seinerseits seinen Freund. Seine Granny wusste noch gar nicht, dass er sie besuchen wollte, weil ihm der Gedanke ja erst heute Morgen gekommen war. Gleich, wenn sie gelandet waren, sollte er sie anrufen und sie beide anmelden. Nicht dass Granny und ihr Mann auf dem Weg zu Freunden waren. Was nicht weiter schlimm wäre, denn die Hütte war nie abgeschlossen, Martin und er hätten also Unterschlupf. Doch eigentlich kam er wegen seiner Großeltern und wollte sie gern sehen, da wäre es schade, wenn sie sich verpassen würden.

„Gelandet!“, sagte Martin und sah entspannter aus. Nicht dass er Angst gehabt hätte, doch mit festem Boden unter den Füßen war ihm doch wohler. Kurz küsste er Shawn und ignorierte die Umsitzenden, die immer mal wieder zu ihnen rüber guckten. Sollten sie doch.

Er störte sich genau sowenig wie Shawn darum, was man von ihm dachte. Sie verließen das Flugzeug mit den anderen Passagieren und Shawn streckte sich, als sie endlich festen Boden unter den Füßen hatten. Das war der Nachteil, wenn man lange Beine hatte. Man saß in einem Flugzeug nicht gerade bequem. Er stellte sein Handy an und es dauerte nicht lange, bis es durch Piepsen anzeigte, dass Nachrichten angekommen waren.

„Was von Alex oder deinen Kollegen?“, wollte Martin wissen und zog Shawn etwas auf die Seite, sie waren mitten im Weg stehen geblieben und ein Strom Touristen walzte sich unerbittlich durch den Gang. Besser man ging der Herde aus dem Weg, denn sie sahen aus wie Bustouristen. Martin kicherte, er wusste nicht, woran er das fest machte, doch er sah sie und hatte nur das eine Wort im Kopf. Doch er wandte sich wieder Shawn zu, der leise brummte.

Seine Augenbrauen waren fest zusammengezogen, als er die erste Nachricht aufrief. Sie kam von Alexander. „Yes“, jubelte er auf einmal los und zog Martin fest an sich. „Tim ist bei Alex. Ihm geht es gut und ihm ist nichts Schlimmes auf der Reise passiert“, rief er lachend und küsste seinen Schatz überschwänglich. Er hätte es wohl nie zugegeben, weil er Martin nicht hatte beunruhigen wollen, aber auch er hatte sich Sorgen gemacht.

„Was?“, fragte Martin etwas verwirrt, ließ sich aber gern küssen. Nur nach und nach sickerte die Info in seinen Geist, auch wenn sie gar nicht so komplex gewesen war. „Tim ist wirklich bei seinem Bruder?“ fragte er noch einmal nach, „können wir ihn anrufen?“ er wollte das selber mit seinen Ohren hören, dass sie sich keine Sorgen mehr machen brauchten. „Können wir ihn sehen?“ Martin zitterte leicht, ohne zu wissen warum.

„Sicher, Schatz.“ Shawn konnte Martin gut verstehen und wählte schon Alexanders Nummer. Er zog Martin dann langsam, mit um ihn gelegtem Arm  zum Ausgang. Da sie jetzt wussten, dass es Tim gut ging, wollte Shawn ein Auto mieten. Damit kamen sie schneller voran.

>>Lauer<<, meldete sich Alex und Shawn begrüßte ihn, doch dann war er sein Handy auch schon los, denn Martin hatte es ihm aus der Hand gefingert. „Hallo Alex, hier ist Martin aus der Arche, stimmt das? Tim ist bei dir und er ist gesund?“, haspelte er in den Hörer, denn er war immer noch neben dem Gleis.

>>Hallo Martin. Ja es stimmt, Tim ist hier, seit ungefähr einer Stunde und es geht ihm gut. Er hat was gegessen und ist ein wenig müde, weil er nicht viel geschlafen hat<<, gab Alex gerne Auskunft. Er selber hatte auch kaum Ruhe gefunden und seinen Bruder fast mit seiner Umarmung zerquetscht. Doch wie von Martin auch fiel allmählich die erste Anspannung von ihm ab. Doch schon machten sich die nächsten Sorgen breit, denn wenn die beiden Tim wieder mitnahmen, dann würde alles von vorn beginnen. Das wollte Alexander seinem kleinen Bruder nicht zumuten.

„Das ist sehr gut, grüßen sie ihn von mir. Vielleicht mag er sich mal melden. Vielleicht auch unter Shawns Nummer. Wir müssen reden“, sagte Martin das, was Alexander eigentlich nicht hatte hören wollen.

Shawn stupste Martin an. „Sag ihm, dass Tim nicht zu seinem Vater zurück muss“, flüsterte er seinem Freund zu. Wenn sie auch noch nicht wussten, wohin Tim kam, so sollten sie diese Angst von Alex und Tim nehmen.

Martin sah zu ihm auf, zog die Brauen zusammen, doch er nickte. „Hör mal, Alex, Shawn sagt gerade, dass Tim nicht mehr zu eurem Vater zurück muss. Er muss da also keine Angst haben. Aber jetzt nutzt eure Zeit, wir machen auch ein paar Tage Urlaub und dann wäre es schön, wenn wir uns sehen und weiter besprechen wie es laufen wird.“

Sie verabschiedeten sich und Martin legte ebenfalls auf. Dann sah er entschuldigend auf das Handy und dann zu Shawn. Er grinste schief. „Sorry!“ und gab das Telefon zurück.

„Macht doch nichts, Sweety. Ich bin doch selber froh, dass es Tim gut geht.“ Shawn nahm sein Handy und wählte gleich seine Grandma an. So wie es aussah, fuhren sie erst zu ihr und dann zu Alex und Tim. Aufgeregt lauschte er dem Freizeichen und als er die Stimme seiner Granny hörte, lachte er leise und seine Augen strahlten vor Freude. „Hallo Gran, hier ist Shawn, wie geht es euch?“ Er merkte noch nicht einmal, dass er automatisch ins Englische gewechselt hatte. Martin hörte zu und sah sich ein wenig um. Sie waren mittlerweile in der Region des Flughafens angekommen, wo die großen Mietwagenstationen ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Doch da er nicht wusste, wie man hier fährt, was man für einen Wagen brauchte und wo die Oma wohnte, hielt er sich lieber zurück.

>>Wie geht’s dir, Baby!<<, wollte Aine wissen. Es war ungewöhnlich, dass Shawn mitten am Tag anrief, meistens meldete er sich abends nach dem Dienst.

„Mir geht es wunderbar, Granny. Seid ihr die nächsten Tage Zuhause? Ich bin nämlich gerade mit meinem Schatz in Dublin angekommen und ich wollte ihn dir und Grandpa vorstellen.“ Shawn sah zu Martin runter und lächelte. Er strich ihm durch die Haare und Martin, der sich eben noch umgesehen hatte, sah wieder zu ihm auf.

>>Du bist in Dublin? Warum hast du nichts gesagt, Junge? Und du kommst mit deinem Liebsten? Das ist ja fantastisch. Natürlich sind wir da. Dein Opa holt heute Aidan. Sein Stall neben der Scheune ist endlich fertig und wir sind schon ganz aufgeregt. Kommt, wann immer ihr wollt. Wir sind sicher da und wenn nicht, weißt du ja, wo der Schlüssel ist. Wir sind dann auch bestimmt gleich wieder da.<< Sie schnatterte und schnatterte.

>>Es war ein ziemlich spontaner Entschluss zu fahren und ich habe mich vorher nicht gemeldet, weil wir nicht wussten, ob wir Zeit finden, euch zu besuchen, aber das erzähl ich euch, wenn wir da sind. Wir mieten uns jetzt ein Auto und fahren los. Wir sind also bald da.<< Shawn ging auf die Schalter der Autovermieter zu. Da er schon öfter einen Wagen gemietet hatte, wusste er, wo er das günstigste Angebot bekam.

„Sie bauen einen Stall. Haben sie Tiere?“, wollte Martin interessiert wissen. Außer dem Standard, was man in einer Mietwohnung eben so halten konnte, angefangen bei Nagetieren und endend bei Katzen und Hunden hatte er noch keine anderen Haustiere erlebt. Vielleicht würde sich das ja ändern. Er war gespannt.

„Ja, sie haben Tiere. Sehr viele sogar.“ Shawn lachte und griff Martins Hand fester. „Aidan ist ein Shirehorse, gerade ein Jahr alt. Ich kenne ihn auch noch nicht, nur von Bildern, die sie mir gemailt haben. Granny und Grappy haben ihn gesehen und wollten ihn haben. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ansonsten haben sie zwei Hunde, mehrere mehr oder weniger zahme Katzen, Hühner, Gänse und ein paar Schafe, die sich um den Rasen auf ihrem Grundstück kümmern.“

„Wow! Das ist ja wie ein Zoo“, lachte Martin, „und sie haben ein richtiges Shire? So ein großes, mit pelzigen Füßen? So ein Brauereipferd? Wie cool. Ich habe mal gehört, in Dublin hat die Guinness Brauerei wieder angefangen das Bier in der Stadt mit Brauereiwagen auszuliefern und deswegen einen ganzen Stall voller Brauereipferde und so eins habt ihr? Und richtige Schafe?“ Martin war sehr beeindruckt und aufgeregt, während Shawn den Wagen anmietete.

„Ja, ein richtiges Shire, noch nicht ganz ausgewachsen, aber jetzt schon größer als der Durchschnitt. Grappy will ihn wohl vor einen Pflug spannen. Er schwärmt schon lange davon, so wie sein Großvater Ackerbau zu betreiben, wenn auch nur hobbymäßig und jetzt wo er pensioniert ist, hat er die Zeit dazu.“

„Wow“, konnte sich Martin nicht verkneifen, als er neben seinem Freund zum Parkplatz der Autovermietung lief. „Also wenn er einen Acker hat, der so groß ist, dass er mit einem so großen Pferd drauf herum hupfen kann, dann ist das Stückchen Land bestimmt größer als die Schrebergartenresidenz derer von Hinzberger“, lachte er und sah sich um. Hier standen wirklich die unterschiedlichsten Wagen. „Ich bin ja so gespannt und ärgere mich gerade keinen Fotoapparat eingepackt zu haben. Aber unsere Reise hatte ja ein anderes Ziel.“ Vielleicht sollte er sich was kleines Preiswertes zulegen so lange sie noch in Dublin waren.

„Nur ein paar Hektar. Früher war es mehr, aber nachdem die Landwirtschaft sich nicht mehr rentiert hat und mein Grandpa auch lieber Lehrer geworden ist als Farmer, haben sie einen Teil des Landes verkauft. Das Haus und das Land gehören meiner Familie seit vier Generationen. Ich wäre dann die fünfte mit ein paar anderen Cousins und Cousinen.“ Shawn sah auf den Schlüssel, den er bekommen hatte und suchte nach dem entsprechenden Nummernschild. „Halt mal Ausschau nach einem blauen Astra. Das ist unserer.“

Martin nickte. „Ein paar Hektar, Großgrundbesitzer.“ Er war sichtlich beeindruckt. „Da drüben ist was blaues, hell- oder dunkelblau?“, wollte er wissen und ging etwas näher, es hatte zumindest die Form eines Astra. „Kennst du in der Stadt einen Laden, wo ich eine kleine Kamera käuflich erwerben kann? Ich würde von unserem ersten Urlaub ganz gern ein paar Bilder haben wollen.“

„Von mir oder Aidan?“, lachte Shawn und verglich das Nummernschild. „Japp, das ist er.“ Während sie darauf zu gingen, überlegte er, wo Martin sich eine Kamera kaufen konnte. „Wir finden schon was, Dublin ist ja groß genug.“

„Von Aidan natürlich, an dir ist schließlich nichts süßes“, schoss Martin zurück, grinste aber, weil er sich ertappt fühlte. „Aber du bist lecker, vielleicht lichte ich dich als Appetitanreger ab.“ Sowohl Shawn als auch Martin gingen um den Wagen und suchten nach Kratzern und Dellen, doch da war nichts. Der Wagen war entweder sehr gut gepflegt oder neu.

„Schatz, möchtest du fahren?“, fragte Shawn grinsend, als Martin zur rechten Seite ging. „Hier, dann brauchst du den Schlüssel.“ Grinsend hielt er Martin den Schlüssel über das Autodach hin. „Ich sag dir, wo du lang fahren musst.“

„Du hast Recht, du bist kein bisschen süß“, knurrte Martin, grinste aber. Er fühlte sich verschaukelt, aber da war er auch selber dran Schuld. Aber es war Macht der Gewohnheit gewesen, wie üblich auf die Seite zu gehen, wo normale Autos den Beifahrersitz hatten – aber in Irland war eben einiges anders. „Fahr lieber selber, wenn du bei deiner Oma ankommen und nicht im nächsten Straßengraben Bekanntschaft mit den dort ansässigen Regenwürmern machen willst.“

Shawn lachte, als er um das Auto herumkam. Als er und Martin sich trafen legte er die Arme um ihn und küsste ihn liebevoll. „Ich liebe dich“, flüsterte er leise und kniff seinem Schatz in den Hintern. „Granny wäre ziemlich enttäuscht, wenn sie dich nicht begutachten könnte. Wo sie doch schon so lange darauf wartet, dass ich mich endlich verliebe.“

„Ich liebe dich auch, und damit das auch so bleiben kann, würde ich sagen, du fährst und ich fahre einfach mit. Das macht den wenigsten Ärger.“ Noch einen Kuss, dann trennten sie sich doch, denn wenn sie hier noch lange herum turtelten, dann kamen sie heute gar nicht mehr auf die Piste und Martin war doch so gespannt auf den kleinen Zoo und das Cottage. Sie stiegen also ein und Shawn machte sich kurz mit dem Wagen vertraut, dann ging es los.