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Spiel und Ernst - Teil 4 - 6

04
 

Sie stiegen aus und gingen in das Gebäude. Mindestens jeder zweite sprach Shawn darauf an, was er denn auf der Arbeit machte, wo er doch Urlaub hätte. „Muss was recherchieren“, war immer die knappe Antwort und alle gaben sich damit zufrieden, weil sie wussten, dass sie nicht mehr aus ihm herausbekommen würden. Martin neben ihm versuchte so unauffällig wie nur möglich zu sein, grüßte aber immer freundlich, wenn jemand ihn ansah. Er folgte Shawn, der zielstrebig durch die Gänge eilte und vor einer Tür stehen blieb. Shawn zog einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete das Büro und bat Martin einzutreten. Die Tür blieb offen und noch ehe Martin sich umgesehen hatte, hatte Shawn schon seinen PC gestartet und sein Telefon am Ohr. „Hallo Gregor, bin in meinem Büro. Kannst du mir rüberschicken, was du bis jetzt gefunden hast? Danke?“ Er legte auf und tippte sein Passwort ein. „Nimm dir einen Stuhl und komm rüber, Martin. Mal sehen, was wir bisher haben.“

Das ließ sich Martin nicht zweimal sagen. Er griff sich also den Stuhl, der vor Shawns Schreibtisch stand und kam damit um den Tisch herum. Er wusste nicht so richtig, was er auf dem Bildschirm eines Kommissars erwartet hätte, doch es sah nicht viel anders aus als bei ihm auch – Outlook. Doch er schwieg und wartete genau wie Shawn, der sich auf eine Mail stürzte, kaum dass sie eingegangen war.

Shawn überflog die Mail. Sie enthielt Angaben über Tim, die sie schon wussten, wie Alter und Adresse, aber auch Neues, das sie bisher noch nicht wussten. Da war zum Beispiel die Tatsache, dass Tim einen älteren Bruder hatte. „Das ist ja interessant“, murmelte Shawn und deutete auf ein Aktenzeichen, das sein Kollege noch mit in die Mail kopiert hatte. „Da gibt es einen Vorgang zu seinem Bruder in unserer Datenbank. Einen Bericht, eine Anzeige, oder ähnliches. Das sehen wir uns mal an.“ Shawn rief ein neues Programm auf und gab sein Passwort und das Aktenzeichen ein. „Mal sehen, was wir da haben.“

Ein paar Minuten lasen beide nur, ehe Martin wütend knurrte. „Na guck mal einer an. Der ach so reumütige Vater hat schon mal einen Sohn aus dem Haus geprügelt. Lässt sich nachweisen, ob das Jugendamt darüber Kenntnis hatte? Denen werde ich es zeigen, blödes Pack“, knurrte er aufgebracht. Er war zu keiner klaren Kommunikation mehr fähig, denn seine Kiefer biss er fest aufeinander, so wütend war er.

Shawn klickte sich durch den Bericht und schüttelte dann den Kopf. „Das Jugendamt wurde nicht benachrichtigt, da Tims Bruder schon 21 war. Da ist das Jugendamt raus, weil es nicht mehr zuständig ist.“ Shawn wechselte das Programm und loggte sich in die Meldekartei der Stadt ein. Vielleicht war Tim ja auf dem Weg zu seinem Bruder.

„Meinst du, das ist sein Ziel? Ich meine“, erklärte sich Martin, der langsam begann sich wieder zu entspannen, „ihr habt ihn am Bahnhof aufgegriffen. Vielleicht hatte er vor, seinen Bruder zu besuchen und dort Schutz zu finden?“ Zumindest wäre es das, was Martin machen würde, vorausgesetzt er hätte einen Bruder und er hätte ein gutes Verhältnis zu ihm. „Zumal sie ja irgendwie das gleiche Problem haben.“

„Ja, das wäre das, was ich machen würde.“ Shawn gab die Daten des Bruders ein und startete die Suche. „Mist, hier ist der Bruder nicht gemeldet. Er hat sich vor zwei Jahren abgemeldet und eine neue Adresse ist nicht bekannt.“ Hier kamen sie nicht weiter, aber es wäre doch gelacht, wenn über das Polizeinetzwerk nicht irgendetwas zu finden sein würde. Shawn hatte kein Problem damit, alles, was ihm zur Verfügung stand, auch zu nutzen, einschließlich ein paar nicht ganz offiziellen Quellen, die ihm schon oft weitergeholfen hatten.

„Was machst du da?“, wollte Martin wissen. Er beobachtete wie Shawn ein paar Anwendungen starte, sich einloggte und dann anfing irgendwelche Filter zu setzen und Suchroutinen einzugeben. „Das sieht aber nicht so aus, als wäre das eine deutsche Daten … oh, Interpol“, murmelte er, als er das Logo oben lesen konnte.

„Japp, wir weiten die Suche aus, da ich in Deutschland von dem Bruder nichts finden konnte. Wenn er es nicht gerade darauf anlegt, nicht gefunden zu werden, müssten wir über diese Datenbank etwas finden. Zumindest einen Hinweis, mit dem wir weitermachen können.“ Shawns Finger flogen über die Tasten. Er öffnete Fenster, schloss sie wieder und öffnete gleich wieder ein neues.

„Tim hat von einem Bruder nie was erzählt. Ich weiß jetzt nicht, ob es daran lag, dass er sein eigentliches Ziel nicht preisgeben wollte oder weil er nicht mehr den Kontakt zu ihm hatte.“ Martin konnte sich gut vorstellen, dass es nicht leicht war, den Kontakt zu jemand zu halten, der im Ausland lebte. Allmählich hatte er das Gefühl, dass sie in die falsche Richtung suchten und ihnen wichtige Zeit verloren ging. Nervös kaute er auf seiner Unterlippe herum.

„Besonders, wenn man weiß, dass der eigenen Vater ihn aus dem Haus geprügelt hat.“ Shawn hob seinen Blick nicht von dem Bildschirm, während er sich mit Martin unterhielt. Er war voll konzentriert, so wie immer, wenn er sich in etwas verbissen hatte. Er wollte unbedingt eine Spur zu Tims Bruder finden. „Gibst du mir einen Big Mac. Ich hab Hunger.“

„Sicher!“ Martin verteilte Essen, griff sich selber Pommes und eine Cola und starrte ebenfalls auf den Bildschirm. Er zuckte hoch, als es am Türrahmen klopfte. Eine junge Frau im Kostüm stand da und lächelte. „Lass dir doch zukünftig deinen Urlaub auszahlen, du nimmst ihn ja eh nie“, sagte sie und kam einen Schritt ins Büro. Dann sah sie Martin und blickte ihn fragend an. Dem blieb ein Pommes im Hals stecken, durfte er etwa gar nicht hier sein?

„Wenn das ginge, würde ich das bestimmt machen.“ Etwas unwillig sah Shawn vom Bildschirm hoch und lächelte leicht. „Musst du gerade sagen, hast du nicht Frühdienst diese Woche? Deine Schicht ist dann auch schon seit mindestens drei Stunden vorbei, Gina.“ Er folgte ihrem Blick und grinste. „Vergebliche Liebesmüh, Süße. Du bist das falsche Geschlecht.“

„Was?“, fragte sie verwirrt, blickte aber wieder zu Shawn. „Schade, aber vorstellen kannst du mir deinen Gast ja trotzdem.“ Den Seitenhieb auf ihre Überstunden überhörte Gina geflissentlich. Sie flirtete gern mit ihrem Kollegen, denn Shawn konnte ihr gut gefallen. Also suchte sie ab und zu Berührungspunkte und nutzte diese auch. „Was suchst du eigentlich?“

„Gina, das ist Martin. Martin, das ist Gina, eine Kollegin von mir. Allerdings von der Kripo, nicht von der Trachtentruppe“, stellte er sie einander vor. Er sah kurz zwischen beiden hin und her, dann lag sein Blick wieder auf dem Bildschirm. „Ich versuche jemanden zu finden, der wahrscheinlich jetzt im Ausland lebt.“

„Deswegen bist du Kommissar und ich nur Fußvolk“, lachte Gina und kam näher, „deine Ansagen sind immer so präzise, dass keine weiteren Erklärungen notwendig sind.“ Sie kam ebenfalls um den Tisch herum und blickte auf den Bildschirm. Martin bot ihr etwas aus seiner Tüte an, doch sie lehnte ab. Böse war er nicht, sondern aß weiter. Er hatte Hunger.

„Gut erkannt, Gina.“ Shawn rückte näher an den Bildschirm und las sich durch, was seine Suche ergeben hatte. „Ich glaub, ich hab ihn. Von der Zeit passt es ganz gut. Vor etwa zwei Jahren hat sich ein Alexander Lauer bei den Behörden in der irischen Stadt Cork angemeldet.“

„Cork?“, fragte Martin. „Korrigier mich, wenn ich falsch liege, aber das ist ja nicht gerade um die Ecke. Was machte er denn dort?“ Er strich sich durch die Haare. Ein Blick nach draußen zeigte ihm, dass es allmählich dunkel wurde und Tim war irgendwo da draußen. Das machte ihn verrückt, was auch Gina merkte und ihm stumm eine Hand auf die Schulter legte. „Ich glaube nicht, dass Tim bis dahin will. Wir müssen ihn hier suchen.“

„Ihr könnt aber trotzdem sein Foto auch an die Grenzeinheiten schicken. Sie sollen die Augen offen halten“, sagte Gina.

„Schon erledigt.“ Shawn schickte die Datei mit einem Klick ab und machte sich schon daran, die Polizeibehörde in Cork rauszusuchen. „Falls er aber doch dort hin will, werde ich jetzt versuchen Tims Bruder zu kontaktieren.“ Er wählte die Nummer der Polizei in Cork und lauschte dem Freizeichen. Als sich jemand meldete, trug er sein Anliegen in perfektem Englisch vor. Schließlich war er halber Ire. Irgendwann musste sich das doch mal auszahlen, dass seine irische Mutter ihn zweisprachig erzogen hatte. Er beherrschte sogar gälisch, aber nicht so sicher, dass er sich damit jetzt mit einer fremden Behörde hätte verständigen können, aber Englisch war kein Problem. Martin lauschte ihm, er verstand nicht jedes Wort, aber er bekam mit, was er den Männern erzählte. Er bekam vom anderen Ende die Auskunft, dass sie die Kontaktdaten ihrer Bürger nicht ohne Not weiterreichen konnten, auch nicht an Partnerbehörden. Doch sie versprachen Alexander umgehend zu informieren und Shawns Kontaktdaten zu hinterlassen. Alexander konnte sich dann bei ihm melden, wenn er das wollte. Es war nicht zufriedenstellend für Shawn, das sah man ihm an, doch er akzeptierte den offiziellen Weg. Mehr ließ sich im Moment nicht machen. Er hatte die Grenz- die Bahn- und die die Flughafenpolizei eingeschaltet. Tims Daten dorthin durchgegeben. „Schick mir mal rüber, was du hast, Shawn, ich werde meine Jungs ebenfalls die Augen offen halten lassen, genau wie du deine“, sagte Gina und lächelte. „Wir finden ihn schon.“

Shawn nickte und packte die Register in eine Mail, während er neben sich auf Martin guckte. Der hatte immer noch seinen angeknabberten Hamburger in der Hand und wirkte abwesend, reagierte erst, als er merkte, dass jemand ihn beobachtete. Da legte Martin den Burger weg und rollte die Schultern. „Ich weiß nicht, wo er ist, ich weiß nicht, mit wem er zusammen ist, ich weiß nicht, was er essen wird und wo er schlafen wird. Sollte ihm etwas passieren, egal was – dann ziehe ich diese blöde Kuh vom Telefon vor Gericht.“

Gina blickte etwas irritiert und Shawn erklärte schnell, was eigentlich heute Nachmittag passiert war.

Während er Gina erzählte, was passiert war, strich er ohne es eigentlich zu merken über Martins Schultern und massierte sie leicht. Gina beobachtete das etwas irritiert, sagte aber nichts. Eigentlich vermied Shawn nicht notwendigen Körperkontakt. „Okay, ich verstehe, dass ihr ihn unbedingt finden wollt. Ein Jugendlicher in seiner Situation macht schnell etwas Unüberlegtes und Dummes.“ Das hatte sie leider schon viel zu oft erlebt. „Okay, ich werde von hier aus, weitermachen und euch auf dem laufenden halten.“

„Danke!“, entgegneten beide und Martin fing endlich an aufzuessen. Doch er wurde unruhig und so dauerte es nicht mehr lange und sie machten sich wieder auf den Weg. Shawn verabschiedete sich kurz von seiner Kollegin, Martin griff sich ihre Futtertüten und dann waren sie auch schon wieder auf dem Flur unterwegs. Die Büros hatten sich sichtlich geleert. Martin hatte nicht darauf geachtet, wie lange sie hier gewesen waren, doch ein Blick auf sein Handy zeigte ihm, dass er das Abendessen im Café völlig verpasst hatte. „So ein Mist!“, knurrte er leise.

„Was ist los?“, fragte Shawn. Er rollte mit den Schultern, um sich wieder zu lockern. Eigentlich hatte er heute noch trainieren wollen, aber dafür war es jetzt eh zu spät. Wahrscheinlich hätte er sich eh nicht richtig konzentrieren können und das war beim Karatetraining nicht besonders gut, weil meist schmerzhaft.

„Ich hab das Abendessen im Café völlig verpennt und Jerry zusätzlich mit dem ganzen Ärger auch noch damit hängen lassen. Ist doch scheiße“, murmelte Martin und griff seine Tüten fester. Ganz eindeutig war er kein Stress-Mensch, wenn es hektisch wurde, dann vergaß er vieles und konnte sich immer nur auf eine Aufgabe gleichzeitig konzentrieren. Ob sich das noch mal irgendwann geben würde? Wie machte Jerry das? Der konnte so was.

„Ruf ihn an und frag, ob wir was zu essen mitbringen sollen. Hier in der Nähe ist ein guter Italiener, da können wir Pizza holen. Das ist fast wie selbst gekocht.“ Shawn stupste Martin mit der Schulter an und grinste. „Los ruf an, ich hab noch Hunger. Diese Burger halten nie lange vor.“

„In meiner Tüte ist noch ein Cheeseburger“, murmelte Martin und wedelte mit seiner Tüte. Als sie vor der Tür waren, zog er sein Handy aus der Tasche und wählte Jerrys Nummer. Doch der nahm Martin die Sorge, er hatte mit der Unterstützung von seinen Zöglingen was auf die Beine gestellt und so hatte es Kartoffelbrei mit Klopsen und Gemüse gegeben. Leider wäre auch nichts mehr da, wenn er darauf spekuliert hätte, noch etwas abzustauben. Doch gleich der nächste Satz ging um Tim. „Wir reden, wenn ich nachher vorbei komme. Aber gut zu wissen, dass keiner verhungert ist. Bis später.“ Martin legte auf und atmete tief durch.

Shawn hatte sich den Cheeseburger genommen und auch schon verputzt, während Martin telefoniert hatte und beförderte gerade die leere Tüte mit einem gezielten Wurf in den Mülleimer. „Also Pizza für uns?“, fragte er, denn satt war er immer noch nicht.

„Ich weiß nicht“, gestand Martin. „Ich weiß nicht, ob ich die Ruhe hätte, mir eine Pizza reinzuziehen, wenn mir die schlimmsten Sachen durch den Kopf gehen, was mit Tim passieren könnte. Ich weiß nicht, wie Jerry so was durchsteht, der macht das ja nicht zum ersten Mal mit und hat trotzdem die Nerven sich liebevoll um den Rest seiner Schützlinge zu kümmern und ich, ich …“ Martin brach ab. Er wirkte hilflos.

Er wurde unvermittelt an eine breite Brust gezogen, starke Arme umfingen ihn. „Schon okay. Ihr werdet in eurem Café bestimmt was da haben, dass ich mir ein Brot machen kann.“ Shawn hatte instinktiv gehandelt, als er gesehen hatte, wie sehr Martin die Situation mitgenommen hatte. „Es ist vollkommen okay, wie du dich fühlst. Jeder reagiert anders. Du hast sowas noch nicht so oft mitgemacht.“

„Und ich will das auch nicht oft mit machen müssen. Ich will, dass jedes Kind, egal wie auch immer es sich ausrichtet, die Unterstützung bekommt, die ihm eigentlich zusteht. Ich möchte mir nicht mehr Sorgen um Kinder machen, als es ihre eigenen Eltern tun. Sie sollten es sein, die nicht schlafen können, nicht essen können, wenn sie nicht wissen, wo ihre Kinder sind.“ Er ließ sich noch ein paar Augenblicke halten, dann blickte er auf. „Aber wenn wir vorher bei mir lang fahren, kann ich meine Vorräte abgreifen, ich will sowieso im Café übernachten. Ich habe Urlaub.“

Shawn ließ die Umarmung um Martin etwas lockerer, aber er ließ ihn nicht los. In den letzten Stunden hatte sich etwas verändert. Er wollte Martin beschützen, ihm seine Sorgen nehmen und ihm helfen, Tim zu finden. „Ja, so sollte es sein, aber leider wird das nicht passieren und darum ist so jemand wie du, so wichtig für diese Kids. Du bist für sie da, wenn sie Hilfe brauchen.“

Martin nickte, schwieg aber noch eine Weile, ehe er sagte. „Lass uns gehen. Einen Kerl mitten vor dem Revier zu knuddeln, wird deinem Ruf nicht gerade zuträglich sein.“ Er löste sich also und ging ein paar Schritte. „Ich kann ein paar Sachen aus dem Frost nehmen und etwas Brot und Aufschnitt habe ich auch noch. Ich glaube, wir kriegen dich satt“, wechselte er also das Thema so abrupt, das Shawn spürte, dass Martin jetzt nicht mehr darüber nachdenken wollte, weil er noch verrückt wurde.

„Mir ist eigentlich ziemlich egal, was man über mich denkt.“ Shawn zuckte die Achseln und folgte Martin zu seinem Wagen. „Okay, plündern wir deine Vorräte und danach fahren wir ins Café. Ich kann heute Nacht auch dort bleiben, wenn du möchtest.“

Martin blickte ihn ein paar Augenblicke über das Autodach hinweg offen an, dann nickte er. „Das wäre schön. So kannst du mich davon abhalten Jerry wahnsinnig zu machen.“ Er grinste schief, doch eigentlich meinte er das völlig ernst. Er ahnte, dass es genauso laufen würde. Also stieg er ein und wieder wanderte sein Blick zu Shawn, er wusste nicht genau warum, aber es war, als hätte er einen Anker gefunden, jemand der Ruhe verbreitete, wenn das Meer um ihn herum tobte, Halt, wenn er glaubte abzutauchen. Und bei den Gedanken schüttelte er den Kopf.

„Was?“, fragte Shaw, erwartete aber keine Antwort. „Also der Plan sieht folgendermaßen aus: Erst zu dir plündern, dann zu mir, ebenfalls plündern und Tasche packen, dann zum Café.“, fasste er die nächsten Aktivitäten zusammen. „Aber erst brauch ich deine Adresse, damit es losgehen kann.“

„Klar“ Martin schnallte sich an, erklärte, wo er wohnte, und dann ging es auch schon los. Es dauerte nicht sehr lange, bis sie seine Wohnung erreicht hatten. Und dabei hatte sich der Kommissar sogar an fast alle Verkehrsregeln gehalten. „Die Ampel war rot, glaube ich“, erklärte Martin und grinste, als sie vor seinem Haus hielten. Doch er schnallte sich ab und stieg aus, suchte in der Hose seinen Schlüssel.

„Die war erst rosa, also noch nicht ganz rot“, schnaubte Shawn und grinste frech. So wie Martin jetzt war, gefiel er ihm viel besser, als deprimiert.

 
05
 

Er folgte Martin in seine Wohnung und sah sich unauffällig um. Das konnte er irgendwie nicht abstellen. Dazu war er zu sehr Polizist. „Nett hier“, murmelte er leise, um das zu überdecken. „Du kannst die üblichen Drogenverstecke checken, was du findest, darfst du behalten. Aber du musst mit mir teilen“, krähte Martin, der in der Küche verschwunden war. Er griff sich seine Kühltasche und stopfte rein, was er finden konnte. Ein paar Tiefkühlpizzen für den Notfall und ein bisschen Aufschnitt. Aus dem Brotfach ein paar frische Brötchen von heute Morgen und dann huschte er weiter in sein Zimmer und wäre fast in Shawn reingelaufen.

Er konnte gerade noch so stoppen. „Konfiszierte Drogen werden nicht geteilt, sondern vernichtet“, lachte Shawn und hielt einen Schokoriegel hoch, den er im Wohnzimmer gefunden hatte. „Du kannst aber bei der Vernichtung helfen, wenn du möchtest.“ Er hielt Martin den Riegel hin, damit er abbeißen konnte, was der auch augenblicklich tat, ehe er zu kurz kam. „Ich würde geständig sein, wenn die Vernichtung so aussieht“, sagte er und ging weiter ins Schlafzimmer, um ein paar Klamotten zu greifen. „Ich habe noch einen Vorrat an Paranüssen, fertig für den Straßenverkauf. Wenn ich die anonym abgebe, kann mir nichts passieren, oder?“ Er deutete auf eine Dose auf dem Nachttisch, da lagerte seine Beute. Er selbst griff sich seine Sporttasche und warf ein paar Kleider rein.

„Ich sollte bei dir wohl öfter Razzien machen.“ Ganz ungeniert ließ sich Shawn auf Martins Bett nieder und griff sich zwei Nüsse aus der Dose. Er liebte Nüsse. „Dreimal die Woche wird wohl unbedingt notwendig sein.“

Lachend wandte Martin sich zu ihm um und betrachtete den fremden Kerl in seinem Bett. Für ein paar Sekunden fand er, dass Shawn da extrem gut hin passte, doch dann schlug er sich mental auf den Hinterkopf. „Ich habe gerade eine ganz dreckige Bemerkung auf Lager gehabt und sie nicht verlauten lassen. Ich erwarte, dass ich dafür damit belohnt werde, dass nur zweimal die Woche Razzia gemacht wird, sonst habe ich ja gar keine Chance das schwer zu besorgende Zeug zu genießen, geschweige denn es überhaupt zu besorgen.“

„Was für eine dreckige Bemerkung?“, fragte Shawn mit hochgezogener Augenbraue. Noch einmal langte seine Hand in die Dose und holte zwei Nüsse raus. Eine verschwand in seinem Mund, die andere hielt er Martin hin. „Du weißt, dass man vor der Polizei die Wahrheit sagen muss. Also wenn du Zeit für deine illegalen Aktivitäten haben möchtest, dann raus mit der Sprache.“

„Ich habe keine illegalen Aktivitäten“, erdreistete sich Martin gespielt und warf seine Tasche neben der Tür auf den Boden, um effektheischend die Arme vor der Brust zu verschränken. „Ich versteck die Sachen einfach wo anders, da kannst du sie nicht mehr finden. Außerdem würde ich die Staatsmacht niemals belügen, höchstens nicht alles sagen – aber das würdest du gar nicht merken.“ Wieder ging ihm sein blöder Spruch durch den Kopf und er grinste dreckig.

„Muss ich dich erst festnehmen?“, knurrte Shawn gespielt und stützte sich mit den Fäusten auf dem Bett auf. „Glaubst du, ich wäre Kommissar geworden, wenn ich nicht wüsste, wenn man mir etwas verschweigt. Also raus mit der Sprache, oder ich buchte dich ein.“

Martin, immer noch die Arme verschränkt hob die Brauen und grinste. Ihm gefiel, was sie spielten. „Das würdest du nicht wagen, einen unbescholtenen Bürger festzusetzen. Ich würde dich umgehend wegen brutaler Polizeigewalt anzeigen“, schoss er zurück. Doch er zuckte, als er Shawns Handy hörte. Fragend blickte er den Polizisten an.

„Nur ein Aufschub“, stellte Shawn gleich klar und holte sein Handy raus. Er sah auf das Display und nach kurzem Stirnrunzeln wusste er, was ihm daran bekannt vorkam. Die gleiche Vorwahl wählte er immer, wenn er seinen Cousin in Irland anrief. „Tims Bruder, hoffe ich“, sagte er und winkte Martin zu sich. „Kommissar Shawn Hennessy“, meldete er sich und stellte dann auf Lautsprecher, damit Martin mithören konnte. Der hatte sich stumm neben ihn gesetzt und schob sich etwas dichter an den Polizisten ran.

>>Alexander Lauer hier<<, sagte Alexander. Man hörte allein an seiner Stimme wie aufgeregt er war. Viel hatten ihm die Polizisten nicht gesagt, nur dass ein Revier in Deutschland mit ihm reden wolle, es ging um seinen kleinen Bruder. Völlig verwirrt war er durch das Haus gelaufen, bis sein Mann ihn gegriffen und auf die Couch gesetzt hatte. Dort hatte er sich ein paar Minuten versucht zu beruhigen, doch wie es schien, hatte das nicht lange angehalten. >>Was ist mit Tim. Wo ist er?<<

„Guten Abend, Herr Lauer, danke dass sie angerufen haben.“ Shawn sah zu Martin rüber, der sich neben ihn gesetzt hatte. „Es tut mir leid, aber leider wissen wir nicht, wo Tim ist. Bei mir sitzt gerade Herr Martin...“ Er sah Martin fragend an, denn bisher war er über Vornamen noch nicht hinausgekommen. „Hinzberger“, flüsterte Martin ihm zu und kam etwas näher. „Herr Martin Hinzberger von dem Café Arche, wo Tim vor ein paar Tagen untergekommen ist. Ein Kollege und ich haben ihn am Bahnhof aufgegriffen, weil er ziemlich übel zugerichtet worden ist. So wie sich herausstellte, hat ihr Vater ihn verprügelt, weil er einen Jungen geküsste haben soll. Nur leider hat er wohl mitbekommen, dass das Jugendamt ihn zurückschicken wollte und ist abgehauen.“

>>Dieser Drecksack<<, war die erste Reaktion und alle wussten, wer gemeint worden war, ohne dass der Name hatte fallen müssen. >>Hat es ihm nicht gereicht, dass … egal. Sie wissen also nicht, wo mein Bruder ist<<, hakte Alexander nach und man hörte neben ihm jemanden sprechen.

„Nein, das wissen wir leider nicht“, sagte Martin, laut genug, dass Alexander ihn hören konnte. „Da er am Bahnhof aufgegriffen wurde, lag der Verdacht nah, dass er vielleicht zu ihnen wollte oder würde ihnen noch jemand einfallen, zu dem er sich verkriechen könnte?“ Man hörte in Martins Stimme, dass er wieder anfing zu verzweifeln.

Sofort legte sich Shawns Arm um ihn und streichelte ihm sanft über die Seite. „Tim hat nicht viel über sich erzählt in den paar Tagen, in denen er im Café war, darum tappen wir vollkommen im Dunkeln, wo er sein könnte.“

>>Leider kann ich ihnen auch nicht helfen, wo er sein. Er hat sich selten bei mir melden können und er hatte auch keine wirklichen Freunde, weil mein Vater das verhindert hat. Sie glauben also, er könnte hierher unterwegs sein?<<

„Das wissen wir nicht, das wäre für mich das Naheliegendste gewesen, weil er am Bahnhof aufgegriffen wurde.“ Dass der Bahnhof auch für anderes bekannt war, verschwieg Martin lieber, das wollte er Alexander nicht antun. „Wenn sie allerdings sagen, dass der Kontakt sehr begrenzt war, kann es gut sein, das wir gar keinen Anhaltspunkt haben.“ Er genoss die große Hand auf seiner Seite und beruhigte sich ein wenig. „Aber alle Behörden sind alarmiert. Sollte er auf einem Bahnhof oder einem Flughafen auftauchen, wird er aufgegriffen und auch die Streifenpolizisten sind alarmiert.“

>>Wir konnten zwar nicht oft miteinander reden, aber wir schicken uns regelmäßig SMS. Er weiß, wo ich wohne, und ich hänge sehr an ihm, schon immer. Wegen ihm, wäre ich vor zwei Jahren fast nicht ausgewandert, weil ich ihn nicht alleine lassen wollte.<< Alexander machte sich offensichtlich ziemliche Sorgen um seinen kleinen Bruder. „Allerdings kann es sein, dass er schon über die Grenze war, bevor wir alle Behörden informieren konnten.“ Shawn wollte Alexander nichts verschweigen.

>>Was soll ich denn jetzt machen? Ich habe schon versucht ihn auf seinem Handy anzurufen, doch das ist aus. Ich nehme mal an, dass es bei meinem alten Sack liegt. Wenn ich hier warte, werde ich wahnsinnig und werde sie wohl ständig mit Anrufen terrorisieren, Mister Hennessy. Aber wenn ich mich in die Spur mache und ihn suche, dann kommt er vielleicht hier her und ich bin nicht da. Kevin kennt er nicht persönlich, ich weiß nicht, ob er bei ihm bleiben würde.<< Wieder hörte man leise Stimmen im Hintergrund und Martin wurde ebenfalls unruhig. Er konnte Alexander nur zu gut verstehen, denn er wusste selber auch nicht, was er machen sollte.

„Rufen sie ruhig an und nennen sie mich Shawn.“ Er streichelte immer noch sanft über Martins Seite und es fühlte sich gut an, den warmen Körper neben sich zu spüren. „Herr Lauer, ich bin mir ziemlich sicher, dass er versuchen wird zu ihnen zu kommen und sie sollten bleiben, wo sie sind, falls er noch versucht sie zu kontaktieren. Warten sie mal einen Moment bitte.“ Er hielt das Mikrofon seines Handys zu und sah Martin an. „Wir beide haben Urlaub. Was hältst du davon, nach Irland rüber zu fliegen und ihn dort zu suchen?“ Hier waren jede Menge Leute darauf angesetzt Tim zu finden und in Irland wären sie die einzigen.

„Ich muss das mit Jerry besprechen. Ich habe Verpflichtungen im Café“, sagte Martin, doch er signalisierte Bereitschaft.

>>Shawn, ich bin Alex. Und wenn sie sagen, es wäre besser hier auf ihn zu warten, dann werde ich das tun<<, hörte es Shawn, auch wenn die Sprechmuschel zugehalten worden war.

„Versuch das bitte gleich zu klären, dann können wir das mit Alex besprechen.“ Er drückte Martin noch einmal kurz an sich, dann nahm er wieder die Hand vom Mikrofon. „Okay, Alex, wir versuchen hier was zu klären und ich weiß, dass es dir sicher schwer fallen muss, einfach zuhause zu bleiben, aber es ist besser so. Ich werde versuchen noch was bei der irischen Polizei zu erreichen, allerdings weiß ich nicht, was dabei rauskommt.“

„Lass dir noch die Nummer geben, damit wir ihn kontaktieren können“, flüsterte Martin und lehnte sich etwas dichter an Shawn. Alex hatte ihn gehört und gab noch seine Nummer durch, die Martin schnell in sein Handy speicherte, ehe sie sich verabschiedeten und auflegten. So saßen Shawn und Martin da und blickten sich an. „Ich pack ein paar Klamotten mehr ein“, sagte Martin und erhob sich, auch wenn es schade war, denn die Nähe war schön gewesen. Jetzt wusste er wieder, warum er eigentlich nur ungern Single war.

„Mach das. Ich werde nachher auch was für ein paar Tage mehr einpacken.“ Shawn sah Martin nach, als er wieder zum Schrank ging. Es war komisch. Wie lange kannte er den anderen Mann jetzt? Noch nicht einmal einen ganzen Tag, wenn man die Zeiten zusammenrechnete, die sie sich bisher gesehen hatten und er hatte das Gefühl, dass es schon ewig war. Er fühlte sich wohl in Martins Nähe, etwas, was ihm bisher nur sehr selten passiert war und das letzte Mal, war bei seiner Exfreundin gewesen. „Wir finden ihn, das verspreche ich dir.“

Martin drehte sich langsam um, einen Pullover in der Hand. „Polizisten dürfen die Bevölkerung nicht anlügen. Also müssen wir dafür sorgen, dass du nicht gelogen hast“, sagte er, doch in seinem Kopf kreiselte es schon. Er wusste nicht, wie lange es dauern würde, Tim zu finden oder überhaupt eine Spur von ihm. Was wenn er gar nicht auf dem Weg nach Irland war, sondern vielleicht ein paar Leuten in die Hände gefallen war, die nichts Gutes mit ihm vor hatten. Er hatte keinen Schimmer wie lange er Jerry im Stich lassen würde. Das setzte ihm zu.

Man sah ihm seine Zerrissenheit an und es versetzte Shawn einen Stich Martin so verzweifelt zu sehen. „Martin, wenn nicht wir daran glauben, ihn zu finden, dann ist das für mich so, als wenn wir aufgeben würden und das kommt gar nicht in Frage.“ Shawn erhob sich vom Bett und kam zu Martin. Er drückte ihm die Schulter und lächelte. Martin lächelte zurück. „Komm, holen wir dein Zeug und lassen uns endlich bei Jerry blicken. Der wird bestimmt auch schon Kreise laufen.“ Ein letzter Blick, doch dann griff Martin seine Taschen, ehe er noch etwas tat, was nicht gut gewesen wäre.

Bei Shawn lief es ähnlich ab. Shawn packte das, was in seinem Kühlschrank war, und Klamotten in eine Tasche. Währenddessen sah Martin sich in seiner Wohnung um und setzte sich wie Shawn bei ihm auf das Bett. Shawn drehte sich zu ihm um und grinste. „Da wäre doch noch eine Frage zu klären, die sich schon in deiner Wohnung aufgeworfen hat und für die ich dich festnehmen wollte. Also was war das für eine freche Bemerkung?“

„Du hast ein gutes Gedächtnis“, lachte Martin und blickte sich unauffällig um. Er sah aber keine Handschellen, die ihm hätten zum Verhängnis werden können. Und so grinste er. „So wie ich dich da habe sitzen sehen und wie viel Spaß du mit den Nüssen hattest, da dachte ich mir, dass man wohl zur Sitte gehen sollte, wenn man bei einer Razzia Nüsse haben will.“ Dann rollte er sich schlagartig über das Bett, um aus dem Einzugsbereich heraus zu kommen.

„Du bist so blöd“, prustete Shawn und ließ sich neben Martin auf das Bett fallen. „Gut, du bist noch mal um die Handschellen herumgekommen. Man sollte bei dir anscheinend aufpassen, was man sagt.“ Er stupste Martin mit dem Ellbogen in die Seite und schüttelte den Kopf. „Zur Sitte, ich fass es nicht.“

„Das sind die einzigen, die ungestraft Nüsse untersuchen dürfen, nehme ich mal an“, lachte Martin und blickte neben sich. Der Anblick würde ihm schon gefallen, wenn er morgens wach wurde. „Außerdem hast du gefragt und ich als gesetzestreuer Bürger habe dem Polizisten, der mich mit Freiheitsentzug bedrohte, nur Folge geleistet. Was der mit dem Wissen anstellt, darauf habe ich keinen Einfluss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das sittenwidriges Verhalten war, das beste Zeichen dafür, dass er nicht bei der Sitte sein kann. Aber seine Begeisterung für Nüsse … hm“ Martin dachte nach und grinste dreckig.

„Stimmt schon, ich liebe Nüsse.“ Shawn grinste nicht weniger dreckig zurück und erhob sich dann schnell. „Besonders, wenn ich sie in einem Bett, zwischen meine Lippen nehmen kann, dann ein wenig an ihnen sauge, um den Geschmack richtig in mich aufzunehmen und dann mit meinen Zähnen darüber schabe. Das ist einfach herrlich.“

Martin, der eben noch dreckig gegrinste hatte, blieb der Mund offen stehen. Denn bevor er es hätte verhindern können, hatte er Kopfkino vom feinsten, das sich auch mit der Fernbedienung nicht ausschalten ließ. Zumal er ja auch nicht wusste, ob Shawn das auch wirklich so zweideutig meinte, wie er es sagte, oder ob er mit dem, was sich in Martins Kopf abspielte gar nichts anfangen konnte.

„Nur haben wir dafür leider keine Zeit“, machte er einen Cut und erhob sich. Er musste wieder runter kommen, denn er spürte das Adrenalin in seinem Blut. Das würde nicht gut enden, wenn das so weiter ging. Außerdem hatten sie ja eigentlich andere Sorgen.

Shawn nickte nur und drehte sich wieder zu seinem Schrank, um noch die letzten Sachen einzupacken. Er wusste, dass er zu weit gegangen war, als er Martins Gesicht gesehen hatte. „Tut mir leid“, murmelte er leise, sah sich aber nicht um. Sie sollten wohl wirklich zusehen, dass sie ins Café kamen.

„Ich hab's provoziert, ich bin selber dran schuld. Es muss dir also nicht Leid tun. Ich muss nur für mich klar ziehen, wo die Grenze ist, ehe ich auf die Idee komme, sie zu überschreiten.“ Er beobachtete Shawn beim Packen und hoffte, dass das, was sie bisher verbunden hatte, nicht zerbrochen war.

Shawn warf das Shirt, dass er in der Hand hatte in seine Tasche und sah dann Martin an. „Keine Sorge, das von gerade hat bei mir keine Grenze überschritten, sonst hätte ich nicht mitgemacht. Ich fühle mich durch solche Sprüche und Blödeleien, oder auch Berührungen nicht bedroht. Sonst hätte ich dich nicht umarmt. Du musst also in meiner Nähe nicht vorsichtig sein und deine Worte auf die Goldwaage legen, ich werde das auf jeden Fall nicht tun.“

Das wird es für mich aber nicht leichter machten, dachte Martin, doch er lächelte. „Okay“, sagte er aber als Signal, das er verstanden hatte und lehnte im Türstock. Shawn zog den Verschluss seiner Tasche zu, verschwand noch einmal in Bad und Küche und dann waren sie auch schon zum Aufbruch bereit. Ihr Weg zum Café lief reibungslos und so nahm sie Jerry bereits an der Tür in Empfang. Im Haus war noch Trubel.

„Ich scheuch die Kurzen ins Bett und du lässt dir von Shawn erzählen, was wir bisher rausgefunden haben. Ich möchte auch einen Kakao mit Sahne.“ Martin grinste frech und dann war er auch schon auf dem Weg nach oben. Jerry guckte fragend auf die beiden Taschen, die Shawn jetzt hoch nahm, besann sich dann aber wieder auf seine Gastgeberpflichten. „Komm mit in die Küche, du kannst mir alles erzählen, während ich Kakao mache. Das ist hier das Allheilmittel für alles.“ Shawn nickte und stellte die Taschen in der Küche ab. „Wir haben Kontakt zu Tims Bruder aufgenommen. Er hat noch nichts von ihm gehört, aber ich glaube, dass Tim zu ihm unterwegs ist. Er lebt in Irland und da fangen unsere Probleme an.“

„Was?“ Jerry, der eben Milch aufsetzte, wandte sich um. „Er hat einen Bruder? Der lebt in Irland? Ihr habt ihn gesprochen und glaubt, der Junge will zu ihm?“, versuchte er zusammenzufassen, ob er das auch wirklich verstanden hatte. „Heißt der zufällig irgendwas mit Lexi?“ Er hob eine Braue, als er sah, wie Shawn Lebensmittel auspackte und begann, etwas zu essen auf den Tisch zu sortieren.

„Er heißt Alexander. Kennst du ihn?“ Shawn begutachtete gerade die beiden tiefgefrorenen Pizzen, die Martin eingepackt hatte und sah sich nach einem Backofen um. Sie waren eigentlich recht gut sortiert, dafür dass sie einfach nur eingepackt hatten, was sie da gehabt hatten. Da gab es Wurst. Käse, Brötchen, Obst und noch mehr. Verhungern mussten sie wohl nicht.

„Ich habe mich mit den Kids unterhalten und Lutz erzählte mir, dass Tim ab und an den Namen Lexi hatte fallen lassen und dass es so geklungen hätte, als wäre er der einzige, der ihn verstehen würde.“ Jetzt machte einiges für Jerry Sinn. Stumm deutete er auf den Backofen und reichte ein Blech, das neben dem Kühlschrank stand, damit die Pizzen in den Ofen verbracht werden konnten.

„Willst du auch hier übernachten oder warum die Taschen?“

„Danke.“ Shawn legte die Pizzen auf das Blech und schob es in den Ofen. „Ich werde auch hier schlafen, aber nur dafür sind die Taschen nicht da. Ich habe Martin vorgeschlagen nach Irland zu fliegen. Er wird dich nachher also fragen, ob du ihn entbehren kannst. Mein Gefühl sagt mir, dass er dorthin unterwegs ist und das hat mich bisher selten getrogen. Außerdem fühlt Martin sich besser, wenn er das Gefühl hat, etwas zu tun.“

Jerry nickte nur. Die Milch immer im Auge lehnte er an der Spüle und blickte auf den Polizisten. „Er reißt mir ein großes Loch, das gebe ich unumwunden zu und ich würde lügen, wenn ich sagte, er wäre entbehrlich.“ Er war froh jemand so Zuverlässigen wie Martin in seinen Reihen zu haben und er senkte den Kopf. „Aber ich weiß auch, dass er hier verrückt werden würde.“ Jerry nahm die Milch vom Herd und goss die mit Kakaopulver bestückten Tassen auf, ehe er Sahne verteilte.

„Es ist deine Entscheidung, ob du ihn entbehren kannst. Ich werde auf jeden Fall fliegen.“ Shawn sah sich um. Er wollte den Tisch decken, aber er wollte nicht einfach alle Küchenschränke durchsuchen. „Zwar haben wir alle Grenzstellen informiert, aber wenn er das Land schon verlassen hat, dann nutzt uns das gar nichts.“

„Glaubst du allen Ernstes der Junge ist innerhalb weniger Stunden über beide Grenzen gekommen? Er hatte doch noch nicht einmal Geld bei sich.“ Jerry überschlug im Kopf, wen er die nächste Woche bitten konnte, für Martin einzuspringen und blieb an Sabine und Hellen hängen. Sie sprangen oft ein. Vielleicht waren sie auch die nächsten Tage kurzfristig zu begeistern, denn er wollte Martin nicht im Weg stehen. Er kannte ihn einfach schon gut genug, um zu wissen, wie er tickte.

„Ich habe schon zu viel erlebt, um diese Möglichkeit ganz auszuschließen. Aber es ist doch eher unwahrscheinlich, dass er das Land schon verlassen hat. Aber leider gibt es viel zu viele Schlupflöcher in unseren Grenzen, die er nutzen kann.“ Shawn hoffte ebenfalls, dass er Unrecht hatte, aber solange sie nicht mit Sicherheit wussten, dass er noch in Deutschland war, ließ er die Möglichkeit nicht fallen.


06
 

„Die Herrschaften sind in ihren Zimmern“, verkündete Martin, als er wieder in die Küche kam und schnupperte. „Ah, Pizza. Gute Wahl des Chefkochs“, nickte er anerkennend zu Shawn, griff aber mit strahlenden Augen nach dem Kakao, der auf der Arbeitsplatte dampfte und nahm auch Shawn eine Tasse mit, ehe er sich setzte. Er sah zwischen den beiden hin und her. „Hab ich bei was unterbrochen?“

„Danke, und nein hast du nicht. Ich habe Jerry nur erzählt, was wir bisher wissen und dass ich vorgeschlagen habe nach Irland zu fliegen.“ Shawn nahm seinen Löffel und begann die Sahne von seinem Kakao zu löffeln. Er hatte seine Mission erst einmal erfüllt. Jetzt war Martin dran mit Jerry zu verhandeln.

„Ah okay, gleich mit der Tür ins Haus“, murmelte Martin und grinste Jerry schief an. „Ich weiß, du hast die Bude voll und brauchst im Moment jede Hand, aber ich würde verrückt werden. Ich muss wissen, wo der Junge ist und je schneller wir ihn finden umso schneller gibt das Amt wieder Ruhe und …“

„Martin, atmen!“, sagte Jerry und griff sich ein Glas Wasser. Er hatte vor ein paar Minuten eine SMS an Sabine geschickt. Sie antwortete gerade.

„Ich werde dich wirklich vermissen, aber wenn du fliegen möchtest, dann flieg. Als Nervenbündel bist du nicht wirklich nützlich.“ Das war natürlich übertrieben und als Martin die Wangen aufblies, musste Jerry lachen. „Martin tu‘ was du für richtig hältst, ich werde dich bei allem unterstützen.“

„Das ist eigentlich mein Satz“, murmelte Martin und sah zwischen Jerry und Shawn hin und her, der gerade die Pizzen aus dem Ofen rettete. „Und wie willst du eine unersetzliche Kraft wie mich ersetzen?“, wollte Martin wissen und Jerry winkte ab. „Sabine springt ein, also mach dir kein schlechtes Gewissen. Flieg und such ihn und bring ihn wieder.“ Er wuschelte Martin durch die Haare und setzte sich mit den beiden an den Tisch.

Shawn teilte die Pizzen in Stücke, so dass jeder sich etwas nehmen konnte. Es gab noch so viel anderes zu essen, dass keiner hungrig bleiben musste. Er selber nahm sich von allem etwas und leckte sich über die Lippen. Er wollte gerade von seiner Pizza abbeißen, als sein Handy klingelte. Mit einem unterdrückten Fluch holte er das Handy aus der Tasche und runzelte die Stirn. „Gina“, sagte er zu Martin und ging dran. Eine Weile hörte man nur verschiedene Brummtöne, mal ein ja, mal ein nein und ein danke, bevor Shawn wieder auflegte. „Tim ist auf dem Weg nach Irland. Er ist von Dortmund geflogen, bevor wir unsere Suchmeldung rausgegeben haben.“

„Was?“, fragte Martin irritiert und seine Gabel klapperte auf den Tisch. Jerry ging es nicht anders. „Woher wissen sie das und wie kam er dort hin? Er muss doch Geld für ein Ticket haben, von wo ist er geflogen und wo hat der Junge das Geld her?“ In Martins Kopf kreiselte es. Er hatte unschöne Bilder darüber, wo der Junge das Geld her haben konnte. Das machte es ihm nicht gerade leichter ruhig zu bleiben. „Rede doch, Mensch, Shawn!“

„Ganz ruhig, Martin. Bei unseren Anfragen lassen wir auch checken, ob der Gesuchte vielleicht schon geflogen ist. Das ist er vom Flughafen Dortmund und so wie es aussieht hatte er Glück im Unglück und hat noch einen Platz in einem Billigflieger bekommen, die den Flieger voll bekommen wollten. Es hat also nicht wirklich viel gekostet. Woher er das Geld allerdings hatte, weiß ich leider auch nicht.“ Shawn versuchte Martin zu beruhigen, doch leider gelang ihm das nicht wirklich. Das sah man deutlich an dessen Gesicht.

„Fahrt ihm nach. Ich hoffe die irischen Behörden werden euch helfen“, sagte Jerry und strich Martin über den Arm.

„Wir müssen seinen Bruder anrufen, dass der Junge auf dem Weg ist. Wo wird er landen? Das muss Alexander wissen. Vielleicht kann er ihn aufgreifen lassen?“

„Ich fahre zum Präsidium und kümmer mich um alles, aber erst muss ich was essen.“ Shawn drückte Martin wie so oft schon an diesem Tag die Schulter und lächelte aufmunternd. „Ich rufe Alex an und buche Flüge für uns. Soll ich den nächstmöglichen nehmen?“ Jetzt endlich biss er in sein Pizzastück und brummte begeistert. Endlich was für seinen Magen.

„Ihr werdet heute keine Flüge mehr bekommen, der erste wird dann morgen früh gehen, Martin“, sagte Jerry, der aus dem Augenwinkel bemerkte, wie sein Freund schneller aß und dabei war aufzuspringen. „Ich würde sagen, macht es, wie Shawn gesagt hat. Er bucht den ersten Flug morgen früh, sammelt noch ein paar Infos und benachrichtigt den Bruder. Jetzt habt ihr eine Spur. Ihr werdet ihn finden.“

„Er ist jetzt allein auf einer fremden Insel“, murmelte Martin, musste aber zugeben, dass sein Freund recht hatte. Er grinste ihn schief an.

„Komm her“, nuschelte Shawn mit vollem Mund und zog Martin mit einem Arm an sich, während er weiter aß. „Martin, Tim scheint clever zu sein. Er hat es bis Irland geschafft, dann gehe ich davon aus, dass er es auch noch bis zu seinem Bruder schafft. Ich werde tun was ich kann, damit er heil dort ankommt.“

„Und auf jeden Fall noch den Bruder anrufen“, drängte Martin, auch wenn er sich schlecht dabei fühlte, Shawn zu drängen. Also lehnte er sich etwas gegen ihn und ignorierte Jerrys gehobene Braue. Er fing endlich selber an zu essen, denn er konnte jetzt auch nichts machen und wenn er dann plötzlich Hunger hatte, wenn er es nicht gebrauchen konnte, dann sollte er sich lieber jetzt noch den Bauch vollschlagen. Dabei nippte er immer wieder an seinem Kakao. Er brauchte jetzt Zucker.

Da es Martin so wichtig war, rief Shawn gleich Alex an und erzählte ihm, was sie bis jetzt wussten. „Sein Flieger ist gelandet, leider wissen wir nicht, wie er jetzt zu dir kommen will. Ob er einen Überlandbus oder die Bahn nimmt. Martin und ich fliegen morgen früh, ich geb dir durch, wann wir ankommen.“

>>Okay, danke Shawn<<, sagte Alexander und holte tief Luft. Man spürte, dass er angespannt war, doch man hörte auch die Erleichterung in der Stimme, dass sie die Spur seines Bruders wiedergefunden hatten. >>Scheut euch nicht, auch nachts anzurufen. Ihr habt meine Handynummer. Ich arbeite in einem Büro und kann morgen Homeoffice machen, das habe ich schon geklärt. Ich werde also da sein, wenn er wirklich hier ankommt.<< Man spürte aber auch, dass es Alexander nicht leicht fiel, sich nicht in den Wagen zu setzen und Tim suchen zu fahren.

„Scheu dich auch nicht jederzeit anzurufen, wenn du was von Tim hörst. Wir sehen uns wohl morgen.“ Shawn legte auf und sah zu Martin. „Beruhigt?“, fragte er und strich weiter über Martins Seite. „Ich mach mich jetzt in die Spur. Ich weiß nicht, wann ich wiederkomme. Soll ich anrufen, damit mich einer rein lässt?“

„Ich warte“, sagte Martin gleich, doch Jerry übernahm die Regie. Wenn sich Martin aufführte wie einer seiner Schützlinge, dann wurde er auch so behandelt. „Nichts da, junger Mann. Du gehst ins Bett und schläfst dich aus. Wenn sich Shawn schon die halbe Nacht um die Ohren schlägt, bist du bitte morgen früh fit, damit du fahren kannst. Und komm gar nicht erst auf die Idee zu diskutieren, sondern iss auf und geh ins Bett.“ Dann grinste er und knuffte Martin, der den Kopf hängen ließ. „Komm, Süßer, du brauchst Ruhe. Du läufst seit Stunden am Limit. So kannst du Tim keine Hilfe sein.“

„Ja, du solltest schlafen.“ Shawn küsste Martin auf die Schläfe und machte sich dann los. „Bis später.“ Er nahm sich noch einen Apfel, der auf dem Tisch lag und rieb ihn an seinem Pullover. „Wo soll ich anrufen? Und nein, Martin, dich rufe ich nicht an, du sollst schlafen.“ Shawn hatte richtig Spaß daran, denn er grinste breit.

„Typisch Polizeistaat“, knurrte Martin gutmütig, aß aber weiter, während Jerry schnell seine Handynummer notierte und sie Shawn zusteckte. Er versuchte die Nähe zwischen den beiden jungen Männern zu deuten. Doch er würde Martin jetzt ganz bestimmt nicht fragen. Aus dem bekam er heute keinen vernünftigen Satz mehr raus. „Keine Sorge, Herr Hennessy, ich bringe den kleinen Stinker gleich ins Bett. Sie können unbesorgt zur Nachtschicht aufbrechen“, konnte er sich aber doch nicht verkneifen, denn so bekam man Martin noch am ehesten aus der Reserve.

„Danke, Herr Salewsky. Ich bin ihnen sehr verbunden, dass sie sich um meinen Kleinen kümmern.“ Shawn nahm den kleinen Zettel entgegen und wuschelte Martin noch einmal durch die Haare, während er Jerry zuzwinkerte. „Schließlich sind wir die Rettungstruppe. Rettungstruppe aufi und du gehst ins Bett.“ Lachend tippte er sich an die Stirn und machte sich auf den Weg. Er wollte nicht so spät zurück sein.

„Blödmann“, knurrte Martin, als die Tür zu war, „und du auch!“ Damit war Jerry gemeint, der sich daran aber nicht störte. Er war erleichtert, dass es von Tim eine Spur gab, er hatte es im Gespür, dass das alles gut ausging. Das war ein kleiner Lichtblick.

„Red nicht, iss. Ich habe dem Beamten versprochen, dich umgehend einzuschläfern und ich werde nicht zulassen, dass ich wegen dir als Polizistenbelüger dastehe. Hab keine Zeit für Knast, also husch“, grinste er.

Martin grummelte etwas Unverständliches und aß auf. Er war wirklich müde, aber er bezweifelte, dass er schlafen konnte. Er räumte mit Jerry den Tisch ab und wollte noch das Geschirr spülen. Allerdings kam da wieder Jerry auf den Plan und scheuchte ihn in sein Zimmer.

„Dein Kommissar buchtet mich ein, wenn ich nicht endlich dafür sorge, dass du schläfst. Martin, geh jetzt bitte ins Bett.“ Er strich seinem Freund noch einmal über die Schulter und lächelte und Martin folgte. Er ging in das Zimmer und verschwand noch mal schnell im Gemeinschaftsbad. Doch dann legte er sich hin und zog die Decke über den Kopf. Doch es kam wie es kommen musste, er konnte nicht gleich schlafen und so zog der Tag wie ein Film an ihm vorbei – und das Thema war nicht etwa die Suche nach Tim, das Thema war Shawn.

Immer wieder sah er ihn vor sich. Wie er konzentriert am PC arbeitete, wie er telefonierte oder wie er Martin lächelnd im Arm hielt. Sie kannten sich kaum, aber Martin fühlte sich bei Shawn sicher, obwohl er ihn kaum kannte. Plötzlich musste er kichern. Okay, er war ihm schon mal ziemlich nah gekommen, aber das zählte wohl nicht. Und auch wenn es nicht zählte, der große Kerl war verdammt bequem!

Wieder kam ihm ihr kleiner Nuss-Disput in den Sinn und Martin lief es heiß den Rücken runter. Die Bilder, die Shawns Worte gezeichnet hatten, kamen mit gleicher Intensität zurück. Martin stöhnte leise. „Der Kerl geht mir unter die Haut, das ist der pure Wahnsinn.“

Doch sein letzter Gedanke galt nicht Shawn, als er einschlief sondern Damian. Er musste sich morgen unbedingt abmelden, sonst warteten sie auf ihn.

 

„Danke, Mann.“ Shawn schlüpfte in das Café und schloss die Tür hinter sich gleich wieder. Es war schon nach Mitternacht und er war müde. Zumindest hatte er viel erreicht. Er hatte zwei Flüge für morgen - nein heute früh um 10 Uhr ergattern können und auch mit der irischen Polizei gesprochen. Sie würden die Augen nach Tim aufhalten und wenn sie ihn fanden, wurde er zu seinem Bruder gebracht. Das war das Beste, was er auf die schnelle hatte organisieren können. „Geh jetzt auch besser ins Bett, Jerry. Ich habe Flüge für 10 Uhr und stell mir den Wecker. Jetzt brauch ich nur noch ein Bett, das wäre toll.“

„Ich glaube, Martin hat deine Tasche mit in sein Zimmer geschleppt. Du kannst bei ihm schlafen, es ist ein Dreibett-Zimmer. Die Einzelzimmer sind momentan alle belegt“, sagte Jerry und strich sich über die Augen. Er war froh auch endlich ins Bett zu kommen, doch so intensiv wie sich Shawn um ihren ausgebüchsten Schützling sorgte und bemühte, konnte Jerry ihm nichts abschlagen.

„Okay. Sag mir einfach, wo ich das Zimmer finde und wo das Bad ist, dann bin ich weg, so schnell kannst du gar nicht gucken.“ Wie zur Untermalung seiner Worte musste Shawn gähnen. Die Aussicht endlich schlafen zu können, war himmlisch.

„Komm mit.“ Jerry löschte unten überall das Licht. Abgeschlossen hatte er schon. So stiegen sie die Treppe nach oben und Jerry deutete auf eine Tür. „Da ist das Bad. Handtücher liegen im Regal. Und dort“, seine Hand wies auf eine andere Tür, „die 17 ist das Zimmer. Schlaf gut und danke für alles.“ Jerry nickte Shawn zu und ließ ihn allein.

Als erstes ging Shawn ins Bad. Er brauchte eine Dusche. Darum sprang er kurz unter das warme Wasser, trocknete sich ab und fluchte leise. Er hatte nicht daran gedacht eine neue Shorts mitzunehmen. Musste es eben die alte noch einmal tun. Im Dunkeln, weil er Martin nicht wecken wollte, tastete sich Shawn zu einem Bett vor. Vorsichtig tastete er die Matratze ab. Anscheinend war das Bett frei, darum schlüpfte er unter die Decke und schloss die Augen, schoss aber gleich wieder hoch. Er musste doch noch den Wecker stellen. Er kramte sein Handy aus seinen Sachen und stellte die Weckzeit ein. Jetzt konnte er endlich die Augen zu machen.

„Lieg still“, knurrte es neben ihm, als sich die Decke regte. Martin robbte weiter ans Ende des Bettes. Wie fast jedes Bett im Haus war es eine Spende. Es war ein breites Singlebett so dass zwei Personen darin Platz haben konnten. Martin zog seine Decke höher und schlief weiter.

„Sorry. Schlaf gut.“ Shawn musste grinsen. Anscheinend war das Bett, dass er sich ausgesucht hatte, doch nicht leer. Vorsichtig legte er sich bequem hin, da Martin es wohl nicht mochte, wenn das Bett zu sehr schaukelte. Er legte sich auf die Seite und es dauerte nicht lange, bis er in den Schlaf abglitt.