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Spiel und Ernst - Teil 10-12

10 

Als sie den Flughafen hinter sich gelassen hatten, hatte Shawn sich wieder an den Linksverkehr gewöhnt und er griff nach Martins Hand, um sie sich auf das Bein zu legen. Dann konnte er ab und zu darüber streicheln. „So jetzt suchen wir dir einen Fotoladen, damit du Aidan fotografieren kannst.“

„Ihn, und nur ihn!“, lachte Martin, wusste aber, dass das nicht stimmen würde. Er strich seinem Schatz über das Knie, dann schlug er sich gegen die Stirn. „Mist, ich hab Damian vergessen!“ Schnell suchte er sein eigenes Handy, was immer noch aus war. Er musste sich wenigstens abmelden, denn er hatte gestern schon ihre Runde versäumt ohne sich abzumelden und die nächsten Tage würd er auch nicht teilnehmen. Schnell tippte er eine SMS. Daraus wurden drei, in denen er kurz erklärte, was passiert war und wo er jetzt gerade war.

„Schick doch auch Jerry eine SMS, dass es Tim gut geht. Er macht sich doch auch Sorgen.“ Während Martin seine SMSs tippte, hielt Shawn nach einem Fotoladen Ausschau und als er einen entdeckt hatte, setzte er gleich den Blinker und suchte einen Parkplatz.

„Ich hätte Jerry fast vergessen, das kann doch nicht wahr sein“, sagte Martin leise und fühlte sich schlecht dabei. Er hatte wirklich schon vergessen, aus welchem Grund sie heute Morgen nach Dublin geflogen waren. Kaum zu glauben, wie schnell und wie intensiv er sich von Shawn ablenken ließ. Aber er hatte seinen Freund jetzt informiert und blickte auf, als Shawn den Motor ausstellte. „Ah – Fotoladen!“

„Husch, raus, sonst ist Aidan enttäuscht.“ Hand in Hand gingen sie zu dem kleinen Laden und Shawn übernahm die Verhandlungen, nachdem Martin ihm erklärt hatte, was er suchte. Sie ließen sich mehrere Modelle zeigen, damit Martin sich das für ihn passende aussuchen konnte. Schlussendlich war er mit sich selbst übereingekommen, dass das Schätzchen, was er zu Hause hatte, auch nicht gerade das neueste Modell war, der Zoom ließ zu wünschen übrig und der Makrobereich war gar nicht abgedeckt. Er war also bereit etwas tiefer in die Tasche zu greifen und besorgte sich eine Kamera, die mehr abdeckte, dazu ein Ladegeräteadapter für den Zigarettenanzünder im Wagen, eine Karte und einen Reserve-Akku, so dass er gleich loslegen konnte, sobald sie da waren. Er zahlte mit Karte, weil er nicht so viel Bargeld bei sich hatte und dann war er stolzer Besitzer einer neuen Kompaktkamera.

„Schönes Teil“, sagte Shawn, als sie wieder unterwegs waren und Martin seine Neuanschaffung inspizierte. Er fand es ein wenig schade, dass nun keine Hand mehr auf seinem Bein lag. „Wir fahren ungefähr neunzig Minuten bis zu meinen Großeltern. Wenn du unterwegs deine Kamera ausprobieren willst, halten wir an.“

„Ich muss erst mal den Akku vollständig laden, das kann also noch etwas dauern“, sagte Martin. Er steckte alle Kabel dahin, wo sie hin gehörten und packte seine neue Kamera in das Handschuhfach. Dort kann sie sich satt futtern und fiel nicht runter, wenn gebremst oder angefahren wurde. Und er hatte seine Hände wieder frei. Was machte er nur damit. Auffällig wedelte er mit seinen nutzlosen Händen herum. „Was soll ich nur neunzig Minuten lang mit diesen fleischigen Dingern hier anstellen?“, fragte er sich selbst halblaut, grinste aber dabei.

„Ich wüsste da einiges, was aber jetzt nicht wirklich praktikabel ist, weil zu gefährlich.“ Shawn lachte und fing Martins rechte Hand ein und hauchte einen Kuss auf die Handfläche. „Ich bin dafür, dass du sie wieder auf mein Bein legst, da kann ich sie streicheln und das ist nicht zu gefährlich.“

„Gut, dann machen wir das“, nickte Martin und war zufrieden. Er lehnte sich in seinem Sitz etwas zurück, strich immer mal über Shawns Bein, aber nur vorsichtig um nichts anzurichten, was stören könnte und betrachtete die Landschaft, als sie Dublin verlassen hatten. So fuhren sie und fuhren. Ab und an sah Martin auf die Karte, die im Wagen lag, um zu sehen, wo sie waren.

Shawn konnte zwar nicht so intensiv wie Martin auf die Landschaft achten, aber das war nicht schlimm. Er war den Weg schon so oft gefahren, dass er auch so wusste, wie es um sie herum aussah. Als sie von der Autobahn auf die Landstraße wechselten, ließ er das Fenster runter und atmete tief ein. Es war noch nicht einmal so, dass die Luft so viel anders als zuhause roch, aber jedesmal wenn er in Irland war, fiel aller Stress von ihm ab und er fühlte sich frei. Hier konnte er ausspannen.

Auch Martin ließ sich den Wind um die Nase wehen und ein Blick auf die Uhr ließ ihn vermuten, dass sie bald da sein mussten. Außerdem war die Landschaft mittlerweile sehr ländlich geworden. Nur selten durchfuhren sie noch Ortschaften, es standen nur noch vereinzelte Höfe, einige im traditionellen Stil erbaut und erhalten, andere modern, wie er sie vom Festland kannte. Doch er musste zugeben, dass er den alten Stil mit den Reetdächern und den dicken gekalkten Mauern aus Feldstein mehr abgewinnen konnte. Er war gespannt, wie die Hennessys wohnten. „Sind wir bald da?“, fing er dann aber doch kichernd an zu quengeln.

„Gleich, Schatz“, spielte Shawn mit und strich streichelnd über Martins Hand. Er war aufgeregt, denn er hatte seine Großeltern fast ein Jahr nicht gesehen. Er hatte immer fahren wollen, aber dann war etwas dazwischen gekommen und er hatte seinen Urlaub gecancelt. „Noch 10 Minuten.“

„Richtige Minuten oder Quängel-Kinder-ruhig-stell-Minuten?“, wollte Martin sicherheitshalber mal erfragen, nicht dass er sich freute und dann waren sie noch sieben Stunden auf der Piste. „Sind wir hier richtig?“, kicherte er und sah noch einmal auf seine Karte, als müsste er das erst mal überprüfen.

„Richtige Minuten, alles andere wäre doch gemein.“ Shawn kicherte, als er aus den Augenwinkeln sah, wie Martin Ihre Fahrstrecke auf der Karte mit dem Finger abfuhr. Es waren sogar nicht mal zehn Minuten, sondern nur fünf, als Shawn auf einen schmalen Weg abbog. „Willkommen bei den Hennessys“, sagte er und fuhr auf das idyllisch gelegene Cottage zu, in dem seine Großeltern wohnten.

„Wir sind da?“ Martin legte die Karte weg und sah sich um. Es war schön hier, und so grün und da war auch ein Haus wie aus dem Bilderbuch entsprungen. Weiße Wände, die davon zeugten, dass sie nicht ganz gerade waren und ein herrliches Reetdach, wie es aussah vor kurzem erst neu gedeckt. Neben dem Haus fügten sich ein paar weitere Gebäude in die Landschaft vor der großen Baumgruppe.

Sie wurden wohl schon erwartet, denn ein älteres Ehepaar kam aus der Eingangstür und winkte ihnen zu. Mit ihnen kamen auch zwei große, irische Wolfshunde aus dem Haus, die auf sie zugelaufen kamen. Shawn winkte zurück und kaum, dass er den Wagen geparkt hatte, öffnete er die Tür und die Hunde stürzten auf ihn zu und begruben ihn fast unter sich. Der Polizist lachte und knuddelte die großen Tiere, die sich sichtlich freuten ihn zu sehen. „Steig ruhig aus, Schatz. Sie sind ganz lieb aber mach dich darauf gefasst, dass du genauso enthusiastisch begrüßt wirst.“

Doch da war es schon zu spät. Martin kam noch nicht einmal dazu die Tür anzufassen, um sie zu öffnen, da hatte er schon eines der großen Tiere auf seinem Schoß, das ihn begrüßte, beschnüffelte, seinen struppigen Kopf an ihm rieb und mit seinem ganzen Gewicht den jungen Mann ins Polster drückte. Sie waren weder klein noch leicht, wie hatte Shawn lachend zwei davon auf seinem Schoß ertragen können? Martin keuchte schon unter einem. Doch weil der Hund ihn freudig begrüßte und mit seinem Schwanz alles vom Armaturenbrett fegte, schob er die Hände in das struppige Fell und lachte auch, und achtete weniger auf das ältere Ehepaar, das schimpfend auf den Wagen zugelaufen kam, um den Gast zu erlösen.

„Sandy, Rocky get out of the car“, rief Shawns Oma und griff sich das Riesenvieh, das auf Martins Schoß saß am Halsband. Mit etwas Kraft zog sie daran und endlich wurde das Gewicht von ihm genommen. „I‘m so sorry“, sagte die ältere Dame und lächelte entschuldigend.

„Not to worry, everything’s fine“, entgegnete Martin automatisch und sah den beiden Hunden hinterher, die mit gesenkten Köpfen davon trotteten, sich aber immer wieder umsahen. Martin stieg aus dem Wagen und begrüßte die Herrschaften höflich, doch irgendwie schien er gleich in die Familie integriert, denn nun wurde er an ein liebend Großmutterherz gezogen und geknuddelt, während Shawn seinen Großvater begrüßte.

„Wie schön, dass du uns mit Shawn besuchen kommst. Ich bin Aine und das ist mein Mann Brady. Kommt rein, ich habe etwas zu Essen gemacht.“ Aine hakte sich bei Martin ein und strahlte. Man sah deutlich die Familienzugehörigkeit zwischen ihr und Shawn und ihre inzwischen etwas ergrauten Haare, waren früher wohl auch rot gewesen. Martin widersprach nicht, sondern ließ sich geleiten. „Danke, ich bin auch froh, dass ich hier sein darf. Shawn hat mir schon ein bisschen was erzählt, aber es ist wirklich sehr idyllisch hier. Wenn man aus Bochum kommt, ist das fast ein Kulturschock“, kicherte er und sah sich weiter um. Auf einer Bank vor dem Cottage in der Sonne lag eine Katze. Sie hatte auch schon ein paar graue Haare im schwarzen Fell und fauchte, als eine der großen Hundenasen sie beschnüffelte. Dann döste sie weiter. Über den kleinen Hof, den die Gebäude bildeten, huschten hektisch Hühner, weil Sandy wohl ihren Frust loswerden musste und deswegen die Hühner und Gänse scheuchte.

„Bin ich jetzt abgeschrieben, Granny“, schmollte Shawn, als seine Oma mit Martin ins Haus gehen wollte. Sie drehte sich um und tat überrascht. „Shawn, du auch hier? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich natürlich begrüßt. Konnte ich doch nicht ahnen, dass Martin dich mitbringt.“ Aber entgegen ihrer Worte, breitete sie ihre Arme aus und ließ sich lachend von Shawn umarmen und hochheben. Martin stand da und lachte leise, wurde aber von Opa Brady ebenfalls herzlich begrüßen. Die Gunst der Unaufmerksamkeit versuchten Rocky und Sandy zu nutzen, um den Neuen noch etwas ausgiebiger zu beschnüffeln. Schließlich verwirrten sie ihn. Er roch wie Shawn, das war doch nicht möglich. Das bedurfte intensiverer Untersuchung.

Sie drängten ihr Herrchen beiseite und strichen um Martin herum. Sie versuchten an ihm hochzuspringen, was Brady aber verhinderte. „Ihr könnt ihn beschnüffeln, aber mehr auch nicht“, wurden die Hunde angeknurrt, die gleich die Schwänze einzogen und winselten. Was aber nicht hieß, dass man sich nicht trotzdem eng an Martin drängen konnte. Und so schnüffelten sie ausgiebig. Und um festzustellen, ob er oben genauso roch wie unten musste man an ihm hochspringen – war doch ganz klar! Aber nur einmal, dann wurden sie endgültig verscheucht und vorbei war’s mit der Schnüffelei. Martin lachte laut und strauchelte auf die Bank, wo ihn die alte Katze aber anfauchte, so dass er einen Satz machte und Shawn fast in die Arme sprang. Das Geräusch kannte er von der Katze seiner Tante und die war bissig und kratzig und grundlegend missgestimmt.

„Hey, Lissy, nicht so böse“, sagte Shawn sanft und nahm die alte Katze hoch. Er kraulte sie zwischen den Ohren und unter dem Kinn und sie fing an zu schnurren. „Versuch das bloß nicht. Das darf nur Shawn. Jeder andere hätte schon blutige Striemen überall.“ So war es schon immer gewesen, seit sie Lissy als kleines Kätzchen bekommen hatten. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt nur Shawn zu mögen und das hat sie durchgezogen. Sie ließ sich maximal kurz über den Rücken streichen als Geste des Dankes, wenn man sie fütterte, sonst sollte man sich lieber von ihr fern halten. Und so fuhren sie alle sehr gut.

„Aber den kleinen Kerl kannst du streicheln. Er ist noch neu. Alaster drüben hatte n‘ Wurf und ich brauche ja eine Katze, die Mäuse jagt. Lissy ist dafür nicht mehr zu überzeugen. Also wohnt jetzt Tippi bei uns und ist sehr verschmust und sehr verspielt. Brady glaubt, dass er die Mäuse einmal zu Tode kuscheln wird“, sagte Aine und lockte das kleine getigerte Tier zu sich.

„Och, ist der süß!“ Martin hockte sich hin und versuchte Tippi zu locken, schnell hatte er Erfolg.

Tippi ließ sich auf den Arm nehmen und kuschelte sich gleich in Martins Arme. „Was sag ich, der kann doch keiner Fliege was zuleide tun“, lachte Brady und schüttelte den Kopf. „Aber jetzt kommt rein, das Essen wird auch nicht wärmer, je länger es auf dem Tisch steht.“ Es gab schließlich sein Lieblingsessen: Irish Stew und zum Nachtisch Blaubeerkuchen.

„Und das Pferd?“, murmelte Martin, aber nur ganz leise, Tippi weiter beschmusend. Doch er folgte ins Haus. „Alaster bringt ihn in einer Stunde. Da sollten wir mit dem Essen fertig sein, damit wir ihm beim Ausladen helfen können. Je mehr desto besser“, sagte Brady und grinste. Er grinste schon seit Wochen, seit Monaten! Seit er den jungen Hengst gekauft hatte.

„Kindskopf“, lachte Aine und strich ihrem Mann über die Wange. Sie freute sich, dass Brady sich einen Traum verwirklichen konnte und sie war ja auch ganz vernarrt in den jungen, schwarzen Hengst. Er war so groß und stark, aber mit einem sanften Wesen, das sie sofort für ihn eingenommen hatte. Und er hatte so neugierige Augen, alles konnte ihn interessieren. Es würde noch eine Stück Arbeit werden, das Kraftpaket an die Arbeit vor dem Pflug zu gewöhnen, ohne dass er rechts und links ausbrach, um etwas zu untersuchen. Doch dann war Brady wenigstens beschäftigt.

Sie verschwanden einer nach dem anderen im Bad um sich die Hände zu waschen, das praktischerweise gleich neben der Haustür lag. Man merkte, dass das Haus früher von Landarbeitern bewohnt worden war. Es war praktisch hergerichtet. Martin, dem Tippi weiter um die Beine strich, sah sich um. Das Bad war spartanisch und nur auf den ersten Blick in der Zeit zurück geblieben. Auf dem zweiten Blick entdeckte er hinter einer gemauerten und gekalkten Verkleidung den Boiler für warmes Wasser, auch die Toilette sah nur aus wie ein altes Plumpsklo, hatte aber Wasserspülung. Auch die Dusche wirkte alt und das Waschbecken, doch alles war technisch auf dem letzten Stand. Martin war hellauf begeistert bei der Liebe zum Detail.

Als er rauskam, lief er in Shawn hinein, der vor der Tür auf ihn wartete und ihn gleich an sich zog. „Hoppala“, lachte er und küsste Martin. „Komm, der Tisch in der Küche ist gedeckt und Grappy ist schon ganz zappelig, weil er Hunger hat.“ So blieb Martin nur ein flüchtiger erster Blick. Doch der reichte. Das Wohnzimmer war überraschend klein und karg eingerichtet, und doch wieder sehr gemütlich. Das Zentrum bildete an der Wand ein riesiger Kamin, er war kniehoch, um ihn leichter befeuern zu können, einen Meter tief und eine Meter breit. Davor stand eine Couch aus Baumstämmen und Polstern, sehr rustikal und doch einladend. Viel mehr fand sich hier nicht. Aber ein Blick in die Fenster offenbarte, wie dick die Wände waren. Die Fenster brauchten keine Fensterbretter, denn die halbmeterdicken Mauern sorgten dafür, dass man auch so die antiken Petroleumlampen dort hinstellen konnte.

Aber dann hatte ihn Shawn auch schon in die Küche gezogen und auf einen Stuhl gesetzt. Aine schöpfte gerade den Eintopf auf.

Die Küche war eindeutig das Zentrum des Hauses. Sie war groß und gemütlich mit einem schweren, riesigen Tisch in der Mitte, an dem mindestens zwölf Personen Platz finden konnten. „Das riecht köstlich, Granny, wie immer.“ Shawn leckte sich über die Lippen, als sein Teller gefüllt wurde. Keine kochte Irish Stew so gut wie seine Oma und dazu gab es ihr selbstgebackenes Brot. Auch Martin leckte sich über die Lippen, lachte leise, als er Tippi um seine Beine streichen spürte und ließ ihn auffällig unauffällig auf seinen Schoß springen, wo er aber nicht auf den Tisch hüpfte, sondern sich nur zusammenrollte und anfing zu schlafen. „Süßes Vieh“, murmelte Martin und nahm sich Brot, das sah nicht nur lecker aus, das war auch lecker, wie er nach einem herzhaften Biss feststellte.

„Und er mag dich.“ Shawn strich einmal über Tippis Köpfchen, der sich aber nicht stören ließ. Aber dann langte er auch zu und verputzte seine Portion in Rekordzeit. Sein Teller wurde gleich wieder gefüllt und an dem Blick seiner Oma konnte man sehen, dass sie sehr zufrieden war, dass es offensichtlich allen schmeckte, denn auch Martin bekam eine zweite Portion. Da bewahrheitete es ich einmal mehr, dass die einfachsten Sachen oft die besten waren.

Als kaum noch etwas in die Bäuche passte, wurde der Kuchen verteilt und wieder schlugen alle zu, weil es verlockend roch und noch besser schmeckte. Und dann wollte Martin nur noch platzen, als er sich im Stuhl zurück lehnte und das Lob an die Köchin gab.

„Granny, das war fantastisch.“ Shawn leckte sich noch einmal über die Lippen und öffnete den Knopf seiner Jeans. Das war dringend notwendig. Er hatte eindeutig zu viel gegessen, aber das passierte ihm immer, wenn er bei seinen Großeltern war. „Ich glaube nicht, dass ich helfen kann, wenn Aidan kommt. Die nächsten Stunden kann ich mich sicher nicht mehr bewegen.“

„Los, Tippi, jag ihn um den Tisch!“, sagte Martin lachend und sah den kleinen Tiger an. Doch der guckte nur hoch, gähnte und rollte sich fester zusammen. Martin ließ den Kopf hängen. „Aber Shawn hat Recht, das war wirklich sehr lecker. Aber ich glaube für ein Pferd habe ich immer noch Energie.“ Er konnte es nicht vermeiden, er als Großstädter war schon ganz aufgeregt auf das Tier.

„Also, wenn Grappy einen von seinem guten Whiskey rausrückt, dann könnte es sein, dass ich wieder fit bin, bis das Pony kommt.“ Shawn grinste breit und sein Großvater sprang auf. „Bin schon unterwegs“, rief er und holte die Whiskeyflasche und vier Gläser. Dass seine Frau auch einen nahm, wusste er, aber Martin sah er fragend an. „Auch einen zur Verdauung?“

„Klar, warum nicht“, sagte der und strich Tippi durch das weiche Fell. Der kleine Kater ließ es passieren und schnurrte wie ein pelziger Mini-Traktor. Er war ganz fasziniert und hatte gerade beschlossen, den kleinen Kerl heute Nacht heimlich mit ins Bett zu nehmen. Doch erst einmal stießen sie alle vier an und tranken den Schnaps. Martin hustete und machte große Augen. „Hausmarke?“, fragte er und stellte das leere Glas auf den massiven Holztisch.

„Gut erkannt.“ Grappy schüttete sich und Shawn noch einen ein und auch Martin bekam sein Glas noch einmal gefüllt. „Auf einem Bein kann man nicht stehen.“ Der zweite wurde auch immer genossen und nicht runtergekippt wie der erste. Alle horchten auf, als ein Wagen die Auffahrt hochkam.

 

11 

„Aidan ist da“, rief Shawns Großvater und sprang schon wieder auf. Er hinterließ nur noch eine Staubwolke, die langsam hinter ihm zuschnappte und der ganze Tisch lachte leise. Martin allerdings machte auch einen langen Hals, leerte sein Glas und kam in einen kleinen Disput mit Tippi, der erst zufrieden war, als er auf die Couch gelegt worden war. Dort konnte er weiter schlafen. Martin war dann der zweite vor dem Haus, der ungläubig dabei zusah, wie ein Kleinwagen einen riesigen Hänger hinter sich her zerrte.

Der Fahrer hatte Mühe den Wagen zu parken, weil Brady herum wuselte und ständig im Weg stand. Schließlich wurde der Wagen einfach ausgemacht und Alaster stieg kopfschüttelnd aus. „Sag mal, soll ich dich umfahren?“, lachte er und ging gleich zum Hänger, wo Brady schon die Verschlüsse öffnete.

„Wenn’s dann schneller geht“, lachte Brady und nestelte an den Verschlüssen herum. Ihm ging das einfach alles zu langsam! Aine ging lieber zum Stall und öffnete dort alles, damit Aidan erst einmal in seine Box geführt werden konnte, um sich zu beruhigen und sich an die fremden Gerüche zu gewöhnen. An die Schafe, die gerade neugierig näher kamen und an die beiden Hunde, die auch nichts verpassen durften. Shawn und Martin griffen sie an den Halsbändern und versuchten die neugierigen Schafe im Zaum zu halten, die blökend näher kamen.

„Schatz, ich nehme die Hunde, kümmer du dich um die Schafe. An dem Zaun da drüben, hängt ein Eimer mit Pellets, lock sie damit auf die Wiese. Du musst nur damit rascheln und dann in den Trog schütten. Dann müssten sie eigentlich kommen.“ Shawn deutete mit dem Kopf auf den Eimer und nahm Sandys Halsband mit der anderen Hand. Martin nickte und ließ los. Er griff sich noch im Laufen den Eimer und kam etwas auf die Schafe zu, die sich jetzt auf dem kleinen Hof drängten. Es waren nur sieben, doch sie hatten es raus, effektiv im Weg zu stehen. Es schien als würden sie das schon eine Weile üben, sie waren ziemlich gut darin. Martin fing an zu rascheln und wirklich hob das erste Schaf den Kopf. Verwirrt über die Tageszeit, zu der es Futter geben sollte, sah es Martin und den Eimer misstrauisch an. Nur gut, dass der schon Erfahrungen mit Regenwürmern hatte. Felix konnte man auch nicht einfach mit Tütenrascheln locken, da musste man schon mal zeigen, dass da noch Essen drinnen war und das Herkommen sich lohnte. Er ließ das erste Schaf also in den Eimer schnüffeln und zog ihn dann wieder weg.

Wie an einer Schnur gezogen folgte ihm das Schaf und natürlich wollten die restlichen sechs jetzt auch wissen, was es da Gutes gab. Also folgten alle sieben Martin auf die Weide und hielten ihre Schnauzen in den Trog, als Martin die Pellets hineinschüttete. „Super, Schatz“, rief Shawn und klemmt sich Rocky zwischen die Beine, damit er seinem Freund den erhobenen Daumen zeigen konnte. „Schließ das Gatter und komm her, sie holen ihn gerade raus.“

„Ja!“ Martin schloss das Gatter und flitzte zurück. Ihm fiel seine Kamera im Wagen ein und da der nicht abgeschlossen war, hechtete er hinein und griff sie sich. Der Akku war voll, die Karte bereit, es konnte losgehen. Er wusste, dass Shires groß waren, doch als der schwarze Hintern herausgeschoben wurde und die riesigen Hufe über das Holz der kleinen Rampe donnerten, vergaß er fast zu fotografieren. „Wow“, murmelte er und betrachtete das Tier, das mehr und mehr zum Vorschein kam.

Aidan war riesig. Shawns Grandpa war nicht gerade klein, aber der Widerrist des Pferdes war auf gleicher Höhe wie Bradys Augen und es war zu erwarten, dass das Shire noch nicht ganz ausgewachsen war. „Ich verstehe, dass sich Grappy und Granny sofort in ihn verliebt haben. Er ist absolut ein Traum.“ Shawn stand mit offenem Mund da. So ein Pferd wollte er auch.

Martin machte unbemerkt ein paar Bilder von Shawn, doch dann war das Pferd wieder Mittelpunkt seines Interesses. Aidan war wirklich schön. Komplett schwarz glänzte er in der Sonne. Neugierig sah er sich erst einmal um. Er stieg nicht, er zog nicht an der Leine. Er hätte sicherlich die Kraft gehabt sich abzusetzen und den Menschen zu entkommen, doch er schien daran gar kein Interesse zu haben. Mehr Interesse hatte er für das kleine Ding, was auf ihn zu kam. „Tippi, nicht. Weg da!“, rief Martin und hechtete los. Der kleine Kater war einfach zu unbedarft.

Er fing den kleinen Kater ab, kurz bevor er das Pferd erreichte und sah sich jetzt selbst dem großen Kopf gegenüber, der nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt schwebte. „Hallo Großer“, sagte er leise und die weiche Nase kam näher, schnupperte und schnaubte dann, bevor er Martin sanft anstupste und der konnte nie widerstehen. er hängte sich die Kamera um den Hals, hatte den neugierigen Tippi in der einen Hand und strich durch die unglaublich weiche Mähne zwischen Aidans Ohren mit der anderen Hand. Er strich über die Blesse, tätschelte den Hals. „Du bist echt schön“, murmelte er und lehnte seinen Kopf gegen den des Pferdes ohne nachzudenken, was passieren könnte. Nur Tippi meckerte leise. Das wurde unbequem.

„Warte, ich nehm ihn dir ab.“ Shawn ging es genauso wie Martin, er wollte dieses schöne Tier einfach nur berühren. „Hey Sweety“, murmelte er leise und strich Aidan über den Hals. Tippi hatte es sich auf seinem Arm bequem gemacht und gähnte. „Kann ich ihn behalten, Grappy?“

Überrascht von der Frage sah Brady sich um, versuchte zu ergründen, ob sein Enkel das ernst meinte. Und so wie er guckte, meinte er das ernst. „Du kannst“, sagte er ernst, „aber er bleibt hier, du wirst ihn nur hier besuchen können. Und er wird trotzdem ein Arbeitspferd werden“, sagte er und lächelte. Jetzt wollte er den Hengst aber auch endlich begrüßen, während Alaster sich wieder auf den Weg machte, er hatte noch eine Verabredung – mit den Jungs im Pub. Heute ohne Brady, der hatte ein anderes Date. So grüßte er und verschwand, während Brady und Shawn sich immer noch ansahen.

Shawn blieb kurzzeitig die Luft weg, als sein Großvater ihm so einfach Aidan überließ. Ein warmes Lächeln glitt über seine Züge und er zog den älteren Mann in eine Umarmung. „Das hast du früher auch immer gesagt, wenn ich etwas haben wollte. Ich konnte alles haben, musste es nur lassen, wo es war. Ich danke dir dafür, dass du mir Aidan überlassen willst. Ich nehme ihn gerne, wenn du der Meinung bist, dass du ihn nicht mehr versorgen kannst und ich verspreche dir, dass er bei mir bleiben kann, solange er lebt.“

„Du wirst dann früher oder später hier her ziehen müssen, Shawn, den Deal gehst du gerade ein“, sagte Aine und lächelte, während Martin noch ein paar Bilder schoss. Nicht nur von Aidan, auch von Opa und Enkel und von Oma und natürlich von Tippi und den Hunden. Nicht zuletzt die Schafe, die neugierig am Gatter standen. Eines machte sich gerade mit der Schnauze am Verschluss zu schaffen. Martin beobachtete das interessiert. Das war also der Grund warum sie draußen herum gewuselt waren - sie wissen wie sie raus kommen! Er lachte leise.

„Houdini nicht schon wieder“, rief Aine und lief zum Gatter. Sie hängte das Vorhängeschloss ein und verriegelte es. Das war das einzige, was die Schafe auf der Weide hielt.

Shawn sah seinen Großvater an. „Du weißt, dass ich schon immer unwahrscheinlich gerne hier war und es immer noch bin. Aber das Versprechen, hier zu leben, kann ich dir leider nicht geben, so gerne ich das auch möchte.“ Shawn sah zu Martin und lächelte. „Aber in ein paar Jahren, kann ich dir vielleicht eine Antwort geben.“

Martin sah ihn an und lächelte. Warum nicht? Nette Ecke. Wer wusste schon, was in ein paar Jahren war, ob ihre Wege dann immer noch parallel liefen. Doch nun deutete er auf das Schaf, er konnte nicht anders. „Houdini find ich toll“, musste er gestehen und knipste den jungen Bock, wie er wütend auf dem Schloss herum kaute und mit den Hörnern dagegen stieß. Er war clever, er wusste ganz genau, was seine Flucht verhinderte. Doch dann war er wieder bei Aidan, der langsam von Brady über den Hof geführt wurde. Er ließ dem Pferd die Zeit, die es brauchte um sich umzusehen. Interessiert ging es auf das Gatter mit den kleinen weißen Tieren zu und Brady sah seinen Enkel an. „Du hast irische Wurzeln, die kannst du nicht ewig verleugnen.“ Dabei grinste er.

„Das will ich auch gar nicht, aber mein Leben in Deutschland wird gerade richtig schön. Ich habe Martin gefunden und ich bin einfach nur glücklich. Wir kennen uns noch nicht so lange und wenn wir in ein paar Jahren noch zusammen sind, was ich hoffe, und wenn er sich vorstellen kann, hier zu leben, dann reden wir noch mal.“ Shawn strich Houdini über den Kopf und lachte, als der Bock meckerte. „Du bleibst erst mal drin.“

Begeistert war der Bock von der Idee wohl nicht, denn er meckerte weiter, zog aber beleidigt ab und seine Schafe folgten ihm. „Der ist sauer“, lachte Martin leise, lehnte sich aber an Shawn, strich ihm über den Bauch, denn der hielt immer noch den kleinen Kater fest. Die Hunde hatten schon wieder das Interesse an dem viel zu großen Vieh verloren. Ehe man noch getreten wurde von den Quadratlatschen, da machte man sich lieber davon.

„Lebe erst mal“, sagte Brady und strich seinem Pferd über die Nüstern, der leise schnaubte. „Willst du in den Stall oder noch ein bisschen herum gucken?“, fragte er und schien auf eine Antwort zu warten.

Shawn lehnte sich an Martin und seufzte leise, als freche Finger unter sein Shirt schlüpften. „Ich bin gerne hier“, sagte er leise und sah Martin an. „Meine Großeltern versuchen schon seit Jahren mich hierher zu locken. Ich kann sie verstehen, sie möchten, dass das Haus im Familienbesitz bleibt. Meine beiden Cousinen und mein Cousin haben kein Interesse daran, dass haben sie schon vor Jahren erklärt.“

„Dann arbeite darauf hin, Shawn. In erster Linie ist es dein Leben und das hier ist nicht aus der Welt. Selbst wenn ich vielleicht nicht mehr Teil deines Lebens sein werde oder ich aus irgendeinem anderen Grund nicht mitgehen kann, ist das hier nicht aus der Welt. Ich kann dich besuchen, bleiben. Sei egoistisch, Shawn.“ Martin lächelte ihn an, seine Augen sagten, dass er nicht vor hatte, den Polizisten freiwillig wieder gehen zu lassen, doch man wusste doch heute nicht, was die Zukunft brachte.

Brady ging noch eine Runde mit Aidan, so dass Shawn Tippi auf den Boden setzte und Martin an sich zog. „Danke, Schatz, dass du es überhaupt in Erwägung ziehst, vielleicht in ein paar Jahren mit mir hier zu leben. Und Aidan natürlich.“ Shawn grinste leicht und küsste seinen Freund. „Lassen wir uns überraschen, was unser Leben noch bringt.“

„Nicht zu vergessen: Tippi und Houdini“, sagte Martin und ließ sich gegen seinen Freund sinken. Er fühlte sich zufrieden, rund herum zufrieden. Wenn er nur ein paar Stunden zurück dachte, dann war er voller Sorgen und Ängste gewesen, nicht nur wegen Shawn, auch wegen Tim – vor allem wegen Tim. Er konnte immer noch nicht glauben wie glatt das alles gelaufen war. Vielleicht stimmte es, jeder hatte mal Glück. Und wenn stimmte, was Shawn gesagt hatte, dass Tim nicht zurück musste zu seinem Vater – das wäre wirklich ein Glück für den Jungen.

„Aber warte erst mal, ob du mich in ein paar Jahren noch haben willst“, lachte er und küsste seinen Freund.

„Warum denn nicht. Wie du schon sagtest, es ist gar nicht so leicht jemanden zu finden, der was mit Rollenspiel anfangen kann. So jemanden sollte man pfleglich behandeln und verwöhnen.“ Shawn zog Martin zum Stall, wo Brady Aidan gerade Futter und Wasser gab und dann das Gatter schloss. „Gewöhn dich ein, mein Hübscher. Morgen zeige ich dir mehr.“

Auch Tippi sah sich ein bisschen in dem neuen Stall um. Ihn hatte es noch nicht hier her verschlagen. Meistens war er nur im Haus und ließ sich dort beschmusen und verwöhnen. Deswegen war es auch nicht wunderlich, dass er sich plötzlich bei seinem Schnüffeln im Stroh dermaßen erschrak, als eine kleine Maus heraus flitzte, dass er mit allen vier Pfoten vom Boden abhob. „Von wegen tot kuscheln“, seufzte Aine. Der Kleine war schon anders.

„Der Kleine lernt das schon noch“, lachte Martin, als Tippi an seinem Hosenbein hochflitzte. Er fing ihn auf und strich mit der Nase durch das weiche Fell. „Du kannst ihn behalten, Schatz, aber du musst ihn hier lassen und du musst herkommen, wenn du mit ihm spielen und schmusen möchtest.“

Lächelnd sah Martin sich um, strich aber weiter durch das weiche Fell. Brady nickte auch. „Sicher, Martin, komm ihn besuchen, wann immer du das möchtest“, sagte auch er und lachte. Sein Enkel hatte von ihm gelernt, das war schön. Doch dann war er wieder bei seinem Pferd, strich ihm über den Hals, als Aidan aus seiner Box guckte. Obwohl das eigentlich keine Box war, sondern eher ein Laufstall, der die Hälfte des Gebäudes einnahm. Schließlich musste sich solch ein großes Tier bewegen können, wann immer es wollte. Wenn er sich eingelebt hatte, kam er auf die Weide.

„Komm, wir holen unsere Taschen und bringen sie auf unser Zimmer. Ich wäre dafür ein bisschen auszuruhen, schließlich haben wir beide heute Nacht nicht wirklich viel Schlaf bekommen.“ Shawn wollte ein wenig mit Martin alleine sein. So gerne er seine Großeltern hatte, jetzt wollte er ein wenig mit Martin alleine sein.

„Ja, gute Idee.“ Doch als Shawn schon mit dem Kopf Richtung Tippi nickte, verstand er. Martin ließ den kleinen Kater ins Stroh, gab ihm den guten Rat sich von Mäusen und anderen Bestien fern zu halten und griff sich Shawns Hand. So gingen sie zum Wagen und griffen sich ihre Taschen und alles, was sie sonst noch im Wagen verteilt hatten. Das ging bei einer Packung Keksen los und der Verpackung der Kamera weiter.

Gespannt war Martin auf die übrigen Räume, aber die die er schon gesehen hatte, waren toll gewesen.

Shawn führte Martin die Treppe hoch. Hier oben lagen das Schlafzimmer seiner Großeltern, ein weiteres Bad, ein Arbeits- und zwei Gästezimmer. Allerdings blieben sie nicht auf der Etage und Shawn erzählte Martin nur, welche Räume hier zu finden waren. Sein Ziel war noch eine Etage höher, ganz unter dem Dach. Dort hatte er sein eigenes Reich, dass er eigenhändig mit der Hilfe seines Grandpas vor mehr als zehn Jahren ausgebaut hatte. Es hatte Jahre gedauert, weil er nur immer in den Ferien Zeit dazu gehabt hatte, aber es war genau so geworden, wie er es sich vorgestellt hatte. Ein breites, stabiles Bett, selbst gebaut natürlich. Ein Teil des Raumes war für einen begehbaren Schrank abgeteilt. Eine kleine Sitzecke und sein Lieblingsmöbel ein schwerer gusseiserner Kaminofen,  (28.08.2012 17:55:50)der im Winter für eine schöne Wärme sorgte. Er öffnete die Tür und ließ Martin eintreten. „Willkommen in meinem Reich.“

„Hey – cool!“, lobte Martin und trat in den offenen Raum. An beiden Giebelseiten konnte er ein Fenster sehen, die den Raum mit Licht fluteten. Die Tür vom begehbaren Kleiderschrank stand nämlich offen, damit sich die Luft nicht staute. Man sah auch nichts vom Reetdach. Alles war isoliert und hell gestrichen. „Schön hier“, sagte er und ging zum Fenster. Der Ausblick ließ ihn begreifen, dass das Haus an einem See lag. Den hatte er von unten noch gar nicht gesehen! „Da ist ja Wasser“, sagte er und wandte sich zu seinem Schatz um.

„Ja, und unsere Gänse schwimmen gern darin. Man kann auch angeln. Es gibt dort jede Menge Fische.“ Shawn stellte sich hinter Martin und umarmte ihn. Er freute sich, dass Martin sein Zimmer gefiel. „Grappy und ich haben es ausgebaut und auch die meisten Möbel. Ist also alles richtig stabil. Möchtest du das ausprobieren?“, raunte er in Martins Ohr und küsste sich über den Nacken.

„Und wie!“, stöhnte Martin leise und ließ den Kopf auf die Seite fallen, damit Shawns Lippen ihn besser liebkosen konnten. „Es wäre besser, ich prüfe mal, was du da gebaut hast. Wenn das so langlebig ist wie dein Vampiro-del-mar, müssen wir das noch mal besprechen.“ Ein heißer Schauer lief ihm über den Rücken, als Shawn ihn warnend sanft in den Hals biss, wie der Vampir, der er oft war.

Shawn schmunzelte an Martins Hals und strich sanft mit seiner Zunge über die leicht gerötete Stelle. Dabei zog er Martin langsam rückwärts Richtung Bett. Dabei strichen seine Lippen weiter um die weiche Haut am Hals seines Freundes. „Weißt du noch, was wir im Flugzeug gemacht haben? Hier können wir das weiterführen, was wir dort unterbrechen mussten.“

„Wir haben im Flugzeug was gemacht? Ich kann mich gar nicht erinnern. Ich war so aufgeregt und in Sorge wegen Tim. Hilf mir auf die Sprünge, was sollen wir gemacht haben. Vielleicht fällt es mir ja dann wieder ein und ich mach mit.“ Er grinste und folgte seinen Freund blind. Er ließ sich rückwärts führen und fürchtete nicht eine Sekunde, dass er fallen könnte. Er wusste, dass Shawn das niemals zulassen würde.

„Da muss ich deine Erinnerung wohl wirklich auffrischen“, lachte Shawn leise und dirigierte Martin zum Bett. Er ließ sich darauf sinken und zog Martin mit sich, so dass sie sich auf dem Bett gegenüber lagen. „Am besten demonstriere ich bei dir, was ich in Erinnerung habe, dann fällt es dir hoffentlich wieder ein.“ Er beugte sich vor und küsste Martin. „Das war es noch nicht, aber ich mag es einfach“, schmunzelte er an den weichen Lippen und schickte seine Finger auf Wanderschaft, bis sie Martins Schoß gefunden hatten und sich dort neugierig umsahen. Er spürte, dass er Erfolg hatte, als Martin tief Luft holte und sein Kuss intensiver wurde. Oh ja – er erinnerte sich! Und wie er sich erinnerte – und sein Körper erst!

Ohne sein eigenes Zutun machten sich auch seine Hände auf Wanderschaft, strichen unter Shawns Shirt über dessen Rücken. Er spürte die Hitze und wie sie zu ihm überfloss.

Berauschend!

Seine Beine öffneten sich weiter, die große Hand hatte ihn schnell überredet.

Shawn nahm das Angebot gerne an und seine Finger strichen fester über die erstarkende Härte seines Freundes. „Liebe dich“, murmelte er an den weichen Lippen. Er mochte zwar nicht wirklich Ahnung davon haben, wie Liebe zwischen zwei Männern funktionierte, aber er war sich sicher, dass Martin sich seiner annehmen würde und ihm alles beibrachte, was er wissen musste.


12 

„Tim“, lachte Martin und schälte weiter seine Karotten. Vier Wochen waren jetzt ins Land gegangen, vier ereignisreiche Wochen. Viel war passiert. Martin hatte zurück in seinen Arbeitsalltag gefunden, Shawn traf er meistens erst in der Arche, dann fuhren sie gemeinsam nach Hause – je nachdem wo noch etwas im Kühlschrank war für das Frühstück. Es war herrlich! Keine Sekunde wollte Martin mit diesem Mann wissen. Seine ersten neugierigen Versuche, die über das Fummeln hinausgegangen waren, waren unglaublich gewesen und Martin musste nur daran denken, dann…

„Aber vielleicht hat er mich vergessen!“, knurrte Tim und wählte erneut die Nummer seines Bruders. Er wollte ihn heute endlich mit zu sich und Kevin nehmen! Heute sollten die letzten Papiere unterschrieben werden. Und warum meldete sich Lexi nicht? Er wurde ganz hibbelig.

„Nervst du schon wieder deinen Bruder?“, hörten sie von der Küchentür und Shawn nahm seine Dienstmütze ab. Er hatte heute eher Schluss gemacht, damit er da war, wenn Alex und Kevin kamen. Er wuschelte Tim durch die Haare und kam zu Martin. „Hallo Honey“, begrüßte er seinen Freund und küsste ihn. „Spielt er wieder Terrortier?“

„Spielt? Er ist!“, sagte Martin laut genug, damit auch Tim es hörte und sich wieder aufregen konnte, dann war er wenigstens für ein paar Minuten abgelenkt. Und wie erwartet knurrte er leise, ging um seine kleine Tasche herum, voll mit Sachen, die Alex zusammen mit ihm gekauft hatte. In der Wohnung seines Vaters war er nicht noch einmal zurückgekehrt. Selbst das Telefon, mit dem er Alexander terrorisierte, bezahlte sein Bruder, damit sie Kontakt halten konnten.

„Gut, dann lass ich dich mit dem Terrortier kurz allein, zieh mich um und helfe dir dann beim kochen.“ Shawn küsste Martin noch einmal, weil er sich den ganzen Tag darauf freute, wenn er im Dienst war. Er konnte sich sein Leben ohne den anderen Mann schon gar nicht mehr vorstellen. Die Arbeit in der Arche machte ihm unwahrscheinlich Spaß und er konnte Jerry entlasten, der jetzt mehr Zeit für den Bürokram hatte.

„Na prima, lässt er mich mit dem Raubtier alleine“, brummte Martin gutmütig und wurde von Tim mit der Schulter angestupst. „Ey“, machte der und steckte das Handy weg. Lexi würde sich schon melden, wenn er Zeit hatte. Sicherlich musste er noch die letzten Sachen erledigen. Heute war ja langer Behördentag. Und trotzdem konnte Tim nicht vermeiden, dass er aufgeregt war. Er freute sich auf Cork, die Stadt hatte ihm gefallen, die Wohnung hatte ihm gefallen und Kevin war auch total nett. Er hatte – genauso wie Alexander – sich den Kopf zerbrochen, wie sie es anstellten mussten, wenn Tim erst einmal bei ihnen wohnte. Er musste zur Schule, die Behördengänge wollten auch dort drüben erledigt sein. Leicht würde es für alle drei nicht werden, sicherlich auch finanziell und trotzdem hatte es nicht eine Sekunde des Zögerns gegeben, als es darum ging, wie es mit Tim weiter gehen sollte.

Shawn grüßte auf dem Weg zu Jerrys Büro die anderen Bewohner der Arche, die zusammen im Gemeinschaftszimmer saßen. Er wurde gefragt, ob er mit Monopoly spielen wollte. „Heute nicht. Tims Bruder will gleich kommen und ihn abholen.“ Er kam in den Raum und senkte die Stimme. „Alles vorbereitet?“, fragte er. Er hatte sich mit den anderen Bewohnern etwas als Abschiedsgeschenk ausgedacht und er wollte wissen, ob alles fertig geworden war.

Die Jungs und Mädchen nickten. Es waren neue Gesichter und alte. Manche waren schon da gewesen, als die Suchaktion nach Tim gelaufen war, andere waren erst danach gekommen. Jana nickte heftig und sah sich verschwörerisch um. Sie hatten ein Fotoalbum vorbereitet. Auf den ersten Seiten hatten sich alle verewigt. Jeder hatte eine Seite bekommen und sie selber gestaltet. Das Bild von sich war obligatorisch gewesen aber der Rest war zur freien Gestaltung. Einige hatten was gemalt, einige was gedichtet und wieder andere freche Sprüche für die Zukunft. Der zweite Teil bestand aus Bildern von Irland, die hatte Shawn beigesteuert und sollten Tim seine neue Heimat schmackhaft machen. Es gab so viel zu sehen auf dieser Insel.

Shawn hatte auch Bilder in das Album gepackt, die Martin bei seinen Großeltern gemacht hatte. Das Haus, die Tiere, besonders viele von Aidan und Tippi. Shawn musste schmunzeln, als er an sie dachte. Schließlich hatten sie durch das Pferd und die Katze immer einen Grund nach Irland zu fahren. „Super!“ Shawn hob den Daumen und lief weiter. Er wollte endlich aus der Uniform raus, dann erst hatte er richtig Feierabend.

Im Revier hatte man die Änderung auch schon bemerkt, denn er machte keine Überstunden mehr, wenn es nicht ein Fall erforderte und er war selten zuhause anzutreffen, weil er sich jetzt sozial engagierte. Der Fall Tim hatte einiges in seinem Leben durcheinander gebracht – oder in die richtige Reihe, je nachdem wie man das sehen wollte. Bei der Renovierung vor drei Wochen hatten sie eine bisher ungenutzte Abstellkammer ebenfalls hergerichtet, in der Martin und Shawn schliefen, wenn es einmal spät geworden war und der Weg nach Hause nicht mehr lohnte. Sie hatten ein paar bequeme Kleider hier und zur Not auch ein paar Klamotten fürs Büro.

„Hey, Jerry“, rief Shawn in das Büro und ging sich dann umziehen. In einem bequemen Shirt und einer Jeans kam er noch einmal in das Büro und setzte sich auf die Kante des Schreibtisches. Das machte er eigentlich immer, wenn er zur Arche kam, um sich zu erkundigen, ob er bei irgendetwas behilflich sein konnte.

„Na? Hat dich Tim auch verscheucht? Der ist völlig aufgeregt, ich hoffe, dass Alexander bald kommt“, sagte Jerry und war froh über die Ablenkung. Er saß gerade wieder über den Büchern. Da er den Verein auch durch Spenden finanzierte, musste er für jeden Euro nachweisen, dass er nur für das Projekt verwendet worden war. Das raubte Zeit und manchmal Nerven.

„Nein, ich wollte mich nur umziehen. Ich geh gleich wieder runter und helfe Martin bei der Raubtierbändigung.“ Shawn lachte und rutschte vom Tisch. „Die Kids haben alles vorbereitet, das wird bestimmt nachher eine schöne Feier.“

„Wir haben sogar alkoholfreie Bowle zusammengerührt, ohne dass er was gemerkt hat. Er saß heute stundenlang am Fenster und hat auf den Parkplatz geguckt. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie er sich fühlt. Schade, dass er geht, aber für ihn ist es das Beste. Und jetzt husch, ehe uns wieder jemand die Kartoffeln versalzt, weil er Liebeskummer hat.“ Er grinste und verbarg sich wieder in seinen Papieren, als Shawn lachend aus dem Raum ging.

„Dann geh ich mal die Kartoffeln retten.“ Shawn lachte immer noch als er in die Küche zurückkam und griff sich gleich ein Messer, um die Kartoffeln zu schälen, schließlich hatte er ja versprochen sie zu retten. „Ach Tim“, rief er dabei. „Ich habe heute mit meiner Granny gesprochen. Sie und Grappy würden sich freuen, wenn du, Alex und Kevin sie besuchen kommt.“ Shawn und Martin hatten ihr erzählt, warum sie in Irland gewesen waren und sie hatte sich gleich bereit erklärt, den dreien unter die Arme zu greifen.

„Echt? Die mit dem riesigen Pferd?“, fragte Tim und kam näher. Er griff sich eine Tasse Tee, den Martin eben frisch aufgebrüht hatte und wärmte sich die klammen Finger daran. Es war nicht kalt, doch er war nervös. „Das wäre toll und Houdini will ich auch sehen!“ Über die Berichte über den Ausbrecherkönig hatte sich Tim köstlich amüsiert und hatte das gar nicht glauben wollen, doch er hatte es müssen, denn Martin hatte Beweisvideos gedreht.

„Ja, genau die. Also, wenn ihr mal ein Wochenende Landluft schnuppern wollt, ruft sie an. Ich gebe euch nachher die Nummer und ihr könnt sie auch anrufen, wenn ihr was anderes auf dem Herzen habt und Hilfe braucht. Aber das sage ich Alex nachher auch noch mal.“ Irgendwie lag nicht nur Shawn und Martin Tims Wohl besonders am Herzen. Shawn hatte seine Großeltern einfach wie selbstverständlich ins Boot geholt und sie hatten sich gern ins Boot holen lassen.

Tim strahlte und nickte heftig. „Au ja, das wäre klasse. Die ganzen Tiere, die Martin mir gezeigt hat und die großen Hunde und der kleine Kater.“ Nun war der Junge ganz aufgeregt und merkte noch nicht einmal, wie die Tür aufging und Alexander lautlos in die Küche kam. Er stand mit seinem Mann eine Weile nur in der Tür, hielt den Blickkontakt zu Martin, der ihn schon gesehen hatte und beobachtete Tim, wie der gerade versuchte, alle Tiere auf dem Hof noch einmal zusammen zu bekommen.

„Vergiss die Gänse nicht“, sagte er irgendwann.

Tim wirbelte herum und riss die Augen auf. „Lexi“, quietschte er geradezu und dann sprintete er los und warf ich in die Arme seines Bruders. „Mensch, was hat euch so lange aufgehalten?“, lachte er und ließ sich auch von Kevin drücken. „Sei nicht so frech, du kleine Rübe, schließlich willst du ja mit nach Irland, das dauert halt, alles in trockene Tücher zu kriegen.“

„Und ist jetzt alles in trocknen Tüchern? Können wir los und wann geht der Flug?“ Tim war völlig von der Rolle, dabei wusste er ganz genau, dass die Flüge erst morgen früh gingen. Jerry hatte es sich nicht nehmen lassen, eines der Zimmer in der Arche für die beiden herzurichten. Soweit kam es noch, dass die beiden im Hotel hätten schlafen müssen.

„Tim, lass die beiden doch erst mal rein kommen. Biete ihnen Tee und einen Stuhl an und lade sie ein mit uns zu essen“, schlug Martin vor.

„Ja ja, ihr habt es ja gehört. Kommt rein, Tee steht da drüben und Tassen daneben.“ Tim wedelte mit den Händen ungefähr in die Richtig, wo der Tee stand und war völlig von der Rolle. „Danke, wir bleiben gerne zum Essen“, lachte Alex und kam weiter in den Raum. „Ja, ist alles so wie es sein soll. Wir fliegen morgen früh und ich habe das Sorgerecht für dich.“

„Na Gott sei's gedankt“, nuschelte Tim und wirkte erleichtert.

„Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Junge“, lachte Martin und begrüßte Alexander, dem man die Erleichterung darüber, dass endlich alles geklärt war und sie ihre familiäre Brücke nach Deutschland abbrechen konnten, ebenfalls ansah. „Und er ist mitten in der Pubertät.“

„Ey!“ Tim klammerte sich an seinen Bruder und wich ihm nicht mehr von der Seite, gerade so als hätt er immer noch Sorge, hier bleiben zu müssen, wenn Alexander ging. Es tat irgendwie weh das zu sehen, denn es schien so tief in Tim drinnen zu stecken, dass es noch eine Weile brauchen würde, bis er richtig vertrauen konnte.

„Oh Mist, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Alexander abgeraten“, lachte Kevin und brachte sich gleich hinter Shawn in Sicherheit, als Tim sich auf ihn stürzen wollte. „Hallo Kevin, schön dich gekannt zu haben.“ Shawn legte lieber das Messer weg, so wie Kevin und Tim sich um ihn herumbalgten.

„Es wird lebhafter werden bei euch“, sagte Martin und teilte endlich Tee aus. „Ja, lebhafter. Aber ich freu mich drauf. Endlich muss ich mir keine Sorgen mehr machen und ich habe mir auch schon eine Schule angesehen, in der teilweise Deutsch unterrichtet wird, weil es eine Sprachschule ist. Mal sehen wie er sich schlägt. Englisch wird er von Kevin und mir …“ Alexander brach ab und suchte seinen Mann. Der lag lachend auf dem Boden der Küche und hatte Tim auf sich hocken, der verlangte, dass er das gesagte zurücknehmen würde und gefälligst das Gegenteil behauptete!

Alexander lachte leise, so hatte er Tim lange nicht mehr gesehen.

„Viel Spaß mit ihm“, wünschte Shawn lachend und stand auf, damit er Alex richtig begrüßen konnte und wo sie schon mal zusammenstanden, gab er ihm die Adresse seiner Granny und erzählte ihm das gleiche wie Tim. Sonst vergaß er das noch. „Euer Zimmer ist fertig, willst du eure Sachen hinbringen? Dann helf ich dir und zeige, wo es langgeht.“

„Das mach ich!“ Tim schoss hoch und gab Kevin endlich frei, der Tränen lachend immer noch auf dem Boden lag. So zog Shawn ihn wieder auf die Füße und ließ die kleine Familie abziehen. „Völlig von der Rolle“, lachte Martin und sah zu, dass er sein Gemüse fertig bekam. Im Herd wärmten sich zwei große Hackbraten und die Kartoffeln für den Kartoffelbrei waren auch gleich gut. Und er durfte die Tütensoße nicht vergessen, da bestanden seine Schützlinge drauf. Hackbraten war nur halb so gut ohne Tütensoße.

Shawn setzte sich zu ihm und half ihm bei dem Gemüse. Sie waren mittlerweile schon ein eingespieltes Team und Shawn kochte gern mit Martin zusammen. Sein Liebling war ein wirklich sehr guter Koch und Shawn konnte nur verhindern, dass er zunahm, indem er mehr Sport machte. Und es gab eine Form von Körperertüchtigung, die er besonders schätzte, doch da stand ihm Martin in nichts nach.

Die letzten Stücke Karotte landeten im Topf mit dem Mischgemüse und konnten kurz ankochen. Dann wurde das Mischgemüse noch etwas gebunden und gewürzt und dann konnte es losgehen. Martin lehnte mit der Hüfte an der Arbeitsplatte und sah Shawn mit schiefgelegen Kopf an. „Morgen fangen wir wieder mit unserer Welt an“, berichtete er, was Damian und die Truppe beschlossen hatten. Ihr Ausflug in die fremde Welt war vorbei. Sie waren alle schon gespannt wie verrückt.

„Ich würde gerne mal wieder gegen euch spielen.“ Shawn zog Martin an sich und schloss die Augen, als er seine Nase in den dunklen Haaren vergrub. „Allerdings haben wir noch nie in einer Elfenwelt gespielt und ich weiß nicht, was meine Leute dazu sagen, aber ich finde wir könnten unseren Horizont durchaus mal erweitern.“

„Du kannst gern mal mit ihnen reden – aber wenn ihr gegen unsere magischen Wesen antreten müsstet, währt ihr schneller tot als gegen unsren Sohn des Lichts“, konnte sich Martin dann doch nicht verkneifen. Er genoss es sich darin zu sonnen, das sie gewonnen und Shawns Gruppe verloren hatte. Er stieß überrascht zischend die Luft aus, als er in die Seite geknufft wurde. „Ich kann doch auch nichts dafür, dass wir besser sind – dass ist eben ein Naturgesetz, Leckerer!“

„Klappe“, knurrte Shawn und damit Martin sich auch daran hielt, küsste er ihn. Es dauerte eine Weile, bis er die anderen Lippen wieder freigab. „Kann ich mir mal ein Spiel von euch als Beobachter ansehen? Ich möchte ein Gefühl für eure Welt bekommen, dann kann ich besser beurteilen, ob es was für uns wäre. Bisher haben wir nur in der Sinclair- Welt gespielt.“

„Ich kann die Truppe fragen, kann mir aber nicht vorstellen, dass sie was gegen haben werden. Kann nur sein, dass sie sich in deinem Leid der Niederlage auch noch etwas suhlen werden, sie sind eben so wie ich.“ Wenn der Trubel vorbei war, würde er eine SMS an alle schicken und sie fragen, und je nachdem was sie sagten, würde er Shawn morgen einsammeln und mitschleifen oder nicht. Sie wollten sich bei Damian treffen, bei dem mittlerweile auch Gerrit wohnte. Und er freute sich auf Haldir, einen kleinen Kater, der Arwen das Leben schwer machte. Er war ein bisschen wie Tippi.

Klein, verschmust, immer zu Streichen aufgelegt und wirklich unglaublich süß. Niemand konnte ihm widerstehen, wenn er vor einem saß und unwahrscheinlich niedlich guckte. Gerrit hatte er fest in den Pfoten. Haldir brauchte nur zu miauen und der große Schwimmer sprang. „Ich werde es ertragen wie ein Mann“, lachte Shawn leise. Er war auf Martins Truppe gespannt. Zwar hatte er gewusst, das Damian einen guten Namen in der Spieler-Szene hatte, aber als er ein wenig recherchiert hatte, war ihm aufgegangen, dass er schon fast eine Legende unter den Elfen war. Und das lag nicht nur an seinem Aussehen oder daran, dass er seine Haut zu Markte trug. Gegen ihn und seine Mannen zu spielen hieß mit plötzlichen Wendungen leben zu müssen und in Hinterhalte zu tappen, ohne es zu merken. Ihre Geschichten waren schlüssig, tiefsinnig und hoben sich aus der breiten Masse ab.

„Ich werde dich erretten, aber ich warne dich schon mal vor der Dame des Hauses – Arwen entscheidet, wer sie streicheln darf und sie beschnüffelt jeden der kommt. Einfach über sich ergehen lassen und totstellen“, lachte Martin und hörte die ersten auf der Treppe trappeln.

„Hunger!“, tönte es durch das Haus.

„Na los. Raubtierfütterung!“ Shawn griff sich die große Platte mit dem Hackbraten und brachte sie in den Speisesaal, wo gleich ein großes Hallo losging. Jerry und Martin brachten die Beilagen und in null Komma nichts saßen alle an dem großen Tisch und stürzten sich auf das Essen. Man konnte meinen, dass sie seit Tagen nichts mehr bekommen hatten. Dabei sorgte Jerry bei seinen Schützlingen für drei Mahlzeiten am Tag. Doch das bedeutete nichts, wenn es etwas gab, dann wurde das auch alle. Aber Martin hatte langsam die Mengen raus, je nachdem wie stark oder dünn sie besetzt waren. Auch Tim und sein Bruder zusammen mit Kevin hatten sich unter die hungrigen Massen gemischt, denn so konnten die beiden Männer ein paar der Kids kennen lernen, mit denen sich Tim angefreundet hatte. Es interessierte sie, welchen Umgang Tim bevorzugte.

Und ob sie sich eventuell auf Besuch aus Deutschland einstellen mussten. Schließlich war Tim über vier Wochen in der Arche gewesen, da konnten sich feste Freundschaften bilden, die auch über die Distanz funktionierten, da es ja per E-Mail und Telefon kein Problem war Kontakt zu halten. Shawn stand neben Martin, hielt aber etwas Abstand. Sie hatten sich darauf geeinigt, während sie hier arbeiteten nicht zu deutlich zu demonstrieren, dass sie ein Paar waren. Es war zwar kein Geheimnis und sie logen auch nicht, wenn man sie fragte, doch das hier war für sie irgendwie auch Arbeit und da hatte man sich professionell zu verhalten, egal wie gut aufgehoben und angenommen man sich auch fühlte. Und ihnen blieb ja immer noch die Nacht.

So verlief das Essen wie immer mit vielen Gesprächen an allen Ecken des Tisches und heute waren Alexander und Kevin der Mittelpunkt vieler Gespräche. Wann hatte man schon mal jemanden da, der nicht von hier war? Das musste man doch ausnutzen!

Als die Schalen und Platten geleert waren, beugte sich Shawn zu Martin rüber. „Komm wir holen die Bowle, dann kann die Verabschiedung beginnen.“ Es gab auch noch Knabberzeug und Süßkram, das noch auf Schalen verteilt werden musste. Schließlich sollte das hier eine richtige Party werden. Jana bemerkte ihre regen Bewegungen und gesellte sich gleich zu ihnen um zu helfen, während andere den Tisch abräumten und alles auf und in der Spüle stapelten. Sie hatten beschlossen, heute nicht abzuwaschen sondern lieber zu feiern. Schließlich war morgen auch noch ein Tag – aber Tim war dann weg.

Also verteilte Jana Gläser und grinste als Tim sie fragend anguckte.

„Sei nicht so neugierig“, lachte sie und drückte Tim kurz an sich. Sie war wohl eine derjenigen, mit denen Tim Kontakt halten wollte. Sie hingen oft zusammen rum und verstanden sich prima. Shawn und Martin brachten die Schalen mit den Süßigkeiten und dem Knabberzeug, aber die Bowle ließen sie noch im Kühlschrank. Erst einmal sollten die Geschenke übergeben werden.

„Los, Lutz!“, rief Jana und Tim sah sie fragend an. Lutz schlug sich gegen den Kopf, „Mist, vergessen!“, murmelte er und flitzte schnell nach oben, um ihr Buch für Tim zu holen. Es dauerte keine zwei Minuten, dann war er wieder da, in den Händen das eingeschlagene Buch, so dass man noch nicht sehen konnte, was es war. Alle scharten sich um Tim, dem es langsam mulmig wurde. Er zog sich zu Alexander zurück.

Der legte den Arm um seinen Bruder und sah ihn lächelnd an. „Da musst du jetzt durch“, flüsterte er Tim ins Ohr. Er konnte sich denken, was jetzt passieren würde und er fand es schön, dass die Kids was für Tim vorbereitet hatten. Und schon kam Lutz mit dem Geschenk auf Tim zu und hielt es ihm hin. „Hier, das ist von uns allen für dich, damit du uns nicht ganz vergisst“, sagte er mit einem verlegenen Lächeln. Martin begann ein paar Bilder zu machen, damit sie auch von diesem Abend eine kleine Erinnerung hatten.

„Äh – danke!“, stammelte Tim überfahren und griff sich das Päckchen. Er drehte es in den Händen und betrachtete es von allen Seiten.

„Aufmachen“, half Jana lachend weiter und machte mit den Hände Bewegungen, als würde sie etwas auspacken.

„Ja, doch“, lachte Tim, der verstanden hatte und nun das Papier ohne Rücksicht auf Verluste zerfetzte. In großen Fetzen segelte es zu Boden. „Cool“, strahlte Tim, als er das Buch aufschlug und sehen konnte, was seine Mitbewohner für ihn gemacht hatten. Er musste schlucken und blinzeln, weil ihm auf einmal der Hals eng wurde und die Sicht aus irgendeinem Grund verschwamm. Alexander zog seinen Bruder an sich und grinste. Er freute sich, dass Tim hier Freunde gefunden hatte.

Und damit die Stimmung nicht kippte und Tim vor Rührung noch anfing zu weinen, wurde etwas gejohlt und gejubelt, gute Tipps wurden verteilt und dann strich Alexander seinem Bruder über die Haare.

„Danke“, nuschelte Tim leise und blätterte noch ein bisschen, sah ein Foto nach dem anderen und hatte das erste Mal wirklich Zweifel daran, morgen das Land zu verlassen.

„Ach Timmi“, Jana drückte ihren Freund an sich und auch alle anderen taten es ihr gleich. Es gab ein ziemliches Gedränge und alle lachten und redeten durcheinander. Alexander zog sich zurück und zog seinen Mann an sich. Er hatte sich schon bei Jerry, Martin und Shawn dafür bedankt, was sie für Tim getan hatten, aber jetzt hatte er den Drang es noch einmal zu tun, denn ohne die Arche hätte er seinen Bruder wohl verloren. Darum ging er zu den drei Männern rüber und zog jeden in seine Arme. „Danke, danke für alles, was ihr für Tim getan habt“, murmelte er dabei.

„Dafür sind wir da und wir tun es gern“, sagte Martin und lächelte. Shawn nickte und auch Jerry hatte dem nichts mehr hinzu zu setzen. Es war immer das schönste, wenn wieder ein Leben in die richtige Spur gebracht worden war. „Tim ist ein lieber Junge und hat es verdient, dass man sich um ihn sorgt.“ Er sah zu den Kids und lachte, weil sie gerade Tim im Schwitzkasten hatten und ihm das Versprechen abrangen, sich zu melden.

„Wir halten Kontakt und wenn ihr Hilfe braucht, meldet euch bei uns oder meinen Großeltern.“ Shawn schlug Alex freundschaftlich auf die Schulter und lachte, weil Tim schon ganz rot im Gesicht war. „Komm, Schatz, wir holen die Bowle und retten den Kurzen. Wäre doch schade, wenn er morgen nicht fliegen könnte.“

„Eben – der ganze Stress für nichts. Das geht nicht.“ Martin schoss schnell noch ein paar Bilder, ehe er rief: „Wer Bowle will, muss Tim loslassen!“ Dann sprang er beiseite und holte die Plastikbecher, während Shawn aus dem zweiten Kühlschrank den Eimer mit dem Früchtecocktail holte. Sie war alkoholfrei, wie sich das gehörte, aber lecker. Und so war Tim ein paar Sekunden später zerfleddert aber frei.

Er stolperte etwas orientierungslos durch den Raum und wurde von Kevin gerettet, der ihn stützte und etwas Bowle hinhielt. „Tolle Party“, sagte sein Schwager und lachte. Es war schön, dass Tim mit dem Gefühl gemocht und vermisst zu werden in sein neues Leben starten konnte. „Los, misch dich unters Volk, schließlich bist du heute die Hauptperson.“

„Hm“, machte Tim, er war etwas überfordert. Mit so viel Aufmerksamkeit für seine Person konnte er nicht umgehen. Doch da er die Leute mochte, die ihn hier umgaben, fiel es ihm leichter. So gesellte er sich wieder zu den anderen, ließ seinen Plastik-Becher immer wieder gegen die der anderen stoßen und die Gespräche flammten wieder auf.

Shawn nahm Martin an die Hand und zog ihn von den anderen unbemerkt zur Terrassentür und von dort in den Garten. Martin hatte heute Morgen noch geschlafen als er zur Arbeit gefahren war und jetzt brauchte er ein wenig Nähe und vor allen Dingen Küsse, jede Menge davon. Darum zog er seinen Schatz auch gleich an sich, als sie von drinnen nicht mehr zu sehen waren. Und dass es Martin ähnlich ging wie ihm, merkte Shawn daran, dass er nicht wie üblich einen frechen Spruch brachte, sondern seinen Kuss mit einer Intensität erwiderte, die Shawn klar machte, dass sich sein Liebling sträflich vernachlässigt fühlte. Erst ein paar Minuten später ebbte die Intensität allmählich ab und der Kuss wurde sanfter.

„Das habe ich jetzt gebraucht.“ Shawn konnte einfach nicht von den weichen Lippen lassen und strich immer wieder liebkosend darüber und musste dabei lächeln. „Ich hab morgen frei und kann die drei zum Flughafen bringen.“ Darum hatte er heute auch länger gemacht. Er machte es gerne, denn Tim war ihm richtig ans Herz gewachsen.

„Das freut sie bestimmt. Ich habe allerdings normalen Dienst“, entgegnete Martin und lehnte sich gegen Shawns Brust. Eine seiner Hände blieb in Shawns Nacken, eine andere wanderte allerdings suchend auf dessen Hintern und glitt dort wie üblich in eine der Hosentaschen. Dort war sie mittlerweile zu Hause. „Allerdings habe ich Feedback auf meine SMS, die ich vorhin doch noch verschickt habe. Damian lässt dich nur rein, wenn du deine Würfel mitbringst, der Rest freut sich schon darauf dich durch die Qualen des Darkwoodshire zu treiben. Ich glaube sie werden mit dir kein Mitleid haben“, grinste er, küsste Shawn dann aber wieder, das hatte er lange genug nicht tun können.

„Ich darf mit?“ Shawn löste sich ein wenig, damit er Martin ansehen konnte. „Klar bring ich meine Würfel mit und ich habe nichts dagegen, wenn ich nicht geschont werde.“ Er grinste und küsste Martin sanft. „Wenn sie mich fertig machen und deprimieren, musst du mich trösten und darauf freue ich mich schon jetzt, denn du wirst dir Mühe geben.“

„Und ob ich das werde, mein Leckerer“, grinste Martin. „Ich werde dich trösten nach Strich und Faden, ich werde dich …“ Martin brach ab, er konnte jetzt unmöglich die Bilder aus seinem Kopfkino beschreiben – dann hatten sie gleich beide ein mittelgroßes bis großes Problem und mussten sich da drinnen vor den Kids erklären – das kam nicht in Frage. „Allerdings kann ich dir nicht versprechen, dass Farnir dich nicht töten wird – kann sein dass das zu einer blöden Angewohnheit von mir wird.“ Er lachte leise und lehnte sich wieder gegen seinen Freund.

Shawn lachte mit und wieder einmal war er unendlich froh, dass sie sich nach ihrem fatalen ersten Zusammentreffen noch einmal getroffen hatten. Sein Leben war jetzt perfekt, wie er fand. Er wurde geliebt und er liebte, mit allem was ihn ausmachte. Martin war die Liebe seines Lebens, da war er sich sicher und er würde ihre Liebe festhalten, so gut er konnte. „Ich liebe dich so sehr“, murmelte er leise und streichelte Martin sanft über die Wange. „Soll Farnir mich töten, solange ich von dir in deinen Armen und mit deinen Lippen wieder zum Leben erweckt werde, zahle ich diesen Preis gerne, denn du bist bei mir.“

 

ENDE

 

Danke fürs Lesen