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Drachenblut II - Teil 1-3

Drachenblut II

 01 

Darrel saß auf dem Dach seines Hauses. Es war sein achtunddreißigster Mittsommer, den er hier in New York erlebte. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt blickte er auf dem Rücken liegend in den glutroten Himmel. Heute senkte sich die Sonne besonders spät und in vielen der alten Kulturen, die er in den Jahrhunderten vorher studiert hatte, war es ein besonderer Tag – ein Tag mit magischen Kräften.

„Aber nicht hier in New York – nicht heute!“, murmelte er und drückte den Rücken durch. Das sein Hemd dabei unter Garantie dreckig wurde, damit konnte er leben. Sicher, er hätte sich den kleinen Flecken Rückzugsgebiet auf dem Dach seines Lofts wohnlicher gestalten können, doch eigentlich lag er ganz gern auf dem nackten Boden. Es half ihm sich wieder zu erden und seine Wurzeln wiederzufinden.

Er lebte schon so lange Zeit unter falschem Namen, hatte schon mehr Namen in seinem langen Leben gehabt, als andere Leute Lebensjahre hinter sich gebracht hatten und so verbrachte er Augenblicke damit, sich zu erinnern, wer er gerade war und was er eigentlich machte.

Seit ein paar Jahrzehnten war er freischaffender Journalist. Es machte ihm Spaß, das aufzuschreiben, was er in den vielen Jahrhunderten vorher herausgefunden, untersucht und erforscht hatte. Die Anthropologie war sein Hobby und sein nicht gerade unbeträchtliches Vermögen auf diversen Banken dieser Welt gestattete es ihm, sich mit dem zu befassen, was ihn interessierte. Und wenn er daraus noch Profit schlagen konnte, war er der letzte, der sich dagegen wehren würde.

Die Jahre in Tibet hatten ihn ebenso geprägt wie seine Zeit im alten Rom. Er war ein gefragter Gladiator gewesen – warum auch nicht? Er war prädestiniert dafür gewesen, denn er war den Menschen, die gegen ihn hatten antreten müssen, haushoch überlegen gewesen. Schließlich war er kein Mensch. Er war es damals nicht gewesen und er war es heute nicht. Was er wirklich war, würde ihm keiner glauben.

Darrel holte tief Luft und zog die warmen Dämpfe der Stadt in sich auf. Der Duft von Blüten im Central Park ebenso wie die Abgase der Autos. Er liebte die Stadt. Nicht nur diese Stadt – er liebte Städte im Allgemeinen. Das Konglomerat von Individuen, die verzweifelt versuchten, im Strom der Masse ihre Ecke zu finden, die sie verteidigten bis zum Ende. Es war faszinierend. Es gab Tage, da saß Darrel hier oben oder am Fenster seines Lofts und verbrachte Stunde um Stunde damit die Menschen zu beobachten, Gesetzmäßigkeiten zu finden und zu ergründen, was den Moloch am Leben hielt. Wie ein Kind vor seiner ersten Ameisenfarm hockte er da und wagte kaum zu blinzeln, aus Angst etwas zu verpassen.

Doch nicht heute. Heute lag er hier, beobachtete die Sonne beim Untergehen und erinnerte sich wie so oft in den letzten Wochen daran, dass dies nicht seine Welt war. Seine Welt lag Millionen Lichtjahre von hier entfernt. Seine Welt hieß Gidoria, ein Planet der Erde ähnlich und doch ganz anders. Ein Planet regiert von Drachen und er war einer von ihnen. Als er noch auf seiner Welt gewesen war, hieß er Dazirel und war Anwärter auf einen Posten in der königlichen Leibgarde. Er war dem Prinzen zugeteilt worden, doch eines Tages – eher zufällig – war er mit einem kleinen Trupp Soldaten im Labor gelandet. Er hatte gar nicht mitgehen wollen, denn die Weißkittel waren ihm suspekt. Doch als Anwärter konnte er nicht kneifen, er wollte Palastwache werden und Furcht war das letzte, was er dabei gebrauchen konnte.

Sicher, er konnte sich einreden, dass der Tritt durch das merkwürdige Portal, was mitten im Raum aufgebaut worden war, ein Unfall gewesen sei. Sicherlich hatte ihn ein anderer Soldat geschubst.

Darrel lachte. „Achttausendsiebenhundertdreizehn Jahre und ich rede mir immer noch ein, dass ich nicht von Neugier getrieben den anderen gefolgt bin.“ Erst als er auf der fremden Welt wieder zu sich gekommen war, hatte Dazirel begriffen, dass die anderen es geplant hatten – sie hatten die Nase voll gehabt vom Palast und ihr Heil in der Flucht gesucht. Doch da war es schon zu spät gewesen. Er war wohl bewusstlos gewesen und als er zu sich kam, sah er die anderen nur noch weglaufen. Sie waren nicht so überrascht wie Dazirel gewesen, sie hatten genau gewusst, was sie taten.

Dazirel hatte im kalten Sand gelegen, das Tor hinter sich angestarrt und festgestellt, dass er allein war. Sicher, der Weg zurück wäre eine Option gewesen, doch je mehr Zeit verstrich, umso klarer wurde ihm, was passieren würde, wenn er zurück ging. Er konnte das, was passiert war, einfach nicht erklären.

„Ich war feige, richtig feige“, erklärte Darrel dem aufkommenden Nachtwind und schloss die Augen.

Die ersten Jahre waren nicht leicht gewesen, wirklich nicht. Er hatte Wasser und Nahrung finden müssen und er konnte sich erst seit ein paar Wochen wandeln, als seine Umagal ihm zugeteilt worden war. Er steckte in seiner Metamorphose, und war alles in allem noch ziemlich jung. So blieb ihm nur, Mensch unter Menschen zu sein und er hatte seine Maskerade von der Pieke auf gelernt. Ein Stamm Buschmänner hatte ihn aufgenommen, ihn das Überleben gelehrt, doch Dazirel war damit nicht zufrieden gewesen. Er könnte nicht einfach in den Tag hinein leben, es war nicht das, was er kannte und was er wollte. Er suchte nach mehr. So beschloss er nach 2 Jahren den Stamm zu verlassen. Er hatte genug gelernt um sich durchzuschlagen und sein Weg hatte ihn in den Norden des Kontinents geführt – Theben, Piramesse. Eine Hochkultur, die der seinigen nicht unähnlich war. Schnell hatte er sich integriert, auch wenn er ob seines fremdländischen Aussehens anfangs eher gemieden wurde.

„Die Zeit als Hohepriester war nicht schlecht gewesen“, sinnierte Darrel und rollte die Schultern. Er schlug die Augen auf und betrachtete neugierig die Krähe, die unweit von seinem Platz hockte und sich lautstark darüber beschwerte, dass sie hier oben nicht alleine war. Darrel fauchte leise und der Vogel war still. Giny zischelte ebenfalls leise in Richtung des Vogels und wuselte dann wieder um Darrel herum. Die Umagal mochte es hier oben zu sein, so viele Ecken um sich zu verstecken und Höhlen zu erkunden.

„So ist’s besser“, knurrte er leise und schloss wieder die Augen.

Er erinnerte sich gern an die alten Zeiten, all das Neue, was er gelernt hatte. Er hatte Sprachen und Eindrücke in sich aufgesogen wie ein Schwamm, hatte nicht genug davon bekommen können und sein Drang nach Wissen und Erkenntnis war eines der wenigen Dinge, die er bis heute hatte bewahren können. Er hatte einen unerschöpflichen Fundus, von dem er auch heute, in seinem Beruf als Journalist und seinem Hobby als Anthropologe schöpfen konnte.

„Ich werde nie Gregs blödes Gesicht vergessen, als er merkte, dass ich seinen Ausführungen über die speziellen Merkmale asiatischer Knochenstrukturen im Gesichtsbereich bis zum Schluss folgen konnte, während der Rest der Bande eingeschlafen ist.“ Darrel lachte laut und erschreckte die Krähe, die zeternd von dannen flog, weil sie hier offensichtlich nicht die Ruhe fand, die sie suchte. Darrel setzte sich auf und öffnete die Augen wieder.

Gregory.

Einer der wenigen Gründe, warum er immer noch in New York lebte und noch nicht weiter gezogen war.

Es war eine Zufallsbegegnung gewesen, bei einer Recherche für ein Fachjournal für Gerichtsmediziner. Es ging um wiederkehrende Muster spezifischer Verletzungen bei Suiziden und vorgetäuschten Suiziden. Darrel hatte um ein Interview mit dem aktuellen Pathologen des Reviers gebeten, für das er seit einigen Monaten beratend tätig war und so war ihm im zweiten Untergeschoss in einem fensterlosen kalten Raum aus Edelstahl im Dämmerlicht der Neonlampe eine Erscheinung gekommen.

Groß – brauner Fransenschnitt – unschuldige braune Augen – und der ansehnliche Leib steckte in grüner OP-Kleidung. Im nachhinein hatte Darrel erfahren, dass Gregory O’Kelly sich mit Lauftraining fit hielt und eigentlich nur für seinen Beruf lebte.

„Zwei verdammte Jahre ist das jetzt her und der Blödmann ist immer noch nicht mit mir ausgegangen. Dabei weiß ich genau, dass er scharf auf mich ist“, knurrte Darrel zu Giny, die um ihn herum wuselte, und raufte sich einmal mehr die schwarzen Strubbelhaare. Lachend schüttelte er den Kopf. Über achttausend Jahre alt aber verliebt wie ein Schuljunge.

Er pfiff nach Giny, die auch gleich zu ihm gewuselt kam und auf seine Schulter kletterte. Er kraulte sie unter dem Kinn und grinste. „So, Süße, ich bring dich jetzt rein, denn ich will noch weg.“ Als wenn die kleine Echse ihn verstünde, nickte sie und Darrel erhob sich. Greg wartete auf ihn, weil sie ihre Reise planen mussten. Dazu musste er zur Pathologie fahren, denn Greg hatte Spätdienst und sonst keine Zeit. Er war gerade dabei einen Kollegen einzuarbeiten, damit er die offenen Fälle übernehmen konnte. Da er zusätzlich zu seiner Ausbildung als Gerichtsmediziner auch eine anthropologische Ausbildung genossen hatte – die, wie er sagte allerdings eher sein Hobby als sein Beruf war – konnte er seinen wissenschaftlichen Untersuchungen, die er auf dem Gebiet der Azteken betrieb, nur in seiner Freizeit, also in seinem Urlaub nachgehen. Im laufenden Dienst war für derartiges – schon gar nicht jenseits der Grenzen der Vereinigten Staaten keine Zeit. Im Kühlraum der Pathologie stapelten sich die Toten. Am liebsten wäre es dem Dezernat, Gregory würde weder essen, noch schlafen noch auf seinen Urlaub bestehen. Aber zum Glück hatte Gregory sich durchgesetzt.

„Drei Wochen nur wir beide“, lachte Darrel und stieg langsam die Treppen runter zu seiner Wohnung. Er war scharf auf Greg, das konnte er nicht leugnen, aber bisher waren sie überhaupt nicht dazu gekommen, sich näher kennen zu lernen. Zumindest so, wie Darrel es sich wünschte. „So, Kleine, ab in den Käfig, ich will los.“ Giny huschte seinen Ärmel entlang und verschwand in ihrem Terrarium. Es maß zwei Meter in der Tiefe und nahm die Stirnwand des Flures ein. Hier war es relativ dunkel, wenig direkte Sonne. Das war für die tropischen Pflanzen in dem Terrarium gut und Giny bekam Licht und Wärme über spezielle Lampen. Herrlich was die heutige Welt hergab. Er wollte sich kaum daran erinnern, wie er die Kleine durch eiskalte Winter hatte bringen müssen. Darrel legte noch drei Stücken Banane dazu, dann schloss er die Glastür, ehe er im Bad verschwand. Er duschte hastig und zog sich um. Auch wenn er in einem Keller voller Leichen verschwand, konnte es sein Ego nicht zulassen, dort ungepflegt aufzutauchen.

Schließlich hatte er einen Ruf zu verlieren und er mochte das kurze Aufleuchten in den herrlichen, braunen Augen, wenn Greg ihn ansah. Darrel seufzte auf und nahm sich mit einem Grinsen das Aftershave, das Greg so gerne mochte. Er schnupperte dann immer heimlich, wenn er dachte Darrel würde es nicht bemerken. Und der Drache ließ ihn in dem Glauben, er würde es nicht merken, denn er wusste nicht, was passieren würde, wenn er Gregory damit konfrontierte. Vielleicht würde er es dann nicht mehr versuchen, versuchen Distanz zwischen sie beide zu bringen und das war für Darrel nicht akzeptabel.

Er stand im Flur und blickte sich noch einmal um. Sein Blick fiel auf den großen Wohnraum, der – getrennt von einer Theke – in die großzügige Küche überging. Die privaten Zimmer wie Schlafzimmer und Arbeitsraum lagen in der zweiten Etage, direkt unter dem Dach. Er hatte einen Teil des Daches verglasen lassen – er liebte es bei Gewitter und Regen darunter zu liegen und in den Himmel zu starren. Lieber noch zu zweit und wenn er nicht bald aus dem Haus kam, dann war Gregorys Pause um und sie hatten wieder nichts besprochen. So klopfte er noch einmal alle Taschen ab.

Handy – check.

Brieftasche – check.

Schlüssel – check.

Kondome – check. Auch wenn er sich sicher war, dass er die heute wieder nicht brauchte.

Gut gelaunt machte er sich auf den Weg. Mit dem Auto brauchte er nicht lange zum Institut und er kam auch nur ein paar Minuten zu spät. Sie hatten also noch genug Zeit für ihre Planung. „Hi Sam“, grüßte er den Pförtner, der lächelnd mit dem Finger an seine Mütze tippte. Gregory meldete ihn immer an, damit Darrel am Eingang nicht aufgehalten wurde. Er ging wie immer durch den Detektor, eine Sicherheitsmaßnahme, die für alle Gäste galt. Doch da er hier her nicht bewaffnet kam, konnte er unbehelligt weiter gehen. Schnell war er beim Fahrstuhl und er konnte nicht vermeiden, dass ihm aus den geschlossenen Edelstahltüren des Fahrstuhls sein eigenes dümmliches Gesicht entgegen grinste.

Zwei Minuten später und drei Etagen tiefer wandte er sich nach links und ging zielstrebig auf den Pausenraum zu, der einzige Raum, den er unaufgefordert betreten durfte. Er klopfte gegen die offene Tür und steckte den Kopf rein. „Hast du nicht Pause? Leg die Akten weg“, lachte er und trat ein. Gregory saß alleine am Tisch, eine Tasse Teersuppe in der einen, das Papier in der anderen Hand.

„Darrel!“ Gregory grinste und stand auf, damit er seinen Freund mit einer Umarmung begrüßen konnte. Er schloss die Augen, als die Arme sich um ihn schlossen und atmete tief ein. Darrel roch wieder so unverschämt lecker. „Du bist zu spät, das wäre doch sonst vertane Zeit gewesen.“

„Jetzt werde ich schon zur Ausrede dafür, dass du nicht ohne deine Arbeit leben kannst. So hatten wir aber nicht gewettet“, entgegnete Darrel gespielt brüskiert und gönnte Gregory noch eine Nase voll Aftershave, ehe er sich löste und Gregory tadelnd ansah. „Zur Strafe fährst du jetzt mit mir zur Erdoberfläche und trinkst einen richtigen Kaffee in der Cafeteria mit mir.“ Dort waren sie um diese Uhrzeit sicherlich auch ziemlich ungestört, aber er bekam Gregory mal aus seinem Umfeld heraus und dessen Kopf vielleicht ein bisschen frei für das, was sie vor hatten.

„Erpresser“, lachte der Pathologe, schob aber schon die Akten zusammen, um sie in sein Büro zu bringen. „Ich habe eine Stunde Zeit. Glaubst du, dass wir die Planung schaffen? Ich habe nämlich in den nächsten Tagen kaum Zeit.“

„Dann müssen wir es schaffen, zumindest so weit, dass ich handlungsfähig bin.“ Für Darrel war es kein Problem, die Reise zu organisieren. Er brauchte nur ein paar Daten und die Ansprechpartner. Er wusste, wie man an den richtigen Stellen die richtigen Türen öffnete. Doch das brauchte Gregory nicht zu wissen. Es waren nicht immer legale Wege, aber sie funktionierten und sie funktionierten gut. Doch so lange es ihm möglich war, hielt sich Darrel an die Gesetze.

Sie fuhren mit dem Fahrstuhl wieder nach oben und schlugen den Weg durch den verglasten Gang zum Nachbargebäude ein – dort lag über der Turnhalle die Cafeteria mit Blick auf die Trainierenden.

„Das wäre super, wenn du dafür Zeit hast. Ich hatte das ja anders geplant, aber meine Kühlfächer quellen förmlich über und Marvin ist leider noch nicht so weit, dass er das schon alleine hinkriegt. Er braucht also noch ein wenig Intensivbehandlung. Was Überstunden bedeutet.“ Gregory ließ sich auf einen der bequemen Stühle fallen und nahm gleich einen Schluck von seinem Cappuccino. „Wahrscheinlich werde ich wohl vom Institut direkt zum Flughafen fahren müssen.“

Darrel furchte die Stirn und sah Gregory nachdenklich an. Es schmeckte ihm nicht. Nicht nur weil er nach diesen Worten wusste, dass er in der nächsten Woche nicht durch die Clubs ziehen musste. Er würde Gregory dort nicht antreffen. Mehr noch passte es ihm nicht, weil das Dezernat ohne Rücksicht auf Verluste ihre Personalengpässe durch Überbelastung derer zu kompensieren versuchte, die gerade greifbar waren. Und da Gregory in seinem Job sehr gewissenhaft war, schlug er es nur selten aus, sich etwas anzusehen, jemanden zu untersuchen oder einen Totenschein zu prüfen. Er sah sich als Anwalt der Toten und war für sie da, wenn sie ihn brauchten. Wenn es nach Darrel ginge, hätte er das dem jungen Pathologen schon lange abgewöhnt.

„Kein Problem. Ich brauche deine Planung. Wann willst du fliegen, wann willst du zurück. Wo willst du landen, was für einen Mietwagen brauchen wir, werden wir zelten oder gibt es Unterkünfte in der Nähe der Grabung. Solch Zeug eben.“ Auch Darrel nahm endlich einen tiefen Schluck seines heißen Kakaos. Er brauchte jetzt Zucker, sonst ging er den süßen Pathologen an!

„Danke, Darr.“ Kurz legte Gregory seinen Kopf auf die Schulter seines Freundes. Das war so ziemlich die einzige intime Geste, die er sich abgesehen von einer Umarmung traute. Darrel hatte ihm auf Anhieb gefallen, aber er traute sich einfach nicht einen Schritt weiter zu gehen und sich mit ihm zu verabreden. Was keiner wusste, Gregory war sehr schüchtern und auch sehr unsicher, wenn es um sein Liebesleben ging und seine Angst Darrel als Freund zu verlieren war einfach zu groß. Darum beschränkte er sich darauf, all die Dinge, die er gerne mit seinem Freund tun würde, nur in seinem Kopf zu erleben.

Er straffte sich wieder. „Ich möchte am zwölften, also freitagabends fliegen und am dritten wieder zurück. Wir werden zelten. Ob du zwei kleine Zelte besorgst, oder ein großes für uns beide, überlasse ich dir.“ Dass er auf ein Zelt hoffte, behielt er lieber für sich. Doch er musste es nicht aussprechen, Darrel konnte ihn lesen und er lächelte. „Okay“, sagte er nur, machte sich in seinem Smartphone ein paar Notizen, damit er die wichtigsten Daten nicht vergaß und würde sich heute Nacht daran machen, Flüge zu buchen und sich um den Rest zu kümmern. Sein erster Weg würde ihn morgen allerdings zu einem Camping-Ausstatter führen, um dort nach Zelten zu gucken. Am liebsten wäre ihm etwas größeres, in dem man stehen konnte und ausreichend Platz hatte – mit einem abgetrennten Schlafzelt und einem Vordach. Und wenn er schon mal da war, fand er bestimmt noch sieben Dutzend herrlich unwichtige, aber extrem lustige und praktische Sachen, die er alle kaufen musste. Er liebte solche Läden und hatte schon ein stattliches Repertoire an Überlebenskrempel – herrlich.

„Was heckst du schon wieder aus?“, fragte Gregory lachend und schob seinem Freund eine Mappe zu. „Ich habe schon mal die Strecke ausgearbeitet, die wir vom Flughafen nehmen müssen, damit wir zur Grabung kommen. Wir brauchen einen Geländewagen, mit genügend PS und auch Platz, damit wir alles unterbekommen. Wir werden ziemlich beladen sein, wenn wir losfahren. Es gibt keine Gelegenheit etwas einzukaufen im Umkreis von hundert Meilen.“

Nickend nahm Darrel die Informationen auf und grinste. „Ich werde dir ganz bestimmt nicht verraten, was ich aushecke. Dann hinderst du mich noch daran, vergiss es!“ Entschlossen schüttelte der Drachen den Kopf und nahm einen tiefen Schluck, doch dann war seine Tasse leer und er guckte verwirrt hinein. Hatte die ein Loch? Er hob sie über sich, guckte drunter, zuckte die Schultern. Er holte sich schnell noch eine Tasse voll, dann saß er auch schon wieder bei Gregory. Er wollte die Zeit nutzen, die sie hatten, ihn studieren, sezieren, alles wissen, was es nur zu wissen gab. „Schick mir am besten deine Unterlagen, dann setze ich dort an.“ Und auf den dicken Geländewagen freute er sich heute schon. Er liebte sie, doch in der Stadt fuhr er lieber etwas Schnittiges aus der alten Welt.

„Mach ich.“ Gregory guckte genauso wie sein Freund, denn seine Tasse war ebenfalls leer. Das schlimmste war aber, dass er gar nicht mitbekommen hatte, dass er sie getrunken hatte. Er war wohl wirklich etwas gestresst, auch wenn er das nicht gerne vor sich zugab, denn das bedeutete für ihn, dass er versagt hatte. „Und eins sag ich dir. Wir beschränken uns auf das Nötigste bei unseren persönlichen Sachen. Kein unnötiger Schnickschnack. Ein Rucksack pro Person.“ Er kannte doch Darrel, der brachte es fertig und schleppte drei Koffer mit.

„Mach dir da mal keine Sorgen, ich kriege schon unter, was ich mitnehmen will“, entgegnete Darrel nur. Soweit kam es noch, dass er nur das Nötigste mitnahm! Er wollte auf jede noch so unwahrscheinliche Eventualität vorbereitet sein. Er hatte jetzt eine Woche Zeit, sich Eventualitäten auszudenken, die eintreten könnten, um seinen Überlebenskrempel legal bei sich führen zu dürfen.

„Das befürchte ich auch.“ Gregory grinste und wuschelte seinem Freund durch die sowieso schon wirren Haare. Er mochte das Gefühl, wie die weichen Strähnen durch seine Finger glitten. „Du kriegst doch immer, was du willst.“

„Fast immer“, schoss Darrel zurück, ohne es verhindern zu können. Als ihm bewusst wurde, was er gesagt hatte, lächelte er. „Aber ich werde ein großes Zelt kaufen, einen großen Wagen mieten und das Übergepäck bezahle ich auch. Alles im grünen Bereich.“ Er erhob sich, um auch Gregory noch einen Kaffee zu besorgen, der seine leere Tasse immer noch umklammert hielt. Er brauchte wieder etwas Abstand, Gregory brachte ihn dazu, sein Hirn zu umgehen und das war nur in den seltensten Fällen wirklich ratsam.

Gregory sah ihm sehnsüchtig hinterher. Nur zu gerne wäre er Darrel nach gelaufen, damit er die Arme von hinten um ihn legen und ihn an sich ziehen konnte. Dann würde er sich über den Nacken bis zu den Lippen küssen, die so weich und verlockend aussahen, dass man sie bestimmt nie wieder verlassen wollte. „Hör auf“, murmelte er leise und rieb sich über die Augen. Hier war ganz bestimmt nicht der richtige Ort für diese Gedanken. Irritiert, weil der Drache mit seinen extrem guten Gehör vernommen hatte, was Gregory sagte, sah sich Darrel um, doch dann musste er der Verkäuferin erklären, was er wollte und widmete sich so ganz ihr. Er kam mit einem großen Cappuccino zurück und stellte im Gregory vor die Nase. „Du solltest dein Kellerloch mal zu einer Zeit verlassen, zu der noch die Sonne am Himmel steht, Greg, du siehst blass aus“, sagte er plötzlich. Es war nicht das erste Mal, dass er versuchte auf ihn einzuwirken. Doch Gregory war erwachsen, er musste selbst entscheiden, was gut für ihn war.

„Danke“, Gregory lächelte Darrel an und rieb sich wieder über die Augen. „Bald werde ich drei Wochen unter freiem Himmel sein. Jeden Tag. Da wird sich das schon wieder geben.“ Er war müde und erschöpft, das konnte er nicht abstreiten und manchmal hatte er den Drang, alles hinzuschmeißen, aber das konnte er nicht. Er musste diese Aufgabe erledigen.

„Gregory, ich meine das ernst. Du kannst nicht ein Jahr lang Raubbau an deinem Körper betreiben und dann so tun, als könnten drei Wochen, in denen du auch nur arbeiten und forschen willst, das wieder kitten. Wenn du so weiter machst, wirst du nicht alt und das würde ich nicht gut finden. Pass besser auf dich auf und lerne endlich mal nein zu sagen, dir zu liebe.“ Darrel blickte seinen Freund eindringlich an, lehnte sich dann aber zurück als er das Gefühl hatte, zu intensiv in ihn zu dringen.

„Ich weiß, Darr.“ Gregory senkte den Blick und rührte seinen Cappuccino um. „Es ist nur so, dass ich nicht einfach so aufhören kann. Ich bin eine Verpflichtung eingegangen, als ich diesen Job angenommen habe und nur weil viel zu tun ist, kann ich nicht einfach alles hinschmeißen. Das wäre nämlich die einzige Möglichkeit, die ich habe, um etwas zu ändern, denn die Arbeit wird nicht weniger werden.“

Darrel knurrte, denn Gregory verstand ihn absichtlich falsch, um sich nicht damit auseinander setzen zu müssen. „Es würde schon reichen, wenn du deine Arbeitszeiten am Gesetz orientieren würdest. Es gibt eine tägliche, maximale Stundenzahl. Dann solltest du deine Tasche packen und gehen. Deine Arbeit wird morgen immer noch da sein, aber du bist dann vielleicht ausgeschlafener und erfrischter, wenn du mal für ein paar Stunden den Kopf frei bekommen hast. So kann es nicht weiter gehen. Pflichten hin oder her. Irgendwann muss auch bei dir endlich mal der Selbsterhaltungstrieb einsetzen.“ Warum waren Ärzte eigentlich immer die schwierigsten Patienten?

„Ja, Mom.“ Gregory grinste seinen Freund schief an, zeigte aber mit einem Nicken, dass er seinem Freund durchaus Recht gab, aber es alleine nicht ändern konnte. „Und wenn ich verspreche jeden Tag eine Stunde weniger zu arbeiten?“

„Und wie willst du freche Made das machen?“ Darrel grinste und entspannte sich ein wenig. „Dann kommst du abends halb zwölf aus dem Keller mit der Begründung, eigentlich wolltest du bis halb eins machen, gehst aber heute mal früher? Nein nein, ich kenne dich schon eine Weile. Gesetzliche Arbeitszeiten.“ Doch Darrels Gesicht zeigte, dass er das nur als Scherz meinte, er würde Gregory niemals Vorschriften machen – doch er wollte ihn zum Nachdenken bringen. Den Rest musste der Pathologe dann alleine machen.

Gregory lachte und fühlte sich gleich viel besser. So war das meistens, wenn er sich mit Darrel traf. „Gesetzliche Arbeitszeiten? Das ist doch nur ein Mythos, den die Gewerkschaften erfunden haben. So was ist mir noch nie in der Realität begegnet.“ Er nahm wieder einen Schluck aus seiner Tasse. „Komm, ich erkläre dir, wie unser Urlaub ablaufen wird. Ich muss gleich wieder zurück.“

Darrel ließ es dabei bewenden und wenn Gregory nicht einen Gang zurück schaltete, hatte er immer noch die Chance, ab und an einen Bombenalarm auslösen zu lassen, damit das Haus geräumt wurde. Doch er ließ seine Gedanken sinken und lauschte auf das, was Gregory ihm erzählte. Es schien, als hätte der junge Mann jede Minute durchgeplant und Darrel knurrte. „Was assoziierst du mit dem Wort Urlaub?“, wollte er also wissen, ob sie überhaupt den gleichen Wortschatz benutzten.

„Zeit, die ich nicht im Institut verbringe?“, erklärte Gregory mit unschuldigem Augenaufschlag. Er wusste, dass er wieder dieses tiefe Knurren hören würde, das so typisch für Darrel war und ihm angenehme Schauer über den Rücken jagte. Er hatte dann immer das Gefühl ein Raubtier neben sich zu haben, das sein Revier verteidigte. Darum schloss er die Augen, spürte dem Grollen nach und erschauderte.

„Wenn wir uns das nächste Mal sehen, bekommst du ein Nachschlagewerk von mir. Mit was für ungebildeten Männern bin ich denn umgeben“, murmelte Darrel gespielt und laut genug, dass Gregory es hören musste. Doch er knurrte noch einmal leise, weil er spüren konnte, wie sehr dem jungen Mann das gefiel. Doch dann griff er sich seinen Kakao, ehe er ganz kalt wurde. „Scheinst ja jede Nacht Urlaub zu haben, du Glückspilz.“

„Ja, jeden Tag ein paar Stunden.“ Gregory trank seine Tasse leer und erhob sich. Er wollte nicht gehen. Viel lieber würde er noch mit Darrel hier sitzen und sich unterhalten, aber das ging nicht. „Ich muss los, tut mir leid.“ Er sah seinen Freund bedauernd an und beugte sich noch schnell vor um Darrel zu umarmen. „Ich werde um acht Uhr Feierabend machen, so wie den Rest der Woche. Wenn du magst, ruf mich an, dann können wir reden.“

„Ich würde sagen, du isst noch was und gehst ins Bett.“ Darrel blickte auf die Uhr. Er würde sich noch etwas an den PC setzen und ein paar Dinge besorgen. „Pass auf dich auf und ruf einfach an, wenn du wach bist.“ Er lächelte Gregory ein letztes Mal an, dann trennten sich vor dem Fahrstuhl ihre Wege.  Greg fuhr zurück in die Katakomben und Darrel brauchte noch etwas frischen Wind im Haar. Treffen mit Gregory – so schön sie auch waren – wühlten ihn immer auf. Er wollte Gregory aus dem Trott raus haben doch er konnte ihm auch nicht seinen Job entreißen, denn er wusste nur zu gut, wie ernst der junge Pathologe ihn nahm. Kurz strich sich Darrel über die Augen, dann stieg er in seinen Wagen.

Gregory stieg wieder runter in die Katakomben und wurde auch gleich von einem aufgeregten Marvin empfangen. Eines der Analysegeräte machte nicht, was es sollte und Gregory sollte danach sehen. Von seinem Kollegen ungesehen verdrehte Gregory die Augen, folgte aber. Seine Pause war eindeutig vorbei und er kam auch nicht mehr dazu sich ein paar Minuten zu entspannen, bis er sich um acht Uhr morgens auf den Heimweg machen konnte. Er war geschafft, aber er holte sein Handy raus und tippte eine kurze Nachricht an Darrel, dass er gleich Zuhause war.

>>Hab ich nicht gesagt, du sollst dich ausschlafen<<, kam es gleich zurück. Darrel saß bereits an der Theke, vor sich hatte er den Laptop stehen, auf dem großen Monitor im Wohnzimmer hatte er sich ebenfalls ins Netz eingewählt und suchte sich durch Camping-Ausstatter-Seiten, während er auf dem Laptop gerade die Bestätigung der Flugbuchung entgegen nahm. Giny war das alles relativ egal, auch dass ihr Drache nackt am Tresen saß. Sie hatte ihre Gurkenscheibe, der Rest ging sie nichts an. Dabei war Darrel fleißig gewesen. Er hatte die Flüge gebucht, einen großen Mietwagen besorgt, sich die Strecke angesehen, die sie nehmen konnten. Er würde sie mit der abgleichen die Gregory ihm schickte, wenn er dazu kam. Und nun belohnte er sich mit dem Kauf von unnützem, aber tollem Männerspielzeug, ehe er in zwei Stunden losging, um ihnen ein Häuschen aus Plane zu kaufen.

>>Bin aber zu aufgedreht zum schlafen<<, schrieb Gregory zurück und grinste. Er führte sich gerade auf wie ein kleines Kind, aber er wollte nicht ins Bett, ohne noch einmal Darrels Stimme zu hören. Dabei wollte er sich ins Bett kuscheln und sich einbilden, dass der andere Mann neben ihm lag. Gregory schüttelte über sich selbst den Kopf. Verliebt wie ein Teenager, mit allem, was dazu gehörte: Herzklopfen, Schmetterlinge im Bauch, weiche Knie und den Drang Darrel immer in seiner Nähe zu haben.

>>Gut, ich werde dich trotzdem zurecht weisen, auch wenn ich noch nichts an habe<<, erklärte Darrel mit einer SMS und machte sich keine Mühe, etwas anzuziehen. Gregory sah ihn sowieso nicht. Er legte also das Handy wieder beiseite und klickte sich mit der Fernbedienung weiter durch die Angebote auf dem Monitor. Gerade hatte er GPS-Geräte beim Wickel. Herrlich! Es blinkte und leuchtete und machte Geräusche und brauchte Strom!

„Giny“, knurrte er leise, als seine Umagal über die Fernbedienung trappelte und das Bild einfach weiter schaltete. „Willst du mir was sagen? Raus mit der Sprache“, lachte er leise und strich der Kleinen über den Rücken.

Die kleine Echse drückte den Rücken durch und quietschte leise. Sie tapste weiter auf den Tasten und konnte sich wohl doch nicht so wirklich entscheiden, was sie wollte. Sie wurden bei ihrem kleinen Spielchen unterbrochen, als Darrels Handy anzeigte, dass eine Nachricht angekommen war. >>Liege im Bett und warte auf dich<<

Der Drache spuckte den Tee, den er sich eben genüsslich gegönnt hatte aus, als sein Hirn ihm ohne Umschweife Bilder präsentierte, kaum dass er die SMS gelesen hatte. Giny zischte aufgebracht, sie war nass geworden und jetzt sehr verstimmt. „So ein Blödmann, tut mir leid, Süße“, versuchte er schön Wetter zu machen und schob erst einmal alles auf Gregory, damit Giny wieder unter dem breiten Tellerrand vor kam, von wo aus sie ihn noch immer anzischte. Langsam wählte er Gregorys Nummer und legte den Kopf auf den Tisch, um seine kleine Freundin angucken zu können. „Süße, nicht böse sein.“

>>Sehe ich so unmännlich aus, dass du jetzt schon Süße zu mir sagst?<<, wurde er ziemlich verschnupft gefragt. Was war das denn für eine Begrüßung? >>Ich hoffe du hast eine gute Erklärung dafür, sonst bin ich echt beleidigt<< Gregory rollte sich auf den Rücken, streckte sich und gähnte.

Darrel zuckte, als er Gregorys Stimme hörte, fand aber dass er sich eine kleine Lektion verdient hatte. Hoffend, dass er jetzt nicht über das Ziel hinaus schoss, entgegnete er: „Ich habe die junge Dame feucht gemacht, die hier wohnt.“

>>Bitte?<< Gregory schoss hoch und sein Herz schlug ihm bis zum Hals. >>Du hast eine Frau?<< Zusammen mit der Tatsache, dass Darrel nackt war, wie er vorhin ja kundgetan hatte, verursachten die Gedanken, die darum unweigerlich durch Gregorys Kopf geisterten ein fieses Ziehen im Bauch. Es tat weh - verdammt weh.

„Sie heißt Giny, hockt gerade unter einem Tellerrand und zischt mich an – sie ist verstimmt darüber, dass ich ihr Tee über gespuckt habe, als ich deine letzte SMS gelesen habe“, löste Darrel das absichtliche Missverständnis auf, denn Gregory war ihm etwas zu stumm. Er sollte nicht den falschen Eindruck bekommen, nur merken, dass Darrel auf der gleichen Ebene Replik geben konnte, wenn es sein musste. Er lachte leise, denn Giny hatte sich jetzt auf die andere Seite des Tellers verzogen, damit Darrel sie nicht sehen konnte. „Und sie ist stinksauer auf mich. Sie mag keinen grünen Tee, der passt nicht zu ihren Schuppen.“

Gregorys Gedanken rotierten. Eine Frau, die unter einen Teller passte und Schuppen hatte? Da kam er nicht mehr mit. „Häh?“, kam es dann auch sehr eloquent aus seinem Mund und er ließ sich wieder nach hinten fallen. „Du bist fies, kleine, überarbeitete Pathologen zu verwirren und in den Herzinfarkttot zu treiben.“

Darrel lachte leise. So, so. Es trieb Gregory also in den Herztod, wenn er glaubte, Darrel hätte eine Frau? Gut zu wissen. Doch stattdessen sagte er. „Das wäre alles nicht passiert, wenn die kleinen überarbeiteten Pathologen sich schlafen gelegt hätten, anstatt zu telefonieren und außerdem bist du gar nicht so klein. Giny ist klein, sie passt in meine Teetasse“, knurrte er, als er ungläubig dabei zusah, wie seine kleine Freundin in seiner Tasse verschwand. Sie ruderte ein bisschen mit den Pfoten herum, dann hing sie über den Rand und sah ihn herausfordernd an.

„Darrel!“, stöhnte Gregory. „Wer ist Giny? Du machst mich echt verrückt?“ Der Pathologe wusste, dass er sich eine ziemliche Blöße mit seinen Fragen gab, aber nach dem Schock, musste er das jetzt wissen.

„Giny ist eine bildschöne, blassgrüne Umagal, eine Echse aus den Tropen. Sie lebt bei mir und glaubt, sie hat das Sag … Giny, nein!“ Beherzt griff Darrel zu, als die nasse, junge Dame wieder auf die Fernbedienung hüpfen wollte und setzte sie auf den Boden. Das war sicherer. Nicht dass sie noch einen Stromstoß bekam, wenn die Batterien nass wurden und Überspannung bekamen. „Ich glaube, sie hatte heute Morgen zu viel Zucker. Sie ist völlig von der Rolle.“ Darrel ließ sie nicht aus den Augen, wer wusste schon, was sie noch anstellte?

„Du hast eine Echse?“ Gregory fiel auf, dass er viel zu wenig über Darrel wusste. Sie kannten sich jetzt zwei Jahre, aber dass er eine Echse hatte, war ihm vollkommen unbekannt gewesen. „Sonst noch was, was ich wissen sollte, bevor wir für drei Wochen im Dschungel sind und ich dir nicht entkommen kann?“ Er lachte leise und machte es sich bequem.

„Du meinst, außer dass ich ein sexbesessener Drache bin, der Mafiabosse jagt, Abtrünnige ihrer gerechten Strafe zuführt und lautlos tötet?“ Darrel tat als müsste er überlegen. „Ich schnarche und hasse Spinnen. Ich werde peinlich und hysterisch, wenn sie sich mir nähern. Da ist der tropische Regenwald genau die richtige Ecke für mich.“ Er lachte und rief nach Giny, doch sie lag vor dem Balkon in der Sonne und aalte sich.

„Du bist echt ein Spinner, aber wie war das mit dem sexbesessen?“ Gregory lachte und stellte sich gerade vor, wie Darrel ihm in die Arme sprang, weil sich ihm eine Spinne näherte. Die Vorstellung gefiel ihm irgendwie. „Ich werde dich vor allen Spinnen beschützen, das verspreche ich.“

„Mach dich nur lustig aber glaube mir, ich werde dich schon dazu bringen, mich von den widerwertigen Krabbeltieren fern zu halten. Denn ich allein werde wissen, wo unsere Rückflugtickets zu diesem Zeitpunkt sein werden“, erklärte er und wischte endlich die Teeflecken vom Tisch, ehe es dauerhafte Ringe gab. Dann setzte er sich neues Teewasser auf. Er liebte Giny, aber er wollte nicht, dass sein Tee nach ihr schmeckte. Also landete der kalte Tee mit Giny-Geschmack in der Spüle. „Das sexbesessen lassen wir mal außen vor. Du bist ja ein kleiner, überarbeiteter Pathologe. Für die ist so was nichts. Die sollten schlafen und sich erholen – mehr nicht. Vielleicht wenn sie weniger arbeiten würden… aber so?“

„Da bin ich aber ganz anderer Meinung. Ich denke, da müssen wir noch mal drüber reden. Es geht ja nicht, dass ich da uninformiert bin und ich das falsche mache, wenn es dich überkommt. Vielleicht mache ich es ja nur schlimmer, wenn ich dich knebel und fessel bei deinem Anfall.“ Gregory wusste, dass er gerade sehr zweideutig war, aber er fühlte sich gerade sehr wagemutig. Wenn er nicht so müde wäre, würde er sich das wohl nicht trauen.

Auch Darrel entging nicht, dass der Pathologe auf dünnem Eis wandelte. „Keine Sorge, kleiner Pathologe. Ich werde mich zusammenreißen und wir werden beide unbeschadet die drei Wochen überleben. Ich geh gleich ein Zelt kaufen in das auch eine Couch passt. Da kann ich dann schlafen – oder nein. Besser du. Ich werde in dem sicheren Schlafinnenzelt liegen, in das die Spinnen nicht rein kommen. Ja, so sollten wir das machen.“ Darrel kam mit seinem Tee wieder an die Theke.

„Ich werde ganz bestimmt nicht auf dieser Couch schlafen.“ Gregory schnaubte und musste dann gähnen. „Aber jetzt schlafe ich wohl besser in meinem Bett.“ Gregory fielen die Augen zu, aber er lächelte. „Das machen wir jetzt jeden Morgen, bis wir fliegen. Du erzählst mir, was du alles gemacht hast und ich kann beruhigt schlafen.“

„Willst du mich allen Ernstes kontrollieren?“, fragte Darrel entrüstet. „Ich bin ein weit gereister Journalist mit vielen Preisen und Ehrungen. Ich war überall auf der Welt im Einsatz. Ich werde wohl ein Zelt kaufen und ein Auto mieten können.“ Er gab sich fassungslos, lachte dann aber. „Schlaf lieber. Ich werde shoppen gehen und ein paar wichtige Kleinigkeiten besorgen, die wir alle brauchen werden. Gute Nacht.“

„Wehe du kaufst jeden Schnick Schnack“, gähnte Gregory. Er dämmerte langsam weg und darum konnte er seine nächsten Worte auch nicht mehr zensieren, bevor sie seinen Mund verließen, wenn auch nur noch genuschelt. „Ich weiß, dass du das kannst. Ich mag einfach nur deine Stimme hören, bevor ich einschlafe. Gute Nacht.“

Dann hatte er aufgelegt, noch ehe Darrel etwas hätte erwidern können. Der Drache starrte sein Handy an und versuchte in Reihe zu bringen, was er in den letzten Minuten alles von Gregory gehört hatte. Es klang ja gerade so, als hätte er reges Interesse an Darrel – doch wenn sie sich trafen, war er reserviert. Welches war jetzt das richtige Bild von Gregory? Der reservierte Mann oder der vom Telefon? Vielleicht war es das Beste, wenn er jetzt duschen ging und dann im Moloch der Stadt abtauchte. Er hatte sowieso neben seinen Besorgungen noch ein paar Dinge, die er in Erfahrung bringen wollte, denn es war nicht gelogen, als er auf Gregorys Frage, was der Pathologe noch nicht über ihn wisse, geantwortet hatte, er würde abtrünnige Drachen suchen und bestrafen. Das tat er seit Jahrhunderten. Doch sie hatten sich rar gemacht. Sie wussten, wie sie sich vor ihm verbergen konnten. Dabei war es Darrel egal, wenn sich jemand als Gott eines kleinen Indianerstammes im Regenwald ausgab und sie beschützte. Die durften unbehelligt bleiben. Doch es gab auch die, die ihre Kräfte ausnutzten, die die Menschen ausnahmen und sich auf anderer Kosten bereicherten. Sie zu jagen war Darrel ein Vergnügen.

„Na los. Duschen, noch eine Runde drehen und ein wenig shoppen.“ Darrel trank seinen Tee aus und verschwand unter dem warmen Wasser. Er war voller Energie und so machte er sich kurze Zeit später auf den Weg. Er hatte noch viel zu tun, bis zu ihrer Abreise.

02

„Darrel! Darrel“, rief Gregory durch die Flughafenhalle und winkte seinem Freund zu. Es war gekommen, wie er es befürchtet hatte. Er war wirklich von der Arbeit direkt zum Flughafen gefahren, weil er unbedingt noch einen Fall hatte abschließen wollen. Er rückte seinen großen Rucksack auf dem Rücken zurecht und ging mit schnellen Schritten zu seinem Freund. „Was zur Hölle ist das alles?“, fragte er fassungslos, als er das viele Gepäck sah, das neben Darrel stand. Das durfte doch nicht wahr sein, hatte der Blödmann ihm denn nicht zugehört?

„Das ist mein kleines Dschungel-Gepäck für alle Eventualitäten“, erklärte Darrel ungerührt. Giny verhielt sich in seiner Jacke ganz unauffällig. Sie spielten das Versteckspiel nicht zum ersten Mal und bisher war sie immer unbehelligt durchgeschlichen, während Darrel von den Security durchsucht worden war. „Nur das wichtigste zum Überleben – so lautete die Regel“, erklärte er und verschwieg, dass bereits mehrere Kisten auf dem Flughafen in Mexico-City auf si­e warteten, weil er die voraus geschickt hatte – unter anderem auch ihr sperriges Zelt. Er sah also auf seinen Rucksack, die zwei Reisetaschen und das Handgepäck.

„Herr im Himmel“, murmelte Gregory, zog seinen Freund aber für eine Umarmung zu sich. Schließlich roch der wieder so gut, dass es dem Pathologen wieder ganz schummerig wurde. Er hatte eindeutig Nachholbedarf, denn sie hatten sich die ganze Woche nicht gesehen. „Was hast du denn da alles drin?“

„Dinge, die ich brauche, wenn die üblichen Eventualitäten eintreten“, erklärte Darrel nur vage. Er mochte es, wenn Gregory neugierig versuchte unauffällig Informationen aus ihm heraus zu locken. Er war dabei sehr süß, aber auch sehr platt, denn Darrel war schon zu lange in der Szene unterwegs, als dass er als Journalist nicht alle Tricks selber kennen würde und sogar noch ein paar mehr. „Und jetzt sollten wir uns eilen, der Check In hat schon begonnen.“ Gregory wusste allerdings noch nicht, dass sie erster Klasse flogen und Darrel die Tickets bezahlt hatte. Gregorys Geld hatte er auf dessen Konto wieder zurück gebucht.

„Die üblichen Eventualitäten? Aha!“ Gregory verdrehte die Augen und grinste. Worauf hatte er sich da nur eingelassen? „Na dann komm du ängstlicher Mensch, bringen wir deine Überlebensausrüstung zum Schalter, damit sie auch mitkommt.“ Er griff sich eine der Reisetaschen und das Handgepäck und stiefelte los. Er wollte das hinter sich bringen, denn danach fing für ihn das Abenteuer an.

„Ach, wenn nicht alles mitkommt: auch nicht schlimm. Ich habe da schon mal was vorbereitet, das wartet in Mexiko“, erklärte er und drängte Gregory ab, der sich an den Schalter der Economy Class einreihen wollte. „Da hin“, lotste er den Pathologen und griff in die Innentasche, Giny zuckte, rutschte aber, damit Darrel besser an das Papier heran reichte. „Deinen Pass brauchen wir noch.“ Er reichte seinen und die Tickets der jungen Dame am Schalter.

„Was? Wie?“ Gregory drehte sich um sich selbst und zeigte auf den anderen Schalter. Da mussten sie doch hin. „Dein Pass, Greg“, holte Darrel ihn aus seiner Drehbewegung und Gregory holte das Gewünschte automatisch aus der Jackentasche, während er noch zu verstehen versuchte, was gerade passierte. „Das ist doch verkehrt. Das ist die erste Klasse. Komm wir müssen rüber.“

„Greg“, knurrte Darrel gutmütig, „bleib jetzt einfach mal hier still stehen, sei ein lieber Greg und lächle die Dame mal an, damit sie dein Gesicht mit deinem Passbild vergleichen kann.“ Derweil griff sich Darrel die übrigen Koffer und Taschen, stellte alles auf die Waage und reichte gleich noch seine Kreditkarte, um den Preis für das Übergepäck abbuchen zu lassen.

„Bist du verrückt?“, zischte Greg leise und boxte seinem Freund gegen den Arm, lächelte dann aber kurz zu der jungen Dame, wie gewünscht, bevor er sich wieder mit blitzenden Augen Darrel zuwandte. „Weißt du, wie teuer das ist?“, fragte er und sackte gleich in sich zusammen. „Sicher weißt du das. Blöde Frage.“ Gregory grinste schief, nahm seinen Rucksack ab und legte ihn auf das Band.

Darrel lachte leise und erledigte die Formalitäten. „Schau dir meine endlos langen Beine an. Weißt du wie lange das dauert, die in eine Sitzreihe in der Economy zu falten? Vergiss es!“ Darrel schüttelte den Kopf und nahm seine große Tasche für das Handgepäck wieder an sich. Sie enthielt – abgesehen von einer Unterhose und der erlaubten Menge an Drogerieartikeln für den Notfall – eigentlich nur seine Technik. Das fing bei zwei Laptops an, ging bei zwei Kameras mit Zubehör weiter. Dazu seine drei Handys für unterschiedliche Länder und Informanten, das GPS-Gerät und ein paar andere schnucklige Sachen, von denen er glaubte, dass er ohne die kleinen technischen Wunderwerke nicht leben konnte. Nur gut, dass er auch eine Solarzelle mit versandt hatte.

„Hätte ich gewusst, was du für ein Spinner bist, hätte ich mir überlegt, dich mitzunehmen“, brummte Gregory, aber er lächelte dabei. An sich fand er Darrels verrückte Art wunderbar. Sein Freund war so wunderbar unkompliziert und gab einem das Gefühl, alles schaffen zu können. „Ich werde mein Ticket selber bezahlen“, legte er fest.

„Hm?“, machte Darrel, als hätte er nicht zugehört. „Das hast du schon mal und ich hab's dir zurück überwiesen. Wir können das Spiel gern ein paar Jahre spielen, mit einem Dauerauftrag ist das kein Problem.“ Er grinste frech und ging dann zu einem der Cafés. „Lad mich lieber auf eine warme Milch ein, damit ich im Flieger gleich besser schlafe“, schlug er also vor und hatte sich schon gesetzt.

„Du bist echt unmöglich, Darrel Harris“, rief Gregory ihm hinterher. Es passte ihm nicht wirklich, dass sein Freund die Tickets bezahlte, aber er kannte Darrel gut genug, dass es keinen Sinn hatte. Er setzte sich zu Darrel und bestellte ihm die gewünschte warme Milch und für sich einen Cappuccino.

„Was glaubst du, warum ich freiberuflicher Journalist bin, hm? Weil ich unmöglich bin und keiner mit mir arbeiten will. So habe ich aus der Not eine Tugend gemacht“, spann Darrel weiter. Er liebte es, aus Wahrheiten Unwahrheiten zu machen und Unwahrheiten zu Wahrheiten zu stilisieren, so lange niemand Schaden nahm. Er spielte mit den Facetten und den Möglichkeiten. Er gab sich gern nebulös, denn dann konnte er sogar mit der Wahrheit hausieren gehen, ohne dass ihn einer ernst nahm.

„Spinner“, grummelte Gregory und schlug spielerisch nach Darrel. Es war das erste Mal, dass sie zusammen so viel Zeit verbringen würden. Bisher hatten sie sich eigentlich nur bei Gregory auf der Arbeit getroffen, aber trotzdem hatte sich eine ziemlich enge Freundschaft entwickelt. „Es kann also sein, dass ich nach den drei Wochen nicht mehr mit dir reden werde, weil du mich in den Wahnsinn getrieben hast?“

„ja, ich gehe ganz fest davon aus“, erklärte Darrel ernst und nahm seine heiße Milch entgegen. Die Kellnerin sah etwas fragend von der warmen Milch auf den stattlichen Kerl und wieder zurück, grinste dann und stellte beide Getränke ab. „Ich habe Flugangst. Von warmer Milch kann ich besser schlafen“, erklärte er und zwinkerte ihr zu.

Gregory knurrte leise und tarnte es als Husten. Was sollte das denn? Darrel hatte nicht fremden Tussies zuzuzwinkern und schon gar nicht, wenn Gregory neben ihm saß. Was für ein Glück, dass sie die nächsten drei Wochen wohl kaum jemanden treffen würden. Mitten in den tiefen Dschungel verirrte sich eigentlich niemand.

Er war als Knochen-Experte für eine erste Untersuchung in einem neu entdeckten Grab eines Azteken-Königs engagiert worden. Er wusste noch nicht viel, nur die GPS-Koordinaten des Grabes und dass außer ihm nur noch ein Experte aus Deutschland und dessen Grabungsleiter vor Ort sein würden. Er war also wirklich gespannt.

Überrascht von der Reaktion, die er vernommen hatte, blickte Darrel neben sich. Er hatte das Glas warme Milch schon angesetzt und trank einen kleinen Schluck, als er über das Glas hinweg Gregory musterte. Der hustete immer noch, als hätte er etwas im Hals, räusperte sich vor sich hin. „Trink einen Schluck, dann wird es besser“, sagte er besorgt. Nicht dass der Pathologe noch krank wurde und nicht einmal was von seinem lang ersehnten Urlaub hatte.

Gregory nickte und nahm einen Schluck. Zum Glück hatte Darrel nichts gemerkt. „Was hast du denn für einen Wagen gemietet?“, fragte er, um ein unverfängliches Thema anzuschneiden. Er hatte die letzte Woche so wenig Zeit gehabt, dass das alles hatte Darrell erledigen müssen.

„Einen schönen großen Land Rover, schließlich muss nicht nur unser Gepäck rein passen sondern auch das, was ich vor ein paar Tagen bereits nach Mexiko verschickt habe. Müssen wir am Flughafen noch abholen, sie verwahren das dort für uns beim Zoll. Und komm nicht auf die Idee es dort zulassen, denn das ist unter anderem unser Haus.“ Darrel grinste breit und nahm wieder einen Schluck Milch und lehnte sich zurück. Er freute sich schon auf die nächsten Wochen und wenn Gregory schlief, konnte er sich auf die Suche machen. Er fuhr schließlich nicht nur nach Mexiko, um Gregory zu begleiten – auch wenn das mit Abstand der schönste Grund war.

„Du meinst in den ganzen Taschen, die wir gerade aufgegeben haben, war noch nicht einmal unser Zelt drin?“ Gregory wirkte ein wenig fassungslos, wie er da saß und Darrell mit großen Augen ansah. „Was schleppst du alles mit in den Dschungel. Du weißt schon, dass wir das alles ein ganzes Stück schleppen müssen?“

„Ach, ich habe einen schlauen Gregory dabei. Der wird sich schon was einfallen lassen, wie wir das Zeug dorthin bekommen, wo es hin muss“, sagte Darrel lapidar, lachte aber leise. Er würde schon einen Weg finden. Zur Not ging er eben zweimal. Das brachte ihn nicht um. Kurz sah er sich um, sie waren gerade ganz allein. Niemand beobachtete sie – da öffnete er die Jackentasche. Giny wurde unruhig, sie langweilte sich, und so durfte sie ein bisschen rausgucken. Das lenkte die Kleine meistens ab.

Gregory wollte gerade empört schnauben, als ein kleiner, grüner Kopf aus Darrels Hemd guckte und eine kleine Echse ihn neugierig fixierte. „Was?“, fragte er und legte den Kopf schief, was Giny gleich nachmachte. „Du hast da einen kleinen Untermieter. War das Absicht, oder hat sie sich eingeschmuggelt?“, lachte er und streckte vorsichtig eine Hand zu der Echse aus. Giny ließ sich kurz streicheln, verschwand dann aber wieder in ihrer Jackeninnentasche, da hatte sie es sich gemütlich gemacht und konnte gut oben raus gucken, wenn Darrel die Jacke etwas offen trug, so wie gerade eben. „Was? Da ist was?“, spielte Darrel mit und lachte, tat als würde er suchend an sich und um sich herum gucken. Doch dann nickte er. „Sie belgeitet mich oft. Sie schummelt sich dann an den Sicherheitsschleusen vorbei und dahinter nehme ich sie wieder in die Tasche. Sie bleibt ungern zu Hause.“ Dass Drachen und ihre Umagals sich nicht trennen sollten, verschwieg er, Gregory hatte über seine Physiologie schließlich keinen Schimmer.

„Ist sie die junge Dame, die bei dir wohnt und die du feucht gemacht hast?“, fragte Gregory und beugte sich vor, so dass er in Darrels Jacke gucken konnte. „Sie ist ja richtig süß. Diese Echsenart kenn ich gar nicht.“ Er strich noch einmal sanft über Ginys Rücken und atmete einmal tief durch. Darrel roch wieder so gut.

„Ja und ich habe noch ein paar Tage schön Wetter machen müssen und meine Früchte teilen, bis sie wieder wohl gesonnen war“, lachte Darrel und genoss die Nähe. Es war immer wieder erregend und es war eine enorme Anstrengung, Gregory nicht einfach an sich zu reißen. „Sie ist eine seltene Art, ich hatte sie von einem Freund und die Papiere sind sauber. Die habe ich auch immer dabei. Nicht dass sie doch mal auffliegt und man sie mir wegnehmen will wegen Exotenschmuggel. Nicht wahr, Süße?“ er strich über Ginys Kopf, doch dann tauchte sie ab, als sich an den Nachbartisch jemand setzte.

„Eine seltene Schönheit also“, murmelte Gregory und zog Darrels Jacke zusammen, damit niemand Giny sah. Erst dann lehnte er sich wieder zurück und lächelte. „Es gibt so viel, was ich über dich nicht weiß. Aber wir haben ja jede Menge Zeit in dunklen Nächten der nächsten drei Wochen. Ich werde dich gnadenlos ausfragen.“

„Und deswegen habe ich all die Kisten und Koffer voll Zeug mit“, lachte Darrel und zwinkerte ihm zu. Sein Blick fiel auf die Anzeigentafel für das Boarding. „In einer halben Stunde beginnt das Boarding. Lass uns die Schleuse hinter uns bringen, wenn du mit deiner Tasse Kaffee fertig bist“, schlug er vor, weil die Dame am Nebentisch sie merkwürdig fixierte. Er mochte das nicht. Nicht weil jemand glauben könnte, Gregory wäre sein Liebhaber. Er selbst wäre ja froh, wenn es so wäre. Er hatte bei regem Interesse an seiner Person immer den Beigeschmack einer Beschattung. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand, den er im Visier hatte, ihn ebenfalls nicht aus den Augen ließ.

„Was hast du denn eingekauft. Dir ist schon klar, dass es da keine Steckdosen gibt? Oder sollte ich mir Sorgen machen, dass du Dinge eingekauft hast, für die man keinen Strom braucht?“. Gregory wippte mit den Augenbrauen und man sah ihm an, welche Art von Spielzeugen ihm durch den Kopf geisterte. Er leerte seine Tasse und war bereit aufzubrechen.

„Süßer, an dich würde ich niemals so was Profanes wie Spielzeug ran lassen“, murmelte Darrel, wechselte dann aber abrupt das Thema. „Du wirst es nicht glauben, ich habe bereits ein Solar Panel mit dem Zelt verschickt. Ich werde also Strom machen können und lauter lustige, blinkende und surrende Dinger betreiben können.“ Er grinste frech und griff sich seine Tasche, hängte sie sich über die Schulter und ging dann neben Gregory durch das Terminal. Egal wie oft Darrel schon geflogen war, er liebte es immer noch über den Wolken zu schweben. Als Drache war er nur selten mit eigenen Flügeln unterwegs. Die Gefahr erwischt zu werden war in weiten Teilen der Welt einfach zu groß und die Dauerüberwachung durch die Satelliten im Orbit machte es nicht leichter.

„Du hast gewonnen. Ich werde nur noch staunend neben dir stehen, wenn du deine kleinen Wunderwerke auspackst und angemessen begeistert sein.“ Gregory schüttelte den Kopf und lachte. „Was habe ich mir nur mit dir eingefangen?“

„Ein anstrengendes Haustier mit dem Hang zu Technik und Luxus. In einer der Taschen sind meine Daunendecke und ein luftiges Kissen drinnen. Glaubst du ich penn in einem Schlafsack?“ Darrel lachte und stellte sich in die Reihe. Viele standen nicht vor ihnen und so spürte er auch schon, wie sich Giny durch seine Klamotten zu den Schuhen bewegte. Sie hockte gerade im Hosenaufschlag und peilte die Lage.

Gregory sah sie dort hocken und stupste Darrel an. „Ich lenk alle ab, dann kann sie loslaufen“, raunte er ihm zu und ließ im gleichen Moment seine Brieftasche fallen und war dabei so ungeschickt, dass sich der Inhalt auf dem Boden verteilte. Natürlich hatte er die Aufmerksamkeit aller auf sich, als er alles wieder einsammelte.

Darrel lachte leise, beugte sich aber ebenfalls nach unten um zu helfen, Giny hatte sich schon abgesetzt und lauerte unter dem Counter, hinter dem ihr Drache seine Tasche wiederbekommen würde. Doch so weit waren sie noch nicht. „Sonst sind wir ohne dich unterwegs und es funktioniert auch. Aber danke, dass ich sehen durfte, dass du einen meiner Artikel mit dir herum trägst“, sagte er leise und gab Gregory das Papier zurück. Er lächelte, als er dem Pathologen wieder auf half und seine Tasche auf das Band legte.

„Es ist ein toller Artikel“, murmelte Gregory und wurde rot. Das stimmte sogar, aber bei sich hatte er das Stück Papier, weil darauf ein Bild von Darrel war, das ihm gefiel und das er gerne ansah. Er sortierte wieder alles in die Brieftasche und legte seine Tasche ebenfalls auf das Band.

„Du liest, was ich schreibe. Gut zu wissen“, sagte Darrel ernst, denn es bedeutete ihm wirklich viel. Zwar wusste er, dass Gregory ein paar seiner Artikel kannte, doch das jetzt hatte ihm einen kleinen Adrenalin-Schub gegeben. Hastig brachte er die Metalldetektoren hinter sich, verschwand dann aber mit seinen Elektrogeräten und Giny wieder in seinem Hosenaufsatz in einer Kabine, wo die Technik gesondert untersucht wurde. Sein Blick ging immer wieder zu Gregory, der nun etwas verloren herum stand und auf ihn wartete.

Immer wieder sah er zu Darrel, weil er nicht hatte sehen können, ob Giny wieder da war, wo sie hingehörte. „Alles in Ordnung?“, fragte er darum, als sein Freund endlich wieder bei ihm stand und Gregory linste kurz in Darrels Jacke. „Hallo Süße“, flüsterte er lächelnd und wirkte gleich viel ruhiger.

„Die Süße ist Profi“, lachte Darrel und war gerührt, dass der junge Pathologe sich solche Sorgen um Giny gemacht hatte. Er schien sie also zu mögen, das war eine wichtige Voraussetzung für alles, was noch folgen könnte. „Spionage-Giny“, lachte er leise und wuschelte Gregory durch die Haare, als sie langsam weiter gingen. „Lass uns noch etwas shoppen. Wir sitzen nachher sicherlich noch genug und außerdem kann ich noch etwas Zucker gebrauchen.“

„Ja los, fügen wir zu unseren mindestens hundert Kilo Übergepäck noch mehrere Kilo Schokolade hinzu.“ Gregory lachte und versuchte seine Frisur wieder zu glätten, was aber nicht wirklich funktionierte. „Las uns etwas kaufen, was nicht so hitze- und feuchtigkeitsempfindlich ist.“

Da kratzte sich Darrel am Kopf. „Ich verspreche, ich werde die Schokolade gleich essen, ihr nicht die Chance geben zu schmelzen und vor allen Dingen dich nicht mit Schokofingern antatschen. In einer meiner Kisten sind übrigens ein Kilo Nussmischung und ein Kilo Trockenobst. Ich hatte Zeit und war auf dem Markt.“ Dass er dort zu Recherchezwecken war, spielte keine Rolle – er hatte das angenehme mit dem nützlichen verbunden und sich mal wieder mit dem eingedeckt, wovon er nicht lassen konnte. Sie gingen durch die kleine Passage und blickten in die Schaufenster.

„Du bist mein Held.“ Gregorys Augen leuchteten, denn er mochte getrocknetes Obst sehr gerne. Er hakte sich bei seinem Freund ein und grinste schelmisch. „Kann ich damit rechnen, dass ich mit sauberen Fingern angetatscht werde?“, wollte er wissen und erkannte sich gar nicht wieder. Bisher hatte er jede körperliche Nähe vermieden, denn er war zu schüchtern gewesen, aber jetzt fühlte er sich einfach ausgelassen und wohl auch etwas verwegen. Kurzum – er hatte Urlaub, er kehrte dem Dezernat und der Stadt den Rücken.

„Du spielst mit dem Feuer, Greg. Ich bin mir nicht sicher, dass du weißt, womit du hier spielst“, sagte Darrel leise aber ernst. Gregory war neugierig. Aber reichte das schon aus? Darrel wollte mehr. Er wollte kein kurzes Abenteuer, er wollte Gregory ganz – für sich – täglich – für immer. Ihm würde eine kurze Affäre nicht reichen und er würde sich darauf auch nicht einlassen. Deswegen wollte er vermeiden, dass Gregory nur mit ihm spielte.

Gregory sah ihn aus großen Augen an und seine Zähne gruben sich in die Unterlippe. Das machte er immer, wenn er unsicher war und nicht wusste, was er tun sollte. „Darrel ich...“, fing er an, stoppte aber. Hier so zwischen all den anderen Reisenden, wollte er das nicht bereden. Darum griff er sich Darrels Hand und zog ihn etwas abseits. Er drückte seinen Freund gegen die Wand in seinem Rücken und sein Herz klopft zum zerspringen, als er seine Hände um Darrels Wangen legte. „Ich spiele nicht“, flüsterte er leise und senkte den Blick. „Ich habe eine Scheißangst, verletzt zu werden und dich zu verlieren. Das ertrage ich nämlich nicht.“

„ich weiß zwar nicht, wie ich dir diese Angst nehmen kann“, sagte Darrel leise und lächelte. Er war überrascht, keine Frage, denn das hier hätte er dem kleinen, überarbeiteten Pathologen nicht zugetraut. Doch er spürte, dass sich hier und jetzt etwas entschied und Darrel wollte alles richtig machen. „Aber ich kann dir versichern, dass du mich nicht verlieren wirst, wenn du es ernst meinst.“ Auch er legte seine Hände auf Gregorys Wangen und zog ihn so gegen sich. Sie berührten sich – Stirn an Stirn.

„Bleib bei mir, das ist die einzige Möglichkeit mir die Angst zu nehmen.“ Gregory nahm all seinen Mut zusammen und zog Darrels Kopf näher, so dass er dessen Lippen mit seinen berühren konnte. Er zitterte am ganzen Körper und er war in Panik, auch wenn er versuchte ruhig zu wirken. „Hilf mir“, bat er leise.

„Alles, was du willst“, murmelte Darrel leise und holte tief Luft. Er hatte heute mit allem gerechnet, aber nicht damit. Und obwohl er gerade glücklich war, bedurfte dieser Augenblick seiner ganzen Aufmerksamkeit. Er spürte ganz genau, dass Gregory kurz vor einem Kollaps stand. Der Körper bebte, der Atem ging hastig und stoßweise. Darrel sah nur die Lösung seine Hände zu lösen und den jungen Mann fest um die Hüfte zu fassen, ihn dicht gegen sich zu ziehen und ihm zu versichern, dass er sich jetzt nicht aus dem sanften Kuss lösen würde, sondern ihn mit sanfter Begeisterung erwiderte.

Wie von alleine legten sich Gregorys Arme um Darrels Hals und er schmiegte sich mit einem zufriedenen Seufzer an seinen Freund, machte sich aber plötzlich erschrocken frei. „Giny! Süße, habe ich dir weh getan? Tut mir leid, das wollte ich nicht.“ Er hatte eine Bewegung an seiner Brust gespürt und ein leises Zischen gehört. Hastig hob er die kleine Echse aus Darrels Jacke und begann sie abzutasten. Nicht dass er ihr etwas gebrochen hatte. „Sie ist zäh“, sagte Darrel leise und lachte. Er kannte die Kleine, sie genoss diese Aufmerksamkeit und sie würde es schaffen Gregory um den Finger zu wickeln. Das sollte er frühzeitig unterbinden. Aber nicht jetzt. Gregory war sowieso gerade völlig durch den Wind, sollte er Giny noch etwas untersuchen und feststellen, dass der Kleinen nichts fehlte.

„Wir besorgen ihre eine Traube und Schokolade für uns“, schlug Darrel vor, seine Arme aber immer noch locker um Gregory geschlungen. Ein bisschen unsicher war er auch. Hatte sich jetzt etwas zwischen ihnen verändert oder war das nur ein Ausbruch von Gregory, ehe er sich wieder zurückzog und Darrel auf Abstand hielt wie bisher.

Immer wieder fuhr Gregory mit der Nase über Ginys Köpfchen und flüsterte ihr beruhigend zu. Anscheinend war nichts passiert und die kleine Echse nicht verletzt. Irgendwie hatte diese kleine Episode seine Panik verschwinden lassen. Er sah Darrel an und lehnte sich lächelnd an ihn. „Küss mich“, bat er leise.

„Aber pack erst die Kurze weg. Wenn sie uns hier abhandenkommt, haben wir ein Problem“, sagte Darrel und öffnete seine Jacke, damit Gregory das kleine Tier dort verschwinden lassen konnte. Giny sah sich nicht noch einmal um, sondern rollte sich in der Tasche zusammen, zischte warnend als Erinnerung, dass sie hier drinnen war. Der Drache lachte leise. „Diva.“ Doch dann war Giny nur noch zweitrangig. Er sah Gregory an und sein Herz raste. Er hätte nicht gedacht, dass er sich einmal so fühlen würde. Er lächelte und beugte sich wieder tiefer, bis ihre Lippen sich trafen – es war berauschend und doch musste er sich zügeln, um Gregory nicht zu überfallen und zu erschrecken mit all seiner Begierde.

Dass Gregory sich immer fester an ihn schmiegte und den Kuss mit wachsender Leidenschaft erwiderte, machte es Darrel auch nicht leichter. Gregory seufzte angetan und legte eine Hand in den Nacken seines Freundes, damit der nicht auf die Idee kam sich wieder zu entfernen. Erst nach einer ganzen Weile löste sich Gregory aus dem Kuss und leckte sich immer noch mit geschlossenen Augen über die Lippen. „Wow“, murmelte er leise, öffnete die Augen und sah Darrel verliebt an.

„Ja, wow“, entgegnete der Drache und grinste schief. Noch lehnte er mit dem Rücken an der Wand, hatte die Arme locker um Gregory gelegt. Er blickte auf den jungen Mann hinab, versuchte ihn zu lesen. Er sah glücklich aus – irgendwie. „Und jetzt?“, fragte er also leise, weil es an Gregory war, zu entscheiden wie es weiter gehen sollte. Darrel wollte und konnte ihn zu nichts zwingen, alles, was der Mensch ihm gab, sollte er freiwillig tun und nicht überredet werden. Doch das Herz des Drachen schlug laut und schnell, er war aufgeregt wie lange nicht.

„Jetzt, möchte ich noch einen Kuss von meinem Freund und dann gehen wir Schokolade für dich kaufen“ Gregory grinste, räuberte sich noch einen sanften Kuss und lehnte sich bei Darrel an. „Ich weiß zwar nicht, warum ich auf einmal den Mut hatte, dich zu küssen, aber ich bin froh, denn der reale Darrel küsst viel besser als der in meinen Träumen.“

„In deinen Träumen?“, fragte Darrel nach und hob mit einem Finger vorsichtig Gregorys Kopf an, lächelte ihn dabei sanft zu. „Soll das heißen, du hast mich nur so lange hingehalten und an der langen Leine laufen lassen, weil du unsicher warst? Das hätten wir einfacher haben können.“ Er küsste Gregory noch einmal auf die Stirn und holte tief Luft.

Gregory nickte leicht und versteckte sein rotglühendes Gesicht an Darrels Hals. „Tut mir leid, aber ich hatte viel zu viel Angst, dass du mich nicht willst und ich dich dann ganz verliere“, murmelte er und seufzte leise. Jetzt hörte sich das bestimmt total bescheuert an, so wie er sich vorhin auf Darrel gestürzt hatte. „Tschuldigung.“

„Ja, ist auch besser so, dass du dich entschuldigst, weil du mir kein bisschen Vertrauen entgegen gebracht hast“, sagte Darrel ernst, doch dann lachte er und küsste Gregory erneut, nicht dass der junge Mann noch dachte, er meinte das ernst und zog sich dann wieder zurück. Die Chance würde Darrel ihm nicht geben. „Allerdings hast du jetzt zwei Jahre aufzuholen, junger Mann. An deiner Stelle würde ich also keine Zeit verlieren. Ich werde ja schließlich auch nicht jünger.“

Wenn Gregory nicht schon rot im Gesicht wäre, wäre er es jetzt bestimmt, denn Darrels Worte ließen ihn erschauern. „Nicht hier und nicht jetzt, aber ganz bestimmt, wenn wir an der Grabung sind“, nuschelte er leise und küsste Darrel gleich noch mal. „Brauchen wir noch was. Ich habe nämlich nichts, weil ich... du weißt schon...“, er brach ab und versteckte sein Gesicht schon wieder.

„Süßer, ich weiß nicht genau woran das liegt, aber die Konversation mit dir ist gerade nicht leicht. Es könnte daran liegen, dass du ständig gegen mein Shirt nuschelst und mich nicht anguckst“, grinste Darrel. Ja, er hatte seine Freude. Doch es war keine Schadenfreude, ganz im Gegenteil. Ihm blühte das Herz auf, als er sah, wie weit Gregory dachte und wie peinlich ihm alles noch war. Das war wirklich süß. „Aber mach dir keine Sorgen. Ich habe schon eine ganze Weile auf dich gelauert und alles dabei, was wir vielleicht brauchen könnten“, hauchte er gegen Gregorys Ohr und küsste leicht darauf.

Gregory boxte leicht gegen Darrels Brust, aber dann hob er seinen Kopf und sah seinen Freund an. „Allzeit bereit, häh?“, fragte er immer noch rot schattiert, aber schon wieder frech grinsend. „Schoki“, bestimmte er dann und nahm Darrel an die Hand. „Wie lange denn schon?“, fragte er, als er Darrels Arm um sich legte. Der Drache zog ihn dichter und so schlenderten sie durch die kleine Einkaufspassage. Sie hatten noch ein paar Minuten ehe das Boarding begann und er glaubte nicht, dass ihre Plätze belegt waren, wenn sie nicht die ersten am Einlass wären. Er hatte Routine beim Fliegen und wusste, wann es keinen Sinn machte, sich zu hetzen. Lieber genoss er das, was er gerade hatte und das war beileibe nicht viel.

„Tja, seit wann“, murmelte Darrel, als müsste er darüber erst noch nachdenken. „Es war ein Mittwoch. Scheiß Wetter. Ich war an einem Report über Muster bei vorgetäuschten Selbstmorden dran und hatte einen Termin in den Kellern des Dezernates. Da steckte jemand bis zum Ellenbogen in einem Verkehrsunfall und als ich fragte, wo ich den Chefpathologen finden könnte, guckten mich die umwerfendsten Augen an, die ich je gesehen hatte.“

Gregory fiel regelrecht die Kinnlade runter und er sah Darrel mit großen Augen an. „Das ist jetzt nicht wahr oder?“, fragte er ungläubig und versteckte sein Gesicht wieder kurz an Darrels Brust. „Weißt du eigentlich, dass wir jetzt schon seit fast zwei Jahren zusammen sein könnten, wenn ich nicht so feige gewesen wäre?“, nuschelte er schon wieder, aber diesmal, sah er seinen Freund dabei an. „Denn mir ging es nicht anders. „Als du mich angesprochen hast und ich zu dir gesehen habe, hat es mich sofort erwischt.“

„Ja, das Gefühl hatte ich auch. Doch jedes Mal wenn ich versucht habe, dir nahe zu kommen hast du eine Mauer gezogen und dich höflich aber bestimmt zurückgezogen.“ Nur aus den Augenwinkeln hatte Darrel die Läden im Blick, damit sie nicht am Feinkostladen vorbei gingen, ohne sich noch etwas Schokolade gegönnt zu haben. „Aber da ich mir dich nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als jeden Morgen aufs Neue darauf zu hoffen, dass du irgendwann mal vergisst, die Mauer zu errichten, hat sich ja gelohnt.“ Er grinste und schielte auf ihre verbundenen Körper.

Darrel konnte gar nicht so schnell gucken, wie er zu Gregory runtergezogen und wild geküsste wurde. „Danke, Schatz“, wisperte Gregory in einer kurzen Pause und ließ Darrel erst einige Minuten später, schwer atmend los.

„Ich finde, du hättest schon viel früher Urlaub machen sollen. Das bekommt dir sehr gut und mir auch“, lachte Darrel ausgelassen. Etwas anderes zu behaupten, als dass er zufrieden wäre, wäre gelogen gewesen. Übermütig griff er wieder Gregorys Hand und trat in den Laden, den er gesucht hatte. „Sweets for my sweet“, sagte er und sah sich um. Hier war alles lecker, wie sollte man sich denn da entscheiden?

Sie stöberten durch den Laden und jeder hatte etwas in das Körbchen gelegt, als sie an der Kasse ankamen. Für jeden etwas zum naschen. Nicht zu viel, da sie es ja gleich essen wollten. „Komm, suchen wir uns eine ruhige Ecke und verputzen unsere Beute.“ Gregory leckte sich über die Lippen und freute sich auf die Schweizer Schokolade, die er sich ausgesucht hatte.

Darrel hingegen war bei gefüllter Schokolade und ein paar Trüffeln hängen geblieben, kaufte aber lieber noch eine Flasche Wasser dazu. Er mochte das süße Zeug, doch hinterher war der Durst unbändig. Er stopfte seine Beute noch in seine Tasche und griff sich wieder Gregorys Hand, der schon vor dem Laden auf ihn wartete. „Lass uns ein bisschen aufs Rollfeld gucken – das finde ich immer noch spannend“, schlug Darrel vor, denn er hatte zwei einzelne Plätze direkt vor der Scheibe entdeckt. Deswegen wartete er die Antwort gar nicht erst ab, sondern ging los, nicht dass ihnen noch jemand zuvor kam.

Gregory ließ sich ziehen und piddelte dabei schon mit einer Hand und den Zähnen seine Schokolade auf und biss hinein. „Lecker“, nuschelte er undeutlich mit vollem Mund und ließ sich neben Darrel auf einen der freien Stühle ziehen. Wie selbstverständlich lehnte er sich bei seinem Freund an und hielt ihm die Schokolade hin. „Möchtest du auch?“ Der biss ab und ließ die Schokolade auf seiner Zunge zergehen. „Hm, nicht schlecht. Aber da du dich für mich entschieden hast, war mir schon klar, dass du einen erstklassigen Geschmack haben musst“, lachte er leise und legte seinen Kopf auf Gregorys. So blickten sie nach außen, während auch Darrel anfing, seine Tüte zu öffnen.

Gregory versuchte unauffällig hineinzusehen, konnte aber nichts erkennen, weil Darrel es wohl gemerkt hatte und es zu verhindern wusste. „Nun zeig schon, was du hast“, nörgelte der Pathologe schließlich und knuffte seinen Freund in die Seite. „Ich muss doch wissen, ob ich dafür noch etwas Platz in meinem Bauch lassen muss.“

„Ob DU dafür noch Platz in DEINEM Bauch hast?“, wiederholte Darrel noch einmal gespielt pikiert um zu erfahren, ob er sich bei dem ganzen Lärm in der Wartezone vielleicht verhört hatte und Gregory sich eigentlich gar nicht darauf vorbereitete, ihm seine Beute streitig machen zu wollen. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass der Deal war, dass du bei mir kosten darfst, nur weil ich bei dir kosten durfte“, ärgerte er ihn also und hielt die Tüte mit den Trüffeln extra weit weg.

„Du willst mich nicht probieren lassen?“, fragte Gregory entsetzt und ließ seine Schokolade, von der er gerade abbeißen wollte, sinken. Seine Augen wurden immer größer und seine Unterlippe fing an zu zittern. Darrel musste ja nicht wissen, dass er das auf Kommando konnte. „Du weißt, dass das fies ist“, fragte er und wirkte alles in allem wie ein Häufchen Elend.

Doch Darrel ließ sich nicht beirren, er schwenkte seine Trüffeltüte und lächelte süffisant. „So ähnlich habe ich mich zwei Jahre lang gefühlt, Süßer“, flüsterte er und steckte sich einen der Trüffel, zwischen die Zähne, sah Gregory dabei aber herausfordernd an. Wenn er das Leckerchen wollte, musste er sich das schon holen.

Gregory sah ihn einen Moment mit schief gelegtem Kopf an, aber dann hatte er verstanden und beugte sich vor. „Du kannst in Zukunft, wann immer du willst, probieren“, sagte er leise und biss dann vorsichtig von dem Trüffel ab und küsste Darrel dabei.

Darrel störte sich nicht daran, dass der eine oder andere sie beobachtete. Er war viel zu zufrieden, als dass ihn auch nur irgendetwas hätte stören können. „Ich war jetzt zwei Jahre auf Diät, da sollte ich mir nicht gleich den Bauch vollschlagen“, lachte er leise und gönnte Gregory seinen Trüffel, während auch er sich endlich einen gönnte. Er zog seinen Freund wieder dichter zu sich und drehte den Kopf, als die Stewardessen in Position gingen. Das Boarding konnte beginnen.

Sie blieben noch sitzen und aßen Schokolade und erst als fast alle Passagiere an Bord gegangen waren, schlenderten sie ebenfalls zu dem Schalter und stiegen ein. Die ganze Zeit über hielten sie sich an den Händen und das änderten sie erst, als sie ihre Plätze eingenommen hatten. „Wow!“ Gregory sah sich um und konnte es gar nicht fassen, wie viel Platz sie hatten. „Ich bin noch nie 1. Klasse geflogen.“

„Gewöhn dich dran, ich fliege nämlich nicht Holzklasse“, erklärte Darrel und richtete sich auf seinem Platz gerade häuslich ein. Eine Kamera, einen Laptop und einen MP3-Player legte er sich zurecht, schaltete die Handys in den Flugmodus und verstaute dann die Tasche, ehe er Gregory dabei beobachtete, wie er sich immer noch verschämt umblickte, um alles zu studieren.

„Aber du kannst doch nicht immer für mich bezahlen“, flüsterte Gregory und seine Augen blitzten Darrel empört an. Auch wenn sie jetzt ein Paar waren, so konnte er seinen Freund nicht immer die Flüge bezahlen lassen. Auch wenn das wohl nicht sehr oft vorkommen würde, weil Gregory selten Urlaub machte.

„Dann begleiche ich eben nur den Aufpreis“, sagte Darrel und meinte das ernst. „Sieh es doch einmal so, Süßer, ich bezahle das, was ich haben will. Und wenn ich dich in der ersten Klasse bei mir haben will, muss ich eben den Unterschiedsbetrag begleichen. Das ist mein eigener Egoismus.“ Er lächelte und strich Gregory über die gekräuselten Lippen. „Ich werde nicht versuchen dich finanziell auszuhalten oder von mir abhängig zu machen – aber ich erwarte, dass du mir ab und an die Freude machst, dass ich auf einem langen Flug deine Nähe genießen darf.“

Gregory fing Darrels Finger mit den Zähnen ein und zwickte ihn leicht, aber er nickte dabei. „Das ist akzeptabel, auch wenn du manchmal ein richtiger Snob sein kannst.“ Der Pathologe lachte, beugte sich aber zur Seite um Darrel zu küssen. „Aber deine unnachahmliche Art war einer der Gründe, warum ich mich in dich verliebt habe.“

„Ein Snob? Ich?“, fragte Darrel gespielt entrüstet. Er musste sich erst einmal fassen, ob dieser abgrundtiefen Beleidigung seiner selbst. „Nur weil ich ohne mein Daunenbett nicht verreise? Weil ich nur erster Klasse fliege? Weil ich lieber Übergepäck bezahle, als auf Annehmlichkeiten im Dschungel zu verzichten? In was für einen oberflächlichen Mann habe ich mich nur verliebt“, klagte er sein Leid und senkte die Lider.

Gregory versuchte zwei Sekunden sich das Lachen zu verkneifen, aber dann konnte er nicht mehr und prustete los. „Du bist so ein Spinner. Ein total liebenswerter, versnobter Spinner!“ Er zog seinen Schatz zu einem Kuss zu sich und strich ihm durch die schwarzen Haare. „Du hast vergessen dein Kuschelkissen und deine mindestens sechzig Kilo Technik zu erwähnen, die in Mexico City auf uns warten.“

„Nicht zu vergessen das Trockenobst, der Kaviar in der Dose und die anderen Konserven, die ich beim Feinkosthändler meines Vertrauens organisiert habe. Da ich mir sicher war, dass die Sache mit den frischen Brötchen am Morgen eher nicht so einfach zu bewerkstelligen sein wird, habe ich für die ersten Tage ein paar vakuumiert und für die restlichen Tage Backmischungen und eine Grill verschifft. Und während ich mich um die Beilagen kümmere, wird mein Schatz auf die Jagd gehen, damit wir gefüllte Baumratte im Brotteig machen können.“ Darrel liebte es so herum zu flaxen, so zu tun als würden sie ernst meinen, was sie sagten und die Leute um sie herum, die ungefragt zugehört hatten, zu schocken.

„Ich liebe Baumratte im Brotteig“, schwärmte Gregory. Er machte einfach mit, weil er das schelmische Grinsen in Darrels Gesicht gesehen hatte. „Das werden wundervolle Ferien, Liebling. Ich kann es kaum erwarten, bis wir an unserem Ziel ankommen.“ Das war noch nicht einmal gelogen, denn im Moment wollte er nichts mehr als sich mit Darrel in ihrem Zelt unter die mitgenommene Daunendecke zu kuscheln und die verlorenen zwei Jahre aufzuholen.

„Ja, ich hoffe, dass du ein bisschen Ferien machst. Ich sage dir jetzt schon. Ich werde dich alle drei Stunden spätestens aus dem Grab ins Sonnenlicht zerren und dich daran erinnern, dass du eigentlich Urlaub hast“, sagte Darrel und meinte das auch ernst. In New York ließ er Gregory bei seinem Job in Ruhe, weil er wusste, dass es keinen Sinn hatte, auf den jungen Pathologen einwirken zu wollen. Er war zu pflichtbeflissen. Aber jetzt hatte er Freizeit und keinerlei Verpflichtung und daran sollte er sich auch ab und an erinnern. „Sonst gibt es keine Baumratte im Brotteig sondern Wassersuppe und deinen Schlafsack vor dem Zelt.“

„So grausam kannst du sein?“ Gregory riss die Augen auf. „Du würdest mich wirklich ganz alleine vor dem Zelt schlafen lassen? Dort, wo Jaguare, Vogelspinnen, giftige Insekten und Schlangen an mich dran kommen?“, fragte er entsetzt und seine Unterlippe zitterte wieder. „Und du behauptest, dass du mich liebst?“

„Schatz, natürlich liebe ich dich und ich tue das nur zu deinem Besten. Ich muss deinen verkümmerten Selbsterhaltungstrieb wieder mobilisieren. Wenn dir bewusst ist, was auf dich lauern kann, dann denkst du vielleicht ab und an daran, dass du eigentlich Ferien hast und du dort nur zum Spaß und zur Erholung bist. Und dann wird alles gut und niemand muss vor dem Zelt schlafen. Mein kleiner Liebling hat alles also ganz allein in seinen geschickten Fingern, wo er nächtigen wird und mit wem.“ Darrel blickte Gregory unschuldig an.

Gregory hatte zwar gehört, was Darrel gesagt hatte, aber in seinem Kopf hallte eigentlich nur der Satz, dass Darrel ihn liebte, wieder. Sein Herz schlug wie verrückt, denn erst jetzt, hatte er die Tragweite dieser Worte verstanden. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl wallte in ihm auf und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich liebe dich auch Darrel, mehr als du dir vorstellen kannst. Schleife mich aus dem Grab und in unser Zelt, wenn du glaubst, dass es sein muss. Du wirst schon wissen, wie du alle meine Proteste schon im Keim ersticken kannst.“

„Wenn es nach mir geht, wirst du unser Zelt nicht verlassen, Greg, also sollten wir eine Regelung finden mit der wir beide leben können und dein Kollege nicht ausrastet, weil er die Hilfe, die er von dir erwartet, nicht bekommt.“ Darrel wirkte erleichtert und zuckte leicht, als sich der Kapitän meldete, sich vorstellte und einen Vorschlag zur heutigen Route machte. Sie schnallten sich an, die Flugbegleiter begannen mit der Stewardessen-Security-Show und dann setzte sich der große Stahlvogel langsam in Bewegung.

 

03 

Darrel griff sich seine Kamera, lichtete Gregory neben ihm ab und beugte sich dann zum Fenster, um ein paar Bilder vom Start zu schießen, eine Hand aber immer auf Gregorys Knie, wenn er nicht gerade beide Hände für eine Aufnahme brauchte.

Gregory ließ ihn machen und beobachtete Darrel. Er hatte es sich so bequem wie möglich gemacht, damit er sich nicht verrenken musste. Sein Freund war voll konzentriert, aber er vergaß Gregory nie ganz dabei. Immer wieder strichen schlanke Finger über sein Knie oder sein Bein und Gregory war einfach glücklich. „Darr“, rief er leise, als das Flugzeug seine Reisehöhe erreicht hatte und sein Freund die Kamera weglegte. „Längstens von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, gehöre ich der Grabung und in den Stunden dazwischen nur dir allein.“

Darrel zog die Brauen tiefer und sah Gregory abschätzend an. „Das ist verdammt viel Zeit, die du im Grab verbringen willst. So bekommst du ja keinen einzigen Sonnenstrahl ab. Da bleibst du so käsig.“ Er piekste seinen Schatz gegen die blasse Wange und lachte leise. „ich werde dich wohl ab und an den Haaren aus der Gruft ins Zelt schleifen müssen, damit du weißt, dass du jetzt kein Single mehr bist.“ Sein Blick wanderte zu der Stewardess, die durch die Reihen kam und sich nach den Wünschen ihrer Gäste erkundigte.

Sie bestellten sich etwas zu trinken. „Ich sagte längstens, nicht, dass ich das jeden Tag mache.“ Gregory lachte, als Darrel ihn skeptisch anguckte. „Okay, ich gebe zu, dass du mich wohl ab und zu raus schleifen musst, damit ich das nicht vergesse.“ Er lachte wieder und küsste seinen Schatz. „Ich glaube aber nicht, dass ich Farbe und Sonnenlicht abbekomme, wenn du mich dann jedesmal in unser Zelt schleifen willst.“

„Ich bin ein Naturbursche, Schatz, ich weiß dich auch im prallen Sonnenlicht unter freiem Himmel zu nehmen. Wenn du möchtest, lässt sich auch das einrichten“, flüsterte Darrel seinem Liebling ins Ohr, als er sich zur Stewardess beugte, um sein Wasser und seinen Fruchtsaft entgegen zu nehmen. Dann ließ er sich wieder in seinen Sitz sinken und passte die Rückenlehne ein wenig an, damit es bequemer wurde.

So konnte er auch besser beobachten, wie Gregory glühte, weil er sich genau das gerade vorstellte und seine Atmung sich unwillkürlich verschnellerte. „Egal wo, Hauptsache bald und oft“, nuschelte Gregory in sein Glas, dass er sich erst zur Kühlung gegen seine Wangen gedrückt hatte und nun seinen Durst stillte. Was war nur mit ihm los? Erst traute er sich zwei Jahre nicht und jetzt wurde er ungeduldig.

Darrel war für ein paar Augenblicke sprachlos, doch dann lachte er leise. „Ich verspreche dir, ich werde keine Minute länger warten als unbedingt nötig ist.“ Dabei strich er Gregory über den Schenkel, schob seine Finger für kurze Augenblicke auch auf die Innenseiten, doch er zog sich eilig wieder zurück. Er wollte Greg nicht foltern, zumindest nicht mehr als sowieso schon. Denn er konnte es nicht vermeiden, ihn immer wieder zu berühren. Er brauchte das, er musste begreifen, was in den letzten Stunden passiert war, es verinnerlichen und er wollte die innere Unruhe genießen.

Noch immer rot schattiert, fing Gregory Darrels Hand ein, als sie über sein Bein strich und verschränkte ihre Finger. Ihm schossen tausende, verrückter Gedanken durch den Kopf, die sich alle darum drehten, wie sie es anstellen könnten, das Darrel sein eben gegebenes Versprechen noch schneller einlösen könnte und er musste kichern, weil er doch allen Ernstes überlegte, gleich einmal die Toilette auszuspähen und auf Tauglichkeit zu prüfen. „Wie sind denn die Toiletten in der 1. Klasse?“, fragte er leise kichernd. Ernst meinte er es nicht, aber es machte Spaß rum zu blödeln.

„Kameraüberwacht“, sagte Darrel, nur um Gregorys dummes Gesicht dabei bewundern zu dürfen. Er grinste anzüglich. „Wenn du also damit leben kannst, den Stewardessen eine gute Show zu liefern, können wir das gern versuchen.“ Er beugte sich dichter zu seinem Freund und küsste ihn auf die roten Wangen. Er spürte die Hitze auf seinen Lippen, wie sie zu ihm über strömte.

Gregory kaute auf seiner Unterlippe und es sah so aus, ob er wirklich darüber nachdenken würde, aber dann schüttelte er den Kopf. „Nee, lieber nicht. Wenn dann will ich dich doch lieber ganz allein genießen.“ Gregory ließ sich küssen und seufzte leise. „Muss ich wohl warten, auch wenn es mir schwer fällt.“

„Junger Mann“, murmelte der Drache gutmütig, „hättest du dir das eine oder andere etwas früher überlegt, müsstest du jetzt nicht so darben.“ Doch da er Gregory kein schlechtes Gewissen machen wollte, denn er war ja froh, dass der junge Mann endlich den Schritt gewagt hatte, küsste er ihn lieber, um den Protest zu ersticken. Gregory sollte nicht glauben, dass das, was er gewagt hatte, Darrel nichts wert war – denn so war es ganz bestimmt nicht.

„Ich weiß, Schatz. Jetzt kann ich gar nicht mehr verstehen, warum ich so viel Angst hatte, aber sie war einfach da.“ Gregory seufzte leise und strich Darrel durch die Haare. Dann grinste er aber schelmisch. „Und jetzt wirst du mich auch so schnell nicht mehr los.“

„Es gibt schlimmeres“, sagte Darrel nur und lächelte. Er lehnte sich zurück und zog Gregory bequem zu sich. So lang dauerte der Flug nicht und er wollte die Zeit noch für ein bisschen Nähe nutzen. Wenn sie mit dem Wagen erst einmal unterwegs waren, hatten sie es sicherlich nicht mehr ganz so leicht. Sie dösten ein wenig, ließen sich von einem leckeren mexikanischen Mahl verwöhnen und waren fast ein wenig traurig, als der Pilot den Landeanflug ankündigte.

Gregory lehnte sich über Darrel, damit er aus dem Fenster sehen konnte und war ein wenig enttäuscht, dass er unter sich nichts als Häuser sehen konnte. „Wir sind da.“ Er würde gerne noch gucken, aber eine Stewardess wies ihn leider auf das Anschnallsignal hin, dass schon eine ganze Weile leuchtete. Leicht beschämt schnallte Gregory sich an. Er war ungeduldig. Er wollte endlich losfahren, damit sie nicht so spät an der Grabung ankamen.

„Jetzt muss uns der Junge da vorne nur noch in einem Stück runter bringen, dann haben wir das größte Stück schon hinter uns.“ Darrel hatte seine ganze Technik wieder verstaut. Abgesehen von ein paar Bildern hatte er sie gar nicht gebraucht. Gregory hatte ihn gut unterhalten. Er kicherte leise und blickte weiter nach unten, die Erde kam immer näher. Jetzt mussten sie nur noch den Wagen holen, die Kisten entgegen nehmen und alles verstauen. Dann waren sie auf der Piste.

Als sie gelandet und durch die Passkontrolle waren, zeigte es sich, dass ein Vielflieger wie Darrel richtig nützlich sein konnte. Er wusste, wo sie hinmussten, um ihren Mietwagen abzuholen und auch, wo sie sein schon vorher verschicktes Gepäck abholen mussten. „Was ist da alles drin?“, fragte Gregory ungläubig, als sich die Kisten vor ihm stapelten.

„Unser Zelt, ein paar Lebensmittel, die konserviert sind, ein paar Sonnenkollektoren für Strom, ein Sattelitentelefon, falls die Handys den Dienst versagen, eine Notapotheke und ein paar andere nützliche Dinge“, gab Darrel freimütig Auskunft, während er anfing die Kisten wie ein Puzzle auf die Ladefläche des großen Geländewagens zu schichten und gegen verrutschen zu sichern.

Gregory half mit, so gut er konnte und es war nicht mal mehr Platz für eine kleine Tasche, als sie alles verstaut hatten. Grinsend griff sich der Pathologe seinen Freund und schubste ihn sanft gegen die Heckklappe des Wagens. „Du bist echt ein Spinner, aber ein Spinner, der es raus hat, wie man gut packt“, lachte er und küsste Darrel ausgehungert. schließlich hatte er jetzt fast eine Stunde ohne auskommen müssen.

„Irgendeinen Vorteil muss ich ja haben“, lachte Darrel leise und legte seine Arme um Gregory. Er gönnte sich die Minuten mit seinem Freund. Er hatte viel zu lange darauf warten müssen. Doch dann sagte er leise. „Wir sollten noch ein paar Besorgungen machen. Wasser für die nächsten Tage und vielleicht etwas frisches für die ersten Tage. Brot, Obst.“

„Hmm“, brummte Gregory zustimmend, ließ Darrel aber nicht los und küsste ihn wieder. Seine Finger strichen über die breite Brust und er konnte die festen Muskeln unter den Fingerspitzen spüren. Das war herrlich und er konnte sich nur schwer lösen, aber sie brauchten noch Lebensmittel. „Wenn es sein muss“, murmelte er unzufrieden und strich noch einmal sehnsüchtig über Darrels Brust. Der lachte dunkel. „ich weiß nicht, ob es sein muss, aber ich glaube mit Wasser ist das Überleben einfacher als ohne. Nicht dass ich letzteres schon einmal ausprobiert hätte, aber wenn ich es kann, dann verzichte ich auf dieses Experiment. Und je schneller wir weg kommen und je schneller wir an der Grabung sind, umso schneller …“ Er ließ den Satz offen und lachte laut, als er sich hinter das Steuer schwang.

„Los fahr“, lachte Gregory und schnallte sich an. Sie hatten Glück und bekamen alles, was sie brauchten, in einem großen Supermarkt. Während Darrel, das Verpackungsgenie ihre Einkäufe verstaute, programmierte Gregory das Navi für den ersten Teil der Strecke und legte sich die Karten zu recht für den Rest. Er hatte vom Grabungsleiter, der zusammen mit seinem Kollegen den gleichen Weg vom gleichen Flughafen gekommen war, wie Darrel und er jetzt auch, ein paar Fotos geschickt bekommen, die markante Punkte zeigten, an denen sie nach einer bestimmten Kilometerzahl vorbei kommen sollten. Auch die GPS-Koordinaten waren bei jedem Punkt dabei. So gut vorbereitet wie sie waren, konnte doch eigentlich gar nichts mehr schief gehen.

Aber erst einmal mussten sie sich durch die verstopften Straßen von Mexico City quälen, um auf die Autobahn zu kommen. Der Verkehr war eine einzige Katastrophe und Gregory atmete auf, als sie die Stadt endlich hinter sich lassen konnten. Erst jetzt traute er sich eine Hand auf Gregorys Bein zu legen und leicht darüber zu streicheln.

„Es wurde aber auch langsam Zeit“, lachte der Drache und sah kurz neben sich. Sein Blick huschte immer mal zu Gregory, dann wieder auf die Straße. Sie war nicht sehr befahren und würde sie auch nur noch ein paar Kilometer auf dem Asphalt befördern. Am Armaturenbrett und der Windschutzscheibe klebten Navi und GPS-Empfänger, auf die auch Gregory immer ein Auge hatte. Schließlich hatte er die Karte mit den Koordinaten.

„Ich hatte echt Angst, dass ich damit zu sehr ablenke und wir einen Unfall bauen.“ Gregory lächelte kurz. „Das wollte ich nicht riskieren, darum habe ich mich zurückgehalten, auch wenn es mir schwer gefallen ist, das kannst du mir glauben.“

„Ich glaube es dir“, sagte Darrel weich und begann sich auch ein wenig die Landschaft zu betrachten. In der Ecke der Welt, in die es ihn jetzt verschlug, war er lange nicht gewesen. Und so hielt er immer wieder einmal an, um ein kurzes Foto zu schießen. Er wollte ein paar Erinnerungen an diesen Urlaub haben und so schoss er auch immer wieder mal ein Bild von Gregory.

Die Straßen wurden immer weniger als solche erkennbar und mittlerweile brachte ihnen das Navi und die Karten nichts mehr. Jetzt mussten sie sich mit dem GPS und den Bildern orientieren. Sie machten ein Spiel daraus, wer die markanten Punkte zuerst entdeckte, so verging die Zeit ziemlich schnell. „Lass uns noch eine kurze Pause machen, bevor wir endgültig im Regenwald verschwinden“, sagte Gregory und zeigte auf eine kleine, ebene Fläche, auf der sie anhalten konnten.

„Klar, warum nicht. Ich brauch einen Schluck Wasser und was zwischen die Zähne“, sagte Darrel und hielt den Wagen am Rande einer Lichtung. Noch ehe der Motor erstarb, hatte er Gregory abgeschnallt und auf seinen Schoß gezogen, um ihn zu küssen. Das hatten sie schließlich seit der letzten Pause nicht mehr gemacht und die lag schon etwas zurück. Sie hatten jetzt noch fünf Stunden Sonnenlicht und noch hundert Kilometer vor sich. Blieb zu hoffen, dass sie nicht allzu spät ankamen und die Grabungsstätte noch bei Tageslicht fanden. Nachts im Dschungel war das so gut wie unmöglich. Zumindest für Menschen. Darrel würde sich auch dann orientieren können, doch er wollte Gregory damit noch nicht konfrontieren.

Entzückt seufzte Gregory und schmiegte sich dicht an Darrel. „Das ist also für dich etwas zwischen die Zähne zu bekommen“, schmunzelte er zwischen zwei Küssen und sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Nicht dass er etwas dagegen hätte, aber so wurde er seinen Hunger nicht los.

„Das schon, es macht nur nicht satt“, sagte Darrel und reichte hinter sich. Aus der durch die Autobatterie gespeisten Kühltasche suchte er ein paar Happen. Sie hatten Würstchen und Brötchen und etwas Obst. Das musste reichen bis ihr Zelt stand, denn auch Darrel wurde langsam ungeduldig. Er wollte nicht nur ein bisschen schmusen in Flugzeugsesseln oder Autositzen. Er wollte Gregory endlich an sich spüren, dicht und heiß und wenn er nicht gleich an was anderes dachte, hatten sie zeitnah ein Problem.

„Ja, das habe ich auch gerade gedacht.“ Noch einmal nippte Gregory an Darrels Lippen, dann zog er sich etwas zurück. Er nahm eines der Brötchen und ein Würstchen entgegen und biss gleich herzhaft ab. „Lecker“, murmelte er und kaute mit vollen Backen. „Du hast mich vor dem Verhungern gerettet.“

Darrel grinste ihn süffisant an. „Purer Eigennutz, mein Schatz, purer Eigennutz!“, erklärte er frech und aß weiter. Die Flasche Wasser kreiste immer wieder zwischen ihnen. „Ich glaube, ich hätte heute Nacht nur halb so viel Spaß, wenn du nicht dabei wärst.“

„Das will ich doch hoffen.“ Gregory, der immer noch auf Darrels Schoß saß, lehnte sich nach hinten gegen das Lenkrad und versuchte sich so gut es ging zu strecken. „Ich bin satt. Jetzt brauche ich noch einen Kussvorrat, damit ich die nächsten Stunden überstehe und dann sollten wir weiter fahren. Soll ich jetzt übernehmen?“

„Sicher, wenn du willst.“ Darrel war zwar nicht müde, was an seiner Drachenphysiologie lag, doch er hatte gelernt, menschlich zu sein und Schwächen zu zeigen, wenn es nicht schadete. So rutschte er geschickt unter Gregory hervor, griff sich dabei noch einen Apfel und war Augenblicke später auf dem Beifahrersitz. „Aussteigen ist was für Mädchen“, grinste er, als Gregory ihn fragend ansah.

„Ah ja“, sagte der nur und legte den Kopf schief. Es schien, als ob er auf etwas warten würde, was aber nicht kam. Darum knurrte er leise. „Hast du da nicht was vergessen? Hörst du gar nicht zu, wenn ich etwas sage?“, brummte er und packte Darrel am Kragen und zog ihn zu sich. Schließlich brauchte er noch Küsse.

„Ah. Da war ja noch was“, grinste Darrel und ließ sich ziehen und küssen. Das war herrlich. Und als Gregory seine Tanks geflutet hatte, ging es weiter. Immer tiefer in die grüne Hölle. Doch sie sahen immer wieder Landmarken, die mit ihren Fotos überein stimmten. Sie konnten also nicht ganz falsch sein. „Noch etwa zehn Kilometer“, sagte Darrel irgendwann. Er hatte aus dem offenen Fenster heraus immer wieder Bilder gemacht und checkte die Route, die sie bisher gefahren waren auf einer digitalen Karte. Sein neuestes Spielzeug.

„Wir können es also noch im Hellen schaffen, wenn der Weg nicht noch schlechter wird.“ Gregory blickte zum Himmel und grinste. „In welcher Kiste ist das Zelt? Ich hoffe in der vorne, damit wir nicht das ganze Auto ausräumen müssen.“

„Nein. Schwere Sachen gehören dahin, wo sie nicht verrutschen können. Also ist es ganz unten drinnen und gleich hinter den Sitzen. Der Rest hindert es daran, zu verrutschen“, erklärte Darrel mit der Ernsthaftigkeit und der Erfahrung eines Vielreisenden und sah Gregory fragend an.

„Spinnst du?“, zischte Gregory aufgebracht, bevor er sich daran hindern konnte. Das war doch hoffentlich ein Scherz. „Du weißt schon, dass es eine Weile braucht, bis wir dieses Riesending aufgebaut haben und uns rennt die Zeit davon. Ich will nicht mehr warten.“ Seine Augen blitzten, wenn er immer wieder kurz zu Darrel rüber sah. „Lass dir was einfallen.“

Darrel fing an zu lachen, es war keine Absicht, aber Gregory so fuchsteufelswütend zu erleben, weil er nun noch länger auf seine Nacht mit Darrel warten musste, war einfach zu süß. „Na da habe ich aber noch mal Glück, dass das blöde Ding zu sperrig war und meine tolle Kistenordnung zerstört hätte. Es liegt hinter den Fahrersitzen“, erklärte er lapidar und trank einen Schluck, beobachtete seinen Schatz dabei aber aus dem Augenwinkel.

„Du... du...“, knurrte Gregory und versuchte Darrel mit einem Schlag zu erwischen. „Du wirst schon noch sehen, was du davon hast, kleine notgeile Greggies zu ärgern. Die platzen nämlich und dann war es das mit heißem, lustvollem Sex.“

„Halt an!“, forderte Darrel und setzte sich in seinem Sitz gerade. „Halt auf der Stelle an, ich muss zusehen, dass ich deine Geilheit in den Griff bekomme. Wenn du platzt ist der Wagen versaut, ich bekomme meine Kaution nicht wieder und dann muss ich alleine das Zelt aufbauen. Geht alles gar nicht  - also halt an.“ Doch dann grinste er frech und strich seinem Schatz über das Knie.

Gregory legte seine Hand auf die seines Freundes und grinste zurück. „Das ist doch verrückt. Zwei Jahre lang habe ich mir dich verboten und es hat wirklich gut geklappt und kaum habe ich dich nur einmal geküsst, läuft alles aus dem Ruder. Ich erkenn mich nicht wieder und bin echt versucht, mich hier und jetzt auf dich zu stürzen. Aber das will ich nicht, denn ich will dich genießen und nicht nur einen schnellen Fick um meine Lust zu befriedigen.“

Darrel schwieg, nickte aber. Er strich mit seinen Fingern über Gregorys Bein. „Ich weiß, was du meinst, und mir geht es ähnlich. Aber wir sollten bald da sein, unser Ziel ist schon auf der Karte abgebildet.“ Er deutete auf das GPS-Gerät, auf dem eine kleine Fahne den Punkt anzeigte, den sie erreichen wollten. Es konnte sich nur noch um Minuten handeln. Aber das Bild um sie herum hatte sich noch nicht geändert. Nichts deutete auf eine Grabung oder auf die Anwesenheit von Menschen hin.

„Diese Nacht heute ist unsere. Das steht fest und nichts wird das verhindern können.“ Gregory zog Darrels Finger an seine Lippen und küsste sie sanft. „Wir werden uns lieben, wenn es so weit ist, vielleicht nicht so schnell wie wir es gerne hätten, aber es wird so sein. Wir fahren jetzt zu der Grabung, begrüßen meinen Kollegen und dann bauen wir unser Zelt auf.“

Zufrieden mit dem Vorschlag nickte Darrel. Er lauschte in den Wald, doch abgesehen vom blubbern des Motors konnte er nichts hören. „Es wird unsere sein, egal was deine Kollegen denken, wenn sie uns hören“, grinste Darrel. Er war da ziemlich unbefangen, stieß aber ein zufriedenes „Yes!“ aus, als er die Landmarke des letzten Fotos gefunden hatte – zwei Zelte unter einer Baumgruppe. Sie waren da – endlich! Doch der Platz wirkte verlassen. Sicherlich waren die Männer noch im Grab.