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Drachenblut II - Teil 4-6

04 

„Wir haben es geschafft“, rief auch Gregory und fuhr auf die Lichtung. „Da kommt unser Zelt hin“, bestimmte er und zeigte auf eine Stelle etwas von den anderen Zelten entfernt, aber nicht zu weit weg. Ein schönes Plätzchen, überschattet von einem Baum und ziemlich eben. Er parkte den Wagen und stieg aus. Die Fahrt steckte ihm in den Knochen, aber er fühlte sich großartig.

Auch Darrel hüpfte zufrieden aus dem Wagen und schlug die Tür etwas lauter zu als notwendig, um auf sich aufmerksam zu machen. Kurz schloss er die Augen und lauschte. Er konnte die Männer orten, sie konnten also nicht weit weg sein. „Sieh dich ruhig ein bisschen um, ich kümmere mich um das Zelt“, schlug er Gregory vor, der etwas hin und her tigerte und wohl seine Kollegen suchte.

Gregory war hin und her gerissen. Er wollte los, alles erkunden, aber auch Darrel nicht mit dem schweren Zelt alleine lassen. „Das ist doch zu schwer“, meinte er und griff sich seinen Freund erst einmal zu einem Kuss. „Wir gucken gleich zusammen, wenn das Zelt steht.“

„Wenn du das möchtest“, stimmte Darrel zu und öffnete die Beutel für das Zelt. Er hatte sich schon mehrfach mit der Aufbauanleitung befasst, jetzt kam es drauf an, das gelernte anzuwenden. Zusammen mit Gregory sortierte er die Einzelteile und dann ging es los. Planen falten, Gestänge zusammenschieben, aufbauen, festzurren. Nach einer halben Stunde stand das Zelt. Es bedeckte eine Grundfläche von zwölf Quadratmetern, dazu ein Vordach unter dem zwei Leute bequem frühstücken konnten, ohne nass zu werden. „Nur eine Couch habe ich nicht bekommen – die gibt es nicht als Camping-Version. Muss ich dich also doch mit ins Innenzelt nehmen.“

„Ich hoffe, das stört dich nicht zu sehr.“ Gregory grinste seinen Schatz an und lehnte sich an ihn. Er wollte Darrel gerade küssen, als er jemanden auf sie zukommen sah. Darum streifte er die Lippen seines Freundes nur kurz und lächelte dem Neuankömmling zu. „Herr Varell?“, fragte er und streckte seine Hand zum Gruß aus.

Der nickte und lächelte. „Herr Gregory O’Kelly, nehme ich an. Und sie sind?“, fragte Evren und rieb sich Sand von den Händen, ehe er die gereichte Hand entgegen nahm und sie kurz schüttelte. Dabei beäugte er den Mann, der den Pathologen begleitete. „Ich bin Darrel Harris, ich begleite die Arbeit von Gregory beruflich. Privat bin ich sein Freund“, erklärte Darrel das offensichtliche, schließlich hatte der Mann sie eben beide in flagranti erwischt. Da nutzte abstreiten nichts, außerdem hatte er das auch gar nicht vor.

„Dann seien sie willkommen. Mein Chef, der Ausgrabungsleiter, kommt gleich. Er ist noch im Grab.“

„Danke“, Gregory hatte schon viel von Evren Varell und seiner Arbeit gehört. Er war einer der Azteken-Experten überhaupt und als er die Zusage bekommen hatte, bei dieser Grabung mitzumachen, hatte er sich unbändig gefreut. „Ich freue mich darauf, anfangen zu können.“

„Aber vielleicht erst morgen“, lachte Evren. Ihm gefiel der Arbeitseifer des jungen Mannes, doch es wurde bald dunkel. Da war es besser die beiden richteten sich noch häuslich ein, erkundeten das Terrain und dann konnten sie sich immer noch an der Feuerstelle zusammensetzen und ein bisschen reden. Werner war heute mit kochen dran – das kam ihnen entgegen. Es wurde allerdings langsam Zeit, dass Azhdahar von seiner Erkundung wiederkam. Er spielte gern mit den Jaguaren, jagte oder erkundete die Population der Umagals.

„Äh...ja natürlich.“ Gregory wirkte etwas verlegen. Hatte er jetzt zu übereifrig gewirkt? Er lehnte sich an Darrel und verschränkte ihre Finger. „Sollen wir uns alles ansehen?“, fragte er. Schließlich war er ja vorhin so ungeduldig gewesen, aber sie konnten Evren doch jetzt nicht einfach stehen lassen und in ihrem Zelt verschwinden.

„Ich würde sagen, so lange es noch hell ist, lass uns gucken, wo wir sind. Wo man mal für kleine Pathologen gehen kann, wo man Stolperfallen hat und wo man nachts nicht landen sollte. Das kann nur von Vorteil sein“, sagte Darrel und rollte die Schultern. Er konnte es nicht erklären, aber er fühlte sich angespannt seit er hier war. Sicherlich saß ihm die lange Fahrt im Nacken und jetzt, wo die Anspannung abfiel, reagierte wohl sein Körper etwas verrückt. Giny auf seiner Schulter aber schien es ähnlich zu gehen. Sie war aus der Jacke gekrabbelt und hockte nun in seinem Kragen, sah sich um, zischte leise.

Ganz automatisch hob Darrel die Hand, um sie zu kraulen und lenkte so die Aufmerksamkeit auf das kleine Tier. „Hallo Süße“, flüsterte Gregory und wollte sie ebenfalls streicheln, aber Giny wich aus und lief auf die andere Schulter. Sie fauchte leise. Evren starrte auf die kleine Echse und wollte gerade etwas sagen, als etwas laut brüllend aus dem Wald brach und sehr schnell auf sie zulief. Alle drehten sich um und Gregory wich erschrocken zurück, denn was da auf sie zukam, konnte er nicht zuordnen. Es sah entfernt menschlich aus, aber da waren lange, spitze Hörner auf dem Kopf und die Augen glühten. „Was?“, fragte er ängstlich.

„Scheiße!“, brüllte Darrel und griff sich Giny. Er drückte sie Gregory in die Hand und schubste den jungen Pathologen weit hinter sich, damit er nicht zwischen sie geriet. Das war also sein ungutes Gefühl gewesen! Ein Drache – und das da war nicht irgendein Drache! Auch Darrel wandelte sich in die Zwischenform und lief auf den anderen zu. Er musste den Drachen daran hindern, Gregory zu erreichen.

Evren stand wie angewurzelt und wusste nicht, was los war. Sah er wirklich was seine Augen ihm weismachen wollten?

Ein zweiter Drache?

Einer wie Azhdahar?

Er hatte eine Umagal.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Die beiden Drachen prallten aufeinander und ein heftiger Kampf entbrannte. Gregory zuckte zusammen, als er sah, wie Darrel gepackt und dann einige Meter weit weg geschleudert wurde. Gleich setzte der andere ihm hinterher und stürzte sich gleich wieder auf ihn. „Nein“, rief er panisch und lief los. Er musste verhindern, dass seinem Freund etwas passierte. Dass er sich damit selber in Gefahr brachte, war ihm gar nicht bewusst. Doch da war Evren schneller. Er griff sich den jungen Mann und zog ihn mit sich. „Wer ist dieser Kerl“, wollte er wissen, ließ die beiden Drachen aber nicht aus den Augen. Bäume knarrten bedrohlich, wenn die beiden Leiber im Rausch der Wut dagegen knallten. Gras flog, wenn sie einander packten.

„Was ist denn … ach du Schreck.“ Werner, der aus dem Grabmal gekommen war, stand neben Evren und dem jungen Pathologen und starrte auf die beiden Drachen. „Wer ist das?“

„Der Freund von unserem neuen Kollegen und ein Drache, so wie es aussieht.“ Evren hielt Gregory fest, der immer noch loslaufen wollte. Der war vollkommen auf den Kampf fixiert, dass er noch nicht einmal mitbekam, dass noch jemand zu ihnen gekommen war. „Mach doch was. Die bringen sich doch um“, rief er panisch und wehrte sich dagegen gehalten zu werden. Er musste eingreifen.

Evren sah das ähnlich, allerdings war ihm klar, dass nur einer draufgehen würde und das war dieser Darrel. Er hatte gegen den kampferprobten Thronfolger Gidorias kaum eine Chance. „Halt ihn fest“, knurrte Evren zu seinem Freund, und drückte dem Gregory in die Finger, während er sich den beiden Drachen näherte. Noch immer waren die beiden wie in einem Rausch. Doch da Evren kaum Schmerzen spürte, war ihm klar, dass Darrel Azhdahar kaum traf. Der Kampf war ungleich und aus einem toten Drachen bekamen sie nichts raus. „Azhdahar!“, brüllte er also, ging weiter auf die beiden zu.

Er sah die Augen seines Freundes kurz zu ihm blicken. Evren bedeutete Azhdahar, dass er es beenden sollte und der Drache nickte leicht. Dieser Fremde war kein wirklicher Gegner und jetzt hatte er genug davon zu spielen. Mit einer schnellen Drehung brachte er sich hinter seinen Gegner und fixierte diesen, so dass der andere Drache sich nicht bewegen konnte, ohne sich selber zu verletzen. „Wer bist du?“, knurrte Azhdahar. „Und was hast du hier zu suchen.“

„ich bin Darrel Harris, freier Journalist“, brachte Darrel mit Mühe heraus und zischte, als der Drache ihm die Kehle zudrückte. Das war wohl nicht die Antwort, die der Krieger erwartet hatte. „Ich bin Dazirel, war Anwärter auf die Leibwache des Thronfolgers“, erklärte er also das, was er vor achttausend Jahren hinter sich gelassen hatte. Seine Augen blickten suchend. Doch der Drache hielt ihn so, dass er Gregory nicht sehen konnte.

„Ein Anwärter der Leibwache?“ Man hörte Azhdahar an, dass er überrascht war. „Wie kommst du hier her und seit wann bist du hier?“, knurrte er. Dieser Drache war kein Mischwesen, so wie die Gruppe, die vor einigen hundert Jahren auf die Erde gekommen war, denn sonst wäre er nie Anwärter geworden.

„Ich bin jetzt etwas über achttausend Jahre hier auf der Erde. Eines Nachts ging mein Trupp ins Labor und dort durch ein Portal – Ende vom Lied war Endstation Erde. Und so habe ich mich durchgeschlagen. Ich wäre übrigens für eine weniger unangenehme Zwangshaltung ziemlich zugänglich“, knurrte er und versuchte immer noch Gregory zu sehen. Doch er wandelte sich zurück und war sich sicher, dass er eine Menge zu erklären hatte, hoffend, dass sein Freund ihm überhaupt zuhören würde.

„Achttausend Jahre?“, Azhdahar ließ Darrel los und wandelte sich ebenfalls, schob aber gleich warnend hinterher, dass er sich ja nicht vom Fleck rühren sollte, wenn er an seinem Leben hing. „Was hast du hier zu suchen?“

„Was hast du hier zu suchen? Gebe ich die Frage doch einfach mal zurück?“ Darrel wurde das hier langsam zu dumm. Der Fremde sammelte Informationen wie ein Schwamm, gab selber aber keiner Auskunft. Er fand, dass jetzt der Typ mal dran war, doch sein erster Blick ging suchend zu Gregory.

Der stand neben einem anderen Mann und zitterte, die Augen weit aufgerissen und starrte zu ihnen rüber. Er bekam aber nicht die Chance zu Gregory zu gehen, denn der andere Drache drehte ihn wieder zu sich um. „Ich stelle hier die Fragen und du wirst sie beantworten“, knurrte der Fremde und zog sein Shirt aus, so dass Darrel die Tätowierung auf seiner Brust sehen konnte.

„Hoppla“, murmelte Darrel. Das war also der Kerl, den er hätte bewachen sollen, wäre ihm das mit dem Portal nicht passiert. „der Herr Prinz persönlich. Aber das hier ist nicht dein Reich, nicht dein Hoheitsgebiet. Und da ich bezweifle, dass dich die Dschungeltiere demokratisch zu ihrem Herrscher gemacht haben, würde ich sagen: hier sind wir auf Augenhöhe und jetzt werde ich als erstes nach meinem Freund und meiner Umagal sehen.“ Gregorys Blick machte ihm mehr Sorgen als der Kriegerdrachen.

Azhdahar wollte ihn zurückhalten, aber Evren legte ihm die Hand auf den Arm. „Lass ihn, Schatz. Anscheinend hat sein Freund keine Ahnung, wer er ist.“ Er deutete mit dem Kopf auf Gregory, der Darrel mit schreckgeweiteten Augen entgegensah und langsam zurückwich.

„Schatz“, fragte Darrel vorsichtig und machte noch einen Schritt, doch Gregory wich wieder zurück. Giny entkam ihm, und flitzte zu Darrel. Dort fühlte sie sich noch am sichersten. „Schatz, bitte, lass mich dir einiges erklären“, bat er leise und er hatte ein verdammt schlechtes Gefühl bei der Sache. Sein Herz verkrampfte sich.

In Gregorys Kopf herrschte Leere und er begriff nicht, was gerade geschehen war. Er hatte es zwar gesehen, aber es war für ihn unbegreiflich. Darrel - sein Darrel - hatte sich in dieses furchterregende Wesen verwandelt. Immer weiter wich er zurück, bis er gegen einen Baum stieß und nicht weiterkam. „Wer bist du?“, wisperte er leise.

„Ich bin Darrel, das weißt du. Interessanter wäre wohl, was ich bin. Ich bin ein Drache aus einer Welt, die der deinen sehr ähnlich und doch grundverschieden ist. Es war ein Versehen, dass ich hier gelandet bin. Aber ich finde, dass mir nichts Besseres hätte passieren können, Gregory.“ Er nahm Giny auf, die vor ihm im Gras saß, doch sein Blick blieb auf seinen Freund geheftet. Sein Herz schlug laut in seiner Brust, in den Ohren, in seinem Kopf.

„Ein Drache?“, fragte Gregory tonlos und seine Starre löste sich ein wenig auf. Er legte den Kopf schief. Seine Augen verzogen sich zu Schlitzen und er wurde wütend. „Verarsch mich nicht“, zischte er und es kam wieder Leben in ihn. „Was sollte der Scheiß? Drachen gibt es nicht. Wenn du mir nicht sagen willst, wer du bist, dann lass es einfach, aber lüg mich nicht an.“

Auch Darrel spürte, dass er bei einem Wissenschaftler mit Worten nicht weiter kam. Also wandelte er sich. „So! Drachen gibt es also nicht“, knurrte er dunkel und sah sich Gregory intensiv an. „Sieh mich an – wie viele von euch sehen aus wie ich? Wie viele – der da hinten mal nicht mitgezählt.“ Doch dann wandelte er sich wieder zurück, denn Gregory hatte den Kopf dicht zwischen die Schultern gezogen. Darrel wollte ihn nicht ängstigen, nur endlich alles offen legen, was zwischen ihnen stand.

Aber im Moment war mit Gregory nicht zu reden, denn der drängte sich ängstlich gegen den Baumstamm in seinem Rücken und zitterte. Er begriff einfach nicht, was hier passierte. Solche Wesen durfte es gar nicht geben, aber er hatte es doch gerade mit eigenen Augen gesehen. Es überforderte ihn sichtlich. „Ein Drache?“, murmelte er leise und seine Augen huschten von links nach rechts, so als wenn er einen Fluchtweg suchte.

„Ja, ein Drache und du kannst jederzeit gehen, wenn du willst, Gregory. Du bist kein Gefangener, du bist zwar der Mann, den ich liebe, aber ich werde dich nicht zwingen zu bleiben, wenn du das nicht möchtest.“ Darrel machte ein paar Schritte zurück, um Gregory den Weg so frei wie nur möglich zu machen. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Er hatte nie mit dem Gedanken gespielt Gregory einzuweihen – doch so hätte das nicht laufen sollen. Das war nun wirklich der worst case.

Er konnte sehen, wie Gregorys Blick ihm folgte, als er sich zurückzog und wie es im Gesicht seines Freundes arbeitete. „Du liebst mich?“, fragte Gregory unvermittelt und, ohne dass er es wirklich registrierte, ging er einen Schritt nach vorne und streckte eine Hand nach Darrel aus, als wenn er ihn daran hindern wollte zu gehen. Gregory hatte den Eindruck, in einem Alptraum gefangen zu sein und er hatte das Gefühl, dass nur Darrel ihm da raushelfen konnte.

„Daran hat sich nichts geändert, Greg. Ich habe dich geliebt und ich liebe dich immer noch“, sagte er leise und kam wieder einen Schritt auf Gregory zu. Dann wartete er, wie der junge Mann reagierte, dann wagte er noch einen Schritt. Er hatte alles um sich herum vergessen, den Fremden, der unweit seines Freunds stand, genauso wie den Drachen und den Archäologen, der den Drachen hatte zur Vernunft bringen können. Nichts war im Augenblick wichtiger als Gregory.

„Ich versteh das alles nicht.“ Gregory schlang die Arme um sich selbst und schüttelte den Kopf. Aber das Durcheinander verschwand nicht. „Das darf es doch gar nicht geben. Das ist nicht möglich“, murmelte er leise und sah Darrel an. „Hilf mir.“

„Alles was du willst, mein Schatz“, sagte Darrel und kam noch ein paar Schritte näher. Er setzte alles auf eine Karte und strich Gregory vorsichtig über die Arme. „Das klingt alles verrückt, ich weiß das auch, Schatz. Und ich bin schon so lange auf dieser Welt, dass sie meine Heimat geworden ist. Aber eigentlich komme ich aus einer Welt, die ähnlich ist wie diese. Nur dass dort die Drachen dominieren. Wir sind nicht anders als ihr auch. Wir schlafen, wir essen, wir lieben. Wir sind nicht so anders, Schatz. Nur älter.“

Gregory sah der Hand nach, die über seinen Arm strich und fing die Finger schließlich ein, als sie an seinen vorbeikamen. „Wie alt?“, wollte er wissen und lehnte sich leicht vor, so dass er seine Stirn auf Darrels Schulter legen konnte. „Ich liebe dich auch, aber alles ist jetzt so anders. Du bist nicht der, der ich dachte.“

Das schmerzte. Darrel konnte nicht anders, er zog sich ein wenig zurück. Er war nicht der, von dem Gregory dachte, dass er es wäre. Das musste der Drache akzeptieren. „Ich gehe langsam auf die neuntausend zu“, antwortete er aber wahrheitsgemäß. Nichts sollte mehr zwischen ihnen stehen, Gregory sollte alles wissen. Und wenn er dann die Konsequenz zog, dass er so nicht leben wollte – nicht mit einem Drachen, dann musste Darrel das akzeptieren.

„So alt schon?“ Gregorys Stimme klang ehrfürchtig, als er Darrel ansah. Er zog wieder die Arme um sich, weil er sich plötzlich alleine fühlte. Er vermisste die Wärme und Geborgenheit, wenn Darrel ihn in den Armen hielt und er wollte das wiederhaben. Er wollte nicht, dass Darrel sich vor ihm zurückzog und auf Distanz ging. „Kannst du mich nicht einfach in den Arm nehmen und mir sagen, dass sich nichts geändert hat?“, fragte er darum leise und sah seinen Freund flehend an.

Darrel lächelte und man sah ihm an, wie erleichtert er war. „Nichts lieber als das“, sagte er leise und überbrückte die letzte Distanz. Er zog Gregory dicht an sich und schlang die Arme um ihn und vergrub seine Nase in dem braunen Haar. „Es wird sich nichts ändern, Schatz. Gar nichts.“ Aus dem Augenwinkel sah er, wie der Thronfolger näher kam, aber an ihnen vorbei zum Feuer ging. Er ließ sie einfach stehen, während Evren sie noch einmal ansah, ehe auch er zum Feuer ging.

Gregory klammerte sich an Darrel fest und vergrub sein Gesicht an dessen Schulter. „Ich liebe einen Drachen“, murmelte er leise und langsam ließ sein Zittern nach. Er hob den Kopf und lächelte noch etwas unsicher. „Ich will mehr wissen, das ist dir ja wohl klar, oder?“

 

05 

Erleichtert lachte Darrel auf und nickte, so dass Gregory es spüren konnte. „Sicher, du wirst alles erfahren, was du erfahren möchtest. Möchtest du auch wissen, wie ein Drachen aussieht?“, fragte er weil er die Lichtung, auf der sie waren, für groß genug fand, um sich gänzlich wandeln zu können. Er spürte, dass der Thronfolger und der Forscher sie anblickten und sah auf.

„Was?“, fragte er leise, „besser nicht wandeln?“

Evren grinste. „Wegen mir mach ruhig. Ich bin immer gespannt wie Drachen aussehen. Ich suche immer noch einen der Violett ist und orangefarbene Punkte hat. Eigentlich muss er nur violett sein, ich habe genug orangefarbene Stifte bei mir, um ihm Flecken … aua!“ Er blickte neben sich und sah in Azhdahars warnenden Blick. „Keine orangefarbenen Punkte?“, fragte Evren grinsend.

„Schatz, du wirst mich nicht so verschandeln und auch keinen anderen Drachen“, knurrte Azhdahar leise. Guckte aber nicht so grimmig, wie er sich gerade anhörte. Es war ein ständiges Spiel zwischen ihnen und der Thronfolger hatte daran genauso viel Spaß wie sein Freund. Aber jetzt diskutierte er das nicht mit Evren aus, sondern wandte sich an Gregory und Darrel. „Wandel dich ruhig, ich möchte dich auch sehen und wenn dein Freund möchte, werde ich es auch tun.“

„Ach jetzt wandelst du dich schon für fremde Männer, interessant“, erklärte Evren und verschränkte die Arme vor der Brust. Doch er grinste breit. Er liebte die Drachenform und das war einer der Gründe, warum er immer wieder mit nach Gidoria zurückkehrte. Hier auf der Erde war es dem Drachen fast nicht möglich, sich in seiner ganzen Pracht und Kraft zu zeigen und Azhdahar musste sich regelmäßig wandeln, sonst litt seine Laune.

„Okay“ Darrel küsste seinen etwas irritierten Liebling und lächelte. „Das eben war nur eine Form, in der wir mehr Kraft haben. Sie ist eigentlich nur für Drohgebärden gedacht. Wenn nichts mehr nutzt, sehen wir so aus“, murmelte er und zog sich vor Gregorys immer größer werdenden Augen aus.

Fasziniert sah er zu, wie immer mehr des trainierten Körpers zum Vorschein kam und unwillkürlich leckte Gregory sich über die Lippen und seine Augen leuchteten. Er hatte Darrel noch nie nackt gesehen und er musste zugeben, dass seine Fantasie bei weitem nicht an die Realität herankam. „Lecker“, murmelte er leise und wurde rot, als Evren neben ihm kicherte.

„Ja, das haben Drachen so an sich. Sie haben die Muskeln an den richtigen Stellen, können fressen wie die Biester und werden nicht fett und … bin ja schon still.“ Evren lachte, denn Azhdahar knurrte leise. Er verbat sich wohl, dass er angeblich fraß wie ein Biest. Evren wusste, wie sein Schatz das nahm und er wusste auch, wie er die kleinen verbalen Fehltritte sühnen konnte. Lieber guckte er dem anderen Drachen dabei zu, wie er sich wandelte. Und im nächsten Augenblick war die eben noch leere Lichtung voll. Ein glänzender Leib von gut zwölf Metern Länge stand vor ihnen und glitzerte in der untergehenden Abendsonne. Darrel vermied es den langen Hals über die Bäume reichen zu lassen, sondern senkte ihn auf den Boden, sah dabei Gregory genau an. Ihm war als würde er die Blicke seines Freunds über seinen schuppigen Leib gleiten spüren.

Im ersten Moment war Gregory erschrocken, als plötzlich dieses riesige Wesen vor ihm stand und war einen Schritt zurück gestolpert. „Wow“, murmelte er leise und kam wieder näher. Sein Blick huschte über den riesigen Leib und er war fasziniert von dem Farbverlauf, der sich von einem dunklen blau am Kopf immer heller werdend bis zur weißen Schwanzspitze über den ganzen Körper zog. Er konnte gar nicht glauben, was er da vor sich sah. Vor ihm stand ein Drache, so wie er ihn sich als Kind immer vorgestellt hatte, wenn sein Vater ihm Geschichten vorgelesen hatte. Vorsichtig streckte er eine Hand aus. Er wollte Darrel berühren. Ganz vorsichtig strichen seine Finger über die schuppige Haut am Kopf und er lächelte. „Du bist absolut fantastisch.“

Es war als würde der Drache eine Braue heben, auch wenn er eigentlich keine hatte. Doch Darrel war zufrieden. Das Strahlen in Gregorys Augen machte ihm klar, dass es richtig war, so wie es war. Er legte den Kopf auf die Erde, drehte vorsichtig den langen Schwanz so zu sich, dass er Gregory damit umschlingen konnte, ohne ihn zu bedrängen. Er grollte dunkel und sah aus dem Augenwinkel, wie Evren ihn interessiert musterte.

„Hey“, lachte Gregory, als er spürte, wie der Schwanz sich um ihn legte und strich auch dort über die erstaunlich weichen Schuppen. Er hatte keine Angst, was ihn selber überraschte, sondern fühlte sich sicher und geborgen. „Ich liebe dich“, murmelte er leise und umschlang Darrels Kopf so gut es ging mit den Armen. Liebevoll hauchte er einen Kuss auf die Stirn und lehnte sich an.

„Ach, muss Liebe schön sein“, seufzte Evren gespielt und machte, dass er weg kam, ehe er von Azhdahar wirklich noch das Fell über die Ohren gezogen bekam. Lieber wollte er sich darum kümmern, dass endlich was zu essen auf den Tisch kam. Sollten sich die beiden noch ein bisschen beschnuppern. Hier im dichten Wald war der Drache einigermaßen geschützt. Auch von oben fiel er nicht gleich auf, weil die Freifläche der Lichtung durch die breiten Kronen der hohen Bäume abgeschirmt wurde.

Darrel derweil grollte weiter dunkel und genoss es sichtlich, dass Gregory ihm so über die Schuppen strich. Verspielt ließ er sich auf die Seite fallen und präsentierte den Bauch, die weichsten Schuppen die sein Körper hatte, und sie waren an dieser Stelle wie seine Schwanzspitze Schneeweiß.

Lachend machte Gregory sich auch gleich daran, Darrel den Bauch zu kraulen. Er lief hin und her, damit er auch alles erreichte und ließ sich schließlich zufrieden lächelnd und etwas aus der Puste gegen eines der Vorderbeine sinken. „Du bist wunderschön“, sagte er und seine Finger strichen schon wieder über die Schuppen. Das war absolut großartig.

„Du aber auch“, grollte der Drache und rieb vorsichtig seinen großen Kopf gegen Gregorys Bauch. Nun hatte er sich ganz um den Menschen geschlungen und der Pathologe war so gut wie gar nicht mehr zu sehen. „Und ich liebe dich noch mehr als so schon.“

„Was macht dein Brot?“, wollte Evren wissen. Werner hatte es sich zur Aufgabe gemacht, in der Glut des Feuers und in einem geschlossenen Gefäß Brot zu backen. Werner hatte im Allgemeinen das Leben in der Natur sehr zu seinem Vorteil verändert. Er war um einiges gelassener, reger und er wagte kurze Abstecher nach Gidoria, um sich mit Arlan auszutauschen. Er blühte hier draußen richtig auf.

„Sieht gut aus. Heute wird es wohl nicht anbrennen“, lachte Werner und schnupperte. Die ersten Versuche waren nur bedingt genießbar gewesen, aber jetzt hatte er so langsam den Bogen raus, wo er die Schale hinstellen musste. Er deutete mit dem Kopf zu Darrel. „Was machen wir jetzt mit ihm?“, wollte er wissen. „Ist er einer von diesen Flüchtlingen, von denen Azhdahar erzählt hat?“

„Das wird er uns hoffentlich gleich erzählen. Aber wie ich das vorhin bei den Streitereien mitbekommen habe, gehörte er wohl mal zu den Anwärtern für die Leibgarde des Prinzen. Ich glaube also nicht, dass die einfach so verschwunden sind.“ Evren hatte sich über die Worte des anderen Drachen Gedanken gemacht. Soldaten waren darauf gedrillt zu gehorchen. Die verschwanden nicht einfach. Er musste mit Arlan reden, ob der nicht vielleicht doch etwas darüber wusste, dass mehr als einmal Drachen Gidoria Richtung Erde verlassen hatten.

Werner sah zu dem anderen Drachen rüber und nickte. „Ja, das hoffe ich auch. Es würde mich wirklich interessieren, warum er auf der Erde ist.“ Er besah sich das Bild, das sich ihm bot und musste grinsen. Dieser Gregory wurde gerade rot und der Drache lachte leise und stupste seinen Freund mit dem Kopf an. „Ich bin froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist.“

„Ja, ich auch“, sagte Evren, „und du?“ Er sah zu Azhdahar, der gerade das Fleisch briet, dass Arlan Werner bei seinem gestrigen Besuch mitgegeben hatte. Sie hatten es vakuumiert und im fließenden Wasser des Baches gekühlt. Nun durfte sich der Drache daran austoben. Azhdahar vegetarisch zu ernähren machte nicht viel Sinn und Evren war es lieber, er holte das Küchenfertige Fleisch von seiner Heimat als hier Tiere zu erlegen, auszunehmen und zu zerteilen. Das kam seinem Vegetarierherzen gar nicht entgegen.

Azhdahar nickte und sah zu Darrel rüber. „Er ist kein Mischling sonst wäre er nicht Anwärter auf die Leibwache geworden. Und wenn er wirklich schon seit achttausend Jahren hier ist, dann kann er auf jeden Fall nicht zu den Flüchtlingen gehört haben, denn die sind noch nicht so lange hier. Was mich nur wundert ist, dass ich nichts davon weiß, dass ein Trupp Soldaten auf die Erde geschickt wurde.“

„Glaubst du, dein Vater weiß etwas davon?“, fragte Evren. Er war mit dem Herrscher von Gidoria immer noch nicht ganz auf einer Wellenlänge, weil sich dessen Sohn nun für einen Mann entschieden hatte. Als würde es nicht reichen, dass sie über das Blut und die Gene miteinander verbunden waren, jetzt hatte er auch noch die Zuneigung des Prinzen, sodass der sich nicht mehr für eine zukünftige Gemahlin interessierte. Wahrscheinlich hoffte der Herrscher darauf, dass sich das altersbedingt irgendwann erledigen würde, Menschen wurden nicht so alt wie Drachen.

„Sollte er eigentlich. Ich werde ihn nachher fragen.“ Azhdahar wendete das Fleisch und sah zu Darrel und Gregory rüber. „Essen ist gleich fertig. Kommt ihr rüber“, rief er laut und nahm das Brot aus dem Feuer, es war ebenfalls fertig und für Evren gab es auch wieder seine geliebten Käsebällchen, die Azhdahar mit anderem vegetarischen Essen, dass sein Schatz besonders gerne aß, mitgebracht hatte. Es hatte eben auch seine Vorteile, ein Tor in eine andere Welt direkt neben dem Zelt zu haben. Sie hatten das Portal allerdings etwas verlagert. Es stand jetzt im Grabmal, gut getarnt. Und wenn sie den Platz verließen, entfernten sie die Kristalle, die dem Portal erst seine Kraft gaben. So gingen sie sicher, dass niemand aus Versehen hindurch ging.

„Essen klingt gut“, grollte der Drache und wandelte sich schlagartig, so lag er nackt auf der Wiese und hatte Gregory immer noch fest umschlungen.

Der zog ihn auch gleich zu einem Kuss zu sich und seufzte zufrieden. Das war das einzige, was ihm an der Drachenform nicht gefiel. Er konnte Darrel nicht küssen. Es war schon erstaunlich, wie schnell er sich daran gewöhnt hatte und er nicht genug davon bekommen konnte. „Was für ein Tag“, murmelte er zwischen zwei Küssen und dränge sich dicht an den starken Leib.

„Ja, was für ein Tag“, lachte Darrel leise und löste sich von Gregory. Kurz lag er auf dem Rücken, seinen Freund zufrieden auf sich. Doch dann wurde er der Tatsache wieder gewahr, dass sie nicht alleine waren und er vor wildfremden Männern nackt auf der Wiese lag. So zog er seine Kleider zu sich, die er gerade so erreichen konnte und erhob sich langsam. „Allerdings muss ja nicht jeder meine Vorzüge sehen, die gehören nur dir.“ Er küsste seinen Schatz, während er sich hastig etwas überzog.

„Ja, ganz erstaunliche Vorzüge“, murmelte Gregory, der mit etwas Wehmut beobachtete, wie Darrel sich anzog. Er wurde schon wieder etwas rot und darum stand er hastig auf, weil er hoffte, dass es so Darrel nicht bemerkte. „An unserer Vereinbarung diese Nacht betreffend hat sich nichts geändert.“

„Das habe ich gehofft“, sagte Darrel, der sich gerade die Hose schloss und sich das Shirt über den Kopf zog. Die Unterhose landete kurzerhand in der Hosentasche und die Socken, die er vergessen hatte auszuziehen, waren sowieso hinüber. Er angelte noch nach seinen Schuhen, nahm sie aber in die Hand, als er rüber zum Tisch kam. Das kühle Gras an seinen Füßen fühlte sich gut an.

Gregory neben ihm, schob seine Finger in die seines Freundes und ging mit ihm zusammen zu den anderen. Er fühlte sich etwas unsicher. Das sie mit ihrer Ankunft für so viel Aufregung gesorgt hatten, war ihm peinlich. „Wo ist eigentlich Giny“, fragte er, denn die kleine Echse hatte er nicht mehr gesehen, seit sich Darrel gewandelt hatte.

„Gute Frage.“ Auch Darrel hatte die Kleine in den letzten Minuten völlig vergessen. Er blieb stehen, drehte sich. „Giny“, rief er immer wieder und suchte das Terrain mit den Augen ab. Wo hatte sich die junge Dame denn versteckt? „Giny!“, doch sie kam nicht. „Wenn du deine Umagal suchst, versuch's mal da auf dem Tisch“, sagte Evren beiläufig. Er hatte vorhin Sally und Umi aus dem Zelt geholt, wo sie sich aufhielten, wenn keiner sie beaufsichtigen konnte. Und nun hockten sie in einem Teller voll Obst und Giny hatte sich kurzerhand dazugesellt. Für Essen war sie immer zu begeistern.

Gregory grinste, war aber erleichtert, dass es Giny gut ging. „Ihr scheint es gut zu gehen.“ Er ließ Darrel los und setzte sich zu den anderen an den Tisch, auf dem jede Menge Essen stand und köstlich duftete. Das meiste davon war ihm vollkommen unbekannt, was er aber darauf schob, dass es sich um einheimisches Gemüse handelte, das er noch nicht kannte. „Sieht lecker aus.“

„Ist auch lecker“, sagte Evren, der gleich unauffällig seine Käsebällchen in Sicherheit bringen wollte und dafür leichten Spott von Azhdahar erntete. So schob er die Schüssel miesepetrig, aber grinsend wieder in die Mitte des Tisches. „Das meiste ist allerdings nicht von hier, aber gut verträglich. Keine Sorge.“ Während Gregory nicht ganz verstand, betrachtete Darrel die Echsen. „Das sind drei Umagals. Ich spüre aber nur eine Drachenpräsenz. Ist einer von euch ein Mischwesen?“ Dabei sah er Werner und Evren an.

„Mehr oder weniger. Evren hat eine Umagal.“ Azhdahar übernahm es Darrel eine Erklärung zu geben. „Er kam durch das Echsenportal, das ganz hier in der Nähe ist. So hat sich seine DNS mit meiner verbunden. Er ist mein Gefährte und Sally hat sich entschlossen bei ihm zu bleiben.“

„Hä?“ Darrel wusste, wie hochgradig dämlich er gerade aussehen dürfte, doch das war ihm jetzt gerade etwas zu schnell gegangen, denn die wenigen Sätze hatten eine zu hohe Informationsdichte. „Ich schlüssel das noch mal auf. Hier in der Nähe ist ein Portal zurück nach Gidoria. Soweit richtig?“

Evren, Werner und Azhdahar nickten, Gregory verstand immer noch kein Wort.

„Das Portal, durch das die Umagals nach Gidoria kommen, denn hier“ – Evren deutete auf den Wald hinter sich – „leben sie.“

„Und das große Portal, mit dem wir nach Gidoria kommen“, ergänzte Werner und verwirrte Darrel schon wieder.

„Und die mischen Gene?“

„Nein, tun sie nicht.“ Azhdahar grinste und erklärte Darrel, wie das vor ein paar Jahren mit Evren und ihm passiert war. „Und nun haben wir in dem Grabmal, das neben dem Echsenportal gebaut worden ist, einen Transporter nach Gidoria aufgebaut. Damit können wir zwischen den Welten wechseln, wie wir möchten und wir bekommen unsere Lebensmittel geliefert.“

„Und wenn ich was vergessen habe, kann ich nach Hause, denn dort in meiner Wohnung in Berlin steht auch ein Portal“, ergänzte Evren und griff in die Schüssel mit den Käsebällchen und versuchte nicht zu knurren, als der völlig verwirrte Gregory auch zugriff.

„Deswegen steht hier kein Wagen“, sagte Darrel, dem das schon aufgefallen war. Er sah neben sich, um seinem Schatz etwas zu sagen, doch als er den völlig verstörten Blick erkannte, zog er ihn dicht an sich. „Was ist los, Süßer?“

„Ihr stammt wirklich von einer anderen Welt und ihr habt so ein Ding wie die Enterprise und könnt damit hin und her beamen?“ Gregorys Verstand weigerte sich gerade, das zu glauben, denn das war einfach zu fantastisch. Solche Geräte waren Fantasie und existierten doch gar nicht. „Das will ich sehen.“

„Nummer eins, sie haben die Brücke!“, lachte Evren und wuschelte Gregory – unter Darrels warnendem Blick – quer über den Tisch durch die Haare. „Es stimmt, die beiden stammen wirklich nicht von hier. Das hätte dir aber auch auffallen müssen“, lachte er und rückte ein Stück von Azhdahar ab. Er hatte die unschöne Angewohnheit, mit der Gabel nach ihm zu stechen, wenn er sich unvorteilhaft präsentiert fühlte. „Aber wenn ihr eh Arlan und den Herrscher befragen wollt, nehmt Gregory doch mit. Ich pass aufs Haus auf.“ Evren vermied es dem Herrscher über den Weg zu laufen. „Aber bringt mir Leckerchen mit.“ Und schon zog er seine Schüssel wieder zu sich.

„Schatz, keine Käsebällchen mehr für dich“, bestimmte Azhdahar und schob die Schüssel in Gregorys Richtung. Der schien die auch zu mögen. „Anscheinend machen dich die Dinger blöd. Denn wenn ich nach Gidoria gehe, kommst du mit. Schon vergessen? Vermischte DNA? Zwei verschiedene Planeten? Was fällt dir dazu ein?“ Man sah dem Prinzen richtig an, dass es ihm sichtlich Spaß machte seinen Schatz zu ärgern. Und Evren biss die Zähne zusammen und knurrte leise.

„Hm?“, machte Darrel und Evren entgegnete: „Das ist der Nachteil unserer Symbiose. Wir können uns nicht weit voneinander entfernen. Und da ein paar Tausendende von Lichtjahren leider unter weit fallen, muss ich also doch mit. Und besorge mir dann eigene Käsebällchen.“ Er verschränkte die Arme, ließ Gregory aber die Bällchen. Er selbst griff nach dem frischen Brot und eingelegtem Gemüse.

„Ihr könnt euch nicht weit voneinander entfernen? Was passiert denn dann?“ In Gregory wurde gerade der Wissenschaftler geweckt. Das wollte er jetzt genauer wissen. Er schob die Schale mit den Käsebällchen wieder zu Evren, nahm sich aber selber auch noch ein paar. Die waren lecker. „Und was ist das für ein Gefühl, gebeamt zu werden? Wie ist das da so?“ Er griff sich Darrels Hand und drückte sie fest. Er war ganz aufgeregt, weil er mit auf einen anderen Planeten genommen werden sollte.

„Es sind Schmerzen, die sich durch den ganzen Körper ziehen. Wir haben ausprobiert, was funktioniert und wie weit wir uns entfernen können. Hier im Dschungel geht das ganz gut. So an die hundert Kilometer sind mittlerweile machbar. Aber ich in Berlin und er hier, das geht nicht. Doch es hat nicht nur Nachteile“, grinste Evren und Darrel verstand gleich, auf was er anspielte, hielt sich aber mit blöden Fragen zurück.

„Aber der Tritt durch das Portal ist kein beamen. Nicht so wie das in dieser witzigen Serie läuft, also auflösen und zusammensetzen. Es ist eher …“

„Wie ein schwarzes Loch in das man gezogen wird“, hakte Werner ein. Er und Arlan untersuchten die Technik schon eine Weile wie die Wahnsinnigen. „Die Idee des Wurmloches kommt dem immer noch am nahesten, würde ich sagen.“

„Wie in Stargate?“, fragte Gregory, der immer noch zu verstehen versuchte, wie das genau funktionierte. Er wurde ein wenig rot, weil ihm auffiel, dass er alles mit Fernsehserien verglich, die er kannte. „Werde ich ja sehen“, murmelte er kleinlaut und stopfte sich ein Käsebällchen in den Mund, damit er nicht noch mehr Blödsinn redete.

„Und so was nennt sich Wissenschaftler“, murmelte Werner leise, während Evren herzhaft lachte. „Meine Bildung hab ich aus ‘m Fernsehen“, sang er leise und stopfte sich noch etwas Brot in den Mund, während Azhdahar an die Drachen und auch an Werner und Gregory Fleisch verteilte. „Ärgert ihn nicht, er hatte einen verdammt langen und verdammt verwirrenden Tag hinter sich. Da wäre euer Hirn auch ein bisschen matschig!“ Darrel zog seinen Schatz zu sich. Er sollte sich nicht dumm fühlen, denn das war er nicht. Keiner wusste das besser als der Drache, der Gregory schon dabei erlebt hatte, wie er aus einem einzigen Knochen die Lebensgeschichte eines Menschen hatte lesen können.

„Bin ja selbst schuld, was rede ich auch für Blödsinn“, grinste Gregory, ließ sich aber sehr gerne von Darrel halten. Es war schön, dass der sich so für ihn einsetzte, darum wurde er auch mit einem sanften Kuss belohnt. „Aber wo wir jetzt schon mal dabei sind, unsere Geschichten zu erzählen, dann würde ich gerne mehr über deine erfahren, Darrel“, meldete sich jetzt Azhdahar zu Wort. Wenn er nachher seinen Vater befragen wollte, dann sollte er mehr wissen.

„Ja“, sagte Darrel. Er ließ Gregory los, damit der endlich richtig essen konnte und nahm sich selber ein Stück Brot mit Fleisch. Er lehnte sich in dem Campingstuhl zurück und schloss kurz die Augen. „Das ist verdammt lange her“, begann er und erzählte seine Geschichte. Begonnen an dem Punkt, als er in das Heer eingetreten war, bis zu dem Punkt, als sie eines Nachts zielstrebig ins Labor gegangen und das Portal durchschritten hatten. „Wenn ich es rückblickend betrachte, war mir das alles zu gezielt. Das war nicht spontan.“ Er kaute an seiner Unterlippe und sah den Thronfolger offen an. „Und ich will endlich wissen, warum ich hier gelandet bin und warum mich die Bastarde dann im Stich gelassen haben. Irgendwo auf diesem verdammten Planeten.“

„Ja, das würde ich auch gern wissen. Ich weiß nichts über einen Trupp Soldaten, der auf die Erde geschickt wurde und glaube mir, ich habe jedes kleinste Detail von Gidorias Geschichte lernen müssen.“ Azhdahar war begierig darauf seinen Vater danach zu fragen, denn wenn es eine geheime Operation gewesen war, dann musste er etwas darüber wissen. „Es ist nur etwas über einen Trupp Mischlinge bekannt, die sich vor einigen Jahrhunderten auf die Erde abgesetzt haben.“

„Ja, lustige Typen“, lachte Darrel laut. Er hatte ein paar von denen kennen gelernt. „Einer wohnt hier ganz in der Nähe. Habt ihr ihn kennen gelernt? Keral, hat sich wohl für eine Weile als Quetzalcoátl ausgegeben. Etwas durchgedreht, aber ein cooler Typ.“ Darrel erinnerte sich an den Federdrachen. Er hatte schon herrliche Abende am Lagerfeuer mit ihm verbracht, sich mit ihm zusammen verehren lassen. Er vermisste die alte Zeit in der man sich noch wandeln konnte, ohne Gefahr zu laufen, getötet zu werden. Doch die Menschen hatten sich so rasant weiter entwickelt, dass sie selbst mit ihre Entwicklung nicht mehr Schritt halten konnten. Das alte war vergessen, ihre Verbindung zur Natur zerrissen. Der Mensch strebte auf sein Ausscheiden von dieser Welt zu und Darrel konnte nur hoffen, dass es wenigstens ein paar Tier- und Pflanzenarten überlebten, ehe die selbsternannte Krone der Schöpfung ihr Dasein beendete.

„Keral lebt noch und hier in der Nähe?“ Azhdahar zuckte hoch und wechselte einen Blick mit Evren. „Wir hatten schon mal überlegt nach ihnen zu suchen, aber wir hatten keine Anhaltspunkte, wo sie sich aufhalten könnten. Keral ist ein entfernter Onkel von mir und ich würde ihn wirklich gerne einmal treffen.“

„Du bist mit ihm verwandt?“, fragte Darrel skeptisch. „Aber dann bestimmt nicht Blutlinie, sondern angeheiratet. Ihr seid euch kein bisschen ähnlich. Er ist viel weniger verkrampft“, hatte der Drache gesagt, noch ehe er sich auf die Zunge beißen konnte und entschuldigte sich als sich der Blick des Thronfolgers verdunkelte. „Ich weiß nicht, ob er heute noch hier ist. Aber als ich ihn das letzte Mal getroffen habe, war er noch hier gewesen. Ich schätze er ist noch auf dem Kontinent, er hat nur das Volk gewechselt, auf das er jetzt aufpasst“, vermutete er und aß weiter. Das Fleisch war schon ganz kalt.

„Einen Gott treffen - das wäre was“, murmelten die drei Forscher am Tisch wie aus einem Munde.

Azhdahar verdrehte die Augen und zog Evren zu einem Kuss zu sich. „Versprochen, wir werden ihn suchen.“ Er konnte seinem Geliebten einfach nichts abschlagen, wenn er diesen Blick drauf hatte. Ihn wurmte aber, was Darrel gesagt hatte, darum sah er ihn nicht gerade freundlich an. „Mag sein, dass ich kein cooler Typ bin, der sich einen Spaß daraus macht von einem Volk als Gott gehuldigt zu werden. Ich bin der Thronfolger von Gidoria. Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen und das ist mir sehr wichtig.“

„Das darfst du auch“, sagte Darrel großmütig, „auch wenn du mich nicht richtig verstanden hast. Aber das macht nichts.“ Er hatte das auch gar nicht so gemeint, wie es geklungen haben mochte, doch dass der Thronfolger derart verbissen war, machte die Arbeit mit ihm bestimmt nicht leichter. „Wenn ihr wirklich heute noch nach Gidoria wollt, solltet ihr euch ein bisschen beeilen. Ich habe hier einen Pathologen, der nur her gekommen ist, um Knochen zu begutachten. Und wenn er das nicht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang machen kann, habe ich anschließend ein Problem. Und da ich kein Problem haben will …“ er ließ den Satz offen und trank einen Schluck, während sich Giny endlich wieder zu ihm gesellte.

„Das beginnt erst ab morgen“, kicherte Gregory und strich Darrel unter dem Tisch über das Bein. „Naja, auch wenn dieses Damoklesschwert von Darrel genommen wurde, sollten wir uns wirklich auf den Weg machen.“ Azhdahar sah Evren an und wusste auch ganz genau, was der gequälte Blick bedeutete. „Ich gehe allein zu meinem Vater. Du kannst Arlan ausfragen.“

„Japp, mach ich!“, erklärte Evren gleich viel zufriedener. „Ich werde ihn ausquetschen und die Küche plündern. Ich suche gleich meinen großen Rucksack. Komm Sally.“ Er schoss hoch und wirkte sehr zufrieden.

„Er kann mit seinem Schwiegervater nicht so, oder woher der Stimmungswechsel?“, fragte Darrel, den das gerade ziemlich überrascht hatte. Doch auch er erhob sich. Es war schon spät und außerdem war er gespannt. Und je früher sie weg kamen, umso früher waren sie wieder da und umso früher kam er mit Gregory endlich in ihr Zelt.

„Nicht wirklich. Mein Vater hat einige Vorbehalte gegen meine Verbindung mit Evren.“ Azhdahar sah Evren hinterher und seufzte. „Mein Vater will die Thronfolge gesichert haben, aber das wird nicht passieren.“ Der Prinz hoffte immer noch, dass sein Vater eines Tages Evren an seiner Seite akzeptierte. Seine Mutter hatte es schon getan.

„Selbst bei uns bekommen die Jungs keine Kinder“, sagte Darrel, doch seine Stimme war frei von Spott. Er konnte sich gut vorstellen, dass es an dem Prinzen zerrte, dass der, den er liebte, in den Augen seines Vaters nicht das richtige war. Wahrscheinlich spekulierte der Herrscher noch darauf, dass die Zeit für ihn das Problem erledigte. Sicherlich nicht gerade das tollste Gefühl der Welt.

„Lassen wir die Wissenschaftler im Labor und gehen allein zu deinem Vater“, schlug Darrel leise vor. Er hatte Blut geleckt, er wollte jetzt endlich wissen, warum er hier gelandet war und warum man ihn im Stich gelassen hatte. Was hatten die anderen Drachen für eine Mission?

„Möchte Gregory auch mit?“, fragte Azhdahar, denn das war bisher noch gar nicht zur Sprache gekommen. Als Gefährte eines Drachens hatte dieser seiner Meinung nach ein Recht darauf, die Welt kennen zu lernen, von der Darrel kam. „Werner wird hier bleiben und auf das Lager aufpassen.“

Darrel hatte zwar gedacht, dass das schon geklärt gewesen wäre, doch dann sah er zu Gregory, der heftig nickte und schon in den Startlöchern stand. Werner war nicht so überzeugt davon, hier zu bleiben, doch er nickte. „Ich bekomme nachher einen Audiobericht und, Evren, sag Arlan, er soll dir die Unterlagen für mich mitgeben.“ Werner würde sich derweil um das Camp kümmern und für die Nacht vorbereiten.

So machten sich die vier Reisenden fertig und verschwanden dann mit einer Taschenlampe im Grab.

06 

Aufgeregt sah Gregory sich um und zerrte dabei immer wieder an Darrels Hand, die er nie losließ. „Ich werde gleich auf einem anderen Planeten sein. Stell dir das mal vor, Darrel. Ein ganz anderer Planet, nicht die Erde.“ Er hüpfte aufgeregt neben seinem Freund her und küsste ihn immer wieder, wo er ihn gerade erreichen konnte. Evren hinter ihm lachte leise und schüttelte den Kopf. So begeistert war er damals nicht gewesen – nun, der Fairness halber musste er auch zugeben, dass sein Einstand auf Gregorys Planeten etwas anders gelaufen war.

„Okay, ihr beiden geht vor“, sagte Evren. „Azhdahar und ich werden euch auf dem Fuße folgen. Also auf der anderen Seite gleich beiseitetreten. Sonst rennen wir euch über den Haufen.“ Er schob die beiden vor das Tor, das – verborgen hinter eine Wurzel – Rot blinkte als Zeichen der Betriebsbereitschaft. „Einfach durchgehen wie durch jede andere Tür auch. Ihr rennt schon nicht gegen die Wand da hinten.“ Darrel nickte und griff Gregorys Hand fester. Sie sahen sich an und nickten, ehe sie schnellen Schrittes losliefen.

Unwillkürlich hielt Gregory die Luft an, als sie durch das Tor traten und fand sich einen Augenblick später in einem hellen Raum wieder, den er noch nicht kannte. Er hatte aber nicht viel Zeit sich umzusehen, denn er wurde an eine breite Brust gezogen, die er mittlerweile ziemlich gut kannte.

„Komm“, Darrel zog seinen Freund beiseite, ließ ihn aber nicht los. Er hatte keine Lust ihn unter einem Drachen hervor ziehen zu müssen.

„Wer seid ihr?“, fragte ihn jemand hinter ihm und Darrel wandte sich um. Doch der Prinz und Evren waren schneller. „Die gehören zu mir, Arlan“, sagte Azhdahar gleich, ehe der Wissenschaftler die Wachen rufen ließ.

„Hoheit, sie sind aber schnell wieder zurück. Was ist passiert?“ Arlan war gleich besorgt.

„Alles in Ordnung, Arlan. Das sind Dazirel und Gregory. Evren wird dir alles erklären. Ich muss zu meinem Vater. Auch wenn der davon noch gar nichts weiß.“ Azhdahar verzog das Gesicht und wählte schon seinen Vaters an. „Vater, hast du Zeit, ich möchte was mit dir besprechen“, sagte er gleich, als sein Vater sich meldete. „Ja, sicher“, kam die überraschte Antwort.

„Gut, ich bin in fünf Minuten bei dir und werde einen Gast mitbringen.“ Ohne die Antwort abzuwarten, legte Azhdahar wieder auf und küsste Evren kurz. Dann fasste er Darrel ins Auge, der ebenfalls noch einmal kurz Kraft bei seinem Schatz tankte. „Spiel schön mit den anderen Wissenschaftlern. Drachi ist gleich wieder da.“

Azhdahar grinste und schlug Darrel auf die Schulter. „Das hätte ich nicht besser sagen können“, lachte er und wich Evrens Tritt aus. „Komm, wir gehen. Mein Vater wartet nicht gerne.“ Azhdahar führte Darrel durch die Gänge zu den Räumen seiner Eltern und klopfte an. Er konnte gar nicht so schnell gucken, wie die Tür aufgerissen wurde und seine Mutter um seinen Hals hing. „Azhdahar, mein Junge“, rief sie lachend und der Prinz lachte mit und ließ sich drücken. „Hallo Mutter, ich freu mich auch dich zu sehen.“

„Du treibst dich immer viel zu lange auf der Erde herum. Das kannst du doch nicht … oh, du hast einen Gast mitgebracht“, sagte die Herrscherin und blickte neugierig auf den Fremden. Darrel stellte sich eilig vor, doch da hörte er schon die dunkle Stimme des Herrschers. Ulgar war ungeduldig. Er wollte wissen, wen sein Sohn bei sich hatte und warum er so kurzfristig bei ihm um eine Audienz anfragte. So traten die Drachen tiefer in den Saal und schlossen die Tür hinter sich.

„Nun“, fragte Ulgar ungeduldig. Er hatte sich erhoben und kam auf die beiden zu.

Darrel verbeugte sich eilig. Wenn er auch die letzten achttausend Jahre nicht auf Gidoria gewesen war, so wusste er doch wie er sich zu benehmen hatte. „Vater, das ist Dazirel. Er gehört zu einer Gruppe Soldaten, die vor ungefähr achttausend Jahren auf die Erde gegangen sind. Weißt du etwas darüber?“ Azhdahar sah den König forschend an, weil er wissen wollte, wie er reagierte.

„Sagt er das?“, wollte Ulgar wissen und setzte sich wieder. Er ließ den Fremden dabei aber nicht aus den Augen. „Ja, das sage ich“, erklärte Darrel, der gerade das Gefühl hatte, als Lügner hingestellt zu werden und das konnte er sich auch vom König nicht bieten lassen. Zu lange hatte er auf Antworten gewartet.

Ulgar nickte und sah von Darrel zu seinem Sohn. „Was er sagt, stimmt. Ich habe vor ungefähr achttausend Jahren eine Gruppe Soldaten auf die Erde geschickt. Er ist allerdings der erste, den ich von ihnen wiedersehe. Ich würde gerne erfahren, warum das so ist."

„Es stimmt also wirklich“, sagte Darrel und auch Azhdahar sah seinen Vater forschend an. Warum hatte der König ihm das verschwiegen? Warum hatte jeder darüber geschwiegen? „Wofür war die Mission gewesen?“, fragte der Prinz also. „Und warum weiß ich davon nichts?“ Darrel schwieg, er wollte sich in den Disput der beiden nicht einmischen, auch wenn er wusste, dass er dem Herrscher noch eine Antwort schuldig war.

„Wie du weißt, kamen immer weniger Umagals durch das Tor. Sie hatten die Aufgabe herauszufinden, warum das so ist.“ Der König sah seinen Sohn an. Er kannte Azhdahar gut genug, um zu wissen, dass er verärgert war. „Die Männer haben direkt auf meinen Befehl hin gehandelt. Es war eine Geheimmission, von der sonst niemand etwas wusste, darum wusste niemand etwas davon.“

„Nicht einmal ich“, sagte Azhdahar und straffte sich. Als Sohn war er verletzt, doch als Thronfolger verstand er, warum sein Vater so gehandelt hatte. „Das erklärt einiges“, murmelte Darrel. Er hatte sich gesetzt und war in seinen Erinnerungen versunken. Er war an den Tag zurückgekehrt, als er in einer Wildnis zu sich gekommen war, lebensfeindlich und karg. Ohne Rücksicht auf ihn hatten sich alle anderen Soldaten gewandelt und sich in die Himmelsrichtungen verteilt. Leise erzählte er und um ihn herum war es still geworden. „Ich konnte mich noch nicht wandeln, ich hatte Giny gerade erst bekommen.“ Er strich der Umagal über den Kopf, die wieder aus seinem Hemdkragen guckte.

„Du warst ein Anwärter? Dann hättest du eigentlich auch nicht mitgehen dürfen. Da scheint wohl einiges schief gelaufen zu sein.“ Ulgar tippte die Fingerspitzen zusammen. „So wie du erzählt hast, haben sie bei ihrer Ankunft auf der Erde das gemacht, was sie sollten. Sie hatten den Befehl sich zu verteilen und nach dem Umagal-Tor zu suchen.“

„Und sie haben mich einfach zurück gelassen, diese Bastarde. Sie haben nicht etwa gesagt, bleib im Labor. Nein, sie haben mich mitgenommen und mich zum Verrecken zurück gelassen.“ Darrels Stimme war lauter geworden. Man spürte seine Wut und seinen Zorn im ganzen Raum. Doch er verschwieg, dass er bereits drei der Verräter gestellt und entsorgt hatte. Die würden es nicht mehr wagen, die gutgläubigen Menschen auszunutzen und ihren Vorteil aus Aberglauben zu ziehen oder aus Drogengeschäften.

„Warum bist du eigentlich nicht durch das Tor zurück gegangen, als sie dich alleine gelassen haben?“, wollte Azhdahar wissen, was ihm schon seit ein paar Minuten durch den Kopf ging. Er hoffte, dass Darrel das nicht in den falschen Hals bekam. Doch er konnte nicht verhindern, dass Darrel, der sowieso schon angesäuert war, weil er begriffen hatte, dass die Kerle seinen Tod billigend in Kauf genommen hatten. Nun auch noch von dem Thronfolger angeschossen zu werden ließ ihn leise zischen. „Weil die lieben Soldaten mir mein Armband abgenommen haben, ehe sie sich abgesetzt haben. Deswegen.“ Er wandte sich ab. Er hatte nicht so die Fassung verlieren wollen, doch er konnte auch nicht anders.

„Es war nicht so gemeint, Darrel. Ich wollte dir nichts unterstellen“, lenkte Azhdahar ein und Ulgar hob überrascht eine Augenbraue. Es kam nicht oft vor, dass sein Sohn sich bei einem Fremden entschuldigte. „Ich kann verstehen, dass du wütend bist.“

„Danke“, sagte Darrel leise und holte tief Luft. Er hatte sich nicht erinnern wollen und noch weniger hatte er wissen wollen, dass er nur mitgenommen worden war, weil man einen potentiellen Verräter hatte ausschalten wollen. Hätte er nicht diesen unbändigen Lebenswillen gehabt, wäre er heute vielleicht schon gar nicht mehr am Leben. Er rollte die Schultern und versuchte sich wieder zu fassen. Dann sah er den Herrscher an. „Und jetzt?“, wollte er wissen.

„Das wird mein Sohn entscheiden. Ich habe alle Entscheidungen, die Drachen auf der Erde betreffen, an ihn abgegeben.“ Das es darüber lange und hitzige Diskussionen gegeben hatte, brauchte Darrel nicht zu wissen. Azhdahar hatte sich durchgesetzt und seinem Vater dieses Zugeständnis abgerungen. „Was immer mit ihnen passieren soll, entscheidet er.“

„Bei dreien wird seine Entscheidung zu spät kommen“, knurrte Darrel leise und blitzte den Herrscher und seinen Jungen warnend an, jetzt nichts Falsches zu sagen. „Ich hatte genügend Zeit mir meine eigenen Gedanken zu machen und bin zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen, wie das was ich hier gehört habe. Dafür habe ich sie gejagt, beobachtet und bewertet. Ihre Herzen waren zu leicht und Ammit[1] hat sie verschlungen.“

„Okay, drei weniger, um die ich mir Gedanken machen muss.“ Azhdahar sah das ziemlich pragmatisch. Was Darrel erledigt hatte, musste er nicht mehr erledigen. „Gibt es eine Liste von Namen? Ich wüsste ganz gerne, wen ich töte.“ Für Azhdahar war klar, dass die Verräter bestraft werden mussten.

„Die kannst du dir gern geben lassen, Prinz. Aber du wirst sie darunter nicht finden. Ich mache das jetzt seit über tausend Jahren und ich bin erst dreien auf die Spur gekommen. Es erfordert Recherche und ein gutes Näschen. Man muss alten Wegen nachgehen, Stammbäume verfolgen, Millionen Fotos in Akten vergleichen, welche Männer sich über all die Jahre immer gleichen. Das ist ein Puzzlespiele, ohne zu wissen wie das Bild am Ende aussehen wird“, sagte Darrel. „Ich arbeite als Journalist, weil ich so an die besten Quellen komme. Aber Fotos würden es uns leichter machen. Gibt es Abbilder von den Typen?“

„Ja, die gibt es. Ich werde Arlan den Auftrag geben, sie für euch zusammenzustellen und zu schicken.“ Ulgar hatte nichts anderes erwartet. Azhdahar hielt von Verrätern genauso wenig, wie er selbst. „Kannst du das gleich machen, Vater? Evren ist gerade bei Arlan, dann können wir es gleich mitnehmen.“

„Sicher“, sagte Ulgar und betätigte ein paar Knöpfe an einer vorher verborgenen Konsole an der Wand. Schnell war die Nachricht versandt und so widmete sich Ulgar wieder seinen Gästen. „Ich bin froh dich lebendig wieder zu sehen, Dazirel, und ich würde es begrüßen, wenn du meinen Sohn bei seiner Aufgabe unterstützen könntest.“ Darrel nickte nur und lächelte schief. „Ich mach ja eh nichts anderes seit tausend Jahren.“

„Deine Erfahrung wird mir eine große Hilfe sein. Wir werden sie finden, egal wie lange es dauern wird und sie werden ihre Strafe bekommen. Wir haben Zeit.“ Azhdahar nickte Darrel zu und gab ihm so stumm ein Versprechen, dass er das Verbrechen an ihm rächen würde. Und Darrel antworte ihm mit einem Blick, der dem Thronfolger sagte, dass er dieses Versprechen einfordern würde.

„Allerdings würde ich jetzt gern zurückkehren. Der Tag war lang, ich glaube, an Gidoria muss ich mich erst wieder gewöhnen.“ Darrel nickte dem Regentenpaar zu und sah den Thronfolger an. „Wenn du noch bleiben willst, gern – ich kehre ins Labor zurück.“

„Nein, ich komme mit. Auch für mich war es ein langer Tag.“ Azhdahar erhob sich und umarmte seine Mutter zum Abschied und verabschiedete sich von seinem Vater. Schweigend gingen sie den Weg zurück zum Labor. Azhdahar hatte ein wenig daran zu knabbern, dass sein Vater ihm nichts von den Soldaten erzählt hatte. „Du meinst also, mit den Bildern wird es einfacher sein sie zu finden?“

„Du weißt so gut wie ich, wie langsam wir altern. Wenn wir Gesichter finden, die den Verrätern ähnlich sind, haben wir vielleicht Personen, bei denen es sich lohnt, in der Vergangenheit zu kramen“, überlegte Darrel und seine Schritte wurden schneller. Er wollte jetzt nur noch Gregory in seine Arme ziehen und etwas Ruhe tanken. Er hätte nicht gedacht, dass ihm die ganze Sache auch heute noch so intensiv an die Nieren ging.

„Ja, das stimmt. So werden wir sie finden.“ Azhdahar nickte und lächelte, als sie ins Labor kamen. Wie immer bemerkte Evren noch nicht einmal, dass er zurück war. Die drei Wissenschaftler hatten ihre Köpfe zusammengesteckt und diskutierten. „Mein Schicksal wird ab heute auch deines sein“, grinste der Prinz zu Darrel. „Wir werden nur noch Randerscheinungen in ihrem Leben sein, solange sie in ihre Arbeit vertieft sind.“

„Das habe ich schon zwei Jahre lang hinter mir. Und da wusste er noch nichts über Drachen und andere Welten“, murmelte Darrel, doch so glücklich wie Gregory aussah, konnte er ihm auch nicht böse sein. Er kannte ihn gut genug, um zu wissen, wie sehr Gregory es liebte, seinen Horizont zu erweitern. „Aber sein Glück sei mein Himmelreich“, sagte er gespielt ergeben und trat langsam näher. Er ließ Giny laufen, die zielstrebig Gregory ansteuerte.

Der blickte erschrocken auf sein Bein, als er spürte, dass sich dort etwas hinauf hangelte. Sobald er allerdings sah, wer an ihm hochlief, lächelte er weich. „Süße.“ Gregory küsste Giny auf das Köpfchen und drehte sich dabei. „Darrel“, rief er freudig und lief auf seinen Drachen zu, um sich in dessen Arme zu werfen und halten zu lassen.

„Na? Habt ihr tolle Wissenschaftskrempelsachen gemacht?“, wollte der Drache lachend wissen und stieß zischend die Luft aus, als er spielerisch in die Seite gestupst wurde.

„Darrel, auch ich möchte dich zurück auf Gidoria begrüßen. Ich bin Arlan, der Laborleiter“, stellte sich der Drache vor, reichte Darrel die Hand, die der nahm und brav schüttelte. Doch dann schlang er die Arme von hinten um Gregory, hielt ihn gegen die anderen Wissenschaftler als intelligenten Schutzschild vor sich und kicherte bei dem Gedanken in Gregorys Ohr.

Gregory lehnte sich zufrieden gegen Darrel und sah zu ihm auf. „Wir sind hier soweit fertig, wenn du nichts mehr erledigen musst, können wir wieder gehen. Ist zwar schade, dass ich von Gidoria noch nichts gesehen habe, aber Arlan meinte, ich kann jederzeit wiederkommen. Dann schleife ich dich mit und du zeigst mir alles.“ Gregory reckte sich ein wenig und küsste seinen Schatz. Er wollte zurück auf die Erde und dann in ihr Zelt.

„Aktuell habe ich nur noch eins zu tun, aber bestimmt nicht hier“, flüsterte er Gregory ins Ohr und erinnerte sich erst daran, dass Drachen extrem gute Sinne – und somit auch extrem gute Ohren – hatten, als sich Arlan unbeteiligt abwandte. „Allerdings habe ich die Sorge, dass ich dich ab morgen nicht nur im Grabmal suchen muss, sondern auch hier. Ich weiß nicht, ob ich dafür nicht schon zu alt bin.“ Seine Finger schlangen sich ineinander vor Gregorys Bauch und sein Kinn lag auf dessen Schulter.

„Ich hab alles, was ich wollte, lasst uns gehen. Ich will ins Bett.“ Evren deutete auf seinen Rucksack, in dem er Lebensmittel mit sich herum trug und die Aufzeichnungen, die Werner verlangt hatte.

„Hast du auch die Datei, die mein Vater angefordert hatte?“, fragte Azhdahar und legte einen Arm um Evren. Das ständig schmusende andere Paar machte ihm auch Lust auf mehr und so küsste er seinen Schatz sanft im Nacken. „Lasst uns gehen, ich glaube wir alle möchten nach Hause.“

„Wir sollten Werner dein Zimmer im Palast anbieten. Er wird mir heute Nacht bei der sich andeutenden Geräuschkulisse echt leidtun“, sagte Evren. Es wäre nicht das erste Mal, das Werner auswandern würde. „Oder wir gehen zu mir“, grinste er. Er deutete auf einen Stick in seiner Hand, auf der die Daten waren, die der König angefordert hatte. Den drückte er gleich dem Drachen in die Hand. Seit er wusste wie sie funktionieren beschäftigte sich Azhdahar gern mit Computern. Er war ein richtiger Freak geworden. Also bekam er alles in die Hand, was damit zu tun hatte.

„Wir gehen zu dir, Schatz.“ Azhdahar grinste und freute sich auf Streuner. Sie hatten mittlerweile Frieden geschlossen und der Drache liebte es, durch das weiche Fell zu streichen. Außerdem war Evrens Bett größer und viel bequemer als ihre Schlafstatt im Zelt. „Darrels und Gregorys Zelt steht ja etwas weiter weg, da kann er bestimmt schlafen.“

„Ich habe noch ein paar MP3-Player dabei mit wissenschaftlichen Hörbüchern. Die rücke ich gern raus, wenn ich mich dafür nachher nicht zurückhalten muss“, lachte Darrel und küsste Gregory auf die glühenden Wangen. „Schatz, du hast einen Drachen. Uns ist grundsätzlich nichts peinlich“, lachte er, küsste seinen Freund aufs Ohr und griff ihn bei der Hand. Man verabschiedete sich kurz, denn es war sicherlich nicht für lange und so verschwanden sie alle vier durch das Tor. Azhdahar ging vor, er hatte die Taschenlampe.

Nach der Übergabe eines MP3 Players samt Hörbüchern an Werner, verabschiedeten sich Azhdahar und Evren und Gregory war mit seinem Freund endlich allein in ihrem Zelt. Zum Glück hatten sie ihr Schlafzelt schon eingeräumt und alles, was sie sonst noch im Wagen gehabt hatten. „Endlich“, murmelte er leise und küsste Darrel ausgehungert. Er lag auf Darrel, der seine Daunendecke und die Kissen aus den Vakuumverpackungen befreit und ihnen ein heimeliges Nest gebaut hatte. „Ja, endlich“, flüsterte Darrel. Auch an ihm hatte der Tag gefressen. Es war bereits zwei Uhr, doch nichts auf der Welt konnte ihn davon abzuhalten, endlich sein Versprechen einzulösen. Sein Leib gierte, sein Hirn gierte und seine Sinne liefen auf Hochtouren.

Fahrig strichen Gregorys Hände über Darrels Brust, während sie sich küssten und machten sich daran die Knöpfe des Hemdes zu öffnen. Der Stoff störte ihn ungemein, denn er hinderte ihn daran, die heiße Haut darunter unter seinen Fingern zu spüren. „Liebe dich“, murmelte er in den Kuss und seufzte zufrieden, als er das Hemd endlich geöffnet hatte.

„Ich dich auch, Greg, viel zu lange schon“, murmelte Darrel. Doch er war nicht so geduldig wie der Pathologe. Er griff sich einfach Gregorys Hemd und zog es ihm erst aus der Hose und dann über den Kopf. Es landete in einer Ecke, als sich Gregory aus den Ärmeln befreit hatte. Endlich konnte der Drache seine Hände auf den warmen Rücken legen, sanft über die weiche Haut streichen. Immer wieder spitzten seine Finger auch unter den Hosenbund und liebkosten den Ansatz der Pofalte.

Gregory hob sich den streichelnden Fingern entgegen und wurde immer ungeduldiger. Er riss sich aus dem Kuss und sah mit glühenden Augen auf Darrel runter. „Los, Klamotten ausziehen. Ich habe jetzt keinen Nerv für Verführung und Spiele. Das können wir gerne später nachholen. Ich will dich endlich in mir haben und ich schätze keine Verzögerungen.“

Für ein paar Augenblicke war Darrel geplättet und versuchte zu verstehen, was für ein Biest da auf ihm saß. Der schüchterne Gregory konnte das ja unmöglich sein. Doch dann hob er grinsend die Brauen und brachte den ungeduldigen jungen Mann mit einer Drehung in die Decken unter sich. „Du hast es nicht anders gewollt“, grollte Darrel dunkel, doch seine Augen blitzten. Es dauerte keine Sekunde, da hatte er seine Hose von sich geworfen, die Unterhose hatte er früher am Tag schon eingebüßt und so waren seine geschickten Finger frei, um Gregory des störenden Stoffes zu entledigen.

„Was dauert da so lange?“, maulte Gregory und fing schon an, sich aus seiner Hose zu schälen. Er wand sich hin und her und fluchte leise, weil es ihm nicht schnell genug ging. Natürlich verhedderte er sich auch prompt und Darrel musste eingreifen, sonst wäre die Hose seines Schatzes wohl in Fetzen gegangen.

„Ich bin alt, mein Herz, habe Mitleid mit mir“, lachte der Drache und konnte es sich nicht verkneifen, seine Lippen dem Stoff folgen zu lassen, als er ihn über die langen Beine zog. Wie zufällig streiften Wange und Finger Gregorys Erregung und Darrel trank das Erschauern des bebenden Leibes wie Nektar. Gern hätte er den glühenden Leib zelebriert, ihn gefeiert und genossen und gepriesen – doch Gregory war so angespannt, dass es ihm mehr eine Qual wäre als pure Lust. Also griff er unter das Kissen und suchte, was sie brauchten, ehe er sich daran machte, seinen Schatz so zu lieben, wie der es verdient hatte.