Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Drachenblut II > Drachenblut II - Teil 7 - 9

Drachenblut II - Teil 7 - 9

07

„Nich‘ weggehen“, nuschelte Gregory und zog seine Arme fester um Darrel. Er war noch nicht wach und wollte sein warmes Schmusekissen, an das er sich den Rest der Nacht schlafend gekuschelt hatte, nicht hergeben. Der konnte doch jetzt nicht einfach aufstehen. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, schlang er auch noch ein Bein um seinen Schatz.

„Ich erinnere mich da ganz dunkel an einen Pathologen, der den ganzen Tag forschen wollte. Wo ist der denn abgeblieben. Hat der sich bei dir verabschiedet? Bei mir nicht.“ Darrel lachte und wirkte sichtlich zufrieden. Es ging auf Mittag zu und sie hatten sich noch nicht bewegt. Es war herrlich. So schlang er seine Arme wieder fester um Gregory und küsste sich über die nachtwarme Schulter. Sein Schatz schmeckte herrlich.

„Der kommt morgen wieder. Nimmt sich nur mal eine kurze Auszeit“, nuschelte Gregory und seufzte zufrieden. „Das war die geilste Nacht, die ich bisher erlebt habe, Schatz. Kann ich die bitte als Abo haben?“ Er drehte sich so in Darrels Armen, dass er ihn küssen konnte. „Morgen, mein nimmermüdes Drachi.“

Darrel lachte kehlig und küsste Gregory in den Nacken, so gut er den erreichen konnte. „Kommt auf die Bezahlung an. Ich nehme sieben Küsse täglich, damit ich in Form bleibe“, nuschelte er gegen die verlockende Haut und ließ seine Hände sanft tiefer gleiten. „Ich hoffe, ich habe dich nicht allzu sehr zugerichtet in meiner Gier nach dir.“ Reumütig klang seine Stimme und er blickte Gregory fragend an.

„Ich wollte es doch nicht anders.“ Gregory lächelte und küsste Darrel. Er fühlte sich einfach nur zufrieden und glücklich. Dass sein Hintern ein wenig puckerte, das war es allemal wert gewesen. „Ich kann ja mal Evren fragen, ob er mir etwas geben kann, was hilft. Schließlich hat er ja auch so einen potenten Drachen.“

„Er dürfte noch etwas mehr Kraft in sich spüren als du. Denn der Thronfolger ist der beste Krieger im Heer. Der Kerl hat Kraft und Ausdauer, die kann man nicht beschreiben“, nuschelte Darrel, doch dann waren die beiden anderen auch schon wieder aus seinem Kopf. Im Augenblick gab es nur sie beide – und eine Stimme die von weitem brüllte, dass frische Brötchen zu holen wären, wenn Interesse bestünde.

Evren.

Schon zuckte Gregory hoch. „Brötchen?“ Schon begann er sich aus der Decke zu schälen und seine Zunge strich über seine Lippen. „Hast du gehört, Schatz? Frische Brötchen!“ Gregory strahlte und küsste Darrel übermütig. „Dazu einen leckeren Kaffee und ein Drachi zum kuscheln. Ich bin im Himmel.“

„Nein, Schatz. Du bist im Urlaub und wolltest Forscher spielen“, wurde Darrel nicht müde lachend zu erklären. Doch als Gregory ihn frei gegeben hatte, wurde die eben noch warme Stelle auf seiner Brust schnell kalt. Also erhob er sich ebenfalls. Ohne Vorwarnung riss er das Zelt auf und flitzte, wie er war, mit einem lauten Geheule zum Fluss, um in die kalten Fluten zu springen. Er war Warmduscher, schon immer gewesen – das hier kostete viel zu viel Überwindung, als dass er die Zeit haben wollte, noch darüber nachzudenken, ob er in das kalte Wasser stieg oder nicht. Das hatte sich erledigt, als er prustend wieder auftauchte.

Herrlich!

Kalt, aber herrlich!

Gregory sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Er suchte Handtücher und Klamotten zusammen und folgte seinem Schatz langsamer. Lachend winkte er Evren und Azhdahar zu, die grinsten. Natürlich war Darrels Auftritt nicht unbemerkt geblieben. Also hielt er seinem Schatz lächelnd ein Handtuch hin, damit er sich abtrocknen konnte. Danach sprang er selber ins Wasser und jauchzte ausgelassen dabei.

Darrel schüttelte sich kurz, ehe er fahrig über seinen Körper wischte und sich die Haare trocknete. Noch halb nass stieg er in ein paar Klamotten. Eine bequeme Jeans und ein abgetragenes Shirt. Wenn er das hier draußen einbüßte, würde er es kaum vermissen. „Guten Morgen“, rief er zu den dreien, die schon wieder um den Tisch saßen. Azhdahar hatte den Laptop auf dem Tisch stehen und Evren verteilte gerade große Becher mit Kaffee. Doch Darrel beobachtete lieber Gregory beim planschen – das war noch leckerer als Kaffee.

„Das ist fantastisch“, jubelte Gregory, als er aus dem Wasser kam und sich schüttelte wie ein Hund. Er passte auf, dass Darrel nicht gleich wieder komplett nass wurde. „Das machen wir jetzt jeden Morgen“, lachte er und nahm das Handtuch entgegen.

„Ich für meinen Teil bin mir da noch nicht sicher“, murmelte Darrel. Das Bad war zwar erfrischend gewesen, aber jetzt war ihm doch etwas frisch. Also rubbelte er Gregory die Haare trocken, während der am Rest seines Körpers für erträgliche Trockenheit sorgte und eine Minute später standen sie beide am Tisch und ließen sich Kaffee reichen. „Ich hol ein paar Vorräte“, sagte Darrel und ging auf eine ihrer Kisten zu. Schließlich waren sie ja eigentlich Selbstversorger.

„Frischer Kaffee mitten in der Wildnis.“ Gregory schnupperte an seiner Tasse und wirkte sehr zufrieden. „Wo habt ihr denn die Brötchen her und all das andere Zeug?“ Erst jetzt war Gregory aufgefallen, dass der Tisch voll mit frischen Produkten stand. Die es hier eigentlich gar nicht geben sollte.

„Um Werners Ohren etwas zu schonen, dessen Zelt direkt neben unserem steht, waren wir die Nacht in meiner Wohnung. Und wir dachten uns, wenn wir uns schon abgesetzt haben, dann sollten wir auch etwas mitbringen, damit ihr auch was davon habt“, erklärte Evren und schob die Brötchen zu ihnen rüber. Von Werner sah man nicht viel, er steckte in den Unterlagen von Arlan. Auch von Azhdahar war nicht viel zu sehen, er durchforstete schon das Internet nach den flüchtigen Drachen. So kam Darrel mit einer Dose gezuckerter Kondensmilch zurück, seine heimliche Leidenschaft, um Kaffee erträglich zu machen. Und eine Dose mit Frühstücksfleisch, was er liebte.

„Gute Idee“, Gregory griff zu und zog Darrel neben sich. Schließlich fühlte er sich nur im Himmel, wenn er sich auch noch an seinen Drachen kuscheln konnte. „Gehen wir noch zur Grabung?“, fragte er. Auch wenn er vorhin erzählt hatte, dass der Forscher erst morgen wiederkam, war er doch neugierig darauf, alles zu sehen.

„Glaubst du, du bist hier im Urlaub, oder was? Abhängen und Drachen kuscheln nach Sonnenuntergang“, erklärte Evren, der seinem Drachen ein halbes Brötchen zwischen die Zähne schob. Azhdahar hatte noch nicht einmal gemerkt, dass um ihn herum Leute saßen. Er hatte sich völlig verrannt. Und Evren ließ ihn machen, so war er beschäftigt und jagte nicht wieder Jaguare.

Giny, Sally und Umi hatten sich auch eingefunden. Sie beschnüffelten, was auf dem Tisch alles zu holen war und Darrel konnte gar nicht so schnell gucken, wie die junge Dame auf seinen Löffel zu kam und an der süßen Kondensmilch leckte. „Kleine, das ist nichts für dich“, legte er fest und schob ihr lieber eine Stück Gurke hin.

Natürlich ging das nicht ohne Protest und die kleine Echse zischte aufgebracht. „Ach Süße“, Gregory hielt Giny ein Stück süße Melone hin. Das kam hoffentlich besser an. Zumindest hatte er jetzt auch die beiden anderen Umagals vor sich sitzen, die auch etwas abhaben wollten. „Ist für euch alle was da“, lachte Gregory und in Darrels Mund landete auch ein Stück.

„Gregory, wenn wir Werner aus seinen Unterlagen loseisen, verschwinden wir nach dem Essen in der Grabung. Ich werde dir alles zeigen und dir auch zeigen, woran wir arbeiten und wo wir deine Hilfe brauchen. Die Drachen werden sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.“ Evren ließ sich sein Brötchen schmecken. Er verlängerte den Kaffee mit Milch und Darrel kaute und nickte. Er konnte mit der Aufteilung gut leben. Er würde auch seine Technik anwerfen und ein paar Bots laufen lassen. Wozu hatte er schließlich Zugang zu den Polizei-Servern.

„Ja sicher, gerne.“ Gregory nickte zustimmend und schob sich das letzte Stück Brötchen in den Mund. „Ich hole nur noch ein paar Sachen, dann bin ich abmarschbereit.“ Er wollte noch Wasser, eine Kamera, Block und Stifte und noch ein paar andere nützliche Dinge in seinen Rucksack packen. Er wollte auf alles vorbereitet sein. Als er so überlegte, was er noch brauchte, fiel ihm etwas ein, das Evren gestern gesagt hatte. Darum sah er ihn jetzt an und grinste. „Ich habe orangene Sprühdosen mit. Neonfarben und extra haftend.“

Auch wenn keiner damit gerechnet hatte, schoss Azhdahars Kopf hinter seinem Laptop hervor. Er schien auf das Wort orange konditioniert zu sein, wenn er so reagierte und Evren grinste von einem Ohr zum anderen. „Das kommt mir sehr gelegen, dann kann ich meinen Drachen endlich hübsch machen“, stichelte er dafür, dass er heute Morgen seit sie wieder da waren von seinem Drachen noch nichts gesehen hatte und Darrel grinste in sich hinein. „Dir würde orange auch gut stehen – würde zu deinem blau toll aussehen.“ Evren verteilte an jeden Drachen einen Dämpfer und war zufrieden, während Darrel grummelte.

Kichernd strich Gregory seinem Drachen über das Bein, während Azhdahar wohl zum tausendsten Mal erklärte, dass er keine orangenen Punkte wollte und brauchte. Er wäre auch so hübsch genug. „Pff“, machte Evren nur und zwinkerte Gregory verschwörerisch zu. „Werner, wir wollen los“, rief er dann und schreckte diesen auf, der ganz in seinen Berichten vertieft war.

„Hä? Was?“ Werner tauchte aus seinen Papieren auf und legte sie beiseite. „Interessant, interessant“, sagte er nur und sah sich dann um. „Ihr habt schon gegessen?“ eilig schmierte er sich ein Brötchen, steckte sich noch ein trockenes Brötchen in die Tasche und war bereit, während Darrel sich um den Tisch und die Vorräte kümmern wollte. Immer noch darüber grübelnd, wo sein Schatz das orangefarbene Spray aufbewahren könnte und wie Darrel die Gefahr unbemerkt entsorgen könnte.

Ein letzter Kuss, dann waren die drei Forscher auf dem Weg zum Grabmal.

Azhdahar und Darrel blieben zurück. „Ich will diese Spraydosen“, stellte Azhdahar klar, denn er traute Evren nicht. Er hatte ja schon leidliche Erfahrungen gemacht. Er war schon morgens wach geworden und Evren hockte mit einem orangenen Filzstift neben ihm und hatte schon angefangen ihn zu verschönern. Nicht auszudenken, was der mit einer Spraydose anrichten konnte, die wasserfeste Farbe enthielt.

„Was hat es mit den orangefarbenen Punkten auf sich?“, wollte Darrel wissen, der nicht gedacht hätte, dass Azhdahar sich darüber derart Gedanken machen würde. Da musste mehr dahinter stecken und das wollte er wissen. „Allerdings hab ich keinen Schimmer, wo mein Babe den Mist haben könnte. Wenn dann in seiner Tasche und dort werde ich nicht rumwühlen. Ich könnte höchstens die ganze Tasche verschwinden lassen. Da sind sowieso nur Klamotten drinnen, die braucht er eh nicht.“ Darrel grinste und wischte über den Tisch.

„Nee, lass mal, müssen wir eben besonders wachsam sein. Evren bringt es und sprüht uns beide an.“ Azhdahar grinste und schüttelte den Kopf. „Als Evren und ich uns kennen gelernt haben, hatte ich noch keine Umagal und es war nicht klar, wie ich als Drache aussehen werde. Mein Schatz hat sich dann in den Kopf gesetzt, dass er einen lila Drachen mit orangenen Punkten haben möchte. Daran arbeitet er jetzt, seit wir uns kennen. Bisher konnte ich Schlimmeres verhindern, aber ab und zu war ich froh, dass man nicht sehen konnte, was unter meiner Kleidung war.“

Darrel konnte es nicht vermeiden: Prustend brach er auf dem Tisch zusammen, entschuldigte sich immer wieder für seinen Ausbruch, doch er konnte sich kaum beruhigen. Wer hätte gedacht, dass es jemanden gab, der den Thronfolger Gidorias anmalte! „Dein Babe hat dich wirklich angemalt?“ Und wieder prustete er los, noch mehr als Azhdahar stumm ein Mäppchen auf den Tisch ausschüttete. Siebzehn orangefarbene Stifte verschiedener Fabrikate. Das war zu viel. Darrel verlor das Gleichgewicht und landete im Gras unter dem Tisch, hätte fast noch Umi erwischt, die an einer abgestürzten Traube knabberte.

Sie rettete sich in Azhdahars Haare, die von jeher ihr Lieblingsplatz waren und wurde gleich angeranzt, dass sie gefälligst die Traube woanders essen sollte. Allerdings hörte man nur ein leises Quietschen und der Prinz knurrte leise, als die ersten Tropfen Traubensaft in seinen Nacken tropften. „Von allen Seiten boykottiert“, brummte er und grinste zu Darrel rüber.

„Ja, wie ich sehe, hast du dein kleines Gefolge sehr gut im Griff, Hoheit“, konnte sich Darrel nicht verkneifen, rappelte sich aber wieder auf. Er konnte es immer noch nicht fassen. Dass Evren eine Marke für sich war, hatte er schon gemerkt, aber dass er seinen Drachen anmalen wollte … „Ich kann nur hoffen, dass Greg mit mir zufrieden ist und nicht rosa Punkte auf seinem blauen Drachen haben will“, überlegte er, als er zum Zelt ging. Er holte die große Tasche mit seiner Technik und setzte sich ebenfalls wieder an den Tisch. Giny hockte in der Nähe und wippte auf einem dünnen Ast. Dabei schien sie Spaß zu haben und Sally lag mitten auf dem Tisch in der Sonne. Den Umagals ging es sichtlich gut.

„Er ist mit Evren zusammen. Sei besser auf der Hut.“ Azhdahar lachte und sah dann neugierig zu, wie Darrel seine Tasche auspackte. „Was hast du denn da alles mit?“, fragte er neugierig und rückte näher. Seit er zeitweise auf der Erde lebte, hatte er nicht nur einen Faible für Computer, sondern für Technik allgemein entwickelt. Sie war ähnlich der von Gidoria, aber doch wieder grundverschieden. Das faszinierte ihn und Darrel erklärte, was er da mit sich herum schleppte. Als erstes baute er die Solarzelle auf und schloss die Kabel an. Als nächstes packte er zwei Laptops aus, einen großen zum arbeiten und einen kleinen, der nach seinen Vorgaben gleich die Datenbanken der Staatsbehörden abgrasen sollte. Zumindest die, auf die er Zugriff hatte. Als nächstes kamen die beiden Kameras auf den Tisch, er wollte endlich mal die ganzen Bilder sichern, die seit Wochen auf den Speicherkarten lagerten und zum Schluss packte er noch den Datenlogger aus, um die zurückgelegte Route der letzten Tage auszulesen.

Azhdahar ließ sich die Geräte erklären und zeigte auf die Solarzelle. „Das Ding ist echt praktisch, wenn man keine andere Energiequelle hat. Wenn du das nächste Mal auf Gidoria bist, lass dir von Arlan einen Adapter geben, damit du unsere Energiekristalle für die irdische Technik nutzen kannst. Er hat das mit Evren zusammen entwickelt und ein paar Lernprogramme für Gregory. Er würde bestimmt gerne die alten Schrift lesen und sprechen können.“

„Die funktionieren auch bei Menschen?“, fragte Darrel und horchte auf. Das würde Gregory bestimmt gefallen. Als er Gidoria verlassen hatte, war keiner auf die Idee gekommen, die Technik der Drachen Menschen zugänglich zu machen. Mit Evren an der Seite des Thronfolgers hatte sich wohl einiges verändert. „Dann sollte ich heute Abend wohl noch mal den Kopf ins Labor stecken. Wie viele Stunden Zeitverschiebung gibt es hinter dem Portal? Gestern war es auf Gidoria hell, als wir um Mitternacht dort aufgeschlagen waren.“ Neugierig beäugte er die Stromquelle von Azhdahars Laptop. Klein, unauffällig und leuchtete hellblau.

„Ja, das klappt wunderbar. Evren hat unsere Sprache so innerhalb von ein paar Tagen sprechen und lesen gelernt. Eigentlich kann Gregory auf diese Weise so ziemlich alles lernen. Die Geschichte der Drachen, Wissenswertes über Gidoria. Eigentlich alles, was ihn interessiert.“ Azhdahar schob seinen Laptop näher zu Darrel, damit er ihn sich genauer ansehen konnte. „Es sind ungefähr acht Stunden Unterschied. Arlan ist aber praktisch immer im Labor. Wenn du willst, kannst du gleich hin.“

„Ich glaube eher, dass Gregory gern wieder mitkommen würde. Lass uns das heute Abend machen, wenn Zeit ist. So lange mein Babe im Grabmal ist, sollte ich ein paar Dinge machen, die nicht ganz legal sind. Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß“, grinste Darrel und zog den kleinen Laptop zu sich. Er stellte eine Verbindung zum Internet her, hatte bereits Vorkehrungen getroffen, dass die Leitung nicht zurückverfolgt werden konnte und ließ ein paar seiner kleinen Lieblinge auf ein paar spezielle Seiten los. Er lud die Bilder der Verräter und ließ alle erreichbaren Datenbanken durchforsten. „Das dauert jetzt eine Weile.“ Er grinste zufrieden.

Azhdahar nickte. „Mir ist es gleich, wann wir gehen. Evren und Werner möchten bestimmt auch gerne mit.“ Er guckte neugierig auf den Bildschirm, konnte darauf aber nichts zu erkennen. „Was machst du denn illegales?“, wollte er wissen. „Hat das was mit unserer Suche zu tun?“

„Japp“ Darrel nickte. „Ich tue gerade so, als wäre ich von einer Bundesbehörde und lasse die Datenbanken mit Informationen über die Einwohner des Landes nach Übereinstimmungen mit unseren Fotos suchen. Ich habe nicht viel Hoffnung. Die Mistkerle werden sich auch einer OP unterzogen haben, damit sie nach so vielen Jahren nicht doch erkannt werden. Aber ich will nichts unversucht lassen, um die Bastarde zur Strecke zu bringen. Wenn der Bildabgleich nichts bringt, werde ich die Suchroutinen abändern.“

„Man merkt, dass du schon Erfahrung mit diesen Dingen hast. Hast du die drei auch auf diese Weise gefunden?“ Azhdahar war neugierig. „Erzähl mir von Keral. Ich kann mich gar nicht an ihn erinnern. Er ist wie alle Mischlinge von seiner Familie weggesperrt worden.“

„Auch so eine Sache, die es mir schwer macht, nach Gidoria zurück zu wollen. Hier ist auch nicht alles rosarot, hier werden Menschen auch wegen ihrer Andersartigkeit verfolgt und getötet. Dann kann ich auch hier bleiben.“ Darrel nuschelte leise in sich hinein, er wollte weder den Thronfolger noch das Regime auf seinem Planeten verurteilen. Also sagte er lauter um abzulenken. „Ja, die drei habe ich durch intensive Recherche und durch anschließendes beschatten gefunden. Leicht war es nicht. Die Kerle haben es verstanden hinter sich die Spuren zu verwischen. Doch ein paar von denen sind so egozentrisch, dass sie sich von teuren Häusern oder Schlössern nicht trennen können. Erbfolgen solcher Anwesen sind manchmal eine gute Quelle. Und was Keral betrifft, das war ein total genialer Zufall, dass ich auf ihn gestoßen bin. Es war an der Ostküste Mexikos, mitten in der Nacht am Strand. Ich war joggen und er lag wie ein toter Wal im Wasser.“ Darrel erinnerte sich an das Bild des Federdrachen, der sich vom seichten Wasser umspülen ließ.

„In seiner Drachenform?“ Azhdahar ging auf die Behandlung der Mischlinge auf seinem Planeten nicht weiter ein. Er hatte schon stundenlange Diskussionen mit seinem Vater deswegen gehabt. Aber sein Vater ließ sich nicht umstimmen. Aber der Prinz gab nicht auf. Spätestens, wenn er die Herrschaft übernahm, würde sich die Situation ändern. „Da hat er aber Glück gehabt, dass er auf dich getroffen ist.“

„Azhdahar, das war vor über dreihundert Jahren. Da war für die meisten Menschen die Erde noch das Zentrum des Universums, man glaubte an Götter und Schicksal und ein solches Wesen zu sehen, war für das Volk, dessen er sich annahm so etwas wie ein Zeichen. Er hat sich bei ihnen in einem Tempel niedergelassen, wurde von ihnen verköstigt und er hat auf sie aufgepasst. Das ging so lange gut, bis die Spanier kamen. Dann war auch er nicht mehr in der Lage, sie zu schützen. Ich habe ihn vor zwanzig Jahren noch einmal getroffen. Er ist noch immer in den Regenwäldern auf diesem Kontinent unterwegs und versucht die letzten Eingeborenen zu schützen, so gut es ihm möglich ist, ohne selbst in Gefahr zu geraten. Moderne Menschen haben schon lange keine Angst mehr. Sie haben Waffen. Und genügend Kugeln können auch einen Drachen töten.“ Darrel wusste das am besten, nur einen seiner Gegner hatte er als Drachen getötet. Die anderen beiden als Mensch und das war nicht leicht gewesen.

„Es freut mich, dass er immer noch auf sein Volk aufpasst.“ Azhdahar wollte Keral unbedingt einmal treffen. Darrel konnte ihm dabei vielleicht helfen, denn Keral war bestimmt nicht begeistert jemanden aus der Königsfamilie zu treffen.


08 

„Evren und ich arbeiten daran, diesen Teil des Urwaldes aufzukaufen, in denen die Umagals leben. Wir hoffen, sie so schützen zu können.“

„Die Umagals? Hier leben die Umagals? Sicher?“, fragte Darrel. Abgesehen von der immer noch wippenden Giny, dem sich sonnenden Sally und Frisurenterrorist Umi hatte er nämlich noch nicht eine einzige hier gesehen. Er sah sich noch einmal um, blickte genauer. „Ich bin dabei. Wenn das Land zum Verkauf steht, mach ich auch ein paar Millionen locker. Und wenn es nicht zum Verkauf steht, kann man ja dafür sorgen, dass es bald zum Verkauf steht.“ Er grinste.

„Gerne, jede Hilfe ist willkommen.“ Azhdahar war darauf zwar nicht angewiesen, aber wenn Darrel etwas dazu beisteuern wollte, dann würde er sich nicht dagegen wehren. „Wir hatten gedacht, dass es nur noch wenige Umagals gibt, weil kaum noch welche durch das Portal kamen. Als ich das erste Mal auf der Erde war, haben wir hier gezeltet und am nächsten Morgen, waren die Bäume um unser Zelt voll mit Umagals. Umi hat sich mich dann ausgesucht und als klar war, dass sie bei mir bleiben wollte, haben sich die anderen wieder verzogen. Das war unglaublich.“ Azhdahar lächelte, als er daran zurück dachte. „Sally hat sich in Evrens Rucksack geschummelt und so hatte mein Babe auch eine Umagal.“

„So einer bist du?“, fragte er Sally, der immer noch in der Sonne lag. Doch das Tier reagierte gar nicht. Darrel lachte. „Na ja, ist ja nicht das schlechteste, wenn sie sich gut verstecken. Dann passiert ihnen hoffentlich nichts.“ Er warf einen Blick auf seinen Rechner, doch der war noch lange nicht fertig. Und die Ergebnisse waren leider auch gleich Null. Das war frustrierend wie immer. Er hasste dieses Gefühl, nicht zu wissen, wo er ansetzen sollte.

„Was macht ihr eigentlich, wenn ihr nicht gerad in einem Grab herum stromert und einen kleinen Pathologen in die Wildnis lockt?“, wollte Darrel wissen. Es wunderte ihn, dass der Herrscher seinen Jungen hatte ziehen lassen.

„Evren arbeitet im Archäologischen Institut in Berlin. Da wir uns nicht auf verschiedenen Planeten aufhalten können, bin ich zwangsläufig auch dann dort. Ich kümmere mich dann meist um den Kauf des Urwaldes.“ Kleine Erfolge hatten sie schon erzielt, aber sie hatten noch lange nicht genug Urwald gekauft. „Wir haben angedacht, die Drachen, die mit ihrer Umagal dran sind, hierher zu bringen, damit eine Umagal sie aussuchen kann.“

„Coole Idee. Hat irgendwie was von einem Initiationsritus, wenn man auf einen fremden Planeten geht, um sich erwählen zu lassen.“ Darrel gefiel die Idee. „Aber stellt sicher, dass die Drachen auch wieder zurück kehren. Das hier sollte kein Abenteuerurlaubsspaßpaket für gelangweilte Drachen werden.“ Das wäre für Darrel eine furchtbare Vorstellung. Er zog seinen zweiten Laptop zu sich. Er wollte sich einmal darüber kundig machen, wem das Land hier gehörte. Also las er die GPS-Koordinaten aus, lud die Daten in eine Karte und ermittelte erst einmal ihren aktuellen Standort.

„Das wird nicht passieren. Erst hatten wir angedacht, hier ein paar Hütten zu bauen, in denen die Drachen übernachten können, aber das haben wir verworfen. Es wird wohl nur eine Hütte werden, damit man sich unterstellen kann.“ Azhdahar freute sich, dass auch Darrel es so sah, wie er selber. Wenn ihr Start auch nicht ganz optimal gewesen war, so konnten sie wohl doch ein gutes Team bilden. Sie tickten ähnlich und das sorgte dafür, dass sie einander ganz gut verstanden. „Wir sollten nicht zulassen, dass die Welten sich vermischen. Gidoria muss Gidoria bleiben, genauso wie die Erde die Erde bleiben muss.“ Hastig flogen seine Finger über die Tasten des Laptops. Er hatte Blut geleckt und nun wollte er wissen, wer der rechtmäßige Eigentümer und somit zum Verkauf des Landes, auf dem sie gerade saßen, berechtigt war.

„Da stimme ich dir voll und ganz zu. Die Drachen haben sich seit Millionen von Jahren nicht um die Erde gekümmert, dann soll es auch so bleiben. Das werde ich auch durchsetzen, wenn es sein muss gegen den Wiederstand meines Vaters. Ich weiß, dass der Rat sich darüber schon unterhalten hat.“ Azhdahar würde darum kämpfen und das wusste sein Vater auch.

„Hoffen wir, dass du dich durchsetzen kannst“, murmelte Darrel und klemmte die Zunge zwischen die Zähne. Gerade versuchte er Zugang zu den Behörden in Mexiko zu bekommen, doch das war ziemlich aussichtslos. Doch weil er sich nicht nachsagen lassen wollte, er hätte es nicht versucht, stellte er eine offizielle Anfrage per Mail an die zuständige Behörde. Wissend, dass er mit keinerlei Antwort über den Eigentümer rechnen konnte, rüstete er aber schon einmal seinen PC für eine kleine Untergrundaktion ein. Soweit kam es noch, dass man ihm den Zugang zu Informationen verweigerte.

„Kann es sein, dass du dich gerade in etwas verbeißt?“, lachte Azhdahar, als er Darrels Gesicht sah. „Du möchtest also auf der Erde bleiben, wenn ich das richtig verstanden habe?“ Er hatte eine Idee im Kopf, die aber noch nicht ganz ausgegoren war. Was er brauchte, war ein Vermittler zwischen der Erde und Gidoria.

„Ich werde nicht zurückkehren, zumindest habe ich das nicht geplant. Es sei denn, ich kann hier aus irgendwelchen Gründen nicht bleiben. Aber so lange es Greg geben wird, so lange werde ich diesen Planeten auf gar keinen Fall verlassen“, sagte Darrel und meinte das wie er es sagte. Im Augenblick konnte er sich ein Leben ohne den jungen Pathologen nicht vorstellen und er wollte das auch nicht. Kurz blickte er auf und sah den Thronfolger an, dann grinste er. „Ich verbeiße mich immer, das ist mein Job. Ich bin Journalist.“

„Dann mach mal. Vielleicht hast du mehr Glück als ich bei der Suche nach den Landbesitzern. Es ist wirklich schwierig da etwas rauszufinden. Alle halten sich ziemlich bedeckt.“ Azhdahar merkte das immer wieder, dass er abgeblockt wurde. Keiner wollte so richtig preisgeben, wie viel Land ihm gehörte.

„Na, das werden wir schon sehen. Wenn wir niemanden zum Sprechen bringen, dann gucken wir eben mal ein bisschen in den Datenbeständen der Behörden. Es wird ja wohl hier auch ähnliches wie Kataster und Grundbücher geben.“ Darrel streckte sich, ließ die Fingerknöchel knacken und begann, sich erst einmal durch die offiziellen Seiten zu suchen. Er versprach sich nicht sehr viel davon, doch er lernte etwas mehr über die Art und Weise der Landverwaltung und allmählich wurde ihm klar, wo er suchen musste.

So hörte man für die nächsten zwei Stunden nur das leise Klappern von Tasten, bis Azhdahar seinen Laptop zuklappte. „Ich mach was zu essen.“ Immer wenn er frustriert war, hatte er Lust zu grillen. Darum feuerte er das Lagerfeuer wieder an und legte das Grillrost darüber. Arlan hatte ihnen gestern viel Fleisch mitgegeben, so dass sie aus dem Vollen schöpfen konnten. Und er genoss es am liebsten ohne Reue, wenn Evren nicht in der Nähe war.

„Guter Plan.“ Darrel hatte sich bereits an seinen Nuss-Vorrat gemacht, während er sich durch Hintertürchen auf den Datenservern von Behörden herum drückte. Er hätte nicht gedacht, dass auch in Mexiko bereits so viel digital abgewickelt und gespeichert wurde. Doch plötzlich wurde er hektisch. „Fahr deinen PC hoch, Azhdahar, und ruf Arlans Datei auf. Ich muss die Bilder noch mal sehen und meine PCs sind gerade beschäftigt.“ Hektisch rieben die Finger seiner linken Hand gegeneinander.

Sofort lief Azhdahar zu seinem Laptop und fuhr ihn hoch. „Hast du was gefunden?“, fragte er und schaute Darrel über die Schulter. Er drehte seinen PC so, dass Darrel sehen konnte, was Arlan ihnen geschickt hatte. „Soll ich sie langsam durchlaufen lassen?“

„Ja, mach mal. Ein Bild nach dem anderen.“ Darrel betrachtete die Bilder eindringlich und stoppte seinen Rechner, der sich durch die Behördenunterlagen über Landbesitzer gesucht hatte. Er hatte den Landbesitzer gefunden und irgendwie kam ihm die Hackfresse extrem bekannt vor. Er wollte wissen, ob es einer der Flüchtigen war oder ob er aus einem anderen Grund schon einmal mit dem Kerl zu tun gehabt hatte. Seine Augen waren schmal als er rief: „Stopp!“

Dann öffnete er auf seinem Bildschirm den Stammdatensatz des Besitzers des Landes, auf dem sie sich gerade bewegten. „Zufall?“

„Heilige Scheiße! Das kann kein Zufall sein.“ Azhdahar sah von einem PC zum anderen und war sich sicher, einen der flüchtigen Drachen vor sich zu haben. „Den Namen kenn ich, der ist mir hier schon oft begegnet, auch wenn ihn keiner laut ausspricht. Er ist ein mächtiger Drogenbaron und darum wird er sterben.“

„Der kleine Schatz hat auch eine ordentliche Polizeiakte, offiziell war niemals etwas zu beweisen. Sieben Verhaftungen in den letzten zehn Jahren, nie ein Beweis gegen ihn. Die Zeugen verschwanden, die Beweismittel verschwanden. Die USA haben ein Kopfgeld auf das Schnuckelchen ausgesetzt“, knurrte Darrel und blickte das Gesicht des Mannes im Stammsatz der Behörden finster an. Er hatte sich über all die Jahre kaum verändert.

„Lust auf eine kleine Jagd? Unsere Babes sind beschäftigt, da haben wir doch Zeit für eine eigene Freizeitgestaltung.“ Azhdahars Augen glühten und sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes, denn darin war pure Wut zu sehen. „Er wird nie wieder Menschen quälen, töten und abhängig machen.“

„Bei letzterem schwimme ich mit dir auf einer Wellenlänge. Aber wir sollten das besser planen. Als erstes will ich, dass Evren, Greg und Werner den Planeten durch das Tor verlassen. Sie kommen zurück, wenn wir fertig sind und sie holen. Sie hier allein zu wissen, während wir einen Drogenbaron ausräuchern, würde mich nur unvorsichtig machen.“ Das war Darrels größte Sorge. Den Kerl aufzuspüren und nach und nach von außen nach innen die Verteidigungsringe zu sprengen, darin sah er kein Problem – sie waren mitten im Dschungel, wenn sie das richtig anstellten, würde das Gerücht von rächenden Drachengöttern die Runde machen. Doch das sollten sie bei Nacht machen. Menschen waren schwach bei Nacht. Die waren dann kein Problem.

„Nichts lieber als das, Darrel, aber Evren wird hier bleiben müssen. Wir können uns nicht auf verschiedenen Planeten aufhalten. Durch die Vermischung unserer DNA gibt es für uns leider einige Einschränkungen. Wir können uns nicht weit voneinander entfernen und alle Wunden, die einer von uns hat, hat der andere automatisch auch.“ Azhdahar wäre das im Moment auch lieber, aber nicht zu ändern.

„Gut. Dann wirst du sie begleiten. Ich bin schon mit drei Drachen fertig geworden, auch der vierte wird für mich kein Problem sein“, sagte Darrel ohne aufzusehen. Er war gerade dabei in Erfahrung zu bringen, wo genau der Kerl eigentlich wohnte. „Und pass auf dein Fleisch auf, es riecht angebrannt.“

Azhdahar hetzte zum Lagerfeuer und wendete das Fleisch. Es war noch nicht angebrannt, aber doch schon ziemlich dunkel. „Ich werde ganz bestimmt nicht nach Gidoria gehen und dich das alleine machen lassen.“ Er nahm das fertige Fleisch vom Feuer und brachte es zum Tisch. „Evren kennt die Risiken und er wird fuchsteufelswild, wenn wir ihm den Vorschlag machen würden.“

„Soll er“, sagte Darrel. Er war es gewohnt allein zu arbeiten und das hatte sich immer gut bewährt. „Aber ICH werde fuchsteufelswütend, wenn ich weiß, dass da irgendwo drei Menschen hocken, schutzlos und zerbrechlich – während in der Nähe ein Inferno tobt. So kann ich nicht konzentriert meinen Job machen, Prinz.“ Endlich sah Darrel auf und blickte zu Azhdahar hinüber.

„Werner und Gregory werden gehen, aber Evren wird das nicht mitmachen und du wirst definitiv nicht alleine gehen.“ Azhdahar ließ da nicht mit sich verhandeln. „Mag sein, dass du alleine durchaus klar kommen würdest, aber waren die anderen drei Drogenbarone mit einem Haus, das einer Festung gleicht und mit hunderten von Söldnern?“

„So ticken sie nicht“, sagte Darrel offen. „Er wird sein Haus sichern. Meistens in drei Verteidigungsringen. Aber es werden weit unter hundert Leute sein. Denn diese Leute muss man versorgen und bei Laune halten. Das gestaltet sich hier im Dschungel schwierig. Er wird die Zahl seiner Wachen auf ein notwendiges Minimum beschränken und sich selbst auf seine eigene Kraft und Unverwundbarkeit verlassen.“ Darrel schnupperte, das roch verlockend gut. So erhob er sich und holte ein paar Brötchen, die noch vom Frühstück übrigen waren. Aufgeschnitten und mit Butter bestrichen landeten sie auch auf dem Grill.

„Wir machen das zusammen. Für Evren und die anderen finden wir eine Lösung, damit wir uns keine Sorgen machen müssen.“ Azhdahar holte noch Ketchup und andere Soßen und dann konnte es auch schon losgehen. „Sind noch welche von diesen Käsedingern da? Die waren lecker“, fragte Darrel und Azhdahar verzog das Gesicht. „Wir haben welche, aber wenn du die isst, häutet dich Evren. Er liebt die Dinger und merkt sogar wenn nur einer fehlt. Habe ich schon durch.“

Darrel hob eine Braue und grinste. Er war versucht es darauf ankommen zu lassen und es dann auf Azhdahar zu schieben. Doch er sah davon ab, lachte aber vor sich hin. „Der hat dich echt bei den Eiern, würde ich sagen.“ Doch es war weder Spott noch Schadenfreude in der Stimme, es war eine überraschte Feststellung. „Aber es schmeckt mir nicht, die Menschen in der Nähe zu wissen. Wie weit könnt ihr euch voneinander entfernen, ohne dass du Einschränkungen hast?“ Vielleicht ließ sich dann eine Lösung finden, mit der alle leben konnten. Doch Greg oder die anderen in Gefahr zu bringen, kam nicht in Frage.

„Von Anfang an. Er hat sich von mir nicht einschüchtern lassen. Er hat mir klar gemacht, dass wir Drachen nicht besser oder schlechter sind als die Menschen.“ Azhdahar musste grinsen, als er sich an einen bestimmten Tag erinnerte. „Er nannte mich einmal elendes, scheinheiliges Kriechtier, weil ich glaubte ihm Befehle geben zu können.“

„Dass er noch seinen Kopf auf den Schultern trägt und nicht unter dem Arm wundert mich“, gab Darrel zu, konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen. Dieser Evren war wohl ein ganz besonderer Mann, wenn es ihm gelang, dem Prinzen auf der Nase herum zu tanzen, ohne dafür in die Zehen gebissen zu werden. „Aber Kriechtier finde ich gut.“ Darrel zog die gerösteten Brötchen zu sich ran, ertränkte eines davon in Ketchup und ließ ein Stück Fleisch darauf fallen, ehe er herzhaft und mit Hunger zubiss. „Essen die Wissenschaftler auch oder leben die hier auch so ungesund wie Gregory in seinem Pathologiesaal?“

„Ich weiß ja nicht, wie Gregory sich in seinem Pathologiesaal ernährt, aber Evren und Werner kommen nicht ohne Erinnerung. Sie sind immer so vertieft, dass sie gar nicht merken, dass ihnen der Magen knurrt. Meistens kneife ich mich, dann weiß Evren, dass Essen fertig ist.“ Der Prinz grinste und setzte seine Worte auch gleich in die Tat um. Er kniff sich fest in den Arm, so dass ein roter Fleck zu sehen war. Darrel blinzelte.

„Diese Verbindung hat wirklich ihre Vorteile, muss ich gestehen“, lachte er leise und blickte in Richtung des Grabmales. Es dauerte wirklich keine drei Minuten, da steckte der erste den Kopf aus der kleinen Öffnung.

„Essen“, erklärte Darrel überflüssigerweise und wartete, bis nach den beiden deutschen auch Gregory aus dem Grab kam. Wie die Lemminge kamen sie hintereinander den schmalen Pfad herunter.

„Ja, in manchen Dingen ist sie vorteilhaft, aber bei dem, was wir vorhaben, eher nicht.“ Azhdahar lächelte Evren entgegen. „Am Anfang konnten wir uns kaum fünf Kilometer voneinander entfernen, bevor Evren in Ohnmacht gefallen ist. Mittlerweile hat sich das gebessert und es sind an die hundert Kilometer.“

„Hundert Kilometer sind besser als nichts“, murmelte Darrel, lächelte seinem Schatz aber entgegen, der mit leuchtenden Augen auf ihn zu gelaufen kam. „Na? Schön geforscht?“, wollte der Drachen wissen und umarmte Gregory, auch wenn der ganz staubig war. „Ausreichend getrunken?“, wollte er streng wissen, kam aber nicht weiter, weil hungrige Lippen seine verschlossen. Dagegen würde sich Darrel niemals wehren.

„Evren, du willst doch jetzt nicht wirklich, dass ich dich auch jedes Mal frage, ob du genug getrunken und schön geforscht hast“, brummte Azhdahar, weil Evren ihn so komisch ansah. So als wenn sein Drache gerade eine lustvolle Nacht verspielt hätte. „Für alles andere, was die beiden gerade tun, bin ich natürlich jederzeit zu haben“, grinste er und zog seinen Schatz zu sich, damit er ihn auch küssen konnte. „Was habe ich auch von dir erwartet“, knurrte Evren, grinste aber. Sein Körper war schon lange nicht mehr so anfällig wie der eines normalen Menschen. Sollte er einmal das trinken vergessen, bekam er nicht gleich Probleme mit dem Kreislauf oder seinem Salzhaushalt. Das hieß aber nicht, dass er seinen Prinzen nicht ab und an etwas triezen konnte, ehe er ihn küsste.

„Ich bediene mich mal selber“, knurrte Werner, der sich in einem Eimer Wasser die Hände und das Gesicht wusch, ehe er sich am Grill bediente und sich setzte.

„Mach das. Leg gleich noch was drauf, wenn du schon mal da bist.“ Azhdahar hatte sich kurz aus dem Kuss gelöst, widmete sich jetzt aber wieder ganz Evren, der es gar nicht schätze, unterbrochen worden zu sein. Fest konnte er ihre Verbindung fühlen und der Prinz konnte sich überhaupt nicht mehr vorstellen, alleine zu sein. „Liebe dich“, murmelte er leise und zog Evren auf seinen Schoß.

„Wenn wir allein wären würde ich dich auffordern mir das zu beweisen, aber wir haben Gäste“, lachte Evren und ließ den Kuss langsam ausklingen. Er hatte sich so an die Präsenz seines Drachen gewöhnt, dass er sich kaum noch erinnern konnte wie das war, als er noch allein gewesen war. Es war nicht nur die Intensität, die sie beide verband, das Band zwischen ihnen ging tiefer. Sie waren beide nicht die großen Romantiker, die sich mit Blumen und Pralinen überschütten, doch sowohl mental als auch körperlich schenkten sie sich alles, was sie hatten.

Außerdem war es unhöflich Werner ständig nur knutschende Pärchen zu präsentieren. „Hunger“, sagte er darum und sah sich auf dem Tisch um. „Ich hole dir dein Essen und dann reden wir über das, was Darrel und ich herausgefunden haben“, bot Azhdahar an, denn das war noch im Zelt in der Kühlbox. Mit einem Blechteller auf den Grill platziert, wurde auch Evrens Gemüse ein wenig erwärmt. Er war oft auf Ausgrabungen gewesen, weswegen er damit leben konnte, wenn Essen lediglich Schlingtemperatur hatte. Er brauchte kein heißes Essen. Und seine geliebten Käsebällchen waren sowieso perfekt, genauso wie sie waren. Er hatte sich schon mehrfach das Rezept geholt, alle Zutaten mitgenommen, doch er bekam sie nie so hin.

Er zuckte, als neben ihm plötzlich Gregory stand, einen leeren Teller vor sich.

„Kann ich auch etwas haben?“, fragte er vorsichtig. „Ich habe noch etwas von unseren Vorräten geholt. Geht ja nicht, das wir euch alles wegessen.“ Auch wenn das Fleisch von Gidoria stammte und Evren es nicht bezahlt hatte, so fühlte sich Gregory doch etwas unbehaglich es ohne Gegenleistung zu nehmen.

„Ist das deine erste Ausgrabung?“, fragte Evren etwas verwirrt und beobachtete Gregory, wie er Würstchen und Brotscheiben auf dem Grill verteilte. Der sah ihn fragend an, nickte dann aber. Bisher hatte er nur in Städten gearbeitet, an Austauschprogrammen teilgenommen und sich in Instituten weitergebildet. „Die Grabungsleitung kommt für alle Kosten auf, auch für eure Flüge. Da musst du dich nur mit Werner kurzschließen. Wir haben dich schließlich angefordert.“ Doch er ließ Gregory seinen Willen, und räumte den Grill. „Bedien dich, an dem was fertig ist. Es ist genug für alle da … ja, auch Käsebällchen“, ätzte Evren, als Azhdahar ihn und die Schüssel so wissend anguckte.

 

09 

„Erzähl lieber, was du und Darrel herausgefunden habt“, lenkte er von sich und den Käsebällchen ab. Er setzte sich an den Tisch und Azhdahar wartete, bis auch Gregory saß. „Wir haben einen der Drachen gefunden, die mit Darrel auf die Erde gekommen sind. Er lebt hier in Mexiko und ist ein ziemlich großer Drogenbaron.“

„Oh“, machte Evren. Er war überrascht darüber, dass die beiden so schnell Erfolg gehabt haben. „Das ging ja fix“, brachte er also seine Gedanken zur Sprache und Darrel nickte. „Ich gebe zu, das war jetzt ein Zufall. Ich wollte eigentlich nur herausfinden, wem das Land hier gehört. Die Behörden waren wenig kooperativ. Ich haben also ihre Server ganz lieb gebeten, mir Auskünfte zu erteilen und siehe da – der Typ, dem das Land gehört, auf dem die Umagals leben, ist nicht nur einer von uns, er ist ein…“ Darrel wedelte mit der Hand und ließ den Satz offen. Jeder wusste, was er sagen wollte.

„Er wird es nicht mehr lange besitzen, so oder so“, knurrte Azhdahar. Wahrscheinlich wusste der Typ noch nicht einmal, dass die Umagals dort lebten. Es war für Azhdahar nicht akzeptabel, dass einer der Verräter über das Schicksal seines Volkes entscheiden konnte. Noch waren die kleinen Echsen nicht in Gefahr, aber das konnte sich jederzeit ändern.

„Was heißt das?“, wollte Gregory wissen, der das wütende Gesicht des Prinzen mit den Worten zwar überein bringen konnte, das aber eigentlich nicht gut hieß. Gewalt war nie eine Lösung.

„Der Kerl hat Verrat an zwei Welten begangen, Greg. Ich glaube er hat sein Recht auf dein Mitleid bereits verwirkt.“ Darrel strich seinem Schatz über den Kopf und die Wange, lächelte ihn an. „Ich weiß, dass gerade dein Job dir gezeigt hat, wie wertvoll Leben ist. Aber es gibt Leben, das zu viel kostet. Und seines kostet jeden Tag Menschenleben.“

„Aber müsst ihr ihn töten?“, fragte Gregory. Es behagte ihm gar nicht, dass hier gerade wohl der Tod eines Drachen beschlossen wurde. Auch wenn er wusste, dass er einer derjenigen war, der Darrel einfach dem Tod überlassen hatte.

„Gregory, der Kerl ist ein Risiko und eine Gefahr, für die Menschen und für uns“, versuchte es nun Azhdahar. „Wir können ihn nicht leben lassen. Er würde versuchen uns zu töten. Darrel und ich können uns wehren, aber ihr nicht.“

Darrel zog seinen Schatz dichter zu sich und legte seine Lippen auf dessen braunen Scheitel. „Denk an all die Drogenopfer, mein Herz, all die die nicht stark genug waren, seinen Verlockungen zu wiederstehen. Sein Reichtum fußt auf ihren Leichen. Glaubst du wirklich, er hätte das Leben verdient?“ Das war keine Floskel, er wollte wirklich Gregorys Meinung wissen. Er wollte, dass der Mann verstand, was sie taten und vor allen Dingen warum sie es taten.

„Ich weiß, Schatz, und allein, dass er dich einfach sterben lassen wollte, macht mich so wütend, dass ich ihn am liebsten selbst umbringen würde.“ Er lehnte sich an Darrel und küsste ihn sanft auf den Hals. „Ich werde nichts dagegen sagen, wenn ihr meint, dass es sein muss. Ihr wisst besser, was in solchen Situationen zu tun ist. Ich habe nur durch meine Arbeit schon zu viel gesehen, was passieren kann, wenn jemand loszieht und ein Verbrechen auf eigene Faust sühnen will.“

„Mach dir um uns keine Sorgen, Schatz. Bleib einfach bei Evren und Werner. Wir kommen wieder, wenn alles erledigt ist“, sagte Darrel leise und legte einen Arm um seinen Schatz, während er mit der anderen weiter aß, ehe noch alles kalt wurde. Er konnte Evrens Begeisterung für kaltes Essen beileibe nicht teilen. „Und ich verspreche, dass wir in einem Stück zurück kommen werden.“ Da war sich Darrel ziemlich sicher. Sie hatten ihre Mittel und Weg. Er selbst hatte in den früheren Jahren auf dieser Welt viel bei den alten kriegführenden Völkern gelernt und mit dem Thronfolger an seiner Seite, der in Kriegsführung und Nahkampf ausgebildet war, machte er sich noch weniger Sorgen.

„Das hoffe ich, Darrel. Ich will dich ganz bestimmt nicht gleich wieder verlieren.“ Gregory versteckte sein Gesicht an Darrels Hals. Allein die Vorstellung, dass Darrel etwas passieren konnte, schnürte ihm die Kehle zu. „Versprecht mir, dass ihr vorsichtig seid.“

„Natürlich werden wir vorsichtig sein. Wir werden morgen losziehen. Wir wissen in etwa wo wir nach ihm suchen müssen und werden die dunklen Nachtstunden nutzen, um seine Wachen auszuschalten und ihn handlungsunfähig zumachen.“ Darrel wusste selbst, dass das ziemlich geschönt klang, doch es war auch nicht gelogen, denn so lautete ihr Plan. „Evren wird durch seine Verbindung mit Azhdahar immer wissen, wie es um ihn und somit auch um mich steht.“ Er versuchte Gregory die Sorge zu nehmen, wissend dass ihm das nicht vollends gelingen würde.

„Morgen schon?“ Gregory zuckte hoch und sah Darrel aus angstvollen Augen an. „Aber müsst ihr denn nichts planen oder vorbereiten?“ Er hatte gehofft, dass es noch ein paar Tage dauern würde und er Zeit hatte sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sein Freund sich in Gefahr begeben wollte.

„Wir müssen nichts vorbereiten, Schatz. Wir wissen, wo wir suchen müssen. Mehr müssen wir nicht wissen. Er wird seiner gerechten Strafe zugeführt. Entweder lässt er sich verhaften und nach Gidoria bringen. Was wir nicht glauben, oder er wird von dieser Erde verschwinden. Je schneller, desto besser. Dann haben wir es hinter uns und klare Verhältnisse über das Land.“ Darrel würde schon Vorbereitungen treffen um sicherzustellen, dass sie das Land erwarben und niemand anderes.

„Okay, Liebling.“ Gregory nickte und gab so sein Einverständnis. „Tut, was ihr tun müsst und kommt unverletzt wieder.“ Gregory atmete tief durch und lächelte zaghaft. „Wann wollt ihr morgen los?“

„Wir werden gehen, wenn ihr in die Grabung geht. Der Weg ist weit und wir sind zwar ausdauernde, schnelle Läufer aber auch wir werden für die Distanz ein paar Stunden benötigen. Die letzten Sonnenstrahlen wollen wir dann nutzen, um das Terrain zu sondieren, um in der Dunkelheit gezielter zuschlagen zu können“, umriss Darrel kurz, wie sie sich das gedacht hatten und so lange Azhdahar nicht widersprach, so lange ging Darrel schweigend von dessen Zustimmung aus.

Der Prinz hielt sich absichtlich zurück, weil er wissen wollte, wie Darrel mit der Situation und mit Gregorys Einwänden umging. Er würde nur eingreifen, wenn etwas aus dem Ruder lief. Er wollte den anderen Drachen kennen lernen und sehen, ob er für die Aufgabe, die Azhdahar an ihn übertragen wollte, geeignet war.

Nachdenklich aß Gregory weiter, auch Darrel war dankbar dafür, dass Werner ihm noch einmal den leeren Teller füllte. So musste er seinen Schatz nicht loslassen, der ohne Worte klar machte, dass er jetzt nicht allein sein konnte. Er brauchte die Nähe und die Zuversicht von Darrel, dass alles gut ausgehen würde.

Eine Stunde war vergangen, als Evren sich erhob. „Ich geh zurück ins Grab.“

„Ich komm mit“, sagte Werner und sah Gregory an. Der schüttelte den Kopf. „Geht schon mal vor, ich komm nach“, sagte er schnell und wurde rot. Es war ziemlich offensichtlich, dass er mit Darrel allein sein wollte, darum verzog sich auch Azhdahar. Gregory schlang die Arme um Darrel und vergrub sein Gesicht in dessen Halsbeuge. Er hatte furchtbare Angst, auch wenn er versuchte es nicht zu zeigen.

So schwieg Darrel eine Weile und schloss ebenfalls die Augen, als er seine Arme fest um Gregory schlang. „Schatz, es ist vielleicht das Beste, wenn du dich ablenken kannst. Du bist her gekommen um zu forschen, lass dir das bitte nicht verderben. Es wird alles gut gehen, das verspreche ich, also vertrau mir.“ Dabei strichen seine Lippen über Gregorys braunen Schopf und er sog dessen Duft in sich auf.

„Woher weißt du das?“, fragte Gregory leise und drängte sich näher an Darrel heran. Er wusste, dass er es seinem Freund nicht gerade leicht machte, darum stemmte er sich etwas weg, damit er ihn ansehen konnte. „Darrel, ich weiß, dass du das tun musst, aber ich habe Angst.“ Seine Finger zitterten leicht, als er mit ihnen über Darrels Wange strich. „Ich weiß, warum ich hierher gekommen bin, aber das ist jetzt irgendwie in weite Ferne gerückt. Nicht dass ich mich nicht darauf freuen würde, hier zu forschen, aber es ist nicht mehr das, was ich vordringlich will. Das bist du und darum habe ich eine Scheißangst.“

Darrel lächelte sanft und schloss Gregorys Hand in seine. „Schatz, ich bin fast neuntausend Jahre alt. Das wäre ich nicht geworden, wenn ich keinen Selbsterhaltungstrieb hätte. Heute habe ich noch mehr als das, ich habe dich und ich werde für dich leben“, versprach er mit leiser Stimme. „Er ist nicht der erste und nicht der letzte Drache, den ich beseitige. Du hast mal gefragt, was du alles nicht über mich weißt, und ich habe dir gesagt, dass ich ein sexbesessener Drache bin, der Mafiabosse jagt, Abtrünnige ihrer gerechten Strafe zuführt und lautlos tötet, und alles, was du hinterfragen wolltest, war der Sex.“ Er grinste und strich seinem Freund über den Kopf.

Gregory riss die Augen auf. „Stimmt, das hast du gesagt.“ Er boxte Darrel in die Seite und knurrte. „Das war fies, denn du wusstest genau, dass ich denken würde, dass du mich veralbern willst.“ Aber er lächelte und gab seinem Schatz einen sanften Kuss. „Tritt ihm kräftig in den Arsch und dann komm zurück, damit ich nachsehen kann, dass dir nichts passiert ist.“

„Ich bestehe darauf, dass du nachsiehst. Auf meinem Rücken sehe ich ja gar nicht, wenn da noch eine Axt steckt“, lachte er leise und griff sich eines der scharfen Messer vom Tisch. „Außerdem“, sagte er und wartete bis Gregory ihn neugierig ansah, „guck mal!“ dann schnitt er sich über den Arm. Das Blut hatte noch nicht einmal Zeit zu fließen, da war die Wunde schon wieder zu. „Auch so ein Drachending.“

Gregory hatte unwillkürlich den Atem angehalten und sein Arm war vorgezuckt um Darrel aufzuhalten. Nun strich er ungläubig über die Stelle auf dem Arm seines Freundes, wo er gerade den Schnitt gesehen hatte. „Wow“, murmelte er leise. „Das ist krass.“

„Na ja, wenn du es so nennen willst“, lachte Darrel. „Du siehst also, so schnell kann ein Mensch mir nichts anhaben. Auch Patronenkugeln nicht.“ Er hoffte, dass er Gregory so einen Teil seiner Sorgen nehmen konnte, damit er die kurze Zeit, die er hier war, nicht damit verbrachte Nägel kauend Angst um seinen Drachen zu haben, sondern seinem Hobby nachzugehen und Evren und Werner zu unterstützen. „Also werden wir zurückkommen, auf jeden Fall.“

Gregory holte tief Luft und stieß sie seufzend aus. „Wenn nicht, werde ich dich heimsuchen und quälen, weil du mich allein gelassen hast.“ Er sah zu Darrel hoch und legte ihm eine Hand in den Nacken. „Wag das bloß nicht.“ Und schon senkten sich seine Lippen auf die seines Freundes und er verschlang ihn förmlich in dem folgenden Kuss. Darrel erwiderte ihn mit gleicher Intensität, bis er spürte, dass Gregory sich wieder beruhigte. „Schon deswegen werde ich überleben – von dir heimgesucht zu werden, stelle ich mir grausam vor“, grinste er und legte seine Stirn gegen die seines Freunds. Er lächelte. „Und nun geh dich ablenken, Schatz. Arbeit ist immer das Beste, um dich abzulenken – ich weiß, wovon ich rede.“

Gregory musste gegen seinen Willen grinsen. Darrel kannte ihn einfach schon zu gut. „Ich werde versuchen mich abzulenken und leider stehen die Chancen dafür ziemlich gut, denn Evren hat viele interessante Dinge gefunden, die ich untersuchen möchte.“ Darrel wollte los, darum beugte er sich noch einmal vor und erhob sich dann. „Pass auf dich auf, Schatz. Ich werde hier sein, wenn du wiederkommst.“

„Schatz“, sagte Darrel etwas verwirrt, „wir verschwinden erst morgen früh. Ich werde also hier sein, wenn du heute Abend fertig bist mit forschen und ein bisschen kuscheln willst.“ Er grinste dreckig und griff sich seine Kaffeetasse, mit dem süßen, kalten Milchkaffee. Er versteckte sich lieber dahinter, ehe man ihm zu deutlich ansah, was er eigentlich hatte sagen wollen. Doch Azhdahar saß wieder am anderen Ende des Tischs. Er wollte das Terrain noch etwas erforschen und hatte sich ein paar hochauflösende Satellitenkarten geladen.

Er steckte ohne zu zucken weg, dass Gregory ihm gegen die Schulter boxte und dabei herrlich rot gefärbte Wangen präsentierte. „Dann geh ich jetzt forschen, damit wir nachher kuscheln können“, murmelte Gregory und machte sich daran Evren und Werner zu folgen.

Darrel sah ihm nach und leerte seine Tasse. „Was grinst du denn so hinter deinem Monitor?“, wollte er vom Prinzen wissen, der sich verdächtig klein machte hinter dem Laptop. Doch Darrel musste auch grinsen. Er konnte sich gut vorstellen wie das auf Außenstehende gewirkt haben musste. Aber ihm war es egal. Er fühlte sich wohl hier und das geschah eher selten. Es war, als würden sie sich schon lange kennen, nicht nur der Prinz, auch dessen Gefährte und Werner. Hier ließ es sich aushalten und hier wusste er auch, wofür er kämpfte.

„Nichts, nichts“, sagte Azhdahar unschuldig und grinste breit. „Evren und ich werden wohl besser wieder bei ihm Zuhause schlafen, wenn ihr später kuscheln wollt.“ Er klappte den Laptop zu und nahm sich etwas zu trinken. „Er hat es besser aufgenommen, als ich befürchtet habe.“

„Ja, ich gebe zu, dass ich auch mit mehr Widerstand gerechnet habe. Aber ich bin froh, dass es gelaufen ist, wie es gelaufen ist.“ Darrel wirkte nachdenklich, doch dann schlug er leicht auf den Tisch und wechselte das Thema. „Wie vertreiben wir zwei Hübschen uns noch die Zeit? Zeig mir doch die Umagals, ich würde gern sehen, wie sie leben, wenn sie keinem Drachen gehören, sondern wild und frei sind.“ Dabei fiel sein Blick auf Giny, die zwar nicht mehr wippte, aber nun seine leere Tasse untersuchte.

„Ja, sicher.“ Azhdahar pfiff nach Umi und stand auf. Mit seiner Echse kam auch Sally an und beide verschwanden in seinen Haaren. „Du kannst dir nicht vorstellen, was das für ein Anblick war. Die Bäume um uns waren voll mit hunderten von Echsen. Das war ein Schock, denn wir dachten, dass es nur noch wenige geben müsste, weil kaum noch welche durch das Tor gekommen sind.“

„Habt ihr schon heraus gefunden, warum sie nicht mehr durch das Portal kamen, obwohl es noch so viele gibt?“, fragte Darrel und sah neugierig, wie der Prinz noch einmal den Laptop startete. Er klickte etwas hin und her, dann spielte er das Video ab, dass Evren damals für Arlan gemacht hatte, um den Laborleiter ebenfalls daran teilhaben zu lassen. Darrel sah neugierig zu, wie die Kamera langsam über die Unmengen kleiner Echsen schwenkte. „Erstaunlich“, sagte er und kicherte, als Giny wieder aus seinem Halsausschnitt guckte. Ihre suchende Zunge kitzelte auf der Haut. Daran würde er sich wohl nie gewöhnen.

„Nein, bisher noch nicht, aber es ist uns aufgefallen, dass sie den Bereich um das Portal zu meiden scheinen.“ Azhdahar klappte den Laptop wieder zu, als das Video zu Ende war und lief los. „Sie sind am häufigsten dort drüben zu finden.“ Azhdahar deutete nach Norden. „Allerdings zeigen sie sich nur, wenn sie Lust haben.“

„Kenn ich doch irgendwoher“, lachte er und sah auf Giny, die wieder auf seiner Schulter saß. Da bekam sie immer noch das meiste zu sehen. Ihre kleinen Krallen hatten sich in seiner Haut verhakt. „Mach dich mal nützlich und lock deine Artgenossen an, Süße“, schlug er vor und folgte dem Prinzen weg vom Lager. Neugierig sah er sich um. Er war lange nicht mehr in dieser Gegend gewesen. Doch selbst als er damals auf Keral gestoßen war, hatte er keine Umagals gesehen – oder er hatte sie einfach nicht bemerkt, doch das konnte er sich nicht vorstellen.

„Vielleicht riecht am Portal was komisch oder da lebt ein Feind?“, überlegte er zeitverzögert.

„Kann alles sein, aber wir werden das rausfinden. Wenn Evren sich in was verbeißt, dann hört er erst auf, wenn er weiß, was er wissen will.“ Der Prinz lachte und kraulte Umi, die zwischen seinen Haaren hervorlugte. „Los lauft und such sie“, lachte er und schon zischten die zwei Echsen los.

„Willst du ihnen nicht folgen?“, fragte Darrel Giny, die immer noch auf seiner Schulter hockte. „Oder ist es schon zu lange her, dass du hier gewohnt hast, hm?“ Er strich ihr über den Rücken und guckte weiter um sich herum. Vielleicht sah er ja doch etwas. Er sah einiges, Insekten und Vögel. Doch keine Umagals.

„Wir sind sehr oft hier und die beiden tollen gerne durch die Bäume. Sie dürfen es allerdings nur, wenn einer von uns in der Nähe ist. Es gibt hier viele Raubtiere, die ihnen gefährlich werden könnten.“ Azhdahar sah sich um und dann grinste er. „Da sind sie.“

Darrel wandte sich in die Richtung, in die Azhdahar deutete und tatsächlich. Kopfüber liefen ein paar der Echsen den Stamm eines dicken Baums hinunter. Der Drache blieb stehen, um sie nicht zu erschrecken und beobachtete sie. Neugierig beschnüffelten sie Umi und Sally. Es schien, als würden sie sich schon kennen, denn die beiden wurden aufgenommen und flitzten mit dem Rest der Gruppe weiter den Baum hinunter. „Na, willst du nicht auch?“, fragte er Giny, die ebenfalls interessiert wirkte.

Sie schien aber noch unentschlossen, die sichere Schulter zu verlassen. Sie trippelte von einer Seite zur anderen und behielt die anderen Echsen immer im Blick. „Du kannst ruhig gehen, es passiert dir nichts“, sagte Azhdahar und lachte, als sie aufgeregt zischte.

„Misch dich jetzt bloß nicht in ihren Entscheidungsfindungsprozess“, lachte Darrel erklärend, „das habe ich schon mehrfach bereut.“ Er sah also dabei zu, wie die wilden Umagals auf dem Stamm turnten, während Giny immer noch auf ihm herum wuselte, trippelte, zischelte. Bis es Darrel zu bunt wurde, er sie vorsichtig nahm, ignorierte, dass er angezischt wurde und er sie mitten in das Gewühl setzte, gleich neben Umi.

Ihre neue Freundin kam auch gleich zu ihr und stupste sie an. Dann ging es auch schon los. Die Echsen flitzten los und eine wilde Jagd begann. Azhdahar setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm. Das konnte jetzt länger dauern. Wenn die Umagals erst einmal spielten, vergaßen sie alles um sich herum.

„Ich weiß nicht, wie ich mir den Ort vorgestellt habe, an dem die heiligen Umagals leben, aber so bestimmt nicht“, musste er zugeben. Er sah zurück. Das Lager konnten sie gerade nicht mehr sehen – aber es waren keine dreihundert Meter. „Ihr solltet wirklich erkunden, warum die Umagals das Portal nicht mehr durchschreiten wollen. Ist seit Umi wieder eine Umagal durch das Portal oder warten die Drachen seit drei Jahren auf die nächste?“

„Es sind noch welche durchgegangen, aber jetzt, wo du es sagst. Wir waren jedesmal hier, wenn sie durchgegangen sind.“ Das fiel Azhdahar erst jetzt auf. „Vielleicht trauen sie sich durch das Tor, wenn ein Drache in der Nähe ist.“

„Das ist euer Forschungsauftrag, Prinz“, sagte Darrel und grinste. „Ich habe anderes zu tun.“ Er streckte sich und suchte mit den Augen nach Giny. Doch die hatte sich in die kleine Gruppe integriert und flitzte nun zusammen mit den wilden Echsen den Baum nach oben. Es war faszinierend so viele der kleinen, schillernden Tier auf einem Haufen zu sehen. Tausende Jahre war Giny die einzige, die er gesehen hatte.

„Es könnte aber auch mit zu deinem Forschungsauftrag werden, wenn du möchtest.“ Azhdahar sah Darrel an. „Ich würde dich und Gregory gerne in unser Boot holen. Das heißt, dass ihr mithelfen würdet, die Umagals zu schützen und das Land zu kaufen, auf dem sie leben und ich bin bei deiner Mission an deiner Seite.“

Darrel wandte sich langsam um und musterte den Prinzen ein paar Sekunden stumm. „Ich habe dir bereits gesagt, dass ich dich bei den Umagals unterstützen werde. Ich weiß nur nicht, ob es etwas für mich wäre, jeden Tag hier im Wald zu sitzen. Ich bin ein Metropolenmensch, ich muss in die Städte, an den Puls der Zeit. Ich brauche die Hektik und das Treiben, um selbst funktionieren zu können. Aber ich werde nicht für Greg sprechen, er soll sich ganz allein entscheiden. Ich werde an seiner Seite sein, egal wo er hin geht.“ Darrel sprach offen, denn er erwartete die gleiche Offenheit auch von Azhdahar.

„Du musst auch nicht ständig hier im Urwald sein. Es könnte deine Aufgabe sein, mit den Behörden und den Eigentümern zu verhandeln.“ Azhdahar konnte verstehen, dass Darrel das nicht jetzt entscheiden konnte oder wollte. „Gregory kann hier mit Evren forschen, wenn er möchte, aber das bleibt ihm überlassen. Ich werde ihm das Angebot auf jeden Fall unterbreiten.“

„Tu das, allerdings glaube ich nicht, dass es noch viel Zeit brauchen wird, bis du den Wald hast. Wenn wir die Ratte morgen Nacht ausräuchern, werde ich eine Nacht später im Server der Behörden sein und einen Eigentumsvertrag aufgesetzt haben. Eine Übereignung des Grundstücks noch ehe bekannt wird, dass der Mistkerl nicht mehr am Leben ist. Um euch da raus zu halten, würde ich das erst mal auf mich umschreiben, um euch rauszuhalten, sollte es Ärger geben.“ Darrel ging davon aus, dass es dann noch ein paar Wochen dauern würde, bis er mit seinem Übereignungsvertrag noch ein paar Unterschriften eingesammelt und die Grundbücher hatte anpassen lassen.

Azhdahar nickte anerkennend. „Das ist ein guter Plan. Es ist vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die verschiedenen Grundstücke nicht alle auf einen Namen gekauft werden.“ Bisher war Evren der Käufer gewesen, weil sie nicht riskieren wollten, dass die falsche Identität des Prinzen bei einer Überprüfung aufflog.

„Ich habe auch ausreichend Geld, also es wird mir nicht wehtun, einen Teil der Grundstücke legal zu erwerben. Nur an die Ratte von morgen Nacht werde ich keinen Cent vergeuden“, sagte Darrel und fischte Giny aus dem Haufen Umagals, die nun immer rund um den Baum huschten. Sie zischte aufgebracht und er lachte leise. „Aber erst wolltest du nicht mit ihnen spielen, junge Dame“, sagte er liebevoll, setzte sie aber wieder zurück.

„Ich habe den Reichtum eines ganzen Planeten zur Verfügung, aber wie ich schon sagte, ich nehme Hilfe an, wenn ich sie bekomme.“ Azhdahar war mit dem Gespräch grundsätzlich zufrieden. Darrel hatte nicht abgelehnt und so standen die Chancen ausgeglichen, ob er und Gregory ihre kleine Truppe verstärkten.

Darrel nickte. „Warten wir es ab. Ich werde zurückgehen und Giny bei Gregory abgeben. Ich brauche Bewegung und werde etwas durch den Wald laufen, da kann ich die Süße nicht gebrauchen und alleine lassen kann ich sie auch nicht, sie macht nur Blödsinn.“ Der Drache streckte sich und rollte den Kopf. Er fühlte sich eingerostet.

„Wenn du Lust auf einen Trainingskampf hast, bin ich dabei. Du solltest nur direkte sehr schmerzhafte Schläge oder gar Verletzungen vermeiden. Evren spürt sie genauso wie ich, nur dass seine Selbstheilung noch nicht optimal ist.“ Azhdahar stand ebenfalls auf und streckte sich. Er konnte Darrel gut verstehen. Ihm fehlte ebenfalls sein regelmäßiges Training.

„Hast du nicht gestern schon gemerkt, dass ich dir als Krieger nichts entgegen zu setzen habe? Evren sollte also so gut wie sicher sein“, lachte Darrel leise. Sich an gestern erinnernd, taten ihm allein bei dem Gedanken die Knochen weh. Wo der Prinz hinschlug, da wuchs kein Gras mehr. „Lass uns erst mal ein Stück laufen, ehe ich mich von dir falten lasse. Aber du wirst es übernehmen, Greg zu erklären, warum heute Abend außer kuscheln nicht viel laufen wird.“

„Wieso? Mehr hattest du doch gar nicht vor, wenn ich das richtig in Erinnerung habe“, lachte Azhdahar und machte, dass er wegkam. Er pfiff nach den beiden Echsen, die sich aus der Gruppe lösten und zu ihm gelaufen kamen. „Komm, bringen wie die Süßen zu Gregory und Evren.“

 


[1] Ammit: Verschlingerin aus dem altägyptischen Totengericht