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Drachenblut II - Teil 10 bis 11

10 

„Hm“, knurrte Darrel nur, kommentierte die Frechheit aber nicht. Der Prinz würde schon sehen, was passierte, wenn man den Hohepriester des Seth verarschte. Er griff sich Giny, die gleich wieder in seinem Shirt verschwand und zusammen mit dem Prinzen kehrte er zum Lager zurück. Erst als sie den schmalen Weg zum Grab hinauf gingen fiel ihm auf, dass er sich die Grabung noch nicht einmal angesehen hatte. Dabei interessierte ihn so was auch immer.

Sie mussten sich bücken, als sie den Tunnel zum Grab betraten und schon von weitem konnten sie hören, wie Evren und Gregory über einen Fund diskutierten. „Sie haben Spaß“, sagte Azhdahar und grinste zu Darrel rüber, der neben ihm ging. „Ich fürchte auch“, nickte der andere Drache. Doch eigentlich war er erleichtert darüber, dass Gregory sich so gut ablenken ließ. Das kam ihnen irgendwie entgegen. Gerade diktierte Gregory wieder etwas in sein Diktiergerät. Er tippte das später ab oder ließ es von der Institutssekretärin abtippen, die war um einiges schneller als Gregory.

Darrel sah sich etwas um, das Grab war gut erhalten und schien noch nicht geplündert worden zu sein. „Wie stellt ihr eigentlich sicher, dass nicht irgendwann jemand kommt und das Ding hier ausräumt?“ Langsam gingen sie weiter um die nächste Biegung, dem sanften Licht einer Lampe entgegen.

„Kameras, Bewegungsmelder, Infrarotsensoren die melden alles an Evrens, Werners und mein Handy. Durch die Portale, die wir installiert haben, können wir schnell da sein und das sollte sich kein Grabräuber wünschen, mich zu verärgern.“ Azhdahar zeigte die Zähne und man konnte Angst vor ihm bekommen. Seine Grimasse verwandelte sich aber schnell in ein warmes Lächeln, als sie die Grabkammer betraten und er Evren sehen konnte. Darrel nickte nur anerkennend. Was der Kerl tat, tat er gründlich. Er war mit jeder Zelle ein Thronfolger, immer bereit Herausforderungen anzugehen. Er beobachtete wie der andere Drache sich fest über den Arm strich, da drehte Evren sich suchend um? „Azi“, sagte er überrascht und Darrel begriff. Der Prinz hatte die Wissenschaftler nicht erschrecken wollen – sehr praktisch. So kam auch er näher.

Wie er gehofft hatte, drehte sich auch Gregory um und das freudige Lächeln seines Freundes erwärmte sein Herz. „ Dar“, rief Gregory und ließ sich von seinem Schatz in den Arm nehmen und küssen. „Ist das nicht ein tolles Grab?“, fragte er mit leuchtenden Augen. „Ich kann es kaum erwarten, die Knochen untersuchen zu können. Das Skelett ist vollkommen erhalten, mit allen Grabbeigaben“, begann er zu erzählen und sah immer wieder zurück auf die von Werner ausgeleuchtete Ruhestätte. Sie hatten eben Bilder geschossen, um jede noch so kleine Kleinigkeit festzuhalten, ehe sie die Gegenstände in ihrer Lage zu einander veränderten. In kleinen Röhrchen standen Bodenproben rings um den Körper und von etwas weiter weg. Evren wollte sie am Abend in seine Wohnung bringen, um sie dort zu lagern. Nach ihrer Rückkehr sollten sie dann im Labor untersucht werden auf molekularer Ebene. Dafür hatten sie hier nicht die Ausrüstung.

„Wie ich sehe, hast du sehr viel Spaß“, lachte Darrel, sah sich aber weiter neugierig um. Die Wandmalereien waren überraschend gut erhalten und von unglaublicher Kunstfertigkeit.

„Merkt man das?“, kicherte Gregory und klickte sich durch die Fotos, die sie gemacht hatten. So einen gut erhaltenen Fund hatte er noch nie untersucht. Er war begierig darauf, die Lebensgeschichte dieses Mannes, der wahrscheinlich irgendein Fürst war, zu erforschen. Wie alt war er geworden? Wie hatte er gelebt? Woran war er gestorben? All diese Fragen wollte er beantworten, damit sie später wussten, was für ein Mann in diesem Grab seine letzte Ruhe gefunden hatte.

„Er war ein Priester der Chalchuitlicu“, murmelte Evren, der sich gerade über die Wandbilder hermachte. Sie hatten sie ausgeleuchtet und abgelichtet. „Der Wassergöttin?“, fragte Werner und Gregory sah die beiden fragend an.

„Wie kommt ihr darauf?“, wollte er wissen und Evren erklärte, ohne sich umzusehen, wie selbstverständlich: „Steht doch da.“

„Du kannst das lesen?“, fragte Gregory völlig verdattert und sah zwischen Evren und Werner hin und her. „Ihr wollt mich verscheißern, ja klar. Das kann niemand lesen.“ Azhdahar lachte, weil jetzt Evren ziemlich irritiert guckte.

„Sie können es lesen, Gregory und du kannst das morgen auch. Wir bringen heute Abend Lernprogramme für dich mit. Damit lernst du es über Nacht.“ Gregorys Augen wurden immer größer.

„Ich kann das lernen?“, fragte er perplex. „über Nacht?“, hakte er weiter nach und Darrel nickte. Er grinste nicht, auch wenn ihn das verdatterte Gesicht sehr amüsierte und er Gregory schon wieder zu einem Kuss zu ich ziehen wollte, doch er wollte ihn jetzt nicht ablenken.

Auch Evren hatte begriffen, dass Gregory ganz neu in dem Metier war. „Ja, das ist leicht. Das geht über Nacht, irgendwas im Kopf wird speziell stimuliert. Total praktisch“, nickte er heftig und lockte Gregory zu sich. „Schau, hier steht, wer hier liegt und was er geleistet hat. Ich lese es dir nicht vor, das sollst du morgen allein lesen.“

„Ohne Scheiß? Morgen kann ich das lesen?“ Gregory konnte es immer noch nicht wirklich fassen. Er sah über die Schriftzeichen und versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, wenn er die Zeichen deuten könnte. „Nur lesen, oder auch sprechen?“, fragte er, denn jetzt hatte er Blut geleckt. „Was kann man denn sonst noch so mit diesen Lernprogrammen lernen?“

„Alles“, sagte Evren rundheraus. „Sprachen, Geschichte der Drachen, Kultur der Drachen. Eben alles, was das große Volk bisher hervorgebracht hat. Und an der Stelle werden dich die Drachen mal beiseite nehmen und dir erklären, wo die Verbindung der Drachen und der Azteken besteht. Aber nicht heute. Das wäre alles zu viel auf einmal.“ Evren grinste, er freute sich den Bildungsauftrag weiter gereicht zu haben. Sollte Azhdahar erklären, wie die Menschen auf diese Welt kamen. „Eine Sprache zu lesen kannst du in einer Nacht erlernen. Die Sprachprogramme dauern etwas länger. Meist drei bis vier Nächte.“

„Unglaublich. Lernen über Nacht.“ Gregory schnappte sich gleich die beiden Drachen, denn Evren hatte ihm ja gesagt, dass er sich an sie wenden sollte. „Ich möchte das lesen und sprechen können, wenn das geht“, sagte er Azhdahar. „Wenn ich darf, möchte ich auch was über euren Heimatplaneten lernen.“ Er sah zu Darrel und lächelte. „Ich möchte wissen, wo der Mann, den ich liebe, herkommt.“

Darrel lächelte, zog seinen Liebling wieder zu sich und wuschelte ihm stumm durch die Haare, ehe er die Arme fest um ihn schlang und die Nase im braunen Haar verbarg. Giny nutzte die Chance, ein bisschen auf Gregory herum zu turnen. „Du kannst alles erfahren, was du erfahren möchtest. Der Prinz wird dich schon stoppen, wenn du dich Geheimnissen näherst, die den Planeten nicht verlassen dürfen“, war sich Darrel sicher.

„Warum seid ihr dann noch nicht unterwegs und besorgt mir mein Gehirnfutter?“, lachte Gregory und ließ sich halten. Aber nur kurz, dann machte er sich vorsichtig wieder frei und gab Giny zu Darrel zurück. „Ich habe hier noch jede Menge zu tun, Schatz“, sagte er entschuldigend.

„Sicher, mach mal. Schließlich bist du ja hier, um mal so richtig Forscher spielen zu können. Ich werde mir da drüben ein paar Sachen durchlesen“, schlug er vor und deutete mit einer Hand auf eine komplette Steintafel voller Symbole. Auch er war schließlich neugierig. Und ein bisschen Ablenkung tat auch ihm gut. „Nach Gidoria werden wir heute Abend gehen. Außerdem frage ich mich, wann du lernen willst, ich dachte wir hätten besseres zu tun.“ Er grinste dreckig, wandte sich dann aber wieder den Aufzeichnungen zu.

„In den zwei Stunden, die ich dich schlafen lasse, werde ich lernen.“ Gregory wurde nur noch ein wenig rot, als er seinem Drachen die Zunge rausstreckte. So langsam gewöhnte er sich daran, dass mehr Leute über sein Liebesleben Bescheid wussten.

„Hatten wir nicht was gesagt über Urlaub und Erholung und mehr Schlaf?“, fragte Darrel, immer wieder mal den Blick zu Gregory umwendend. „Ich bin also dafür, dass du die nächsten fünf Tage schön brav deine Lektionen lernst, umso schneller kannst du das morgen lesen.“ Der Drache grinste in sich hinein und tat, als würde er etwas unglaublich spannendes lesen, wandte seinem Freund den Rücken zu und sah wie Evren grinste, ehe er sich wieder seiner Arbeit widmete.

„Erholung und Urlaub wurde in dem Augenblick gecancelt, als ich das Grab gesehen habe.“ Gregory lachte hell und ließ sich nicht ärgern. „Und Schlaf ist auch Nebensache, seit ich einen Drachen an meiner Seite habe, mit dem ich zwei verlorene Jahre aufholen muss. Also lernen wird für mich wohl etwas länger dauern.“

„Gregory“, sagte Darrel streng und meinte das auch so. „Du betreibst in deinem Pathologiesaal schon jeden Tag Raubbau an deinem Körper. Ich gucke hier nicht kommentarlos zu. Wenn ich der Meinung bin, du übertreibst, dann werde ich dich bremsen, wegschleppen und allein ins Zelt sperren.“ Er würde da auch nicht lange fackeln. Das hier war immer noch Gregorys Urlaub. Wenn er jetzt nicht zur Ruhe kam und etwas kürzer trat, in seinem Job würde er das bestimmt nicht tun.

„Ach, Schatz.“ Gregory kam zu Darrel rüber und küsste ihn versöhnlich. „Danke, dass du auf mich aufpasst. Ich verspreche dir, dass ich es nicht übertreiben werde und wenn ich es doch tun sollte, dann kannst du mich in unser Zelt schleppen.“ So wie er die letzten zwei Jahre gelebt hatte, ging es sowieso nicht weiter. „Zuhause wird es sich auch ändern, denn ich möchte etwas von meinem Freund haben und ihn nicht nur sehen, wenn er mich auf der Arbeit besucht.“

„Das hoffe ich, Gregory, und ich nehme dich beim Wort“, sagte Darrel ernst, doch er lächelte. Er wollte dem jungen Mann keine Vorwürfe machen. Doch er wollte ganz klar zeigen, dass er dem Raubbau nicht weiter zugucken würde. „Ich will dich noch eine Weile bei mir haben. Aber jetzt mach weiter. Schließlich hast du dich auf den ganzen Knochenkram gefreut. Husch!“ Er schob seinen Schatz nach einem letzten Kuss hin zum Skelett.

Gregory lächelte seinem Schatz über die Schulter zu, dann stellte er sich wieder zu Evren und half ihm. Er wollte die Knochen selbst bergen. Nicht, dass er das Evren und Werner nicht zutraute, aber sie störten die Ruhe eines Toten und er wollte durch eine besonders vorsichtige Behandlung der Knochen dem Toten Respekt zollen. Außerdem wusste nur er, welche winzigen Spuren sich auf den Knochen verbergen konnten, die ihnen viel über sein Leben und vielleicht auch seinen Tod erzählen konnten. So vertiefte er sich als erstes in die oberflächliche Beschau. Dabei beließ er die Knochen noch, wo sie waren und betrachtete nur ihre Lage zueinander. Das sagte ihm, wie die Körperteile zum Zeitpunkt der Bestattung zu einander gelegen hatten.

Immer wieder sprach er etwas, das ihm auffiel in sein Diktiergerät, damit er es nicht vergaß. „Der Mann war groß für seine Zeit, so ungefähr 1,80 m und er wurde verhältnismäßig alt, wie man sehen kann“, erklärte er Evren, was er jetzt schon sehen konnte und zeigte dem Archäologen die gut sichtbaren Zeichen des Alters an den Knochen. „Er hat zum Ende seines Lebens nur noch unter Schmerzen laufen können.“

„Ist er menschlich?“, wollte Darrel wissen, denn es war wirklich ungewöhnlich, dass jemand so alt wurde und so groß. Er glaubte zwar nicht, dass der Mann ein Drache gewesen war, doch hier in der Nähe des Umagal-Portals sollte man ja bekanntlich mit allem rechnen. Vielleicht sollten sie eine kleine Probe Arlan mitbringen – doch Darrel ahnte, dass Gregory die Zerstörung der Knochen nicht zulassen würde. Vielleicht konnten sie den Laborleiter ja endlich mal hierher bewegen. So wie der Drache gehört hatte, tauschte sich Arlan zwar rege mit Werner aus, doch es war immer Werner, der durch das Portal ging.

„Ich weiß zu wenig über Drachen, um es ausschließen zu können.“ Gregory runzelte die Stirn und sah sich das Skelett noch einmal genau an. „Ich kann nichts ungewöhnliches erkennen.“ Auf die Idee, dass hier ein Drache begraben sein könnte, war er noch gar nicht gekommen. „Okay, mein Lernprogramm wurde gerade erweitert. Anatomie und alles, was an medizinischem Material da ist, wenn ich das bekommen kann.“

„Sicher“, sagte Darrel und so lange Azhdahar nicht dagegen redete, so lange ging der Drache davon aus, dass das klar ging. Der Thronfolger hatte sich derweil ebenfalls in einen der Wandtexte vertieft und las sich durch die Passagen. Er schien noch nicht einmal mitbekommen zu haben, was hinter ihm gesprochen und abgemacht wurde. Doch Darrel sollte das gleich sein. Evren würde ebenfalls eingreifen, wenn etwas nicht so lief, wie der Thronfolger das erwartete. „Es kann dir bei deiner Arbeit gerade in diesem Gebiet hier nur von Nutzen sein.“

„Das ist einfach unglaublich. Schlafen und lernen gleichzeitig. Keine vertane Zeit mehr.“ Gregorys Augen glänzten, bekam aber diesmal von Azhdahar einen Dämpfer, der durchaus mitbekommen hatte, worüber geredet wurde. „Du wirst nicht jede Nacht lernen. Auch wenn du schläfst, dein Gehirn muss verarbeiten, was es geboten bekommt. Es braucht Erholung, darum wird nach zwei Nächten lernen, zwei Nächte Pause gemacht.“

Darrel nickte zufrieden auch wenn er das Schnütchen, das Gregory kurz zog, hinreißend fand. „so haben wir immer noch ein bisschen Zeit für andere Ablenkung“, überlegte er und grinste dreckig, ehe er den Kopf zwischen die Schultern zog und zu Azhdahar rüber ging, der schon wieder eifrig las. Was war da so spannend, dass der Prinz sich derart vertiefte? „Was gefunden, das Menschen niemals entschlüsseln sollten?“, wollte er wissen, weil er ahnte, um was es gehen könnte.

„Bis auf die anwesenden Menschen sollte wohl besser kein Mensch erfahren, was hier steht.“ Azhdahar zeigte auf eine Passage. „Unser Freund im Grab ist ein Götterkind. Ein Mischwesen aus Drache und Mensch. Davon scheint es eine Menge gegeben zu haben. Was wiederum Probleme geben kann, weil wir nicht wissen, wie langlebig und stark sie sind. Er ist auf jeden Fall um einiges älter als ein Mensch geworden.“

„Wow“, murmelte Darrel leise und wandte sich um, als er die Blicke der drei Forscher im Nacken spürte.

„Ein Halbdrache? So was funktioniert und kann überleben – auf natürlichem Wege?“ Gregory war völlig fasziniert. Er blickte auf die Knochen, dann auf die Tafel, deren Bilder er zwar nicht lesen konnte, doch dessen Inhalt Azhdahar gerade zusammengefasst hatte. „Ich muss als erstes etwas über eure Anatomie lernen, dann kann ich die Unterschiede zu uns Menschen suchen und den Kerl da untersuchen.“ Der junge Pathologe war völlig von der Rolle und Darrel grinste schief. „Was heißt das eigentlich für uns? Wie viele von denen mag es wohl geben? Und sind sie in der Lage sich zu wandeln? Steht noch mehr in den Aufzeichnungen?“

„Nein, mehr steht da leider nicht und es können hunderte oder tausende sein. Weil die Götterkinder durchaus auch selber Kinder zeugen oder bekommen können.“ Sie konnten von Glück reden, dass sie das Grab untersuchten und Menschen die Aztekenschrift nicht wirklich lesen konnten. „Mir wird gerade klar, dass es ein Fehler war, die Erde so lange sich selbst zu überlassen.“

Evren hob nur eine Braue und sagte nichts dazu. Er hatte die gleiche Meinung wie Azhdahar auch und er mochte es, wenn sie neue Erkenntnisse nach Gidoria brachten, die einmal mehr den Drachen ihre Arroganz vor Augen führten. Das waren die wenigen Augenblicke, bei denen auch Evren – schließlich war er der Forscher und der Fachmann – die Audienzen des Herrschers wahrnahm.

„Wir müssen hier alles absuchen“, sagte Darrel leise. Sobald sie mit ihrem Abtrünnigen fertig waren und es wieder einer weniger war, den sie kalt stellen mussten, sollten sie zusehen, dass sie den Urwald nach zugehörigen Kultstätten abgrasten. Sie brauchten mehr Wissen, auch mehr über die Götter und vielleicht sollte er Keral aufsuchen.

„Ja, das sollten wir wohl.“ Azhdahar war deutlich anzusehen, dass ihm diese Entwicklung nicht gefiel. „Wir sollten in Erwägung ziehen, hier doch eine feste Station einzurichten und verlässliche Mitarbeiter zu rekrutieren, die uns bei der Aufgabe unterstützen.“ Azhdahar dachte an Soldaten, die er selber aussuchen würde. Sie konnten sich nicht noch einmal so einen Fehler wie vor achttausend Jahren leisten.

„Jeder Fremde ist ein Risiko, Azhdahar. Wir sind ausdauernd, wir sind schnell. Ich würde zumindest das Areal um die Portale und das Reich der Umagals so wenig wie nur möglich von einer Horde Soldaten umpflügen lassen.“ Darrel gefiel der Gedanke nicht, er war schon immer ein Einzelgänger gewesen und damit immer gut gefahren. „Je weniger Mitwisser umso kleiner die Gefahr.“

„Ich sehe das ähnlich, Schatz.“ Evren war näher getreten und betrachtete ebenfalls die Inschriften. Soweit waren sie noch nicht vorgestoßen. Sie hatten an der anderen Wand mit den Untersuchungen begonnen.

„Darrel, ich würde auch gerne nur mit dir zusammen die Gegend sichern, aber ihr habt eine Arbeit und ein Leben in New York. Ihr könnt nicht ständig hier sein.“ Nach ihrem holprigen Anfang, war Azhdahar froh in dem anderen Drachen einen Verbündeten gefunden zu haben, der seine Ansichten teilte. Der andere Drache nickte, schwieg aber.

„Warum machen wir es bei Darrel nicht wie bei mir? Ein Portal in seiner Wohnung bringt ihn jederzeit hier her. Die Anreise ist kurz.“

„Und wenn Greg in seinem Pathologiesaal arbeitet und keiner mit mir spielt, kann ich her kommen“, nickte Darrel sofort, die Idee gefiel ihm. Er sah zu Gregory, was hielt der davon?

„Will auch beamen“, murmelte der leise und grinste schief. Er konnte nicht abstreiten, dass die Vorstellung, immer wieder hier her zu kommen, ihn unwahrscheinlich reizte. Wer hatte schon die Chance ein fremdes Volk zu erforschen? „Ich werde auf jeden Fall weiterhin helfen, dieses Land zu erforschen und zu beschützen, so weit es mir möglich ist.“

„Du bekommst einen Schlüssel und uneingeschränkten Zugang zu meiner Wohnung, dann wäre das Problem auch gelöst“, grinste Darrel und ließ mit seinen Augenbrauen klar werden, was er dabei noch so im Hinterkopf hatte.

„Lass uns mit Arlan reden, Azi. Wenn die beiden abreisen, sollten wir ihnen das Portal mitgeben. Aber erst brauchen wir das Okay deiner Leute, ein weiteres Portal auf der Erde zu integrieren.“ Er wollte die Drachen da auf keinen Fall übergehen. Arlan half, wo er konnte, doch er wollte es vorher wissen und nicht überfallen werden.

„Unsere kleine Armee wächst langsam.“ Azhdahar nickte. Darüber, dass ein weiteres Portal auf die Erde gebracht wurde, machte er sich keine Gedanken. Er hatte in allen Entscheidungen freie Hand und das würde er auch einfordern, falls sich ihm jemand in den Weg stellen sollte. Selbst seinem Vater gegenüber. „Arlan wäre, glaube ich, enttäuscht, wenn wir ihn nicht vor Herausforderungen stellen würden.“

„Das stimmt allerdings. Die nächste Herausforderung sollte aber mal sein, dass er sein Labor verlässt und sich hier mal umguckt.“ Evren genoss es den Wissenschaftler damit aufzuziehen, genauso wie er anfangs Werner immer hatte ärgern können, der sich auch wochenlang davor gedrückt hatte, Arlan zu besuchen. Doch er hatte sich überwunden. Wäre doch gelacht, wenn der Drache es nicht auch endlich einrichten können würde.

„Am besten geben wir es als wissenschaftliche Sendung auf und lassen es direkt an meine Adresse liefern“, überlegte Darrel. Er hatte keine Lust sich damit herum zu plagen. Und dann konnten sie bequem ihre restliche Ausrüstung wieder nach Hause bringen, ohne wieder Übergepäck bezahlen zu müssen. Das klang doch gut.

„Dann können wir uns auch gegenseitig besuchen und ich kann hierher kommen, wenn ich Zeit habe“, strahlte Gregory, der schon immer einmal nach Europa wollte und Berlin war da ganz bestimmt keine schlechte Wahl. Er hatte eine Leidenschaft für Städtetrips, aber bisher war das auf Amerika beschränkt gewesen und in den letzten Jahren auch viel zu kurz gekommen.


11 

„Gut, wäre das geklärt. Macht ihr bei dem Götterkind weiter“, schlug Darrel vor, „ich werde mich in der näheren Umgebung etwas umsehen, ob ich noch andere Zeitzeugen finden kann.“ Er küsste Gregory kurz auf die Lippen, dann wandte er sich um. Bewegung war jetzt nicht das schlechteste.

„Warte, ich komm mit“, hielt Azhdahar ihn auf, der Evrens Lippen kurz streifte und dann mit Darrel die Höhle verließ. „Wir teilen uns auf. Du bekommst ein Headset und einen GPS Empfänger, dann können wir in Verbindung bleiben und auch markieren, wenn wir was gefunden haben.“ Schließlich hatte nicht nur Darrel neues Spielzeug gekauft und der Prinz wollte seine Neuerwerbungen ausprobieren.

Darrel grinste nur vor sich hin. Noch so einer, der in Ausrüstungsläden nicht die Kreditkarte still halten konnte. Der Kerl wurde ihm immer sympathischer. „Sicher, warum nicht“, sagte er also, als sie hintereinander wie vorhin die Wissenschaftler den schmalen Gang zum Lagen hinab stiegen. Dort verstauten sie ihre Technik in Kisten, löschten vorerst das Feuer im Grill und weichten das Geschirr ein, ehe sie sich ausrüsteten und aufteilten. Umi und Sally waren nicht begeistert, als sie ins Zelt sollten, Giny allerdings auch nicht, als sie dazu gesperrt wurde. Doch ohne die kleinen Echsen kamen die Drachen schneller vorwärts und man musste nicht in Sorge sein, dass jemand unbemerkt verloren ging.

Sie rüsteten sich aus und Azhdahar war begierig darauf endlich loszulaufen. Er mochte den Urwald hier, denn er erinnerte ihn an Gidoria, nur dass die Tiere hier nicht so gefährlich waren. Mit den Jaguaren durfte er ja nicht richtig spielen, nur ein bisschen jagen. Alles andere hatte Evren ihm verboten. „Kann losgehen. Wir melden uns kurz alle 10 Minuten, ansonsten wenn wir was entdeckt haben.“

Das kam Darrel entgegen, er nickte also und so liefen sie los. Azhdahar lief nördlich des Camps davon, Darrel machte sich in entgegengesetzte Richtung auf. Er war der Meinung, wenn der Tote im Grab ein Priester des Wassergottes war, dann kam er unten am Fluss und an der Quelle vielleicht den Wurzeln des Kultes näher. Doch erst einmal machte er sich einfach nur auf den Weg und lief. Er lief und lief und lief. Die Bewegung war herrlich und die Gegend der Hammer! Niemand störte, niemand hinderte ihn. Er zuckte, als sich der Prinz das erste Mal meldete, erklärte, wo er war und lief weiter. Ein Stückchen noch – dann wollte er mit suchen anfangen.

Azhdahar genoss den Lauf durch den Wald. Das war so ziemlich das einzige, was er an Bewegung bekam, außer er half Evren und Werner, schwere Fundstücke aus dem Grab ins Lager zu bringen. Er trainierte eigentlich nur, wenn er für längere Zeit auf Gidoria war und das war eher selten. Jetzt mit Darrel, hatte er wieder die Möglichkeit sich etwas mehr auszutoben und gleichzeitig den anderen Drachen wieder richtig in Form zu bringen. Und ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es Zeit war sich zu melden. So suchte er kurz den Kontakt zu Darrel, dann war wieder Ruhe.

Darrel derweil war am Fluss entlang gelaufen, er suchte nach Anzeichen alter Zivilisationen. Er wusste von Keral, dass in den Wäldern einige Völker lebten und noch immer leben. Die konnten doch nicht alle spurlos verschwunden sein. Etwas musste da sein, das ging gar nicht anders. Aber noch wollte er laufen. Er rannte und rannte, scannte das Terrain um sich herum nur knapp. Seine Suche würde er anschließend beginnen.

„Schon was gefunden?“, hörte er Azhdahar wieder in seinem Ohr. Darrel selber hatte bisher noch keine Anzeichen von Zivilisation gefunden, aber irgendwo musste doch was zu finden sein. Das Tor war zwar eine Kultstätte gewesen, aber es musste doch in der Nähe Siedlungen gegeben haben. Sonst machte das doch gar keinen Sinn. Der Prinz blieb stehen, um sich umzusehen, aber außer dichtem Dschungel war von hier aus nichts zu erkennen. Ob es Sinn machte, als Drache die Gegend abzufliegen?

„Bisher nicht, aber ich suche jetzt gezielt am Fluss“, antwortete Darrel. Er hatte seinen Lauf beendet und war dorthin zurückgekehrt, wo er vorhin den Verdacht gehabt hatte, etwas gesehen zu haben, was hier nicht hin gehörte. „Beim Rennen habe ich aus dem Augenwinkel Quader gesehen, die so von der Natur sicherlich nicht geschaffen worden waren. Ich laufe dorthin zurück und melde mich wieder. Dann kannst du meine GPS Daten orten und her kommen“, schlug er vor und trennte die Verbindung. Dann hetzte er zurück bis an die Stelle, wo er gestutzt hatte.

Da Azhdahar bisher nichts gefunden hatte, machte er sich langsam in Darrels Richtung auf. Evren würde sich bestimmt freuen, wenn sie endlich nachweisen konnten, dass es hier vor vielen Jahrhunderten auch eine Siedlung gegeben hatte. Vielleicht waren das die Nachfahren der Menschen, die die Drachen auf die Erde gebracht hatten, um sich um die Umagals zu kümmern.

Sie mussten Proben, wenn sie welche fanden, an Arlan schicken, damit er die Genbestimmung machen konnte. Dann wussten sie mehr. >>Hab‘s gefunden<<, hörte es Azhdahar aus dem Headset, dann war es wieder still. Darrel ging davon aus, dass der Prinz ihn fand und machte sich schon einmal daran, den Stein, den er gefunden hatte genauer zu untersuchen. Es war ein Quader von anderthalb mal einem Meter Kantenlänge, an den Ecken waren noch Spuren der Bearbeitung sichtbar. Doch wenn Darrel bisher nicht geglaubt hätte, dass der Stein von Menschenhand stammte dann spätestens, als er darum herum gelaufen war und die Inschriften gesehen hatte.

Azhdahar brauchte nicht sehr lange, um zu ihm zu kommen. Der Prinz bewegte sich fast lautlos durch den Wald und Darrel konnte ihn auch nur hören, weil er bessere Ohren, als die Menschen hatte. „Was hast du gefunden?“, fragte der Prinz, als er neben Darrel aus dem Unterholz kam.

„Einen Wegweiser“, sagte Darrel trocken, der sich gerade durch die Inschrift gelesen hatte. Er deutete auf etwas, das aussah wie ein Pfeil und nach links deutete. „Man schreibt, dass die, die in friedlicher Absicht kommen, im Dorf unweit des Flusses gern gesehen sind, die aber, die mit bösem Herzen kommen vom Wassergott verschlungen werden. Sie selber preisen sich als Götterkinder, kommt dir das bekannt vor?“ Darrel sah den Prinzen grinsend an. Sie schienen erfolgreich und gewesen zu sein und hatten vielleicht Ausgrabungsmaterial für Jahrzehnte entdeckt, wenn das Dorf wirklich noch da war.

„Ein ganzes Dorf Mischlinge?“, murmelte Azhdahar. So unglaublich diese Entdeckung auch war, allein die Konsequenzen daraus, mochte er sich gar nicht vorstellen. Es gab mehr Menschen mit Drachen-DNA als er sich vorgestellt hatte. „Dann lass uns nachsehen, ob noch etwas übrig ist. Dann können wir bei unseren Forschern Punkte sammeln.“

„Ich glaube nicht, dass das ganze Dorf aus Mischwesen bestanden hat“, sagte Darrel, der die alten Hochkulturen nicht nur aus heutiger Sicht studiert, sondern in einem Teil von ihnen sogar gelebt hatte. „Es reichte, wenn es einige wenige waren, die direkt von den Göttern abstammten. Dann war ihr Stamm automatisch von den Göttern bevorzugt oder wie auch immer.“ Darrel war sich da ziemlich sicher. „Interessanter für mich wäre, in der wievielten Generation heute noch Abkömmlinge der Drachen unterwegs sind, wo sie leben und wie sich das auf die Menschheit auswirkt.“ Langsam folgten sie dem Pfeil.

„Ich hoffe, dass du Recht behältst.“ Azhdahar wollte sich das nicht vorstellen. „Es könnten Menschen mit außergewöhnlicher Kraft und Ausdauer sein. Je nachdem, welcher Rasse ihre Vorfahren entstammten, könnten sie verschiedenen Elementen zugeordnet werden, wenn auch nur in abgeschwächter Form.“

„Wäre doch mal spannend solchen über den Weg zu laufen“, sagte Darrel und blieb plötzlich stehen. Dann sah er den Prinzen an. „Auch wenn ich der Ratte, der wir morgen auflauern wollen, gerne den dürren Hals zudrücken möchte und ihn langsam verrecken sehen will. Vielleicht macht es mehr Sinn, die Ratte zurück nach Gidoria zu schaffen und Verhören zu unterziehen. Ich bin mir sicher, der hat seinen Schwanz auch nicht bei sich behalten. Er wäre eine ideale Quelle, wenn wir an Mischwesen ran kommen wollen.“ Darrel sah sich um, doch außer dem Grün des Dschungels hatte er noch nicht viel erkannt. Sie mussten runter zum Fluss.

Azhdahar nickte. Er stimmte Darrel zu, nicht nur in Bezug auf die Mischwesen. Es konnte ja sein, dass die Verräter in Verbindung geblieben waren. „Ja, bringen wir ihn nach Gidoria und verhören ihn. Er wird eine Verhandlung bekommen und wenn er zum Tode verurteilt wird, darfst du das Urteil vollstrecken, wenn du das möchtest.“

„Und ob ich das möchte“, knurrte Darrel leise, „der Mistkerl soll für immer bereuen, dass er mich damals zurückgelassen hat. Er soll bereuen mich überhaupt in den Mist mit rein gezogen zu haben.“ Kurz nur blitzten Darrels Augen, doch dann hatte er sich wieder im Griff. „Komm, runter zum Fluss. Vielleicht haben wir dort mehr Glück“, lenkte der Drache sich ab und schlug den Weg zum Wasser ein. Er konnte es riechen. Er hatte schon zu lange in den Städten gelebt, voller Dreck und Lärm. Erst hier ging ihm auf, wie taub und blind er die letzten Jahrzehnte gewesen war. Hier kamen ihm seine Sinne wieder viel deutlicher hervor.

Azhdahar nahm Darrels Entscheidung mit einem Nicken zur Kenntnis. Wenn es soweit war, würde der Prinz alles Notwendige in die Wege leiten. Sie liefen zum Fluss und Azhdahar deutete auf das gegenüberliegende Ufer. „Da vorne sind Steine, die mir zu quadratisch aussehen, um natürlich zu sein.“

Darrel nickte. „Hausaltare. Wir müssten ganz in der Nähe sein. Zu den großen Opferstätten pilgerte man nur an hohen Feiertagen. Für die tägliche Kommunikation mit den Göttern hatte man kleine Altäre in der Nähe des Ortes. Lass uns rüber gehen und dort weiter suchen.“ Darrel sah etwas missmutig auf das kalte Wasser, doch er war ein Drache und keine Maus, also stieg er hinein und watete durch das knietiefe Nass. Es war kalt und hatte eine unglaubliche Kraft. Er musste rudern, um sich auf den Beinen zu halten.

Azhdahar folgte ihm und auch er hatte Probleme auf den Beinen zu bleiben. „Verdammter Mist“, fluchte er laut, als er strauchelte, sich aber gerade noch abfangen konnte. Evren liebte es, solche Missgeschicke auszuschlachten. Allerdings waren seine Wiedergutmachungen etwas, was der Drache liebte. „Du weißt viel über die Volker dieser Gegend.“

„Ich habe einige tausend Jahre in den alten Hochkulturen verbracht. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich in fast jeder ein paar Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte verbracht habe. Es ist lange her, dass ich auf diesem Kontinent war. Es war vor Kerals Zeit, doch egal welchen Gott sie anbeteten – der Alltag hat sich kaum geändert. Selbst von Kultur zu Kultur waren die Unterschiede eher marginal.“ Darrel schüttelte die nassen Füße, das Wasser lief aus den Schuhen. Doch er würde sich hüten sie auszuziehen. Wer wusste schon, in was er trat oder was ihn biss. Nicht dass er daran sterben würde, aber angenehm war es auch nicht. So quitscherte er lieber in seinen nassen Schuhen zu den Opferstellen.

„Dein Leben der letzten achttausend Jahre war aufregender als meines.“ Azhdahar grinste leicht. „Ich habe sie praktisch fast ausschließlich mit lernen und trainieren verbracht. Ich habe mir verzweifelt etwas Aufregung in meinem Leben gewünscht.“ Azhdahar machte es Darrel nach und lief ebenfalls mit quietschenden Schuhen weiter. „Allerdings wäre das, was du mitgemacht hast, auch für mich zu heftig gewesen.“

„Schlimm waren nur die ersten Jahrzehnte. Ich musste begreifen, dass ich nicht zurück kam, ich musste versuchen zu überleben und war auf Hilfe angewiesen.“ Darrel blickte sich um und als er etwas entdeckt hatte, hielt er darauf zu. „Die Stämme, die auf mich stießen, haben mich immer sehr fürsorglich aufgenommen und ich habe sehr viel von ihnen gelernt. Ich war viele Jahrhunderte in Afrika unterwegs, erlebte wie Ägypten groß wurde, erkundete die Handelswege und die Handelspartner. Eines ergab das andere. Jede Epoche hatte ihren Reiz, aber die rasante Entwicklung in den letzten Jahren halte ich für ungesund. Der Mensch ist nicht mehr in der Lage zu beherrschen, was er geschaffen hat und ich fürchte, dass da ein paar Drachen nicht ganz unschuldig sind. Der Mensch allein hätte sich weniger rasant entwickelt. Das sieht man daran, dass die Evolution nicht mit dem Fortschritt gleichziehen kann, sonst gäbe es nicht so viele Zivilisationskrankheiten.“ Was von weitem wie ein Felsen ausgesehen hatten entpuppte sich als ein Eingang – zu was auch immer.

„Ich bin froh, dass die Verräter es nicht geschafft haben, dich zu töten.“ Azhdahar schloss zu Darrel auf und spähte in den Eingang. „Hast du eine Taschenlampe? Ich habe leider keine mitgenommen. Ich würde schon gerne rein sehen, aber wenn nicht, markieren wir den Standort und kommen später noch mal wieder.“

„Nur eine kleine“, sagte Darrel und zog aus einer der Taschen seiner Hose eine bleistiftdünne Stablampe heraus. Sie machte nicht sehr viel Licht, doch das war besser als gar nichts. So schaltete er sie an und spähte durch die Öffnung. Sie sahen als Drachen zwar um einiges besser, aber auch sie konnten ohne Restlicht nicht viel erkennen. Darrel machte ein paar Schritte und ließ den kleinen Lichtschein wandern. Schnell war klar, dass es sich um den Eingangsbereich eines Wohnhauses handeln musste, von dem mehrere Räume abgingen. Oft hatten solche Häuser einen Lichthof, sicherlich hatte der Dschungel die Struktur zerstört.

Azhdahar sah sich um, aber viel erkennen konnte er nicht. Außer den nackten Felsen sah er nichts. Keine Keramik oder sonstige zurückgelassenen Gegenstände konnte er sehen. Was aber nicht hieß, dass keine da waren, denn oft waren sie im Erdreich verborgen.

„Machen wir uns einen Vermerk und sehen uns weiter um“, schlug Darrel vor, als sie die Unterkunft wieder verließen. Zielstrebig lief der Drache los in eine Richtung, in der er das Zentrum des Dorfes vermutete. Wenn sie das fanden, konnten sie das Dorf von dort aus aufrollen. Meistens gab es auch hier kleinere Tempel und Versammlungsorte, die Aufschluss darüber geben konnten, wer hier gelebt hatte.

Langsam gingen sie weiter und immer wieder machte einer den anderen auf etwas auf dem Boden aufmerksam. Überall fanden sich Überreste von Gebäuden die man aber teilweise nur noch erahnen konnte. Die Überreste des Dorfes waren einfach zu sehr von der Vegetation überwuchert worden.

Sie hatten gesehen, was sie hatten sehen wollen, und machten sich langsam auf den Heimweg. „Geben wir den Forschern die Daten. Wenn sie wollen, sollen sie gucken gehen. Aber nicht gerade morgen, wenn wir nicht da sind. Sie sollen sich im Grab aufhalten und verstecken.“ Darrel hatte immer noch kein gutes Gefühl dabei, Gregory und die anderen hier im Wald herum huschen zu wissen, während sie einen kriminellen Drachen gefangen nehmen wollten.

„Ja, das sollten sie.“ Azhdahar war da vollkommen Darrels Meinung, allerdings hatte ihn sein Leben mit Evren gelehrt, dass sein Gefährte das etwas anders sah. Aber das war nichts, was er jetzt mit dem anderen Drachen diskutieren wollte. „Lass uns die anderen aus dem Grab holen und dann gehen wir nach Gidoria.“

Darrel nickte nur, langsam gingen sie weiter. Den Weg zurück, immer am Fluss entlang, der auch unweit ihres Lagers vorbei floss. So konnten sie das Lager gar nicht verpassen. Die beiden Drachen schwiegen und hingen ihren Gedanken nach. Sie hatten sich großes vorgenommen. Mehr noch machten ihnen die Mischwesen sorgen. Warum hatten sie das bis heute völlig außer Acht gelassen? „Ich such mir noch was zu essen, ehe wir verschwinden“, sagte Darrel und schlug den Weg zum Zelt ein, als sie das Lager erreicht hatten. Es war noch leer, sicher waren die Wissenschaftler noch im Grab.

„Mach was für alle. Ich hole unsere Maulwürfe.“ Azhdahar bog zum Grab ab. Diesmal kniff er sich nicht wie sonst in den Arm, damit Evren wusste, dass es Essen gab, denn es war noch recht früh und freiwillig würde sein Schatz das Grab nicht verlassen. Da musste er jetzt schon andere Geschütze auffahren.

„Das sieht aus wie Türkis. Der wird auch hier in Mexiko gefördert. Wusste gar nicht das die Azteken was mit Edelsteinen am Hut hatten“, murmelte Gregory gerade, der mit einem Pinsel vorsichtig den Sand von den Fußknochen fegte und sie gänzlich frei legte. Es schien als hätte der Tote auf Schnüre gezogene Türkisperlen um die Knöchel getragen.

„Doch, Türkis war bei den Azteken durchaus bekannt und als Schmuck heiß begehrt“, sagte Evren, der gerade Notizen in seinen kleinen Laptop tippte. Azhdahar könnte Arlan heute noch dafür würgen, dass er das kleine Gerät auf Kristallenergie umgerüstet hatte. Vorher hatte Evren eine Pause machen müssen, als der Akku alle gewesen war, heute passierte das nicht mehr.

Azhdahar rieb sich über den Arm und wie erwartet, sah Evren sich zu ihm um und lächelte. „Hallo Schatz“, begrüßte der Prinz seinen Gefährten und stellte sich hinter ihn. „Darrel und ich haben das Dorf gefunden“, erzählte er und fing dabei an Evrens verspannten Nacken zu massieren. Wie erwartet seufzte sein Schatz auf und ließ den Kopf nach vorne sinken.

„Ich habe gerade das Gefühl, dass du etwas willst, was ich nicht wollen werde“, murmelte er leise, musste aber zugeben, dass das Bestechungsgeld, was er gerade erhielt, schon ziemlich gut war. Blieb nur fraglich, was der Drache dafür wollte. Vor allem weil er gleich mit dem gefundenen Dorf heraus rückte, anstatt Evren zu ködern. „Was willst du haben und was wird es mich kosten?“, wollte er also wissen und seufzte leise, während sich Gregory verschämt umsah, doch Darrel war nicht gekommen.

„Du kennst mich schon zu gut.“ Leise lachend beugte Azhdahar sich vor und küsste Evren in den Nacken. „Darrel macht etwas für uns zu essen und ich bin hier, um euch abzuholen. Ich möchte nach Gidoria und ich muss fliegen.“ Der Prinz brauchte es, sich wieder wandeln zu können. Er merkte schon seit einer ganzen Weile, wie die Unruhe in ihm wuchs. „Du darfst auch mitfliegen.“

„Die Spraydosen von Gregory auch?“, wollte er wissen, als er sich frech grinsend umblickte, dann aber doch den Kopf einzog.

„Fliegen?“, fragte Gregory dann aber doch und Evren sah sich zu ihm um. „Frag mal Darrel, das macht er sicherlich für dich. Das Gefühl ist atemberaubend.“ Evren lächelte und war versöhnt, schließlich war das – neben einem Notfall mit Personenschaden – der einzige Grund, warum er bei Tageslicht die Grabung verlassen würde. „Und wir können deine Lernprogramme holen.“

„Dieses Mal machen wir das Lager dicht, ich bleibe nicht wieder alleine hier“, stellte Werner gleich klar.

„Keine Spraydosen“, knurrte Azhdahar gutmütig und nickte Werner zu. „Machen wir alle einen Ausflug. Gregory kann das Geschirr benutzen, dass ich für dich habe machen lassen, damit wird er sich sicherer fühlen.“ Evren brauchte die Hilfe inzwischen nicht mehr. Azhdahar wollte zu seinem Wasserfall und heute würden sie wohl Gäste mitnehmen.

Werner nickte, er war der einzige, der sich daran erinnerte, was der Drache noch gesagt hatte. „Nur falls es den Drachenreitern entgangen sein sollte, ihr habt allen Ernstes mal so eben das Dorf gefunden? Wie denn bitte?“, wollte er wissen, während er langsam seine Utensilien zusammen räumte. Auch Gregory fühlte sich an seine Forscherseele erinnert und kam neugierig näher, packte dabei ebenfalls seine Ausrüstung zusammen.

„Wir waren spazieren“, erklärte Azhdahar lapidar und grinste breit. „Darrel hat es entdeckt. Er kam auf die Idee am Fluss entlang zu suchen und wir hatten Glück.“ Der Prinz half die schweren Sachen zu tragen und deutete den anderen vorzugehen. Evren hatte es schon gebracht, einfach wieder zurück zu gehen, weil ihm etwas eingefallen war, was er überprüfen musste.

Dem entsprechend mürrisch guckte ihn sein Schatz auch an, als er wie ein Schäfchen vor dem Drachen her getrieben wurde und jedes Mal am Ausbrechen gehindert wurde. Sie kannten sich einfach zu gut, viel zu gut! Also fügte sich der Wissenschaftler in sein Schicksal und beendete den Tag für heute. Es gab ja auch etwas, auf das er sich freuen konnte.

So kehrten sie wie die Lemminge den schmalen Hang hinab zurück ins Lager, wo der Tisch schon reichlich gedeckt war und Darrel schon wieder hinter einem seiner Laptops verschwunden war.

Gregory ging zu ihm und machte es wie Azhdahar bei Evren und massierte seinem Drachen die verspannten Nackenmuskeln. „Du Schatz“, fing er an und grinste von Darrel ungesehen. „Azhdahar und Evren haben mir erzählt, dass sie auf Gidoria zusammen fliegen wollen. Können wir das auch? So ich auf dir, weißt du.“

Darrel ließ den Kopf tief sinken und genoss die kräftigen Finger auf seinen verspannten Muskeln. Wieder etwas, was Gregory besonders gut konnte. „Du willst also, dass ich dich fliegen lassen“, flüsterte er mit rauer, leiser anzüglicher Stimme und grinste wissend, als er sich betont langsam zu seinem Schatz umsah.

Gregory beugte sich vor und streifte Darrels Lippen mit seinen. „Ich will dich reiten, deinen starken Körper unter mir spüren. Ich will spüren, wie deine Muskeln unter mir arbeiten, sich an meinen Schenkeln reiben und dabei den Wind auf meinem Gesicht spüren“, raunte er dabei mit dunkler, rauchiger Stimme.

„Touché“, würgte Darrel nur noch heiser hervor, denn er hatte gerade sehr erregende Bilder vor Augen, Bilder die er im Augenblick beileibe nicht gebrauchen konnte. Doch ein leises Stöhnen ließ sich nicht vermeiden, mehr noch als sich Gregory durch seinen Nacken küsste. „Alles, was du willst, mein Herz, alles!“, brachte er noch hervor und sah zum Glück nicht, wie der Prinz grinste.

„Fein.“ Gregory richtete sich auf. „Was gibt es zu essen?“ Er wuschelte seinem Schatz durch die Haare und setzte sich neben ihn. „Oh, du hast unsere Vorräte geplündert“, kicherte er, als er den Kaviar und all die anderen Köstlichkeiten entdeckte, die Darrel vor ihrer Reise besorgt hatte.

„Süße, kleine Mistmade“, knurrte Darrel grinsend. Er hatte das ungute Gefühl, dass der kleine Pathologe ihn in der Hand hatte – ganz fest. Und ein kurzer, gewechselter Blick mit dem Thronfolger, der sich das kleine tête-a-tête nicht hatte entgehen lassen, bestätigte ihn. Aber egal – er hatte endlich, was er wollte. Er hatte Gregory und er musste ihn nicht mehr belügen. Das war einen Freifahrtschein auf einem breiten Drachenrücken allemal wert.

„Haut rein, wir haben noch was vor“, lenkte er ab und versuchte sich wieder zu fassen. Giny saß schon neben seinem Teller und inspizierte die Auswahl.

Sie griffen alle zu und auch die Echsen wurden nicht vergessen. Gregory fütterte sie mit Obst und Gemüse, beschmuste sie und lachte ausgelassen, wenn sie auf ihm herumkletterten und ihn mit ihren kleinen Krallen kitzelten. „Ihr seid so süß“, lachte er und streichelte Umi, die nicht ganz so begeistert war, dass sie sich in Gregorys Haaren nicht genau so gut verstecken konnte, wie in denen des Prinzen.

„Tja, Süße. So ist das eben mit Ferienwohnungen, die sind nie so geräumig wie das Stammhaus“, lachte Evren, ließ die Echse, aber wo sie war. War ganz gut, wenn sie sich auch an die Fremden gewöhnten und bei Gefahr dort Schutz suchten.

Sie stärkten sich angemessen, doch dann war das Mahl auch schnell beendet. Jeder wollte aus einem anderen Grund so schnell wie möglich nach Gidoria.