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Drachenblut II - Teil 12 bis 13

12

Langsam nahm Azhdahar das Fernglas runter und rieb sich über die Augen. Zwar konnte er ausgezeichnet sehen, aber um einen besseren Überblick über die Feindstärke, Bewaffnung, das Gelände und die Gebäude zu bekommen, griff er gerne auf Hilfsmittel zurück, die es ihm leichter machten. Sie lagen hier jetzt schon seit Stunden auf der Lauer und beobachteten ihre Gegner. Sie wussten, dass der erste Ring aus sieben patrouillierenden Wachen bestand – alle mit einem automatischen Gewehr ausgestattet. Das bedeutete, sie mussten versuchen jeden einzelnen zu erwischen, ohne dass jemand einen Schuss abgeben konnte. Das war nicht schwer. Der zweite Ring – vielleicht hundert Meter dichter um das Haus auf dem Hügel - bestand nicht nur aus Wachen mit Waffen sondern auch aus elektronischem Spielzeug. Aber Darrel hatte schnell herausgefunden woher der Strom dafür kam – auch das sollte also kein Problem für sie werden. Sie warteten jetzt nur noch auf die Dunkelheit, um ihre Vorteile zu nutzen.

Wenn sie die beiden Ringe überwunden hatten, konnten sie zum Haus vordringen. Dort würden sie auf nicht so viele Gegner treffen, denn Letho, so hieß der Verräter mit richtigem Namen, hielt die Anzahl der Männer um sich klein.

Darrel lehnte sich an den Baum hinter sich und schloss die Augen. Wenn er in den Wald lauschte, hörte er die Wachen. Sie waren laut und plump, machten gar kein Geheimnis daraus, wo sie sich gerade aufhielten und schienen noch nicht einmal ansatzweise zu ahnen, dass sie damit ihren Totenschein unterschrieben hatten. Lieber besann sich der Drache einige Stunden zurück – sein erster Flug über Gidoria seit achttausend Jahren. Sein erster Flug über Gidoria überhaupt, denn er hatte sich noch nicht wandeln können, als er die Welt verlassen hatte.

Es war berauschend gewesen, besonders, weil er diesen Flug mit Gregory hatte teilen können. Erst war er sich ja etwas merkwürdig vorgekommen, das Geschirr zu tragen, dass der Prinz ihm gegeben hatte, aber hinterher, war er doch froh gewesen, dass Gregory dadurch sicher und ohne die Gefahr abzustürzen, mit ihm zusammen fliegen konnte. Sein Schatz hatte es genossen, nachdem er sich an die Höhe gewöhnt hatte und mehr als einmal hatte er vor Freude gejauchzt. Auch jetzt noch erfüllte Darrel die Erinnerung mit Wärme und er spürte einmal mehr, dass er mit Gregory auf dem richtigen Weg war. Der Mann war das, was Darrel seit so vielen Jahrzehnten gesucht hatte. Vieles würden sie noch gemeinsam teilen, vieles zusammen erleben. Schon deswegen musste das heute reibungslos laufen. Er hatte jetzt viel zu viel zu verlieren.

Er sah zu Azhdahar rüber. Der Prinz war vollkommen ruhig und konzentriert. Genau wie man es von dem Heerführer der Drachen erwartete. Darrel war froh ihn an seiner Seite zu haben, denn der Prinz war die beste Lebensversicherung, die man sich nur vorstellen konnte.

Kurz trafen sich ihre Blicke und gemeinsam sahen sie zum Himmel. Die Sonne war untergegangen, nur noch ein Rest Licht kurz über dem Horizont hüllte die bewachsene Lichtung, die vor ihnen lag, in Dämmerlicht. „Der Nasenbär mit der Rum-Fahne kommt gleich wieder vorbei, ich hole mir den ersten“, flüsterte Darrel. Ihm ging das blöde Gelaber des Mannes, der immer den Kontakt zu seinem Kumpanen suchte, aber niemals Antwort bekam, weil es wohl denen selbst auch zu blöd war,  unheimlich auf die Nerven. Ihn zum Schweigen zu bringen dürfte eine Erholung sein.

Azhdahar nickte nur knapp und deutete auf einen großen Baum links von ihnen, die Wachen nutzen ihn dazu um sich anzulehnen und eine Zigarette zu rauchen. „Ich werde mir dort oben ein gemütliches Plätzchen suchen und mal sehen, wer sich so unter mir tummelt.“ Der Prinz rollte die Schultern und grinste breit. Er war in seinem Element.

„Entsorge sie so, dass keiner der Idioten drüber stolpert“, sagte Darrel leise und blickte dem Thronfolger nach. Er selber würde sich um zwei der Typen kümmern, die etwas tiefer im Wald herum stromerten. „Geh heute nicht in den Wald hinein, es wird dort was großes geschehen …“ summte er vor sich hin, als er sich im Schatten der Bäume bewegte. Er hatte es gelernt keine Geräusche zu machen im Gegensatz zu den Wachen, die strampelten und mit Ästen knackten. Eine bessere Fährte hätten sie gar nicht legen können.

Dass die Wachen so unbekümmert waren, konnte einerseits heißen, dass sie sich zu sicher fühlten, oder für den Drachen waren sie nur Kanonenfutter. Ob sie getötet wurden, war ihm egal, weil er noch andere Sicherungen für sein Haus hatte. Aber das konnte er jetzt nicht lösen, sie mussten sich überraschen lassen. Es widerstrebte Darrel die Männer sinnlos zu töten, doch er musste auch verhindern, dass sie ihn verrieten. Er hatte also keine andere Wahl. Besser er brachte es schnell hinter sich. Er folgte den beiden fast zehn Minuten nur mit den Augen, er hatte sich ihre Pfade eingeprägt und passte den Augenblick ab, an dem sie sich am weitesten voneinander entfernt hatten – dann schlug er zu. Erst der eine, dann der andere.

Während er sich den zweiten griff und ihn aus dem Weg räumen wollte, hörte er leise, erstickte Geräusche, die ein Mensch nicht hören konnte. Azhdahar hatte wohl etwas gefunden, was sich unter seinem Baum getummelt hatte. So langsam lichteten sich die Reihen und sie sollten zusehen, dass sie es zuende brachte. Bevor den Wachen auffiel, dass sie immer weniger wurden.

Nach ein paar weiteren Minuten hatte sich der erste Verteidigungsring erledigt. Es blieb nur zu hoffen, dass es keine regelmäßigen Abfragen gab. Sie hatten die Männer sehr lange beobachte und nichts dergleichen bemerkt. Blieb zu hoffen, dass es so blieb. Sie näherten sich dem zweiten Ring und während der Prinz die Wachen im Auge hatte, kümmerte sich Darrel um die Stromquelle. Wie blöd musste man denn sein, die außerhalb des Hauses aufzustellen? „Anfängerfehler“, knurrte er leise, ehe er Azhdahar zur Hand ging.

Der hatte schon angefangen die Wachen zu dezimieren. Wie ein Geist wütete er unter den Männern. Er bewegte sich meist zu schnell für das menschliche Auge, so dass sie nur einen Schatten wahrnahmen, aber dann war es schon zu spät. Hier zeigte sich einmal mehr, warum der Prinz der beste Kämpfer seines Volkes war. Schnell, präzise, lautlos, gnadenlos. Darrel kümmerte sich um zwei, die dem Tor sehr nahe waren. Durch dieses Tor mussten sie dann das eigentliche Areal betreten.

„Die ersten Hürden sind genommen“, sagte Darrel leise, als sie sich hinter einem breiten Stamm wieder trafen, beide das Tor im Auge – nichts regte sich mehr. Der Weg war frei.

„Ich hätte gut Lust, ihm als Drache zu zeigen, was ich von ihm und dem halte, was er den Menschen und dieser Welt antut“, knurrte der Prinz, aber das kam nicht in Frage. Auch wenn sie hier fern ab jeglicher Zivilisation waren, so waren doch jede Menge Satelliten unterwegs, die sie dann ohne Probleme sehen konnten. Derart große Objekte auf den Überwachungsbildern riefen jeden auf den Plan, egal ob es Wissenschaftler oder das Militär waren. Und wenn erst einmal Interesse auf diese Region gezogen worden war, wurde man dieses auch nicht mehr los. Nicht nur, dass dann die Umagals in Gefahr waren und somit die Zukunft der Drachen auf Gidoria, es bestand eine – wenn auch geringe – Chance, dass man die Götterkinder entdeckte. Das durfte um keinen Preis passieren. Das wussten sie beide, weswegen Darrel auch nur knurrte und nickte. „Ich kann ihn spüren – den Bastard. Er ist da.“

„Ja und bald wird er vor uns auf dem Boden liegen.“ Azhdahar wandelte sich in seine Zwischenform. So hatte er mehr Kraft und Ausdauer und diese Eigenschaften würde er auf jeden Fall brauchen können. „Los geht‘s.“ Azhdahar huschte los zum Tor. Jetzt konnte ihn nichts mehr aufhalten.

„Halt dich zurück, Prinz, denk an Evren“, knurrte Darrel, folgte dem Prinzen aber. Sie hatten sich schnell orientiert. Der Garten war hell erleuchtet und so suchten sie an der Mauer hinter zwei alten Bäumen Schutz, um sich zu orientieren. Sie warteten zehn Minuten, doch es bewegte sich nichts. Keine Wachen mehr im privaten Garten? Das war ungewöhnlich, kam den beiden Drachen aber entgegen.

Azhdahar bedeutet Darrel, dass ihr Zielobjekt sich im Erdgeschoss des Hauses befand. „Stürmen oder schleichen“, fragte der Prinz. Er favorisierte das stürmen, aber Darrel sollte die Vorgehensweise bestimmen. Es war sein Kampf und so ordnete der Prinz sich unter.

„Wir bewegen uns für das menschliche Auge fast zu schnell. Ich bin dafür den hellen Garten eilig zu queren, aber das Haus vorsichtig zu betreten. Keine Wachen im Garten heißt für mich, dass er elektronische Spielereien hat. An der Westseite ist ein Balkon und ich habe Vorhänge wedeln sehen. Er scheint offen zu sein. Vielleicht ist das unser Hintertürchen.“ Darrel fixierte den Balkon, wandelte sich auch endlich in seine Zwischenform, denn es würde Kraft brauchen, in einem Satz dort oben zu landen. Das hatte er lange nicht getan.

„Ich zuerst.“ Azhdahar hatte das kleine, unsichere Aufblitzen in Darrels Auge gesehen. Für ihn war der Sprung kein Problem und wenn er oben war, konnte er dem anderen Drachen helfen. Der Prinz ging in die Hocke und mit einem gewaltigen Satz, landete er lautlos auf dem Balkon. Er winkte Darrel und machte sich bereit, griff noch im Sprung die Hand des anderen Drachen und zog Darrel zu sich. Schnell war die Lage sondiert. Der Raum hinter dem Balkon war leer, der Rahmen frei von Lichtschranken und anderen Spielereien. So huschten sie durch die wehenden Vorhänge nach innen. Mit angehaltenem Atem lauschten sie. Man hörte Stimmen.

Sie kamen von unten. Ihr Ziel hielt sich also immer noch im Erdgeschoss auf. Lautlos schlichen Darrel und Azhdahar durch das Zimmer. An der Tür hielten sie an und schnupperten. Menschen in ihrer Nähe konnten sie riechen, aber hier oben schien niemand zu sein. „Los“, Azhdahar ging vor, mit den Augen das Terrain sichernd. Darrel folgte ihm. Sie traten auf einen schummrigen Flur, leer und schmal. Er führte zu einer Galerie von der aus man nach unten sehen konnte – ein großer, hoher Raum, eingerichtet wie ein Wohnzimmer.

Und da saß er – groß, massig, die Fernbedienung in der einen, ein Bier in der anderen Hand. Darrel biss die Zähne zusammen. Wenn sie ihn spüren konnten, was war umgekehrt? Sie erfuhren es im nächsten Augenblick.

Denn der massige Körper ruckte herum, kalt glitzernde Augen suchten die Galerie ab und dann ging alles ganz schnell. Letho wirbelte aus seinem Sessel, so dass er umfiel, gleichzeitig zog er eine Pistole und Azhdahar hechtete nach vorne. Darrel stand genau in der Schusslinie und schien das noch gar nicht bemerkt zu haben. Azhdahar schubste Darrel in Sicherheit und keuchte auf, als ein heftiger Schmerz in seinem rechten Oberschenkel explodierte.

 

+++

 

„Autsch!“ Evren, der zusammen mit Gregory und Werner am Feuer gesessen hatte, weil er nicht schlafen konnte, griff sich an den rechten Oberschenkel. Blut sickerte schlagartig durch den Stoff der Hose und der Schmerz ließ den jungen Mann zischen. „Azi“, murmelte er sofort und zog das Hosenbein hoch. Eine normale Verletzung blutete nicht so lange. Ungläubig starrte er auf das Loch und das Rinnsal Blut.

„Scheiße, Evren!“ Gregory sprang auf und lief so schnell er konnte zu seinem Zelt. Er brauchte seinen Medi-Koffer. Er war verwirrt, wo Evren auf einmal die Wunde her hatte, aber das konnte er später klären. Erst einmal musste er die Blutung stillen und die Wunde versorgen.

Evren nahm zwar dankend ein steriles Tuch entgegen, doch dann schob er Gregory sanft beiseite. „Du kannst das nicht stoppen, das ist eine Wunde von Azhdahars Körper und erst wenn sie sich bei ihm schließt, schließt sie sich auch bei mir. Auch wenn meine Selbstheilung noch schwächer ist als seine“, erklärte er und drückte das Tuch auf die Wunde, damit er nicht alles unappetitlich voll blutete.

„Du meinst Azhdahar ist verletzt?“, fragte Gregory und wurde blass. War der Prinz nicht ein exzellenter Krieger? Wenn er verletzt wurde, was war dann mit Darrel? Seine Hände fingen an zu zittern und er ließ sich neben Evren fallen.

„Ich tippe auf einen Steckschuss, irgendwas ist noch in der Wunde“, sagte Evren. Er wusste, dass ein paar menschliche Waffen einen Drachen nicht mit einer einzigen Waffe töten konnten und das sagte er auch Gregory, der zitternd neben ihm saß. „Sie werden zurückkommen, Greg, sie haben es versprochen und sie sind keine Lügner. So schnell bekommt man Drachen nicht kaputt.“

„Wie hältst du das aus?“, fragte Gregory und konnte seinen Blick nicht von dem sich immer weiter rot färbenden Tuch lösen. Er war froh, dass er schon saß, denn sonst hätte er für nichts garantiert. Seine Hände zitterten und er hatte das Gefühl, dass ihm etwas langsam die Luft abdrückte. „Sie müssen zurück kommen.“

„Sie werden zurück kommen“, sagte Evren, doch die Wunde schmerzte ziemlich. Er hatte lange den Schmerz nicht mit Azhdahar teilen müssen. Beim Training gelang es keinem dem Prinzen zu schaden und auch sonst war der Drache sehr vorsichtig, weil er wusste, dass er von Verletzungen nicht nur allein etwas hatte. „Darrel würde dich niemals belügen. Er wird alles daran setzen zurückzukommen. Aber die Verbindung mit ihm würde ich trotz der Nachteile niemals missen. Es macht das Leben intensiver.“

Gregory wollte es wirklich glauben, aber so ganz ließ sich die Angst nicht vertreiben. „Wie genau muss ich mir das mit der Verbindung vorstellen?“, fragte er darum, um sich abzulenken, aber er war auch neugierig. „Ihr bekommt also die gleichen Verletzungen und was ist da noch?“

„Die Verletzungen sind nur ein Teil, wir haben unsere Gene gemischt. Frag mich nicht wie die Drachen das machen, aber wir sind jetzt ein Wesen in zwei Körpern. Ich habe nie das Gefühl allein zu sein und ich spüre, was Azhdahar spürt. Wenn er sich stößt, spüre ich das, wenn ich ihn berühre, spüre ich das selber auch. Glaube mir, das kann auch zu bestimmten Zeiten Vorteile haben“, grinste Evren dreckig, damit Gregory wusste, was er meinte. „Aber Sex ist nicht alles, mein Körper ist widerstandsfähiger, ich altere langsamer, meine Kraft wächst“, zählte er weiter auf.

„Oh“, machte Gregory und wurde rot, denn Evren hatte genau die richtigen Bilder in seinen Kopf gepflanzt. „Das ist wirklich eine gute Sache, wenn du dadurch stärker und widerstandsfähiger geworden bist. Könnt ihr auch die Gedanken des anderen lesen?“ Das war etwas was Gregory persönlich nicht so toll finden würde, denn ab und zu behielt er seine Gedanken lieber für sich.

„Nein“, sagte Evren ganz klar, drückte aber ein frisches Tuch auf die Wunde. Die Blutung ließ nach, das war ein gutes Zeichen, denn dann war Azhdahar noch am Leben und sein Körper heilte sich. „Er ist nicht in meinem Kopf und ich nicht in seinem. Aber er ist in meinen Empfindungen und spürt sie genauso wie ich seine. Noch ehe wir festgestellt haben, was wir für einander empfinden hatte er Sex mit jemand anderem und das war für mich körperlich die Hölle. Wir liefen damals völlig gegenpolig und es war furchtbar. Doch seit wir wissen, wo wir hin gehören, harmonisiert es sich.“

„Das ist gut“, murmelte Gregory. Wenn er seine Gedanken für sich behalten konnte, konnte er damit leben. Er brauchte ein wenig persönlichen Freiraum, nur für sich. Er wollte gerade etwas sagen, als ihm einfiel, was er da gerade gedacht hatte. Das war doch unsinnig. Er und Darrel hatten nicht so eine Verbindung, also war es müßig darüber nachzudenken. Allerdings konnte er nicht verhindern, dass es ihm einen Stich versetzte.

„Was ist los?“, wollte Evren wissen, der das Mienenspiel in Gregorys Gesicht beobachtet hatte. Es schien, als würde den jungen Mann etwas beschäftigen. „Machst du dir Sorgen um Darrel? Musst du nicht. Meine Wunde schließt sich, das heißt Azhdahar heilt. Und er ist der Heerführer, eher geht er in den Tod als das einer seiner Männer fällt.“

„Ja, das mache ich wirklich. Ich liebe ihn und er ist gerade dabei einen Krieg anzufangen.“ Gregory holte tief Luft und versuchte sich zu sammeln. „Wie alt werden Drachen überhaupt?“ wollte er wissen. Darrel war schon achttausend Jahre alt. Er selbst war also nur eine kleine Randerscheinung in Darrels Leben. Er lebte einfach nicht lange genug.

„Azhdahar ist etwas über zehntausend Jahre, sein Vater hat das zehnfache der Lebenszeit von Azhdahar hinter sich und er meinte, er stünde gerade im besten Alter und so wie ich Darrel verstanden habe, führt er diesen Krieg gegen die Kerle schon seit ein paar Jährchen. Hab etwas Vertrauen in ihn. Er liebt dich, er wird zurückkommen.“ Evren lächelte und legte zufrieden das Tuch beiseite. Die Wunde war fast verschwunden, pulsierte aber noch. Er fühlte sich auch nicht mehr so angespannt. Azhdahar schien zufrieden.

Gregorys Augen weiteten sich. „Heilige Scheiße mehr als hunderttausend Jahre und gerade im besten Alter“, murmelte der Pathologe und sackte in sich zusammen. Irgendwann würde Darrel sich noch nicht einmal mehr an ihn erinnern können, ihn einfach vergessen.

„Ihre Langlebigkeit ist auch ihr Pferdefuß. Sie haben Menschen durch das Portal geschickt die auf die Echsen aufpassen sollten und verpennt, dass Menschen viel kürzer leben – kein Wunder, dass die Drachen heute völlig vergessen worden sind. Aber du machst auch nicht gerade den Eindruck, als würde dich das hohe Alter nicht stören? Geht es um Darrel?“ Evren strich sich über das Bein, die Wunde war wieder zu - sehr schön.

„Ja...nein...“, stammelte Gregory und wurde sichtlich verlegen. Konnte man ihm so gut ansehen, was er dachte? „Ach verdammt noch mal, ich weiß nicht.“ Gregory stand auf und strich sich durch die Haare. „Mir ist nur gerade klar geworden, dass Darrels und meine Lebenserwartung ziemlich unterschiedlich sind.“

„Das ist leider so, Gregory“, sagte Evren. Er selbst hatte das gleiche Problem. Sie hatten zwar herausgefunden, dass er mit Azhdahars Genen langsamer alterte, doch wie alt er einmal werden würde, war keinem klar, denn Evren war der erste Mensch, dessen Genmaterial mit dem eines Drachen gemischt worden war. „Wenn ihr beiden euch wirklich sicher seid, gäbe es vielleicht auch für euch die Möglichkeit der Genmischung und du gewinnst ein paar Jahre. Aber der Vorgang ist nicht rückgängig zu machen – du solltest dir über die Vor- und Nachteile also sehr, sehr bewusst sein.“

Gregory ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen. „Du meinst, wenn wir wollen, können Darrel und ich auch unsere DNA vermischen?“ Die Vorstellung war erschreckend und wundervoll zugleich. Allein sich vorzustellen, länger zu leben, ließ sein Herz wie wild schlagen. „Ich weiß nicht, ob Darrel so etwas überhaupt will. Wir sind noch nicht so lange zusammen. Genau genommen erst seit unserer Ankunft hier.“

13 

„Ihr habt Zeit, Gregory, ihr habt Zeit“, sagte Evren eindringlich, froh darüber, dass Gregory gerade die Sorge um seinen Drachen vergessen hatte und sich ablenken ließ. „Ihr habt euch eben erst gefunden. Versucht ein gemeinsames Leben und wenn ihr in drei Jahren immer noch so denkt, steht dem ganzen sicherlich nichts im Weg. Azhdahar und ich hatten die Chance nicht.“ Doch vielleicht war das auch gut gewesen, dass sie nicht vorher die Zeit gehabt hatten sich kennen zu lernen. Erst ihre enge Bindung hatte sie zusammengeführt.

„Ich liebe ihn und ich weiß, dass er mich liebt und du hast Recht, wir haben Zeit.“ Allein die Möglichkeit zu haben, länger mit Darrel zusammen sein zu können, machte Gregory ruhiger. „Ich werde mit ihm darüber reden, wenn er wieder zurück ist und das ist hoffentlich bald.“ Seine Nervosität kam zurück, wie seine Angst.

„Sie sind schnell, aber keine Zauberer. Auf der Erde werden sie nicht fliegen. Sie würden zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, denn jede Ecke der Welt wird überwacht. Wir werden also noch ein paar Stunden Geduld haben müssen und weil ich gleich einschlafe mach ich mir noch einen Kaffee. Du auch, Werner? Greg?“ Evren erhob sich und streckte sich. Sein Bein war wieder völlig intakt und sein Adrenalinspiegel sank langsam.

„Ja, gerne“, sagten beide Männer und Gregory schielte auf Evrens Bein. „Wahnsinn, da ist nichts mehr zu sehen.“ Einmal prüfend darüber zu streichen, verkniff er sich lieber. „Ich würde auch gerne die Gewissheit haben, dass es Darrel gut geht, so wie du bei Azhdahar. Er wird nicht aufhören sie zu suchen und wenn er sie gefunden hat, dann wird er mit ihnen kämpfen.“

„Ja, Gregory, so wird es sein und du wirst ihn davon auch nicht abhalten können. Sicher, du kannst es versuchen“, sagte Evren und stellte das Wasser auf die glühenden Kohlen im Grill, „vielleicht wird er es dir zu liebe sogar aufgeben. Aber willst du das?“ Er sah den jungen Pathologen offen an. Er selbst wusste am besten, dass man den anderen nicht verbiegen darf – Azhdahar hatte es mit ihm versucht und es war fürchterlich eskaliert. „Nimm ihn wie er ist und er wird alles tun, um bei dir zu bleiben.“ Er lächelte.

„Ich habe mich in ihn verliebt, als ich noch nicht wusste, wer er wirklich ist und es hat sich nichts verändert, seit ich weiß, dass er kein Mensch ist.“ Er war geschockt gewesen, gar keine Frage. Ängstlich, aber nicht eine Sekunde hatte er Darrel nicht geliebt. „Ich will ihn nicht ändern, denn ich habe mich für ihn entschieden, so wie er ist. Ich hatte die Chance zu gehen, dass weiß ich. Ich habe es in seinen Augen gesehen, aber das will ich nicht. Das kann ich nicht, denn es wäre, als wenn ich mich selbst auseinander reißen würde.“

Evren lächelte und strich Gregory durch die Haare, dabei huschte Sally über seinen Arm zu Gregory, der auf Giny aufpasste. Es passte der Echse gar nicht, noch nie war sie so lange und so weit von ihrem Drachen entfernt gewesen und so huschte sie unruhig durch Gregorys Pullover. „So wie du kürzer treten willst in deinem Job, wird er es auch tun. Seine Risikobereitschaft wird sinken. Jetzt ist er nicht mehr allein.“ Selbst bei Azhdahar war das so gewesen und nicht nur, weil der Prinz die körperliche Verbindung mit seinem Geliebten hatte.

„Ich weiß nur nicht, wie das klappen soll. Ich kann meinen Job nicht nur halb machen. Das wäre nicht fair den Familien der Opfer gegenüber. Sie wollen wissen, was mit ihrem geliebten Menschen passiert ist und ich muss helfen die Mörder zu finden und vor Gericht zu bringen.“ Man hörte Gregory an, wie zerrissen er war. Hier war es einfach, kürzer zu treten und sich Freizeit zu gönnen, aber er wusste genau, dass sich das änderte, wenn er wieder im Institut war und das würde unweigerlich zu Streit führen, denn Darrel hatte ihm schon mehr als einmal gesagt, dass er das nicht mehr hinnehmen würde.

Evren biss sich von innen gegen die Lippen, kaute darauf herum, denn er dachte nach. „Es würde sowieso keinen Sinn machen, wenn du sowas für ihn tust. Entweder begreifst du, dass es deiner Gesundheit auf die Dauer nicht gut tut, wie du im Moment lebst oder du begreifst es nicht. Da kann dir keiner reinreden – wenn es in deinem Kopf nicht klick macht, wirst du immer mit dem schlechten Gewissen ins Bett gehen, nicht genug getan zu haben. Greg“ Evren sah seinen jungen Kollegen eindringlich an, „versuch nicht die Welt zu retten, das kannst du nicht. Und auch im Sinne deiner Klienten solltest du auf dich aufpassen. Denn je früher dein Herzinfarkt kommt, umso weniger wirst du ihnen hinterher noch helfen können.“

Gregory ließ sich nach hinten gegen die Lehne des Stuhls sinken und seufzte. Er streichelte die beiden Echsen durch sein Shirt, war aber nicht wirklich bei der Sache. „Das weiß ich alles, Evren, glaub mir, aber in dieser Sache kann ich mir nicht trauen.“ Er lächelte, aber es wirkte traurig, nicht fröhlich. „Ich muss einen radikalen Schnitt machen, anders geht es nicht. Mein Leben wie bisher kann ich nicht mehr so weiterführen und das will ich auch gar nicht. Nicht wenn es bedeutet, dass ich Darrel verlieren könnte. Wie gesagt. Entweder ganz oder gar nicht.“

„Wir suchen jemanden, der hier weiter macht, wenn wir zurück müssen nach Berlin“, sagte Werner, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. „Da Evren und Azhdahar diese Untersuchungen hier privat bezahlen und nicht über das Institut, können sie auch jemanden anstellen ohne sich darüber mit einem Aufsichtsrat unterhalten zu müssen. Uns allen wäre geholfen.“

„Stimmt!“ Evren nickte, „wenn du Lust hast, kannst du hier anfangen. Wenn die beiden Kriechtiere wirklich das Dorf gefunden haben, dann werden wir hier einiges zu tun bekommen.“ Er grinste frech.

Wie von der Tarantel gestochen schoss Gregory hoch, was den Echsen nicht gefiel, denn sie wurden unter dem Shirt herumgewirbelt. „Tschuldigung“, murmelt der Pathologe und streichelte sie. „Du meinst, ich könnte hier weiter machen?“, fragte er, so als wenn er sich nicht sicher war, dass er es richtig verstanden hatte.

„Ja“, war die anfangs auch etwas verwirrte Antwort von Evren, der die intensive Reaktion nicht verstehen konnte. Schließlich war das hier sein Job, er wurde dafür bezahlt, das hier auszugraben und zu erforschen. Bei Gregory war das völlig anders. Und so begriff er und nickte etwas intensiver. „Ja, wenn du das möchtest, wirst du unser Angestellter. Aber dann ist das hier nicht nur Urlaub und für drei Wochen im Jahr, dann wäre das hier dein täglich Brot.“ Er musste zwar noch mit Azhdahar reden, denn sie hatten dies hier gemeinsam inne, doch er glaubte nicht, dass sein Prinz etwas gegen den Geliebten eines Drachen einzuwenden hatte und sein Wissen kam ihrer Forschung sehr zu pass. „Allerdings wirst du dann zeitnah die Sprache zumindest lesen lernen müssen, kann deine Libido damit leben?“ Er grinste dreckig und angelte nach den Bechern mit dem Kaffeepulver. Das Wasser kochte gleich.

„Wow“, murmelte Gregory und ließ sich wieder auf seinen Stuhl plumpsen. Das war der Silberstreif am Horizont, den er gesucht und anscheinend gefunden hatte. Eine Möglichkeit aus seiner Tretmühle heraus zu kommen und gleichzeitig etwas zu tun, was er liebte. „Ich werde mein Kriechtier fragen, ob es ihm gefallen würde und wenn ja, hast du wohl einen neuen Angestellten.“ Er fing an zu grinsen, dass sein Mund fast seine Ohren erreichte. „Das mit der Libido krieg ich hin. Du weißt doch. Ganz oder gar nicht.“

„Sorg aber dafür, dass dein Kriechtier mich leben lässt, wenn es heraus findet, dass der Sex ausfällt, weil du dich auf deinen neuen Job vorbereiten musst“, musste Evren noch einen draufsetzen, dann suchte er seinen Topflappen, um endlich den Kaffee zuzubereiten und zu verteilen. Auch an ihm zerrte langsam die Nacht. Die Anspannung war gewichen, er wusste, dass es Azhdahar gut ging. Jetzt mussten die Drachen nur endlich wieder hier auftauchen, damit dieser Tag endlich enden konnte.

Gregory holte Tassen und die ganze Zeit konnte er nicht aufhören zu grinsen. Er konnte es gar nicht erwarten, dass Darrel wieder da war und er ihm davon erzählen konnte. Zwar fühlte er Bedauern, dass er seinen Job aufgeben würde, aber er wusste, dass es die richtige Entscheidung war.

„Kaffee, lecker!“, hörten sie es aus dem Dunkel des Dschungels und Evrens Kopf schoss hoch! „Azhdahar!“, rief er und ließ seinen Kaffee stehen. Doch er stutzte, als er drei Gestalten aus dem Dunkel ins Licht des Feuers treten sah. Zwischen Azhdahar und Darrel lief ein dritter Mann. Wer war das?

„Wir haben einen Gast mitgebracht, der uns aber gleich wieder verlassen wird, denn er war schon sehr lange nicht mehr Zuhause.“ Azhdahar zerrte Letho mit sich, aber er schüttelte den Kopf, als Evren zu ihm kommen wollte. Er wollte seinen Geliebten nicht in der Nähe dieses Verräters haben. „Darrel und ich bringen ihn zum Transporter, sind gleich wieder da.“

Eilig suchte Darrel Gregorys Blick. Er spürte wie er sezierend begutachtet wurde, ob auch ja keine Blessuren zurückgeblieben waren. Er liebte die streichelnden Blicke auf seinem Körper und so war er noch vor Azhdahar damit beschäftigt, den Drachen Richtung Tor zu zerren, Azhdahar auf der anderen Seite des Mannes folgte ihm. Sie wollten es beide hinter sich haben – schnellstens!

Evren hielt Gregory zurück, als dieser folgen wollte. „Gleich“, versprach er.

Gregory erschauderte, als er begriff, was Evren meinte, aber gleichzeitig konnte sein Herz zerspringen vor Glück. Es war wie ein Bad in warmem Sonnenschein, zu wissen, dass Darrel ihn beschützte und sich um ihn sorgte. „Beeil dich“, flüsterte er leise und verknotete seine Finger. Er wollte sich selbst überzeugen, dass es Darrel gut ging.

„Du hast es gehört“, knurrte Darrel, „ich habe keine Zeit.“ Er zog noch etwas intensiver an dem Verräter und nur das Wissen darum, dass der Kerl ihnen viele Fragen beantworten konnte und wohl auch würde, wenn sie erst einmal mit ihm fertig waren, ließ ihn davon absehen, ihm gleich das Genick zu brechen. Er griff den Arm des gefesselten Drachen noch fester, seine Nägel bohrten sich tief in das Fleisch.

Der Gefangene wehrte sich heftig, je näher sie dem Portal kamen. Er wusste, dass er sterben würde, wenn es ihm nicht gelänge sich zu befreien, aber er hatte keine Chance. Azhdahar und Darrel hielten ihn fest. „Das könnt ihr nicht machen. Ihr dürft mich nicht zurück schicken. Ich bin im Auftrag des Königs hier. Ihr habt kein Recht mich festzuhalten“, rief er panisch und versuchte sich loszureißen.

„Ich glaube, dein Job hatte eine Verjährungsfrist“, knurrte Darrel und zerrte weiter. Sie liefen den schmalen Pfad zum Grab hinauf. „und soweit ich weiß, hast du bis heute keinen Gedanken an deinen Job verschwendet. Blöd nur wenn einen die Vergangenheit einholt.“ Er würde lügen, wenn er sagen würde, es wäre keine Absicht gewesen, als er den Drachen durch die niedrigen Öffnung schubste und der sich den Kopf anstieß.

„Nein“, kreischte der Drache und zerrte an seinen Fesseln. Azhdahar legte von hinten den Arm um seinen Hals und zischte böse. „Niemand verarscht den König ungestraft. Du wirst büßen für diesen Frevel, genau wie deine Kumpanen. Wir werden sie finden und dann werden sie ihre Strafe bekommen.“

„Naja“, lachte Darrel kalt, als er weiter auf das Portal in der unscheinbaren Ecke des Grabes zuging. Es war stockdunkel, doch die Drachen sahen auch jetzt noch die wichtigsten Silhouetten. Am unteren Ende des Tores blinkte eine kleine rote Lampe und signalisierte Bereitschaft. „zumindest die, die ich noch nicht zur Strecke gebracht habe. Sei also froh dass du den Typen nicht folgen musst, sondern einen fairen Prozess bekommst.“ Wieder schubste er den Kerl ein Stück dichter an das Portal.

Sie hielten vor dem Portal an und Azhdahar nahm Verbindung mit Arlan auf. Er forderte Wachen an, die Letho auf Gidoria in Empfang nehmen sollten. Auch wenn Arlan überrascht schien, dass sie so schnell Erfolg hatten, bestätigte er den Befehl nur knapp und meldetet sich keine zwei Minuten später wieder, dass alles bereit wäre.

„So, ab nach Hause. Deine Mama wartet schon mit dem Essen“, knurrte Darrel und gab dem verdutzten Drachen einen kräftigen Schubs in den Rücken, so dass er mehr durch das Portal stolperte als dass er es durchschritt. Umso besser, so fiel er den Wachen gleich vor die Füße, dann mussten die den Dreck nur noch aufkehren und verwahren. Sie würden sich morgen umhören, wie es nun weiter gehen sollte. Jetzt wollten sie nur noch zu ihren Menschen und eine Mütze voll Ruhe.

Sie blieben vor dem Portal stehen, bis Arlan bestätigte, dass sie den Verräter in Gewahrsam genommen hatten. Azhdahar streckte sich kurz. „Gute Arbeit, Darrel“, sagte er anerkennend und schlug dem anderen Drachen auf die Schulter.

„Danke“, sagte Darrel und war schon auf dem Weg raus aus dem Grab. Er wollte nur noch zu Greg und dann schlafen – ihn bei sich spüren und wissen, dass er das richtige tat. „Ich mach das auch schon eine Weile, sie lebend zu fassen, war allerdings das erste Mal. Tut mir leid, dass du wegen meiner Blödheit verwundet wurdest und vor allem, dass der arme Evren da auch was von hatte.“ Das wurmte Darrel.

„Betrachte es als dein Einstandsgeschenk in meine Truppe und mach dir keine Gedanken. Evren geht es gut.“ Azhdahar schloss zu Darrel auf und grinste. „Los, lassen wir uns untersuchen, damit unsere Lieblinge beruhigt sind.“ Er wusste ganz genau, dass Evren sich jeden Zentimeter seines Körpers vornehmen würde, auch wenn er nie zugeben würde, dass er sich Sorgen gemacht hatte.

„Ich will nur noch was essen und dann liegen bleiben, wo ich umfalle. Ich gebe es nicht gern zu aber, ich bin allmählich auch platt. Das war ein langer Tag.“ Darrel strich sich durch die Haare. Er war dreckig, staubig und verschwitzt. Und auch wenn er das kalte Wasser nicht mochte, war es doch verlockend, sonst schleppte er nur den ganzen Dreck ins Zelt und ins Bett. Das war keine Option. Und so nahm er Anlauf, lief los und mit einem lauten Platsch ließ er alle wissen, wo er gerade war.

Er tauchte gerade wieder auf, als er Gregory auf ihn zulaufen sah. Sein Schatz lachte laut, als er sich ins Wasser, auf Darrel warf. „Du bist wieder da“, rief Gregory und küsste seinen Drachen wild und ungezügelt. Dabei war es ihm egal, dass sie dabei wieder unter Wasser tauchten. Er musste das jetzt haben, sonst wurde er verrückt.

Darrel sorgte dafür, dass sie wieder an die Oberfläche trieben und ruderte mit Gregory dem Ufer entgegen, um besseren Halt im Grund zu finden. Doch den Kuss löste er nicht, im Gegenteil. Er schlang die Arme fest um seinen Freund, drückte ihn fest an sich und musste sich erst wieder versichern, dass sie zusammen waren.

Azhdahar ging derweil ins Lager und Evren erwartete ihn schon mit einer Tasse Kaffee und einer Taschenlampe.

„Kann losgehen“, lachte Azhdahar und breitete die Arme aus, aber bevor er Evren mit seiner Untersuchung beginnen ließ, zog er ihn zu einem tiefen Kuss an sich. „Was macht das Bein?“, fragte er nach dem Kuss, vergrub sein Gesicht in den hellen Haaren.

„Ich musste es leider amputieren lassen. Aber da ich ja jetzt die Gene einer Eidechse habe, ist es nachgewachsen – man sieht kaum noch was“, konnte sich Evren nicht verkneifen. Er war sehr erleichtert, sowohl seinen Drachen als auch dessen neuen Freund in einem Stück wieder zu haben. Er intensivierte den Kuss noch einmal, ehe er seinem Drachen dabei das Hemd auszog, schließlich stand noch eine Leibesvisitation an.

Azhdahar lachte leise in den Kuss und half Evren ihn auszuziehen. „Du darfst mir heute Nacht ein paar orangefarbene Punkte malen, wenn du möchtest“, bot er an. Das war seine Art sich dafür zu entschuldigen, was sein Liebling die letzten Stunden hatte durchmachen müssen.

„Ich nehme Fingerfarbe, wenn du morgen früh badest, sieht die dann keiner mehr“, bedankte sich Evren und zog seinen Drachen mit sich zum Tisch. Er ließ sich auf die stabile Holzbank sinken und zog Azhdahar mit sich, küsste ihn aber weiter. Dabei wanderten seine Finger und untersuchten die Haut. Dabei wusste er es doch besser. Der Drache konnte keine Wunden haben, von denen Evren nichts wusste. Doch er brauchte die Vergewisserung.

„Nicht nötig. Jeder hier im Camp weiß, dass ich dir mit Haut und Haar verfallen bin. Ich werde die Punkte mit Stolz tragen, weil ich dich liebe. Es tut mir nur leid, dass ich nicht lila bin.“ Azhdahar zog Evren näher zu sich und seufzte leise, als die Finger langsam anfingen sich streichelnd über seine Haut zu bewegen.

„Du bist perfekt, so wie du bist und deswegen werde ich auch nicht Hand an dich legen“, flüsterte Evren gegen die Lippen seines Drachen. Er hatte alles um sich herum ausgeblendet, er hatte Werner vergessen, er hatte Darrel und Gregory vergessen. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals jemanden so intensiv lieben können würde wie dich. Und heute Nacht, als ich Angst um dich hatte, ist mir das schmerzlich klar geworden.“

Gregory sah ihnen hinterher und lächelte. Er beneidete die beiden ein wenig, um das Band, das sie verband. Es musste unglaublich sein, sich dem anderen immer so nah zu fühlen. „Bist du verletzt?“, fragte er Darrel. Er war noch gar nicht dazu gekommen, wie Evren seinen Drachen zu untersuchen.

Doch der lachte nur und schüttelte den Kopf. Das Wasser reichte ihnen jetzt nun noch bis zur Hüfte und er wollte jetzt gern aus den nassen Klamotten raus. „Nein, dank des Prinzen bin ich heile geblieben. Er hatte eine Kugel ins Bein bekommen, die eigentlich für mich gedacht gewesen ist. Aber wie dem Prinzen auch, hätte sie mir nicht viel anhaben können. Also musst du dir um mich keine Sorgen machen, Schatz.“ Er hielt Gregorys Hände in seinen und küsste sie sanft, sah seinem Schatz dabei aber immer in die Augen.

Gregory atmete erleichtert auf und er lächelte. Sie hielten sich mit Blicken fest und noch nie hatte er sich so sicher und geborgen gefühlt wie jetzt. „Ich werde meinen Job im Institut aufgeben und für Evren arbeiten, wenn du nichts dagegen hast. Ich will nicht wieder in meinen alten Trott verfallen und dich vielleicht verlieren.“

„Egal was deine Entscheidung ist, Schatz, wenn du es nicht willst, wirst du mich nicht verlieren, aber ich würde lügen, wenn ich sagte, ich fände es schade, dass du nicht in den Dienst im Leichenkeller zurückkehrst.“ Darrel lächelte, doch es wirkte offen und nicht selbstzufrieden, auch wenn er eigentlich mit Gregorys Entscheidung sehr zufrieden war. „Wenn es gilt nach dem Grab auch das Dorf zu erkunden, um mehr über die Götterkinder zu entdecken, dann kann er fähige Hilfe von dir brauchen und ich besuche dich auch lieber hier als im fensterlosen Keller in New York.“ Und wieder trafen sich ihre Lippen.

„Dann werde ich morgen gleich meine Kündigung schreiben“, lachte Gregory nach dem Kuss und schlang seine Arme fest um seinen Geliebten. „Du bringst mein Leben vollkommen durcheinander und das ist einfach wunderbar.“ Es war erstaunlich, wie leicht es ihm fiel, seinen Job, der ihm bisher so viel bedeutet hatte, einfach aufzugeben. Wieder trafen sich ihre Lippen und dann zog Gregory Darrel aus dem Wasser.

„Ich tu mein bestes“ Darrel verbeugte sich ein wenig und stieg zusammen mit Gregory an Land. Dabei zog er sich die nassen Kleider aus, und war fest nackt, als er endlich an ihrem Zelt angekommen war. Was würde er jetzt für eine Dusche geben, doch er war zufrieden mit dem, was er hatte. Also suchte er sich saubere Kleider und zog sich im Vorzelt endlich um. So fühlte er sich schon besser. Er lachte leise, als er sah, wie intensiv Gregory ihn dabei beobachtete und sicher gehen wollte, das Darrel wirklich nicht verletzt war.

Er ging sogar langsam um seinen Freund herum und erst dann wirkte er wirklich zufrieden. „Hunger?“, fragte Gregory und zog sich endlich auch aus. Dabei grinste er spitzbübisch. „Im Angebot hätte ich ein paar saftige Steaks und mich. Du darfst dir die Reihenfolge aussuchen.“

Darrel lachte rau und zog seinen nackten und nassen Schatz zu sich, rubbelte ihn ein bisschen trocken. Aber eigentlich war das nur ein Alibi, um den Körper unter seinen Händen spüren zu dürfen. „Bist du mir sehr böse, wenn ich erst etwas zu essen brauche, ehe ich mich an dir gütlich halte?“ seine Nase strich durch das feuchte, braune Haar und er schloss die Augen.

„Nein, natürlich nicht. Es kommt doch auch mir zugute, wenn du dich vorher stärkst.“ Gregory ließ sich halten und küsste Darrel auf den Hals. Er atmete tief ein und schloss die Augen. Darrel roch so gut und jetzt wusste er auch, dass es nicht an dem After Shave lag, dass sein Freund benutzte.

„Dann ziehen wir dir am besten noch etwas an, nicht dass du dir am Grill wichtige Teile anbrennst, die ich vielleicht nachher noch gebrauchen könnte.“ Darrel half Gregory in Hosen und Pullover und so kamen sie zum Grill, wo Azhdahar schon dabei war, sich ebenfalls zu versorgen. Auch an ihm war der Tag nicht spurlos vorbei gegangen.

Und so ließen sie den Tag - eigentlich schon den frühen Morgen – am Grill ausklingen, ehe sie in ihren Zelten verschwanden.

Bevor sie in ihr Schlafzelt gingen, zog Gregory Darrel an sich. „Danke“, murmelte er leise und sah seinem Liebling fest in die Augen. „Danke, dass du in mein Leben getreten bist und dass du die Geduld hattest, auf mich zu warten. Ich lasse mein altes Leben und die Welt in der ich bisher gelebt habe hinter mir und es fällt mir gar nicht schwer, denn ab heute fängt für mich etwas Neues an, mit dir zusammen.“ Er küsste Darrel mit all seiner Liebe und sah ihn dann lächelnd an. „Gemeinsam werden wir beide Welten erforschen, deine und meine und werden sie zu unserer machen. Unsere Liebe füreinander, unser Wissen und deine Kraft werden dabei helfen sie zu schützen und zu erhalten. Wir beide zusammen, für immer.“

 

Ende


Danke fürs Lesen