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Zyklus VII - Hangzhou Provinz - Teil 1-3

Hangzhou Provinz – Maru-Yane GX12-38

01

„Sharin, jetzt mach!“ Kublai rannte seinem Bruder davon, denn der hatte wieder getrödelt und jetzt hatten sie den Salat. Der General hatte zur Teambesprechung für den nächsten Außeneinsatz geladen und sie waren zu spät. Jedes Mal passierte das – jedes Mal! Sharin trödelte und Kublai trödelte mit. Wenn das so weiter ging, war klar, dass sie ausgemustert werden würden, denn wenn der General eines nicht akzeptierte, war das Unzuverlässigkeit. Bei ihren Einsätzen musste man sich blind auf einander verlassen können. Wenn das nicht gegeben war, wurde man aussortiert, egal wie erfolgreich man die harte Ausbildung abgeschlossen hatte.

„Hättest ja schon mal vor gehen können!“ Sharin sah nicht ein, dass er ständig den Frust seines Bruders ausbaden musste. Doch sie hatten Glück, es war eine Punktlandung. Eben wollte ihr Colonel die Türen schließen, da konnten die beiden kleinen, aber drahtigen Brüder noch durch den Spalt schlüpfen. Doch wenn sie glaubten, Akuma hätte es nicht bemerkt, so hatten sie sich getäuscht – dem jungen General entging nichts. Und so sah er sie an, bis sie beschämt den Blick senkten. Manchmal konnte man glauben, er wäre kein Mensch.

„Darüber reden wir noch“, zischte der Colonel. Bahadur war sowieso schon angepisst, dass man ihn General Akuma zugeteilt hatte und jetzt kamen auch noch zwei seiner Männer fast zu spät. Da waren mal wieder ein paar Strafeinheiten fällig. Er setzte sich auf seinen Platz und sah finster zu Akuma. Wie konnte man so einen Grünschnabel zum General machen? Er war gerade mal 21 Jahre alt. „Alle vollzählig, General“, brummte Bahadur missgelaunt und die Brüder zogen den Kopf ein, weil sie genau wussten, dass sie der Grund dafür waren. Und sie wussten auch, wie sich die nächsten Tage gestalten würden.

„Wir haben wenig Zeit“, erklärte Akuma, als er sich erhob. Mit ein paar schnellen Handgriffen war das Hologramm neben ihm aktiviert und zeigte das Abbild einer Kuppel. „Dies ist unser nächstes Ziel. Garon und seine Männer sind erst vor einer Stunde zurück gekommen. Sie haben das Labor ausfindig gemacht, in dem die Saubande das Zeug zusammen rührt.“ Mit stoischer Miene wandte sich der General dem Bild zu und deutete auf ein paar Punkte. Monatelang hatten sie Recherchen betrieben. Unter Einsatz ihres Lebens hatten ihre Leute sich in die Kuppeln eingeschlichen. Leicht war es nicht gewesen, die Sicherheitsschleusen zu überlisten. Doch ihr Informant aus San Francisco GX hatte wieder einmal gute Arbeit geleistet.

„Wir werden von mehreren Seiten gleichzeitig angreifen, hier, hier und hier.“ Akuma zeigte auf drei Punkte. „Sprengladungen legen und wieder verschwinden. Damit haben wir alle wichtigen Bereiche lahm gelegt und sie werden das Labor nicht mehr benutzen können.“ Die Zeit hatte gezeigt, dass sie mit Guerillatechnik den größten Erfolg hatten und maximalen Schaden anrichten konnten. Sein Blick schweifte über die Anwesenden und blieb plötzlich an einem Mann unweit der Tür hängen. Er kannte ihn vom Sehen und die hellen, stechenden Augen zeigten deutlich, dass er einer von denen war. Er war kein Mensch, er war ein Vampir – ihre Clans hatten sich vor vielen hundert Jahren zusammengeschlossen, weil sie einander gebraucht hatten und gemeinsam waren sie die Jiang Shi.

Es war das erste Mal, dass er mit Bahadur zusammenarbeiten sollte, bisher kannte er dessen Fähigkeiten nur vom Hörensagen. Doch er soll der beste Sprengmeister sein, den Tashquai jemals ausgebildet hatte. Die Soldaten witzelten, er würde sogar Blätter mit bloßen Händen zum explodieren bringen können. Jetzt konnte der Kerl zeigen, was er drauf hatte.

Bahadur spürte den Blick auf sich und sah unverwandt zurück. Er wusste nicht, was er davon halten sollte, dass man einen jungen Mann, fast noch ein Kind zum General gemacht hatte. Gut, er mochte ein hervorragender Attentäter sein, aber das war nicht alles, was man für diesen Job brauchte, und ob der Junge diese Qualitäten hatte, musste sich erst noch zeigen. Seine Männer mussten davon nichts mitbekommen, doch er selbst würde den Kerl noch auf die Probe stellen, ehe er seine Männer in dessen Hände spielte. Der Kerl war ein simpler Mensch, stark und schnell machten ihn doch nur die Substanzen, die aus dem Blut der Vampire synthetisiert wurden. Ohne diese Mittel, da war sich Bahadur sicher, wäre der Grünschnabel nur ein Grünschnabel, würde in der Küche Kartoffeln schälen und sich bei Gewitter unter der Decke verstecken.

„Morgen Mittag werden wir abrücken. Die Wagen werden bereit stehen.“ Dass sie pünktlich aufbrachen, erwähnte Akuma nicht. Seine Männer wussten, dass zurück blieb, wer zu spät kam. Seine Augen blitzten, als er Bahadur noch einmal musterte. Unter den weinroten Haaren stach seine helle Haut ungesund blass hervor und die dunklen Augen machten seine Ausstrahlung noch bedrohlicher. Auch der lange, schwere Ledermantel und die wirre Frisur machten ihn für die, die ihn noch nicht kannten, unheimlich. Doch genau das war Akumas Absicht. Sie sollten ihn niemals unterschätzen, ihm niemals den Rücken zukehren und niemals einen Fehler machen.

Ganz entgegen seiner Gedanken, nickte Bahadur. Er war dieser Mission zugeteilt worden und es hing zum großen Teil von ihm ab, ob sie erfolgreich waren oder nicht. Er war für den Sprengstoff verantwortlich und musste den größtmöglichen Schaden mit den minimalsten Mitteln erzielen. Sie konnten nicht Unmengen an Sprengstoff mit sich führen. Darum hatte er alle Unterlagen, die ihre Spione mitgebracht hatten, studiert und die richtigen Orte für die Sprengladungen ausgesucht.

Ihr Ziel war ein Gen-Labor, in dem Menschen, die sich die Gottgleichen nannten, Experimente an ihrer eigenen Rasse planten. Bahadur würde diese Menschen nie verstehen. Er wusste nur, dass man diese Wahnsinnigen aufhalten musste und er geschworen hatte, sein Leben dafür zu geben. Es war schon viele Jahre her, dass ihre Kuppel endlich von den Machenschaften der Gottgleichen hatte befreit werden können und seit dem versuchten sie, so viele Nachbarkuppeln wie nur möglich zu befreien und sie dazu zu bringen, sich ihrem Kampf anzuschließen. Akuma stammte aus solch einer Kuppel. Doch das war alles, was man über den jungen General wusste. Seine Akte war spärlich – ein weiterer Grund, warum Bahadur ihm nicht über den Weg traute.

„Noch Fragen!“ Akuma sah in die Runde und jeder, der morgen noch mit ihm arbeiten wollte, wusste, was die richtige Antwort darauf war.

Schweigen.

Die Männer schüttelten die Köpfe und Akuma löste die Besprechung auf. Bei seinen Männern war er sicher, dass sie am nächsten Morgen pünktlich zur Stelle und gut vorbereitet waren, aber bei der Truppe von Bahadur, war er sich  nicht sicher. Allein schon, dass zwei von ihnen fast zu spät gekommen waren, zeigte ihm, dass der Prinz seine Männer nicht besonders gut im Griff hatte. So beobachtete er die Truppe beim Abzug, vor allem aber hatte er den Colonel im Blick. Akuma traute ihm nicht über den Weg. Vielleicht weil er der Sohn des Clanchefs war, vielleicht, weil er ein Vampir war – vielleicht aber auch nur, weil er ihn so komisch anguckte. Er kam auf Bahadur zu und blieb vor ihm stehen.

„General?“ sagte Bahadur und nahm Haltung an, so wie es sich gehörte. Schließlich hatte ihn ein höherer Dienstgrad angesprochen. Bahadur war sich sicher, dass Akuma ihn auf seine beiden Männer ansprechen würde. Dass der General über ihren Auftritt nicht begeistert war, hatte man deutlich gesehen. Darum blickte der Prinz recht finster.

„Sind sie in der Lage, dafür zu sorgen, dass wir morgen pünktlich weg kommen oder sollen wir lieber ohne ihre Einheit aufbrechen?“, wollte Akuma wissen und seine dunklen Augen fixierten den Vampir. Eigentlich bewunderte er diese Wesen für ihre Kraft, ihre Schnelligkeit und ihre geschärften Sinne, doch der junge Colonel lag ihm quer.

„Selbstverständlich werden wir pünktlich sein“, presste Bahadur zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. Hatte er also nicht falsch gelegen. Dieser Grünschnabel, zweifelte an seinem Können und an seiner Führungsqualität. „Aber es ist ihre Entscheidung, ob wir an der Mission teilnehmen oder nicht.“

„Ich entscheide, sie werden teilnehmen. Aber eines sage ich ihnen“, Akuma kam ganz dicht an Bahadur heran und flüsterte: „Sollte wegen der Unzuverlässigkeit ihrer Männer und deren Colonels etwas schief gehen, haben wir beide ein Tänzchen. Niemand versaut mir meine Einsätze ungestraft.“

Bahadur kochte vor Wut, allerdings hatte er sich so gut im Griff, dass man nur an seinem versteinerten Gesichtsausdruck merken konnte, dass es ihn ziemlich viel Kraft kostete, den anderen Mann nicht mit einem gezielten Schlag niederzustrecken. „Dann werden wir wohl ein Tänzchen haben, denn ich gehe davon aus, dass wir es gar nicht richtig machen können nach dieser Ansage. Wir können uns den Umweg über die Mission auch sparen und es gleich zwischen uns austragen.“ Bahadur sah Akuma herausfordernd an. Was bildete sich das Kind ein, ihm Unfähigkeit zu unterstellen?

Akuma hob eine Braue. Er verschränkte die Arme vor der Brust. Das schwere Leder seines Mantels knisterte leise und die Beschläge klirrten auf einander. Kurz verzog sich einer seiner Mundwinkel. „Haben sie mich gerade herausgefordert oder habe ich mich nur verhört?“, wollte er mit fordernder Stimme wissen. Der Kerl wusste wohl nicht, wen er vor sich hatte?

„Das ist ihre Entscheidung, wie sie das werten. Ich bin nur der Meinung, dass meine Männer es nicht ausbaden sollen, wenn sie ein Problem mit mir haben.“ Bahadur nahm seine Worte nicht zurück. Er wusste, dass Akuma ein starker Kämpfer war, aber er selber war auch nicht gerade untrainiert. Wenn Akuma einen Kampf wollte, sollte er ihn haben.

„Ich werde gerade das Gefühl nicht los, dass sich der Sohn des Clanchefs ein kleines bisschen für zu wichtig nimmt“, erklärte der General und lehnte sich neben Bahadur gegen die Wand. Doch er ließ den Vampir nicht aus den Augen. Der Spinner würde sich noch wundern. „Ihre Männer baden aus, was sie sich eingebrockt haben. Vier Uhr war gesagt. Nicht eine Minute nach vier. Aber man wird es ihnen wohl vorgelebt haben.“ Akumas Augen verschmälerten sich.

Bahadur ballte die Fäuste und seine Augen blitzten zornig. Am liebsten würde er diesen Wichtigtuer in der Luft zerreißen, aber er atmete tief durch. „Ich werde meine Männer dementsprechend instruieren. Wir werden pünktlich abmarschbereit sein.“

„Wunderbar, wie ich sehe, verstehen wir uns vortrefflich. Nichts anderes habe ich erwartet.“ Akuma stieß sich von der Wand ab und verließ den Raum, der Kerl würde sich noch wundern. Er unterschätzte den falschen Mann. Er kannte die Gerüchte, er wusste, dass nicht jeder begriff, wie man mit 21 Jahren zum General der Streitmächte werden konnte. Doch Akumas Weg dorthin war lang gewesen, entbehrungsreich und schmerzvoll. Schon früh hatte er auf eigenen Beinen stehen müssen. Ihn trieb die Rache dafür, was seiner Familie widerfahren war. Und Rache war der beste Treibstoff, den Akuma sich nur vorstellen konnte.

Bahadur sah ihm hinterher und als sich die Tür hinter Akuma schloss, fluchte er leise vor sich hin. „Arschloch“, zischte er leise. Warum hatte man ihn ausgerechnet diesem Wichtigtuer zuteilen müssen? Der ging doch über Leichen, nur um zu beweisen, dass er kein Versager war. Nicht mit ihm. Da machte er nicht mit, dass er seine Männer verheizte nur um hinterher gut dazustehen.

„Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen, Colonel, ich glaube, sie haben sich gerade den falschen Mann zum Feind gemacht“, sagte Tarek, dann war auch er verschwunden. Wenn General Akuma etwas Ähnliches wie einen Freund hatte, dann war es Tarek. Doch er war mehr jemand, mit dem Akuma die Zeit tot schlug, wenn er nicht gerade auf einem Einsatz war oder trainierte. So hatte Tarek kurzerhand beschlossen, ebenfalls zu trainieren. Sie verbrachten etwas Zeit und tauschten Gedanken aus, was meistens so aussah, dass Tarek redete und Akuma zustimmend oder ablehnend knurrte.

„Als ob ich mir das ausgesucht hätte. Er hat angefangen und ich werde ganz bestimmt nicht vor ihm kuschen“, zischte Bahadur leise und drehte sich um. Er fasste die beiden Brüder ins Auge, die ihm den ganzen Ärger eingebrockt hatten. „Was war das für eine Aktion gerade?“

Sharin zog den Kopf ein und auch Kublai hatte mit einer solchen Ansprache schon gerechnet. „Es war nicht unsere schuld!“, versicherte Sharin, doch Kublai widersprach ihm.

„Doch das war es“, sagte er, denn er wusste nur zu gut, dass Colonel Bahadur es hasste, wenn er belogen wurde und seine Fähigkeiten ließen ihn spüren, ob er belogen wurde. Besser, man versuchte es gar nicht erst. Das würde sein Bruder auch noch lernen. „Wir sind zu spät losgegangen. Es wird niemals wieder vorkommen!“

Kublai wusste nicht, wen er furchteinflößender finden sollte. Den Colonel oder den General. „Das glaube ich auch, denn wenn ihr euch noch einmal so etwas erlaubt, dann seid ihr draußen.“ Bahadur kannte da kein Pardon. Er hatte seine Männer nach ihren Fähigkeiten ausgesucht und sie waren alle ausnahmslos Meister in ihrem Fach, aber wenn er sich nicht auf sie verlassen konnte, waren sie für ihn wertlos.

„Verstanden“, erklärten sie hastig und als sie merkten, dass sie gehen konnten, nutzten sie die Chance auch. Sie hatten ihre Abreibung für heute weg und eines war klar: sie würden morgen die ersten am Treffpunkt sein. Es war Prestige, es bis in die Guerillaeinheit des Generals geschafft zu haben – das gab man nicht einfach so auf, nur weil jemand nicht in die Gänge kam!

Bahadur schloss die Augen und atmete tief durch. Was für ein Tag! Nichts war so gelaufen, wie er es sich gewünscht hatte und er hatte jetzt einen Feind, den er nicht gebrauchen konnte und der sehr gefährlich war. „Was soll‘s. Wird das Leben wenigstens nicht langweilig.“ Bahadur lachte freudlos und stieß sich von der Wand ab. Wenn er morgen pünktlich sein wollte, sollte er alles vorbereiten.

 

+++

 

„Nicht so dein Fall, hm?“ Tarek lief neben Akuma her. Seit einer halben Stunde. Er war einer der wenigen Soldaten, die Akumas Trainingsareal betreten durften. Unter dem großen Platz vor dem Clan-Haus hatte Akuma für seine Belange alles integriert, was er brauchte. Eine Hindernis-Laufbahn und einen Parcours für Geschicklichkeit und Tempo. Selten verließ Tarek diese Folterheimstatt ohne Blessuren.

„Hm“, kam es wie gewohnt von Akuma, sollte Tarek daraus lesen, was er wollte.

„Was hast du denn jetzt vor?“ Tarek ließ sich nicht entmutigen und lief weiter neben Akuma her. Er hatte mittlerweile gelernt, das Wenige, was er aus dem General herausbekam zu deuten. „Willst du ihm das durchgehen lassen?“ Schließlich war dieser Vampir Akuma vor seinen Leuten angegangen. Bahadur war zwar nicht so weit gegangen ihm zu drohen, aber er war zu weit gegangen. Akumas Augen hatten das deutlich gesagt.

„Mal sehen, ob er morgen früh noch lebt“, knurrte Akuma und zog das Tempo an. Er hatte für sich herausgefunden, dass er besser denken konnte, wenn er sich vorher das Hirn frei lief. Und das war nicht so leicht, wenn man regelmäßig das Serum bekam.

Tarek hob die Augenbrauen und sah Akuma fragend an. „Also wenn du Ärger haben willst, kannst du das wirklich nicht effektiver machen. Er ist der Prinz und ich glaube nicht, dass Naran das gefallen wird.“ Der Soldat war nicht sicher, wie er den Satz werten sollte, denn Akuma war unberechenbar. Zwar traute er ihm so eine Aktion nicht wirklich zu, dazu war er zu sehr Soldat, aber er war sich eben nicht sicher. Dazu war der General zu wütend.

„Ich sagte mal sehen“, knurrte Akuma und zog das Tempo noch etwas weiter an. Er musste zugeben, dass Tarek das Training der letzten Wochen gut getan hatte, er konnte mittlerweile um einiges länger mit dem General mithalten, als diesem lieb war. Sein Blick traf den seines Freundes, dann grinste er diabolisch.

Tarek wusste, was das bedeutete und der Colonel tat ihm fast leid. Leicht würde Bahadur es die nächsten Wochen nicht haben, solange seine Einheit Akuma zugeteilt war. An Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer war der General dem Prinzen fast ebenbürtig und durch seine Ausbildung konnte er viele Defizite ausgleichen. Das konnte noch spannend werden.

Doch vorerst liefen sie nur nebeneinander her, Runde um Runde. Irgendwann musste Tarek aufgeben, doch Akuma lief weiter. Die Sonne war schon lange untergegangen, doch er bemerkte das in seinem Trainingscenter sowieso nicht. Erst als der Hunger anfing zu schmerzen, blickte er auf die Uhr. Kurz überlegte er, dann blieb er stehen. Er hatte noch ein paar Stunden, ehe er sich um den verzogenen Pyromanen kümmern würde, also war eine Dusche und etwas Nahrung die aktuell beste Alternative zum Training.

Langsam trottete er los zu den Duschen, um den ersten Teil seines Vorhabens in die Tat umzusetzen. Das war schnell erledigt und kurze Zeit später saß er in der Kantine und ließ sich seine Mahlzeit schmecken. Es war leer um die Zeit, aber ein paar Soldaten holten sich wie er noch einen Mitternachtssnack. Wahrscheinlich begann ihre Wache bald und vorher wollten sie sich noch stärken. Er hatte viele Jahre darauf verwendet, den menschlichen Körper zu studieren. Und es gab Höhen und Tiefen, die sich nicht weg trainieren ließen. Man konnte versuchen sie mit Willenskraft auszupendeln, damit die Schwankungen nicht zu groß waren, doch das kostete Energie, die niemand aufwendete, wenn es nicht sein musste. Und dieser Bahadur war so jemand – Akuma hatte es gespürt. Der Vampir konnte nicht verlieren und er nahm den Mund gern voll. Sie würden sehen, ob er das morgen immer noch tat.

Keine Frage, er musste gut in seinem Job sein, denn sonst hätte man ihn nicht Akuma zugeteilt. Die Missionen, die der General bekam, waren besonders heikel und schwierig und so kamen nur die Besten in seine Einheit. Aber das brachte auch oft genug Probleme, denn die Männer ordneten sich nicht besonders gern unter. Meist waren es Individualisten, die glaubten allein die Welt retten zu können. Die wenigsten von ihnen waren Teamplayer – keiner wusste das besser als Akuma, denn ihm ging es nicht anders. Sich auf jemand anderes verlassen zu müssen oder gar zuzulassen, dass das eigene Leben in fremden Händen lag, verlangte viel von ihm. Umso schwerer war es, einer ganzen Hand voll Fremder zu vertrauen.

Er hatte eigentlich sein eingespieltes Team. Er hatte lautlose Attentäter, einen Spezialisten, der alles aufbekam, was Schlösser hatte und Soldaten, die wussten, wie man Gegner ausschaltete. Seine Vorhut agierte schon seit Wochen in der zu befreienden Kuppel und sorgte dafür, dass das Volk nicht in Panik geriet, wenn Akuma und seine Leute zuschlugen. Und dann waren da noch die Neuen. „Aber dich kriege ich auch noch auf den Teppich, Pyromane!“

Akuma beendete seine Mahlzeit und ging zurück in sein Quartier. Er wollte noch einmal den Ablauf der Mission durchgehen, auch wenn er ihn minutiös im Kopf hatte. Es durfte nichts schief gehen und die Verantwortung für das Gelingen der Mission lag auf seinen Schultern. So setzte er sich nieder zur Meditation, um noch einmal Ruhe und Kraft zu tanken. Er würde sie brauchen.

Seine innere Uhr löste ihn aus seinem Kokon und mechanisch zog Akuma sich um. Jetzt würden sie schon sehen, ob der Vampir ein Aufschneider war oder nicht. Schwarz von Kopf bis Fuß und in der Lage, sich lautlos zu bewegen, verschmolz er mit der Dunkelheit, als er sich auf den Weg zum Haupthaus des Clans begab.

Er wusste, wo die Schlafzimmer der Familie des Clan-Oberhauptes lagen und genau dahin machte er sich auf den Weg. Bahadur hatte einen Dämpfer verdient. Akuma grinste böse, als er ungesehen von den Wachposten auf das Gebäude zuschlich. Niemand würde ihn sehen, solange er das nicht wollte. Er hatte seine Körperfunktionen so intensiv im Griff, dass selbst Vampire ihn nur wahrnehmen konnten, wenn sie wussten, dass er da war. Sonst ging er im Rauschen der Nacht einfach unter. Die Türen mied Akuma, er wusste, dass diese gesichert waren. Aber die Fenster im dritten Stock waren das nicht mehr, so kletterte er im Dunkel der mondlosen Nacht an der rauen Fassade nach oben.

Mit seinen durch das Serum, gesteigerten Kräften und Sinnen, war es ein leichtes für ihn. Er musste sich noch nicht einmal anstrengen. So erreichte er Bahadurs Schlafzimmer innerhalb kürzester Zeit. Der Fensterriegel stellte kein Hindernis für ihn dar und nur Herzschläge später hockte Akuma auf der Fensterbank. „Bist du besonders blöd oder besonders arrogant oder beides“, murmelte Akuma, als er das Zimmer mit den Augen untersuchte. Doch er fand nichts Auffälliges, was auf Fallen hinweisen würde. Also, sein Zimmer sah nicht so nachlässig geschützt aus. Der erste, testende Schritt auf den Boden – immer bereit zurück zu springen – zeigte, dass er Recht hatte. So ging er langsam zum Bett hinüber. Bahadur schlief selig und Akuma schüttelte den Kopf.

Er nahm sich die Zeit, den jungen Mann kurz zu mustern. Jetzt, wo die hellen Augen geschlossen waren, sah er aus wie jeder normale Mensch, denn auch die spitzen Eckzähne waren von den Lippen bedeckt. Der große Körper zeichnete sich deutlich unter der Decke ab und ließ ahnen, wie viel Kraft in ihm steckte. Es würde Akuma reizen, sich einmal wirklich mit dem Sprengstoffexperten zu messen, Schlag um Schlag, bis beide am Boden lagen oder einer gewonnen hatte. Doch dann riss sich Akuma los, er hinterließ einen Zettel, den er gut sichtbar auf dem Kissen neben Bahadurs Gesicht platzierte, dann machte er sich auf den Heimweg. Vielleicht war es wohl doch besser, den Vampir noch nicht um die Ecke bringen – es gab nicht viele, die dann als Mörder in Frage kämen.

So lautlos und unsichtbar wie er gekommen war, verschwand Akuma wieder. Er sollte auch noch ein wenig schlafen. Erst als er wieder in seinem Zimmer war, lachte er leise. „So ein Idiot“, knurrte er. Wie konnte man nur so leichtsinnig sein?


02 

Bahadur war wach, als sein Wecker sich meldete. Er war auf die Biofunktionen seines Körpers eingestellt und weckte ihn, wenn es am günstigsten war. Also streckte sich der Vampir ausgiebig und bog den Rücken durch. Er rollte sich noch einmal auf die Seite, ehe er sich erhob. Das Rascheln dicht an seinem Ohr ließ ihn aber inne halten.

Er setzte sich auf und nahm den kleinen Zettel hoch. Wo kam der denn her. Gestern Abend war der noch nicht da gewesen, das wusste er. Er drehte ihn und sah, dass etwas darauf geschrieben war. „Arroganz und Unfähigkeit haben in meiner Truppe nichts verloren und das nächste Mal liegt nicht nur ein Zettel auf deinem Kopfkissen, sondern ein Messer steckt in deinem Herzen“, las Bahadur leise vor und seine Augen blitzten wütend auf. Er wusste ganz genau, welcher Arsch sich hier rein geschlichen hatte, um ihm diese Nachricht zu hinterlassen und er ärgerte sich darüber, dass er den Idioten unterschätzt hatte. Der Kleinkrieg hatte begonnen und Bahadur hatte nicht vor, den zu verlieren – egal wie krank der General im Kopf zu sein schien, bei dem Kerl musste er mit allem rechnen. Das hatte er jetzt begriffen.

„Du willst Krieg? Den sollst du haben.“ Bahadur ließ sich nicht einschüchtern. Er hatte Akuma unterschätzt, das passierte ihm nicht noch einmal. Der General hatte den ersten Schritt gemacht und jetzt wusste Bahadur, womit er zu rechnen hatte. Ab heute war er auf der Hut und ließ sich ganz bestimmt nicht mehr so leicht überrumpeln. Also erhob er sich und verschwand im angrenzenden Bad. Die Dusche brauchte er jetzt, um klar im Kopf zu werden. Er musste seine Wut auf den jungen Schnösel drosseln, denn Wut war ein ganz schlechter Ratgeber. Auch wenn Bahadur es niemals laut sagen würde, aber er war schon verblüfft, wie gut der General sich im Zaum hatte. Doch ihm war ebenfalls klar, dass er selbst das auch konnte.

Er war nicht der verwöhnte Prinz, für den Akuma ihn hielt. Bahadur war schon von Kindesbeinen an durch eine harte Schule gegangen und das freiwillig. Er hatte schon als Sechsjähriger damit begonnen seinen Körper zu trainieren. Er wollte Soldat werden, schon seit er denken konnte. Und er würde sich nicht von diesem Jungspund daran hindern lassen, noch besser zu werden. Denn wenn Bahadur mit ihm fertig war, hatte er Akumas Platz – das war sein erklärtes Ziel.

Schnell war er in seine Unform gestiegen und auf dem Weg zur Kantine. Er frühstückte schon lange nicht mehr im Speisesaal seiner Eltern, sondern ordnete sich zusammen mit seinen Männern der Militärhierarchie unter. Man erfuhr hier viele nützliche Dinge.

Zufrieden registrierte er, dass seine Männer vollzählig waren und auch Sharin und Kublai schon da waren. Er holte sich sein Frühstück und setzte sich zu ihnen. „Alles vorbereitet?“, fragte er knapp, nachdem er den Soldaten zu Begrüßung zugenickt hatte. Es waren ausnahmslos Menschen, denn Vampire waren unter den Soldaten eher die Minderheit.

„Natürlich, Colonel. Alles vorbereitet. Wir haben ihnen versprochen, dass etwas wie gestern nie wieder vorkommen wird“, versicherte Kublai hastig, nicht dass sie noch intensiver in den Fokus rückten, als sie sowieso schon standen. Heute ging es los. Sie hatten sich von den alten Hasen im Geschäft erzählen lassen, wie es lief. Sie selbst hatten ihre Funktion immer wieder durchgesprochen, trainiert bis sie umgefallen waren. Wenn sie versagten, machte der Colonel sie einen Kopf kürzer. Das wussten sie.

Bahadur hatte den Ruf immer fest hinter seinen Männern zu stehen, er verlangte nie mehr von ihnen, als er von sich selber verlangte, aber er war streng. Seine Ansprüche waren hoch und er tolerierte einen Fehler nur ein einziges Mal. Kublai und Sharin, sollten also nicht mehr trödeln.

„Gehen wir die Sache noch mal durch“, schlug einer der Soldaten vor und alle nickten. Sie konnten wohl nicht sicher genug gehen. Pünktlich erschienen sie am Treffpunkt und bestaunten - wenn auch zurückhaltend – die gepanzerten Wagen, die dafür gedacht waren, außerhalb der Kuppeln die Menschen vor der Strahlung zu schützen. Sie mussten irgendwie von Schleuse zu Schleuse kommen und sie konnten wie immer nur darauf hoffen, dass ihre Vorhut die Schleuse der anderen Kuppel noch in ihrer Gewalt hatte. Sonst war das Eindringen schier unmöglich.

Akuma war mit seinen Leuten auch schon da und er und Bahadur maßen sich kurz mit Blicken und der Prinz machte mit einem grimmigen Lächeln klar, dass er die Herausforderung annahm. Das Spiel konnte also beginnen und Akuma wusste noch nicht, mit wem er sich da gerade angelegt hatte. Sicher Akuma musste gut sein, aber Bahadur hatte auch ein paar Geheimnisse.

„Gut, wir sind vollzählig. Verteilt euch auf die Wagen. Wir haben ein enges Zeitfenster“, erklärte Akuma und teilte die Gruppe auf. Er sorgte dafür, dass er nicht im gleichen Wagen wie der Colonel fuhr, auf Reibereien mit einem verärgerten Prinzen hatte er keinen Nerv. Er wurde an anderer Stelle gebraucht. Und so setzten sich die schweren Wagen lautlos in Bewegung. Keine Kuppel rechnete mit einem Angriff von außerhalb. Deswegen hatten sie auch keine Sicherheitskreise außerhalb des schützenden Glases.

Diese Sicherheitslücke hatten sich die Jiang Shi zunutze gemacht und waren darum auch so erfolgreich. Sie drangen in die Kuppeln ein, zerstörten die Einrichtungen der Gottgleichen und verschwanden wieder. Ihre Männer, die schon länger unbemerkt in der Kuppel lebten, übernehmen dann die Aufgabe, den Bewohnern dabei zu helfen, die Feinde aus ihrer Kuppel zu vertreiben. Und sie kehrten erst zurück, wenn die Kuppel wieder in der Hand derer war, die in ihr lebten. Momentan wurden noch drei Kuppeln betreut, sieben weitere waren mittlerweile wieder selbständig. Deswegen waren die Männer auch für den nächsten Einsatz frei gewesen.

Der Weg zur nächsten Kuppel war weit, es würde spät werden und so ordnete Akuma seinen Männern an, die Zeit zum Ausruhen zu nutzen. Er selbst kontrollierte über die Sensoren der Wagen ihre Umgebung. Nicht dass man ihnen doch auf die Schliche gekommen war und sie in eine Falle gerieten.

In Bahadurs Wagen lief es ähnlich. Seine Leute kontrollierten noch einmal die Ausrüstung und bereiteten die Sprengsätze schon einmal so weit vor, dass nachher in der Kuppel nur noch die Zünder mit ihnen verbunden werden mussten. Er selber behielt die Umgebung im Auge. Sie waren ein eingespieltes Team und dies war auch nicht ihre erste Mission dieser Art. Allerdings war dies die gefährlichste Mission, die sie bisher bestritten hatten.

„Wir nähern uns der Kuppel“, hörte Bahadur durch den Funk vom Fahrer des Wagens vor ihnen. Er blickte aus dem Fenster – und tatsächlich. Er hatte eine Kuppel noch niemals von außen gesehen, bisher hatte er sich damit zufrieden zu geben, sich um die Belange im Inneren zu kümmern. Seine Fertigkeiten mit Sprengstoff hatte er sich im zivilen Einsatz angeeignet, denn sie bauten bereits aufgegebene Kuppeln wieder auf. Den Vampiren machte die Strahlung nicht viel aus und so waren sie die Vorhut bei der Erschließung. Doch jetzt sah er das erste Mal, wie diese Kuppeln aussahen, wenn Leben in ihnen herrschte. Wenn sanftes Licht sie schimmern ließ.

Sie wirkte wie eine Perle in einer trostlosen Landschaft. Wertvoll und geheimnisvoll. Es war merkwürdig sich vorzustellen, dass allein diese Kuppeln Leben überhaupt ermöglichten. Sie waren Segen und Fluch zugleich. Sie ermöglichten Leben, allerdings waren sie auch ein Gefängnis, das die Menschen nicht verlassen konnten. Mit dem Serum, was aus dem Blut der Vampire synthetisiert wurde, steigerten sich zwar die physischen Eigenschaften, doch die Fähigkeit außerhalb der Kuppeln zu überleben, konnten die Jiang Shi nicht weiter geben.

„Jetzt kommt’s drauf an“, sagte Kublai und guckte aus dem Fenster des Wagens. Das dicke Glas war überraschend klar und so erkannte er ganz genau, was passierte. In der Schleuse war es dunkel und je näher sie der Kuppel kamen, umso weniger profitierten sie von dem schimmernden Licht. Aber ihre Augen gewöhnten sich schnell an das Dunkel, dank des Serums.

Bahadur gab seinen Männern ein Zeichen, dass sie ihre Ausrüstung anlegen sollten. Wenn sie den Wagen verließen, musste alles bereit sein, denn sie mussten sich beeilen, um nicht entdeckt zu werden. Nach und nach bekam er die Bereit-Meldung der Soldaten und war zufrieden. Doch die Anspannung wuchs, je näher sie der Schleuse kamen. Waren ihre Männer noch vor Ort? Warum gab ihnen keiner Bescheid? Wusste der General selber nichts genau?

Doch so war es nicht, Akuma hatte über Headset Kontakt zu seinen Leuten in der Kuppel. Er wusste bereits, wo sie waren und an welchen Stellen sie gesichert untertauchen konnten.

„Colonel Bahadur, hinter der Schleuse wird einer meiner Männer auf sie warten. Seti wird sie führen. Unsere Wege trennen sich direkt an der Schleuse.“ Der Rest des Planes war ebenfalls klar. Der Pyromane machte seinen Job, seine Männer erledigten den Rest und dann verschwanden sie wieder. Niemand wartete auf das andere Team. Das erhöhte die Chance, dass sie heil hier heraus kamen.

„Verstanden, General.“ Bahadur sah noch einmal auf die Schleuse und das andere Fahrzeug, dann machte er sich ebenfalls fertig. Kaum dass sie in der Schleuse waren, verließen sie den Wagen und folgten dem Mann, der ihnen ein Zeichen gab. Lautlos bewegten sie sich durch die Dunkelheit, immer darauf vorbereitet, dass sie entdeckt wurden und sich verteidigen mussten.

Akuma schlug mit seinen Männern einen anderen Weg ein, während die Fahrer die Wagen mittels Tarnvorrichtung verschwinden ließen. Sie waren nicht wirklich weg, aber gut verborgen. Zusammen mit zwei Soldaten würden sie die Wagen bewachen, während Akumas Männer ausströmten. Jeder hatte sein Ziel und seine Aufgabe. Sie mussten an so vielen Stellen wie nur möglich Verwirrung stiften und der General nickte, als die ersten Explosionen zu hören waren. Immer war er über Headset mit seinen Leuten verbunden und so wusste er, ob es Verletzte gab oder ob die Richtigen Opfer des Anschlages geworden waren.

Auch von Bahadur bekam er regelmäßig Nachricht, wenn seine Sprengladungen platziert waren. Er musste zugeben, der Prinz und seine Leute arbeiteten effizient und sehr genau. In einer Kuppel war es schwierig mit Sprengstoff zu arbeiten, da verhindert werden musste, dass zu viel kaputt ging. Schließlich wollten sie die Kuppel befreien und nicht unbewohnbar machen. Doch abgesehen von den Explosionen war es totenstill in der Stadt. Keine Brände, keine Panik. Die Vorhut hatte erstaunliche Arbeit geleistet.

„Okay, Jungs, ich mach mich auf den Weg zum Laborleiter. Sichert euren Rückzug ab!“ Akuma hasste es, wenn er einen seiner Männer dazu bestimmen musste, zu töten. Also machte er die Drecksarbeit eines direkten Kampfes lieber selber.

Er war schon auf dem Weg, als er die Bestätigungen seiner Leute bekam. Keiner war verletzt worden, das war gut. Ihre Mission war somit fast erledigt. Jetzt musste nur noch der Anführer der Gottgleichen hier in der Kuppel sterben, um ihren Feinden ein deutliches Zeichen zu geben, dass sie hier unerwünscht waren. Warum lernten die Mistkerle nicht aus dem, was bereits passiert war? Warum versuchten sie ihre linken Spielchen immer wieder und wieder? In seinen schwarzen Klamotten verschmolz er so mit dem Dunkel, dass er unbehelligt in das Labor kam, obwohl überall Aufruhr herrschte. Die Explosionen hatten die Gottgleichen aufgescheucht und sie versuchten zu retten, was zu retten war. Das musste Akuma ausnutzen und so zog er das Kurzschwert und jeder, der seinen Weg kreuzte, war des Todes. Er zählte nicht mehr, zu viele hatte er schon sterben sehen und um auch nur halbwegs bei Verstand zu bleiben, blendete er sich völlig aus. Er arbeitete mechanisch. Ein Griff, ein Schnitt – dann ging wieder einer zu Boden. Lautlos.

So machte er weiter bis zu seinem eigentlichen Ziel. Er wusste, wie der Laborleiter aussah, damit er auch den richtigen erwischte. Er hatte Glück und konnte den Mann in einem der Büros sehen, wo er gerade an einem Computer saß, um wohl Daten runter zu laden und sie zu sichern.

„Ihr hättet nicht herkommen sollen“, sagte er bedrohlich leise, als er die Tür des Büros hinter sich schloss. Mit einem Wurfstern setzte er die Hand des Leiters außer Gefecht und der Mann schoss herum. „Was?“, fragte der und seine schwarzen Haare wirbelten um den roten Kopf, als er sich hektisch bewegte.

„Es war einfach ein Fehler. Verpisst euch und kommt nie wieder!“

Mit einem Satz war Akuma bei dem Laborleiter und einen Herzschlag später schlug dessen lebloser Körper auf dem Boden auf. Ihre Mission war jetzt erledigt. Den Rest mussten seine Männer übernehmen, die auch schon die Vorarbeit geleistet hatten. Lautlos und unsichtbar, wie er gekommen war, machte Akuma sich wieder auf den Rückweg.

Es war erschreckend ruhig auf den Straßen. Hinter den Fenstern sah er ab und an im Dunkel der Räume Gestalten. Doch niemand wagte sich auf die Straße. Unbehelligt lief er zwischen den Häusern hindurch, doch niemand stellte sich ihm in den Weg. Mit einem Tuch wischte er das Blut von seinem Schwert, ehe er seine Waffe wieder am Gürtel verstaute. Achtlos ging das Tuch zu Boden.

Einmal mehr fragte sich Akuma, ob das der richtige Weg war. Mussten sie wirklich töten, um die Gottgleichen zu stoppen? Waren die Kerle wirklich so skrupellos, ihre Männer wie Kanonenfutter zu opfern, in der Hoffnung, dass sie einen kleinen Vorsprung hatten? Akuma war klar, dass sie eigentlich die Falschen im Visier hatten – doch er hatte keine Lösung für das Problem.

Unbehelligt erreichte er die Schleuse, wo die Wagen schon auf ihn warteten. Keiner seiner Männer war verletzt oder getötet worden, wie er zufrieden feststellte. Der blöde Pyromane verstand wenigstens etwas von seinem Job, wie es schien. „Wir rücken ab“, gab er über Funk durch. Bahadur und seine Leute waren bereits abgerückt, wie Akuma feststellte. Vielleicht war er menschlich ein Arsch aber als Soldat wusste er, was von ihm erwartet wurde.

Akuma nahm seinen Platz ein und keiner wagte es, ihn anzusprechen. Sie wussten ganz genau, was er getan hatte und sie wussten auch, dass niemals ein Wort darüber fallen würde. Nur Tarek setzte sich stumm neben seinen General. Er war in Sorge, denn es würde ablaufen wie immer. Um schlafen zu können, würde sich Akuma so lange auspowern, bis er umfiel. Denn sonst plagten ihn Alpträume. Akuma glaubte, dass keiner es wusste, doch Tarek kannte das Geheimnis. Er wusste auch, dass Akuma Schlafmittel nahm, um den Träumen zu entgehen – doch er weigerte sich zu reden oder gar die Aufgabe anderen zu überlassen.

Er wollte diese Aufgabe niemandem zumuten, obwohl einige seiner Männer sie ohne weiteres übernehmen würden. Tarek hatte schon mehrmals versucht, Akuma davon zu überzeugen, dass er nicht alles alleine machen konnte, aber er traf nur auf taube Ohren. Und er wusste nicht, ob sein Freund extrem stur oder extrem ehrgeizig war. Beides war Wahnsinn, denn wenn Akuma so weiter machte, würde sein Körper ihm diesen Raubbau beizeiten extrem übel nehmen. Doch das würde er Akuma nicht vor dessen Männern sagen. So hockten sie schweigend nebeneinander, während die schimmernde Kuppel hinter ihnen allmählich kleiner wurde. Sie hatten noch einen weiten Weg vor sich und einer der Männer fing an, Proviant zu verteilen.

Sie aßen jetzt etwas und danach würde die Hälfte der Männer schlafen. Darin waren sie eingespielt, so dass Akuma sich nicht darum kümmern musste. Sie hatten diese Einsätze schon so oft unternommen, dass das schon Routine war.

„Bahadurs Ladungen sind exakt gezündet worden. Der Schaden liegt in dem Rahmen, den wir festgelegt haben, wenn nicht sogar darunter. Alle Ziele wurden eliminiert“, erstattete Tarek Bericht.

„Hm“, knurrte Akuma als Zeichen, dass er verstanden hatte. Tarek kannte das schon und nickte. „Scheint gar nicht so übel zu sein, der Colonel“, redete er weiter, denn er langweilte sich. Doch er wollte Akuma jetzt auch nicht allein lassen. Der sah sowieso schon so aus, als würde er grübeln. Doch als ihn dessen Blick aus zusammengekniffenen Augen traf, musste Tarek grinsen. „War gar nicht übel, ihn vielleicht doch am Leben zu lassen.“

Akuma hob nur eine Braue, was für eine bescheuerte Feststellung!

Tarek ließ sich davon nicht beeindrucken. „Sag nicht, dass du es nicht probiert hast. So sehr kann ich mich nicht getäuscht haben, als ihr heute Morgen aufeinander getroffen seid. Der Kerl war wütend. Ganz abgesehen von den Verwicklungen, die das gegeben hätte, wenn man dem Clanchef erklären muss, dass sein Sohnemann das Zeitliche gesegnet hat.“

Akuma hob die Brauen und grinste. „Der hat nicht mal gemerkt, dass ich da war, der Idiot“, sagte der General und wirkte dabei sichtlich zufrieden. Seine Mundwinkel zogen sich leicht nach oben und Tarek grinste ebenfalls. „Hab ich’s doch gewusst.“ Es sollte niemand sagen, er würde seinen Freund nicht kennen! Er kannte ihn besser als Akuma sich selbst kannte.

„Ich befürchte nur, ein zweites Mal, wird das nicht klappen. Er mag ein Idiot sein, aber er ist nicht dumm.“ Tarek schlug sich auf das Bein und lachte leise. Ihre Männer sollten ja nicht unbedingt mitkriegen worüber sie redeten. „Aber dir wird schon etwas einfallen, wie ich dich kenne.“

„Warum sollte es. Er weiß jetzt, was ich von ihm erwarte. Ich muss dem Pyromanen nichts mehr beweisen.“ Akuma hatte beschlossen, dem Vampir wieder aus dem Weg zu gehen. Ihre Pfade würden sich nur dann kreuzen, wenn der nächste Einsatz anstand und das dürfte ein paar Wochen dauern. Zum einen war die nächste Kuppel noch nicht intensiv genug infiltriert, zum anderen hatten sie noch zu wenige Leute für die Vor- und Nachbereitung. Sie konnten nicht einfach einmarschieren, Chaos anrichten und dann die Bevölkerung allein lassen. Das entsprach nicht ihrer Arbeitsweise.

Jetzt war es an Tarek die Augenbrauen zu heben. Seit wann gab Akuma so schnell auf? Hatte sich der General nicht so in den Prinzen verbissen, wie er gedacht hatte? „Wie, du willst ihm das einfach so durchgehen lassen?“, fragte er und sah Akuma fragend an.

„Hat mit durchkommen nichts zu tun. Der Typ ist es einfach nicht wert, Ärger zu suchen. Wenn er welchen macht, kriegt er sein Fett, wenn er schlau ist und mir aus dem Weg geht, wird er mit dem Leben belohnt – so einfach.“ Akuma hatte aktuell andere Sorgen als den verwöhnten Vampir. Er hatte morgen einen Termin bei dessen Vater.

„Wenn du das sagst.“ Tarek kannte Akuma gut genug, um zu wissen, dass er nicht mehr aus ihm herausbekommen würde. War nur die Frage, ob Bahadur das auch auf sich beruhen lassen würde. Irgendwie konnte er sich das nicht vorstellen. Der Colonel hatte bereits einen Ruf und der besagte, dass er keine Rechnung offen ließ. Es würde also noch spannend werden. Vielleicht war es auch genau das, was Akuma bisher gefehlt hatte. Ein Gegner, an dem er sich reiben konnte. Bisher hatte es niemand gewagt, sich gegen den General zu erheben – sie kannten ihren Platz gut genug. Der Vampir war da anders.

Akuma knurrte nur und schloss die Augen. Der verwöhnte Prinz war wirklich sein kleinstes Problem. Er musste mit dessen Vater die nächsten Monate besprechen und hatte noch keinen Plan. Er hatte nicht die Zeit gehabt, sich vorzubereiten.

Er konnte ja verstehen, wenn der Clanfürst wissen wollte, was die nächsten Wochen und Monate geplant war, aber Akuma konnte es ihm nicht sagen. Im Moment hatte er einfach nicht genug Leute, um die Infiltration in den betreffenden Kuppeln voranzutreiben. Seine Leute arbeiteten schon mit Hochdruck, aber sie durften nicht zu schnell vorgehen, dann erregten sie vielleicht noch die Aufmerksamkeit der Gottgleichen. Ein Großteil von ihnen waren Vampire. Ihnen war es möglich über Land in die Kuppeln zu kommen, sie hörten mehr, sie sahen mehr, sie rochen mehr – ihnen war es am besten möglich, sich das Vertrauen der Bevölkerung zu sichern. Doch so viele Vampire meldeten sich nicht für diesen Dienst. Akuma verkniff sich seinen Kommentar, warum das so war. Also musste er mit Menschen arbeiteten und das dauerte. Einmal hatte er darüber nachgedacht, dem Clanchef zu sagen, was er dachte. Doch er hatte es sich schlussendlich doch verkniffen. Er wusste nicht, wie Naran darauf reagieren würde. Sie mochten ein Volk sein und sie mochten eine Symbiose haben, doch ein Volk waren sie in seinen Augen noch lange nicht.

Viele der Vampire waren der Meinung, dass der Job bei der Armee den Menschen vorbehalten sein sollte. Bahadur war da eine Ausnahme und vielleicht setzte es ein Zeichen für die anderen Vampire. Vielleicht sollte Akuma darüber einmal mit Naran reden. Es sollten langsam mehr Vampire bei ihren Missionen mitmachen.

Akuma schnaubte. Eigentlich müsste er sich mit dem Prinzen gut stellen und ihn für seine Idee gewinnen, doch alles in ihm widerstrebte dem Vorhaben. Bahadur war ihm so quer gekommen, dass er Akuma gegen den Strich ging. Er konnte noch nicht einmal sagen, warum er ausgerechnet auf den Vampir so reagierte. Vielleicht weil Bahadur es wagte, ihm die Stirn zu bieten. Alle anderen nahmen ihren Anschiss hin und senkten den Kopf.

„Verdammt“, murmelte er leise und schüttelte den Kopf, als Tarek ihn fragend ansah. Er wollte jetzt ganz bestimmt nicht mit seinem Freund darüber reden. Das machte dessen Neugier nur noch größer. Allerdings war er bei seinem Problem mit Naran immer noch nicht weiter. Der Clanchef wollte morgen Antworten auf Fragen, die sich Akuma nur wage vorstellen konnte. Wie war es gelaufen, was waren die nächsten Ziele, wie ging es weiter. Er lehnte den Kopf gegen die Stahlwand des Wagens und schloss wieder die Augen. Er musste es auf sich zukommen lassen und improvisieren.

„Schlaf ein bisschen“, sagte Tarek leise, auch wenn er wusste, dass sein Freund darauf nicht reagieren würde. Aber er wollte es versucht haben.

Er ließ Akuma in Frieden und gab einigen seiner Leute das Zeichen, dass sie sich ausruhen sollten, damit sie später ihre Kameraden bei der Wache  ablösen konnten. Zwar war es nicht so, dass sie damit rechnen mussten, angegriffen zu werden, aber die Männer brauchten etwas zu tun, bis sie wieder in der Kuppel waren.

So verging die Zeit und als sie die Schleuse hinter sich geschlossen hatten, waren alle froh, auch wenn das keiner zugeben würde. Niemand zweifelte offen an den Missionen, doch die Erleichterung in den Augen konnten sie auch nicht verbergen. Akuma verließ den Wagen als letztes. „Geh auch schlafen“, erklärte er Tarek und der wusste, was die Worte eigentlich bedeuteten: wenn ich dich die nächsten Stunden im Trainingsbereich sehe, gibt es großen Ärger. So nickte Tarek und knurrte leise, es schmeckte ihm gar nicht, Akuma jetzt allein zu lassen. Wusste er doch ganz genau, was wieder passieren würde.

„Da, Bahadur“, sagte er und nickte in Richtung des Colonels. Der beaufsichtigte gerade den Abzug seiner Truppe. Lange schienen sie auch noch nicht hier zu sein.

Der Prinz sah zu ihm rüber, aber man konnte aus seinem Gesichtsausdruck nichts lesen, außer dass Bahadur wohl eben so müde war wie Akuma und der Rest der Männer. Als der Wagen ausgeladen war, schulterte der Colonel seinen Rucksack und nickte Akuma zu, als er langsam in Richtung der Quartiere ging. Sie hatten jetzt ein paar Stunden frei und die wollte er zum schlafen nutzen.

 

03 

Neo New York

Zwei Tage waren vergangen, seit Meodin die Unterlagen über dieses fremde Volk gefunden hatte. Zwei Tage in denen Leander nicht wusste, was er tun sollte. Denn so fremd war dieses Volk für ihn nicht und genau das war sein Problem. Er warf sich auf die Seite und hörte Allan leise knurren. Sein Freund schlief bereits den Schlaf der Gerechten – vielleicht war das auch besser so. Leander wusste ja nicht einmal, wie er sich selbst seine Situation erklären sollte. Wie sollte er dies alles dann einem anderen erklären? Doch genau das musste er - Erdogan vertraute ihm. Er war sein bester Freund und Leander stand kurz davor ihn zu hintergehen.

Das konnte er nicht machen! Leander setzte sich auf und griff nach seinem Kommunikator. Er musste jetzt etwas unternehmen, sonst konnte er sich selber nicht mehr in die Augen sehen. Er wählte Erdogans Nummer und schickte ihm eine Nachricht, dass er ihn dringend unter vier Augen sprechen musste. Dabei strich er Allan über die Schulter, damit er nicht doch noch wach wurde.

Als eine Nachricht kam, wusste er, dass Erdogan ebenfalls noch wach war, doch auf dessen Frage, was denn so dringend wäre, wollte er ihm lieber von Angesicht zu Angesicht antworten. Er konnte das nicht mehr aufschieben und so stieg er hastig in ein paar Klamotten und ging nach oben. Sein Herz schlug ihm im Hals und das Blut rauschte in den Ohren. Er konnte jetzt mit einem Satz alles kaputt machen, was er sich aufgebaut hatte. Doch er konnte nicht mehr schweigen.

„Was gibt es denn so wichtiges?“, fragte Erdogan, als Leander zu ihm ins Arbeitszimmer kam und gähnte verhalten. Er hatte eigentlich ins Bett gehen wollen, als ihn Leanders Nachricht erreicht hatte. Er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass es wichtig war, wenn er ihn um diese Zeit um ein Gespräch bat.

„Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll“, sagte Leander und nickte dankend, als er sich setzte. „Ich weiß nur, dass ich es vor dir nicht geheim halten will. Du bist nicht nur mein Prinz, du bist mein bester Freund und...“ Leander brach ab. Er kam sich dermaßen erbärmlich vor, dass er nicht einmal aufsehen konnte. Nervös knetete er seine Finger und holte tief Luft.

Irritiert sah Erdogan auf Leander und versteifte sich leicht. Der Prinz musste schlucken und ihn überkam ein ungutes Gefühl. So kannte er seinen Freund nicht und das beunruhigte ihn. Was immer es auch war, was Leander ihm erzählen wollte, es würde ihm nicht gefallen. „Was ist los? Was hältst du vor mir geheim?“, wollte er wissen, versuchte dabei seine Stimme aber so neutral wie möglich zu halten.

„Die Jiang Shi sind mir nicht so unbekannt, wie sie eigentlich sein sollten“, erklärte Leander und wollte das erst einmal sacken lassen. Er wagte noch immer nicht aufzusehen, doch dann straffte er sich. Er musste den Weg gehen und er musste wissen, was Erdogan dachte.

„Was?“ Erdogan zuckte hoch und sah Leander fragend an. Hatte er das jetzt richtig verstanden? „Du wusstest von ihnen? Aber wie? Woher?“, wollte Erdogan wissen und versuchte in dem Gesicht seines Freundes die Antwort zu lesen, was ihm aber nicht gelang.

„Ich bin ein Jiang Shi. Meine Großeltern sind vor vielen Jahren in eure Kuppel... in unsere Kuppel gekommen. Sie haben sich integriert und leben als Neo New Yorker. Sie sind Neo New Yorker. Genauso wie ich. Die Jiang Shi leben in Asien, der Kontinent auf der anderen Seite der Kugel. Sie haben sich zum Ziel gemacht, die Gottgleichen zu jagen, wo sie sie treffen und...“ Leander war immer langsamer geworden. Er sah in Erdogans Gesicht, dass der nicht glaubte, was er hörte.

„Bitte!“ Erdogans Stimme klang scharf und seine Augen wurden schmal. „Wenn das ein Scherz sein soll, Leander, dann ist das nicht witzig.“ Erdogan war vollkommen geschockt und gerade hatte er das Gefühl, dass man ihm die Luft abdrückte. Es konnte doch nicht sein, dass sein bester Freund, einer der wenigen Menschen, denen er rückhaltlos vertraute, ihn hintergangen und belogen hatte.

„Erdogan, ich würde damit keine Scherze machen – ich wollte, dass du das weißt“, sagte der Soldat und erhob sich. „Du bist mein Freund und ich werde alles tun, um dir zu helfen und dir nicht in den Rücken zu fallen, und dazu musst du alles wissen.“ Leander hatte gerade das ganz ungute Gefühl, dass ihm das hier aus den Fingern glitt.

Erdogan sah Leander an, als dieser anfing durch den Raum zu laufen, wie er selbst es immer machte, wenn er nervös war, oder angestrengt nachdachte. Das kannte der Prinz schon seit Jahren und irgendwie half ihm diese vertraute Angewohnheit aus der Starre. Er kannte Leander seit seiner Kindheit und es war einfach nicht vorstellbar, dass sein Freund ihn all die Jahre belogen und hintergangen hatte. So sehr konnte Erdogan sich nicht in ihm getäuscht haben. Er strich sich mit der Hand über das Gesicht und fasste einen Entschluss. „Du wolltest, dass ich es weiß, also erzähl es mir. Alles!“, bat er. Er musste mehr wissen, um entscheiden zu können, was er machen sollte.

Leander wandte sich um und blickte Erdogan offen an. Dann nickte er. „Die Jiang Shi sind eigentlich zwei Völker, die sich verbündet haben. Es gibt Vampire und es gibt Menschen. Ich bin ein Mensch, alles andere hätte Frankenstein schon längst erkannt. Doch das ist nicht das Wichtige. Wichtig ist das, was Meodin auch erkannt hat. Sie – wir – kämpfen gegen die Gottgleichen. Sie werden infiltriert und vernichtet. Aber noch nicht hier.“ Leander wurde immer schneller, immer hektischer. Immer mehr kam ihm in den Kopf, was er Erdogan erzählen und was er nicht vergessen wollte.

„Wir sind noch nicht viele genug, um weltweit zu agieren. Wir brauchen Verbündete. Deswegen habe ich unsere Männer immer mal ein bisschen in die richtige Richtung geschoben. Ich durfte euch nichts verraten, aber von euch schubsen war im Verbot nicht die Rede gewesen. Du und unsere Leute – ihr seid reif. Wir könnten mit Narans... Naran ist der Clanchef...“ Leander hatte sich verheddert und blickte wirsch auf.

Das ließ bei Erdogan einen Knoten platzen und er musste schmunzeln. So hatte er Leander bisher nur ganz selten gesehen. „Langsam, Lean. Jetzt bin ich wach und du kannst alles nach und nach erzählen. Komm machen wir uns Kaffee und dabei erzählst du mir mehr. Die Jiang Shi bestehen also aus zwei Völkern? Erzähl mir mehr von den Vampiren. Was hält sie zusammen?“

Etwas irritiert blickte Leander seinen Freund an. Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Reaktion. Doch er war froh darüber und lächelte zuversichtlich. So setzte er sich wieder und beobachtete Erdogan, wie er sein Lieblingsgebräu zubereitete.

„Du kennst ja die Geschichten, die Diego gern liest. Über diese Wesen, die im Sonnenlicht zu Asche zerfallen. Das ist alles Quatsch.“ Leander rollte die Schultern.

„Sie trinken Blut, das stimmt. Aber das liegt daran, dass in ihrem Körper Blut zehrende Parasiten leben, die den Körper ihrer Wirte mit allem ausrüsten, was sie brauchen, um ihre Nahrung zu jagen. Nicht dass sie das noch tun würden – jagen, meine ich. Blut brauchen sie“, fügte Leander gleich ergänzend hinzu, weil Erdogans Brauen sich zusammenzogen.

„Ihre Sinne sind um einiges schärfer. Deswegen schleusen sie sich in die besetzten Kuppeln als Spione. Wichtiger ist aber, dass aus ihrem Blut ein Serum synthetisiert wird, dass sie den menschlichen Mitgliedern des Clans geben. Es macht sie ebenso stärker, schneller und schärft die Sinne. Da es wie ein Tot-Impfstoff wirkt, benötigen die Menschen, die es nehmen, kein Blut, müssen aber immer wieder das Serum nehmen, wenn ihre Kräfte und die Sinnesleistungen auf hohem Niveau bleiben sollen. Ich habe vor ein paar Jahren das letzte Mal von Narans Leuten gehört.“ Der letzte Satz war etwas zusammenhanglos zu seinem Bericht und Leander schüttelte über sich selbst den Kopf. Erdogan drehte sich zu Leander um und sah ihn an.

„Sind welche hier in Neo New York?“, wollte er wissen. Er wusste nicht, ob ihm das gefiel, dass sich solche Wesen, die wohl offensichtlich stark und gefährlich waren, ohne sein Wissen in seiner Kuppel aufhielten. Die Sache mit dem Serum allerdings fand er sehr spannend. Ein Serum, das einem Kraft und bessere Sinne verlieh, war einfach genial. „Dieses Serum, kann es jeden Menschen stärken, oder nur die Jiang Shi?“

„Wir haben es noch bei keinem anderen Menschen angewendet als bei der Armee der Jiang Shi“, erklärte Leander wahrheitsgemäß und nahm seinem Freund gleichzeitig die Sorge. „In Neo New York sind nur meine Familie und ich. Wir sind die einzigen hier, die euch dabei beobachten, wie ihr euch macht, wie ihr den Gottgleichen gegenüber eingestellt seid und wenn Naran sich eines Tages melden wird, bekommen wir Anweisungen. Die Jiang Shi agieren momentan nur rings um ihre eigenen Kuppeln. So weit, wie sie eben reichen können. Wir sind viel zu weit weg.“ Leander dachte nach – zwar war es ihm als Schläfer untersagt, den Kontakt zum Clan selbst zu suchen, doch jetzt hatten sie andere Verhältnisse. Erdogans Leute waren genau das, was Naran suchte - Verbündete auf einem anderen Kontinent.

„Hm.“ Erdogan schüttete Kaffee in zwei Tassen und kam damit zu Leander rüber. Die Tatsache, dass Leanders Familie sich hier eingeschlichen und sie beobachtet hatte, gefiel ihm nicht, aber das schob er erst einmal nach hinten. Aber etwas interessierte ihn brennend. „Warum führt ihr Krieg gegen die Gottgleichen. Was haben sie mit euch gemacht?“ Erdogan wollte mehr über dieses Volk erfahren.

„Ähnliches wie hier auch. Sie haben skrupellos experimentiert, unser Volk missbraucht und angefangen, uns zu unterjochen. So haben sich die Kuppeln zusammengeschlossen und angefangen sich zu wehren. Das war ziemlich blutig.“ Leander verzog das Gesicht. Seine Großeltern hatten ihm oft erzählt, was diese Gottgleichen für welche waren. Sie sammelten auch in Neo New York die Hinweise auf deren Wirken. „Und deswegen war schon früh für mich klar, dass ich nicht nur hier sitzen kann und warten, bis unser Clanchef uns ruft. Ich wollte aktiv werden und du warst der richtige Mann dafür. Ich gebe zu, anfangs warst du noch ein arroganter Raufbruder, aber mit der Zeit ist was aus dir geworden. Du hattest die richtige Einstellung und mit ein paar Schubsern in die richtige Richtung sind wir da, wo wir heute sind.“

„Du hast mich manipuliert.“ Das schmeckte Erdogan gar nicht, denn er mochte es nicht, wenn man ihm Entscheidungen aufdrängte. „Du sagst also, dass du was unternommen hast, damit wir endlich auf die Gottgleichen stoßen. Was hättest du gemacht, wenn wir nicht richtig reagiert hätten?“

„Ich weiß es nicht, Erdogan. Ich habe einfach Glück gehabt, dass ihr seid wie ihr seid. Dass die Moles so gut mitmachen, dass Jack so ein Freak ist, dass Frankenstein so ehrgeizig ist. Selbst dass Meo über die Aufzeichnungen gestolpert ist, war einfach Glück und ich finde, wenn das Schicksal euch und uns so lenkt, sollten wir die Herausforderung annehmen.“ Leander wirkte zerknirscht, denn Erdogan hatte Recht. In gewisser Weise hatte er ihn manipuliert, weil er mehr wusste, als sein Freund. Aber die Entscheidungen die Erdogan getroffen hatte, hatte er selbst getroffen, Leander hatte nur für Hinweise gesorgt.

Erdogan sah Leander an und horchte in sich hinein. Es war komisch, sich vorzustellen, dass Leander keiner von seinem Volk war. Er hatte nie etwas gesagt oder getan, was ihn das hatte vermuten lassen. Der Prinz war geschockt und auch verletzt, weil er sich hintergangen fühlte. Leander war sein bester Freund. Mit ihm hatte er so gut wie alles geteilt und jetzt wusste er nicht, was Leander noch für ihn war. War er immer noch sein Freund? Konnte er ihm noch vertrauen. Erdogan wusste es nicht, aber er wusste, dass die Vorstellung, ihn zu verlieren ziemlich schmerzte. „Kann ich dir noch vertrauen?“, fragte er leise und man merkte ihm an, dass er verunsichert war.

Leander aber nickte. „Ich bin kein anderer, Erdogan. Ich bin immer noch deine Leibwache. Ich werde niemals etwas tun, was dir oder Neo New York schadet. Deswegen stehe ich jetzt hier und lege die Karten auf den Tisch“, erklärte er. Zu gut konnte er Erdogan verstehen und eigentlich hatte er gehofft, dass der Tag niemals kommen würde. Aber nun war er da – nun bestand aber auch die einmalige Chance, ihre Fähigkeiten zu bündeln.

„Ja, das hättest du nicht tun müssen.“ Erdogan war klar, dass sie wahrscheinlich nie darauf gekommen wären, wenn Leander es darauf angelegt hätte. Die Ehrlichkeit seines Freundes rechnete er ihm hoch an. „Also du meinst, wir sollten mit diesem Naran Kontakt aufnehmen? Was ist er? Mensch oder Vampir?“

„Erst einmal sollten wir mit den anderen reden und ihnen das sagen, was ich dir eben gesagt habe. Aber wenn der Rest einverstanden ist und der Fürst ebenfalls, sollten wir...“ Leander brach ab und blickte Erdogan an. „Offen gesagt habe ich Sorge, wenn der Fürst von den Jiang Shi erfährt, erfährt es Jefferson. Und dem traue ich nicht über den Weg. Ich werde die Jiang Shi nicht opfern.“

„Wem sagst du das? Ich bin mir ziemlich sicher, dass Jefferson was mit den Gottgleichen zutun hat. Nur kann ich ihm nichts nachweisen. Ich habe nur dieses Gefühl, dass er gefährlich ist. Aber ich verheimliche solche Dinge nicht gerne meinem Vater. Irgendwann wird er das Vertrauen in uns verlieren, wenn wir ständig Wichtiges verschweigen.“ Erdogan biss sich auf die Unterlippe, denn einerseits stimmte er Leander zu, aber er konnte seinen Vater nicht ständig außen vor lassen.

„Ich weiß, was du meinst, Erdogan.“ Leander hielt sich an seiner Tasse fest. Die Augen brannten, denn eigentlich war er müde. „Du solltest die Entscheidung nicht allein treffen müssen. Befragen wir morgen den Rest. Vielleicht halten sie ja auch gar nichts davon den Kontakt zu suchen. Vielleicht setzen sie mich auch vor die Tür. Lassen wir uns einfach überraschen.“ Leander gähnte verhalten und trank seine Tasse leer.

„Nein, das werden sie nicht, denn da habe ich entschieden was gegen.“ Erdogan grinste leicht und schlug Leander auf die Schulter. „Ich finde, wenn wir die Chance haben, einen mächtigen Verbündeten zu bekommen, dann sollten wir sie nutzen.“

„Danke“, sagte Leander leise und lächelte. Er fühlte sich besser als noch vor einer Stunde. „Ich verstehe dein Bestreben Verbündete zu gewinnen, aber ich werde nicht das Volk meiner Familie an die Gottgleichen verraten, nur weil wir selber Sicherheitslücken haben.“

Erdogan nickte. „Erst einmal bleibt das Wissen um die Jiang Shi unter uns. Vielleicht wird ja auch nichts draus und sie wollen nicht mit uns zusammenarbeiten.“ Schließlich konnte er nicht einfach davon ausgehen, dass die Jiang Shi nicht auch gefährlich waren. Nicht automatisch war der Feind eines Feindes ein Freund.

„Das werden wir sehen. Ich selbst kenne das Volk gar nicht, meine Familie kam nach Neo New York, als an mich noch nicht einmal zu denken war. Verbunden fühle ich mich immer noch dir, aber ich möchte niemanden in Gefahr bringen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Ich werde mit meinem Großvater reden. Er soll mir sagen, was ich tun soll.“ Leander hielt diese Lösung für die beste, denn er selbst wusste auch nicht, wie man den Clanchef kontaktieren konnte. „Aber nicht mehr heute.“ Er grinste schief.

„Bist du etwas müde?“, stichelte Erdogan, musste aber gleich ebenfalls gähnen. „Gehen wir schlafen. Meodin wird sowieso schon nicht begeistert sein, dass ich erst so spät schlafen komme.“

„Ich glaube eher, dass er nicht begeistert darüber ist, dass du seine Technik aus dem Schlafzimmer rausgeschmissen hast“, konnte sich Leander nicht verkneifen. Er hätte die Show gern gesehen, als die Monitore unter Meodins leidendem Blick vom Prinzen ins Arbeitszimmer verlagert worden waren.

„Nun, gleiches Recht für alle. Ich durfte meine Technik auch nicht im Schlafzimmer nutzen.“ Erdogan lachte. Ganz Unrecht hatte Leander nicht. Erdogan hatte sich ziemlich ins Zeug legen müssen, um Meodin den Verlust zu versüßen. „Er wird es überleben und bald wird er auch einsehen, dass es die richtige Entscheidung war.“

„Das, lieber Prinz, wage ich zu bezweifeln. Er hatte endlich eine Aufgabe gefunden, in der er voll aufgeht und du bremst ihn in seinem Forschertum. Ich glaube nicht, dass Sex mit dir so gut sein kann, dass man darüber seine Hobbys vergisst.“ Leander schüttelte den Kopf und erhob sich. Hoffentlich hatte Allan den Verlust noch nicht bemerkt. Sein Geliebter war der nächste, mit dem Leander noch vor allen anderen reden musste. Aber nicht mehr heute. Er brauchte Schlaf - dringend.

„Ey, werd mal nicht frech. Der Sex mit mir ist grandios.“ Das konnte Erdogan nicht auf sich sitzen lassen. Er musste aber selber kichern, denn ernst hatte er das nicht gemeint. „ Los, verschwinde, bevor du noch hier einschläfst.“

„Kannst du für morgen eine Besprechung einberufen? Ich möchte das gern hinter mich bringen und dann müssen wir weiter sehen, ich versuche morgen früh meinen Großvater zu erreichen. Ich hoffe, dass er in der Wohnung ist und nicht wieder in seiner Aussteiger-Kuppel herum stromert.“ Denn dann würde es länger dauern, ihn zu erreichen. Dann war Khulan nämlich ohne Kommunikator in seinem kleinen Wald unterwegs.

„Mach ich. 10 Uhr, oder früher? Ich schicke gleich noch die Nachricht raus.“ Erdogan erhob sich und holte schon mal seinen Kommunikator aus der Tasche. Jetzt musste Leander nur noch sagen, wann es losgehen sollte, dann konnte er die Nachricht abschicken.

„Ich hoffe, dass ich bis dahin mit Allan geredet habe und meinen Großvater erreichen konnte. Aber zehn Uhr passt. Muss ich zur Not eben hinterher den Kontakt zu ihm suchen. Wichtig ist, dass jeder weiß, was los ist und auf was Meodin gestoßen ist. Ist gut zu wissen, dass man nicht alleine kämpft.“ Leander ging zur Tür, doch dann zog er seinen Freund noch einmal an sich. „Danke“, flüsterte er dabei.

Erdogan hielt Leander kurz fest. „Du bist mein bester Freund“, sagte Erdogan schlicht und damit war auch alles gesagt. Er vertraute Leander blind und daran konnte das Geständnis nichts ändern. „Los, geh zu Allan, sonst knurrt er mich wieder an, weil er glaubt, dass ich dich aus eurem Bett gelotst habe.“

„Ich werde ihn in seinem Glauben bestätigen, denn mir ist es lieber, er ist auf meinen Chef wütend, als wenn er mich auf dem Kieker hat.“ Ein letzter Händedruck, dann machte Leander, dass er die Treppe nach unten kam. Er fühlte sich besser, definitiv. Und vielleicht fand er diese Nacht auch endlich wieder Schlaf. So ließ er noch im Flur seines Zimmers die Hüllen fallen und verschwand wieder unter der Decke.

Er zog Allan an sich, der leise grummelte, sich dann aber doch zufrieden halten ließ und einen Arm um Leander legte, als wenn er verhindern wollte, dass er wieder verschwand. „Schlaf gut, Schatz“, murmelte Leander und küsste Allan auf die Schläfe und lächelte noch, als er wenige Minuten später ebenfalls eingeschlafen war.