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Zyklus VII - Hangzhou Provinz - Teil 7 - 9

07 

Vier Tage waren vergangen, seit Naran seine beiden besten Männer dazu verdonnert hatte, unfreiwillig ein Team zu werden. Er hatte sie im Auge und ließ sich auch von den Männern regelmäßig Bericht erstatten. Doch abgesehen von der ersten Prügelei waren sie friedlich geblieben. Für positive Veränderungen bei Akuma war es wohl noch zu früh, denn an seinem eigenbrötlerischen Verhalten hatte ich nicht viel geändert. Seine Männer unterwies er kurz und knapp, in den Besprechungen wurden die Fragen kurz beantwortet und dann zog Akuma sich zum Training zurück. Was dort ablief, wusste niemand. Der General redete nicht darüber und auch Bahadur schwieg sich aus.

Ihre Wege hatten sich eben getrennt. Während Bahadur noch zum Clanchef bestellt worden war, verschwand Akuma im Archiv. Die nächste Mission musste vorbereitet werden und er suchte alte Baupläne von Maru-Yane GX12-23. Sie war der Kuppel, in der sie lebten, relativ nah, aber auch intensiv von den Gottgleichen infiltriert. Seit Jahren schon hatten die Jiang Shi ihre Männer im Untergrund. Jetzt mussten sie handeln. Die Berichte wurden bedrohlicher.

Irgendetwas ging seit kurzem dort vor. Die Gottgleichen waren auffällig beschäftigt, aber noch wussten sie nicht, wo sie am effektivsten zuschlagen konnten und welche Männer sie ausschalten mussten, um den Gegner empfindlich zu treffen. Den Berichten zu Folge hatten die Gottgleichen damit begonnen, das alte Labor auszubauen. Sie sanierten die Gebäude. Von viel Technik war die Rede. Schlussendlich war es Akuma auch egal, was die Irren vorhatten. Er wollte sie ausschalten  und an dem hindern, was sie vor hatten. Dass es nicht gerade zum Nutzen der Menschen in Maru-Yane GX12-23 war, war für ihn selbstredend.

Er studierte die Pläne und machte sich Notizen, damit er später Zuhause schon einmal einen groben Plan entwerfen konnte. Den verfeinerte er dann immer, wenn neue Informationen vorlagen, bis sie endlich bereit waren, um zuzuschlagen. Wenn es nach ihm ging, sollte das schnell passieren. Die Gottgleichen sollten keine Chance haben, das was sie vorhatten, zu beginnen. Ein Blick auf die Uhr – es war bereits Mitternacht. Es wurde Zeit, dass er ins Bett kam, denn er brauchte seinen Schlaf. Seit er mit Bahadur trainierte, durfte er sich keinerlei Schwäche leisten, denn der Vampir nutzte jede noch so kleine Unachtsamkeit gnadenlos aus.

Der Weg durch die dunklen Straßen war nicht weit. Er musste einmal mehr zugeben, dass die Lage des Apartments optimal gewählt worden war. An einer der wenigen Garküchen, die um diese Zeit noch geöffnet hatten, gönnte er sich eine Kleinigkeit, dann ging er weiter.

Das Apartment lag schon dunkel, also machte Akuma keinen Laut. Das hatte er gelernt. Auch Licht brauchte er keines. Er hatte in den letzten Tagen die Wohnung gut genug studiert, um zu wissen, wo etwas stand. Er verschwand in seiner Nische, warf das Hologramm der Karte mit seinen Notizen an die Wand und betrachtete den fahlen Lichtschein noch einmal. Das war zu wenig, verdammt!

Egal, wie lange er auch auf das Hologramm starrte, es wurde nicht besser. Es waren einfach noch zu wenig Informationen. Frustriert knurrte er leise und schaltete den Projektor aus. Im Apartment war es ruhig und er konnte Bahadur in seiner Nische atmen hören. Er schien zu schlafen, denn die Atemzüge waren regelmäßig. Akuma war nicht müde, darum wollte er sich noch ein wenig die Tierkuppeln im Fernsehen ansehen. Dazu brauchte er keinen Ton und störte den Prinzen nicht. Dank der neuen Dosis des Serums waren seine Sinne wieder im Limit und er sah so gut wie bei Tage. Lautlos fand er den Weg zur Couch und ließ sich fallen. Dabei aktivierte er den Bildschirm. Wahllos suchte er eine der Kuppeln aus und verschränkte die Arme unter dem Kopf.

Er musste wohl doch irgendwann eingedöst sein, denn ein leises Geräusch ließ ihn aufschrecken. Regungslos lauschte er in die Dunkelheit, aber er konnte nichts mehr hören. Er wollt schon davon ausgehen, dass er sich getäuscht hatte, als er schon wieder ein kaum wahrnehmbares Geräusch hörte. Was war das? Akuma bewegte sich nicht. Er schärfte nur seine Sinne und ließ seine Augen durch den Raum huschen. Doch da war nichts.

Da!

Es klang wie Schritte, aber viel leiser. Wie Akuma, wenn er es darauf anlegte, nicht wahrgenommen zu werden.

Es kam näher.

War das Bahadur? Nein, der Colonel hatte eine andere Schrittfolge – außerdem hörte sich das nach mehr als zwei Füßen an.

Er versuchte noch mehr Informationen rauszuhören, aber die Geräusche waren einfach zu leise. Akuma spannte sich an und machte sich bereit die Eindringlinge anzugreifen, wenn er sie ausmachen konnte. Dabei fragte er sich, wer in ihr Apartment eingedrungen war. Für eine Sekunde hatte er Bahadur im Verdacht, der sich seiner entledigen wollte, doch dann verwarf er den Gedanken wieder. Der Vampir war vielleicht kein Freund, aber er war ein Mann von Ehre.

Plötzlich spürte Akuma etwas. Zwischen seinem Körper und der Lehne der Couch versuchte sich etwas zu zwängen und so schoss er hoch, griff zu und drückte auf die Sitzfläche, was ihn angegriffen hatte. Lautes Fauchen war plötzlich zu hören und Akumas Finger verkrampften sich in etwas Weichem.

Allerdings etwas Weichem mit Krallen und Zähnen, wie er schmerzhaft an seinen Armen feststellen musste. Offensichtlich hielt er ein Tier fest und das fauchte und knurrte laut und wütend. Aber wo kam die große Katze her, die er gerade festhielt, was nicht einfach war, weil sie sich wand und gegen ihn kämpfte. Akuma griff beherzter zu und drückte die Katze im Genick auf die Couch. Mit der anderen Hand drückte er auch das Becken tiefer, damit sie die Pfoten nicht unkoordiniert einsetzen konnte. Dabei knurrte er ebenfalls laut. Er musste es greifen und vor die Tür setzen und dann prüfen, wie das Biest hier rein gekommen war! Also packte Akuma das Tier fester.

Er war so konzentriert, dass er nicht bemerkte, dass Bahadur auf einmal neben ihm stand. „Akuma nicht, lass sie los“, rief der Vampir und schob Akuma zur Seite, blitzschnell griff der Vampir sich die Katze, die ihrem Peiniger sofort hinterher setzen wollte und hielt sie an sich gedrückt. Dabei bekam er auch ein paar Kratzer ab, aber das störte ihn nicht weiter. „Panja, Süße, ganz ruhig“, rief er beruhigend und streichelte das immer noch aufgebrachte Tier. „Alles in Ordnung, nichts passiert.“

„Nichts passiert!“, schrie Akuma aufgebracht, der nicht fassen konnte, dass der Kerl hier ein Tier anschleppte, ohne auch nur den Mund aufzumachen. „Ist das etwa dein Bettvorleger?“ Seine Augen blitzten, als er sich mit dem Handrücken über die tiefen Risse auf seinen Armen strich. Und er hätte diesem Spinner fast vertraut, nur gut dass Akuma doch nicht ganz so nachlässig war. „Schaff es weg!“ Er wandte sich um, und wollte zum Bad.

„Jetzt mach aber mal halblang“, schnauzte Bahadur zurück und funkelte den General an. „Panja hätte dir nichts getan, aber du hast sie erschreckt und festgehalten und ihr wehgetan, da verteidigt sie sich. Du würdest das doch gar nicht anders machen.“ Bahadur sah ja gar nicht ein, dass die kleine Panja an allem Schuld sein sollte. „Warte im Bad auf mich, ich versorge deine Wunden.“

„Spar es dir. Schaff sie weg und gut.“ Wütend knallte Akuma die Tür hinter sich zu. Er fühlte sich hintergangen und der Schmerz der feinen Risse machte ihn noch wütender. Dieser Vampir hatte ihn hintergangen – das war wirklich sein Vieh! Der Mistkerl holte ein Vieh in das Apartment und sagte kein Wort. Das war also Teambildung.

Er war nicht lange alleine im Bad, da wurde die Tür wieder aufgerissen und Bahadur funkelte ihn an. „Sag mal, was ist eigentlich dein Problem? Ich werde Panja ganz bestimmt nicht wegschicken, wenn sie mich besuchen kommt. Sie wird dir auch nichts mehr tun. Und dass sie bei dir gelandet ist, lag nur daran, dass du auf ihrem Platz lagst. Sie schläft nämlich immer auf der Couch.“

„Raus!“, erklärte Akuma nur und wischte mit einem Lappen über einen der blutenden Risse. Er hatte nicht vor, sich auf eine Diskussion mit dem verlogenen Kerl einzulassen. „Kommt mir der Bettvorleger noch einmal in die Quere, werde ich schneller handeln.“

„Sag mal, spinnst du? Du willst dich an einem Tier rächen, dass sich nur gegen dich verteidigt hat?“ Bahadur war wirklich fassungslos. Er wusste zwar, dass Panja manchen Leuten Angst einjagte, denn ein Nebelparder war keine Schmusekatze, aber dass gerade Akuma sie so ablehnte, schockierte ihn. „Sie wird dir nichts tun.“

„Hör zu, der Bettvorleger ist nicht mein Problem – du bist mein Problem und jetzt raus hier“, erklärte Akuma kurz angebunden. War er in den letzten Tagen etwas gesprächiger geworden, begann er wieder sich auf das Wesentliche zu reduzieren. Er musste die Situation neu überdenken und dafür sorgen, dass das Vieh nicht an sein Zeug kam. Er hatte bereits begriffen, dass der Bettvorleger hier bleiben würde, wenn er das wollte. Akumas Meinung war – wie auch bei Bahadurs Vater – völlig belanglos.

„Was habe ich gemacht, dass ich für dich ein Problem bin? Ich dachte eigentlich, dass wir uns ganz gut zusammengerauft und arrangiert haben?“ Bahadur wollte jetzt wissen, was los war. Wenn Akuma wieder auf stur und abweisend schaltete.

Akuma hatte Bahadur wieder den Rücken zugedreht, beobachtete ihn aber über den Spiegel, denn er traute ihm nicht über den Weg. Er war angespannt und bereit sich zu verteidigen, sollte der Vampir auch nur mit der Wimper zucken. „Ich bin gezwungen, dir zu trauen und du schleppst hier etwas an, was mich angreift. Das passiert mir kein zweites Mal. Raus jetzt!“

Bahadur seufzte und setzte sich auf den Rand der Wanne. „Akuma, ich habe Panja nicht hier angeschleppt. Ich wusste gar nicht, dass sie heute kommt. Sie kommt und geht wie es ihr gefällt. Damit sie auch in mein Apartment kann, wenn ich nicht da bin, hat sie einen Chip bekommen und wie sie mich hier gefunden hat, weiß ich auch nicht. Sie wollte wohl nur schlafen, aber du hast auf ihrem Schlafplatz gelegen. Sie hat dich nicht angegriffen, sondern wollte dich von der Couch schubsen. Das hat sie mit mir auch schon gemacht.“

Akuma blickte auf Bahadur. Der Kerl schien nicht zu begreifen, war „raus“ eigentlich bedeutete. „Das ist mir relativ egal“, erklärte er also immer noch abweisend. Er biss die Zähne zusammen, als er das Desinfektionsmittel auf die Wunden verteilte. Man wusste ja nie, was das Vieh alles hatte. „Eine Warnung hätte einiges vermeiden können!“

„Es tut mir leid, dass sie dich gekratzt hat und auch dass ich dir nichts von ihr erzählt habe.“ Bahadur wusste selber nicht, warum es ihm so wichtig war, dass Akuma nicht mehr so abweisend war. Eigentlich sollte es ihm egal sein, was der General dachte, aber das war es nicht. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie jetzt schon wieder bei mir auftaucht. Sie war erst vor kurzem da und normalerweise sind die Abstände länger.“

Akuma war von der Penetranz des Colonels beeindruckt, doch das würde er niemals zugeben. „Sieh einfach zu, dass mir der Bettvorleger nicht in die Quere kommt“, sagte er also als Friedensangebot und Hinweis, dass Panja bleiben konnte, wenn sie sich an Spielregeln hielt. Eine davon lautete: geh Akuma aus dem Weg, wenn du deinen Pelz behalten willst.

Bahadur nickte. Er hatte verstanden, allerdings war fraglich, ob Panja das auch so sah. „Sag nicht immer Bettvorleger. Sie heißt Panja und ist eine junge Nebelparder Dame. Ich schätze sie wird dich beschnüffeln und kennen lernen wollen. Sie ist nämlich ziemlich neugierig. Ich werde versuchen sie davon abzuhalten, aber ich werde nicht immer da sein.“

Skeptisch hob Akuma eine Braue, blickte Bahadur aber offen an. „Du weißt, was passiert, wenn du sie nicht daran hinderst“, erklärte er trocken, grinste aber, als er Bahadurs entsetztes Gesicht sah. „Wo hast du den Bett ... das Vieh eigentlich her?“ Er betrachtete seine Arme und sah dann zur Tür, wo die junge Dame saß und sie beobachtete.

Bahadur verzog kurz das Gesicht, denn die Bezeichnung Vieh gefiel ihm auch nicht besser. Er stand auf und wusch sich die Hände, damit er Akumas Arme verbinden konnte. „Sie wurde in einer der Urwaldkuppeln geboren. Ich habe sie gefunden, als ich einmal dort war. Sie saß alleine in einem Versteck und war ganz schwach. Ich weiß nicht, ob ihre Mutter tot war, oder sie aus irgendwelchen Gründen verlassen hatte. Auf jeden Fall wäre sie gestorben, wenn ich sie nicht mitgenommen und aufgepäppelt hätte.“

Akuma wusste nicht, was er erwartet hatte, aber Bahadur als Retter einer kleinen Katze war es definitiv nicht gewesen, das konnte sein Gesicht nicht verbergen. „Aha“, machte er also als Zeichen, dass er verstanden hatte und blickte noch einmal zur Tür. Da hockte Panja immer noch, doch sie war näher gekommen. Sie lag jetzt mit den Vorderpfoten im Bad, ihr Schwanz peitschte aufgebracht hin und her. „Wie kommst du in eine der Kuppeln. Sie sind streng bewacht und dürfen so gut wie gar nicht betreten werden.“

„Na ja“, Bahadur wurde ein wenig verlegen. „Es hat manchmal schon Vorteile der Sohn des Clanchefs zu sein. Als Kind war ich völlig fasziniert von den Kuppeln und irgendwann hat mein Vater mich mitgenommen. Daraus wurde ein Hobby, oder eher eine Passion. Ich habe alles verschlungen, was ich an Büchern über den Regenwald gefunden habe und habe immer wieder dort mit den Wissenschaftlern gearbeitet, wenn ich Zeit hatte.“

„Verstehe“, entgegnete Akuma und nickte, als die Verbände fest saßen. Sie würden nicht lange drauf bleiben – nur so lange, bis sie aufhörten zu bluten. „Und warum bist du jetzt Colonel und kein Forscher?“ Die Bilder, die Bahadur bisher von sich gezeichnet hatte, bekam der General in seinem Kopf einfach nicht überein. „Und du Bettvorleger bleibst, wo du bist, denkst wohl, ich merk nicht wie du näher kommst!“

„Weil ich zwar den Regenwald und die Forschung liebe, aber mit dem, was ich in der Armee tue, kann ich dem Clan besser dienen. Ich habe nun mal ein Talent dafür, etwas zu zerstören.“ Bahadur grinste schief und beobachtete Panja, die immer wieder zwischen ihm und Akuma hin und her sah. „Du hast ihn gehört, Süße. Ich denke, bevor du ihn beschnüffeln darfst, solltest du dich entschuldigen. Du hast ihn ziemlich zerkratzt.“

Die gefleckte Katze legte den Kopf schief und die Ohren an. Sie blickte weiter auf Akuma, der sie ebenfalls nicht aus den Augen ließ. „Ja, im Kaputtmachen bist zu ziemlich gut, dein Vieh da auch“, sagte er und blickte noch einmal auf seine Arme. Das hätte nicht passieren dürfen. Wie konnte es sein, dass so ein kleiner Bettvorleger ihn so zurichten konnte. Er war nachlässig geworden, das hatte Panja ihm gezeigt.

„Och komm. Sie ist ganz lieb.“ Bahadur lockte Panja zu sich und bedeutete ihr in seine Arme zu springen. So konnte sie ein wenig Kontakt mit Akuma aufnehmen, ohne dass es wieder zu einer Katastrophe kam. Er fing sie auf und kraulte sie hinter den Ohren. Das mochte sie gerne und fing auch gleich an zu schnurren.

Ungerührt stand Akuma daneben und blickte auf seinen Colonel und das Vieh. Panja fixierte ihn und der durchdringende Blick ging Akuma durch und durch. Er wusste selbst nicht warum. Niemand würde es wagen, ihn so zu fixieren doch Panja fehlte eindeutig der Respekt vor seiner Person. „Ganz lieb. Hab ich gesehen“, knurrte er und zeigte noch einmal seine Arme, nur falls Bahadur das schon vergessen haben sollte.

„Jetzt sei doch nicht so nachtragend. Das war doch keine Absicht.“ Bahadur wurde nicht müde, Akuma klar zu machen, dass Panja keine Gefahr für ihn war. „Sie ist doch gerade erst erwachsen geworden.“ Er zupfte an ihren Ohren und lächelte. Als sie klein war, hatten sie viel Spaß zusammen gehabt. „Sie ist noch sehr verspielt.“

„Schön, dann nimmt sie in Zukunft vielleicht besser dein Zeug auseinander und sieht ein, dass die Couch auch mir gehört. Ich werde sie nicht wegen ihr räumen. Dann nimm den Bettvor... nimm das da mit ins Bett.“ Akuma hatte nicht vor, sich mit Panja anzufreunden. Doch er sah das Tier noch einmal intensiv an. „Halt dich fern und du bleibst gesund, klar?“ Dann grinste er Bahadur an.

„Sie heißt Panja.“ Bahadur ließ den Nebelparder auf den Boden und scheuchte sie aus dem Raum. „Los, ab in mein Bett und wehe du machst dich breit“, rief er ihr hinterher. Allerdings hatte er nicht sehr viel Hoffnung, dass sie sich daran hielt. Wenn es bequem war, hatte sie ein einnehmendes Wesen. Außerdem durfte sie nicht sehr oft mit ins Bett und so nutzte sie jede Gelegenheit.

„Wegen mir auch Panja. Du kannst sie behalten, wenn sie mir nicht zu nahe kommt. Da ich sowieso nicht oft hier bin, stört es mich nicht. Aber kriege ich raus, das sie an meinem Zeug war, hast du ein Problem – denn an ihr darf ich mich ja nicht rächen.“ Und was das bedeutete, wusste Bahadur nur zu gut.

„Sie wird nicht an deine Sachen gehen.“ Bahadur war mit der Übereinkunft zufrieden. Bisher hatte Panja noch nie etwas angestellt. Er sah noch einmal auf die verbundenen Arme, aber die Wunden schienen nicht mehr zu bluten, da keine Blutspuren zu sehen waren. „Sie wird wohl auch nicht lange bleiben. Nach ein paar Tagen ist sie normalerweise wieder weg.“

„Wie kommt sie eigentlich hier her?“, wollte Akuma wissen. Schließlich hatte der Colonel erzählt, sie käme aus einer der Kuppeln, in denen die Tierarten nachgezüchtet wurden. Wenn diese Panja hin und her spazieren konnte, wie es ihr beliebte, dann hieß das, dass es ein Leck gab und das war nicht gut.

„Sie hat einen Chip. Damit kann sie die Türen der Schleusen und die von meinem Appartement öffnen. Die Wissenschaftler der Kuppel, in der sie aufgewachsen ist, haben mir erzählt, dass sie tagelang um die Schleuse geschlichen ist, als ich weg musste. Da haben wir ein kleines Experiment gemacht. Seit dem kommt und geht sie, wie sie möchte.“ Bahadur sah aus dem Bad und verdrehte die Augen. Panja hatte sich seine Decke zu einem Nest zusammen geknuddelt und lag mitten auf dem Bett. Nichts anderes hatte er erwartet. Jetzt hatte er nur noch die Wahl gegen sie um die Decke zu kämpfen oder auf der Couch zu schlafen. Akuma machte irgendwie nicht den Eindruck als würde der ihm Asyl bieten.

„Aha“, machte der General nur und dachte sich seinen Teil. Er hielt das für ziemlich leichtsinnig. Es musste nur jemand das Tier beobachten und kam so mit ihr in die Schleuse. Andersherum konnten auch Tiere, die Panja beobachteten die Kuppeln verlassen. Er musste noch einmal mit Naran sprechen.

„Du solltest auch schlafen gehen. Ich werde mir mein Bett zurückerobern.“ Bahadur nickte Akuma zu und ging zu seinem Bett. Da Panja die Decke nicht hergeben würde, hob er sie einfach hoch und zog die Decke unter ihr weg. Sie war zwar nicht begeistert, aber, als sie wieder hingelegt und zugedeckt wurde, brummte sie zufrieden.

Akuma hatte ihn dabei beobachtete und grinste schief. Das war schon ein komischer Vogel. Doch dann machte Akuma das Licht im Bad aus und verschwand ebenfalls in seiner Nische.


08 

Wieder waren einige Tage vergangen. Panja hatte sich über die Gänge und Tunnel wieder auf den Weg in die Kuppel gemacht und Bahadur machte sich fertig für eine Mission. Sie hatten genug Informationen zusammengetragen um ihre Angriffsziele zu bestimmen. Er hatte mit Akuma zusammen den Angriffsplan ausgearbeitet und er hatte ein gutes Gefühl dabei. Allerdings war er dem erklärten Ziel seines Vaters noch keinen Schritt näher gekommen. Noch immer übernahm Akuma die heiklen Missionen, die Gegner auszuschalten, allein. Selbst als sich zwei Soldaten meldeten, die ihn unterstützen wollten, ließ er sie abblitzen. Mit unterkühlter Arroganz hatte Akuma erklärt, dass er das selber machen musste, wenn er wollte, dass es richtig gemacht wurde und einmal mehr war Bahadur klar, dass der Mann, mit dem er zusammen wohnte, nicht der General war. Es war, als kannte er zwei Männer, die verschiedener nicht sein konnten.

Bahadur hatte sich vorgenommen, so gut es ging, in Akumas Nähe zu bleiben. Sein Vater hatte befohlen, dass sie zusammen blieben und so konnte Bahadur Akuma helfen, die Feinde zu töten und der General merkte hoffentlich, dass er nicht alleine für das Töten zuständig war. Zweimal hatte er in den letzten Tagen mitbekommen, dass Akuma von Alpträumen geplagt wurde. Schweißgebadet hatte er sich so sehr in seinem Bett herum geworfen, dass die kleinen Kratzer, die Panja gerissen hatte, wieder aufgegangen waren. Bahadur hatte in der Tür gestanden, weil er den Krach nicht hatte einordnen können – doch geweckt hatte er Akuma nicht. Er war sich sicher, der General hätte es sich und ihm nicht verziehen, dass er gesehen hatte, dass auch Akuma nur ein Mensch war, ein zerbrechlicher Mensch.

Langsam begann er zu verstehen, warum sein Vater sich Sorgen um seinen General machte. Akuma war ein Mensch, auch wenn er das nicht wahrhaben wollte. Und er war stur, so dass er jegliche Hilfe ablehnte. Da musste Bahadur sich einfach aufdrängen. Akuma war sowieso der Meinung, dass er das ständig tat.

„Geh mal gucken, ob deine Jungs pünktlich sind“, sagte Akuma, als er zusammen mit Bahadur das Apartment verließ. Dieses Mal würden sie nicht die Kuppel verlassen, um über das tote Land zu fahren. Maru-Yane GX12-23 war über verborgene Tunnel zu erreichen. So konnten sie an vielen Stellen gleichzeitig angreifen, denn die Kuppeln waren unter einander vernetzt.

Einheiten würden aus nördlichen Kuppeln eindringen, Akuma und seine Leute aus der östlichen. Bahadur hatte seine Männer anfangs über den südlichen Tunnel führen sollen. Doch er hatte den General überzeugen können, dass es besser war, sie blieben zusammen – so konnten sie effektiver arbeiten. Akuma hatte das eingesehen. Zwar erst nach langen Diskussionen, aber immerhin hatte er zugeben müssen, dass Bahadur einfach die besseren Argumente hatte.

„Sie werden genauso vollzählig sein, wie deine Männer, aber ich werde nach ihnen sehen. Machen wir eine kleine Wette?“

Akuma sah neben sich, als sie die enge Gasse zum Eingang in die Tunnel durchschritten. „Um was willst du wetten? Was ist es dir wert, dass du es verlierst?“ Auch Akuma ging nicht davon aus, dass einer der Männer des Colonels fehlte, schon allein weil diese wussten, was ihnen blühte, wenn ihr Chef noch einmal vor dem General wie ein unfähiger Trottel dastand. Doch das hieß ja noch lange nicht, dass Akuma Bahadur nicht aufziehen durfte. Der Colonel war ein gutes Ventil für den General geworden.

„Weiß nicht. Der Verlierer muss eine Woche lang das Essen besorgen?“ Bahadur musste sich schnell was einfallen lassen, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass Akuma darauf einging. „Oder“, er grinste breit, „der Verlierer muss Panja das nächste Mal bei sich im Bett schlafen lassen.“

„Es ist dein Bettvorleger und er wird in deinem Bett schlafen, so wie ich die beiden da vorne einschätze, gehören sie zu dir.“ Akuma grinste dreckig. Es war noch Zeit, die beiden jungen Männer waren noch lange nicht zu spät, doch sie gaben schon Fersengeld, wissend, was passierte, wenn Akuma oder Bahadur vor ihnen da waren.

„Die beiden schon wieder“, knurrte Bahadur. Wieder einmal waren die Brüder spät dran. Zwar lagen sie noch im vorgegebenen Zeitrahmen, aber das tat nichts zur Sache. Sie schienen noch nicht verinnerlicht zu haben, dass man besser zu früh, als zu spät zum Einsatz kam. Die Strafrunden für die beiden hatte Bahadur mental schon verbucht, denn ohne es zu wissen, sorgten sie gerade dafür, dass der General selbstzufrieden zu Bahadur grinste. „Aber sie machen ihren Job gut“, erklärte er, denn so war es auch. Die beiden waren clevere Kerlchen, schnelle Läufer, gute Beobachter und vor allen Dingen in der Lage, schnell zu reagieren, wenn ein Plan geändert werden musste. Allein deswegen ließ Akuma sie mit ihrer kleinen Schwäche durchkommen. Aber das musste Bahadur ja nicht wissen.

„Das nutzt uns aber nichts, wenn sie nicht beim Job dabei sind, wenn sie zu spät kommen.“ Bahadur sah die Brüder finster an und sie zogen die Köpfe ein.

„Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht wieder so trödeln“, zischte Kublai Shahin an und verpasste ihm eine Kopfnuss. Es nutzte ihm nämlich gar nichts, dass er seinen Bruder zur Eile gemahnt hatte. Mit gefangen, mit gehangen.

„Seht zu, dass ihr am Leben bleibt. Nach der Mission sind Strafrunden fällig und das sind Ehrenschulden“, sagte Akuma, als er an den beiden vorbei ging. Sie waren vollzählig. Über ein Headset suchte er den Kontakt zu den Truppen im Norden. Auch diese standen zum Abmarsch bereit. Mit wenigen Worten schwor der General seine Männer ein. Dann gab es kein zurück mehr.

Sie brachen auf.

 

+++

 

>>Tarek, was soll das!<<, knurrte Akuma in sein Headset. Wie verabredet stand er auf einer felsigen Anhöhe unweit des Labors und beobachtete, wie die Insassen zu flüchten versuchten. Wie verabredet waren die Türen von außen verschlossen worden, doch jemand hatte gepennt und ein Fenster ungesichert gelassen.

>>Was<<, wollte Tarek wissen. Er hatte mit seinen Männern das Labor über die einzig offene Tür gestürmt und alles unter Betäubungsgas gesetzt. Sie trieben die Insassen vor sich her wie die sprichwörtlichen Laborratten.

>>Die Ratten entkommen durch ein Fenster. Ich schneide denen den Weg ab.<<

„So ein Idiot“, fluchte Bahadur leise und sprintete los. Was sollte so ein Mist? Er wusste zwar, dass Akuma ein guter Kämpfer war, aber mindestens die Hälfte seiner Ziele waren bewaffnet und das waren nicht gerade wenige. >>Komme von Süden<<, knurrte er in das Mikrofon und sprang über eine Mauer. Er dachte gar nicht daran, sich an Akumas Befehl zu halten, dass er sich alleine um die Tötung der Gegner kümmerte. Sein Vater wäre bestimmt nicht begeistert, wenn dessen bester Mann schon bei ihrem zweiten gemeinsamen Einsatz getötet wurde.

>>Bleib, wo du bist und kümmere dich um deinen Kram<< Akuma legte nicht den geringsten Wert darauf, dass der Thronfolger sich in sein Handwerk mischte. Mit einem kräftigen Sprung landete er auf den nächst tiefer gelegenem Felsvorsprung und setzte seine Füße sicher auf die nächsten Steine. Das war der schnellste Weg zum Labor. Er war nicht eingeplant gewesen, doch jetzt musste er improvisieren. Er hatte nicht die Zeit, den Pfad nach unten zu nehmen, denn die ersten beiden waren schon halb zum Fenster raus. Sie hatten Glück, dass die Laborraten so dermaßen unsportlich waren, dass ein Fenster in Kopfhöhe für sie ein kräftezehrendes Hindernis darstellte. Das schenkte Akuma wertvolle Sekunden.

>>Vergiss es<<, war die knappe Antwort. Bahadur ließ sich nicht einschüchtern. Er war nach Akuma der beste Nahkämpfer und er hatte sich immer mit um die Beseitigung der Gegner gekümmert und ließ Kameraden nicht im Stich. Wie ein Schatten huschte er über das Gelände. Der erste Gegner war durch das Fenster geklettert und half nun dem zweiten ebenfalls herauszuklettern.

Akuma, der gerade den Fels hinab sprang, knurrte leise. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und er verkniff sich jeden Kommentar. Was bildete der Kerl sich ein. Glaubte er, nur weil er der Thronfolger war, kam er mit Befehlsverweigerung durch? Das würden sie noch sehen, wenn die Mission beendet war. Er setzte gerade zu einem kraftvollen Sprung an, der ihn drei Meter tiefer bringen sollte und beobachtete dabei Bahadur, wie er sich lautlos den ersten Kerl griff und in den Schwitzkasten nahm. Doch Akuma wusste, dass das kein Schwitzkasten war. Er musste es nicht knacken hören, um zu wissen, dass das Genick des Mannes jetzt aus zwei Teilen bestand.

Seltsamerweise hörte er es doch knacken. Er konnte sich gerade noch fragen, wie gut sein Gehör war, da spürte er, wie sich der Boden unter seinen Füßen in einer fließenden Bewegung löste. Er hatte mit seinem Sprung eine Gerölllawine losgetreten und nicht genügend Zeit, sich mit einem Sprung in Sicherheit zu bringen.

Bahadur sah mehr aus den Augenwinkeln Akuma, der gerade von einigen großen Felsbrocken von den Beinen gerissen wurde und mit dem Geröll den Hang hinunter rutschte. Er wollte zu ihm eilen und versuchen seinen Sturz aufzufangen, aber da fing einer der Männer, die mittlerweile aus dem Fenster geklettert waren, an zu schießen und der Prinz musste sich mit einem Sprung in Sicherheit bringen. Durch seine zusammengebissenen Zähne fluchend, riss  Bahadur noch im Sprung eine Handgranate von seinem Gürtel  und warf sie auf die Männer. Das war zwar nicht sehr elegant, aber so konnte er alle erwischen, die aus dem Fenster geklettert waren. Er wollte zu Akuma, denn der lag unter Steinen begraben und rührte sich nicht mehr.

Noch im Lauf knurrte er in sein Headset: >>Tarek, alarmier die Sanitäter. Sie sollen sich am Nordtunnel treffen. Ich bring Akuma<<, gab er Anweisungen. Sollte der Soldat den Rest erledigen, er hatte gerade andere Sorgen. Der leblose Körper des Generals blutete aus verschiedenen Wunden an Extremitäten und Oberkörper, soweit Bahadur das sehen konnte. Auch das Gesicht hatte was abbekommen.

>>Das schaffst du nicht allein. Ich komme<<, erklärte Tarek und Bahadur fluchte leise. Ihm sollte der Blödmann noch mal was über die Befehlstreue seiner Männer erzählen. Akumas Leute waren doch auch nicht besser! Doch er schwieg. Je schneller sie hier weg kamen, umso besser. Um die übrigen Laborratten kümmerten sich Akumas Männer, da musste er sich keine Sorgen machen, denn drei von ihnen umstellten gerade das Gebäude, die Waffen im Anschlag. Hinter dem Fenster erblickte er ebenfalls Uniformen ihrer Leute.

Vorsichtig räumte Bahadur die Steine von Akuma. Das sah nicht gut aus. Er prüfte Puls, Atmung und tastete vorsichtig über den Körper, um herauszufinden, was alles gebrochen war. Wahrscheinlich war es gut, dass der General nicht bei Bewusstsein war, denn das war bestimmt nicht sehr angenehm und schmerzhaft. „Ganz super, Mr. Perfect“, knurrte Bahadur und hob Akuma vorsichtig hoch. Mindestens ein Bein, ein Arm und ein paar Rippen waren gebrochen.

Schnell hatte er eine kleine Injektionskanüle aus einer Tasche in seinem Anzug gezogen, das Notfallset Betäubungsmittel. Jeder hatte eine Injektion bei sich um auch mit Verletzungen noch einsatzfähig zu sein und zumindest bis zum Treffpunkt zurück zu kommen. Das Zeug nahm keiner gern, denn es setzte die Neurotransmitter für Schmerzreize gänzlich außer Gefecht. Es war nicht klar, was in diesem Zustand noch alles durch die Bewegung zu Schaden kam, wenn man den warnenden Schmerz nicht spürte. Doch darauf konnte Bahadur keine Rücksicht nehmen. Das letzte, was er gebrauchen konnte, war ein General, der wieder zu sich kam und anfing zu diskutieren. Denn das traute er dem Sturschädel zu.

„Pack mit an, wir müssen weg“, knurrte er Tarek an, der gerade bei ihm ankam, noch ehe der Soldat eine Frage hätte stellen können. Quatschen konnten sie zu Hause. Und er wollte sich überlegen, wie er es seinem Vater beibrachte, sollte ihm der Blödmann doch noch unter den Händen wegsterben.

Während er mit Tarek zusammen Akuma zu den Sanitätern brachte, verfolgte Bahadur die Funksprüche seiner Männer und befahl erleichtert den Rückzug, als er von allen Gruppen eine Vollzugsmeldung erhalten hatte. Akuma ging es gar nicht gut. Sein Atem ging rasselnd. Wahrscheinlich drückte eine seiner gebrochenen Rippen auf die Lunge. „Schneller“, trieb er Tarek an. Der Soldat nickte nur und legte noch einen Zahn zu, so gut das eben ging, wenn er versuchte, seinen Freund so wenig wie nur möglich zu erschüttern. In seinem Kopf kreiselte alles. Wie hatte das passieren können? Akuma sah furchtbar aus. Tarek hatte schon oft Verletzungen gesehen, auch von Kameraden, wenn etwas schief gelaufen war. Er hatte auch schon Tote gesehen, doch bei jemandem, der ihm nahe stand – so nah man Akuma eben stehen konnte – schien das was anderes zu sein. Sein sonst rational funktionierendes Hirn fing an Szenarien zu malen, die Tarek gerade nicht gebrauchen konnte. So holte er tief Luft, packte Akumas Knie fester und legte Kraft in den nächsten Schritt.

>>Wir sehen euch, wir kommen euch entgegen<<, hörten sie plötzlich den Sanitätstrupp.

Bahadur ließ sich nicht anmerken, wie erleichtert er war, als er Akuma in die Hände der Sanitäter geben konnte. Er berichtete, was er bisher an Verletzungen gefunden hatte und dass er dem General Betäubungsmittel gegeben hatte.

„Einsatzbesprechung in einer Stunde“, befahl er knapp und sah Akuma hinterher, der von den Sanitätern in einen Wagen geschoben wurde. Im Krankenhaus, wartete schon ein Team von Chirurgen auf ihn, um seine Verletzungen zu behandeln. Neben ihm stand Tarek, der immer noch zu verstehen versuchte, was er gesehen hatte. Das Bild wollte in seinem Kopf einfach keinen Sinn ergeben. Wie hatte Akuma das passieren können? Und so sprach er aus, was ihm durch den Kopf ging, auch auf die Gefahr hin, dass der Colonel ihm nicht antworten würde. Aber diese Stille zerrte gerade an seinen Nerven. „Was ist passiert?“

„Ein Erdrutsch.“ Bahadur rieb sich über die Augen. Er musste zu seinem Vater und ihm Bericht erstatten. Danach wollte er nach Akuma sehen, damit er seinen Leuten  bei der Einsatzbesprechung etwas über den Zustand ihres Generals sagen konnte.

„Scheiße. Seit wann ist er so unvorsichtig“, murmelte Tarek und setzte sich zusammen mit Bahadur in Bewegung. Sie bestiegen einen der ersten Wagen und fuhren davon. Die Cleaner-Teams blieben zurück wie gewohnt, um Spuren zu verwischen und die Bevölkerung zu beruhigen.

„Das musst du ihn selber fragen.“ Bahadur wusste selber keine Antwort, aber Tarek hatte Recht. So etwas hätte Akuma nicht passieren dürfen. Hatte er den General so verärgert, dass er unvorsichtig geworden war? Bahadur knurrte. Spekulationen halfen nichts. Der einzige, der sagen konnte, was passiert war, war bewusstlos.

So schwiegen beide.

 

+++

 

„Was?“, fragte Naran irritiert und blickte seinen Sohn an. In knappen Sätzen hatte der geschildert, was passiert war und auch, dass die Mission ein Erfolg gewesen war. Dass ihnen allerdings ihr bester Mann ausgefallen war, schmeckte Naran gar nicht.

„Akuma wurde bei einem Erdrutsch schwer verletzt und wird gerade operiert“, knurrte Bahadur gereizt, auch wenn er wusste, dass sein Vater ihn sehr wohl verstanden hatte und wohl einfach nur zu perplex war. „Er ist auch nur ein Mensch und kein Überwesen.“ Doch Naran hört ihm gar nicht mehr zu. Er baute sofort die Leitung zum Krankenhaus auf. Er wollte sich selbst vom aktuellen Zustand seines Generals überzeugen.

„Das hätte nicht passieren dürfen“, murmelte er und sah seinen Jungen dabei an. Er konnte es sich gerade noch verkneifen, es so klingen zu lassen, als würde er Bahadur dafür verantwortlich machen, denn das tat er wirklich nicht. Er wusste, dass dieser – egal ob er den General mochte oder nicht – immer sein bestes gab, um die Mission zu einem Erfolg zu machen.

„Wie geht es ihm“, sagte Naran, als sich der Stationsarzt meldete. Sie wussten beide, wer gemeint war, wenn der Clanchef persönlich sich meldete.

„Er ist soweit stabil. Die Brüche an seinem rechten Bein und am linken Arm sind nicht weiter kompliziert. Die Rippenbrüche haben die Lunge gereizt, aber zum Glück nicht verletzt. Ansonsten hat er Prellungen, Abschürfungen und oberflächliche Verletzungen. Alles in allem hatte er ziemliches Glück, aber er wird eine ganze Weile ausfallen.“ Der Arzt berichtete knapp und präzise, so wie der Fürst es erwartete und dessen Gesicht verfinsterte sich immer mehr. Doch er nickte nur.

„Gut, danke. Informieren sie mich, sollte sich an seinem Zustand etwas ändern und informieren sie mich ebenfalls, sobald er wach ist und ich mit ihm reden kann.“ Naran wartete nicht auf eine Antwort, sondern trennte die Leitung.

„Das reißt eine ordentliche Lücke“, sagte er, wandte sich dabei zu seinem Jungen um. „Und jemand muss ihn ans Bett binden, sobald er wach ist“, murmelte er, aber nur ganz leise und für sich selbst.

Bahadur hatte ihn aber trotzdem gehört und hob abwehrend die Hände. „Nee, Paps, das kannst du nicht verlangen. Der ist ja schon unausstehlich, wenn er gesund ist. Du solltest ihn besser in einen Atombunker stecken und erst wieder rauslassen, wenn er wieder gesund ist.“

„Bahadur“, sagte Naran streng, musste aber grinsen. „Ihr wohnt jetzt zusammen. Ich glaube nicht, dass er Schwierigkeiten machen wird. Schließlich will er bestimmt auch schnell wieder gesund werden und zurück in den Dienst. Ihr habt also beide das gleiche Ziel.“ Doch Naran glaubte seine Worte selbst nicht so richtig. Er war sich ziemlich sicher, dass Akuma keine Sekunde länger als nötig im Bett bleiben würde und was nötig war, entschied sicherlich nicht solch ein Scharlatan in Weiß sondern er selbst.

„Du glaubst nicht, dass er Schwierigkeiten machen wird?“ Bahadur sah seinen Vater mit hochgezogener Braue an. „Dieser Mann ist eine einzige Schwierigkeit, wenn es nicht nach seinem Willen geht. Und du kannst davon ausgehen, dass es so sein wird.“ Der Prinz wollte sich nicht kampflos seinem Schicksal ergeben, obwohl er wusste, dass er schon verloren hatte. Er war nun einmal der Mann, den Naran am besten kannte und dem er neben seinem General am innigsten vertraute.

„Bahadur“, entgegnete Naran noch einmal nachsichtig, denn er wusste, was vor seinem Jungen lag und was er von ihm verlangte. „Wenn er wieder auf dem Damm ist und im Dienst, steht dir eine Woche Urlaub in einer der Tropenkuppeln zu – haben wir einen Deal?“ Er wusste, womit er seinen Jungen ködern konnte. Er wusste auch, dass das nicht fair war, doch Bahadur war nun einmal der einzige Mann, der Akuma auch nur annähernd das Wasser reichen, vor allem aber auch die Stirn bieten konnte. Jeder andere kuschte vor der schneidenden Kälte, die Akuma verströmte. Bei Bahadur schien es so, als würde der sich dadurch erst richtig herausgefordert fühlen.

„Wenn ich dann noch in der Lage bin, Urlaub zu machen.“ Bahadur seufzte leise und nickte kaum merklich. „Du weißt schon, dass ich dein einziger Sohn bin und eigentlich nicht in der Nähe einer tickenden Zeitbombe ausgesetzt werden sollte?“  Dass er jedes Mal sein Leben riskierte, wenn er sich auf eine Mission begab, spielte keine Rolle. Hier ging es ums Prinzip. Der Kerl war schließlich um einiges gefährlicher als Bahadurs Sprengstoff, denn den hatte der Prinz gut im Griff. Im Gegensatz zu Sturschädel Akuma - in seiner Nähe zu sein, war wie ein Griff in eine Tonne voller Skalpelle.

„Du machst das schon, mein Junge. Ich vertrau dir da voll und ganz“, sagte Naran und blickte auf die Uhr. Bahadur musste los, wenn er nicht zu spät kommen wollte. „Und ehe ich es vergesse, mein Sohn: Du bist Akumas Vertreter, so lange wie er außer Gefecht ist und du wirst seine Rolle übernehmen.“ Er lächelte aufmunternd.

Bahadur nickte. „Akuma hat seine Leute gut gedrillt. Das wird keine Schwierigkeiten geben.“ Da sah der Prinz kein Problem. Das würde wohl in ein paar Tagen in ihrer Wohnung liegen und schlechte Laune verbreiten. „Okay, ich mach mich in die Spur. Seine Leute wollen bestimmt wissen, wie es ihm geht.“

„Mach das und ich werde versuchen, seine Rückkehr in euer Apartment noch etwas hinaus zu zögern, so lange es das medizinische Personal mitmacht, ohne wahlweise in den Streik zu treten oder ihn in künstlichen Schlaf zu versetzen.“ Aufmunternd schlug der Clanchef seinem Sohn auf die Schulter und geleitete ihn zur Tür. Als sich diese hinter Bahadur schloss, kehrte er an seinen Schreibtisch zurück. Er musste durchdenken, was der Unfall für ihre weiteren Missionen bedeutete.

 

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Pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt betrat Bahadur den Besprechungsraum. Ein schneller Blick sagte ihm, dass das Team vollzählig versammelt war. Es war nur ihrer Professionalität und ihrem Drill zu verdanken, dass sie Bahadur nicht gleich mit ihren Fragen nach Akuma bestürmten, aber es war in ihren Gesichtern zu lesen. Der Prinz gab die Informationen des Arztes weiter und die Gesichter der Männer entspannten sich.

„Der ist zäh“, murmelte einer und ein anderer nickte. Tarek grinste schief. Zäh war noch nicht annähernd intensiv genug, um Akuma zu beschreiben, doch er schwieg. Er hatte selbst schon Erkundigungen eingezogen und wusste, dass die Operation gut verlaufen, der ausgelaugte Körper aber noch in künstlichem Schlaf versetzt worden war, um die Heilung einleiten zu können. Von der Gabe des Serums musste die nächsten Wochen, wenn nicht sogar Monate abgesehen werden, bis der Körper völlig genesen war. Das wusste Tarek aus eigener Erfahrung. Er konnte sich bildlich vorstellen, wie Akuma auf diese Nachricht reagieren würde und deswegen sah er Bahadur mitleidig von der Seite an. Er beneidete den Mitbewohner des Generals wirklich nicht.

„Ich werde in Akumas Abwesenheit das Kommando übernehmen. In der nächsten Zeit sind erst einmal keine Einsätze geplant. Darum haben wir Zeit als Team enger zusammenzuwachsen. Wir müssen uns blind auf jeden verlassen können.“ Bahadur blickte in die Runde. Vor ihm saßen die besten Männer ihrer Armee und er war stolz auf sie. „Okay, ihr habt 24 Stunden frei. Wir sehen uns morgen im Trainingsraum.“

Leises Gemurmel, dann erhoben sich die ersten mit einem Gruß auf den Lippen. Jeder hatte seine eigene Methode, freie Stunden zu nutzen. Nach und nach leerte sich der Raum bis nur noch Tarek und Bahadur zurück blieben. „Wissen sie schon, wann sie ihn rauslassen?“, wollte Tarek wissen. „Ich kann mich um ihn kümmern“, bot er an, weil er ahnte, wo das endete, wenn ein ans Bett gefesselter Akuma auf einen gereizten Bahadur traf. Schade um ihre schöne Kuppel, aber sie würde von dem Krach wohl Risse bekommen.

Bahadur grinste Tarek kurz an, schüttelte dann aber den Kopf. „Mein Vater möchte, dass ich mich um Akuma kümmere, wenn er aus dem Krankenhaus kommt. Wann das sein wird, kann ich allerdings nicht sagen.“ 

„Okay, Order von ganz oben.“ Tarek nickte und erhob sich nun ebenfalls. Er schlug Bahadur aufmunternd auf die Schulter und grinste frech. „Du wirst das Kind schon schaukeln. Bist ja schließlich nicht um sonst auf seinem Niveau.“ Dann ließ er den Prinzen mit sich und seinem Schicksal allein. Auf Tarek selbst wartete endlich eine Dusche und dann ein entspannendes Bad mit ein paar guten Filmen – freie Stunden, so selten sie waren, verbrachte Tarek gern in warmem Wasser.

„Na super“, brummte Bahadur und ließ den Kopf auf seine auf der Tischplatte verschränkten Arme sinken. „Nur dass dieses Kind, mehr Krallen und Zähne hat, als jede Raubkatze.“ Er erhob sich langsam und streckte sich ausgiebig. Eigentlich wollte er auch nur noch unter die Dusche und dann ins Bett, aber erst wollte er nach Akuma sehen. Also verließ auch Bahadur den Raum, schloss hinter sich die Türen und tat eigentlich alles, um seinen Besuch im Krankenhaus noch etwas hinaus zu zögern. Irgendetwas sagte ihm, dass der Kerl nicht mehr lange schlief. Der war doch viel zu stur, um sich von einem Arzt Tiefschlaf aufzwingen zu lassen.


09 

Die Sonne ging gerade unter, als er das Krankenhaus betrat. Man erkannte ihn und ohne dass er etwas sagen musste, brachte man ihn zu Akuma. Von dem General war nicht viel zu sehen, so verbunden, wie er war. Er schien zu schlafen, aber immer wieder zuckte der Körper, so als wenn er Schmerzen hätte.

„Das ist doch nicht normal, oder?“, fragte Bahadur misstrauisch. Hatte der Arzt nicht gesagt, nach der Operation wäre der Patient in Tiefschlaf versetzt worden, um ihm die Schmerzen zu ersparen?

„Sein Bewusstsein ist unglaublich stark“, gestand der Arzt. „Wir konnten die Medikation zur Narkotisierung nicht weiter erhöhen, ohne den Organismus zu schädigen.“ Doktor Weng war sich sicher, dass das an der intensiven Art der Meditation lag, die Akuma täglich praktizierte. Er hatte seinen Körper und seinen Geist dermaßen stark im Griff, dass er sich selbst gegen die einschläfernden Medikamente wehren konnte. „Ich fürchte, in ein paar Stunden wird er vollständig wach und bei Bewusstsein sein.“

„Warum überrascht mich das bloß nicht?“ Bahadur holte tief Luft und sah den Arzt an. „Wie lange muss er hier bleiben? Sobald er entlassen werden kann, soll er in unser Quartier gebracht werden.“

„Wollen sie eine Antwort von mir als Mediziner oder eine Voraussage zu General Akumas Begeisterung, unser Gast zu sein?“, fragte Doktor Weng, doch das war eher rhetorisch. Also lächelte er und sprach weiter. „Die Brüche würde ich gern mindest noch eine Woche im Auge behalten wollen. Vor allem die Rippen. Allerdings fürchte ich, dass er nicht länger als zwei Tage hier bleiben wird, ohne sich selbst zu gefährden.“ Der Arzt wirkte nachdenklich und man sah ihm deutlich an, dass es ihm nicht passte, er aber auch nicht wusste, wie er den Mann ohne Medikamente von seinem Vorhaben abbringen konnte.

„Da gebe ich ihnen Recht. Er wird, wenn er wach ist, nicht länger hier bleiben wollen. Wenn es medizinisch vertretbar ist, entlassen sie ihn.“ Bahadur lächelte den Arzt an und seufzte. „Ich übernehme dafür die Verantwortung.“

„Das kommt uns entgegen“, nuschelte der Arzt leise und schloss, als ihm dies bewusst wurde, lauter an: „Natürlich werde ich dem Wunsch des Clans entsprechen. Soll ich ihnen einen Pflege abstellen zur Betreuung?“ Man merkte Doktor Weng an, dass er nervös war, denn er wusste um die Brisanz des Patienten. Nicht nur, dass er einer der wichtigsten Männer des Heeres war, auch sein starker Geist, der in der Lage war, gegen Medikation anzugehen. Das war ihm nicht geheuer – als Mensch. Als Mediziner hätte er gern die Chance, das Phänomen intensiver zu untersuchen. Aber nicht bei diesem Patienten und er fühlte sich erbärmlich bei diesem Gedanken. Er senkte den Blick.

„Nicht nötig, danke. ich werde mich um Akuma kümmern. Schließlich brauchen sie ihr medizinisches Personal noch.“ Bahadur sah zu Akuma, denn der regte sich leicht. „Ich glaube, ihre Prognose war zu optimistisch. Er wacht auf.“

„Unglaublich“, nuschelte Doktor Weng, fasste sich aber gleich wieder. Eine Hand strich hastig durch die Haare, ehe er an das Bett trat und den Patienten beobachtete. Die Augenlider flatterten und der ganze Köper begann sich leicht zu bewegen. „General Akuma“, sagte der Arzt leise und griff nach seinen Diagnosegeräten. Er prüfte unabhängig von den angeschlossenen Maschinen Puls und Blutdruck, Temperatur und Reflexe und erntete ein kraftloses Knurren, als er mit einer kleinen Lampe den Pupillenreflex prüfen wollte.

Akuma wollte die Hand heben und die Lampe wegschieben, aber Bahadur hinderte  ihn daran. „Lass den Arzt machen, wenn du bald wieder hier raus kommen willst. Du wurdest von einem halben Berg begraben, also halt still.“ Bahadur versuchte nicht gereizt zu klingen, aber ganz gelang ihm das nicht. Doktor Weng beeilte sich seine Untersuchungen fortzusetzen, während Akuma, der gerade aus einer tiefen Schwärze allmählich ans Licht kroch, sich langsam zu der ihm wohl bekannten Stimme umwandte. Es fiel ihm nicht leicht, die Augen zu öffnen, doch er zwang seinen Körper ihm zu gehorchen. Er fühlte sich wie unter einer Glocke aus Taubheit, alles war dumpf und hüllte ihn in feinstoffliche Nebel. Als er langsam fokussierte, was er befürchtet hatte, knurrte er nur. Er hatte noch nicht ganz begriffen, was Bahadur gesagt hatte, weswegen er sich aufsetzen wollte, um den Kerl zu fragen, warum er ihn schon wieder blöd von der Seite anquatschte. Die nächste Frage wäre dann allerdings, wo er hier war. Das war nicht sein Zimmer – definitiv. So weit funktionierte sein Geist.

„Liegenbleiben“, knurrte Bahadur und legte seine Hände auf Akumas Schultern. Das waren mehr oder weniger die einzigen Körperstellen, wo der General nicht verletzt war. „Du wurdest schwer verletzt und liegst im Krankenhaus. Die Mission war erfolgreich und du wirst schon wieder.“

Bahadur sah deutlich, wie Akuma ihn fixierte. Als würde er die Worte von seinen Lippen lesen, von den Augen, von seiner Mimik und so war es auch. Die Worte sickerten in Akumas Hirn, doch sie waren so surreal, dass er sie nicht begreifen konnte. Er war nicht verletzt. Der Blödmann sollte aufhören derartige Scherze zu machen, wenn er nicht wieder eine Abreibung im Trainingsraum haben wollte. „Schwachsinn“, zischte er und versuchte sich wieder aufzusetzen, doch die Hände hielten ihn in der Waagerechten. Akuma drehte ungläubig den Kopf, so kam Doktor Weng in sein Blickfeld, der sich aufgefordert fühlte, Bahadur zu bestätigen. „Bitte bleiben sie liegen. Sie stehen zwar unter Medikamenten aber ihre Verletzungen sind noch lange nicht ausgeheilt. Bewegung ist Gift.“

„Schwachsinn. Ich muss die Berichte sichten und sehen …“ begann Akuma doch dann ging ihm die Tragweite dessen, was Bahadur gesagt hatte auf. Er sah an sich hinab. Verbände, Schienen, Gips und Bandagen. Sein fragender Blick huschte durch den Raum. Er begriff nicht.

„Bleib liegen, du bist verletzt. Du hast dir ein paar Rippen, ein Bein und einen Arm gebrochen. Dein Kopf hat auch was abgekriegt.“ Bahadur versuchte es noch einmal, obwohl er nicht glaubte, dass es was nutzte. „Du wirst in nächster Zeit keine Berichte sichten oder ähnliches.“ Bahadur sah den Arzt an, damit er ihm half, Akuma zu überzeugen, auch wenn der Prinz nicht glaubte, dass Akuma auf Dr. Weng hören würde.

„Ich muss dem Colonel recht geben“, beharrte auch der Arzt hastig. „Ich kann ihnen unter keinen Umständen gestatten, das Bett zu verlassen. An die Aufnahme ihrer Tätigkeit ist in den nächsten Wochen nicht …“

„Bringen sie den Satz zu Ende und es gibt Ärger“, knurrte Akuma, der immer noch versuchte. sich zu erinnern, was passiert war, das ihn hier her gebracht hatte. „Wer hat sie eigentlich befähigt, mir Anweisungen zu geben.“ Wieder versuchte er sich aufzusetzen, denn es schmeckte ihm gar nicht, dass zwei solch rangniedere Personen auf ihn hinab blickten. Das konnte Akuma absolut nicht ertragen. Nicht wenn einer davon der Thronfolger war.

„Der Fürst.“ Dr. Weng versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass Akuma ihn verunsicherte. „Als Chefarzt der Klinik, werden sie meinen Anordnungen folgen müssen, solange sie unser Gast sind. Und dass sie uns jetzt gleich verlassen, das kommt gar nicht in Frage“, hängte er gleich an, weil er sich denken konnte, was der General sonst verlangte.

Akuma schwieg. Er wusste nicht, ob der Kerl die Wahrheit sagte oder hoch pokerte. Aber zumindest schien dem Mann klar zu sein, dass es nur einen Mann auf der Welt gab, dem er sich unterordnete und dessen Name war gerade gefallen. Er biss die Zähne aufeinander und blickte den Arzt fest an. Allmählich kam sein Körper zu ihm zurück. Er spürte dumpfes Pulsieren und Ziehen, Stechen und Schneiden. Kurzfristig verschwamm alles vor seinen Augen und er blinzelte, damit er Doktor Weng wieder klar sehen konnte. „Wie lange“, wollte er bestimmend wissen, denn er wollte wissen, auf was er sich einstellen musste.

„Also mindestens sechs Woch...“, hob der Arzt an, wurde aber durch einen flammenden Blick und einem wütenden Knurren unterbrochen. „Äh..., also sie müssen nicht die kompletten sechs Wochen im Krankenhaus bleiben, aber so lange haben sie strengste Bettruhe.“ Dr. Weng fing an zu schwitzen, denn Akuma starrte ihn wütend an und das konnte einem wirklich Angst machen.

„Kommt gar nicht in Frage, neuer Vorschlag“, forderte Akuma und versuchte, souverän die Arme vor der Brust zu verschränken. Doch das ging nicht. Die Verbände hinderten ihn und das Ziehen im Arm ließ ihn auch von der Idee wieder abkommen. Doch sein Blick ruhte lauernd auf dem Arzt, der Hilfe suchend zu Bahadur sah.

„Das ist nicht verhandelbar“, mischte der Prinz sich auch gleich ein, obwohl er wusste, dass seine Einmischung Akuma nur noch mehr reizen würde. „Wenn du irgendwann wieder auf eine Mission gehen willst, musst du deinen Knochen die Möglichkeit geben, zu heilen. Das wird nichts, wenn du fröhlich in der Gegend herum springst und dich nicht schonst.“

Ruckartig schoss Akumas Kopf zu Bahadur herum, auch wenn das stechende Schmerzen hinter den Augenhöhlen bedeutete. „Ich kann mich nicht erinnern, dich gefragt zu haben“, brachte er mühsam beherrscht hervor. „Und ob ich wieder auf Missionen gehe, entscheidest nicht du. Noch hat dein Vater das Sagen.“ Noch immer suchte er in seinem Kopf nach Erinnerungsfetzen, was mit ihm passiert war, denn er wollte den Prinzen nicht fragen. Die Genugtuung, ihm sein Versagen vorhalten zu dürfen, wollte Akuma dem Colonel nicht geben.

Bahadur knurrte leise. Ein verletzter Akuma war noch explosiver als sonst schon. Er ließ sich aber nicht einschüchtern. „Ich habe nicht gesagt, dass ich entscheide, ob du wieder auf Missionen gehst, aber wenn deine Knochen nicht richtig zusammenwachsen, sag ich dir jetzt schon, dass du keine mehr machen wirst.“ 

„Ach le …“ Akuma brach ab und wandte sich wieder dem Arzt zu. Noch immer kreiselten seine Gedanken, doch seine Erinnerung wurde schwarz an der Stelle, als er sah wie die feigen Ratten versucht hatten, aus dem Labor durch eines der hinteren Fenster zu entkommen. Er sah Steine unter seinen Füßen. Und dann war da nichts mehr. Seine Gedanken enden dort, wo sein Blick auf die Felsen unter seinen Stiefeln fiel. Der Colonel wusste garantiert, was passiert war. Hatte er nicht irgendwas davon gesagt, Akuma wäre unter einem halben Berg begraben gewesen? Wie meinte der Kerl das? Wortwörtlich?

„Wann kann ich hier raus? Rumliegen kann ich auch daheim. Und überlegen sie gut, welches Angebot sie machen.“

Der Arzt fing an zu schwitzen und er räusperte sich. Er hätte Akuma gerne eine Woche in der Klinik, damit sie sehen konnten, wie gut die Brüche verheilten und eventuell etwas unternehmen konnten, wenn etwas schief ging. „Minimum 2 Wochen“, pokerte er darum hoch, damit er noch Spielraum hatte.

Schlagartig war er wieder im Augenmerk des Generals und Doktor Weng konnte die Blicke des Mannes auf seiner Haut spüren, wie sie sich tiefer und tiefer schnitten. „Ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt“, erklärte Akuma unterkühlt, vor allem aber wütend auf sich selbst, weil seine verdammte Erinnerung nicht wieder kam. Es war also ein denkbar unglücklicher Zeitpunkt für den Arzt, schlechte Witze zu machen. „Sie haben noch einen Versuch und dieses Mal kommen sie mir besser entgegen, sonst fälle ich die Entscheidung.“

„Aus medizinischer Sicht muss ich darauf besteh...“ Doktor Weng brach ab, denn Akuma tötete ihn gerade mit Blicken. Bahadur sah dem Schauspiel scheinbar unbeteiligt zu. Bis her schlug der Arzt sich ganz gut. Er schlotterte nicht so sehr, wie manch anderer der von dem wütenden General fixiert wurde.

„Eine Woche. Alles andere wäre unverantwortlich.“

Akuma schien die ganze Sache zu überdenken, vermied aber den Blick zu Bahadur, der immer noch am Bett stand, sich aber tunlichst nicht einmischte. Der Kerl war wohl doch nicht so blöd wie Akuma erst befürchtet hatte. „Ich biete ihnen drei Tage, in denen ich mich an ihre Anweisungen hier zu bleiben halten werde. Anschließend verschwinde ich nach Hause und liege dort den Rest der geforderten Woche herum. Doch dann werde ich meinen Aufgaben wieder nachgehen. Ich habe nicht die Zeit für solchen Blödsinn.“ Er brauchte Zugang zu den Missionsberichten, wenn er ohne Bahadurs Hilfe erfahren wollte, was wirklich passiert war und wo er versagt hatte.

Versagt!

Er hatte versagt!

Nicht funktioniert!

Der Gedanke traf den General wie ein Hammerschlag und er schloss schmerzverzerrt die Augen.

 „Bitte?“ Doktor Weng sah Akuma entgeistert an. „Nein. Sie werden sechs Wochen Bettruhe halten, nicht nur eine Woche. Das ist eine medizinische Anweisung ihres behandelnden Arztes und ich habe in dieser Sache die volle Unterstützung des Fürsten.“ Der Arzt war so geschockt, dass er völlig vergaß Angst zu haben.

„Wegen mir auch das“, entgegnete Akuma mit geschlossenen Augen und holte tief Luft. Von einer Sekunde auf die andere war es bedeutungslos geworden, dass er das Krankenhaus so schnell wie nur möglich verließ um seinen Job zu machen. Er hatte versagt, nicht funktioniert. Er hatte nicht mehr das Recht seinen Job zu machen und andere in Gefahr zu bringen. Er wagte noch nicht einmal zu fragen, ob wegen seiner Unfähigkeit jemand ums Leben gekommen oder ebenfalls verletzt worden war. Deswegen wollte der Fürst ihn hier festhalten lassen – ganz klar. Er sollte seines Dienstes enthoben werden und war hier nur geparkt worden, damit er keinen weiteren Schaden anrichten konnte.

Immer schneller kreiselten die Gedanken, zogen sich enger und enger um sein Gehirn. Der Schmerz wurde unerträglich und er kniff die Augen zusammen.

„Das... wie jetzt?“ Dr. Weng blinzelte überfordert und sah zu Bahadur. Der allerdings wusste auch gerade nicht, was los war. Akuma wirkte völlig abwesend. Lag das an den Schmerzmitteln oder waren das Nachwirkungen des Unfalls? „Aku?“, fragte er leise und sah zu Dr. Weng. 

Doch schon allein dadurch, dass der General auf die Verkürzung seines Namens nicht angemessen mit einer bissigen Bemerkung antwortete, sondern gar nicht reagierte, wurde ihm klar, dass etwas sich verändert hatte.

„General Akuma“, versuchte es der Arzt noch einmal. „Sechs Wochen Bettruhe für die Knochen, haben sie das verstanden?“

Ja, das hatte Akuma verstanden und es sprach ja auch nichts dagegen. Sein Clanchef wollte, dass er hier blieb, er hatte sich seinem Herrn nicht zu widersetzen. Man wollte nicht, dass er hier raus kam, man wollte nicht, dass er seinen Job wieder aufnahm. So entgegnete er resigniert: „Nuschel ich? Ich sagte doch eben: wegen mir auch das.“ Die Schärfe war aus seinen Worten gewichen und seine Augen blieben geschlossen.

„Gut, dann ist das ja geklärt.“ Der Arzt wirkte wie ausgewechselt. „Sie bleiben vier Tage hier und danach können sie wieder nach Hause. Jetzt sollten sie sich ausruhen. Sie haben einen schlimmen Erdrutsch überlebt, der sie unter riesigen Steinbrocken begraben hat. Ich sehe später noch einmal nach ihnen.“ Mit einem zufriedenen Gesicht verließ Dr. Weng das Krankenzimmer. 

Akuma nickte. Ein Erdrutsch also. Passte zu seinen letzten Erinnerungen vor der Schwärze. Seine Füße auf losem Geröll. War er allen Ernstes zu blöd gewesen einen kleinen Hang hinab zu steigen? Sollte es so simpel gewesen sein? Dann hatte der Fürst allerdings wirklich Recht, ihn als General umgehend abzusetzen.

Im Unterbewusstsein nahm Akuma wahr, dass nur einer den Raum verlassen hatte und das sicherlich der Arzt gewesen war. Sein Nachfolger war also noch da. Wahrscheinlich im Auftrag von Naran, um den Versager im Auge zu behalten. „Du kannst auch gehen“, sagte Akuma leise. „Ich habe doch gesagt, ich bleibe hier liegen.“ Bahadur war der letzte, den er im Augenblick um sich haben wollte. Er musste nachdenken, was zu tun war.

„Ja, ich habe es gehört und genau das macht mir Angst.“ Bahadur versuchte in Akumas Gesicht zu lesen, was los war, aber der Gesichtsausdruck des Generals verriet keine Regung. „Was ist los?“

Innerlich hätte Akuma am liebsten gelacht. War Bahadur nicht derjenige, der am besten wissen müsste, was eigentlich los war? Mistkerl! Doch Akuma wollte ihm die Genugtuung, die Niederlage aus Akumas Mund zu hören, nicht geben. Also lenkte er ab und hoffte, dass Bahadur es nicht bemerkte: „Du hast den Arzt gehört. Meine Knochen brauchen Zeit zum heilen. Ich sollte sie ihnen geben.“

„Verarsch mich nicht“, knurrte er Prinz und fixierte Akuma mit finsterem Blick. „Wem willst du hier eigentlich einen Bären aufbinden. Der Akuma, den ich kenne, der würde darauf bestehen, so schnell wie möglich wieder aus diesem Bett zu kommen und das Heilen seiner Knochen wäre ihm dabei ziemlich egal.“

Überrascht öffnete Akuma jetzt doch die Augen und musterte Bahadur eine Weile stumm, ehe er sagte: „Sowohl du als auch der Arzt haben mir klar gemacht, dass mein Verbleib in dieser Einrichtung der ausdrückliche Befehl von Naran ist und ich werde mich hüten, mich meinem Fürsten zu widersetzen.“ Dabei sah er den Prinzen herausfordernd an. Eigentlich hatte er nicht vor gehabt, gegen ihn zu verlieren – doch die Entscheidung fällte nicht Akuma. Diese Entscheidung hatte Naran für ihn gefällt. Er musste es akzeptieren.

Bahadur blinzelte einmal und holte tief Luft. Akumas Antwort klang schlüssig. Der General war seinem Vater treu ergeben. Er würde sich für seinen Fürsten umbringen lassen, wenn es nötig war, aber Bahadur hatte ein komisches Gefühl. Irgendetwas stimmte nicht, auch wenn er es nicht greifen konnte. Er kannte Akuma aber schon gut genug, um dessen Stur-Modus zu erkennen und zu wissen, dass er nichts mehr aus ihm raus bekommen würde. „Okay, wie du meinst“, sagte er darum nur und musterte den Mann, der vor ihm im Bett lag.

„Ja, ich meine“, sagte Akuma mit Nachdruck und wirkte für wenige Sekunden wie der Mann, mit dem Bahadur seit einigen Wochen das Quartier teilte. „Also kannst du dich wieder deinen neuen Aufgaben widmen. Ich werde nicht weglaufen. Vier Tage lang hast du das Apartment für dich. Aber finde ich Katzenhaare in meinem Bett, wenn ich zurück komme, dann…“ Akuma brach ab. Kam er denn überhaupt in das Apartment zurück? Wollte er dahin zurück? Was hatte Naran mit ihm vor, jetzt wo er nicht mehr zu gebrauchen war?

„Okay. Ich werde Panja deine Drohung überbringen. Ich schätze aber, sie wird sie nicht sehr ernst nehmen.“ Bahadur stieß sich von der Wand ab, an der er bisher gelehnt hatte und kam näher zum Bett. „Ruh dich aus, ich komme morgen wieder. Brauchst du etwas?“

Akuma beobachtete ihn noch immer.

Den Bericht – war sein erster Gedanke, doch er schwieg. Lieber schüttelte er den Kopf und drehte sich weg. Je schneller Bahadur weg war, umso schneller konnte Akuma versuchen seine Gedanken zu sortieren und zu handeln. „Ist mein Palm hinüber?“, fragte er aus einem Reflex heraus. Er war von der Kommunikation komplett abgeschnitten. Bettruhe hin oder her, das war nicht akzeptabel.

„Keine Ahnung.“ Bahadur ging um das Bett herum zum Schrank, wo Akumas Sachen lagen. Er tastete über das Wäschebündel und fühlte etwas Hartes und holte es heraus. „Sieht heile aus. Probier es aus.“ Der Colonel gab Akuma das kleine Gerät und der schaltete es augenblicklich an. Viel Hoffnung hatte er nicht in Anbetracht seines Beines, das in der gleichen Hose gesteckt hatte wie der Palm. Er hatte ein paar Kratzer auf dem Gehäuse und das Display funktionierte. Positiv überrascht hob Akuma eine Braue, spürte den ziehenden Schmerz über seinem Auge und betastete das Pflaster.

„Funktioniert. Sehr gut!“ Jetzt konnte er Verbindung zum Archiv aufnehmen und sich die Missionsdaten ansehen. Anschließend musste er für sich die Konsequenzen ziehen.

„Okay, verstehe. Ich darf gehen.“ Bahadur tippte sich an die Stirn und erwartete gar keine Antwort. Er ging einfach aus dem Raum. Akuma würde es noch nicht einmal bemerken.

Da war Panja schon anders. Die freute sich immer, wenn er da war und genau darum ging er jetzt nach Hause.

„Wenn’s nach mir ginge, wärst du noch nicht mal hier gewesen“, knurrte Akuma noch leise, versuchte sich bequemer zu legen und den Palm so zu halten, dass er lesen konnte. Bahadur war vergessen – vorerst. Akuma brauchte mehr Informationen und alle Fakten und vielleicht noch ein Schmerzmittel. Das Ziehen und Stechen bei jeder Bewegung war die Hölle und lenkte ihn vom wesentlichen ab.