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Zyklus VII - Hangzhou Provinz - Teil 10-12

10

„Ich muss los, Süße. Lass Akumas Sachen in Ruhe, sonst macht er Terror, wenn er wiederkommt.“ Bahadur lachte leise und kraulte Panja hinter den Ohren. Die Katze schmiegte ihren Kopf an seine Hand und maunzte leise. Bahadur hätte gerne noch mit ihr geschmust, aber er hatte einen Termin bei seinem Vater. Der Fürst wollte ihn sehen, darum hatte Bahadur sein übliches Morgenprogramm umgestellt und nicht mit dem Training begonnen. Noch einmal strich er dem Parder über die Nase, und verließ dann die Wohnung. Er eilte die Straße entlang, die um diese frühe Uhrzeit noch relativ leer lag. Es war nicht ungewöhnlich, dass sein Vater ihn zu solch früher Stunde zu einem Gespräch bat. Doch normalerweise gab er ihm mehr Informationen als heute Morgen.

Derweil lief in seinem Büro Naran auf und ab, blickte immer wieder auf seinen Palm und knurrte. „Ich hoffe, du hast eine gute Erklärung dafür, Bahadur.“ Sein Kopf ruckte hoch als es klopfte und sich die Tür öffnete.

„Bahadur, komm rein“, sagte Naran und holte tief Luft. Er schob aber noch einen Gruß hinterher, denn auch wenn er wütend war, war das noch lange kein Grund, zu seinem Jungen unhöflich zu sein. Als Bahadur die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sich Naran über seinen Schreibtisch, die Finger fest um die Kante des Holzes gekrallt. Der Blick seines Jungen lag fragend auf den weißen Knöcheln und so kam Naran ohne Umschweife direkt zu seinem Problem: „Kannst du mir bitte mal erklären, was du dir dabei gedacht hast?“, knurrte er und er sah am Blick seines Sohnes, dass der nicht wusste, was der Fürst eigentlich von ihm wollte. „Ich sagte, pass auf dass er keinen Blödsinn macht und es dauert keine zwei Wochen, da macht er den größten Blödsinn, den man sich nur vorstellen kann. Sieht so aufpassen für dich aus?“ Seine Stimme war gepresst aber leise.

„Bitte?“. Bahadur sah seinen Vater  mit zusammengekniffenen Augen an. Das war ja eine Begrüßung. Von wem sein Vater sprach, war ihm klar, nur wusste er nicht so recht, was man ihm vorwarf. Da fiel ihm nur eines ein und das konnte man ihm doch nicht wirklich zum Vorwurf machen. „Du willst mich doch jetzt nicht wirklich dafür verantwortlich machen, dass er von dieser Gerölllawine begraben wurde?“, knurrte er zurück. Seine Laune sackte in den Keller. Noch kein Frühstück, aber schon Vorhaltungen.

„Was?“, fragte jetzt Naran verwirrt, bis ihm einfiel, dass sein Junge eventuell noch gar nicht wusste, wovon er eigentlich redete, denn die Nachricht seine Generals war nur an den Fürsten persönlich versandt worden. „Ich rede nicht von seiner Verletzung, Bahadur, ich rede von seiner Kündigung! Musstest du ihn auch noch bestärken? Du wusstest doch dass er labil ist. Wie konntest du ihm sagen, du würdest ihn ersetzen?“ Er schob den Palm mit Akumas Kündigung und Bitte um Entlassung aus dem Militärdienst über den Schreibtisch, damit Bahadur sie ebenfalls lesen konnte.

„Er hat gekündigt?“ Bahadur nahm den Palm und las sich durch, was dort stand. Mit einem wütenden Schnauben warf er das Gerät wieder auf den Tisch und knurrte. „Na, ganz super. Dieses Arschloch baut Scheiße und du gehst gleich davon aus, dass ich ihn dazu überredet habe. Ich danke dir für dein Vertrauen in mich.“ Bahadur war wie sein Vater, wenn er richtig wütend war, dann wurde seine Stimme sehr leise und gerade war sie nicht mehr als ein Flüstern. „Ich habe ihn nicht darin bestärkt zu kündigen, genau so wenig, wie ich ihm erzählt habe, dass ich ihn ersetzen soll. Für wie blöd hältst du mich eigentlich. Anscheinend für sehr blöd, wenn du so eine hohe Meinung von mir hast.“

„Hör zu“, sagte Naran und die Worte seines Jungen machten ihm klar, dass er wohl gerade um einige Kilometer über das Ziel hinaus geschossen war. „Im Moment halte ich niemanden für gar nichts, am wenigsten dich für blöd. Ich weiß sehr wohl, dass du einer der zuverlässigsten Männer unseres Volkes bist, aber Akuma arbeitet in seinem Text mit Fakten, die er…“ Er brach ab und wandte sich um. Er musste sich fassen. „Bahadur, es tut mir leid, dass ich mich wohl etwas habe gehen lassen, doch im Augenblick weiß ich nicht, wo wir stehen und ich wollte als erstes mit dir reden, weil du mir helfen kannst, meine Gedanken zu sammeln, ehe ich nachher vor den Rat trete und ihn informiere.“

„Unter miteinander reden, verstehe ich eigentlich etwas anderes. Gleich mit Vorwürfen empfangen zu werden, zählt nicht dazu.“ Bahadur war immer noch wütend und er wollte sich auch nicht so leicht besänftigen lassen. Dazu hatten ihn die Worte seines Vaters zu sehr getroffen und das sollte er auch merken. „Nun, ich weiß nicht, was du dem Rat sagen sollst. Am besten erst mal gar nichts.  Ich werde mir dieses Arschloch jetzt nämlich schnappen und herausfinden, warum er das gemacht hat. Danach kannst du mir Vorhaltungen machen, weil es sein kann, dass ich ihn umbringe.“

Langsam wandte sich Naran zu seinen Jungen um. Schmerz furchte seine Züge. Über seinen Ärger auf Akuma hatte er vergessen, dass er den falschen Mann an die Wand gestellt hatte. Doch daran musste er arbeiten, wenn das hier vorbei war. „Will ich wissen, was du vor hast oder werde ich als Mitwisser vor Gericht gegen dich aussagen müssen?“, fragte er und musterte Bahadur. Der sah wütend aus und er ahnte, dass im Krankenhaus gleich die Luft brannte. Das konnte er nicht zulassen. „Aber ich muss dir untersagen, jetzt zu ihm zu gehen. Das wäre nicht förderlich. Weder für dein Gemüt noch für seine Genesung.“

„Willst du deinen Prinzen behalten, oder nicht?“, fragte Bahadur herausfordernd. Seinem Vater lag ja anscheinend mehr an Akuma, als an seinem eigenen Sohn, da konnte er ihm seinen Titel auch gleich abtreten. Sein Vater sollte sich ruhig darüber im Klaren sein, dass er gerade die Gunst seines Sohnes verspielte. Sein Blick lag finster auf dem Fürsten „Entweder du lässt mich da jetzt hingehen, oder du kannst seine und meine Kündigung annehmen und gleich den Rat darüber informieren. Du weißt, wie es um ihn steht,  schickst ihn aber in seiner Verfassung auf Missionen, bei denen er töten muss und getötet werden kann, ohne mit der Wimper zu zucken, aber ich bin nicht gut für seine Genesung?“ Bahadur war wirklich fassungslos, das merkte man. „Du machst es schon wieder. Langsam kotzt mich das an. Wenn du kein Vertrauen in mich hast, dann such dir einen anderen, der Akumas Babysitter spielt.“

Naran schloss die Augen – er spürte deutlich, dass er einen großen Fehler gemacht hatte und nun mitten in einem Minenfeld stand. Er war sich nicht sicher, ob er überhaupt noch etwas tun oder sagen konnte, um die aktuelle Situation zu deeskalieren. „Bahadur“, setzte er an, doch sein Sohn blickte ihn nur weiterhin finster an. Er hatte ihn wohl für selbstverständlich genommen. In seiner Mission, die Völker der Kuppeln von den Wahnsinnigen zu befreien, hatte er wohl nicht gemerkt, dass er mehr aufs Spiel gesetzt hatte, als ihm bewusst gewesen war. Vielleicht wäre es nie so weit gekommen, wenn Akuma etwas mehr wie sein Junge wäre und sich wehren würde, wenn er zu viel bekam. Aber so war Akuma nicht. Leider. Und seine stille Hoffnung, Bahadurs Einfluss auf ihn könnte positiv sein, hatte sich zerschlagen. Die beiden waren wie Feuer und Wasser und er selbst hatte Petroleum hinein gegossen und stand jetzt in einem Inferno.

„Auch wenn ich es nie gezeigt habe, du bist der wichtigste Mann für mich. Dass ich so hart zu dir bin, lag wohl daran, dass ich nicht wollte, dass man glaubt, ich würde dich …“ Er brach ab. Es klang wie eine Ausrede, obwohl es genau der Grund war, warum es Bahadur schwerer hatte als jeder andere. Naran war unglaublich stolz auf ihn, doch er hatte es dem Prinzen nie gesagt. Und jetzt war der denkbar schlechteste Augenblick damit anzufangen.

„Außerdem schicke ich ihn nicht. Ich kann ihn nicht aufhalten. Er tut seinen Dienst, sagt er immer.“ Naran sank in seinem Stuhl zusammen und legte den Kopf in die aufgestützten Hände. „Aber tu, was du für richtig hältst. Ich glaube, du kennst ihn besser als ich. Ich vertraue dir, auch wenn du mir das nicht glauben wirst.“ Seine Stimme erstarb allmählich. Er war wie gelähmt.

Bahadur war noch zu wütend um einzulenken, auch wenn er merkte, dass er seinen Vater wohl schwer getroffen hatte. Sie mussten reden und das aus der Welt schaffen, sonst konnte er wirklich seine Kündigung einreichen. Aber nicht jetzt. Jetzt musste er das, was er vorhatte auch durchziehen und sich Akuma zur Brust nehmen. So lange konnte Naran sich Gedanken darüber machen, wie man Söhne behandelte. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging aus dem Raum. In der Tür drehte er sich noch einmal um. „Ich gebe dir Bescheid, was ich erreicht habe.“

„Ja, tu das“, sagte Naran leise und blickte noch lange auf die Tür, die Bahadur lauter als nötig hinter sich geschlossen hatte. Er spürte Verlust – deutlich und mit kaltem, festen Griff. Eigentlich sollte es in seinem Kopf drunter und drüber gehen – doch er war leer, völlig leer.

 

Bei Bahadur, sah es nicht viel anders aus. Er hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Sein Vater war immer sein Vorbild gewesen, sein großer Held, als er noch klein war. Seine heile Welt hatte gerade einen Riss bekommen und das tat verdammt weh. Knurrend schüttelte er den Kopf. Er musste seine Gefühle nach hinten drängen. Das konnte er bei Akuma nicht gebrauchen. Aber eines wurde ihm immer klarer – sie hatten sehr lange an einander vorbei gelebt und den anderen in seiner Entwicklung nicht wahr genommen. Sobald er den Blödmann davon überzeugt hatte, dass er besser noch mal nachdachte und dann die richtige Option anbot, musste er mit Naran reden. Sie steuerten auf einen Abgrund zu und Akuma war eigentlich nur der Brandbeschleuniger gewesen bei einem Glutherd, der seit Jahren unter der Haut geschwelt hatte.

Als Bahadur aufsah, fand er sich auf den Treppen des Krankenhauses wieder und so verlor er keine Zeit, sondern ging seinen Weg. Der Schwester, die ihm kurz vor Akumas Zimmer den hell erleuchteten, fensterlosen Gang entgegen kam, hielt er kurz an. „Ich werde jetzt zu Akuma gehen und es könnte laut werden. Ich will keinen vom Personal im Zimmer sehen, bis ich wieder draußen bin. Ich sorge dafür, dass ihm nichts passiert, aber ich will keine Störung.“ Eindringlich sah er die junge Frau in ihrer Schwesterntracht an.

„Wie ihr wünscht, Prinz Bahadur.“ Die junge Schwester biss sich nervös auf die Unterlippe, aber sie nickte. Zufrieden lächelte der Prinz ihr zu und ging weiter zu Akumas Tür. Er öffnete sie und trat ein. Der General war wach. Dann brauchte er ihn nicht zu wecken. „Kannst du mir mal erklären, was du Arschloch dir dabei gedacht hast?“, eröffnete er knurrend den Schlagabtausch. Das Spiel konnte beginnen.

Langsam wandte sich Akumas Kopf, doch als er den Prinzen erblickte, verdrehte er die Augen. Schickte Naran jetzt seinen Wachhund, oder was? Doch er gab nicht gleich klein bei, sondern fragte provozierend: „Wobei?“ und sah wieder aus dem Fenster. „Als ich den merkwürdigen Fleck da auf der Scheibe entdeckt habe? Ich dachte, dass die mal wieder geputzt werden könnte. Findest du nicht auch?“, erklärte er und sah Bahadur dann direkt in die Augen. Er hatte keine Lust mit seinem Nachfolger zu reden. Warum redete Naran nicht direkt mit ihm?

„Kannst du ja machen. Hast ja jetzt Zeit, wo du gekündigt hast.“ Bahadur hatte keine Lust auf Spielchen. Seine Nerven waren eh schon zum zerreißen gespannt nach dem Gespräch mit seinem Vater.

Akuma lachte freundlos. „Das macht ja schnell die Runde. Aber ich dachte eigentlich, dass du mehr Freude an deinem Aufstieg hast und vor allem an der Tatsache, dass unsere Zwangs-WG aufgelöst wird. Dein Bettvorleger kann sich breitmachen und alles voll haaren und ich werde die Kuppel verlassen und mir was Neues suchen. Win-win-Situation würde ich sagen.“ Er machte sich nicht die Mühe Bahadur anzusehen, denn er war aufgewühlter als er sich gab.

„Ja sicher, lauf weg. Der große General Akuma, vor dem jeder kuscht und den alle fürchten, ist nichts anderes als ein Kind, das sich vor der bösen Welt verkriecht.“ Bahadur redete sich langsam in Rage. All die Wut, die er in der letzten Zeit aufgestaut hatte, ließ er nun raus. 

„Ich laufe nicht weg, ich ziehe die logische Konsequenz aus meinem Versagen, Prinz. Ich war nicht in der Lage, die Mission zu leiten, weil ich versagt habe. Die Kündigung war schlussendlich der richtige Entschluss. Du wirst an meine Stelle treten und dem Fürsten dienen. Ich werde mich nicht verkriechen, ich tue, was von mir erwartet wird.“ Akumas Stimme zitterte leicht, denn die Vorwürfe nagten schwer an ihm.

Weglaufen?

Verkriechen?

Verdammt – er versuchte nur das Leben seiner Männer zu schützen! Nervös knotete er seine Finger unter der Decke, auch wenn es schmerzte. Doch der Schmerz bedeutete Sicherheit, den hatte er unter Kontrolle – im Gegensatz zu diesem Kerl, der augenscheinlich versuchte ihn aus der Fassung zu bringen.

„Super Ansprache. Man sollte dir einen Orden für deine Ritterlichkeit verleihen. Ich werde es meinem Vater vorschlagen“, höhnte Bahadur. Akuma sollte mitbekommen, dass er ihm kein Wort glaubte. „Allerdings bezweifle ich, dass man einem Mädchen, das sich gleich verkriecht, wenn es mal nicht optimal läuft, einen Orden verleihen sollte.“

Akuma holte tief Luft, doch er war im Augenblick sowieso etwas dünnhäutig. Die Ereignisse der letzten Tage hatten ihn aus der Bahn geworfen und er fand selbst in der Meditation keine Ruhe. So schoss er plötzlich zu Bahadur herum und blitzte ihn aus schmalen Augen an. „Pass mal auf, du Blitzbirne, wenn du eine auf die Fresse haben willst, sag das doch deutlich. Kein Problem. Bring mir 2 Morphin und dann komm ran ans Bett“, knurrte er und Hass sprach aus seiner Stimme. Hass auf Bahadur, weil er ihn so lange getriezt hatte, bis Akuma wirklich die Fassung verlor. „Arschloch.“ Er würde dafür bluten.

„Du willst mich schlagen?“, lachte Bahadur und kam näher zum Bett. Er beugte sich zu Akuma runter und seine Augen blitzten. „Nur zu, tu was du nicht lassen kannst. Mit den Konsequenzen musst du allerdings leben. Denn mein Vater ist da sehr streng, wenn jemand aus seiner Familie angegriffen wird. Das sieht er als Hochverrat.“ Bahadur richtete sich wieder auf und sah böse lächelnd auf Akuma runter. Er wusste, dass die meisten Leute vor ihm Angst bekamen, wenn er sie so ansah. „Wenn du also deine Wut an mir auslassen willst und auf mich einprügeln willst, dann ziehst du deine Kündigung zurück. Dann bist du mein Vorgesetzter und kannst beim Training deine Wut ungehemmt an mir auslassen.“

Akuma blinzelte und sah Bahadur wirsch an. Der hatte gerade das Gefühl, in eine Falle getappt zu sein, die der Blöd- Pyromane für ihn ausgelegt hatte und Akuma hatte deutlich das Klicken gehört, als er rein getappt war und die Falle zugeschnappt hatte. Der Scheißkerl hatte genau gewusst, wie er ihn an diese Stelle des Gespräches bringen musste, um zu bekommen, was er wollte. Jetzt stand der General mit dem Rücken zur Wand und er hatte nur zwei Möglichkeiten. Er zog die Kündigung zurück und alles blieb beim Alten. Dann hatte er im Training die Chance den Bastard Dreck fressen zu lassen. Oder er machte einen Rückzieher, was sein Ego gleich verwarf, denn es wollte diesem gehässig grinsenden Vampir die Fresse polieren, bis sein eigener Vater ihn nicht wieder erkannte. Doch tat er das als Zivilperson und griff den Thronfolger an, war das seine letzte Verfehlung in seinem Leben.

Akuma schwieg, doch sein Blick, mit dem er den Prinzen bedachte, verhieß nichts Gutes.

„Hier.“ Bahadur reichte Akuma den Palm. „Du solltest meinen Vater darüber informieren, dass du deine Kündigung zurückziehst. Er wartet darauf.“ Bahadur wollte Akuma keine Chance geben sich da wieder rauszuwinden. 

Der General versuchte sich zu fassen, presste seine Stimme, damit er nicht laut wurde. „Was, wenn ich meine Meinung geändert habe? Dir eine rein zu hauen, ist nicht so befriedigend wie man immer glauben mag“, pokerte er und wühlte in seinem Kopf nach einer dritten Lösung, die es ihm gestattete, sein Gesicht zu wahren und dem Pyromanen doch noch eine Nasenmassage zukommen zu lassen. Er gönnte dem Bastard den Triumph nicht.

Belustigt hob Bahadur eine Augenbraue. „Sag mir, was dir noch mehr Spaß machen würde, als mit mir zu kämpfen? Versuchen, einen ebenbürtigen Gegner in die Knie zu zwingen. Dem blöden Pyromanen zu zeigen, dass er nervig ist.“ Er war absichtlich herablassend und versuchte Akuma wieder wütend zu machen. Er wusste, dass er den Kerl nur dazu bringen konnte, wieder in Narans Dienste zu treten, wenn der nicht die Zeit bekam, die er brauchte, um sich zu fassen und logisch zu denken.

„Einiges“, knurrte Akuma, „und grins nicht so blöd. Was sind das hier eigentlich für Ärzte, die Hinz und Kunz zu einem schwer Verletzten ins Zimmer lassen?“ Er ballte seine Hände zu Fäusten, atmete tief durch. Er stellte sich vor, wie es war, wenn er das Gesicht seines nervigen Mitbewohners mit seinem Knie Bekanntschaft machen ließ. Doch lieber nicht – dann lag der Idiot auch hier herum – vielleicht noch im gleichen Zimmer. Akuma schüttelte sich.

„Wem willst du das eigentlich weiß machen?“ Die Beleidigung, dass er Hinz und Kunz wäre, überhörte der Prinz geflissentlich. „Du hast dir solche Mühe gegeben, mich zu besiegen. Aber es hat nicht gereicht und wenn ich nicht gerade einen schlechten Tag gehabt hätte, hättest du schon vor Wochen im Krankenhaus gelegen und nicht erst jetzt.“

„Her damit!“ Wütend riss Akuma dem Prinzen den Palm aus den Händen und tippte nur drei Worte, ehe er sie abschickte. Er hasste den Mistkerl noch mehr als vorher, schon allein deswegen, dass er ihn dazu getrieben hatte, seine Kündigung zurück zu ziehen und sein Gesicht zu verlieren. „Und jetzt verpiss dich, du Rattengesicht. Ich kann deine Visage nicht mehr ertragen“, zischte er tonlos und wandte sich ab.

„Zu Befehl, Herr General.“ Bahadur salutierte, grinste dabei aber breit, weil Akuma es nicht sehen konnte. Er hatte erreicht, was er wollte, und jetzt sollte Akuma sich ausruhen, damit er bald wieder auf dem Posten war. Er erwartete keine Antwort, darum verließ der Prinz das Krankenzimmer und lehnte sich dann von außen an die Tür. Er war zufrieden, aber das Hochgefühl, gewonnen zu haben, stellte sich nicht ein. Dazu hing ihm der Streit mit seinem Vater noch zu sehr nach.


11

Die vier Tage waren vergangen und Akuma hatte sein Wort gehalten. Auf die Sekunde vier Tage hatte er gelegen, gemacht, was man von ihm verlangt hatte und den Pyromanen ertragen, der jeden Tag gucken kam, ob der alte und neue General auch ja brav in seinem Bett lag. Den Ärzten zuliebe hatte Bahadur seinen Vorgesetzten mit Missionsdaten und Berichten versorgt, so dass er relativ ruhig gestellt war und wenig Ärger gemacht hatte. Aber nun saß Akuma auf der Bettkante, versuchte das gebrochene und geschiente Bein mit nur einem gesunden Arm und ohne die gebrochenen Rippen zu belasten in seine Hose zu schieben und von hier zu verschwinden, ehe … doch da ging schon die Tür auf.

Mist.

„Na, versucht da jemand zu fliehen?“ Bahadur lehnte sich in den Türrahmen und sah Akuma an. Der General sah immer noch schlimm aus, auch wenn die oberflächlichen Wunden langsam heilten. „Panja wäre bestimmt enttäuscht, wenn du nicht nach Hause kommst.  Darum werde ich dir jetzt beim Anziehen helfen.“ Ihm war klar, dass Akuma das nicht wollte, aber alleine wurde das nie was.

„Untersteh dich. Du wirst tausend Runden am Stück laufen, wenn du auch nur in meine Nähe kommst. Denk dran, ich bin wieder dein Vorgesetzter und darf jede erzieherische Maßnahme einleiten, die ich für richtig halte, um dich auf eine Mission vorzubereiten. Denk also zweimal drüber nach, ehe du auf die Idee kommst, mich babysitten zu wollen. Such dir …. Und was heißt eigentlich Panja?“, merkte Akuma, als er aufsaß, „ich denke der Bettvorleger ist wider im Wald.“ Das fehlte ihm noch, dass er Bettruhe hatte und das Vieh um ihn herum schlich. Er guckte abweisend, damit Bahadur sich wieder entfernte.

„Tja, ich muss dich enttäuschen. Im Moment bist du nicht mein Vorgesetzter. Denn du bist krank und ich habe solange deinen Posten.“ Klar, dass Bahadur Akuma gleich wieder auf die Palme brachte. „Ich möchte los. Soll ich jemanden holen, der dir hilft, wenn ich mich dir schon nicht nähern darf?“ Eigentlich hatte der Prinz den ganzen Tag Zeit, aber er wollte seinen Parder nicht so lange alleine lassen. „Tja, seit gestern ist Panja wieder da. Sie hat wohl mitgekriegt, dass du wieder nach Hause kommst.“

„Toll“, konnte sich Akuma nicht verkneifen. Es war eigentlich nicht seine Art, sinnlose Worte laut auszusprechen. Doch im Moment war er krank und im Moment ging ihm der Prinz auf die Nerven und im Moment brachte ihn diese bescheuerte Hose zur Weißglut. Doch er wollte keine Hilfe. Er war kein Kind, verdammt, es musste so gehen! Er war immer allein klar gekommen, egal was passiert war oder wie schwer er verletzt wurde. Was sollte heute anders sein? „Du kannst gehen, ich habe dich nicht gebeten, zu kommen. Ich komm schon ins Quartier, mach dir um mich keine Sorgen“, knurrte er und setzte sich wieder aufrecht. Seine Rippen schrieen vor Schmerz, denn er hatte die Tabletten nicht mehr genommen.

„Keine Chance, Akuma. Mein Vater hat mir aufgetragen, dich abzuholen.“ Er seufzte lautlos, weil Akuma mit seiner Hose nicht weiterkam. „Halt still“, knurrte er und hockte sich vor das Bett, damit er Akumas Bein in das Hosenbein stecken konnte. Er versuchte dabei den General so wenig wie möglich zu berühren, weil er nicht noch mehr Unwillen provozieren wollte. Er hatte mit ihm zusammen gelebt und er wusste, dass Akuma ein Einzelgänger war. Sicher, der Prinz hatte seine Freude daran, den General zu triezen. Doch er musste auch wissen, wann es zu viel war, denn eigentlich sollte er Akuma ablenken und integrieren und nicht weiter zurück drängen und isolieren, weil er ihn mit seiner Präsenz überfuhr. Er erwartete keinen Dank für seine Hilfe und er bekam auch keinen. Akuma schnaubte und erhob sich, schloss die Hose und zerrte – auf unsicheren Füßen stehend – das Hemd zu sich heran. Jetzt rächte es sich, dass er vier Tage lang im Bett gelegen hatte. Körper und Kreislauf waren von der aufrechten Bewegung wenig begeistert.

Er schwankte und Bahadur griff schnell zu, damit Akuma nicht zusammensackte. „Setz dich wieder hin, damit dein Kreislauf sich dran gewöhnt.“ Der Prinz konnte das Zittern spüren, dass durch Akumas Körper lief.  Der General wirkte noch blasser als sonst und feine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Und dass er sich nicht wehrte, sondern sich einfach wieder fallen ließ, war auch kein gutes Zeichen. Wenn es nach ihm ginge, würde er Akuma noch mindestens eine Woche hier lassen, doch der Kerl war so stur, dass das Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt wäre.

„Geht wieder“, sagte Akuma irgendwann, auch wenn er sich nicht besonders fühlte. Er wollte nur noch in sein Bett und er konnte nicht verstehen, warum sein Körper ihm einfach nicht gehorchte. Nach jeder Verletzung war er wieder auf dem Damm gewesen, hatte die Wunden genäht, ein paar Pillen genommen, einen Schuss Serum und ab in die nächste Mission. Aber dieses Mal hatte man ihm das Serum verweigert. Es würde den Heilungsprozess der Knochen behindern – blöde Ausrede.

„Gut. Ich werde dich stützen und keine Widerrede, sonst hole ich einen Rollstuhl und schiebe dich zum Wagen.“ Dass Akuma das auf keinen Fall wollte, wusste er ganz genau. Darum half er Akuma hoch und legte einen Arm um ihn, nachdem er sich die Tasche genommen hatte. Langsam führte er den Verletzten aus dem Zimmer, immer darauf achtend, Akuma wenn nötig fester zu halten.

Der General schwieg. Stoisch starrte er vor sich hin und konzentrierte sich auf jeden Schritt. „Sich dir zu widersetzen macht im Moment keinen Sinn. Deine Vampirkräfte sind dein Vorteil“, knurrte er leise. Warum musste es von allen Menschen und Vampiren in dieser Kuppel ausgerechnet sein Rivale sein, der sich um ihn kümmerte wie eine Mutter um ihr Kind. So sollten sie nicht mit einander umgehen – das war nicht natürlich. Sie sollten einander messen und fordern, aber das hier war bizarr. „Ohne die würdest du dich das nicht trauen, weil du weißt, dass ich dich durch die Wand drücken würde.“ Um sich nicht zu Bahadur umdrehen zu müssen, ihn aber trotzdem beobachten zu können, schielte Akuma so sehr zur Seite, dass er Kopfschmerzen bekam.

„Das mag sein.“ Bahadur zuckte mit den Schultern und sah zu Akuma. „Aber es ist müßig darüber zu reden. Ich wurde nun mal als Vampir geboren. Ich habe nicht darum gebeten, aber ich bin auch nicht böse drüber. So kann ich meinem Volk besser dienen und allein das zählt.“ Nur seine Augen passten nicht ganz zu seinen Worten. Sie wirkten kurz traurig, aber nur ganz kurz, dann hatte der Prinz sich wieder im Griff.

Akuma schwieg. Das war nicht die Antwort, die er erwartet hatte und darauf konnte er nichts sagen. Nach ein paar weiteren Metern hatte sich Akuma allmählich an die Bewegung gewöhnt. Nur die Nähe eines fremden Körpers machte ihn nervös. Er kannte das nicht und mochte es nicht, bewertete es aber in seiner aktuellen Situation als notwendig. Seine Schritte wurden sicherer, es verschwamm nicht mehr alles vor den Augen. Nur der Schmerz in Bein und Rippen erinnerte ihn daran, dass er hier nicht zum Vergnügen gewesen war.

Immer wieder hatte er die Berichte seines Unfalls gesichtet und versucht zu verstehen. Einfach abgerutscht. Er konnte es bis heute nicht fassen und er wusste, dass er - sobald er wieder trainieren konnte - dieses Handycap ausmerzen musste. Er hatte eine zweite Chance und dieses Mal würde ihm nicht wieder solch ein Anfängerfehler passieren.

Sie schwiegen, bis sie am Wagen waren und Bahadur half Akuma sich vorsichtig hinzusetzen. „Alles okay?“, fragte er, denn der General hatte das Gesicht verzogen. Was angesichts seiner Verletzungen nicht verwunderlich war. Jeder, der sich schon einmal eine Rippe gebrochen hatte, konnte davon ein Lied singen.

„Ja“, keuchte Akuma leise. „Bahadur hör auf mit dem Mist. Ich bin kein kleines Kind, behandle mich also bitte meinem Alter entsprechend, auch wenn ich aktuell nicht dein Vorgesetzter bin.“ Der General hatte das Gefühl, auch das letzte bisschen Würde zu verlieren, je intensiver Bahadur sich sorgte. Diese unnatürliche Art des Umganges machte ihn unsicher und das wollte Akuma nicht. Er war in seinen Augen sowieso schon nur noch ein Schatten seiner selbst. Viel war von General Akuma nicht übrig geblieben.

Bahadur sah Akuma nur kurz undeutbar an, dann wandte er sich ab uns setzte sich auf den Fahrersitz. „Du bist also der Meinung, ich behandele dich wie ein Kind?“, fragte er leise. „Du scheinst es nicht zu wissen, aber Teammitglieder sorgen und kümmern sich umeinander. Das hat nichts mit bemuttern zu tun.“ 

„Doch hat es“, erwiderte Akuma, froh darüber sich wieder ein bisschen austauschen zu können. Er verstellte unauffällig, wie er glaubte, den Sitz etwas bequemer und schloss kurz die Augen. „Außerdem bin ich kein Teammitglied, Bahadur. Ich bin ein Einzelkämpfer, schon vergessen? Ich gehe rein, wenn die Teams mit ihren Aufgaben fertig sind und erledige den Rest.“ Es schien als würde Akuma wirklich nicht verstehen, was Bahadur eigentlich sagen wollte, denn es war für ihn undenkbar, sich auf jemanden so intensiv einzulassen. Er vertraute nur einem, den einzig vertrauenswürdigem in seinen Augen – sich selbst. Er konnte nicht von anderen erwarten, dass sie sich um ihn kümmerten. Er hatte es nie gekannt und bisher auch nicht vermisst. Aber Bahadur, seine Nähe, sein Verhalten, die Selbstverständlichkeit mit der er Akuma umsorgte, machten den General extrem nervös. Von Minute zu Minute mehr.

„Du magst es nicht glauben wollen, aber wir sind ein Team. Du, ich unsere Männer. Wenn das nicht so wäre, wären wir nicht so erfolgreich bei unseren Missionen. Du bist schon lange kein Einzelkämpfer mehr, nur hast du das nie gemerkt.“ Bahadur konnte Akuma nicht verstehen, aber das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. „Unsere Männer halten dir  und mir den Rücken frei, damit wir unseren Job machen können.“

„Aber das heißt ja noch lange nicht, dass…“ begann Akuma, doch als er anfing im Kopf seinen Satz zu beenden, fand er kein passendes Ende. Der Prinz hatte Recht, würden die Jungs nicht ihren Job machen, könnte er nicht seinen machen – doch war das schon ein Team? Egal. Er würde weiter machen wie bisher. Es war ein guter Weg, ein richtiger Weg, es war sein Weg.

„Wird der Bettvorleger länger bleiben? War er in meinem Zimmer?“, lenkte er also ab.

„Du weißt, dass Panja kommt und geht, wie sie will, oder?“ Bahadur grinste leicht. „Ich habe ihr gesagt, dass sie nicht an deine Sachen darf und ich gehe davon aus, dass sie nur einmal alles inspiziert hat und das war es.“ Akuma würde das nicht gefallen, aber Bahadur war nicht ständig in der Wohnung und da musste er einfach darauf vertrauen, dass die Katze sich an Anweisungen hielt.

„So wie sich der Bettvorleger daran hält, wenn du sagst: mach dich nicht so breit im Bett, ich muss da auch noch hin passen?“ Akuma erinnerte sich an diesen Abend immer wieder mit Freuden. Er war spät aus dem Trainingsraum gekommen. Bahadur war bei seinem Vater und dem Rat gewesen. Als er heim kam, hatte sich die Katze im Bett ausgebreitet. Sie war gar nicht so groß aber in der Lage, sich auf dem ganzen Bett zu verteilen. Bitten und betteln hatte nichts gebracht. Bahadur hatte auf der Couch geschlafen und es hatte keine zwei Minuten gedauert, da war der Bettvorleger mit auf die enge Couch umgezogen.

„Na ja.“ Bahadur grinste verlegen und kratzte sich am Kopf. „Panja ist halt süß. Wenn sie einen so lieb anguckt, kann man ihr doch nicht böse sein. Außerdem ist sie so flauschig, weich und kuschelig. Man will sie ständig streicheln und mit ihr raufen.“ Bahadur kam richtig ins schwärmen und seine Augen leuchteten. Er war ganz vernarrt in diese Katze, das sah man sofort. Akuma konnte das nicht verstehen, doch er ließ Bahadur seinen Spleen mit dem Tier, weil sich die Katze – zumindest wenn Akuma im Quartier war – an die Regeln hielt. Sie hatten eine friedliche Co-Existenz.

„Wenn du das sagst. Ich kann mich gerade noch zurück halten, ist dem Bettvorleger sicherlich auch lieber.“ Akuma zog scharf die Luft ein. Er hatte sich zum Fenster gedreht und vergessen, wie nachtragend seine Rippen aktuell waren, sobald er sich auch nur irgendwie aus seiner Köperachse heraus bewegte. Zum Glück waren sie gleich an ihrem Apartment, damit er sich wieder aufrichten konnte. Er hasste seinen Zustand.

„Glaub ich nicht. Sie mag dich und hat dich überall gesucht.“ Bahadur lachte, denn Akumas Gesicht war zu köstlich. „Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Vielleicht weil sie dich bei eurer ersten Begegnung gekratzt hat. Sie hat ein schlechtes Gewissen.“

„Ein schlechtes Ge … sie mag mich?“ Akuma war fassungslos. Ja, das traf es noch am besten – er konnte nicht fassen, was Bahadur da sagte. Dieser Bettvorleger hätte ihn gesucht? Hieß das auch, er hatte in Akumas Zimmer gesucht? Er schüttelte kurz den Kopf. Hätte er die Tabletten genommen, hätte er es darauf schieben können – doch leider war er sauber.

„Hat sie Haare in meinem Bett verteilt? Du weißt ja – Bettvorlegerhaare in meinem Bett bedeutet Bettvorleger ohne Haare“, knurrte er um zu überspielen, dass ihn der beiläufige Satz des Prinzen verwirrte.

„Oh, das hätte sie bestimmt gerne, aber das hat sie nicht. Sie war nicht in deinem Zimmer.“ Akuma brachte es fertig Panja wirklich zu scheren und mit Fell gefiel sie Bahadur einfach besser. Er parkte den Wagen vor ihrem Haus und half Akuma wieder aus dem Wagen, auch wenn er dafür wieder angeknurrt wurde.

„Hast du das eigentlich gesagt, weil es stimmt, oder weil du deinem Plüschtier das Fell retten wolltest?“, fragte er ziemlich zeitverzögert, um sich selbst abzulenken. Er wollte den Schmerz verdrängen. Er gab es nicht gern zu, aber er brauchte jetzt Ruhe in der Waagerechten. Und die wenigen Stufen zur Wohnungstür hoch, die er an guten Tagen in einem Schritt nahm, waren heute für ihn ein unbezwingbarer Berg. Das gebrochene Bein machte es ihm fast unmöglich, aber rückwärts konnte er sich nach oben schleppen und Bahadur, der schon wieder die Arme schützend ausstreckte, warnend ansehen.

Was er nicht verhindern konnte, war der angespannte Gesichtsausdruck und die Angespanntheit in der Körperhaltung, damit er eingreifen konnte, sollte Akuma straucheln. Der Prinz entspannte sich erst wieder als Akuma neben ihm stand. An der Tür konnte man leises Kratzen hören. Panja hatte sie also schon gehört. „Nicht springen, Süße. Setzt dich hin“, rief Bahadur und hoffte, dass der Parder ihm gehorchte.

„Ist das Vieh also wirklich da“, knurrte Akuma und öffnete die Tür. Er rechnete mit dem schlimmsten, doch als er durch die Tür kam, hockte sie neben dem Rahmen und sah sie beide erwartungsvoll an, kam gleich auf die Pfoten und noch ehe sie einen Fehler machen konnte, sagte Akuma laut: „Latsch mir vor die Füße und ich fall auf dich drauf. Ich gebe mir auch Mühe, dich mittig zu treffen!“ Sein Blick fiel auf die Couch, nie war sie einladender als heute.

„Panja bleib sitzen“, sagte Bahadur noch eindringlich und die Katze sah ihn mit schief gelegtem Kopf an. „Braves Mädchen“, sagte er lächelnd und kraulte sie kurz hinter den Ohren. „Lass ihn sich hinsetzen, dann kannst du ihn begrüßen.“

„Kann sie nicht!“, beharrte Akuma. Sonst hatte er die Möglichkeit, sich mit seiner alleinigen Körpergröße und seiner Schnelligkeit gegen sie zu wehren. Doch jetzt war er seiner Waffen beraubt und er fühlte sich hilflos. Was guckte ihn der Bettvorleger so an. Er war wehrlos, Bahadur konnte das unmöglich zulassen. Doch dann kam Akuma die rettende Idee, so lange er nicht saß, so lange würde sie ihm fern bleiben. Also blieb er stehen und starrte die Katze an. Und wieder entglitt ihm seine Welt ein bisschen mehr.

„Versuchst du einen Starrwettbewerb gegen Panja zu gewinnen?“, prustete Bahadur und sah zwischen dem Parder und Akuma hin und her. „Wird dir nicht gelingen. Sie kann das stundenlang und man meint sie würde nie blinzeln. Glaub mir, ich hab das schon durch. nach zwei Stunden hab ich aufgegeben. Also leg dich hin, das hältst du nicht so lange aus und du sollst dich schonen.“

„Ich denk ja gar nicht dran“, entgegnete Akuma bockig, auch wenn es nicht leicht war, sich auf den Beinen zu halten. „Wenn ich sitze, überfällt der Bettvorleger mich. Du hast es ihm erlaubt.“ Akuma wusste nicht, warum er sich auf diese Kinderei einließ. Er bräuchte nur in sein Zimmer zu gehen und die Katze auszusperren. Warum tat er das nicht? Er wusste es nicht. Wirklich nicht – das machte ihm Angst. Wie so vieles in den letzten Tagen.

Er war sich immer sicherer, dass seine Rückkehr in den Militärdienst keine gute Idee gewesen war. Er zweifelte an sich, wie sollte er so noch Missionen erfolgreich leiten?

Noch immer lag sein Blick auf Panja.

„Sie wird dich nicht überfallen. Sie wird dich beschnüffeln, sich einmal kraulen lassen und das war’s.“ Dass sie sich danach wahrscheinlich eng neben ihn legen würde, verschwieg Bahadur lieber, denn sonst blieb der Sturkopf stehen. „Los setz dich hin, oder ich mach das.“ 

„Ich wurde in deine Hände entlassen unter der Prämisse, dass du meine Heilung und die Rückkehr in den Dienst nicht in Gefahr bringst. Von einer wilden, pelzigen Bestie angefallen oder von dir zum Sitzen gezwungen zu werden, fällt da nicht drunter“, stellte Akuma klar, war aber über Bahadurs Drohung ziemlich froh. Sie gab ihm die Möglichkeit sich für das richtige zu entscheiden und so ging er nun doch zur Couch. Panja saß immer noch auf ihrem Hintern, die Muskeln gespannt, gerade so als würde sie nur auf ein Kommando warten.

Sie wartete nur so lange, bis er saß, dann schoss sie hoch und lief zur Couch. Sie stoppte kurz davor und sah Akuma an. Ganz vorsichtig stupste sie sein gesundes Bein mit einer Pfote an und grollte leise. Bahadur war stolz auf sie. Im Gegensatz zu Akuma, der das nicht einzuordnen wusste. Normalerweise scheuchte er sie weg. „Wenn du mir das Bein auch noch kaputt machst, wird’s schwer mit dem Laufen. Nimm lieber das andere, das ist schon kaputt“, knurrte er und versuchte die Katze zu ignorieren. Vielleicht verlor sie dann das Interesse und verschwand.

„Los, kraul sie, dann ist sie zufrieden und gibt Ruhe.“ Bahadur lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er war müde. Die letzten Nächte hatte er kaum geschlafen. Er hatte seinen Vater seit ihrem Streit nicht mehr gesprochen und war ihm aus dem Weg gegangen. Kommuniziert hatten sie nur über Nachrichten.

„Mach du – ist dein Bettvorleger“, sagte Akuma nervös und beobachtete Bahadur. Er wirkte abgespannt. „Los, Bettvorleger, geh den Prinzen aufheitern. Ich bin schon groß und brauch das nicht“, knurrte er und versuchte sie vorsichtig mit einem Fuß in Bahadurs Richtung zu schieben.

„Und ich bin nicht groß?“ Bahadur öffnete ein Auge und musste schmunzeln, weil Panja Akumas Bemühungen, sie loszuwerden, als Aufforderung sah, sich noch ein wenig mehr an ihn zu schmusen und begeistert zu schnurren. „Verloren“, lachte er leise und klopfte neben sich auf die Couch. „Komm her, Süße.“

„Ich habe nicht verloren – nicht gegen dich und nicht gegen den Bettvorleger“, sagte Akuma und war zufrieden. Zumindest sein Ego funktionierte noch wie es sollte, wenn schon der ganze Rest von ihm ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden war. Skeptisch beobachtete er Panja, die nun zwischen ihnen beiden lag, sich von Bahadur kraulen ließ und dabei ungemein in die Länge wuchs, quer über Akumas Schoß, der das mit Unglauben beobachtete.

Bahadur schielte zu ihm rüber und lachte. „Ich sag doch, sie mag dich. Streichle sie ruhig, das hat sie gerne und sie hat so unglaublich weiches Fell.“ Panja hatte ihren Kopf auf Bahadurs Bein gelegt und genießend die Augen geschlossen. So ließ es sich aushalten. Ein leises Piepsen ließ ihn aufmerken werden und er zog seinen Palm aus der Hosentasche. Sein Vater wollte ihn sehen. Schlagartig war seine gute Stimmung vorbei und er fluchte leise vor sich hin.

 

12 

Akuma, der eben noch erklären wollte, dass der Bettvorleger hier maximal geduldet aber nicht erwünscht war und deswegen auch nicht verwöhnt wurde, verkniff sich seinen Kommentar und lauschte auf die leisen Flüche. Auch ihm war aufgefallen, dass es in den letzten Wochen zwischen dem Fürsten und seinem Sohn nicht besonders lief. Sie gerieten oft an einander, öfter als früher. Naran verlangte viel von seinem Jungen und jetzt schien er ihn wohl wegen etwas sprechen zu wollen. Und so wie Bahadur aussah, spielte er kurz mit dem Gedanken, nicht mit ihm zu sprechen.

„Sei nicht so hart zu ihm, Bahadur. Er liebt dich sehr“, sagte Akuma sehr leise. Unbemerkt lag seine Hand jetzt doch auf Panjas Rücken.

Bahadur sah Akuma an und sein Gesicht wirkte wie versteinert dabei. „Davon bin ich nicht überzeugt“, sagte er durch zusammengebissene Zähne. Er wusste, dass er ungerecht war, aber er konnte einfach nicht anders. Er war verletzt.

„Ich schon“, sagte Akuma leise, doch er sah nicht auf. Es war nicht seine Art, sich in Zwischenmenschliches ein zu mischen, doch er konnte nicht riskieren, dass einer der besten Männer des Heeres den Kopf nicht frei bekam, weil er mit seinem Vater im Klinsch lag. „Du bist alles für ihn. Sei froh, dass du ihn hast und er so auf dich baut. Er weiß ganz genau, was er an dir hat.“

„Da weißt du mehr als ich.“ Bahadur strich Panja durch das Fell. Es war merkwürdig, mit Akuma über sein Leben zu reden. Müde ließ er den Kopf nach hinten an die Lehne sinken und schloss die Augen. „Nichts kann ich ihm recht machen.“

„Natürlich weiß ich mehr als du, ich weiß immer mehr als du.“ Akuma versuchte den Prinzen aufzuheitern, doch sein blöder Witz kam nicht an. Also lehnte er sich nach hinten, denn die Kauerhaltung, die er mittlerweile hatte, schmerzte auf den kaputten Rippen. „Mir sagte früher mal jemand: wir verlangen von denen am meisten, die wir am meisten lieben, weil wir sie auf einen Sockel heben und sie anbeten. In unseren Augen sind sie unverwundbar. Ich glaube, er war so streng zu dir, weil er unsicher ist. Er will dich verehren und dich auf der anderen Seite nicht verziehen. Das ist schwer. Ihm ist wahrscheinlich nicht einmal aufgefallen, dass er dich verletzt hat. Hast du es ihm gesagt?“ Akuma blickte auf Bahadur.

Verwundert drehte sich Bahadur zu Akuma. Er hätte vieles von ihm erwartet, aber nicht so etwas.  „Ich habe seit Tagen nicht mit ihm geredet, aber ich glaube schon, dass er es weiß.“ Er rieb sich über die Augen und stand auf. Panja grummelte leise, robbte dann aber näher zu Akuma, der das ganze argwöhnisch beobachtete. Sie sah zu ihm auf, schnurrte leise und Akuma holte tief Luft, versuchte aber, sie zu ignorieren. Er sah Bahadur dabei zu, wie er durch das Zimmer lief wie ein Tier in einem zu engen Käfig. 

„Und ich glaube, dass er es nicht weiß. Sag es ihm auf den Kopf zu und gib ihm die Chance das Thema anzusprechen. Ihr streitet über Missionen, über mich … guck nicht, so, ich weiß, dass ihr auch wegen mir an einander geraten seid. Aber ihr redet nie über euch. Ändere das …. Und du, keinen Zentimeter weiter, Bettvorleger“, knurrte er Panja an, die den Kopf schief legte und niedlich guckte. Das konnte sie gut. Dabei machte sie sich ganz klein.

Bahadur musste einfach schmunzeln, auch wenn in seinem Kopf gerade alles drunter und drüber ging. Er hätte nicht gedacht, dass Akuma mitbekommen hatte, dass er und sein Vater sich wegen ihm gestritten hatten. „Woher weißt du das?“, fragte er und blieb vor Akuma stehen. Der hörte auf, Panja ins Auge zu fassen und blickte an Bahadur hoch. Eine ungewohnte Position.

„Auch wenn du es nicht glaubst, Bahadur, ich kann eins und eins zusammenzählen und da kommt wirklich zwei bei raus“, sagte er und versuchte Panja ein Stück weg zu schieben. Das Fell war aber auch weich! „Dein Vater kennt mich und er weiß, wie ich ticke. Ebenso ist mir klar, dass du völlig anders tickst, ich weiß, was du von mir hältst und dass du jetzt hier wohnst, mit mir trainierst und mir unterstellt bist, war nicht gerade das, was du wolltest. Der Ärger war vorprogrammiert.“

„Hm.“ Mehr sagte Bahadur erst einmal nicht. „Und was will ich?“ Der Prinz wusste auch nicht, was ihn ritt, aber die Tatsache, dass Akuma wusste, was zwischen ihm und seinem Vater vorgefallen war, behagte ihm nicht. Dabei hätte er das wissen müssen.

„Du willst alles für dein Volk tun, weswegen du auch deinen Forscherdrang zurückgestellt hast und Soldat geworden bist“, begann Akuma. Er rückte ab, denn das ständige nach oben blicken schmerzte im Nacken. Doch weit kam er nicht, Panja lag mitten auf der Couch und machte sich so breit und lang wie sie nur konnte. „Außerdem willst du wissen, warum dein Vater auf mich solch große Stücke hält. Was in den Akten steht, reicht dir nicht. Du glaubst nicht, dass ich mit meinen jungen Jahren das Zeug habe, dass Heer zu führen. Du willst ein Team, nicht solche Exemplare wie mich.“ Zumindest war es das, was Akuma sich bisher über den Prinzen hatte zusammenreimen können. Sie waren sich nicht grün, sie waren Rivalen – alles, was sie einte, war das Ziel. Aber selbst der Weg dort hin war für beide nicht derselbe. „Und du willst seine Anerkennung für das, was du machst. Aber da rennst du offene Türen ein. Die hast du.“

„Ach Scheiße.“ Bahadur raufte sich die Haare und drehte sich weg. Er wollte nicht, dass Akuma sah, wie schockiert er war. Mit wenigen Worten hatte der General zusammengefasst, was er dachte und fühlte. Akuma musste ein guter Beobachter sein. Eigentlich hätte Bahadur das klar sein sollen, sonst wäre er nicht der Anführer des Heeres. „Du meinst also, ich sollte zu ihm gehen und ihm sagen, was mir stinkt?“

„Wenn du irgendwann wieder ruhig schlafen willst… und glaube mir, niemand wünscht sich das mehr als ich, denn das verringert die Gefahr, dass der Bettvorleger bei mir schlafen will, weil du ihn aus dem Bett gekickt hast.“ Akumas Blick wanderte auf die sich aalende Katze. Der ging’s augenscheinlich gut. „Sag ihm, was los ist, und sag ihm auch, dass er über das Ziel hinaus geschossen ist. Schafft klare Verhältnisse, lasst Dampf ab und dann sollte es etwas harmonischer laufen.“ Er hörte sich an wie ein Gott verdammter Psychologe. Wie sehr hatte er sich eigentlich in dieser Gerölllawine den Kopf angeschlagen? Akuma atmete tief durch.

„Wenn, dann jetzt.“ Bahadur streckte sich und ließ die Knochen knacken. „Komm ich helfe dir ins Bett, dann kannst du dich entspannen.“ Er drehte sich zu Akuma und sah ihn streng an. „Ich weiß, was du sagen willst, aber das ist nicht verhandelbar. Du bist aus dem Krankenhaus entlassen worden, weil du zugestimmt hast, dich hier zu schonen und deine Zeit im Bett zu verbringen.“

„Couch, Laptop, Palm, Fernseher, Zugriff auf den Großrechner“, zählte Akuma auf, was er als Bedingung für Bettruhe forderte. „Und der Bettvorleger wird sich maximal am Fußende aufhalten und mich in Ruhe lassen. Auch nicht verhandelbar.“ Er hob eine Braue und verschmälerte die Augen, als er Bahadur fest ansah.

„Kein Großrechner und Panja wird darauf achten, dass du die Auflagen einhältst. Sie hat bei der Wahl ihrer Maßnahmen freie Wahl, aber sie wird dich nicht verletzen oder dir sonst irgendwie Schmerzen zufügen.“ Bahadur ließ sich durch Akumas Blick nicht einschüchtern.

„Wie bitte?“ Akuma glaubte sich verhört zu haben und dass sie wieder anfingen zu streiten nahm ihm die Nervosität, denn das war er gewohnt. „Der Bettvorleger wird seinem Namen alle Ehre machen und vor dem Bett herum liegen. Sie soll nicht auf die Idee kommen, mich anzugreifen oder sonst irgendwas mit mir anzustellen. Dann drück ich sie wieder auf die Couch. Du weißt, ich bin da nicht zimperlich.“ Dass er das in seinem aktuellen Zustand wohl eher nicht schaffte, brauchte er nicht zu sagen, das sah er an Bahadurs Blick. „Ich meine es ernst. Sie wird mir nicht zu nahe kommen!“

„Sie kommt dir nur zu nahe, wenn du dich nicht an die Vorgaben hältst.“ Auch der Prinz bewegte sich wieder auf gewohntem Terrain, was ihn sich wieder besser fühlen ließ. Er kraulte Panja, die zwischen den beiden Männern hin und her sah. Sie wusste, dass über sie geredet wurde und grollte leise. 

„Misch dich nicht ein“, knurrte Akuma die Katze an, denn sie war die einzige, der er ungestraft widersprechen konnte. Bei Bahadur sah das schon anders aus, der saß im Augenblick am längeren Hebel und Akuma war wegen seiner Krankmeldung noch nicht einmal weisungsbefugt. Es ärgerte ihn, dass der Kerl in letzter Zeit die lästige Angewohnheit entwickelte, Akuma in die Enge treiben zu können. Das musste aufhören!

„So lange ich auf der Couch liege, wird sie mich in Ruhe lassen – habe ich dein Wort Colonel?“

„Solange du Ruhe hältst und nicht versuchst aufzustehen, außer auf die Toilette zu gehen.“ Bahadur war mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden, aber auf die Schnelle war nicht mehr rauszuholen. 

Akuma sagte nichts mehr, denn er fühlte sich geschlagen. Das war kein Sieg gewesen und die Verbindung zum Großrechner würde er sich schon irgendwie beschaffen. Erst musste er den Bettvorleger loswerden, aber darüber konnte er nachdenken, wenn deren Beschützer weg war. Er griff sich also die Decke von der Lehne und streckte sich aus, schob mit dem gesunden Fuß Panja vorsichtig ans andere Ende der Couch und deckte sich zu. „Palm, Fernbedienung, Laptop“, forderte er dann doch noch mit ausgestreckter Hand und grinste Bahadur frech an.

„Freu dich nicht zu früh“, knurrte Bahadur, gab aber das Gewünschte an Akuma weiter. Dann beugte er sich zu Panja runter und flüsterte ihr Anweisungen zu, aber so leise, dass Akuma das nicht verstehen konnte. „Ich verlass mich auf dich, Süße“, sagte er lauter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich bring dir auch was Leckeres mit.“

„Was hast du ihr gesagt?“, wollte Akuma wissen, denn er war gern informiert über das, was ihm bevor stehen konnte. Dann konnte er immer noch überlegen, ob er das Risiko einging, in der Küche oder im Schlafzimmer herum zu spazieren. Es gefiel ihm nicht, wie der Colonel grinste und es gefiel ihm noch weniger, wie die Katze auf der Rückenlehne balancierte und sich ihm so näherte, ohne ihn zu berühren. Das Vieh war gerissen! „Und Bestechung ist strafbar.“

„Panja gehört nicht zum Militär und ist auch nicht im Staatsdienst. Sie tut nur einem Freund einen Gefallen.“ Bahadur lachte und wünschte beiden noch einen schönen Tag. Zum Palast wollte er laufen, denn er brauchte etwas Bewegung. Er war nervös, denn er wusste nicht, wie er seinem Vater beibringen sollte, was ihm auf dem Herzen lag. Er liebte seinen Vater sehr, auch wenn sie nicht immer gleicher Meinung waren und der Gedanke, sich mit ihm derart zu entzweien, dass sie nichts mehr verband, macht ihn wahnsinnig. Ein reinigendes Gewitter war wohl wirklich die einzige Möglichkeit, die Mauer der letzten Wochen niederzureißen. 

 

„So, und jetzt zu dir“, knurrte Akuma. Er traute dem Tier nicht über den Weg. Vergessen war, dass er Missionsdaten sichten und auswerten wollte, denn das Vieh schien ihn zu beobachten, ließ ihn nicht aus den Augen. Er gab ihr einen Schubs, doch Panja hakte sich mit den Kallen im Stoff der Couch fest und grollte leise. Akuma grollte ebenfalls. Das konnte ja noch ein spaßiger Abend werden. Warum nur hatte er das ungute Gefühl, dass Bahadur mehr Spaß haben würde als er, obwohl er wusste, was der Colonel vor sich hatte.

Panja gähnte und machte einen schläfrigen, trägen Eindruck, aber davon ließ Akuma sich nicht täuschen, denn die Muskeln der Katze waren angespannt.

„Wag es“, knurrte er noch einmal warnend.


Bahadur lief durch die Straßen und blieb stehen, als er vor dem Palast stand. Er hatte sein ganzes Leben dort verbracht und kannte jeden Winkel des großen Gebäudes. Als Kind war er immer darin herumgestreift und hatte seine Eltern damit in den Wahnsinn getrieben. „Na los“, machte er sich selber Mut und ging durch das Eingangsportal. Er nickte dem jungen Mann am Empfang zu, zog seine Sicherheitskarte durch das Lesegerät und rief dann den Aufzug. Er wusste, dass sein Vater noch im Büro war. Eine schlechte Angewohnheit, die seine Mutter nicht schätzte. Doch er war nun einmal der Fürst und fühlte sich für alles zuständig und verantwortlich, was in ihrem Reich passierte.

Bahadur würde wahrscheinlich nicht viel anders sein, wenn er eines Tages selber Fürst war. Er hoffte allerdings, dass das noch viele Jahre dauerte. „Gehen wir es an“, murmelte er leise, als er an die Tür des Büros klopfte. Sofort wurde er aufgefordert herein zu kommen. Anscheinend hatte sein Vater auf ihn gewartet. 

„Junge, da bist du ja…“ Naran brach ab. „Hallo“, sagte er stattdessen und lächelte. Er hatte nicht gedacht, dass Bahadur wirklich vorbei kam. Seit ihrem unschönen Streit hatten sie nur noch über ihre Palms kommuniziert. Dass sein Junge jetzt doch hier war, machte Naran nervös. Er wusste zwar, dass er seinen Sohn sehr verärgert hatte, doch er wusste nicht warum. Er wollte heute nichts falsch machen. „Komm rein, nimm Platz. Was macht Akuma?“

„Hallo Vater.“ Bahadur setzte sich vor den Schreibtisch und sah seinen Vater an. Er wirkte müde und nervös. Anscheinend ging ihm ihr Streit auch nahe und das stimmte Bahadur milde. „Ich habe Akuma aus dem Krankenhaus abgeholt. Ihm geht es so weit gut. Panja passt darauf auf, dass er auch wirklich auf der Couch liegen bleibt.“

„Panja? Sie ist bei Akuma?“ Naran war wirklich überrascht, vor allem dass Akuma es akzeptierte. Sein Sohn schien sich gut gegen den Sturschädel behaupten zu können, das gefiel ihm. „Und wo wir schon beim Thema sind“, wollte er gleich weiter machen und lenkte auf Akuma um. „Ich muss dir danken, dafür dass er wieder im Dienst ist, und mich entschuldigen, dafür dass ich meine Wut über den Unfall an dir ausgelassen habe.“ So, es war gesagt. Naran war noch nicht erleichtert, doch der Anfang für ein klärendes Gespräch war gemacht. Seit Tagen hatte er darüber nachgedacht, wie er anfangen sollte.

„Dir war es sehr wichtig, dass Akuma weiterhin dein General bleibt, also habe ich getan, was nötig war, um seine Kündigung zurück zu ziehen.“ Bahadur holte tief Luft. „Ich nehme deine Entschuldigung an, aber ich frage mich, wie es so weit kommen konnte. Wann hast du aufgehört mir zu vertrauen und vor allen Dingen warum. Was habe ich getan?“ Der Anfang war gemacht und er konnte nur hoffen, dass sie einen Weg fanden.

Naran senkte den Kopf und sank tiefer in seinen Stuhl. „Nichts und niemals“, sagte er leise und blickte seinen Jungen an. „Ich habe weder aufgehört dir zu vertrauen, noch hast du etwas getan, was mich veranlasst hätte, dir nicht zu trauen.“ Er versuchte seine Gedanken zu greifen und so zu formulieren, dass Bahadur sie nicht falsch auffasste und die kleine Hoffnung, die gerade aufflackerte wieder erlosch. „Ich glaube, es ist für mich einfacher, mit dir hart ins Gericht zu gehen als mit anderen, gerade weil du mir so vertraut bist, so wichtig und nah. Du bist mein Sohn, mein wichtigster Mann und das nicht nur auf den Missionen, aber manchmal ist es für mich einfacher, du bist auf mich böse. Und da du nie etwas gesagt hast, dachte ich du wüsstest, dass es nicht gegen dich ging … es war einfach …“ Naran ruderte mit den Fingern vor seinem Gesicht. Er fand einfach nicht die richtigen Worte.

Sein Sohn sah ihn an und Naran wurde noch nervöser, weil sein Sohn keine Regung zeigte. Hatte er die falschen Worte gewählt? Aber dann ging ein Ruck durch Bahadur. „Er hatte also wirklich Recht“, murmelte er leise und strich sich über die Augen. „Wir sind härter zu den Menschen, die wir lieben, hat Akuma mir gesagt. Ich hatte die letzten Wochen das Gefühl, dass du bereit warst alles dafür zu opfern, dass es Akuma gut geht. Sogar deinen Sohn.“

„Bahadur“, sagte Naran und wirkte nicht nur entsetzt – er war es. Hatte er wirklich den Eindruck hinterlassen, er würde seinen Jungen opfern? Sein eigen Fleisch und Blut? „Wie kannst du das nur glauben. Sicher ist Akuma wichtig für mich und das Reich, weil er gut ist. Aber ich hätte dich nicht in seine Nähe gebracht, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, dass du es schaffen wirst. Ich weiß nicht, woher Akuma seine Weisheit hat – aber er hat Recht. Die, die wir lieben, fordern wir am intensivsten. Vielleicht auch um sie weiter zu treiben, als sie sich selbst trauen würden.“ Naran nuschelte zu Ende hin nur noch vor sich hin.

„Vater.“ Bahadur wartete, bis sein Vater ihn wieder ansah und lächelte leicht. „Wir haben irgendwann aufgehört miteinander zu reden, darum konnte es so weit kommen. Ich fühlte mich benutzt, nicht gut genug für deine hohen Ansprüche. Egal wie gut ich war, es war nie genug. Es ist nicht so, dass ich ständig von dir gelobt werden will, aber ich brauche deine Anerkennung und das Gefühl wichtig für dich zu sein. Du bist mein Vater und ich liebe dich. Ich will dass du stolz auf mich bist.“

„Das bin ich, mein Junge, das bin ich“, versicherte Naran lächelnd und langte mit seiner Hand über den Tisch. Sanft strich er seinem Sohn über die Haare, so wie er es früher oft getan hatte, als Bahadur noch klein gewesen war. „Glaube mir, du bist gut genug für mich. Ich würde keinem anderen die tickende Zeitbombe anvertrauen, um die du dich kümmerst, weil kein anderer mit ihm klar kommen würde. Jeder andere kuscht vor Akuma, du hetzt ihm einfach deine Katze auf den Hals.“ Und Naran würde einiges darum geben, das sehen zu dürfen.

„Na ja, ich werde dafür leiden müssen, das ist mir schon klar, aber Panja bringt ihn aus der Fassung und er mag sie, auch wenn er das noch nicht wahrhaben will.“ Bahadur hatte sich in seine Kindheit versetzt gefühlt, als sein Vater ihm durch die Haare gestrichen hatte, und es war ein schönes Gefühl gewesen. „Panja hat einen Narren an ihm gefressen.“

„Ich hoffe, dass beide noch leben, wenn du heim kommst. Ich kann nicht schon wieder meinen General einbüßen“, sagte Naran und wirkte entspannter. „Allerdings solltest du ihm wohl nie ins Gesicht sagen, dass er das Fellknäuel mögen könnte. Du kennst ihn so gut wie ich – es wäre die letzte Behauptung, die du in deinem Leben aufgestellt hättest und ich würde sehr um dich trauern, mein Sohn.“ Er schenkte sich Wasser ein, schob seinem Jungen auch ein Glas rüber und eine Akte dazu. Recherchen über Neo New York.

„Um Panja mach ich mir keine Sorgen, sie kann ganz gut auf sich aufpassen und Akuma ist zurzeit nicht wirklich in der Verfassung ihr etwas zu tun.“ Bahadur lachte leise und fühlte sich erleichtert. Eine Last, die ihm die letzten Wochen die Luft zum atmen genommen hatte, war verschwunden. Er nahm sich die Akte und überflog sie kurz. „Du glaubst, dass wir ihnen vertrauen können?“

„Ich würde es gern in Betracht ziehen. Ich habe noch zwei Gespräche mit unserem Mann in der Kuppel geführt und mich nach dem Prinzen und der Entwicklung der Kuppel erkundigt. Hast du das mit dem Fruchtbarkeitsblocker im Trinkwasser gelesen? Muss man erst mal drauf kommen. Und sie sitzen in einer Bonder-Einheit der Mistkerle. Die Jungs am anderen Ende der Welt könnten eine verdammt gute Informationsquelle für uns werden, denn so wie es jetzt läuft, kann es nicht weiter gehen. Sie rekrutieren schneller das Fußvolk, als wir es eliminieren können. Ich will der Schlange endlich den Kopf abschlagen – das packen wir nicht alleine.“

Bahadur nickte. Diese Neo New Yorker saßen auf einer Goldquelle und wussten es wahrscheinlich gar nichts darüber. „Es ist wirklich erstaunlich, wie weit sie schon gekommen sind, wenn man bedenkt, dass sie erst ein paar Monate von den Gottgleichen wissen. Sie sind clever und könnten gute Verbündete sein.“  Der Prinz legte die Akte wieder auf den Tisch. „Du willst also jemanden für Verhandlungen zu ihnen schicken. An wen hast du gedacht?“ 

„Dieses Mal frage ich dich vorher“, sagte Naran, um klar zu machen, dass er gern seine besten Männer geschickt hätte. „Am liebsten dich und Akuma. Nur ist er noch außer Gefecht und selbst wenn nicht, würde er sich wohl wehren.“ Naran leerte sein Glas, der Mund wurde schon wieder so trocken. Bahadur blickte ihn undeutbar an.

„Er wird toben.“ Dann grinste er und zuckte mit den Schultern. „Das kriege ich schon hin - irgendwie.“ Bahadur musste einfach lachen. Er konnte sich bildlich vorstellen, wie Akuma sich dagegen wehrte, auf diese Fahrt geschickt zu werden. Er war von der Idee, mit den Neo New Yorkern zusammen zu arbeiten eh nicht begeistert gewesen. „In ein paar Wochen könnten wir los.“

„Wir werden sowieso noch einiges vorbereiten müssen, mehr Informationen sammeln und einen Weg finden, dort hin zu kommen. Der Landweg ist unmöglich. Aber ich weiß von Khulans Enkel und dem Prinzen, dass sie wohl Unterseeboote haben. Wenn sie einen Hafen in unserer Nähe finden, wird es vielleicht möglich sein, diese Schiffe zu nutzen. Ich wollte gleich mit dem Prinzen sprechen, möchtest du so lange bleiben und dem Gespräch beiwohnen? Vielleicht hast du selbst auch noch Fragen.“ Naran redete jetzt wie ein Wasserfall. Er hatte Bahadurs Okay und mit Akuma würde er selbst noch einmal eindringlich reden und die Notwendigkeit der Reise klar machen. Das konnte er nicht wieder auf die Schultern seines Jungen verlagern.

„Gerne. Ich möchte mir selber ein Bild von unseren neuen Verbündeten machen. Das letzte Mal, war der Kontakt ja nur sehr kurz.“ Bahadur wusste gerne, mit wem er es zu tun hatte, wenn sie das Risiko eingingen, sich auf fremdem Gebiet mit diesen Leuten zu treffen. Zwar war er ein guter Kämpfer, aber ganz auf sich alleine gestellt, hatte er keine Chance, denn Akuma würde noch nicht in der Lage sein, zu helfen.

„Gut. Ich hatte gehofft, dass du das sagst. Lass uns anrufen und anschließend noch einen Happen essen. Dann hat deine Katze mehr Zeit, ihre große Zwischenmahlzeit zu verdauen.“ Die kleine Szene zwischen Akuma und der Katze sollte allerdings ihr Geheimnis bleiben, der General setzte sonst jeden außer Gefecht, der darüber Bescheid wusste.

Naran wählte die Nummer an und wartete.