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Zyklus VII - Hangzhou Provinz - Teil 13-15

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„Erdogan, komm her. Naran meldet sich.“ Leander drehte sich zu dem Prinzen um, der etwas abseits saß und sich ansah, was Meodin auf seinen Palm geschickt hatte. Noch immer kamen Dateien aus Alexandria bei ihnen an und wenn das Seepferdchen meinte, dass es wichtig sein könnte, schickte er es an Erdogan, damit der sich ein Bild machen konnte. „Komme“, rief Erdogan und legte den Palm weg. Er hatte schon darauf gewartet, dass die Jiang Shi sich meldeten.

„Und? Wieder was gefunden?“, fragte Leander leise, doch dann begrüßte er lauter den Fürsten und seinen Sohn, hielt sich dann allerdings im Hintergrund. Die letzten Wochen waren intensiv gewesen. Nicht nur, dass sie überraschend von den Jiang Shi kontaktiert worden waren, auch dass es den meisten – von Jack einmal abgesehen – relativ egal war, dass Leander einer von ihnen war, hatte den Soldaten überrascht. Und auch Jack machte nicht den erwarteten Ärger sondern suchte nur ab und an Reibungspunkte, weil er nicht so viel buddeln gehen durfte, wie er gern wollte.

„Prinz Erdogan, Leander – ich grüße euch“, hörte es Leander und blickte auf das Abbild der beiden Männer auf dem Monitor.

„Fürst Naran, Prinz Bahadur.“ Erdogan neigte leicht den Kopf zur Begrüßung. „Ich freue mich, wieder etwas von ihnen zu hören. Wie geht es ihnen?“ Erdogan war gespannt, warum der Anführer der Jiang Shi sich gemeldet hatte, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen.

„Danke der Nachfrage, uns geht es gut. Ich hoffe, dass ich von ihnen und ihren Leuten das gleiche  annehmen darf“, tauschten die beiden Herrschaften ein paar Höflichkeiten aus. Um den Thronfolger von Neo New York allerdings nicht auf die Folter zu spannen, kam er gleich zum Kern seines Anliegens. „Ich weiß, dass ich viel von euch verlange, Prinz Erdogan, und ich weiß auch, dass ihr nicht sicher sein könnt, uns vertrauen zu können. Doch ich würde gern zwei meiner besten Männer zu euch schicken zum Austausch. Vielleicht haben wir Wissen, was euch nutzen kann und vielleicht können wir von euch neue Denkanstöße bekommen. Wir haben das gleiche Ziel.“

Erdogan war ein wenig überrascht, dass die Jiang Shi den persönlichen Kontakt suchten, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen. „Ihre Männer sind bei uns willkommen“, gab er seine Zustimmung. „Wir werden unser Wissen mit ihnen teilen und ich bin mir sicher, dass wir so das Vertrauen aufbauen können, das wir für unseren gemeinsamen Kampf benötigen.“

„Davon gehe ich aus. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich beeindruckt bin, was euren Männern und euch, Prinz Erdogan, gelungen ist, seit sie auf die Mistkerle aufmerksam geworden sind. Unsere Arten der Bekämpfung sind sehr unterschiedlich und ich glaube, zusammen werden wir weiter kommen.“ Naran lehnte sich entspannt zurück, er wollte Erdogan zeigen, dass er ihm offen entgegen getreten war und nichts verheimlichte.

„Ich werde einer der Männer sein, die zu euch kommen, Prinz Erdogan“, sprach nun Bahadur weiter. „Allerdings suchen wir noch nach einer Möglichkeit der Reise.“ Seine Betonung legte offen, das dies das Problem war und er hoffte, dass die Männer aus Neo New York ihnen helfen konnten.

„Das freut mich, Prinz Bahadur.“ Erdogan lächelte ehrlich, denn die Wahl, die Fürst Naran für seine Delegation getroffen hatte, zeigte deutlich, dass er an einem Erfolg ihres Treffens interessiert war. „Wir haben Boote mit denen wir ihre Männer abholen können. Einer unserer Verbündeten, Archiaon aus Atlantis, wird uns helfen einen funktionierenden Seehafen zu finden, wo wir ihre Männer abholen können. Er ist auf dem Weg hierher. Also kann es sein, dass wir bald mit den konkreten Planungen beginnen können.“

„Oh“, sagte Bahadur und machte keinen Hehl daraus, dass er überrascht war. Nicht nur über die bereitwillige Hilfe der Männer aus Neo New York, auch darüber, dass es denen bereits gelungen war, Verbündete zu finden. Darüber hatte Khulan nichts gesagt, sicherlich hielt der Prinz dies noch geheim. Auch wie sie die Technik der Gottgleichen zu ihrem eigenen Vorteil nutzten, war interessant.

„Ich danke für die Mühen. Wenn ihr wisst, wo der Treffpunkt sein wird, brauchen wir die Koordinaten, damit wir ihn aufsuchen können.

Erdogan nickte. „Selbstverständlich. Wenn sie es möchten, können wir auch versuchen einen sicheren Weg von ihrer Kuppel zum Seehafen zu finden. Allerdings kann ich nicht versprechen, dass das möglich ist.“ Erdogan hatte ein gutes Gefühl bei dem Treffen. „Darf ich fragen, wer Prinz Bahadur begleiten wird?“

„Mein oberster Heeresführer“, mischte sich Naran ein. „General Akuma. Allerdings erholt er sich im Augenblick noch von einer Mission und ist noch nicht reisefähig.“ Die beiden Männer auf der anderen Seite der Bildverbindung waren Soldaten, sie wussten, was das hieß. Naran musste also nicht deutlicher werden.

„Informationen wie wir zum Treffpunkt kommen, wären hilfreich aber nicht notwendig. Unser Netz von Kuppeln reicht bis an die Küste. Wichtig ist zu wissen, wo an der Küste ihr Schiff anlanden wird.“

„Sie landen nicht an, sie docken unter Wasser an“, warf Leander ein. „Es sind Unterwasserboote. Und deswegen werden wir das Dock finden müssen, sonst wird das nichts. Sie kennen nicht zufällig Unterseedocks in einer eurer Kuppeln?“

„Wir werden uns darum kümmern, das herauszufinden. Wenn wir parallel arbeiten, werden wir einen passenden Hafen finden.“ Bahadur hatte auch schon jemanden im Auge, der genug Zeit hatte, danach zu recherchieren.

„Gut, machen wir das so. Wir halten Kontakt und tauschen uns über den besten Treffpunkt aus.“ Erdogan war mit dem Ergebnis des Gespräches sehr zufrieden. „Wir melden uns, wenn Archiaon bei uns eingetroffen ist und suchen eine Route.“

Nach einer kurzen Verabschiedung trennten sie die Verbindung.

„Gucke an“, sagte Leander. „Sie wollen uns jetzt doch treffen. Vielleicht war das, was wir meinem Großvater gestattet hatten, zu berichten schon ausreichend, um interessant genug zu sein. Ich bin wirklich gespannt auf die Leute. Was Meodin bisher über dieses Volk zu Tage getragen hat, ist unglaublich. 78 Kuppeln der Umgebung haben sie bereits bereinigt und die Gottgleichen sind nicht zurückgekehrt. Stell dir vor, was sie zu leisten in der Lage wären, wenn sie Zugang zu allen Daten und …“ Leander brach ab.

Erdogan lachte und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Ich weiß, Lean, und wenn wir sicher sein können, dass wir ihnen vertrauen können, bekommen sie ungehinderten Zugang zu unseren Informationen. Sie kämpfen schon so lange gegen die Gottgleichen, dass sie wirklich unschätzbare Verbündete wären. Ich bin wirklich gespannt darauf, sie persönlich zu treffen.“ 

„Hey, Leander“, hörte es der Soldat plötzlich in seinem Palm. „Archiaons Boot dockt gerade an. Du wolltest informiert werden. Meodin springt uns schon zwischen den Beinen herum, er freut sich wohl auch, dass Diego und Dylan wieder da sind.“ Thom trennte die Verbindung wieder, ohne auf eine Antwort zu warten und Leander grinste. „Jetzt ist es wohl wieder vorbei mit deiner Nummer-Eins-Position bei deinem Seepferdchen. Er hat wieder jemanden zum Spielen!“ Leander erhob sich und grinste den Prinzen breit an.

„Spinner. Ich bin immer Meos Nummer-Eins.“ Erdogan boxte seinem Freund gegen die Schulter und lachte. „Los, lass uns zum Dock gehen, dann kann ich meine Nummer-Eins treffen und Archiaon begrüßen.“ Der Prinz hatte sich damit arrangiert, dass Meodin mittlerweile viele Freunde hatte und mit ihnen Zeit verbrachte. Solange er ihn nachts ganz für sich alleine hatte, war er zufrieden. Und das Seepferdchen war auch kein zweites Mal auf die Idee gekommen, Arbeit mit ins Schlafzimmer zu bringen, denn dafür hatte er dort definitiv keine Zeit.

„Na, wenn du das sagst.“

Gemeinsam gingen sie zum Fahrstuhl, um in die Ebene der Docks zu fahren. In Gedanken hing Leander aber schon in den Vorbereitungen für das Treffen. Jack dürfte nicht begeistert sein, wenn er wieder von der Kugel vertrieben wurde, aber sie brauchten Informationen, die sie nur mit ihr bekommen konnten. Und vielleicht konnten sie den Geologen damit ködern, dass er zum Ausgleich mal zu den Jiang Shi durfte, um dort Proben zu sammeln. Der Soldat grinste. Jeder war eben käuflich, nur der Preis war verschieden.

Meodin war schon da, als sie das Dock betraten und hatte zwei freudig strahlende Moles an sich hängen, die ihn drückten und knuddelten. „Na, kümmert sich keiner um dich?“, rief Erdogan Archiaon zu, der mit Elaios etwas abseits stand und lächelnd die Szene beobachtete. Erdogan und Leander gingen zu ihnen rüber und begrüßten sie. „Wie war die Reise?“

„Wie eine Reise eben so ist“, lachte Archiaon und beobachtete das Trio Infernale. „Die beiden Moles waren tauchen und das Fell war nass und …“ Archiaon lachte als er Diego gerade ebenfalls davon reden hörte. Er würde Staubbäder bevorzugen, die waren weniger nass, aber es wäre toll gewesen. Meodin war nicht mit nach Atlantis gereist, er hatte in seinem Archiv sehr viel zu tun und das nahm er ernst.

„Aber wir haben ein paar Vorschläge der Senatoren über die Möglichkeiten der vorteilhaften Zusammenarbeit für beide Seiten.“

„Lass uns das in meinem Quartier besprechen. Ich habe auch ein paar Neuigkeiten.“ Erdogan sah ebenfalls zu Meodin rüber, der noch gar nicht mitbekommen hatte, dass der Prinz auch am Dock angekommen war. „Ich freue mich, dass ihr gekommen seid, der Zeitpunkt ist wirklich perfekt.“

Elaios sah den Prinzen grinsend an. „Schatz, ich glaube, der will was von uns.“ Doch weiter kam er nicht mit seinen Vermutungen, denn da kugelten Meodin und die Moles auf sie zu. Schließlich wollte das Seepferchen auch seine anderen Freunde begrüßen und als das beendet war, blieb es wieder wie immer an seinem Prinzen kleben.

„Hallo Schatz“, wurde er von Erdogan begrüßt und bekam einen sanften Kuss. Sie hatten sich nicht mehr gesehen, seit sie am Morgen gemeinsam ihr Quartier verlassen hatten. „Kommt, lasst uns gehen, ich habe etwas zu essen vorbereiten lassen, dabei können wir alles besprechen.“

Diego und Dylan waren schon auf dem Weg zu den anderen Moles, um ihnen zu berichten. Es war ja nicht so, als hätten sie sich nicht sowieso den halben Tag über Bildkommunikation gemeldet.

„Du machst mich neugierig, Erdogan. Mach doch mal eine Andeutung“, sagte Elaios, der es nur schwer haben konnte, dass jemand Geheimnisse hatte. Es reichte dass Archiaon seine Schwäche ausnutzte, Erdogan durfte das nicht auch noch tun.

„Heißköpfige Jugend“, sinnierte Leander, dabei war er kaum zwei Jahre älter als der junge Senator, der ihn daraufhin in die Seite stupste.

„Es hat mit den Jiang Shi zu tun.“ Erdogan lachte, als Elaios zu ihm herum zuckte.

„Die Jiang Shi? Los erzähl.“

Archiaon zog Elaios wieder zu sich und wuschelte ihm durch die Haare. „Du weißt, dass Erdogan nichts erzählt, wenn du so neugierig bist“, zog er seinen Geliebten auf.

Elaios verengte die Augen, nie ein gutes Zeichen, das wusste Archiaon. Doch da er selbst keinerlei Informationen hatte, die er jetzt Preis geben konnte, um zu verhindern, dass Elaios ein eigenes Zimmer bezog, war er selbst etwas in Bedrängnis geraten. „Haben sie sich gemeldet oder hat Meodin was gefunden?“, forschte also Archiaon weiter. Elaios war zufrieden, grinste und Leander hatte einmal mehr begriffen, wer bei den Senatoren die Hosen an hatte.

„Sie haben sich gemeldet.“ Erdogan zuckte leicht, weil er unsanft in die Seite gekniffen wurde. Da wollte wohl jemand lobend erwähnt werden. „Aber Meodin hat auch einiges über die Jiang Shi herausgefunden“, beeilte er sich darum noch anzuhängen. Und schon grinste das Seepferdchen genauso zufrieden wie Elaios und Leander verdrehte die Augen. Sie konnten nur hoffen, dass niemals die eigentlichen Schwachstellen der beiden mächtigsten Männer in ihren Kuppeln bekannt wurden. Sie konnten sich einsargen lassen. Doch zu gegebener Zeit würde Leander dieses Wissen gewinnbringend für sich vermarkten.

Sie bestiegen den Wagen, der sie durch den Tunnel zum Lager brachte und dort suchten sie als erstes den hergerichteten Raum auf. Elaios suchte sich etwas zu trinken, Meodin etwas zu essen und dann nahmen sie am großen Tisch Platz.

„Sie haben sich gemeldet und Meo hat was gefunden – soviel weiß ich schon mal. Und worum ging es nun?“, knurrte Elaios. Es ging ihm einfach nicht schnell genug.

„Naran schickt zwei Leute zu uns. Seinen Sohn und seinen obersten Heerführer“, ließ Erdogan die Bombe platzen, weil auch Meodin ungeduldig neben ihm herumhibbelte, weil er wissen wollte, was ohne ihn alles passiert war. „Wir haben vorhin mit ihm gesprochen. Wir müssen nur einen Hafen finden, an dem wir die beiden einsammeln können.“

„Wärest du früher mit der Sprache rausgerückt, hätten wir gleich drüben im Observatorium gucken können.“ Elaios verschränkte die Arme und sah den Prinzen mit einem ich-habs-dir-ja-gesagt-Blick an, was alle zum Lachen brachte und Elaios sank etwas in sich zusammen. „Aber im Ernst. Ich muss Elaios zustimmen, dazu müssen wir drüben mal einen Blick auf die Kugel werfen und die Häfen abklappern“, sagte Archiaon.

„Dazu sollten wir die von Meodin aufgestellte Liste nehmen über Kuppeln, die die Jiang Shi bereits zurückerobert haben, damit wir wissen, welche Kuppeln in Frage kommen und dann sollten wir zusehen, dass wir Baupläne auftreiben und die Dockanlagen finden. Wir haben viel zu tun.“ Entgegen seiner Worte schoss Leander aber nicht hoch, sondern aß auch endlich was. Schließlich war er heute Morgen ohne Frühstück losgezogen. Er verlotterte, seit Allan wegen der Trinkwasserexperimente in der Hauptkuppel war.

„Dann hättest du wieder gemault, dass du Hunger hast“, lachte Erdogan, stellte sich aber vorsichtshalber hinter Meodin, damit er nicht gleich angegriffen wurde. Archiaon und Elaios waren mittlerweile richtig gute Freunde geworden, so dass er wusste, dass man ihm solche Scherze nicht krumm nahm. Was aber nicht hieß, dass Elaios sich nicht rächte. „Wir gehen gleich rüber. Allerdings erklärst du Jack, dass wir das Observatorium brauchen.“

„Ich glaube, das sollte der oberste Abgesandte von Atlantis machen – nicht wahr Schatz?“ Elaios sah seinen Freund herausfordernd an, der gerade etwas das Gesicht verzog. Er wusste, wie Jack reagierte, wenn man ihn von seinem Lieblingsspielzeug vertrieb. „Wenn du mich einmal in meinem Amt beerben willst, Schatz, dann wäre das hier eine gute Gelegenheit den Umgang mit Einheimischen auf diplomatischen Missionen zu üben“, spielte er also den Ball zurück.

„Ach was, das lerne ich auch, wenn ich dir dabei zusehe. Außerdem wird es noch lange dauern, bis ich dich beerben kann.“ Elaios grinste breit und gab seinem Schatz einen Kuss. „Aber eigentlich finde ich, dass Erdogan das selber machen sollte, denn schließlich ist Jack einer seiner eignen Männer.“

„Ja, die Abstimmung ist einstimmig. Erdogan macht das“, wurde von den Atlantern beschlossen und Leander verdrehte wieder die Augen. Wie die Kinder, die Angst vorm großen Nachbarsjungen hatten, in dessen Garten gerade ihr Fußball geflogen war. „Ich mach’s. Mich jagt er sowieso immer“, sagte Meodin, denn er war auch neugierig, wie immer, wenn es etwas zu erforschen oder zu untersuchen gab.

„Mein Held“, Erdogan küsste Meodin und alle lachten. Sie waren ausgelassen und das tat allen gut. Ihr Leben bestand die meiste Zeit aus Problemen und deren Lösungen, da war so ein Treffen die pure Erholung. Da aber alle neugierig waren, machten sie sich auf den Weg, als alle sich gesättigt hatten. Immer noch scherzend und lachend kamen sie im Observatorium an. Jack sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Ich arbeite hier“, stellte er gleich klar, weil er sich denken konnte, dass er gleich vertrieben werden sollte.

„Ich glaube, du brauchst eine Pause, nicht wahr, Meodin?“, sagte Leander und schob das sich etwas windende Seepferchen nach vorn. Der sah knurrend noch mal zurück, nickte dann aber. Schließlich hatte er zugesagt. „Ja, wir müssen da mal dran“, sagte er also als Eröffnung und kam näher, schritt zielstrebig auf einen Knopf zu, der alles löschte, was gerade offen war. „Is wichtig, echt“, versicherte er noch. „Und ich will dich auch nicht erpressen, aber is wichtig!“ Seine Augen funkelten und die Flosse auf seinem Rücken pulsierte unter dem Shirt. Leander hob eine Braue. Meodin entwickelte sich wirklich. Und einmal mehr war ihm nicht klar, was aus Meodin eigentlich einmal wurde.

„Pack den Knopf an und ich jage dich durch die Anlage“, knurrte Jack und funkelte Meodin böse an. Das ihm die kleinen Reibereien gefielen, würde er ums verrecken nicht zugeben. „Ihr könnt hier dran, wenn ich fertig bin. Was ich hier mache, ist auch wichtig. Also zieht ‘ne Nummer.“

„Wenn du mich jagst, können die anderen ran – ich opfere mich“, sagte Meodin und sein Gesicht war stoisch. So kannte man ihn nicht und Meodin wurde beim pokern immer besser. „Wir ziehen also keine Nummer, sondern deinen Stecker. Oder du machst mal 'ne Pause, holst dir was zu essen, schnappst ein bisschen Luft und dann sind wir wieder weg. Deal oder Knopf?“, fragte er und Leander hob seine Brauen weiter. War das Meodin?

„Du...“, hob Jack an und machte einen drohenden Schritt auf Meodin zu. Der aber blieb stehen, wo er war und ließ sich nicht einschüchtern. Verdutzt sah der Geologe ihn an und knurrte. „Eine halbe Stunde habt ihr, dann bin ich wieder dran.“ Erdogan grinste. Er würde Meodin heute Nacht zeigen, wie stolz er auf ihn war. „Eine Stunde, dann sind wir weg“, rief Meodin Jack hinterher, der schon auf dem Weg raus war und nur noch ergeben die Hand hob. Er wusste, wann er verloren hatte.

„Hui, ich dachte schon, er schubst mich“, sagte Meodin und wirkte plötzlich wieder viel naiver als eben noch.

„Nicht schlecht. Ich glaube, wir lassen dich das jetzt immer machen. Du weißt, wie man ihm an die Eier packt“, sagte Leander und hatte nicht damit gerechnet, dass Meodin das wortwörtlich nahm und rot anlief, alles abstritt und erklärte, dass er derartiges nur mit Erdogan machen würde, was wiederum dem Prinzen Schatten unter die Augen zauberte.

„Zu viele Informationen“, jammerte Leander gespielt und hielt sich die Ohren zu. Archiaon und Elaios kicherten leise  und Erdogan zog Meodin für einen Kuss zu sich. „Du warst toll“, murmelte er leise dabei und seine Augen strahlten. „Los, stell die Kugel so ein, dass wir arbeiten können. Wir müssen die ergaunerte Stunde nutzen.“

Archiaon setzte sich in Bewegung, drückte ein paar Knöpfe, um die Einstellungen von Jack zu speichern, ehe er begann alles aus der Anzeige zu löschen was sie nicht brauchten. Sie zeigten alle Häfen an und alle Docks und drehten die Kugel dann so, dass das Reich der Jiang Shi vor ihnen lag. „Los Meodin, ruf auf dem großen Bildschirm da drüben deine Liste auf.“ Leander scheuchte das Seepferdchen, das auch sofort loslief, schließlich wollte er helfen und nützlich sein.

„Wow! So viele Kuppeln haben sie erobert?“, murmelte Elaios, als er Meodins Liste sah. „Okay, fangen wir an, die Kuppeln zu markieren, damit wir wissen, welche in Frage kommen.“ Archiaon tippte alle Kuppeln an, die man ihm nannte und nach und nach wurde klar, wie groß das Gebiet der Jiang Shi war.

„Ich wundere mich nicht mehr darüber, dass die Gottgleichen Angst vor ihnen haben“, sagte Elaios leise. „Ich bekomme ja selber nicht mehr den Mund zu, wenn ich mir vorstelle, dass all diese Kuppeln mal besetzt und jetzt befreit wurden. Wir werden so viel von ihnen lernen können.“

„Hier“, sagte Leander, der neben Archiaon stand und die Kuppeln betrachtete. „Maru-Yane GX14-41 liegt am Wasser und hat das Hafensymbol und GX13-35 auch.“ Er markierte also schon einmal die Kuppeln, die in Frage kommen würden zum Kontakt.

„Zwei zur Auswahl, ist doch schon mal gut.“ Erdogan kam näher und schätzte die Entfernung zur Hauptkuppel der Jiang Shi. „GX13-35 liegt etwas näher“, murmelte er. „Archiaon, kannst du mal nachsehen, wie die Verbindung zu den beiden Häfen ist. Wir werden wohl etwas Unkompliziertes brauchen, denn General Akuma ist verletzt und wenn er jetzt nicht transportfähig ist, dann hat es ihn wohl ziemlich erwischt.“

Der Atlanter nickte. „Wie intensiv nutzen die Jiang Shi die Infrastruktur der Gottgleichen? Nutzen sie Tunnel und Bahnen? Unterirdisch wäre der schnellste Weg. Aber da sie ja irgendwie die Kuppeln befreit und erobert haben müssen, müssen sie Mittel und Wege haben, auch ohne die Bahnen dort hin zu kommen. Wir können ihnen Wege vorschlagen aber wenn sie lieber ihre sicheren Wege durch die einzelnen Kuppeln nehmen wollen, kann ich das verstehen.“ Er nuschelte nur vor sich hin, denn er trug noch immer weiter Kuppeln ein.

„Ich werde Naran oder Bahadur danach fragen.“ Erdogan zog Meodin zu sich und streichelte ihm über den Flossenansatz der Rückenflosse. Das machte er gerne, wenn er nachdachte. „Sie haben diese Kuppeln befreit, also kommen sie dort auch hin. Das ist ihre Sache. Was ihnen besser hilft, ist der Weg zum Dock, denn davon scheinen sie nichts zu wissen.“

„Dazu brauchen wir die Baupläne“, sagte Leander und dachte nach. „Meo, kannst du in deinem Archiv anfangen zu wühlen? Verschlagworte alles, was in die Richtung geht. Grundriss, Bauplan, Lageplan, alles was dir einfällt und dann lass die Suchroutinen drüber laufen. Und mit der Kugel können wir nichts aufrufen?“ Dabei sah Leander Archiaon an, der nachzudenken schien.

Meodin aber küsste noch einmal kurz den Prinzen entschuldigend, ehe er wieder an sein Terminal huschte und tat, was Leander verlangte. Er liebte es, sich nützlich machen zu können. So hatte er das Gefühl auch dazu zu gehören.

„Probieren wir mal was.“ Archiaon erinnerte sich an etwas, war sich aber nicht sicher, ob er das richtig behalten hatte. Er tippte auf eine der in Frage kommenden Kuppeln und zog sie dann mit den Händen auseinander. Enttäuscht knurrte er, als nichts passierte. Der Fleck vergrößerte sich zwar, aber das war es auch. „Das muss doch irgendwie...“, murmelte er und drehte sich plötzlich um. „Leander, such mal einen Knopf, der ein wenig aussieht wie eine Straßenkarte“, rief er dem Soldaten zu und ging auch selber schon los.

„Der ist hier drüben, aber da ist nie was passiert, wenn ich drauf gedrückt habe“, informierte Meodin, der an seinem Terminal Begriffe eingab und deutete auf einen Stein unweit von sich. „Jedenfalls hat mich Jack nie verjagt, wenn ich da drauf gedrückt habe, also kann auch nichts passiert sein.“

„Sehr gut, Meo. Leander drück jetzt mal.“ Archiaon hoffte, dass er sich richtig erinnert hatte. Er sah auf die vergrößerte Kuppel. „Ja“, jubelte er, als der Fleck sich veränderte und Linien darin zu erkennen waren. „Wusste ich es doch. Ich bin so gut.“

Mit miesepetrigem Gesicht, weil sein Beitrag zur Lösung des Problems gerade ziemlich gering bewertet wurde, kam Meodin herüber und beguckte sich das Resultat. „Da fehlt die dritte Dimension. Das sind nur die Straßen in einer Ebene. Wir brauchen die tiefer liegenden Gänge zum Dock“, erklärte er spitzfindig, kicherte aber und flüchtete sich zu Erdogan, als Archiaon ihm drohte, er wäre noch lange nicht fertig.

„Wie ich schon sagte, du bist mein Held“, flüsterte Erdogan Meodin leise zu und küsste ihn aufs Ohr. Dann zog er Meodin näher an die Kugel, damit sie besser sehen konnten. „Ich hatte das vollkommen vergessen“, murmelte Archiaon und zog die Kuppel noch weiter auseinander. Dann verschob er den Kreis so, dass sie an die Küste kamen.

Sie standen jetzt mitten in der Kugel und Meodin drehte sich fasziniert um sich selbst. Sie merkten noch nicht einmal, dass Jack wieder da war und sie beobachtete, sich Notizen machte und wohl anschließend Erkundigungen über die neuen Steine bei Archiaon holen wollte. Doch er hatte versprochen, nicht zu stören. Wenn Erdogan und Archiaon an die Kugel wollten, dann war das immer ziemlich wichtig und er hatte gelernt dass es schneller ging, wenn er sie machen ließ.

Archiaon hatte den Straßenplan so gedreht, dass er jetzt parallel zum Boden und die Ebenen darunter wurden frei. „Drück noch mal das Hafensymbol!“, rief Archiaon. Jack war am schnellsten und drückte drauf.

„Unglaublich“, murmelte Leander und sah sich mit glänzenden Augen um. Wenn er es auch nicht gern machte, so musste er doch bewundern, was die Gottgleichen  mit diesem Observatorium geschaffen hatten. Sie konnten die Dockanlagen sehen und auch den Weg, der dorthin führte. „Wenn wir das vorher gewusst hätten, hätten wir uns vieles leichter machen können.“

„Ja, vielleicht. Aber ich glaube, unsere Sucherei und das Experimentieren hat uns weiter gebracht, als blind zu nutzen, was schon jemand erschaffen hat“, sagte Jack und setzte sich wieder an den Rand. Es war zwar ganz spannend, was die Männer hier erforschten, doch nichts, was ihn interessierte. Er war Geologe, kein Stadtplaner.

„In welchem Gebäude ist der Abstieg und wie viele Ebenen müssen sie runter? Ich schreibe es auf und gebe es dann Naran“, sagte Leander und begrüßte Jack zurück.

Archiaon vergrößerte den Lupeneffekt noch mehr und Koordinaten wurden sichtbar. Er gab die Daten an Leander weiter. „Sie müssen fünf Stockwerke tiefer und dann einem Tunnel ungefähr einen Kilometer folgen. Die Schleusen müssen sie allerdings alleine aufbekommen, da können wir nicht helfen.“

„Alles notiert.“ Leander nickte und rollte die Schultern. Er hätte nicht gedacht, dass sie so schnell an die Informationen kommen würden. Das war gerade zu erschreckend, was die Mistkerle alles an Daten gesammelt hatten. Nun kamen sie ihren Feinden zu Gute und würden irgendwann zum Untergang der Gottgleichen beitragen. Zumindest hoffte Leander das ganz fest.

„Sollen wir den Kontakt gleich von hier aus suchen oder….“

„Zeitverschiebung“, warf Jack ein. „Wenn die da am anderen Ende der Welt wohnen, werden die jetzt bestimmt pennen. Sie dafür extra zu wecken halte ich für übertrieben.“

„Gut, dann machen wir das später. Dann können wir noch die Daten für die anderen Häfen zusammenstellen. Dann können Naran und seine Leute sich den passenden Hafen aussuchen.“ Sie nutzten die verbleibende Zeit ihrer Stunde noch komplett aus und hörten erst auf, als Jack anfing zu drängeln. „Los weg hier, jetzt bin ich wieder dran. Archiaon du kannst bleiben und mir erklären, was man noch alles mit diesem Stein machen kann.“

„Oh“, machte Elaios, der sich an Jacks Ton aber allmählich gewöhnt hatte. „Der unbedeutende Senator hat eine Audienz bekommen“, kicherte er und machte, dass er weg kam. Er wusste, dass er für die Schmach noch bezahlen würde, aber bis dahin vergingen sicherlich noch ein paar Stunden, die er mit Meodin und den Moles verbringen wollte.

„Okay, räumen wir das Feld“, schlug Leander vor und sie rafften ihr Zeug, während Archiaon ihnen leidend hinterher sah.

„Bis später“, rief Elaios grinsend und steckte schon den Kopf mit Meodin zusammen. Man konnte Worte aufschnappen, wie Dylan, Diego und Aquarium und es war klar, wo das Seepferdchen die nächsten Stunden verbringen würde. Seine Chaotenbande erweiterte sich nahtlos auf 4 Personen, wenn Elaios in Neo New York war. Und das bedeutete nicht automatisch etwas Gutes. Denn dem Gesetz der Massen folgend, passten sich nicht die drei Chaoten dem kultivierten Senator an, es war leider umgekehrt. Sandig, dreckig nass und extrem zufrieden würde Archiaon heute Abend seinen Liebling vor die Tür gestellt bekommen und Erdogan war der einzige der seine Leiden verstehen konnte.

„So, und wir zwei Hübschen gehen jetzt auch noch mal die Steinchen durch, die ihr eben benutzt habt.“ Jack hatte seine Ausgangssituation auf der Kugel neu eingestellt und sah den Senator erwartungsvoll an.

„Ja, natürlich.“ Archiaon gab sich geschlagen und erklärte Jack, was er wissen wollte. Es war ihm klar, dass er erst in ein paar Stunden wieder aus dem Observatorium kam, denn der Geologe war äußerst wissbegierig.

„Komm, Erdogan, lassen wir die beiden spielen.“ Leander war froh, dass Jack ein anderes Opfer gefunden hatte, denn oft war er derjenige, der von Jack zur Mitarbeit gezwungen wurde.

 

Meodin und seine Freunde hatten sich schon abgesetzt und waren nach oben ins Aquarium gelaufen, während Erdogan und Leander es sich nicht ganz so leicht machen konnten. Sie hatten noch zu tun. Also führte sie ihr Weg in Bills Labor. Dort war der Genetiker damit beschäftigt, die Ergebnisse des Trinkwasserexperimentes in Echtzeit auszuwerten. Das war die Zusage an den Fürsten, um weiterhin auf Bonder forschen zu dürfen. Seine Mitarbeiter in den Laboren der Hauptkuppel schickten alle Testergebnisse und alle Messwerte an den Server der Bonder-Labore. Die Proben wurden mit der Tunnelbahn ins Labor gebracht. Sie hatten ihre Wege optimiert und sparten so erheblich an Zeit, die dann anderweitig genutzt werden konnte.

„Mir gehen ein paar Sachen nicht aus dem Kopf“, sagte Leander, als er zusammen mit seinem Prinzen in den Fahrstuhl stieg. Der sah ihn fragend an. „Die Jiang Shi gehen militärisch gegen die Gottgleichen vor. Wäre das auch für uns eine Option? Ich kann mir das nicht vorstellen.“

„Ich mir im Moment auch nicht. Wir haben nicht die Kräfte, die die Jiang Shi haben. Stärke, Schnelligkeit, Immunität gegen die Strahlen. Mit all diesen Eigenschaften, könnte ich mir das vorstellen, aber wenn, dann ist das noch Zukunftsmusik. Außerdem müsste Naran dann bereit sein, uns dieses Serum zu überlassen.“ Erdogan glaubte nicht dran, dass das so schnell passierte, dazu mussten die Jiang Shi ihnen voll und ganz vertrauen und so etwas brauchte Zeit. Einmal davon abgesehen, dass die Jiang Shi davon auch nicht Unmengen zu Verfügung haben würden.

„Gucken wir, was unsere Experimente machen“, sagte Leander und als sich die Fahrstuhltüren öffneten, trat er in den langen Flur. Adrian kam ihnen entgegen, in einen weißen Kittel gehüllt und in beiden Händen Reagenzgläser. „Schon wieder fleißig?“, grüßte der Soldat und Adrian nickte eifrig. Er ging in seiner Rolle als Bills rechte Hand völlig auf und Bill gab ihn auch nicht mehr her, denn der Mole war wie ein Wissensschwamm und lernte unglaublich schnell. Seine Rolle als Missionsarzt kam in letzter Zeit etwas zu kurz.

„Hallo Bill“, grüßten sie den Genetiker, der vor dem PC hockte und wohl gerade Berichte durchging. „Hast du schon Ergebnisse von dem Wassertest?“, Erdogan war neugierig, ob sie mit ihrer Vermutung Recht gehabt hatten und die Frauen wieder fruchtbar wurden. Zwar waren sie noch am Anfang der Studie, aber vielleicht gab es schon Ergebnisse.

„Hm“, knurrte es hinter dem Monitor und Bill wedelte mit der Hand, als würde er störende Fliegen verscheuchen. Doch die beiden Soldaten kannten das schon und wussten, wenn sie nur lange genug hartnäckig blieben, würde Bill auch mit ihnen reden. Sie mussten ihn einfach seinen Absatz zu Ende lesen lassen.

„So, was war los?“, fragte er nach einer Weile und sah auf, erblickte den Prinzen und seine Leibwache und nickte. „Sagen wir es mal so. Bei der Kontrollgruppe mit dem Wasser aus den Kuppelbrunnen ist es unverändert. Nichts zu machen mit der Schwangerschaft. Bei unserer Gruppe haben die Ärzte erste Anzeichen entdeckt, dass die Frauen wieder in den Zyklus kommen. Aber aktuell ist die Versuchszeit noch zu kurz, um etwas zu sagen.“

„Das hört sich doch schon mal viel versprechend an.“ Nach der Kürze der Zeit war Erdogan mit dem Ergebnis zufrieden und sein Vater wahrscheinlich auch. Sie waren auf dem besten Wege die Bedingungen des Fürsten zu erfüllen und somit konnten sie weitermachen wie bisher. „Wenn die ersten Frauen schwanger werden, haben wir es geschafft.“ War nur zu hoffen, dass die Schwangerschaften  auch so verliefen, wie gewünscht.

„Ja, aber so weit sind wir noch lange nicht“, versuchte Bill die aufkommende Euphorie zu stoppen. Er wäre der erste, der auf dem Tisch tanzen würde, wenn sie endlich Erfolg hätten, denn dann konnte er dieses herrliche Labor behalten und musste nicht zurück in die Labore der Hauptkuppel. Doch er wollte erst dann jubeln, wenn es auch wirklich so weit war.

„Beim Serum für die Moles kommen wir allerdings nicht wirklich weiter. Kannst du Meodin mal speziell danach suchen lassen in seinem Archiv? Vielleicht haben sie was in der Datenbank.“ Es war nicht mehr das Problem den Suchtstoff zu substituieren. Das war ihnen gelungen. Doch sie konnten die süchtigen Moles nicht von heute auf morgen trocken setzen. Allerdings gestaltete es sich schwierig, den Suchtstoff schrittweise zu reduzieren. Diese Verbindungen waren nicht stabil.

Bill war frustriert und er bewunderte Adrian, wie der nach jedem Fehlversuch wieder bei Null begann und nie den Mut verlor. Der Mole hatte aber auch eine besondere Motivation. Er wollte seiner Familie und seinen Freunden helfen, die immer noch das vergiftete Serum bekamen.

„Ich werde Meo nachher sagen, wonach er suchen soll. Eigentlich gehe ich davon aus, dass die Mistkerle irgendwo was in ihrem Archiv über das Serum haben, aber es ist die Frage, ob wir die Infos schon haben.“

„Thom schreibt gerade an Suchmasken, die über alle neuen Pakete laufen und die die Pakete nach dem durchsuchen, wonach wir die alten schon durchforstet haben. Wenn sie was finden, werden sie anschlagen. Gib ihm die Stichworte, wonach er suchen soll“, schlug Leander vor. Die Suchroutinen wurden immer länger, weil schon eine Menge Leute nach Suchbegriffen gefragt hatten. Meodin allein konnte das nicht mehr bewältigen. Das Seepferchen sah das etwas anders, aber sein Geliebter und sein Arzt waren sich da einig.

„Okay, werde ich machen.“ Erdogan tippte schon auf seinem Palm eine Nachricht mit den Suchwörtern an Thom. Meodin sollte ruhig noch eine Weile mit seinen Freunden durch die Gegend toben. Erdogan war sowieso der Meinung, dass sein Schatz viel zu viel arbeitete und sich zuviel zumutete. Er vergaß gern, wie wenige Monate er erst aus seinem Tank raus war und er versuchte in wenigen Wochen das zu kompensieren, wozu andere ein Leben lang Zeit hatten, um die Fähigkeiten zu entwickeln. Erdogan hoffte, dass auch bei seinem Seepferdchen eines Tages mit dem Alter auch die Gelassenheit kam.

Als er wieder aufblickte war Bill schon wieder hinter seinem Monitor verschwunden, die Audienz schien also beendet. Leander und der Prinz ließen sich auf keine Grundsatzdiskussion ein, sondern räumten das Feld.


14 

„Blöder Bettvorleger verschwinde“, knurrte Akuma und versuchte die ihn belagernde Katze von sich zu schieben. Was bildete das Vieh sich eigentlich ein, sich auf ihm breit zu machen? Jetzt fuhr sie auch noch die Krallen aus und grollte dunkel. Und warum stand der dämliche Pyromane in der Tür und grinste so blöd?

„Aku, du sollst nicht aufstehen. Die Ärzte haben dir absolute Bettruhe verordnet und Panja setzt nur die Anweisungen der Ärzte durch“, lachte Bahadur, denn der Anblick war wirklich zu lustig. Panja lag auf Akuma und ließ ihn nicht aufstehen. Sie achtete darauf nur auf Stellen zu liegen, die nicht verletzt waren, doch jedes Mal, wenn Akuma sich erheben wollte, fuhr sie die Kallen aus, trieb sie durch den Stoff und Akuma begriff, dass das blöde Vieh es ernst meinte. „Gibt’s die Mistviecher jetzt auf Rezept, oder was?“, knurrte er und war missgestimmt. Missgestimmt wie die letzten 5 Tage, die er jetzt schon liegend auf der Couch verbrachte. Er könnte auch in seinem Zimmer liegen, doch das machte keinen Unterschied. Auch dort hin verirrte sich der Bettvorleger und der machte, was der blöde Pyromane ihm sagte.

Wenn Bahadur da war, wachte der über Akumas Bettruhe und wenn er nicht da war, hatte er den Bettvorleger, der wie ein Klettverschluss an der Couch pinnte und Akuma daran hinderte sich zu erheben.

„Nein, Panja ist ein Einzelmedikament speziell für dich.“ Bahadur war stolz auf seine Süße. Sie hatte genau verstanden, was er von ihr gewollt hatte. So wie es aussah, machte es ihr sogar richtig Spaß, denn so konnte sie bei Akuma sein, an dem sie einen richtigen Narren gefressen hatte. „Ich habe was zu Essen mitgebracht. Bist du schon bei der Suche nach einem Weg zu den Docks weitergekommen?“

Akuma grinste süffisant. Er deutete auf die Katze, dann auf den Palm und den Laptop, die beide auf der Küchentheke lagen. Doch er sagte nichts, sollte sich Bahadur doch selbst zusammenreimen, dass er ohne diese Geräte nur schlecht in Recherchen treten konnte. „Dein Einzelmedikament hat wohl etwas zu gut angeschlagen, würde ich sagen“, erklärte er und stemmte seine Hände wieder gegen Panja, um sie weg zu schieben. Er würde niemals zugeben, dass er das nur machte, um sie ein bisschen zu streicheln. Der Pyromane würde niemals Recht behalten, dass er den Bettvorleger mochte.

Panja merkte das schon, dass sie gestreichelt wurde und das gefiel ihr sehr gut. Sie fing an zu schnurren und zog ihre Krallen wieder ein. „Na ja, ist nicht schlimm. Wir haben Zeit, denn die nächsten Wochen können wir eh noch nicht los. Die Neo New Yorker haben uns übrigens Dateien geschickt, wo die Docks zu finden sind.“

„Warum können wir die nächsten Wochen nicht los und komm mir bitte nicht mit meiner bekloppten Bettruhe. Ich habe die Nase voll. Ich will mich bewegen. Meine Muskeln schrumpfen, ich bekomme kein Serum und alles, was ich noch sehe, ist der Bettvorleger oder du. Wenn du nicht willst, dass ich hier in den nächsten Stunden ein Massaker anrichte, dann lass mich aufstehen und vor die Tür gehen!“ Akuma hatte es satt. Er fühlte sich nutzlos und abgeschlafft. Das war nicht zum Aushalten. „Und du geh zu deinem Herrchen. Zerkratz den ein bisschen, der hat’s verdient. Los!“ Er schob Panja noch ein Stück, die sich zufrieden zu aalen begann. Akuma seufzte. Keiner nahm ihn ernst. Das machte ihn verrückt.

„Akuma“, Bahadur seufzte. Er konnte seinen Mitbewohner ja verstehen. Er war nicht gewohnt, untätig herumzuliegen, aber die Knochen heilten nun einmal nicht schneller. „Du kannst nicht reisen, solange deine Knochen nicht wieder verheilt sind.“ Bahadur wusste, dass er sich die Worte sparen konnte, aber vielleicht drang er ja doch einmal zu Akuma durch.

„So ein Blödsinn. Sollen sich die Weißkittel was einfallen lassen, damit der Mist schneller geht, ich halte das langsam nicht mehr aus. Ich muss die Energie loswerden.“ Akuma holte tief Luft und hob den Kopf, was Panja gleich die Augen öffnen lies. Warnend sah sie ihn an und der General ließ sich ergeben wieder nach hinten fallen. „Ich wage zu bezweifeln, dass ich in ein paar Wochen noch als General tauge. Bis dahin bin ich verfettet und verblödet und jetzt gib mir den Palm und die Daten. Ablenkung kann ich gebrauchen und du…“ Akuma drehte sich, um Panja von sich zu werfen, doch die kletterte einfach wie auf einem sich im Wasser drehenden Baumstamm wieder auf die höchste Stelle und rollte sich dort zusammen. „Ich geb’s auf!“ Er schloss die Augen und zog die Decke über den Kopf.

Akuma tat Bahadur richtig leid. So eingesperrt zu sein, würde ihn auch verrückt machen. „Lass uns erst einmal etwas essen. Ich habe es aus der Palastküche mitgebracht und meine Mutter hat uns etwas Gebäck mitgegeben.“ Zwar war es Akuma egal, was er zu essen bekam, aber Bahadur besorgte ab und zu etwas Besonderes, weil er wohl die Hoffnung hatte, dass Akuma dann etwas milder gestimmt wurde.

„Komm, Süße, für dich hab ich auch was“, lockte er Panja von ihrem Lieblingsplatz.

„Na los, geh!“, sagte Akuma und konnte nicht vermeiden, dass er hoffnungsvoll klang. Die Katze schien das zu spüren und zögerte. Aber sie hatte Hunger und sprang von der Couch. Doch noch ehe Akuma hochschießen und aufstehen konnte, war Bahadur mit dem Teller bei ihm. Ohne sein Serum erschienen ihm die Bewegungen des Vampirs noch schneller als sonst schon. „Ich will nichts essen – hier!“ Knurrig warf Akuma die Decke zurück, zog das Shirt hoch und griff den sich langsam bildenden Ring auf der Hüfte. Er war frustriert.

„Du musst aber was essen. Deine Knochen heilen sonst nicht.“ Bahadur wusste nicht, wie oft er diese Sätze schon gesagt hatte. Akuma wurde langsam nur noch schwer händelbar. Noch schwerer als sonst schon. Bahadur setzte sich neben Akuma und hielt ihm wieder den Teller hin.

„Hör zu, Prinzlein“, sagte Akuma und zog die Decke wieder über sich. „Meinen Knochen geht es bestimmt gut. Sie haben es warm und trocken. Und da ich nichts brauche, haben sie alle Energie aus dem Frühstück und dem Mittag, die sie verballern können, wie sie lustig sind. Lass sie das erst mal aufbrauchen und morgen früh kriegen sie wieder was. Aber iss du mal, hast dich ja bewegt.“ Akuma sah auf den Teller, sah lecker aus. Doch er hatte sich jetzt was in den Kopf gesetzt, das konnte er wenigstens noch selbst bestimmen.

„Sturkopf.“ Bahadur gab auf und stellte Akumas Teller auf den Tisch. Er hatte auf jeden Fall Hunger und darum machte er sich auch über seine Portion her. Der Palastkoch hatte wie immer etwas Köstliches gezaubert. Weil Akuma mal weder nichts sagte, schaltete er den Fernseher an und suchte sich das Programm mit den Urwaldkuppeln.

„Ich geh mal aufs Klo“, erklärte Akuma und wollte ausnutzen, dass Panja gerade mit fressen beschäftigt war. Schließlich war das der einzige Grund, warum er aufstehen durfte. Doch es fiel ihm jedes Mal schwer, weil sein Kreislauf es ihm übel nahm, ständig nur zu liegen. „Och nee“, stöhnte er leise, als Panja ihm nachlief, sicherlich um ihn zurück auf die Couch zu zerren.

„Bahadur!“, knurrte Akuma auffordernd und deutete auf die Katze, die ihm um die Füße tanzte.

„Lass ihn, Panja. Komm her, Süße.“ Bahadur grinste, weil der Parder nicht begeistert brummte und kraulte sie ausgiebig, als sie neben ihm auf der Couch landete. „Das machst du sehr gut“, flüsterte er ihr zu, wusste aber, dass das keine Dauerlösung war. Akuma wurde immer gereizter und er hatte Angst, dass die zwei irgendwann einmal ernsthaft aneinander gerieten. Er musste sich also etwas einfallen lassen.

Er hatte mit dem Arzt gesprochen und der bestand auf zwei Wochen strenger Bettruhe. Und selbst wenn er Akuma anschließend gestattete, sich wieder senkrecht zu bewegen, war noch nicht an Training oder Missionen zu denken. Er brauchte einen Ausgleich, Ablenkung, etwas, was ihn geistig forderte und körperlich auch wieder ein bisschen in Schwung brachte.

Akuma griff sich auf dem Rückweg aus der Küche seine Arbeitsmittel und knurrte zurück, als Panja ihn mit leisem Grollen darauf aufmerksam machte, dass er sich gerade nicht an die Regeln hielt. Und er trödelte aus Prinzip etwas herum. „Na was“, grinste er Panja an.

„Ey. Ärger sie nicht. Sie ist ein guter Soldat. Sie befolgt ihre Befehle.“  Bahadur streichelte Panja, die sich wieder beruhigte. „Sollen wir zusammen nach dem Weg zum Dock suchen? Die Daten aus Neo New York sind auf deinem Rechner.“

„Ja, warum nicht. Dann verblöde ich nicht ganz“, entgegnete Akuma und kam wieder zur Couch. Er sortierte sich und seine Technik, schaltete sich dann auf den großen Bildschirm, damit Bahadur auch etwas sehen konnte und rief als erstes die Daten von Prinz Erdogan auf. Eine Weile starrte er auf das Bild der unterirdischen Ebenen. Stoisch blickte er darauf, ehe er sagte: „Die kennen unsere Kuppeln fast besser als wir. Das schmeckt mir nicht. Wir wissen zu wenig über die Typen.“

„Darum sollen wir ja dahin, um mehr über sie zu erfahren.“ Bahadur hatte die Daten auch noch nicht gesehen und war ziemlich schockiert. „Sie haben das Hauptquartier der Mistkerle erobert und die Hilfe von jemandem, der einmal einer der Gottgleichen gewesen war. Wir sollten uns also nicht wundern, wenn sie einiges wissen.“

„Sie haben so einen in ihren eigenen Reihen?“ Akuma machte keinen Hehl daraus, dass er in so jemanden kein Vertrauen setzen wollte. Ihm war auch nicht wohl dabei, nur zu zweit zu fahren. Er war noch nicht wieder auf dem Damm und nicht in der Lage den Thronfolger zu schützen. „Ich glaube, wir sollten mehr sein, die fahren oder du bleibst hier. Ich werde dich nicht schützen können und allein gegen ausgebildete Soldaten – da helfen dir deine Vampirfähigkeiten auch nicht.“ Er starrte weiter auf die Gänge.

„Nein, nur wir beide.“ Bahadur wollte nicht noch mehr mitnehmen. „Dieser Archiaon ist der Anführer von einer Kuppel im Meer, Atlantis Nord 035. Er wurde wohl als junger Mann rekrutiert und hat dann seiner Kuppel geholfen sie zu vertreiben, weil er mitbekommen hat, was das für Arschlöcher sind. Wir werden uns selber ein Bild von ihm machen, wenn wir da sind.“

Akuma nickte, sagte aber erst einmal nichts dazu. Lieber schaltete er auf die Außenkameras in den beiden Kuppeln, die ihnen Erdogans Männer als mögliche Treffpunkte genannt hatten. „Ich versuche die Gänge mit einem Bild vor Ort zu überlagern, damit wir wissen, unter welchem Gebäude wir eigentlich suchen müssen.“ Dann fing er an auf seinen Tasten herum zu klimpern, bis Panja sich ihm auf die Schultern drängte und ihn wieder zum liegen zwang. „Hey, Bettvorleger. Was soll der Mist. Ich habe zu tun – und maul mich nicht an!“

„Lass gut sein, Süße. Er darf ein wenig spielen“, lachte Bahadur und kraulte Panja. Die brummte leise, aber ließ Akuma los. Sie legte sich aber dicht neben ihn, so dass sie eingreifen konnte, wenn Bahadur es wieder erlaubte. „Dann leg mal los. Ich bin echt gespannt, was wir bisher noch nicht entdeckt haben.“

Akuma konnte es sich nicht verkneifen der Katze noch einmal die Zunge heraus zu strecken, ehe er anfing die Dateien zu zoomen, zu drehen, Anhaltspunkte zu überlagern. Er musste mehrmals beginnen, ehe er in Maru-Yane GX14-41 erste Erfolge verzeichnen konnte. „Dieses kleine, weiße Haus am Ende des Platzes, was ist das?“, knurrte er, denn wenn er seiner Überlagerung Glauben schenken wollte, musste sich unter diesem Gebäude der Eingang befinden. „Kennst du das?“ Er ließ die Front des Hauses durch die Datenbank laufen, ehe er im Straßenverzeichnis nachsah. „Alte Palastbücherei“, las er das Ergebnis der Suche. Das Haus war also nur Palastangehörigen zugänglich. Das würde erklären, warum keiner den Zugang kannte.

„Jemand sollte sich das mal ansehen. Kann ja sein, dass die Pläne alt sind und die Daten gar nicht mehr stimmen“, murmelte Bahadur. Er wollte das selber machen. Dann konnte er sich dort ein wenig umsehen und schon was vorbereiten. Das Symbol für den Posteingang blinkte und er tippte Akuma an. „Da ist eine neue Datei von Erdogan gekommen, öffne die doch mal.“

Der General nickte, denn er war selbst neugierig. „Für den Fall, dass ihr einen schnellen Weg von eurer Kuppel zum Dock sucht“, las er den Begleittext, ehe er die Datei öffnete. Akuma starrte auf das Bild, zoomte und erstarrte. Minutenlang blickte er nur auf den Bildschirm.

„Ich fass es nicht“, murmelte Bahadur und drückte mit einer Hand Panja weg, die schon wieder zu Akuma wollte. „Ist es das, was ich denke? Eine Tunnelbahn? Wie kommen die an solche Daten? Wir haben das Pack schon vor ewigen Zeiten vertrieben und haben nicht gewusst, dass unter unserer Stadt so ein Tunnel verläuft.“

Akuma schwieg noch immer, doch in seinem Kopf arbeitete es. Hinter seiner Stirn zogen wilde Gedanken ihre Kreise und er biss fest seine Kiefer aufeinander. Es war unglaublich, was diese Leute wussten. Wenn das, was er hier gerade sah, wirklich stimmte, dann saßen die Männer aus Neo New York auf einem wahren Schatz. Was, wenn es weitere Tunnel gab, in alle Kuppeln, die noch befreit werden mussten? Sie brauchten dieses Wissen, doch erst mussten sie prüfen, was stimmte.

In einer Bewegung stellte er den Laptop weg und schoss hoch. „Ich werde prüfen, ob die Angaben stimmen!“, knurrte er durch zusammengebissene Zähne.

„Wow, wow, wow!“ Bahadur hielt Akuma fest, weil der gefährlich schwankte und drückte ihn wieder auf die Couch. „Du wirst gar nichts prüfen. Wenn dann mach ich das. Du kannst höchstens am Bildschirm dabei sein.“

„Bahadur, mach mich nicht sauer. Du warst die letzten Tage erträglich, versau’s nicht“, knurrte Akuma, konnte sich gegen Bahadurs Kraft aber nicht wehren und spürte schnell wieder die Couch unter seinem Hintern und Panja, die eilig handelte, sich quer über seinen Schoß legte und die Krallen ausfuhr. „Verpiss dich“, knurrte Akuma die Katze an, doch die ließ sich nicht einschüchtern.

War er denn nur von Bekloppten umgeben?

„Du hast Bettruhe, ob dir das passt oder nicht.“ Bahadur ließ sich nicht einschüchtern und strich Panja über den Kopf. „Wenn du bald mit mir nach Neo- New York willst, dann bleibst du liegen. Du kannst das sehen, was ich sehe und du kannst mit mir reden.“

Akuma schüttelte vehement den Kopf. „Es geht hier um die öffentliche Sicherheit. Was, wenn die Tunnel auch von der anderen Seite genutzt werden können und die Bastarde wieder bei uns eindringen? Da ist keine Zeit fürs Rumliegen und Heilen. Ich muss da raus. Bildschirm reicht nicht. Ich muss das sehen – selber sehen! Anfassen. Prüfen. Versteh mich doch!“ Dabei fixierte er Panja, die ebenfalls die Anspannung spürte und knurrte. Schließlich hatte sie eine Aufgabe.

„Akuma.“ Bahadur raufte sich die Haare. „Was soll das. Ich habe fast die gleiche Ausbildung wie du. Ich bin durchaus in der Lage zu prüfen und sicherzustellen, dass die Mistkerle nicht wieder Fuß bei uns fassen.“ Ein wenig fühlte der Prinz sich ja doch in seiner Ehre gekränkt. Er war verdammt noch mal kein Anfänger. „Du bleibst im Bett. Du kannst keine zwei Schritte alleine laufen.“

Knurrend ließ sich er General wieder nach hinten sinken und Panja suchte sich gleich wieder ihren angestammten Platz, wo sie ihn gut im Griff hatte - im wahrsten Sinne des Wortes. „Ich sehe jeden Schritt, du wirst auf mich hören, mich nicht ignorieren und verfolgen, was ich untersuchen will – klar?“ Ganz kampflos wollte er nicht aufgeben, auch wenn ihm eigentlich klar war, dass er mal wieder – wie so oft in den letzten Tagen – verloren hatte. Akuma hasste das allmählich und der Frust wuchs stündlich.

„Wir machen das gemeinsam, aber ich bin nicht dein Sklave.“ Bahadur gab nicht gleich klein bei. Während sie diskutierten, fing er schon an, sich umzuziehen. Seine Einsatzkleidung war am geeignetsten für den Ausflug. Er sollte auf alles vorbereitet sein, darum fing er an die Technik zu überprüfen.

„Hat keiner von dir erwartet“, sagte Akuma leise, fügte gedanklich noch ein beleidigtes „Idiot“ an. Er hoffte, dass schnell die Zeit kam, in der er nicht mehr auf diesen Spinner angewiesen war und wieder selbst handeln konnte. Er wollte es nicht zugeben, aber Akuma war über den letzten Satz verletzt. Sollte der Arsch doch machen, was er wollte. Der General schloss die Augen und blendete alles aus. Er versuchte zu meditieren, denn sonst zog er den Prinzen einmal über den Boden und wischte mit ihm die Krümel um die Couch auf.

Von Akumas Gedanken bekam Bahadur nichts mit, denn er prüfte gerade die Videoeinheit. „Funktioniert es. Kannst du alles sehen?“, fragte er und guckte durch das Zimmer. Dabei verstaute er seine Waffen und die restliche Ausrüstung, die er gebrauchen konnte. „Danach müssen wir die Funkverbindung testen.“

Doch er bekam keine Antwort. Akuma hatte begonnen sich in sich selbst zurück zu ziehen und war froh darüber, dass er das erste Mal seit seinem Unfall wieder in Meditation fallen konnte. Er versuchte den Kopf zu leeren und sich zu entspannen. Er war Einzelkämpfer, er war es gewohnt, seine Arbeit selbst zu erledigen. Er zerbrach fast daran, jetzt wegen jeder Kleinigkeit auf Bahadur angewiesen zu sein. Doch jetzt wollte er alles vergessen – sich einfach mental regenerieren.

„Aku?“ Bahadur sah zu Akuma rüber und runzelte die Stirn. Was sollte das denn jetzt? Erst wollte er über jeden von Bahadurs Schritten informiert werden und jetzt schottete er sich durch Meditation ab. „Dann nicht“, knurrte er leise und nahm die Video- und Sprecheinheit ab. Er holte sich die Koordinaten auf seinen Palm und machte sich auf den Weg.

Er ging zu Fuß und betrachtete dabei – wenn auch nachlässig – die Straßen und Plätze, die er querte. Er sah sie jetzt ein bisschen mit anderen Augen, weil er sich bei jedem Gebäude fragte, was sich wohl darunter verbarg und ob es wirklich war, was es schien. Sein Ziel lag abseits in einem alten Park. Ein paar letzte Bäume umringten einen alten Pavillon. Doch der war nicht sein Ziel, sondern eine Grotte, von der Bahadur immer gedacht hatte, sie wäre natürlichen Ursprungs. Sie war so alt, dass keiner sich daran erinnern konnte, dass sie einmal geschaffen worden wäre. Vielleicht war sie sogar natürlich. Doch dann hatte sich jemand ihre Unscheinbarkeit zu nutze gemacht.

Wie ein Schatten huschte Bahadur in die Grotte, damit auch niemand auf die Idee kam nachzusehen, was er hier machte. Auf den ersten Metern waren die Spuren derer zu sehen, die die Grotte wohl als Liebesnest genutzt hatten. Bahadur störte sich nicht daran und ging einfach weiter. Die Grotte verengte sich im hinteren Teil immer mehr, bis nur noch ein schmaler Gang übrig blieb, der plötzlich und unerwartet vor einem Eisengitter endete. „Hm“, machte Bahadur und versuchte das Gitter aufzuschieben, doch es war abgeschlossen. Er kniete sich nieder und mit einer kleinen Stablampe untersuchte er das Schloss. Alt, verrostet und kein Gegner für seinen Dietrich.

Innerhalb von Sekunden hatte er das Schloss geöffnet und vorsichtig betrat er den Raum dahinter. Er war nicht groß und ohne Tür. „Shit“, fluchte Bahadur leise. Er hätte die Sprechgarnitur nicht Zuhause lassen sollen. Es musste hier eine verborgene Tür geben und die musste er jetzt alleine finden und öffnen. Vorsichtig fuhr er mit den Fingerspitzen über den Felsen, um kleinste Auffälligkeiten zu erspüren. Gleichzeitig versuchte er winzige Luftzüge oder Gerüche zu erspüren.

Doch da war nichts. Zumindest nichts, was er wahrnehmen konnte. Er holte noch einmal die Datei auf seinen Palm und zoomte, so weit es nur ging. „Irgendwie sieht das so aus, als würde der Weg nach unten weg gehen“, murmelte er und drehte die Darstellung um eine der Achsen. Vielleicht sollte er unter seinen Füßen suchen.

Schon hockte er auf dem Boden und wiederholte die Prozedur dort. Er strich mit den Fingerspitzen über den Stein und stockte kurz, als er eine kaum wahrnehmbare Kante erspüren konnte. Vorsichtig fuhr er die Kante nach, um mehr heraus zu bekommen. Schnell war ihm klar, dass er wohl den verborgenen Eingang gefunden hatten, aber wo war der Öffnungsmechanismus?

Mit seiner Lampe kroch er über den Boden, untersuchte jeden Zentimeter – nichts. „Okay, mit Logik. Sicherlich wollten die, die den Tunnel benutzt haben, nicht erst auf Knien nach etwas suchen, um den Durchgang zu öffnen. Es muss in der Wand sein. Gehen wir davon aus dass die meisten Menschen Rechtshänder sind, dann suchen wir erst mal dort“, flüsterte er sehr leise vor sich hin, denn die Grotte war hellhörig. Er kam wieder auf die Füße und leuchtete jetzt noch einmal die Wand ab. Dieses Mal suchte er schließlich keine Tür, vielleicht eher einen Knopf. Ein Stein vielleicht.

Erst einmal suchte er nach Ecken und Kanten, die aus der Wand herausragten. Versuchte sie zu drücken, zu ziehen, zu drehen oder zu schieben, aber nichts passierte. „So eine verdammte Scheiße“, fluchte er ungehalten und wollte schon gegen die Wand schlagen, als er mitten in der Bewegung innehielt. Was war das gewesen. Als er in seiner Wut die Taschenlampe über den Fels hatte huschen lassen, waren ihm drei kleine Schatten aufgefallen, die zu regelmäßig waren, um natürlich zu sein. „Hab ich euch, ihr Scheißer“, knurrte er zufrieden, als er die drei kleinen Vertiefungen gefunden hatte und seine Finger hineindrückte.

Lautlos glitt ein Stück des Bodens tiefer und dann zur Seite. Bahadur konnte gerade noch vermeiden, dass der Boden unter einem seiner Füße verschwand. Mit der Lampe leuchtete er nach unten – Stufen. „Na, guck mal an.“ Er hielt das Messgerät hinein, was zu seiner Ausrüstung gehörte. Aber es gab keine giftigen Gase und keine schädlichen Keime oder Sporen. „Na dann“, flüsterte er fast vergnügt, als er die ersten Stufen nahm.

Die Treppe ging ziemlich tief runter, was erklären konnte, warum sie den Tunnel nie entdeckt hatten. Als er unten ankam, verschlug es ihm erst einmal die Sprache. Der Raum, in dem er stand, war so groß, dass er die gegenüberliegende Wand kaum im Licht der Taschenlampe sehen konnte. „Wow, er ist wirklich da.“ Die Neo New Yorker hatten Recht gehabt. Vor ihm stand ein Zug, alt und verstaubt, aber er war da.

Bahadur ging auf den Metallkoloss zu und legte die Hand auf den kalten Stahl. „Er ist wirklich da“, flüsterte er und strich darüber. Langsam begann er das Objekt zu umrunden und der Triumph in ihm hätte nicht größer sein können. Er hatte es gefunden und wenn er mit einem Techniker wiederkam, dann konnten sie versuchen, das Ding wieder in Gang zu bringen und sehen, wo es sie tatsächlich hin führte.

Doch vor dem Techniker musste ein Trupp Soldaten hier runter, um das Gelände zu sichern und auf eventuell angrenzende Gänge zu untersuchen. Das konnte er nicht alles allein machen, auch wenn der Forscherdrang in ihm wach wurde und er sich an seine Zeit vor seinem Militärdienst erinnert fühlte.

„Ich komm wieder.“ Er klopfte auf das Metall und machte sich auf den Rückweg. Die Treppe rannte er hoch, weil er einfach Energie loswerden musste. So wie er sie geöffnet hatte ließ sich die Tür auch wieder verschließen und Bahadur schlich sich aus der Grotte. Er freute sich schon darauf, Akuma zu erzählen, was er entdeckt hatte. Sie waren ihrer Reise wieder ein Stück näher gekommen.


15

 

Er hatte die Grotte kaum verlassen, da meldete sich sein Palm. Nach einen kurzen Blick darauf erkannte Bahadur seinen Vater und auch, dass Naran es wohl schon dreimal versucht hatte, ihn zu erreichen. Bahadur war zu tief unter der Erde gewesen, um vom Signal erreicht worden zu sein.

Er nahm das Gespräch an, voller Tatendrang und neuer Energie. Der Forscher in ihm beflügelte ihn.

„Bahadur, warum habe ich dich jetzt eine Stunde lang nicht erreichen können?“, fragte Naran und er wirkte nicht begeistert über den Umstand. Er hatte sich Sorgen gemacht, mehr noch als er auch Akuma nicht hatte erreichen können.

„Äh...hallo Vater. Ich habe ein paar Daten überprüft, die wir aus Neo New York bekommen haben. Ich war unter der Erde, da hatte ich keinen Empfang. Was gibt es denn?“ Bahadur lief durch den Park nach Hause. Er wäre am liebsten gerannt, aber dann konnte er nicht telefonieren.

„DU?“, fragte Naran und hoffte, dass Bahadur nur vergessen hatte, noch ein paar Namen aufzuzählen. „Und wer noch?“, wollte er also wissen und ahnte eigentlich schon, was kommen würde. Bahadur war auch nicht anders als der General.

„Niemand.“ Bahadur zog den Kopf zwischen die Schultern, denn er wusste schon, was kam. Er hatte einen Fehler gemacht und war erwischt worden. Dabei war er derjenige, der seinen Leuten eingebläut hatte, nie alleine auf eine unsichere Mission zu gehen.

Naran atmete tief Luft. Sie hatten sich gerade erst ausgesprochen und es lag ihm fern, seinen Jungen zu demütigen, doch diese Frage musste er sich jetzt als Thronfolger und Leiter des Heeres gefallen lassen und nicht als Narans Sohn. „Bist du eigentlich komplett wahnsinnig? Ich wette, du hattest nicht mal Kontakt zu jemandem. Wie auch, unter der Erde. Was, wenn dir was passiert wäre? Was, wenn das eine Falle gewesen wäre, weil die Gottgleichen die Gänge ebenfalls noch nutzen? Hast du auch nur eine Sekunde als Soldat gedacht oder warst du nur Forscher in dem Augenblick?“

„Ich fürchte Forscher“, murmelte Bahadur und ließ den Kopf hängen. „Tut mir leid, Vater. Da ist wohl etwas mit mir durchgegangen. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, was uns da seit Jahrzehnten verborgen war. Es ist einfach unglaublich. Unter unserer Stadt gibt es eine Tunnelbahn.“

„Hm“, entgegnete Naran leise knurrend, doch er war schon wieder ein bisschen versöhnt, aber nur mit seinem Sohn, nicht mit dem Thronfolger. „Ich erwarte umgehend deinen ersten Bericht und alle weiteren Erforschungen werden nur noch mit einem Trupp erfolgen. Ich bin mir nicht sicher, ob der Tunnel nicht auch Zugänge aus Kuppeln hat, die uns nicht wohl gesonnen sind. Wenn die Feinde erst einmal wissen, dass wir ihre Geheimnise kennen und nutzen, wie lang wird es dauern, bis sie diese Möglichkeit zur Unterwanderung unserer eigenen Kuppel nutzen? Bitte, denk nach, Bahadur, du bist Soldat. Es war deine Entscheidung, kein Forscher zu werden.“ Narans Stimme zeugte von Sorge.

„Ich weiß, Vater.“ Er hatte die Standpauke verdient, das wusste er. „Ich verspreche, keine Alleingänge mehr. Ich werde nachher Zuhause den Bericht schreiben und ein Team zusammenstellen, um die Bahn zu erforschen. Sie scheint lange nicht benutzt worden zu sein, so dick, wie der Staub dort drauf lag.“

„Gut. Und ich erwarte, dass ihr Videos macht. Real time Kommunikation wird nicht möglich sein, also untersucht so viel wie nur geht, vor allem aber mögliche Abgänge aus diesem Tunnel und sichert den Eingang – wo liegt der eigentlich.“ Das zu fragen hatte Naran in seiner Sorge ganz vergessen.

„Ja, Vater, ich habe meine Lektion gelernt“, grummelte Bahadur leise und musste dann doch lachen. „Ich habe eine sehr gute Ausbildung genossen und weiß, was ich tun muss. Diesmal werde ich es nicht vergessen. Der Eingang liegt in der kleinen Grotte im Park.“

„Hast du eine der kleinen Kameras bei dir? Wenn ja lass eine in der Nähe zurück. Nur zur Sicherheit. Ich trage lieber Hosenträger zum Gürtel, als dass ich dann ohne Hose da stehe.“ Naran war das nicht geheuer. Zu wissen, dass ihre Kuppel, von der sie immer geglaubt hatten, sie wäre hermetisch abgeriegelt, ein riesiges Loch im Boden hatte, machte es nicht gerade leichter. Vor allem weil er sich seit dem fragte, wie viele Löcher es noch gab, von denen sie nichts wussten. Er musste wohl Erdogan noch einmal kontaktieren – vielleicht wussten die Männer aus Neo New York mehr.

„Ja, ich habe eine Kamera dabei und werde sie platzieren, so dass wir den Eingang beobachten können.“ Bahadur sah sich schon nach einem unauffälligen Standort um. „Ich komme morgen zu dir, nachdem wir uns das Gelände angesehen haben und wir besprechen, wie wir weiter vorgehen.“

„Mach das, ich werde Prinz Erdogan noch einmal kontaktieren. Vielleicht weiß er ebenfalls mehr über die Tunnel und dann werde ich mit Akumas Arzt reden. Ich weiß nicht, ob wir noch 6 Wochen mit der Kontaktaufnahme warten können. Wir sehen uns“, sagte Naran und beendet die Verbindung. Bahadur war wieder allein.

„Ganz super gelaufen“, seufzte der Prinz und steckte seinen Palm weg. Er hatte einen guten Platz für seine Kamera in einem Baum gefunden. Von dort konnten sie perfekt den Eingang beobachten. Er platzierte das kleine Gerät und trabte dann nach Hause.

 

„Hallo“, rief er in den dunklen Raum, als er die Tür aufgeschlossen hatte. Akuma war wohl ins Bett gegangen, aber wo war Panja? Normalerweise kam sie gleich zu ihm gelaufen, wenn er nach Hause kam. Er ging weiter in die Wohnung und hörte ein Kratzen und Jammern aus dem Badezimmer. Ungläubig sah er sich um, steuerte aber sofort die Tür an. „Akuma?“, rief er derweil und blickte in die Nische des Generals. Sie war ebenfalls dunkel und war nur schwer einzusehen, auch ohne eine Tür. Doch sie hatten den Deal, dass die Privatsphäre gewahrt wurde und man auch ohne eine Tür nicht einfach den letzten Rückzugsort des anderen betrat.

Bahadur öffnete die Tür und Panja sprang auf ihn zu, ließ sich streicheln.

„Was ist denn los, Süße“, fragte er besorgt, denn der Parder wirkte aufgelöst und blickte immer wieder zu Akumas Reich. „Was ist passiert?“, wollte er wissen und drückte Panja an sich. Wohl wissend, dass er da wohl jemand anderen fragen sollte. „Mach dich schon mal in meinem Bett breit, ich komm gleich nach.“ Er küsste sie auf den Kopf und stand auf. Er klopfte leise gegen die Wand, um auf sich aufmerksam zu machen. „Akuma, was war los?“

„Kümmere dich bitte um deinen Kram, ich will schlafen.“ Akuma hatte keine Lust auf Streit, weil er wusste, dass er in seinem Zustand Bahadur nicht gewachsen war. Schlimmer noch. Ihm war klar, dass er verbal auch im gesunden Zustand Bahadur nicht gewachsen war. Doch das war nicht der Grund seiner Flucht. Er war verletzt. Verdammt, er war es nicht gewesen, der den Prinzen darum gebeten hatte, ihn zu betreuen. Er selbst hatte so gut mitgespielt wie es ging, wenn man es doch eigentlich gewohnt war, nur für sich selbst verantwortlich zu ein. Und trotzdem musste er sich vorwerfen lassen, dass Bahadur nicht sein Sklave wäre. Allein bei dem Gedanken an diesen Spruch kam wieder Wut in ihm hoch und er drehte sich auf die Seite, ignorierte den Schmerz der kaputten Knochen.

„Was ist passiert, während ich weg war. Bitte, Akuma, rede mit mir. Wenn Panja dir wehgetan hat, dann tut es mir leid und ich werde ihr sagen, dass sie dich in Ruhe lassen soll.“ Bahadur merkte, dass etwas in Akuma brodelte und da fiel ihm nur Panja ein. 

„Klar schieb’s auf den Bettvorleger, der Thronfolger benimmt sich schließlich immer mustergültig“, nuschelte er leise, sagte aber lauter: „Der Bettvorleger hat mir nichts getan. Er musste merken, dass ich immer noch das Sagen habe und sie eigentlich nur geduldet war. Ihr ist nichts passiert und mir auch nicht und jetzt wäre ich dir verbunden, du würdest mich schlafen lassen. Du weißt schon, Knochen brauchen Ruhe zum heilen“, sagte Akuma sarkastisch, aber gepresst. Er wollte das, was ihn wirklich bewegte, nicht ansprechen, er schämte sich dafür, dass ein einfaches Wort ihn dermaßen aus der Bahn bringen konnte. Doch es hatte in seinem Bewusstsein größere Kreise gezogen, als er selbst es jemals für möglich hätte.

Leider hatte Bahadur als Vampir sehr gute Ohren und hatte die gemurmelten Worte verstanden. Darum runzelte Bahadur die Stirn. „Ich war das?“, fragte er und versuchte sich daran zu erinnern, was passiert war, bevor er losgegangen war. „Aku, wir leben hier auf engstem Raum zusammen, wir werden bald eine Reise machen, bei der wir auf einander angewiesen sein werden. Wir müssen einander vertrauen können, denn sonst werden wir bei unserer Mission scheitern. Dazu gehört bei mir, dass wir ehrlich zueinander sind und sagen, wenn etwas nicht stimmt, oder sonst irgendwas. Was passiert, wenn man das nicht macht, hast du doch bei mir und meinem Vater gesehen.“

Akuma war so überrascht über das offene Angebot zu einem Gespräch, dass er sich umwandte und sich aufsetzte. Es ging allmählich besser. Er hatte für sich heraus gefunden, dass strenges Liegen ihm mehr schadete als nutzte. Er war ein paar Stunden in der Wohnung unterwegs gewesen, hatte kleinere Sachen erledigt und sein Kreislauf war allmählich wieder zu gebrauchen. So setzte er sich mit weniger Mühen auf als noch vor ein paar Stunden. Selbst die Schmerzen waren weniger, denn die steifen Glieder hatten etwas Bewegung bitter nötig gehabt.

„Hör zu, Bahadur“, sagte er also und hoffte, dass er jetzt keinen Fehler machte oder wieder in eine Falle lief. „Ich habe nicht drum gebeten, dass du mich betreust. Das Krankenhaus hätte Personal gestellt. Mir dann allerdings vorzuwerfen, ich würde dich als meinen persönlichen Sklaven sehen, war ganz mies. Ich werde dir also beweisen, dass ich ohne deine Hilfe klar komme und Panja hält sich bitte auch wieder von mir fern.“

„Das habe ich gesagt?“ Bahadur war wirklich überrascht und er brauchte ein paar Augenblicke um sich daran zu erinnern. „Das habe ich doch so gar nicht gemeint, wie du das verstanden hast. Das war doch nur auf meinen Trip zu der Tunnelbahn bezogen. Du warst fordernd und ich hatte das Gefühl, dass du mir Befehle gibst und nicht glaubst, dass ich in der Lage bin, so etwas richtig zu machen.“ Bahadur fuhr sich durch die Haare und hoffte, nicht alles noch schlimmer zu machen. „Ich habe kein Problem damit, dich zu betreuen und da du nie etwas von mir verlangst, kann ich mich deswegen auch nicht wie dein Sklave fühlen.“

„Hör zu“, sagte Akuma und versuchte ruhig zu bleiben. „Ich habe dir schon einmal gesagt, ich bin kein Teamplayer. Ich bin es gewohnt, allein zu handeln und auf mich allein gestellt zu sein. Das ist besser für mich und für meine Männer. Ich werde mich anpassen, weil Naran es erwartet, aber in Stresssituation wie denen, wo ich erkenne, dass wir vielleicht in einer Falle hocken, ohne es gewusst zu haben, dann reagiere ich instinktiv. Das wird sich auch nicht ändern. Du kannst es hinnehmen, mir einen Vogel zeigen und dein Ding machen oder du kannst mich wieder beleidigen. Deine Wahl! Aber lebe dann mit den Konsequenzen.“

„Du hast es nicht verstanden, oder?“ Bahadur lehnte sich in den Zimmereingang und sah Akuma an. „Ich wollte dich nicht beleidigen, sondern nur einen Hinweis geben, dass wir beide zusammenarbeiten müssen. Mag sein, dass ich da übers Ziel hinausgeschossen bin, aber auf solche Sprüche musst du dich bei mir einstellen. Das bin ich. Du erwartest, dass ich akzeptiere wie du bist, also erwarte ich das auch bei dir.  Ich hatte eigentlich nicht vor das Ding alleine durchzuziehen. Ich wollte, dass du dabei bist. Es hätte nicht funktioniert, weil die Verbindung so tief unter der Erde nicht funktioniert hätte, aber das ist jetzt egal.“ 

„Merk dir eins, wenn das mit uns funktionieren soll“, sagte Akuma, doch sein Gesicht war offen. Es war keine Drohung sondern ein Hinweis: „Nichts ist egal. Alles hat eine Bedeutung. Nun, ich werde versuchen zu akzeptieren, dass du ein loses Mundwerk und einen Forscherdrang hast, aber ich werde – und da ist es mir egal, ob ich krank bin oder nicht – nicht noch einmal akzeptieren, dass einer meiner Männer alleine auf solch eine Mission geht. Ich hoffe, Naran reißt dir den Kopf dafür ab.“ Er grinste und fasste Panja ins Auge, die schon eine Weile neben Bahadur saß, den langen Schwanz ordentlich um die Pfoten gelegt.

„Hat er schon.“ Bahadur verdrehte die Augen und lächelte dann. „Er hat versucht mich anzurufen und mich gefragt ob ich komplett wahnsinnig wäre, so etwas alleine durchzuziehen.“ Der Prinz war erleichtert. „Ich habe die Bahn gefunden. Der Tunnel geht unter der Stadt durch. Wenn du mir versprichst in einem Rollstuhl zu bleiben, nehme ich dich morgen mit  und du darfst mir helfen ein Team zusammenzustellen.“ 

Akuma glaubte sich verhört zu haben. „Rollstuhl? Nein, Bahadur, eher sterbe ich, als mich so vor den Männern zu zeigen. Ich war hier drinnen einige Stunden auf den Beinen. Das ging gut. Wenn ich vor Ort was zum sitzen habe, komme ich auch mit einem Wagen und meinen Füßen dort hin, wo ich hin muss.“ Akuma schüttelte den Kopf. Man durfte viel von ihm verlangen, aber an seinem Image zu kratzen gehörte nicht dazu.

„Okay, Kompromiss: Bei der Treppe werde ich dich stützen und wenn es sein muss unauffällig tragen, denn das sind bestimmt an die hundertfünfzig Stufen. Das schaffst du nicht.“ Bahadur kam auf Akuma zu, genauso wie dieser auf Bahadur. Sie wussten beide, dass ihr Friede noch etwas wackelig war, aber irgendwann mussten sie anfangen als Team zu funktionieren. Und deswegen nickte Akuma und nahm dankend an, dass der Colonel bereit war, entgegen dem Rat der Ärzte seine Würde zu wahren.

„Damit kann ich leben… und du“, dabei fasste er wieder Panja ins Auge, der man deutlich ansah, dass sie auf dem Sprung war, „ziehst besser wieder ab. Sonst landest du wieder im Bad. Die Neugier ist eben doch der Katze verderben, hm?“ Er grinste zufrieden und Panja wirkte angesäuert. Sie war mit ihm noch nicht fertig, das sagte ihr Blick.

Bahadur kannte den Blick schon bei seiner Süßen. „Du weißt, dass du sie gerade herausgefordert hast?“, fragte er grinsend Akuma und strich Panja über den Kopf. „Sollen wir zusammen das Team für morgen zusammenstellen?“, bot er an, damit Akuma sich nicht mehr so nutzlos vorkam. „Und ich erzähle dir, was ich unter der Stadt gefunden habe.“

„Ich gehe mal davon aus, mein Vertreter hat keine Kamera dabei gehabt um aufzuzeichnen, was er dort unten gesehen hat“, konnte sich Akuma nicht verkneifen, erhob ich aber. Die Couch war das bessere Lager, um Planungen zu starten. Darauf schien Panja nur zu warten und er fixierte sie noch einmal. Sie kam nicht über seine Schwelle, doch wenn er sein Zimmer verließ, war er wohl fällig. Doch er war ein Mann und keine Maus und so stieg er in eine bequeme Hose und ein Shirt und kam zurück ins Wohnzimmer.

Bahadur hielt Panja fest, die Akuma gleich hinterher wollte. „Gönn ihm ‘ne Auszeit Maus. Ich brauche ihn jetzt.“ Er kraulte ihr durch das Fell und kurze Zeit später, lag sie auf dem Rücken und aalte sich laut schnurrend unter den streichelnden Fingern. Dabei erzählte er Akuma von dem Eingang in der Grotte, der riesigen Halle, in der der Zug nur darauf zu warten schien, dass man ihn wieder benutzte.

„Bilder wären hilfreich gewesen“, murmelte Akuma leise, doch es war kein Vorwurf, nur eine Feststellung, weil ihm die Gabe der Vorstellungskraft völlig fehlte. Auf dem großen Bildschirm hatten sie die Dateien von Erdogan geöffnet, um die Wege zu sehen. Auf dem Laptop hatten sie die Liste ihrer Truppen. „Tarek und Laster brauch ich auf jeden Fall. Tarek ist meine rechte Hand und Laster ist unser bester Techniker. Was er nicht in Gang bekommt, hat noch nie funktioniert.“

„Gut, die beiden sind schon mal im Team. Ich würde Lane und  Carter mitnehmen. Sie sind exzellente Schützen und sehr besonnen. Außerdem würde ich auch noch die Brüder mitnehmen. Die brauchen eine Aufgabe und ich kann sie im Auge behalten.“ Bahadur musste ihre Namen nicht nennen, Akuma wusste auch so, wen der Colonel meinte. Schließlich waren die beiden der Grund gewesen, warum sich der General und der Colonel bei ihrer ersten gemeinsamen Besprechung in die Haare bekommen hatten.

„Gut. Kublai hat sich als guter Spurenleser herausgestellt. Vielleicht kann er mit ein paar Soldaten die Wände absuchen. Meine Sorge gilt weniger der Bahn als mehr der Möglichkeit, dass es getarnte Tunnel gibt, die Ärger bedeuten können.“

„Ich würde sagen, damit sind wir komplett.“ Bahadur wollte  die Gruppe nicht zu groß machen. Für eine erste Erkundigung reichte das vollkommen aus. Ein wenig Sorgen machte ihm nur die Treppe und wie er Akuma dort runter bekommen sollte. Er konnte ihn nicht unauffällig festhalten, denn das machte die kaputten Rippen nicht mit. Während er darüber grübelte, blickte er immer wieder auf den General und so bemerkte auch der, dass sich Bahadurs Gedanken wohl um ihn drehten. Es war nicht schwer zu erraten, was er versuchte zu meistern.

„Bahadur, ich bin im Moment angeschlagen und langsam, aber mit einer festen Wand wird das schon klappen. Lauf vor mir, damit du mich festhalten kannst, falls ich stürze. Den Rest lass mich machen.“ Vielleicht konnte er ein bisschen unauffällig schachern und bekam ein paar mehr Freiheiten.

Bahadur merkte das durchaus und grinste wissend. „Versuchen wir das so. Ich gehe vor dir und hoffe, dass du ohne Unfall nach unten kommst. Dort wirst du dich allerdings hinsetzen und so wenig wie möglich rumlaufen. Wenn du dich nicht dran hältst, hetzte ich wieder Panja auf dich.“ Die Katze hatte ihren Namen gehört und wackelte mit den Ohren. Akuma stöhnte. Das Tier trieb sich jetzt schon fast eine Woche hier herum. So lange war sie noch nie hier gewesen. Wegen ihm durfte sie gern mal wieder in ihre eigene Kuppel tigern und sich dort verirren.

„Du hast mein Wort, dass ich mich dort unten deinem Befehl unterordnen werde. Aber stell mich nicht vor meinen Männern bloß. Ich glaube, dann geraten wir wirklich aneinander.“ Es war keine Drohung sondern ein Hinweis. Denn Akumas Image war so ziemlich das einzige, auf was er wirklich wert legte.

„Versprochen.“  Bahadur musste sagen, dass das arbeiten mit Akuma ziemlich angenehm war, wenn sie beide das gleiche wollten. „Möchtest du jetzt doch was essen? Ich kann noch was vertragen.“ Er war schon auf dem Weg in die Küche, um nachzusehen, was sie noch da hatten. Dabei fiel ihm die Dose mit dem Gebäck ins Auge, die seine Mutter ihm mitgegeben hatte. „Kekse? Meine Mutter hat extra mehr eingepackt, weil du sie auch magst.“

„Wer hat ihr das verraten?“, wollte der General streng wissen und verschränkte umständlich die Arme vor der Brust. Der gebrochene Arm und die kaputten Rippen machten es ihm nicht ganz leicht, doch er versuchte seiner Person Autorität zu verleihen. Schließlich war er immer noch der General.

„Ihr Lieblingssohn, der ganz nebenbei angemerkt hat, dass er die letzten teilen musste.“ Bahadur lachte und stellte die geöffnete Schachtel auf den Wohnzimmertisch. Da kam Akuma gut dran, wenn er wollte. „Soll ich dir dein Essen warm machen?“

Der General griff zu, knurrte aber leise: „Und ich dachte, du wärst ein Mann von Ehre. Dabei spielst du mit versteckten Karten im Ärmel.“ Lauter entgegnete er aber: „Da ich mich morgen ein bisschen bewegen darf, kannst du das Essen ruhig warm machen… und mit dir teile ich nicht, kannst dich also wieder hinlegen“, erklärte er Panja, die Bahadur in der Küche gehört hatte und gucken gehen wollte, ob da vielleicht was für sie abfiel.

„Hey bei meinem Lieblingsgebäck spiele ich sogar falsch, wenn es sein muss und es hilft mehr davon zu bekommen.“ Bahadur stellte das Essen in die Mikrowelle und gab Panja noch ein paar Stückchen Fleisch, schließlich war ihr Tag heute auch nicht so gelaufen wie gedacht. Er selber machte sich ein Sandwich solange das Essen warm wurde.

Und so verging der Abend mit ein paar verbalen Raufereien, Futter und seichten Gesprächen auf der Couch. Akuma hätte nicht gedacht, dass er es einmal seiner abgeschiedenen Ruhe vorziehen würde, sich über sinnlose Sachen wie Kekse oder Nudelsuppe mit dem Thronfolger zu raufen. Doch er tat es. Er hatte aufgehört sich zu fragen, warum er es tat und seit dem er akzeptiert hatte, dass er anfing sich zu verändern, war es leichter für ihn geworden. Er wollte nur aufpassen, dass er sich selber nicht ganz verlor, doch irgendwie ahnte er, dass das nicht passieren würde. Seine Instinkte blieben.