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Zyklus VII - Hangzhou Provinz - Teil 16-18

16 

„Okay Aku, ich gehe vor dir und wir werden uns auf dem Weg hinunter unterhalten, damit sich niemand wundert, warum ich nicht vorgehe“, flüsterte Bahadur leise, als sie an der Grotte ankamen. Ihre Truppe war schon versammelt, darum half er dem General nicht auf dem Weg dorthin. „Die Brüder haben Glück, dass sie pünktlich sind“, knurrte er, denn es musste mal wieder sehr knapp gewesen sein, so hektisch, wie sie sich umsahen und wohl herauszubekommen versuchten, ob sie noch pünktlich waren.

„Entwarnung“, sagte Akuma und klopfte Kublai auf die Schulter, der sich erschrocken zum General umsah. Akuma war klar, dass die Männer ihn anstarren würden. Jeder wusste, was passiert war und dass er eigentlich noch krank war. Doch ihnen war klar, dass der General sich eine Entdeckung wie diese nicht entgehen lassen würde. Tarek trat neben ihn, Laster im Schlepptau. Laster war ein guter – ein verdammt guter – Techniker, doch etwas unbeholfen und menschenscheu. Am liebsten war er mit der Technik allein und überredete sie mit Fingerspitzengefühl und Werkzeug zum funktionieren.

Er grüßte militärisch, weil er nicht wusste, wie er sonst mit dem General umgehen solle, aber er lächelte kurz, um zu zeigen dass er sich freute, dass es Akuma besser ging. „Legen wir los.“ Bahadur wollte endlich los und sich die Bahn näher angucken.

„Ja, legen wir los.“ Allgemeines Gemurmel machte sich breit. „Alec, wenn Bahadur die Gitter geöffnet hat, will ich dass du das Schloss ausbaust und etwas Sicheres einsetzt. Ich möchte nicht, dass jeder mit einem Dietrich sich da unten umsehen kann“, sagte Akuma, der den Colonel dabei beobachtete, wie der das Schloss knackte und der junge Mann nickte. Er gehörte zu Lasters Leuten, wäre sicherlich auch gern gleich mit nach unten gegangen, doch er sah ein, dass die Sicherheit vor ging.

Bahadur wartete, bis Akuma neben ihm stand und alles sehen konnte, erst dann öffnete er den Zugang zum Tunnel. Ihre Männer wussten nicht, was sie erwartete und man merkte, dass sie überrascht waren. Jeder von ihnen kannte die Grotte und niemand hatte gedacht, dass sie ein solches Geheimnis barg.

„Wenn du etwas verbergen willst, versteck es vor aller Augen“, murmelte Akuma und betrachtete das Loch im Boden, als Bahadur den Mechanismus betätigt hatte. „Dan, du und deine Männer, ihr sichert hier oben alles ab. Ich will keine neugierigen Passanten, keine unvorhergesehenen Besucher, nicht mal ein Eichhörnchen auf der Flucht. Keiner außer uns kommt hier rein.“ Akuma gab seiner Stimme Festigkeit, während er wieder in das Loch starrte. Er verstand jetzt Bahadurs Sorge um seine Konstitution. Das dürfte nicht leicht werden – aber machbar. Schließlich wollte er die Bahn mit eigenen Augen sehen.

„Ihr wisst, was zu tun ist. Los!“, schickte Bahadur seine Leute runter, die auch gleich die Treppe runter liefen. Sie waren ein eingespieltes Team und der Colonel konnte sich sicher sein, dass jeder wusste, was zu tun war. So konnte er bei Akuma bleiben und ihm helfen die Treppe zu meistern.

Die Vorhut sicherte für die folgenden Personen den Schacht und die Gänge. Alles ging lautlos voran. Der einzige, den man ab und an hörte, weil er leise über den Fels zu seiner rechten schabte, war der General. Bahadur ging vor ihm und erklärte ihm das, was er eigentlich gestern schon mal erzählte hatte. Hinter ihm lief Tarek. Laster half Alec beim Schloss. Er konnte sowieso erst an die Maschine, wenn der Tunnel gesichert war. Er war ja nicht das erste Mal auf einer Mission.

Sie kamen nur langsam voran und Akuma hielt sich besser als Bahadur gedacht hatte, auch wenn  man ihm die Anstrengung ansah. Er setzte sich unauffällig so vor den General, dass er ihn stützen konnte. „Sag, wenn es gar nicht mehr geht, dann schick ich alle runter und trage dich“, flüsterte er leise.

„Geht schon. Du hast gesagt es sind 150 Stufen. Wir haben 107 hinter uns. Die paar pack ich auch noch“, entgegnete der General und Tarek knurrte leise. „Wenn du mir was sagen willst, sag es laut“, forderte Akuma ihn auf und sah sich zu seinem Freund um.

„Du hast strenge Bettruhe, noch mindestens eine Woche. Wenn der Scheiß hier dir mehr schadet als nutzt, fällst du noch länger aus“, antwortete Tarek leise, aber ehrlich. Er machte sich Sorgen, seit er gehört hatte, dass Akuma der Mission beiwohnen würde. Doch er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass der sich nicht reinreden ließ.

„Ich bin vorsichtig“, versichert er und Tarek nickte.

Als sie endlich unten ankamen, blieben sie stehen. Akuma sollte den Anblick auf sich wirken lassen. „Beeindruckend, nicht wahr?“ Bahadur war noch immer beeindruckt über die Größe der Halle. „Unglaublich, dass wir überhaupt nichts davon geahnt haben. Wir müssen Erdogan fragen, was es sonst noch von ihnen in unserer Kuppel gibt.“

„Zum einen das, zum anderen will ich Kontakt nach oben“, entgegnete der General und nickte Tarek zu. Es war seine Aufgabe gewesen, alle paar Meter Verstärker auf den Stufen anzubringen, die sie jetzt testeten. Sie hörten Laster laut und deutlich. Das war doch schon mal nicht übel. Jetzt konnte Naran seinem Jungen auch hier unten den Kopf abreißen.

Akuma ließ sich auf der letzten Stufe nieder und blickte nach oben, beobachtete aus dem Augenwinkel, dass einige von der Vorhut immer noch verstohlen um sich sahen. Doch sie sicherten das Terrain. „Naran wollte Erdogan nach angrenzenden Tunneln fragen. Hat sich da schon was ergeben? Das würde es dem Trupp einfacher machen, der nach Geheimgängen und Abzweigen sucht.“

„Als wir los gingen hatte er noch nichts erreicht, ich kann aber nachfragen, ob Vater mittlerweile etwas weiß.“ Der Prinz holte seinen Palm raus und wählte. „Vater, weißt du schon etwas Neues von Erdogan?“, fragte er nach einer kurzen Begrüßung. „Wir sind jetzt unten bei der Bahn und dann wüssten meine Leute, wonach sie suchen sollen.“

„Du kannst mich jetzt von dort unten kontaktieren? Gute Arbeit“, lobte Naran. Er hatte das Gefühl, dass diese Absicherung auf Akumas Mist gewachsen war. „Er hat sich gemeldet und gesagt, dass in der nächsten Stunde die Datei kommen sollte. Sie müssten das verifizieren. Sobald ich was habe, schicke ich es gleich weiter, die Stunde ist fast um. Jetzt weiß ich ja, dass ich euch erreichen kann.“

„Okay, melde dich, wenn du was weißt.“ Bahadur trennte die Verbindung und holte aus ihrem Gepäck einen Laptop, den er Akuma gab. „Ich werde jetzt eine Runde machen. Sag, wenn du was sehen willst.“ Der Prinz hatte sich die Videoeinheit aufgesetzt, weil er sich gedacht hatte, dass der General nicht einfach nur herumsitzen wollte und den Prinzen rumzuscheuchen machte ihm bestimmt Spaß.

„Ich werde deine Aufzeichnungen mitschneiden, damit wir sie hinterher noch einmal betrachten können“, sagte Akuma und klimperte schon auf den Tasten, erschrak sich als plötzlich sein Abbild auf dem Bildschirm erschien. „Kannst du bitte wo anders hin gucken“, knurrte er leise und blickte auf. Der Colonel grinste.

„Mach am besten als erstes Aufnahmen vom kompletten Raum. Boden, Decke, Wände, der Schacht nach oben und dort hinten, wo er im eigentlichen Tunnel endet“, schlug Akuma vor, blickte aber immer noch sich selbst ins Gesicht, als er wieder auf den Bildschirm sah.

Er wedelte mit einer Hand und endlich verschwand sein Gesicht vom Bildschirm. Grinsend machte sich Bahadur auf den Weg und machte die Aufnahmen, die Akuma gewünscht hatte und es machte ihm sogar richtig Spaß. „Was soll ich jetzt ansehen?“, fragte er und drehte sich wieder zu Akuma. Als der erneut sein Gesicht erblickte, sah er auf. „Wie wäre es mit der Bahn?“, schlug er vor, die hätte er nämlich auch ganz gern gesehen. In der Zwischenzeit waren auch Laster und Alec da und umrundeten die Maschine seit einer Viertelstunde. Sie machten sich gegenseitig auf Dinge aufmerksam, ehe sie die Türen öffneten.

„Geh mit ihnen rein.“

„Mach ich.“ Bahadur schloss sich den beiden Soldaten an und kniff leicht die Augen zusammen, als Licht in der Bahn aufflammte. „Wenn alles andere auch so gut funktioniert, können wir ihn durchaus benutzen.“ Die Türen hatten den Zug hermetisch abgeschlossen, so dass im Innern kein Staub zu finden war. es wirkte eher so, als wenn die letzten Fahrgäste gerade erst ausgestiegen wären. Das war beängstigend.

„Können die beiden sagen, wann die Wagons das letzte mal bewegt worden sind?“, wollte Akuma wissen, denn auch für ihn war das Innenleben zu sauber. Mehr noch wunderte ihn, dass der Strom nicht abgeschaltet war. Wenn man etwas aufgab, weil man es nicht mehr nutzte, wartete man es nicht mehr. „Mich würde auch interessieren, woher der Triebwagen seinen Strom zieht.“ Akuma warf Fragen auf, die ihm durch den Kopf gingen, während er weiter auf den Bildschirm starrte.

„Sie werden versuchen, das raus zu bekommen.“ Er gab den beiden Soldaten ein Zeichen und sie machten sich gleich auf den Weg ins Cockpit. „Kublai, du und dein Bruder ihr findet raus, wo der Strom herkommt“, gab er seinen Leuten den Befehl und sah sich selber weiter um. Die Wagen waren zweckmäßig aber sehr bequem eingerichtet, wie man es auf langen Reisen brauchte, um sie angenehm zu machen.

„Wie lange die Fahrt bis an die Küste wohl dauert?“, überlegte Akuma leise. Er wusste, dass es oberirdisch von Kuppel zu Kuppel zu Kuppel zu Kuppel fast eine Woche dauerte, um bis an die Küste zu kommen. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es hier unten schneller ging. „Bahadur, komm mal her. Post von deinem Vater“, sagte er, als ein Symbol anzeigte, dass Daten übertragen wurden.

„Komme.“ Bahadur sah noch einmal durch den Wagen, dann machte er sich auf den Weg zu Akuma, der immer noch genau dort saß, wo der Prinz ihn verlassen hatte. Gut dann war er nicht durch die Gegend gelaufen. „Öffne schon mal die Datei. Ich bin echt gespannt, was sie uns geschickt haben.“

„Das ist mehr als eine Datei. Ich fang mit der an, die Tunnelsystem heißt“, sagte Akuma und hatte den Satz noch nicht beendet, da hatte er schon ein Netz von Linien auf dem Bildschirm. Er brauchte eine Weile, um sich zu orientieren. „Die andere Datei heißt Erläuterungen“, nuschelte er nebenbei, während er anfing die große, steinerne Halle mit den Augen zu durchmessen. Wenn er den Plan richtig las, gab es Notausgänge. Allein aus diesem Raum führten drei nach draußen. Nur wo? Es gab keine Türen.

„Zeig her.“ Bahadur setzte sich neben Akuma. „Wow. Ich fass es nicht. Wie haben die so ein Tunnelsystem bauen können, ohne dass einer was davon gemerkt hat. Kannst du die Bilder von der Halle und die Karte übereinander bringen? Wenn das geht schick mich an die richtige Stelle und ich suche danach.“

Akuma nickte stumm. „Stell dich mal dort an die Treppe“, sagte er und Bahadur sah ihn fragend an. „Wir sind zu tief, ich kann dich nicht über GPS in meine Datei laden. Also brauch ich einen Referenzpunkt, um dich mit Absolutkoordinaten rein rechnen zu können. Also – Treppe!“ Er zeigte mit einer Hand und justierte den Tracker. „Renn mal ein bisschen rum“, murmelte Akuma. Er sah noch immer nicht auf, sondern lagerte die Tunnel über Bahadurs Aufnahmen der Halle, in der nun ein roter Punkt wild herum flitzte. Ab und an sah Akuma auf, ob der rote Punkt in seiner Datei in etwa zur Position des Colonels in der Halle passte. Dann nickte er zufrieden.

„Passt. Geh an die rechte Wand, ich sag dir, wenn du stehen bleiben sollst.“ Den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet, verfolgte Akuma den roten Punkt, der Bahadur darstellte. „Noch ungefähr zwei Meter, dann solltest du mal genauer nachsehen“, gab er an den Prinzen weiter, der die Anweisungen genau befolgte. Erst einmal verschaffte Bahadur sich einen groben Überblick, aber auf den ersten Blick, war nichts zu erkennen.

„Es ist kein Schacht, der Notausgang geht zur Seite weg und mündet erst später in einem Schacht nach oben“, gab er noch Hinweise, die er aus den Unterlagen entnehmen konnte.

„Ich brauche mehr Bilder aus dem Tunnel. Tarek, kannst du Aufnahmen machen? Ich schalte deine Kamera auf den Rechner.“ Der General schickte Tarek in den hinteren Teil der Halle, während er Bahadur versuchte zu helfen, zu deuten was er sah. Er ging in seiner Aufgabe auf und hatte seine Knochenbrüche fast vergessen. „Da, in Schulterhöhe, das sieht so aus wie die Dreier-Kombi oben am Schacht. Kannst du da drauf rücken?“

„Ich kann’s versuchen.“ Bahadur setzte seine Worte gleich in die Tat um und platzierte seine Finger in den Vertiefungen. „Guter Riecher“, musste er zugeben, als es leise klickte und trat einen Schritt zurück. „Nummer eins kannst du abhaken.“ Die Tür öffnete sich ähnlich wie die Luke, erst schwang sie wenige Zentimeter nach hinten, ehe sie komplett bei Seite glitt. „McGee, Juan“, rief Bahadur zwei seiner Männer. „Findet raus, wo der endet, aber seid vorsichtig – Akuma, kannst du sagen, wo in etwa sie rauskommen könnten?“

Akuma holte tief Luft und suchte den Stadtplan, spielte ein bisschen mit dem Zoom herum, bis er über den Tunnelplan passte. „Keller des Krankenhauses!“

Bahadur wirbelte zu Akuma rum und sah ihn an. „Im Krankenhaus?“, fragte er ziemlich schockiert. Im Krankenhaus wurde das Serum gelagert und auch hergestellt. Wenn sich jemand so Zugang in das Gebäude verschaffen konnte, hatten sie ein großes Problem.

„So wie’s aussieht, wird das noch besser“, murmelte Akuma, aber sowohl Bahadur als auch Tarek, die über Headset mit ihm verbunden waren, hatten ihn vernommen. „Was!“, wollten beide wissen und ihre Stimmen machten klar, dass sie mit noch unangenehmeren Neuigkeiten rechneten.

„Der zweite Nottunnel endet im alten Palast, den Naran als Regierungssitz übernommen hat und der dritte im Mediencenter.“ Irgendwie hatte Akuma gerade das ungute Gefühl dass es keine gute Idee gewesen war, die alten Strukturen zu übernehmen und zu nutzen.

Da meldete sich Tarek. „Krankenhaus, Mediencenter und Regierungssitz“, murmelte er nachdenklich. „Das waren Fluchttunnel hier her, um schnell zu verschwinden, wenn was passiert. Das Rattenloch, wenn sie das sinkende Schiff verlassen mussten.“

„Ja, das glaube ich auch.“ Bahadur versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie schockiert er war. Sie brauchten mehr Informationen und dazu brauchten sie Erdogan und seine Leute. Sie sollten ihre Reise so schnell wie möglich machen. Anscheinend hatten ihre Kuppeln einige Löcher, die gestopft werden mussten.

„Wir haben nicht genug Männer hier, um die Untersuchungen zu machen und die Tunnel zu sichern“, stellte Akuma fest und Tarek hüstelte. „Jungs, wo wir uns gerade Gruselgeschichten am Lagerfeuer erzählen – ich habe auch eine“, sagte er und hörte, wie Akuma und Bahadur tief Luft holten. „Stahltore verriegeln den Tunnel. Die Schienen verschwinden darunter. Um die Bahn zu nutzen, wird man sie öffnen müssen.“

„Ich weiß, Akuma, ich geh rüber und seh mir das an, damit du dir ein Bild machen kannst.“ Bahadur grinste kurz zu dem General rüber, der schon den Mund geöffnet hatte, um etwas zu sagen. „Die Tore werden wir schon auf kriegen und dann sorgen wir dafür, dass nur wir sie noch öffnen können.“

Akuma knurrte leise, ließ den Colonel aber machen. Er besah sich weiter die Karten. „Suchen wir noch die Eingänge zu den anderen beiden Tunneln und dann müssen wir zusehen, dass wir sie von beiden Seiten sichern. Mir gefällt das hier alles gar nicht.“ Akuma spürte, wie ihm die Situation allmählich entglitt. Hier konnte er nicht mit seiner gewohnten Strategie arbeiten. Er konnte nicht einfach infiltrieren und auslöschen. Die Gegner waren hier nicht greifbar und je mehr sie erfuhren, umso klarer wurde ihnen, was sie alles nicht wussten.

„Okay, sag mir, wo ich hin muss.“ Bahadur ließ sich leiten und gemeinsam mit Akuma, suchten sie den nächsten Öffnungsmechanismus. Leider hatten die Gottgleichen nicht für alle Türen den gleichen genommen, so dass es ein wenig dauerte um sie zu öffnen. Bahadur ging zu Akuma zurück und setzte sich neben ihn. „Wir scheinen wirklich Glück gehabt zu haben, dass sie unsere Kuppel gemieden haben. Wir hätten nicht mitbekommen, wenn sie zurück gekommen wären.“

„Glaubst du“, sagte Akuma nachdenklich. Sie hatten beide das Headset abgenommen, Tarek musste sie nicht hören. „Ich bin mir nicht so sicher wie du, dass sie nicht zurück gekommen sind. Guck dir das doch an. All das unter unseren Füßen und wir wissen nicht den Hauch davon. Erinnere dich an das Wasserexperiment in Erdogans Kuppel.“ Akuma lehnte sich ein wenig auf den Stufen zurück und blickte den Schacht nach oben. „Allmählich wird mir immer klarer, dass die Kämpfe der Zukunft nicht mehr Mann gegen Mann ausgetragen werden.“ Das hier war Vernichtung von innen heraus. Kopf und Herz handlungsunfähig machen und die Kuppel dann vernichten – es war so einfach!

„Ja, das ist wohl wahr.“ Bahadur rieb sich über die Augen. „Die Bahn wurde seit Jahren nicht mehr benutzt, das kann man sehen. Ich glaube also nicht, dass sie von hier in unsere Kuppel gekommen sind. Allerdings will ich nicht ausschließen, dass es noch mehr Zugänge gibt. Die müssen wir finden und dazu brauchen wir Erdogan und seine Leute. Wir haben praktisch keine andere Möglichkeit als sie als Verbündete zu gewinnen.“

„Ich hätte nicht gedacht dass es einmal notwendig werden wird, sich mit anderen zu verbünden. Ich dachte, wir wären die, die den Gottgleichen Feuer unter dem Arsch machen würden, aber wenn ich mir das hier so angucke…“ Akuma ließ den Satz offen. Er wusste aus den Berichten von Erdogan, dass die Gottgleichen die Jiang Shi in ihren Aufzeichnungen fürchteten. Doch gerade das, was man fürchtet, reizt einen doch am meisten – sich seiner größten Angst zu stellen, hieß sich selbst zu besiegen.

„Die Zeiten ändern sich. Wir haben uns wohl lange genug abgekapselt.“ Bahadur gefiel das auch nicht, denn es schmälerte ihre Erfolge in seinen Augen. Seit er denken konnte, kämpfte sein Volk gegen die Gottgleichen und dann mussten sie jetzt Dinge erfahren, die sie nicht geahnt hatten von einem Volk, das erst seit wenigen Monaten von diesen Mistkerlen wußte.

„Ich schreibe die wichtigsten Fakten zusammen und schicke sie Naran und wir gucken, was wir hier unten heute noch erreichen können. Bekommen Laster und Alec die Bahn zum laufen? Wie wird sie angetrieben? Wissen sie schon, warum hier unten Licht brennt und woher der Strom dafür kommt?“ Akuma lenkte seine Gedanken wieder auf die Mission, das machte es ihm leichter, seine zermürbenden Gedanken auszublenden. Aber heute Abend mussten sie alles durchdenken und handeln.

„Sie sind dran. Soll ich nachsehen, wie weit sie sind?“ Bahadur stand schon auf und legte das Headset wieder an. Es war wirklich erstaunlich, wie bereitwillig er als Akumas Augen funktionierte. Ansonsten wäre der General wohl auch nicht ruhig zu halten und sie profitierten beide davon.

„Ja, mach mal“, murmelte Akuma, während er die wichtigsten Erkenntnisse des Tages nach oben schickte und Naran vorschlug, dass er, sobald seine Männer die Ausgänge in den öffentlichen Gebäuden gefunden hatten, diese durch das Militär rund um die Uhr bewacht wurden, bis der alte Bahnhof unter der Grotte gesichert war. Er bat um ein weiteres Gespräch mit Erdogan und sobald er wusste, wann der Prinz sich melden würde, sollte er Bahadur und Akuma informieren. Es gab mehr Fragen als vorher, die einer Lösung bedurften. Und Akuma war sich nicht sicher, dass sie die Zeit hatten, das alles selbst zu untersuchen.

„Okay.“ Bahadur trabte los und als er die Bahn betrat, fand er Laster und Alec in eine Diskussion vertieft. „Was könnt ihr schon sagen“, fragte der Prinz und machte auf sich aufmerksam. „Der Zug wurde schon sehr lange nicht mehr bewegt, Sir“, erklärte Alec gleich. „Wir sind uns nur noch nicht einig, wie lange. Unserer Einschätzung nach zwischen dreißig und vierzig Jahren.“

Bahadur nickte und schmunzelte leicht. Wandte sich dabei aber zum Kontrollpult um, damit die beiden das nicht sahen und sich vielleicht noch ausgelacht fühlten. Wissenschaftler hatten eben andere Prioritäten als Soldaten. Die beiden waren ihm sehr ähnlich, wenn es was zu erforschen galt, vergaßen sie manchmal, wer sie waren und was sie waren.

„Ich überlasse Alec die Wagons, soll er sehen ob er sie zum laufen bekommt. Ich sehe nach, woher der Strom für diese Anlage kommt“, entgegnete Laster.

>>Sag ihm, dass er Tarek mitnehmen soll. Um die Stahltore kümmern wir uns später.<<, sagte Akuma.

Bahadur nickte Laster zu und gab Akumas Anweisungen an ihn weiter. „Meldet euch, wenn ihr was herausbekommen habt“, sagte er noch, auch wenn er sich sicher war, dass seine Leute das tun würden. Alles lief so, wie erwartet. Die Soldaten, die die Eingänge in den Gebäuden suchen sollten, gaben nach und nach Vollzugsmeldungen, so dass die Ausgänge gesichert waren.


17 

Akuma blickte sich um, als jemand die Treppe hinter ihm herunter kam. Es war Kublais Bruder, der beide Arme voller Proviant hatte. „Soll ich verteilen, hat Xing gesagt“, erklärte er und rief in den Raum, dass jeder, der Hunger hätte, sich was greifen könnte. Wie es schien, hatte ihr Feldkoch oben seine Feldküche aufgeschlagen und Akuma grinste. Er wurde das Gefühl nicht los, seine Jungs hatten ein bisschen Spaß an der Sache.

„War klar, dass der Pyromane unter den ersten ist“, brummte er, als er Bahadur aus der Bahn laufen sah. Er wusste, dass der Prinz ihn hören konnte und grinste breit, als er angeknurrt wurde. „Gut, dann bring ich dir nichts mit.“ Doch entgegen seiner Worte griff sich Bahadur zwei Portionen und kam damit zu Akuma.

„Du weißt doch, was passiert, wenn du dich nicht richtig um mich kümmerst und ich Schaden nehme“, sagte Akuma nur, griff sich aber die Brote und das Obst, dazu das Wasser. Erst als er die Nahrungsmittel sah, merkte er, dass er wirklich Hunger hatte und ein Blick auf die Uhr machte klar, dass sie seit sieben Stunden hier zu Gange waren. Ohne das Sonnenlicht verlor man irgendwie das Zeitgefühl. „Gegen acht sollten wir uns absetzen. Naran hat einen Termin mit Erdogan gemacht. Er meldet sich gegen neun und er hat den Atlanter, der mal einer von denen war, auch dabei.“, informierte er den Colonel und kaute hungrig.

„Gut, ich habe eine Menge Fragen.“ Bahadur stillte seinen größten Hunger und lehnte sich dann zurück. „Wenn die Bahn wirklich so lange nicht benutzt worden ist, dann können wir wohl davon ausgehen, dass über den Bahnhof auch so lange niemand mehr in unsere Kuppel gekommen ist.“ Irgendwie fand der Prinz das beruhigend.

„Hoffen wir, dass es die einzige Möglichkeit war, die Kuppel unterirdisch zu betreten oder zu verlassen. Aber vielleicht können uns das die Jungs aus Neo New York sagen.“ Akuma trank die Flasche leer und blickte nach oben. Da musste er nachher wieder hoch. Das dürfte Spaß bedeuten. Doch er war ein Mann und sicherlich war es ein gutes Training, denn sie mussten wirklich bald los. Sollten sie die Bahn nicht in Gang bekommen oder die Tore offnen können, mussten sie den Landweg nehmen.

Bahadur hoffte das auch, aber bald würden sie es genauer wissen. Erdogan hatte die Informationen, die sie brauchten und sie würden ihn darum bitten. „Ich frage mich nur, was Erdogan von uns für die Informationen verlangt“, murmelte er leise, denn bisher hatten sie für die Informationen, die sie bekommen hatten, noch keine Gegenleistung erbracht.

„Ich weiß es auch noch nicht“, sagte Akuma, doch er hatte ähnliche Gedankengänge gehabt. Solch wertvolle Güter wie das Wissen um die Gottgleichen verkaufte man nie unter Wert und je mehr sie erbaten, um so größer dürfte die Schuld sein, die sie anschließend begleichen mussten. „Komm, machen wir noch ein bisschen weiter, wenn du noch kannst“, grinste Akuma seinem Colonel zu und stellte seine leere Flasche beiseite. Sie hatten noch zwei Stunden, die sie nutzen konnten.

„Was soll das denn heißen?“, fragte Bahadur auch gleich mit blitzenden Augen und  verschränkte seine Arme vor der Brust. Seit ihrem Gespräch gestern hatte sich einiges verändert zwischen ihnen. Sie gingen lockerer miteinander um, was alles viel angenehmer machte. „Sag mir, was du sehen willst und ich werde mich dort hin begeben.“

Akuma grinste, ihm lag schon ein frecher Spruch auf den Lippen, doch er beherrschte sich. „Die Wände rings um das Stahltor. Irgendwie müssen wir das Ding ja auf bekommen und da kann es hilfreich sein, wenn wir uns das alles in Ruhe angucken können, ob uns etwas auffällt.“ Er griff sich wieder den Laptop und das Headset und so war die Pause beendet.

„Ey, ich bin doch der Pyromane. Wenn wir es nicht schaffen, das verdammte Ding so aufzubekommen, dann werde ich das tun und glaub mir, das wird klappen.“ Bahadur grinste und trank den letzten Schluck aus seiner Flasche. Das Tor zu sprengen war nur die letzte Option, wenn gar nichts anderes funktionierte. 

„Und was machen wir, wenn das Tor für den Betrieb der Bahn wichtig ist?“, fragte Akuma, doch er würde Bahadur seinen Spaß lassen, dem blöden Ding auf seine Art auf die Pelle zu rücken. Doch daran konnten sie arbeiten, wenn die Bahn wieder lief. Jetzt wurde erst einmal das Terrain gesichert, damit die Techniker hier auch arbeiten konnten ohne große militärische Begleitung. Er sah sich um. Irgendwie fehlten Tarek und Laster, doch dann entdeckte er sie in einer Ecke, wo sie an etwas herum werkelten. „Tarek was macht ihr da?“, wollte er wissen und sein Freund sah sich um. „Sachen kaputt“, entgegnete der trocken und Akuma knurrte. „Nee, war nur Spaß. Das hier scheint ein Stromverteiler zu sein. War ganz schön gut getarnt, aber Laster konnte ihn mit seinem Wissenschaftskrempelkram aufspüren.“ Akuma hörte den Techniker schnauben.

„Ohne meinen Wissenschaftskrempelkram würdest du immer noch blind wie ein Huhn durch die Gegend laufen und gackern“, grummelte Laster und Bahadur verdrehte die Augen. „Die zwei scheinen gut miteinander auszukommen“, lachte er, hielt dabei aber das Mikrofon zu, damit Laster und Tarek ihn nicht hören konnten.

„Sie sind Cousins. Was erwartest du?“ Akuma war daran gewöhnt, doch er arbeitete gern mit den beiden. Sie waren Individualisten wie er, vielleicht kamen sie deswegen so gut mit einander aus. „Willst du sehen, was sie gefunden haben oder zum Tor. Such’s dir aus, mir ist es gleich. Wir brauchen jede Information.“ Akuma ließ Bahadur freie Wahl. Er sollte sich nicht nur wie ein laufendes Auge fühlen.

„Dann geh ich erst mal zu dem Stromverteiler. Ich will sehen, wie weit Laster damit ist. Wenn wir wissen, wo der Strom herkommt, kann man ihn uns auch nicht so schnell abschalten.“ Das war wichtig, wenn sie wirklich die Bahn benutzen wollten. Ohne diese Absicherung war es einfach zu unsicher. Und Bahadur wollte diese Bahn unbedingt benutzen und das so schnell wie möglich. Es machte ihre Reise vor allen Dingen auch für Akuma wesentlich angenehmer.

„Mach das, aber halt dich vom Wissenschaftskrempelkram fern“, konnte sich Akuma nicht verkneifen und hatte Glück, dass es Laster nicht wagte, den General anzuknurren. Dafür bekam eben Tarek noch verbal eine verbraten.

So verging die nächste Stunde mit Bestandsaufnahmen. Sie sammelten so viele Informationen, wie es ihnen nur möglich war und beendeten für heute die Mission. Sie mussten die Fakten auswerten, sortieren und beratschlagen. Also räumten sie nach und nach das Feld.

Bahadur achtete darauf, dass sie die letzten waren, die den Tunnel verließen. „Ich werde dich tragen“, sagte er zu Akuma, der sich ziemlich quälen musste, die Stufen hoch zu kommen. „Die letzten Stufen kannst du dann wieder selber laufen.“ Sie hatten für den heutigen Tag genug gegen die ärztlichen Anweisungen verstoßen. Sie sollten ihr Glück nicht überstrapazieren. Und weil auch Akuma wusste, dass er in Kürze mehr von seinem Körper verlangen würde als gut für diesen war, ließ er sich helfen. Zähneknirschend zwar, doch es nutzte nichts. Es war wichtiger nach Neo New York reisen zu können, als heute eine Treppe selbst zu erklimmen. Seine Prioritäten begannen sich zu verschieben.

Sie waren die letzten, die die Grotte verließen und Bahadur schloss hinter ihnen das Eisengitter. Akuma lehnte neben ihm an der Wand und verschnaufte. „Laster hat einen Verdacht, er will noch was untersuchen. Tarek begleitet ihn“, sagte er und stieß sich ab. Sie wollten zum Wagen.

„Gut.“ Bahadur nahm es zur Kenntnis. Er war sich sicher, dass sie etwas von den Soldaten hörten, wenn sie Ergebnisse hatten. Sie fuhren zum Palast, wo sein Vater schon wartete. Naran war neugierig, auf die Ergebnisse. Akuma hatte ihm zwar viele Dateien geschickt, aber er wollte einen persönlichen Bericht.

„Da seid ihr ja!“ Naran wirkte ungeduldig, doch er begrüßte als erstes seine Gäste. Sie hatten noch ein bisschen Zeit, bis der Kontakt zu Erdogan hergestellt werden sollte und so wollte sich der Clanchef auf Stand bringen lassen. „Ich habe die Wachen an einer Wand im Kellergeschoss gesehen. Ich wusste gar nicht, dass da eine Tür war und die Männer sagten, sie kämen direkt von dem unterirdischen Bahnhof. Ich kann mir das immer noch nicht vorstellen. Er holte die Dateien, die Akuma zusammengestellt hatte und ließ sie sich als Raum füllendes Hologramm anzeigen, um sich darinnen bewegen zu können. Über Bahadurs Aufnahmen vor Ort, waren der Stadtplan und die Tunneldatei gelegt.

Sie brachten den Fürsten auf den neuesten Stand und am Ende war Naran etwas blass geworden. „Das  ist ja unglaublich“, murmelte er und versuchte sich wieder zu fassen. „Sie hätten also die ganze Zeit die Möglichkeit gehabt, wieder in die Kuppel zu kommen. Warum haben sie es nie getan?“

„Meine Meinung dazu kennt ihr. Nur weil sie den unterirdischen Bahnhof nicht genutzt haben, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht zurückgekommen sind“, sagte Akuma leise. Er starrte noch immer auf die Tunnel und fragte sich, wie viele es davon gab, wo sie endeten und vor allen Dingen: wozu sie gedient hatten. „Vielleicht kamen sie nicht zurück, weil die Zielkuppeln auch unter unserer Vorherrschaft stehen und wir sie von dort vertrieben haben. Sie hatten vielleicht nicht mehr die Möglichkeit.“

„Alles möglich. Warten wir ab, was Erdogan und dieser Archiaon uns sagen können. Vielleicht sehen wir dann etwas klarer.“ Bahadur drehte sich um sich selbst, aber das brachte ihm keine neuen Erkenntnisse und das machte ihn verrückt. „Verdammt“, knurrte er und ließ sich in einen der Sessel fallen. 

„Naran“, sagte Akuma und erhob sich ebenfalls. „Wir sind bisher allein in den Krieg gezogen. Ich sage nicht, dass wir keine Verbündeten brauchen. Ich sehe die Notwendigkeit dessen genauso dringend wie du. Aber wir sollten nicht alles auf Erdogan abwälzen. Ob die Zielkuppeln der Tunnel alle von uns befreit wurden, müssen wir selber prüfen.“ Er schritt langsam durch das Hologramm und rollte die Schultern.

„Aber wir brauchen die Angaben über die vorhandenen Tunnel, ehe wir diesen folgen können“, sagte Naran. „Wir werden nicht die Zeit haben, jeden Zentimeter Wand abzuklopfen. Es war schon schwer, die Türen zu finden, als wir wussten, wo wir suchen müssen. Blind zu suchen macht keinen Sinn.“

Das musste auch Akuma einsehen. Er nickte.

„Zu unserem Glück ist Erdogan ziemlich entschlossen uns als Verbündete zu gewinnen und darum auch bereit, uns die Daten zu liefern, die wir brauchen. Wir sollten uns allerdings überlegen, was wir ihm als Gegenleistung anbieten. Ich glaube zwar nicht, dass er es direkt verlangen würde, aber ich finde, wir sollten ihm entgegenkommen.“ Naran hatte das Hologramm ausgeschaltete und setzte sich ebenfalls. „Wir sollten gleich von Anfang an signalisieren, dass wir diese Allianz befürworten.“

„Ja“, entgegneten die beiden Soldaten synchron und nickten. „Die Allianz ist unablässig. Ich frage mich nur, woher sie all dieses Wissen haben. Das kann nicht alles aus Bonder stammen“, überlegte Akuma weiter, doch das wollte er Erdogan irgendwann einmal persönlich fragen, nicht jetzt über das Bildtelefon.

„Wir sollten ihn offen fragen, wie wir uns revanchieren können“, überlegte Naran laut. Das war vielleicht der einfachste Weg, die Schulden zu begleichen.

Bahadur nickte. Das war eine Möglichkeit um einen Einstieg zu bekommen. Bahadur sah zu Akuma und versuchte abzuschätzen, wann sie aufbrechen konnten. Er wollte los, denn die vielen ungelösten Fragen machten ihn nervös. „Ich brauche was zu trinken“, sagte er unvermittelt und sah die beiden anderen Männer an. Er trank selten Alkohol, aber jetzt war ihm danach.

Naran nickte und erhob sich. Er hatte immer für besondere Anlässe etwas im Schrank und er wusste, was Bahadur mochte. Akuma würde ablehnen, das wusste er, aber er fragte trotzdem, um nicht unhöflich zu sein. Die Antwort war wie erwartet und so schenkte Naran sich und seinem Sohn etwas ein.

„Noch fünf Minuten“, murmelte Akuma. Er wurde nervös.

Bahadur prostete seinem Vater zu und stürzte den starken Schnaps runter. „Das habe ich jetzt gebraucht“, murmelte er und stellte das Glas ab. Er fühlte, wie die Wärme sich von seinem Magen aus ausbreitete und schloss kurz die Augen. Er wollte sich noch ein wenig vor dem Gespräch sammeln. Doch dazu kam er nicht mehr. Die Leitung wurde angewählt und Erdogans Bild erschien auf dem großen Schirm dem Tisch gegenüber.

„Ich grüße euch, Prinz Erdogan“ Naran erhob sich. „Und auch eure Begleiter“, setzte er fort, denn den Mann neben dem Prinzen kannte er nicht. Er ging davon aus, dass es sich um diesen Atlanter handelte, doch er wollte dem Fremden nicht vorgreifen.

Erdogan grüßte zurück und Archiaon  neigte den Kopf ein wenig und lächelte. „Ich bin Archiaon aus Atlantis Nord 35. Ich grüße euch, Fürst Naran, und auch die anderen Herren. Ich freue mich euch endlich einmal kennen zu lernen.“ Naran hatte also richtig gelegen mit seiner Vermutung  und stellte Bahadur und Akuma vor.

„Wie geht es ihnen, General? Ich habe gehört, dass sie einen Unfall hatten.“ Erdogan wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.

„Danke für die Sorge, Prinz. Es geht mit jedem Tag wieder aufwärts. Es wird meiner Reise zu euch also nichts im Wege stehen“, entgegnete der General und betrachtete den Atlanter. So sahen Gottgleichen aus? Er musste sich im Kopf immer wieder vorhalten, dass Archiaon keiner mehr war. „Wir danken euch auch für die Informationen, die ihr uns habt zukommen lassen. Allerdings warfen sie mehr Fragen als Antworten auf, weswegen ich Fürst Naran gebeten hatte, dieses Treffen anzuberaumen“, erläuterte Akuma, warum sie erneut zusammen saßen.

„Das freut mich zu hören. Wir werden hier alles vorbereiten, damit sie es angenehm bei uns haben.“  Erdogan freute sich wirklich auf den Besuch und das merkte man ihm an. „Sagen sie mir, welche Fragen sich ergeben haben. Wir werden versuchen sie zu beantworten.“

„Ich danke ihnen“, sagte Naran und blickte Akuma an. Der nickte. „Fürst, bitte spielt die Datei ein“, bat er und erhob sich schwerfällig. Der Tag steckte ihm in den Knochen, doch er wollte keine Schwäche zeigen. Aus dem Augenwinkel sah er deutlich, dass Bahadur das nicht gutheißen konnte. Akuma seufzte lautlos, doch er nahm sich vor, sich kurz zu fassen. Er erklärte, was sie heute alles untersucht und herausgefunden hatten.

„Die Tore sollten sie nicht sprengen!“, warf Archiaon gleich ein. „Die Bahn ist eine Vakuumbahn. Die Tore sorgen dafür, dass die luftleeren Tunnel auch luftleer bleiben. Sie zu zerstören zerstört den Transportweg.“ Akuma – etwas aus seiner Erklärung gerissen – blickte auf und erinnerte sich, dass er das wohl eben am Rande erwähnt hatte. Grinsend sah er Bahadur an. War wohl nichts mit Feuerspielchen. Der guckte böse, sagte aber nichts weiter.

„Die Tore öffnen sich automatisch, wenn die Bahn fährt. Darum müssen sie sich also nicht kümmern.“ Das brachte Bahadur auf den Plan. „Apropos Bahn. Wenn wir die Bahn benutzen wollen, was müssen wir tun. Wie steuert man sie. Ich würde schon gerne dort ankommen, wo ich hin will.“

„Es gibt nur ein Ziel“, sagte Erdogan etwas verwirrt und Archiaon verstand auch nicht gleich. „Um die Züge zu aktivieren, müssen sie den Code der Zielkuppel eingeben. Der war in der Datei mit drinnen gewesen. Im Triebwagen vorn muss ein Terminal sein. Das wird aktiviert über den Druck einer Taste. Und sobald das Eingabefeld blickt, einfach den Code eingeben. Sie fährt nur zwischen den beiden Kuppeln. Hat mit dem Vakuum zu tun. Muss man sich vorstellen wie eine Erbse in einem Strohhalm. Glaube ich.“

„Ah!“ Bahadurs Züge erhellten sich und er sah Akuma an. „Auf den Code habe ich gar nicht geachtet. Haben sie auch den Code, für unsere Kuppel. Ich möchte einen Probelauf machen, bevor wir uns mit ihnen treffen. Nicht dass es auf der Strecke Probleme gibt. Das möchte ich vorher abklären.“

„Meo“, rief Archiaon nach hinten, „schick dem Fürsten auch noch den Code ihrer eignen Kuppel. Du weißt schon welche.“

Hinter den beiden Männern sah man einen Blonden hektisch herum wuseln, kurz winkte er in die Kamera, dann war er wieder weg. Keine Minute später war die Nachricht bei Naran angekommen.

„Danke, Archiaon. Ich hätte auch noch eine Frage“, sagte Akuma und man sah ihm an, dass er sich nicht wohl dabei fühlte. „Ich weiß, dass wir viel erwarten und wir stehen in ihrer Schuld, aber das Wissen um die Tunnel, die wir nicht kannten und wo sie in unserer Kuppel überall an die Oberfläche führen, wirft bei mir die Frage auf: Sind das alle oder gibt es noch mehr Zuwege von außen, die wir kennen sollten?“

„Wir haben jetzt nicht danach gesucht, aber ich werde gerne nachsehen, ob da noch mehr Tunnel sind.“ Archiaon guckte zu Erdogan und sagte leise etwas und der Prinz nickte. „Wir drehen die Kamera, dann könnt ihr das Observatorium sehen, das uns auch die Daten für die Tunnelbahn geliefert hat“, erklärte Erdogan, und drehte die Kamera so, dass die Jiang Shi die große Weltkugel sehen konnten.

Akuma gingen die Augen über, dem Fürsten und seinem Jungen ging es nicht besser. Schweigend beobachteten sie, wie der Atlanter die Hologrammkugel drehte, vergrößerte, sich Dinge anzeigen ließ. Das war unglaublich. In Akumas Kopf rotierten die Gedanken, als er beobachtete wie ihre Kuppel gezoomt wurde.

„Jetzt nur im Schnelldurchlauf. Wenn eure Männer hier sind, können sie sich Tag und Nacht mit der Kugel beschäftigen… Jack halt die Klappe“, knurrte Archiaon den Geologen an, der gerade erklärte, dass er nicht kampflos das Feld räumen würde, für niemanden. Wären sie allein, würde Archiaon wohl damit drohen, dass Meodin wieder auf den Knopf drücken durfte, aber sie waren es nicht.

Stumm sahen Naran und seine Männer zu, wie Archiaon auf ihre Kuppel zeigte. „Eure Kuppel und viele in eurer Nähe sind schwarz. Die Farben der Kuppeln bedeuten etwas. Schwarz heißt, dass die Kuppeln aufgegeben wurden. Ich nehme darum an, dass die anderen Kuppeln von euch von ihnen befreit wurden.“ Während er das erklärte, zoomte er wieder ran und suchte nach weiteren Eingängen.

„Unglaublich“, murmelte Akuma und seine Augen hatten sich am Bildschirm festgefressen. Das Ding musste er mit eigenen Augen sehen und vor allem die Datenbank, die das Ding mit Informationen fütterte. Archiaon bewegte und hantierte mit dem Ding wie selbstverständlich und so dauerte es nicht lange und er hatte alles angezeigt, was es unter der Kuppel gab – ein riesiges Labyrinth aus Tunneln.

„Das sind großteils Express-Ways, also Vakuumbahnen zu weiter entfernten Kuppeln wie die, die ihr heute untersucht habt“, erklärte Archiaon weiter und deutete auf die Bahnhöfe. „Es gibt noch drei weitere zu drei anderen Kuppeln, die ebenfalls schwarz, also wohl von euch erobert sind.“

„Es gibt also noch drei Bahnhöfe in unserer Kuppel.“ Damit hatte Bahadur nicht gerechnet, auch wenn er erleichtert war, dass diese Bahnen in befreite Kuppeln führten. „Könntet ihr uns bitte die Koordinaten schicken, damit wir die Bahnhöfe sichern können?“ Er fühlte sich nicht wohl dabei, schon wieder um etwas zu bitten. „Bisher haben wir alleine von unserer angestrebten Partnerschaft profitiert. Gibt es etwas womit wir uns erkenntlich zeigen können?“

Etwas überrascht sahen Erdogan und Archiaon sich an. „Aktuell ehrlich gesagt nicht. Aber wir würden uns gern mit euren Männern darüber austauschen, wie es euch gelingt, ganze Kuppeln wieder unter eure Herrschaft zu bringen und dafür zu sorgen, dass das Pack draußen bleibt“, entgegnete Archiaon nach einer Weile, während Erdogan seinem Seepferdchen die Aufgabe erteilte, die Jiang Shi mit den gewünschten Unterlagen zu versorgen.

„Doch eins vielleicht!“ Plötzlich guckte der Blonde von vorhin von der Seite in die Kamera. „Hallo, ich bin Meodin. Archivar. Ich habe eine Liste erstellt mit Kuppeln, die ihr nach den Aufzeichnungen der Gottgleichen zurück erobert habt. Könnt ihr die abgleichen, ob die stimmt?“ Er sah hoffnungsvoll aus.

„Aber sicher“, erklärte Bahadur abgelenkt und starrte auf Meodin. Solche Augen hatte er noch nie gesehen. „Unglaublich“, murmelte er und merkte dann, dass er unhöflich gewesen war. „Entschuldigung, ich wollte sie nicht anstarren“, entschuldigte er sich.

„Och das macht nichts, das macht jeder. So was wie mich gibt’s nur einmal“, erklärte Meodin und bedankte sich noch für die Zusammenarbeit. Er schickte also gleich noch seine Liste hinterher. Er war schon gespannt, wie genau seine Arbeit war und wie viele Informationen sie schon aus der großen Bibliothek hatten abschöpfen können.

Bahadur blinzelte einmal, weil Meodin schon wieder weg war und widmete sich wieder Erdogan. „Also, wenn ihr etwas wissen möchtet, oder braucht, was wir mitbringen sollen, dann meldet euch.“ Er war ein wenig verwirrt darüber, dass die Neo New Yorker nichts von ihnen wollten.

„Ja, wenn uns was einfällt, dann melden wir uns und ihr haltet uns auf dem Laufenden wie die Vorbereitungen für eure Reise laufen. Wir müssen bedenken, dass das Unterseeboot mindestens drei Tage unterwegs sein wird zu euch in das Dock. So viel Vorlaufzeit brauchen wir.“ Archiaon kratzte sich kurz durch die Haare, sah sich noch einmal zu Erdogan um. Doch auch der schüttelte den Kopf. „Und wenn ihr noch Infos braucht, meldet euch auch. Wir gucken, was sich machen lässt.“

„Danke, wir werden euch regelmäßig Berichte schicken. Ich freue mich schon darauf, dieses Observatorium mit eigenen Augen zu sehen, überhaupt diese ganze Anlage. Wir kämpfen schon so lange gegen die Gottgleichen, aber wir haben Vergleichbares noch nie gefunden.“ Bahadur wusste, dass sie das nicht gerade besser dastehen ließ, aber er wollte ehrlich sein.

„Vielleicht weil sie aus unserer Ecke der Welt stammen und sie hier ihre Aktivitäten konzentrierten und hier auch ihre Basis hatten. Aber ich bin mir da auch noch nicht sicher. Vielleicht findet sich ja etwas in den Aufzeichnungen über die Kuppeln in eurer Region und auch über ein Basislager in Asien. Aber das machen wir, wenn ihr hier seid. Ihr kennt euch in eurer Gegend schließlich besser aus.“ Archiaon verabschiedete sich und auch Erdogan wünschte noch einen guten Abend.

Bahadur sah seinen Vater an und hob sein Glas. Er brauchte noch einen Drink. „Ich verstehe es einfach nicht“, sagte er. „Sie wirken ehrlich und sie geben uns, worum wir bitten und selber erwarten sie nichts von uns?“ Der Prinz bekam das einfach nicht zusammen. Er hatte noch nie erlebt, dass jemand so selbstlos Informationen weitergab und somit einen Vorteil aufgab.

„Sie wollten eine Allianz und die bekommen sie. Sie wollen sich austauschen, Denkanstöße finden und vielleicht das Gefühl haben, nicht allein auf weiter Flur zu stehen.“ Naran sprach die Gedanken, die ihm kamen, einfach aus. Akuma allerdings gab sich bedeckt. „Ich glaube, das kommt noch, wenn sie uns kennen und wissen, was wir machen. Vielleicht finden sich dann auch Dinge, die sie von uns lernen können.“

„Ja, das wird wohl so sein.“ Bahadur stand auf und schüttete sich noch einen Schnaps ein. Sein Vater schüttelte den Kopf und signalisierte, dass er keinen mehr wollte. „Ich werde mir nachher noch die Daten über die drei Bahnen ansehen, damit wir morgen damit beginnen können diese ebenfalls zu sichern.“

„Tu das, Bahadur.“ Naran blickte auf Akuma, der etwas blass im Gesicht war. Der Fürst war sich sicher, das dies nicht nur daran lag, was sie gesehen und erfahren hatten sondern auch daran, dass er eigentlich noch strenge Bettruhe hatte. „Und dich bitte ich, dich hinzulegen“, sagte er also zu seinem General, wissend, dass er so ziemlich der einzige war, dem Akuma nur im Notfall widersprach. Der General blickte auf, nickte aber. Er wusste selbst, dass er es heute übertrieben hatte. Wenn er morgen wieder dabei sein wollte, braucht er jetzt Ruhe.

Bahadur ging zu Akuma sah ihn kritisch an. „Ich kenne einen Weg in die Garage, wo uns keiner sehen wird.“ Akuma wollte bestimmt in seinem jetzigen Zustand von niemandem gesehen werden. Da war es doch praktisch, dass es einen privaten Aufzug in den Räumen des Fürsten gab. „Komm, du solltest ins Bett.“

„Ja, schlaf dich aus und sammele Kraft. Wir brauchen dich. Einen Ausfall können wir uns in der aktuellen Phase nicht leisten“, sagte auch Naran, der deutlich sah, dass Akuma schon zum Widersetzen ausholen wollte. Doch der General senkte den Kopf und nickte. Er hatte sowieso keine Kraft mehr, sich Bahadur zu widersetzen. Er ließ sich also am Ellenbogen zum Fahrstuhl führen, ehe er sich vom Fürsten verabschiedete.

„Ich weiß ja nicht viel über meine Mutter, aber dass sie schöner war als du, weiß ich noch“, knurrte Akuma leise, grinste aber schief über die Hingabe des Colonels.

Bahadur sah Akuma fragend an, aber dann schlitzten sich seine Augen, als er verstand, was der General ihm sagen wollte. „Arsch“, knurrte er leise, ließ den Ellenbogen aber nicht los. „Du kannst meine Schönheit nur nicht sehen.“

Akuma war verwundert über die Entgegnung und ließ es sich nicht nehmen, doch noch einen drauf zu setzen, als sich der Fahrstuhl abwärts in Bewegung setzte: „Wenn deine Schönheit von innen kommt, sollten wir dich einfach wenden und dein Innerstes zu äußerst drehen.“ Es schien, als hätte er Spaß an diesem Schlagabtausch. Noch vor ein paar Wochen wäre er nicht auf die Idee gekommen, überflüssige Sätze zu denken, geschweige denn sie zu formulieren – sein Unfall hatte vieles geändert.

„Nein, danke. Ich lege keinen Wert darauf, dass jeder sie sehen kann.“ Bahadur hatte schon eine andere Erwiderung auf der Zunge gelegen, aber er schluckte sie runter, denn er wollte jetzt keinen Streit. Er war auch müde und er spürte den Alkohol in seinem Kopf. Das war keine gute Basis für ein Streitgespräch.

„Guter Plan“, schloss Akuma ab, als die Türen sich wieder öffneten. Sie gingen auf ihren Wagen zu und so dauerte es gar nicht lange, bis sie wieder vor ihrem Quartier angekommen waren. Die wenigen Stufen erklomm Akuma allein, doch die Hände, die ihn am Geländer nach oben zogen, hatten weiße Knöchel. Bahadur knurrte, doch er wusste, dass er den Sturschädel nur bis zu einem gewissen Grad bevormunden konnte. Er grinste, als Akuma ohne nachzudenken die Tür öffnete und ihm Panja zufrieden um die Beine strich.

„Bist du immer noch da“, knurrte der General.

„Sie ist noch nicht mit dir fertig.“ Bahadurs Stimme wirkte nur ein ganz klein wenig gehässig und er grinste breit, als Akuma sich zu ihm umdrehte. „Ich geh dann mal ins Bett. Ihr kommt ja sicher alleine zurecht.“ Der Prinz strich Panja über den Kopf und lächelte. „Denk dran, er ist noch verletzt.“

„Hey, Vampir!“ Akuma konnte nicht vermeiden, dass seine Stimme etwas schriller klang. „Nimm dein Haustier mit in dein Bett. Ich hab keine Bettruhe mehr, sie kann gehen oder zu dir verschwinden. Hey, ich rede mit dir. Nimm dein Haustier mit!“ Er blickte auf Panja, die allen Ernstes damit begann, sich um seine Füße zu wickeln. Und sie schnurrte sehr zufrieden.

„Akuma du hast noch Bettruhe. Wir haben das heute nur ignoriert.“ Akuma sollte sich nur nicht zu siegessicher sein, aber der Prinz hatte ein Einsehen. Sie hatten einen harten Tag hinter sich. „Lass ihn schlafen, Süße. Er braucht seine Ruhe. Du kannst wieder mit ihm spielen, wenn er gesund ist.“

„Kann sie nicht!“, sagte Akuma entrüstet, wagte aber nicht den Nebelparder mit dem Fuß weg zu schieben und er sagte sich, dass das bestimmt nicht daran lag, dass er sie nicht verletzen wollte. „Hör gefälligst auf, ihr ständig Sachen zu versprechen, was sie mit mir machen kann!“ Er sah Bahadur an und knurrte. Über die Bettruhe würden sie noch reden. Bahadur brauchte gar nicht glauben, dass er Akuma morgen wieder an die Couch ketten konnte und sich selbst in die Mission stürzen.

„Tja, das war die Rache dafür, dass du meine Gefühle schwer verletzt hast, indem du behauptet hast, dass ich nicht schön bin.“ Bahadur guckte Akuma  knurrig an, aber dann lachte er. „Wer kann diesem süßen Fellbündel was abschlagen? Sie hat sich nun mal in den Kopf gesetzt dich zu mögen.“

Doch das nahm Akuma nicht mehr wahr. Er starrte Bahadur an und versuchte zu verstehen, ob das mit den Gefühlen wirklich stimmte. „Wenn ich dir sage, dass du schön bist, nimmst du sie dann mit in dein Bett?“, fragte er also unsicher und strich sich durch die Haare. Eine der langen Strähnen vor den Ohren fiel ihm dabei über die Schulter auf die Brust. Noch immer stand er steif in der Mitte des Wohnzimmers.

„Nur wenn du es auch wirklich ehrlich meinst“, hatte Bahadur geantwortet, bevor er sich zurückhalten konnte. Wo kam das denn jetzt her? Er hatte wohl wirklich zu viel getrunken. Darum grinste er, um seine Worte ins Lächerliche zu ziehen. „Sie schläft bei mir, du kannst sie jetzt nicht gebrauchen.“

„Ob ich sie gebrauchen kann oder nicht, hat euch beide noch nie gestört“, sagte Akuma und sah den Colonel weiter an. „Und außerdem will ich wissen, warum es dir wichtig ist, dass ich dich schön finde. Wäre es nicht wichtiger, ich finde dich zuverlässig, kompetent und fähig?“ Akuma wollte es verstehen, begreifen. „Der Vergleich mit meiner Mutter kam nur, weil du mich wie eine …“ er brach ab. Bahadur guckte ihn merkwürdig an und Panja schien auch hin und her gerissen.

„Aku...“, fing Bahadur an, aber verstummte wieder. „Ich weiß, warum du das gesagt hast und eigentlich ist es nicht wichtig, ob du mich für schön hältst. Sollte es zumindest... ach verdammt, vergiss es einfach.“ Bahadur fühlte sich merkwürdig. So als wenn er etwas Verbotenes machte. „Ich weiß, dass ich zuverlässig, kompetent und fähig bin und ich weiß auch, dass du es weißt. Aber sonst weiß ich rein gar nichts über dich.“

„Doch eines. Ich sagte dir, dass alles wichtig ist. Nichts ist ohne Belang. Es wird einen Grund haben, warum du das gesagt hast und es ist dein Recht, das für dich zu behalten. Wenn du etwas über mich wissen willst, frage. Wenn du nicht fragst, werde ich auch nichts erzählen. Denn ich gehe nun einmal davon aus, dass Leute fragen, wenn sie etwas wissen wollen und wenn sie nicht fragen, interessiert es sie nicht. Das ist nur logisch.“ Akuma ging langsam zur Couch und ließ sich fallen. Sein Körper pulsierte und er hatte noch nicht einmal die Kraft, Panja von sich zu scheuchen.

„Ich weiß eben nicht, warum ich das gesagt habe und warum es mir gerade wichtig war. Wahrscheinlich liegt es am Alkohol. Ich vertrag nämlich nichts.“ Bahadur ließ sich neben Akuma fallen und kraulte Panja. „Jetzt weißt du etwas über mich, dass sonst nur meine Eltern wissen.“ Es machte ihm nichts aus, denn er wusste, dass sein Geheimnis bei Akuma sicher war. „Aber jetzt mal ehrlich. Findest du mich wirklich schön?“, fragte er grinsend und stieß Akuma vorsichtig mit der Schulter an.

Akuma blickte neben sich. Er versuchte zu verstehen, doch dann begriff er, dass Bahadur nicht mehr ganz zurechnungsfähig war. Er schob das seltsame Verhalten auf den Alkohol. Das war logisch. So zuckte er die Schultern. „Weiß nicht. Du bist nicht hässlich. Ich meine, eine Papiertüte auf dem Kopf hätte noch Verbesserungspotential, aber auch ohne Tüte möchte man nicht gleich mit dem Finger auf dich zeigen und lachend zu Boden sinken.“ Er hob eine Braue.

Bahadur blies die Wangen auf und blitzte Akuma an. „Das ist ja...“, fing er an und grinste dann schief. „Das war fies und muss geahndet werden“, knurrte er dunkel und beugte sich zu Akuma. Dann legte er ihm blitzschnell die Hände an die Wangen und küsste ihn. Kurz verweilten seine Lippen auf dem anderen Paar und sanft strich er darüber. Dann war er auch schon wieder weg und grinste, dabei leckte er sich über die Lippen. „Das war deine Strafe dafür.“ Warum er sich gerade sehr merkwürdig fühlte, wollte er lieber nicht ergründen. Das lag bestimmt nur am Alkohol, dass er das am liebsten noch einmal wiederholt hätte.

Und wieder konnte Akuma ihn nur anstarren, strich sich mit zwei Fingern über die Lippen und sah Bahadur fragend an. „Hättest du nicht eine Papiertüte überziehen können? Jetzt werde ich dein Gesicht nicht mehr los und träume schlecht. Wenn sich das negativ auf meinen Heilungsprozess auswirkt, mach ich dir Probleme“, knurrte er und beobachtete den Colonel weiter. Er benahm sich seit seinem Alkoholkonsum wirklich merkwürdig.

„Das war fies. Du hast gesagt, dass ich nicht hässlich bin. Ich brauche keine Papiertüte.“ Kurz schob Bahadur die Unterlippe vor und sah Akuma böse an, aber dann grinste er schon wieder. „Noch mal?“

„Ich sagte aber auch, dass man mit einer Papiertüte auf deinem Gesicht noch mehr erreichen könnte“, sagte Akuma unsicher, denn er begriff nicht, was Bahadur eigentlich wollte. Was war das Ziel seiner Aktion, waren das Teambildungsmaßnahmen? Mussten sie sich näher kommen, um einander mehr vertrauen und sich auf einander verlassen zu können? Ein Team zu sein, verwirrte den General wirklich. Doch da sich Bahadur damit besser auskannte als er selbst, glaubte er, der Colonel wüsste, was er tat. So nickt er: „Wenn’s hilft.“

„Ich denke schon“, murmelte Bahadur und sein Blick fixierte Akumas Lippen. Langsam beugte er sich vor und sein Herz klopfte auf einmal schneller. Vorsichtig verband er ihre Lippen, um sie gleich darauf wieder zu lösen. „Sie sind weich“, murmelte er ein wenig abwesend und man merkte, dass er eigentlich etwas anderes erwartet hatte. Er lächelte und küsste Akuma erneut. Sanft erforschte er bisher unbekanntes Terrain und genoss den Kuss.

Akuma, der noch etwas entgegnen wollte, öffnete die Lippen und seine Verwirrung wuchs, als er die fremde Zunge spürte. Was sollte das denn? Er versuchte auszuweichen, stieß mit dem Rücken gegen die Lehne und nun wurde ihm das zu bunt. Er war niemand, der Fremde in seinem Terrain einfach gewähren ließ. Weder Panja in seinem Zimmer noch Bahadur zwischen seinen Lippen. Er war ein Krieger! Also versuchte er mit seiner Zunge dem Eindringling zu verscheuchen und riss überrascht die Augen auf, als er die fremde Zunge mit seiner streifte. Er spürte Nervenbahnen pulsieren, von denen er nicht gewusst hatte, dass er dort welche hatte.

Bahadur war begeistert, dass Akuma so bereitwillig mitmachte, darum löste er den  Kuss auch nicht gleich wieder, sondern genoss ihn noch ein wenig, bis sein Verstand wieder einsetzte und die alkoholgetränkte Glückseligkeit beiseite schob.

Er brachte ein wenig Abstand zwischen ihre Körper und lächelte. „Du solltest wirklich langsam ins Bett“, murmelte er und atmete tief durch, um seinen schnellen Herzschlag wieder zu beruhigen.

„War ‘ne kurze Trainingseinheit, aber nun gut. Du bist der Teamplayer, du wirst wissen, was du mir beibringst“, sagte Akuma und erhob sich langsam. Es kam ihm ganz recht, dass er sich zurück ziehen konnte. Denn er konnte gerade nicht beschreiben, wie er sich fühlte. Die Lauferei des Tages hatte wohl doch mehr Schaden angerichtet als erwartet, denn seine Knie zitterten und sein Blut pulsierte ungewohnt hart durch seinen Körper.

Bahadur, verstand erst nicht, was Akuma meinte, aber sagte nichts dazu. Sie waren gerade in so friedlicher Stimmung, das wollte er nicht durch eine Diskussion aufs Spiel setzen. „Komm, Maus, du schläfst bei mir“, sagte er zu Panja und kraulte sie. Er stand auf und streckte sich ausgiebig. „Schlaf gut“, gähnte er und schlurfte zu seinem Bett.

Akuma tat ähnliches. Er sah noch einmal im Bad vorbei, machte sich etwas frisch, ließ Hose und Shirt zurück und verschwand dann in seiner Nische ebenfalls unter seine Decke. Sein Köper war begeistert davon, sich endlich ausruhen zu können und so streckte er sich noch einmal, grinste als er Panja immer wieder meckern hörte. Die beiden fanden wohl heute keine Position, die beide zufrieden stellte. Langsam dämmerte er weg.

Er wurde erst wieder wach, als er spürte, wie seine Matratze sich unter einem Gewicht senkte. Panja maunzte leise und robbte sich ganz vorsichtig an Akumas Seite hoch, bis sie ihren Kopf auf seine Schulter legen konnte. Sie war aus Bahadurs Bett geflüchtet, weil der sich heute Nacht im Bett drehte wie ein Kreisel und sie nicht schlafen ließ. Jetzt hoffte sie, bei Akuma Asyl zu finden und endlich auch schlafen zu können und Akuma hatte Mitleid. „Ausnahmsweise und wehe du verrätst dem Pyromanen was“, sagte er leise. „Und wenn du Haare verlierst, fliegst du raus.“ Doch dann schloss auch Akuma wieder die Augen – das Grinsen immer noch auf seinen Lippen.

 
 

18 

Tarek schellte an der Tür zu Bahadurs und Akumas Wohnung. Er wollte dem General ein paar Einsatzberichte bringen. Der Colonel war zum Training und da hatte Tarek sich gedacht, dass Akuma  etwas zu tun brauchte. Er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass ihn die Untätigkeit verrückt machte. 

Er guckte nicht schlecht, als die Tür aufging und ihm etwas Pelziges um die Beine strich, schnüffelte, fauchte und verschwand, ehe Tarek auch nur einmal geblinzelt hatte. „Komm rein, das ist der Bettvorleger vom Colonel“, sagte Akuma und zog Tarek in den Raum, der nicht schnell genug Anstalten machte, dem Befehl Folge zu leisten.

„Was?“, fragte Tarek und sah sich um. „Bettvorleger?“ Man sah ihm an, dass er nicht wusste, wovon Akuma redete. Aus einer der Nischen guckte ein langer, pelziger Schwanz heraus, der hin und her zuckte. „Was war das?“

„Panja, ein Nebelparder. Sie kommt immer mal das Prinzlein besuchen – weiß der Geier warum. Und so lange ich noch Bettruhe habe und er nicht da ist, soll sie auf mich aufpassen und glaube mir, sie ist SEINE Katze – genau so nervig.“ Akuma knurrte, doch seine Augen zeigten, dass er das gar nicht so hart meinte. „Panja, zeig dich mal, los!“, forderte er die Katze auf und ging etwas wacklig in die Hocke um sie zu locken.

Sofort erschien Panjas Kopf in der Tür und sie sah Akuma aufmerksam an. Ihr Blick huschte zwischen dem General und dem Fremden hin und her und sie legte den Kopf schief. Man merkte, dass sie unschlüssig war, aber schließlich siegte die Aussicht gestreichelt zu werden und sie lief zu Akuma. „Hübsche Katze“, lachte Tarek und musste schmunzeln, als sich Panja an Akuma schmiegte und hingebungsvoll schnurrte.

Und weil sie so gut mit gespielt hatte, wurde sie gekrault und Akuma grinste in sich hinein. Er würde es nicht zugeben, doch er mochte das Fellknäuel mittlerweile ganz gerne. „So, das muss erst mal reichen. Tarek ist hier, um mir zu berichten, was er herausgefunden hat.“ Akuma kam wieder auf die Beine und sah seinen Freund herausfordernd an. Der grinste.

„Musst du schon lesen. Ich verrate dir doch nicht das Ende des Buches zuerst.“ Doch wohlweislich wich er einen Schritt weit von der Couch zurück.

„Tarek“, knurrte der General, „sehe ich aus als wäre ich zu Scherzen aufgelegt?“ Seine Augen blitzten. Doch Tarek konnte das nicht schocken.

„Ja“, entgegnete er also und lachte. Doch dann hatte er ein Einsehen und griff dem Bericht vor. „Die Stromquelle der Bahn muss am anderen Ende der Schienen liegen. Die Leitungen verschwinden im Tunnel. Nur die Stromversorgung für die Bahnhofshalle stammt von uns. Ein paar Sonnensegel auf einem der älteren Wohnblocks im Süden der Kuppel.“

Akuma nickte. Vielleicht konnte man erfahren, wer sie errichtet hatte und so an Namen kommen. Er hatte Sorge, dass wie bei Erdogan auch die gottverfluchten Hunde noch unerkannt in ihrer Kuppel lungerten. Wie ein unerkanntes Geschwür das ausbrach, wenn keiner damit rechnete. Er hatte in den letzten Stunden vieles überdacht, was für ihn früher gesetzt gewesen war.

„Konntet Ihr die Bahn starten?“, fragte er noch, denn davon hing einiges ab.

„Ja, wir konnten die Motoren starten, aber mehr haben wir noch nicht ausprobiert. Allerdings haben wir den Zug reinigen lassen.“ Tarek gab einen kurzen Abriss des Berichtes, den er mitgebracht hatte, beobachtete dabei aber neugierig Panja, die sich neben Akuma auf der Couch niedergelassen hatte. Genauso wie sie den Fremden beäugte. Allerdings aus sicherer Entfernung, denn sie selbst entschied, wer sie anfassen durfte und wer das ganz bestimmt nicht durfte. Der da drüben war noch in der Probephase.

„Okay. Hat der Colonel was gesagt, wann er eine Testfahrt machen will?“, erkundigte sich Akuma, denn er musste vorbereitet sein und darauf hin arbeiten, dass er dann dabei war und nicht einfach wie heute auch hier zurück gelassen wurde und wieder vor Langeweile langsam starb.

„Er lässt alles für morgen vorbereiten. Ein paar Messgeräte und Kameras müssen noch installiert werden, aber bis morgen dürfte das alles erledigt sein.“ Tarek ließ sich in einiger Entfernung zu Panja auf der Couch nieder, nachdem sie kurz gegrollt und die Krallen ausgefahren hatte, weil sie befunden hatte, dass er ihr zu nahe gekommen war.

„Morgen, okay. Dann werde ich mal nachher auf den Colonel einwirken. Schließlich hat er gestern schon wieder zugelassen, dass ich trainiere. Nicht viel und auch ziemlich sinnloses Zeug. Aber er ist ja der Teamplayer. Wenn er glaubt, dass ich so was können muss …“ Akuma zuckte die Schultern, als er sich an seine Lektion von gestern Abend erinnerte.

„Du hast trainiert? Wie das denn? Du hast doch immer noch Bettruhe?“ Man sah Tarek seine Verwirrung an. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Bahadur so etwas zulassen würde und vor allen Dingen, wie konnte Akuma mit all den Verbänden und Gips trainieren.

„Ja, allerdings merkwürdigen Scheiß. Nahkampf, würde ich sagen. Ich weiß zwar nicht, was das bringen soll, einen Gegner mit der Zunge durch den Mund zu fahren. Wenn er mir so nahe kommt, stech ich ihn lieber ab, als mit ihm einen Zungenkampf auszutragen, aber nun gut – der Colonel wird wissen, was er tut. Naran sagte, wir sollen ein Team werden.“ Akuma streichelte Panja, die sich immer noch über die Gegenwart des Fremden leise beschwerte.

„Häh?“ Tarek war so perplex, dass ihm der Bericht aus der Hand fiel, den er immer noch in der Hand hielt. Schnell hob er ihn wieder auf und sah zu Akuma.  „Zungenkampf?“ Was war denn hier gestern los gewesen? „Bahadur hat mit dir einen Zungenkampf gemacht?“, fragte er lieber noch einmal nach, weil er glaubte, sich verhört zu haben. Aber wenn nicht, was hatte das zu bedeuten? 

„Hab ich das nicht eben gesagt? Tarek, ich bin vielleicht körperlich etwas aus der Bahn geworfen, aber doch nicht blöd.“ Er hatte zwar Steine auf den Kopf bekommen, doch er hatte Glück gehabt, dass da nichts passiert war, doch das spielte jetzt keine Rolle. „Wir haben hier auf der Couch gesessen und er hat versucht, mich mit seiner Zunge zu besiegen“, erklärte Akuma trotzdem noch einmal wahrheitsgemäß. „Hast du so was auch machen müssen?“

„Äh, nein.“ Tarek war jetzt vollkommen verwirrt. Bahadur hatte Akuma geküsst, da war er sich jetzt klar. Aber warum? „Hat er gesagt, warum er dieses Training gemacht hat?“, fragte er und er hatte nur ganz unmerklich vor dem Wort Training gestockt. Wenn Akuma anscheinend nicht selber darauf kam, was hier gestern abgelaufen war, wollte er ihn jetzt nicht gleich mit der Nase drauf stoßen. Erst einmal musste er mehr erfahren.

„Nein. Er fing an, kämpfte mit mir und dann brach er ab und ging ins Bett.“ Akuma hatte sich schon wieder den Bericht gegriffen, denn es war müßig für ihn, sich über Bahadurs Trainingsmethoden den Kopf zu zerbrechen. „Hat er schon ein Team für morgen zusammen gestellt? Hat er was davon gesagt, ob ich eingeplant bin? Der soll sich wagen und mich hier lassen. Dann bekommt er aber Ärger.“

„Nein, hat er noch nicht. Er wollte mir die Liste später mailen. Wahrscheinlich will er das mit dir besprechen. Nehme ich zumindest an. Frag ihn, wenn er nachher  wieder hier ist.“ Tarek war froh, das Thema zu wechseln. Er musste nachher mit Bahadur reden. Das, was der Colonel da gemacht hatte, war nicht in Ordnung. Das ließ er mit seinem Freund nicht machen. Allerdings wollte er dem Prinzen auch die Chance geben sich zu erklären, nicht unbedingt Tarek gegenüber, wenn diesen das ganze nichts anging. Doch Akuma sollte er besser heute als morgen reinen Wein einschenken, denn Tarek wusste nur zu gut, dass Bahadur einen Keil zwischen sie trieb, wenn er Akumas labiles Vertrauen in den Colonel so ausnutzte.

„Das werde ich auf jeden Fall machen.“ Akuma nickte entschlossen. „Und du wirst mir helfen ihm klar zu machen, dass er mich nicht hier lassen kann, klar?“ Dabei sah er Panja forschend an.

Panja sah ihn an und ihr Schwanz peitschte aufgeregt hin und her. Sie robbte noch ein wenig näher und legte sich quer über Akumas Schoß. Tarek grinste, weil sich Finger in das dichte Fell verirrten und der Parder gekrault wurde. „Ich werde mein bestes tun. Aber ich denke nicht, dass das notwendig ist. Er wird bestimmt nicht ohne dich losfahren.“

„Wenn er ein schlauer Junge ist und keinen Ärger vom Zaun brechen will, dann wird er nicht ohne mich fahren“, sagte auch Akuma und lehnte sich etwas zurück, damit er lesen und Panja streicheln konnte, die das sichtlich genoss. Er hatte es aufgegeben, ihr zu sagen, dass sie zurück in ihre Kuppel gehen konnte. Wohl weil sie ihm sowieso nicht zuhörte. Einen anderen Grund konnte er sich gar nicht denken.

„Wie sieht das eigentlich mit den anderen Tunneln aus, die Erdogan als Skizzen geschickt hat. Hat man die Bahnhöfe schon gefunden und gesichert?“

„Noch nicht alle. Zwei haben wir schon gefunden. Bei dem dritten suchen wir noch den Einstieg.“ Tarek war froh Akuma eine Erfolgsmeldung überbringen zu können. „Sie sind ungefähr in dem gleichen Zustand wie der erste Bahnhof. Intakt aber lange nicht benutzt. In jedem war ein Zug. Wenn ich alle Berichte habe, schicke ich sie dir.“

Akuma nickte nachdenklich. Sie hatten sich wirklich zu sicher gefühlt, während es im Untergrund brodelte und werkelte. Derart große Maschinen mussten doch Vibrationen verursachen. Hatte man das nie gespürt? „Wir müssen alle Gänge in und aus unserer Kuppel zu anderen sichern. Lass mir alles da, was du hast. Ich werde das sichten und zusehen, dass ich einen Sicherheitsplan erstellen kann, ohne dass die Missionen in anderen Kuppeln verschoben werden müssen. Leicht wird das nicht, aber es sollte funktionieren.“

„Okay, ich spiel dir rüber, was ich habe und schicke dir alles, was ich noch bekomme.“ Tarek holte seinen Palm raus und tippte gleich darauf rum, um die Daten weiter zu leiten. „Ich werde dann mal wieder gehen und versuchen noch mehr Daten für dich zu sammeln.“ Aber eigentlich wollte Tarek los und Bahadur stellen, bevor der wieder auf Akuma traf.

„Ja, mach das – haben die Jungs Kameras in den anderen Bahnhöfen installiert? Kann man da schon mal gucken?“ Er war neugierig und wollte wissen, ob die anderen Hallen anders aussahen oder die Gottgleichen ein bewährtes Modell nur kopiert hatten. Dann würde es reichen eines intensiv zu studieren, dann sollten sich die anderen von selbst ergeben. „Ich lass den PC laufen, schick was du finden kannst.“

„Zu Befehl, General.“ Tarek salutierte grinsend. Akuma schien es besser zu gehen. Er war voller Tatendrang und das war bei ihm ein gutes Zeichen. „Ich schicke alles, was ich kriegen kann. Sortieren kannst du selber.“ Er tippte sich an die Stirn und verließ dann die Wohnung. Kaum dass er draußen war, schickte er Bahadur eine Nachricht, dass sie sich treffen mussten. Nach einer halben Minute schickte er noch den Vermerk „dringend“ hinterher, damit dem Prinzen klar war, dass die Luft brannte. Er würde im Trainingsraum warten – dort waren sie ungestört. Also schlug Tarek die Richtung an und informierte den Colonel. Noch wusste er nicht, wie er anfangen sollte und hoffte, dass es ihm eingefallen war, eh er dem Prinzen gegenüber stand.

Er hatte noch ein paar Minuten Zeit sich etwas zu überlegen, bis er Bahadur im Trainingsraum gegenüberstand. „Hallo Tarek“, wurde er begrüßt. „Was gibt es denn wichtiges?“ Der Prinz wischte sich den Schweiß von der Stirn und hängte sich das Handtuch um den Hals. Er fühlte sich wieder besser. Sein Kopf dröhnte nicht mehr und die Müdigkeit hatte sich verflogen.

„Hallo Colonel. Ich war grade bei Akuma, kannst du dir vorstellen, was er mir erzählt hat und warum ich dich sprechen will?“, forschte er erst einmal. Vielleicht ging das Thema ja auch in Bahadur um und der wollte von sich aus erzählen. Das wäre Tarek noch lieber als den Prinzen direkt darauf ansprechen zu müssen, was passiert war. Er war nervös und versuchte sich das nicht anmerken zu lassen, als er sich die Jacke auszog. Hier unten war es warm.

Bahadur sah Tarek fragend an und man sah, wie er überlegte, was Tarek meinen könnte. Es dauerte en paar Sekunden, bis er plötzlich die Augen aufriss. „Das hat er dir erzählt?“, fragte er schockiert und kurz hatte man den Eindruck, dass es ihm peinlich war.

„Höchst wahrscheinlich nicht so, wie du das gemeint haben könntest. Er dachte, das wäre eine besonders sinnlose Trainingseinheit für Teamplayer und Nahkämpfer. Er hat sich gefragt, welchen Sinn es machen soll, den Gegner mit der Zunge zu bekämpfen, wenn man ihn ebenso gut erstechen kann“, sagte Tarek. „Um es auf den Punkt zu bringen: er hat keinen Schimmer, was da eigentlich gelaufen ist.“ Tarek holte tief Luft und sah den Colonel eindringlich an.

Bahadur wirkte völlig fassungslos und sagte erst einmal gar nichts. „Wie verdreht ist das denn?“, sagte er schließlich und schüttelte den Kopf. „Er hat das für Training gehalten?“, fragte er lieber noch mal nach. Er wusste ja, dass Akuma anders war, aber dass er nicht wusste, was ein Kuss war, schockierte ihn. Bahadur fühlte sich so schon ziemlich beschissen, weil er das getan hatte und da war es egal, dass er betrunken gewesen war, aber jetzt bekam das ganze noch einen viel schaleren Beigeschmack und ließ sein schlechtes Gewissen noch mehr wachsen.

„Ich dachte, du hättest dich über ihn informiert“, sagte Tarek und es sollte genau so vorwurfsvoll klingen wie es auch klang. „Du weißt, dass er nur für seine asketische Ausbildung als Ninja und seinen Job gelebt hat und immer noch lebt. Er hat sich für anderes niemals die Zeit genommen, weil er sie nicht hatte. Ich bin mir ziemlich sicher dass er mit keiner Silbe daran gedacht hat, dass es etwas zwischen den Menschen Akuma und Bahadur sein könnte, anstatt eine Teamplayerlektion zwischen einem General und seinem Colonel.“ Tarek lehnte sich an die Wand in seinem Rücken. Er fühlte sich nicht wohl dabei seinen Freund vor Bahadur zu sezieren, doch es musste sein, wenn die beiden nicht eines Tages mit eingeschlagenen Köpfen gefunden werden sollten, weil ihre Welten zu verschieden waren. „Zwischenmenschliches ist Akuma völlig fremd. Er funktioniert, er lebt nicht.“ Tarek rollte die Schultern und wandte sich ab.

„Aber wer kann denn ahnen, dass er aber auch so völlig von nichts ‘ne Ahnung hat?“, murmelte Bahadur und wedelte abwehrend mit den Händen, als Tarek sich mit gerunzelter Stirn zu ihm umdrehte. „Das war nicht abwertend gemeint“, beteuerte er gleich. „Ich bin nur vollkommen überrascht und das macht es mir nicht leichter, nachher mit ihm zu sprechen.“ Bahadur hatte noch gar keine Ahnung, was er machen sollte.

„Hm“, machte Tarek und rutschte an der Wand zu Boden, wo er sitzen blieb und zum Prinzen aufblickte. „Ich rate dir, mit ihm darüber zu reden und das aufzuklären.“ Seine Stimme war leise. „Er scheint dir zu vertrauen, denn sonst würde er nicht fraglos solche für ihn hirnrissige Lektionen mit dir machen. Dieses Vertrauen zu missbrauchen wäre ein Riss zwischen euch, den ihr nicht mehr überwinden könnt. Akuma ist extrem misstrauisch. Ihn einmal zu enttäuschen war der letzte Fehler, den man gemacht hat. Das sage ich dir, weil ich will, dass er glücklich werden kann. Ich weiß nicht warum, aber du tust ihm gut. Genau so wie deine Katze. Er redet unglaublich viel und er macht Witze. Ich erkenne ihn kaum wieder, aber so gefällt er mir. Mach das nicht kaputt, Prinz.“ Er konnte nur eindringlich auf den Colonel einwirken und hoffen, dass der Mann das, was er momentan in Händen hielt, nicht leichtfertig verspielte.

„Das habe ich auch nicht vor.“ Bahadur ließ sch neben Tarek an der Wand herunterrutschen. „Das er mir nicht mehr misstraut war ziemlich harte Arbeit und es gab jede Menge Rückschläge. Ich hab ihn gezwungen mit mir zu reden und er hat sich gesträubt, das kannst du mir glauben.“ Bahadur grinste leicht und lehnte seinen Kopf gegen die Wand. „Genau wie du, möchte ich, dass es ihm gut geht, denn mittlerweile mag ich diesen Sturkopf. Allerdings musste ich selber erst einmal viele Dinge begreifen, bevor ich dazu bereit war.“

Tarek blickte neben sich und schwieg eine Weile. Er beobachtete den Colonel, doch er schien nicht richtig zu begreifen, was der junge Mann sagte. Also fragte er nach. „Was war deine Intension – warum hast du das getan? Nicht als Trainingseinheit für Teamplayer, so viel habe ich auch schon begriffen.“ Er grinste schief.

„Also an eine Trainingseinheit habe ich dabei definitiv nicht gedacht. Allerdings kann ich dir auch gar nicht so genau sagen, warum ich es getan habe. Es hat sich einfach aus der Situation heraus ergeben.“ Bahadur wusste, dass seine Antwort gar nichts erklärte, aber warum sollte es Tarek besser gehen als ihm selbst und dass es daran gelegen hatte, dass er betrunken gewesen war, wollte er nicht als Erklärung anführen, denn das war armselig und entsprach nicht ganz der Wahrheit. 

„Okay“, sagte Tarek nur und nickte. Bahadur schien verwirrt, da wollte er nicht anfangen zu sticheln und zu stochern. Der hatte bestimmt schon genug mit sich selber zu tun. „Ich lass dich noch in bisschen allein, damit du einen klaren Kopf kriegen kannst. Derweil versorge ich Akuma mit Daten, dann ist er abgelenkt und abgelenkt ist immer gut.“ Er grinste und schlug dem Colonel auf die Schulter.

„Ha ha.“ Bahadur grinste schief. „So sehr kannst du ihn gar nicht ablenken, aber trotzdem danke. Ich werde heute Abend mit ihm reden.“ Es nutzte nichts, das durfte nicht zwischen ihnen stehen, denn er wollte nicht, das Akuma sich wieder in sich selbst zurück zog.

„Du machst das schon.“ Mehr sagte Tarek nicht. Denn wenn Bahadur schon nicht wusste, was er in Akuma sah, dann wusste es Tarek erst recht nicht. Er konnte nur hoffen, dass er in Bahadur ebenfalls einen Freund fand, jemanden der ihm Halt geben konnte. Akuma brauchte endlich jemanden, dem er sich öffnen und von dem er das Leben lernen konnte. Bahadur wäre ideal, denn er war ebenso stur wie Akuma und gab ihn nicht auf. „Viel Glück.“ Tarek erhob sich und ging, er hatte noch einiges zu tun. Denn wenn er schon dafür sorgte, dass ein unterinformierter Akuma ein wütender Akuma war, hatte der Colonel einen noch schwereren Stand.

Bahadur sah Tarek hinterher und war dann  wieder alleine in der Trainingshalle. Eigentlich wollte er noch trainieren, aber er blieb an der Wand gelehnt sitzen und versuchte zu ergründen, was ihn zu seinem gestrigen Handeln veranlasst hatte. Er konnte und wollte es nicht dem Alkohol zuschreiben. Zwar vertrug er den nicht wirklich gut, aber so betrunken war er auch nicht gewesen. „Ach verdammt“, fluchte er leise und stand auf. Es hatte doch keinen Sinn es rauszuschieben. Er besorgte jetzt was richtig Gutes zu essen und dann stellte er sich Akuma.