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Zyklus VII - Hangzhou Provinz - Teil 22-24

22 

„Erdogan“ Leander zuckte ein Augenlid und er versuchte sich wieder zu beruhigen. „Du! Wirst! Nicht! Fahren!“, legte er noch einmal fest. „Wie willst du deinem Vater erklären, dass du sechs Tage nicht da bist. Er weiß doch nicht einmal etwas von den Jiang Shi. Mach dir lieber Gedanken darüber wie wir den Besuch geheim halten können. Ich möchte nämlich nicht, dass dem Thronfolger und dem Heerführer unserer ersten Verbündeten irgendetwas passiert… Meodin, du bleibst bitte auch hier!“ Das Seepferdchen verschränkte die Arme vor der Brust und schürzte die Lippen. „Warum?“

Leander knurrte leise und holte tief Luft. Das ging jetzt schon eine halbe Stunde so und er hatte bisher keinen überzeugen können, Zuhause zu bleiben. „Noch einmal, Meodin. Die Gottgleichen warten wahrscheinlich nur auf eine Gelegenheit dich wieder in die Finger zu bekommen. Darum bleibst du hier und wir können das verhindern.“

„Leander, mach 'ne Pause.“ Archiaon legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. Beim Seepferchen musste man andere Knöpfe drücken. Dem war mit Logik nicht beizukommen. Dafür war er noch zu jung und ungestüm. „Hör mal, Meo“, sagte der Atlanter also und setzte sich auf einen der Stühle am großen Tisch. „Erdogan wird hier bleiben, weil er sich um die Experimente kümmern muss.“ Dabei warf er dem Prinzen einen warnenden Blick zu, jetzt ja nichts Falsches zu sagen. „Wenn du sechs Tage lang weg bist, wird er verrückt vor Sorge. Erinnere dich daran, als du weg warst, als du bei uns in Atlantis warst. Er ist fast gestorben vor Angst. Möchtest du das wieder?“

Meodin sah zu Erdogan rüber, der nickend zu ihm sah. Nein, er wollte nicht, dass Erdogan sich Sorgen machte. Aber er wollte auch mal wieder raus hier.

Erdogan ging es da nicht anders, aber im Gegensatz zu seinem Schatz wusste er, dass er nicht mit konnte. Er hatte sich eigentlich nur gewehrt um Leander zu ärgern, der sich immer so köstlich aufregte. „Wir sollten hier bleiben, mein Herz, auch wenn wir lieber fahren würden.“ Der Prinz zog Meodin an sich und küsste ihn sanft. „Wir werden dort hin kommen, das verspreche ich dir.“

„Aber wirklich“, sagte Meodin. Die Vorstellung allein ohne Erdogan zu fahren, war für ihn ebenfalls unerträglich. Seit seiner Entführung fiel es Meodin immer noch schwer, allein zu sein. Es hatte sich zwar schon wieder gebessert, aber wirklich entspannt war er nur, wenn Erdogan bei ihm war. Eine Woche auf ihn zu verzichten, gefiel also auch Meodin nicht.

„Du führst ab jetzt immer die Seepferchen-Gespräche“, erklärte Leander Archiaon und fragte sich, warum er sich immer wieder auf Diskussionen einließ, die andere dann zu Ende brachten. Er sah also weiter auf den Monitor, wo weiter die Bilder von Akumas Kamera eingingen. Auch sie zeichneten auf, um die Daten hinterher auswerten zu können.

„Ein gut gedrilltes Team“, sagte Erdogan anerkennend und spulte etwas zurück. „Guck dir an, wie schnell er ist. Beängstigend.“ Die Sequenz, die er rausgesucht hatte, zeigte Prinz Bahadur, wie er durch das große Dock lief, allerdings so schnell, dass es für einen normalen Menschen viel zu schnell war.

„Du weißt, dass er kein Mensch ist, Erdogan“, sagte Leander leise und blickte ebenfalls weiter auf den Monitor. Zu sehen, dass es in anderen Kuppeln ähnliche Ausstattung gab wie in ihrer, irritierte ihn noch immer. Einmal mehr war ihm klar, dass ihre Völker den gemeinsamen Kampf führen mussten. Allein hatten sie keine Chance. Die Jiang Shi waren gute Kämpfer, hatten aber zu wenige Informationen über die Kuppeln. Die Menschen in Neo New York hatten ausreichend Informationen, doch keine Namen und keine Ziele, die sie ausschalten konnten. Es war wie Schattenboxen in einem dunklen Raum.

„Ja, das weiß ich, aber es zu sehen, was er kann, ist doch was anderes.“ Erdogan riss sich vom Bildschirm los. „Ich würde dieses Serum gerne probieren. Es muss fantastisch sein, das alles zu können.“ Seine Augen leuchteten schon wieder so komisch und Leander knurrte. Es war als würde er an allen Fronten sabotiert. Kaum war eine Katastrophe abgewendet, da fand der Prinz die nächste. Im Moment war er wie ein Tretminendetektor und der Soldat wischte sich durchs Gesicht, ehe er seinen Freund ansah.

„Es ist fraglich, ob es für Menschen wie uns überhaupt möglich ist, es zu nehmen oder ob es Nebenwirkungen gibt. Die Symbiose der Jiang Shi besteht seit Jahrtausenden. Ich gehe davon aus, dass sich die Menschen des Clans ebenfalls in ihrer Physiologie angepasst haben.“ Doch er wusste, dass Erdogan das Thema eines Tages darauf lenken würde und dann sollte sich der fremde Prinz dazu äußern. Noch sah Leander nicht die Notwendigkeit, es zu nehmen. Sie hatten noch keinen klaren Gegner.

„Wir werden sehen“, war darum auch die Antwort, die Leander erwartet hatte. „Ich fahre mit und mir ist scheißegal, ob euch das passt oder nicht“, brüllte es von der Tür und Leander seufzte. Der nächste Egomane. „Das wirst du nicht, Jack“, sagte er einfach so, auch wenn er wusste, dass nicht auf ihn gehört wurde. Woher wusste der Kerl überhaupt, was gerade besprochen worden war?

„Jungelchen, stell dich nicht zwischen mich und die Freiheit“, knurrte Jack und Leander sah ihn wütend an.

„Pass auf, was du sagst. Du bist schneller wieder in deiner Aussteigerkuppel als dir lieb ist.“ Jack hatte ihn heut auf dem komplett falschen Fuß erwischt. Leander hatte sich bereits mit zwei übersteigerten Egos herumgeschlagen. Im Moment fühlte er sich wie im Zoo. Und irgendwie erwartete er, dass die beiden atlantischen Senatoren mit Erdnüssen nach den ausgestellten Tieren werfen würden. Das war keine Missionsbasis, das war ein Irrenhaus!

Jack schnaubte nur und sah zu Erdogan, der aber nur den Kopf schüttelte. „Leander hat das Sagen. Das ist eine militärische Aktion, also bestimmen wir, wer mitfährt und wer nicht. Da gibt es auch keine Diskussionen, sonst fliegst du aus dem Team.“

Eigentlich wäre das ein Grund für Jack, trotzig das Handtuch zu werfen. Doch dann war er wirklich raus, flog aus dem Labor und aus der Kuppel und er konnte sich nicht mehr mit den Daten beschäftigen. Er konnte nicht mehr zurück in sein früheres Leben, nicht seit er wusste, was noch alles möglich war. „Ich trete für die erste Fahrt zurück. Bei der zweiten werde ich dabei sein“, erklärte er und wollte wieder abtauchen, doch da entdeckte er die Live-Bilder und gesellte sich schweigend zu den anderen.

„Einsatzbesprechung in einer halben Stunde hier. Ich informiere die Moles und Thom und Daniel.“ Sie mussten das kurzfristig klären und dann das Boot einsatzbereit machen.

„Okay.“ Erdogan nickte. Er selber überlegte, ob sein Vater erfahren sollte, dass sie neue Verbündete gefunden hatten, aber schweren Herzens entschied er sich dagegen. Die Gottgleichen würden es erfahren und alles daran setzen, die Jiang Shi zu eliminieren. Das Risiko konnten sie nicht eingehen. Nicht so lange sie nicht wussten, wo überall der Feind saß und nicht wenn nur zwei der wichtigsten Männer des Volkes sie besuchten. Sie konnten unter anderen Umständen für deren Schutz nicht garantieren. Doch er würde seinem Vater vorsichtig auf den Zahn fühlen, sobald Akuma und Bahadur wieder in Sicherheit waren.

Es dauerte keine halbe Stunde, da war der Krisenstab vollzählig. Noch immer standen die meisten vor dem Monitor, als auch Ewan und Adrian das Observatorium betraten.

Sie wurden schnell auf den aktuellen Stand gebracht. „Wir müssen eine Mannschaft zusammenstellen, die Bahadur und Akuma abholen werden. Ich werde nicht dabei sein, aber Leander. Als Nachkomme eines Jiang Shi, sollte er mitfahren“, fing Erdogan die Besprechung an. „Wir sollten die Mannschaft nicht zu groß machen, nicht dass noch der Verdacht einer Invasion aufkommt.“ Erdogan grinste kurz, denn es war ein Scherz, aber durchaus mit einem wahren Kern. Er selbst wäre wahrscheinlich ziemlich irritiert, wenn eine ganze Armee bei ihm auftauchen würde.

„Ich würde gern drei meiner Männer mitnehmen, dann Jeremy, der hat Thom jetzt ein paar Monate über die Schulter geguckt und eine Schwäche für unsere Boote. Und dann noch Ewan“, begann Leander. Ein paar Männern sah man an, dass sie enttäuscht waren ihren Namen nicht gehört zu haben. Darunter Jack, auch wenn er eigentlich schon zurückgetreten war für den first contact. „Ich hätte gern noch einen Arzt, aber Daniel ist nicht abkömmlich für eine ganze Woche und wenn ich Bill seinen besten Mole wegzerre, dann brauch ich gar nicht wiederzukommen.“ Dabei sah er Adrian an, der verlegen grinste.

Das war in der Tat ein Problem. Wenn sie Daniel mitfahren ließen, dann  blieb ihnen noch Dr. Denester, aber der war noch nie bei ihnen in der Kuppel gewesen und eigentlich wollte Erdogan damit auch nicht anfangen. „Wir haben doch Roger unseren Sanitätsoffizier. Soll Daniel ihn noch einmal unter seine Fittiche nehmen und dann dürfte er fit für die Reise sein.“ Eine andere Möglichkeit hatten sie nicht, wenn sie nicht jemand Fremdes in ihre Kuppel lassen wollten.

„Ich kann’s versuchen“, sagte Daniel und grinste schief. „Ich weiß aber, dass er den Booten mit Skepsis gegenüber steht. Er sollte vielleicht mal einen Tag mit meinem Bruder und Jeremy in dem Schiff verbringen. Und wenn er sich dann damit anfreunden kann, kriegt er von mir noch den letzten Schliff. Außerdem haben wir jederzeit Kontakt zum Boot, ich kann auch Ferndiagnosen stellen über die Kameras. Aber ihr habt nichts gewonnen, wenn er in drei Tagen im Boot einen Lagerkoller kriegt und hyperventiliert.“ Leander hob eine Braue, verkniff sich das Grinsen. Jeder hatte eine Schwachstelle.

„Gut, dann wäre das geklärt. Ich habe Bahadur angeboten,  dass sich meine Männer die Boote ansehen, die in seinem Dock liegen. Die Boote sind groß genug, so dass noch ein paar zusätzliche Männer dort bleiben können. Die Boote checken und dann eins zu uns fahren. Das können Bahadur und Akuma dann gleich für die Rückfahrt nehmen.“ Das hätte Erdogan fast vergessen, aber das war keine schlechte Lösung. Die Jiang Shi konnten sich dann hier mit den Booten vertraut machen.

„Haben wir in irgendeiner Form eine Chance auf eine Ferndiagnose?“, fragte Ewan.

„Nein. Warum?“, wollte Archiaon wissen, der dem Mole nicht ganz folgen konnte.

„Es schmeckt mir nicht, unsere Männer dort zu lassen, ohne die Möglichkeit einer Flucht. Was wenn die Boote wirklich sabotiert sind? Ihr habt die Anlage hier schnell genug gefunden, sie hatten keine Zeit für Blödsinn. Sie hatten genug damit zu tun, die Daten zu löschen. Wenn ich das richtig verstanden habe, wussten die Jiang Shi von dem Dock gar nichts. Wer weiß, wie lange das noch genutzt worden ist. Wir haben vier Boote bei uns im Dock. Schick zwei und dann können immer noch drei zu uns zurück kehren, wenn unsere Männer erfolgreich waren.“

„Guter Vorschlag.“ Erdogan nickte zustimmend. Für zwei Boote war in dem fremden Dock noch Platz. „Dann brauchen wir eine zweite Mannschaft.“ Erdogan musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Jack gerade Luft holte, um etwas zu sagen. „Meinetwegen fahr mit Jack, aber wenn du auch nur gegen einen Befehl aufmuckst, oder ihn in Frage stellst, war es das mit Reisen für dich.“

„Wir setzen ihn unterwegs aus“, knurrte Leander und Jack sah ihm fest in die Augen. Der Jungspund sollte mal nicht so vorlaut sein.

„Ein paar meiner Männer wären sicherlich auch bereit, eines der Boote zu begleiten“, sagte Ewan und Adrian guckte sehnsüchtig. „Wir können mit Bill reden, aber versprechen kann ich nichts.“

„Das ist mehr, als ich erwartet habe.“ Adrian strahlte. Er würde gerne mitfahren, aber wenn es nicht klappte, dann vielleicht ein andermal. Ewan schlug seinem Freund auf die Schulter und grinste. „Gut, dann kommen in das zweite Boot die, die einige Zeit länger bei den Jiang Shi bleiben.“ Erdogan war mit dem Ergebnis zufrieden. „Ich werde nachher Bahadur anrufen und ihm sagen, dass wir mit zwei Booten kommen.“

Sie besprachen sich noch eine Weile und nach einer weiteren Stunde standen beide Mannschaften. Die Männer, die noch nicht im Beratungskreis versammelt waren, wurden über eine separate Unterredung informiert. Sie sollten vor die Wahl gestellt werden, aber es glaubte eigentlich keiner, dass sich jemand dieses Abenteuer entgehen lassen würde.

Nur Bill war nicht erbaut darüber, dass er seine beste Kraft im Labor für eine Woche einbüßen sollte, doch er vermied es, den Mole damit unter Druck zu setzen, dass das Serum für sein Volk dann noch länger dauerte. Er wusste, dass er Adrian auch einmal etwas gönnen musste, schließlich lebte der Mole schon fast im Labor. Er war morgens der erste, der zusammen mit einem Schließbefähigtem kam, er war der letzte, der abends mit dem Besen aus dem Labor gescheucht werden musste. Vielleicht tat ihm eine Veränderung wirklich einmal gut.

Allein schon zu sehen, wie er strahlend, aufgeregt und völlig planlos durch das Labor rannte, sagte Bill, dass es wohl die richtige Entscheidung gewesen war. „Los geh zu deinen Freunden und erzähl es ihnen, aber in einer Stunde hätte ich dich gerne wieder hier“, rief Bill ihm zu und winkte Adrian. Er selber wollte sowieso gerade etwas recherchieren, da brauchte er seinen Assistenten nicht.

Derweil unterhielten sich im Observatorium Erdogan und Archiaon mit den Jiang Shi. Sie unterrichteten Akuma und Bahadur, die immer noch im Dock umher streiften, sich aber allmählich auf den Heimweg machen wollten, über die Planung und die beiden konnten gut damit leben.

„Ich möchte euch noch jemanden vorstellen, der euch ebenfalls abholen wird… Ewan, kommst du mal?“ Erdogan winkte den Mole zu sich. Die Maulwürfe waren Freunde, sie waren Teil ihres Teams, sie waren Teil ihrer Mission - die Jiang Shi sollten sie kennen lernen. „Das ist Ewan, er ist ein Mole und der Führer unserer Verbündeten“, erklärte er und Ewan nickte den beiden zu.

Er wurde neugierig beäugt, allerdings nicht so, dass es unangenehm war. „Wir freuen uns, euch hier bei uns begrüßen zu können“, wurde er von Bahadur begrüßt. „Werdet ihr wieder mit uns zurückfahren, oder erst mit dem zweiten Boot? Ich frage nur, weil wir euch den Aufenthalt hier angenehm machen wollen. Dazu müsstet ihr uns mitteilen, was wir vorbereiten sollen.“

„Ein Teil meiner Männer wird bleiben. Sie haben in den letzten Monaten intensiv die Technik der Menschen und der Gottgleichen studiert und sind neben hervorragenden Kämpfern auch ganz passable Mechaniker“, antwortete Ewan und entspannte sich, weil er nicht wie ein Zoo-Tier angestarrt sondern mit Missionsfragen konfrontiert wurde. Er fühlte sich sofort akzeptiert und das spürten auch Archiaon und Erdogan. „Wenn ihr es meinen Männern angenehm gestalten wollt, dunkelt ihre Unterkünfte ab. Wir sind gezüchtet worden, um zu graben. Wir sind an das Leben im Untergrund angepasst. Helles Tageslicht schmerzt in den Augen. Wir tragen zwar Brillen, aber dunkle Räume dienen zur Entspannung. Lebensmittel werden wir mitbringen.“

Bahadur nickte und notierte sich ein paar Dinge auf seinem Palm. „Ich werde entsprechende Unterkünfte vorbereiten lassen. Wir brauchen dann nur noch die Anzahl der Moles, dann ist alles perfekt.“ Erdogan lächelte und atmete tief durch. Das war ja alles kein Problem bisher. Die Jiang Shi gaben sich wirklich Mühe ihre neuen Verbündeten zufrieden zu stellen.

„Anreisen werden sieben, aber ich glaube, es werden nur vier im Dock bleiben. Es ist angedacht, dass ich mit zurück reisen werde aus Gründen, die wir euch bei Interesse noch erklären, wenn ihr hier seid.“ Schließlich war er derjenige, der die Dosen des Serums regelmäßig zu seinem Volk schleuste. Das konnte er unmöglich aussetzen. „Des Weiteren wird einer unserer Geologen bleiben, um sich ein bisschen umzusehen, und zwei weitere Mechaniker.“

„Vergiss Roger nicht, den Sanitätsoffizier. Adrian müssen wir gleich wieder mit heim bringen, sonst streikt unser Genetiker!“, erinnerte Erdogan. Es war ja nicht so, dass er sprang, wenn Frankenstein pfiff, aber wenn der schon mal kooperativ war, wollten sie das auch nicht überstrapazieren.

„Okay, dann wissen wir, was wir vorbereiten müssen. Ich freue mich schon darauf, euch persönlich zu treffen.“ Bahadur verabschiedete die Neo New Yorker und lehnte sich zurück. „Jetzt nach Hause, etwas essen und dann ins Bett“, murmelte er und sah zu Akuma. „Ich bin kaputt.“

„Wovon bist du denn kaputt?“, stichelte Akuma und grinste. Doch ihm steckte der Tag auch in den Knochen. Sie waren jeden Zentimeter des Docks abgelaufen, hatte Bilder von allen nur erdenklichen Ecken gemacht, die Schiffe von außen untersucht und allmählich wurde es Zeit. Die Vorhut war schon mit dem Lift nach oben gefahren. Gerade kam der Lift wieder nach unten.

„Wir rücken ab. Alle in den Aufzug“, rief Bahadur seinen Männern zu und stieg als letzter in den Lift, der sie nach oben und wieder ein Stück näher an Zuhause brachte. „Für deine Entspannung reicht es noch“, flüsterte er Akuma ins Ohr und lachte.  Das würden ein paar aufregende und arbeitsreiche Tage werden, bis sie abgeholt wurden.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass du das nicht nur für mich machst“, grinste Akuma, doch er würde sich sicherlich nicht wehren. So lange wie er sich noch nicht richtig auspowern konnte, weil sein Körper ihm die Grenzen zeigte, so lange war ihm die Entspannungsübung des Colonels eine willkommene Ablenkung.

Sie sicherten die Anlage hinter sich, prüften die Funksignale der Überwachungskameras, die sie zurückgelassen hatten und betraten dann die Bahn. Jeder suchte sich einen Platz und die Anspannung war um einiges geringer als auf der Hinfahrt.

„Och, ich habe daran genauso viel Spaß wie du.“ Warum sollte Bahadur das nicht zugeben. Gestern war er zwar nicht richtig auf seine Kosten gekommen, aber es hatte ihm gefallen. Der Prinz hatte sich zu Akuma gebeugt, damit man sie nicht hören konnte, denn Tarek beäugte sie immer noch neugierig. „Das ist eigentlich Sinn und Zweck der Sache, beide sollen Spaß haben und sich gut fühlen.“

Akuma blickte ihn offen an, als er sich anschnallte. „Und? Fühlst du dich gut?“, wollte er wissen, denn er hatte es bereits einmal gesagt und stand noch immer dazu: sie waren jetzt ein Team und es war auch seine Aufgabe dafür zu sorgen, dass der Colonel sich wohl fühlte. Umso besser konnte der dann auch seine Aufgaben erfüllen.

„Laster, du weißt Bescheid“, sagte Akuma nur. Der Techniker sollte sie nach Hause bringen.

„Ja, ich fühle mich gut und ich hatte genauso viel Spaß wie du gestern.“ Bahadur kam noch etwas näher und wurde noch leiser. „Das, was wir gestern gemacht haben, ist eins von vielen Dingen, die wir tun können. Lass dich einfach überraschen und vertrau mir. Heute Abend bekommst du eine weitere Variante.“

Der Prinz lachte leise und lehnte sich wieder zurück. Er brauchte jetzt ein wenig Ruhe, um später seinen anspruchsvollen Teampartner zufrieden zu stellen.

Akuma konnte nicht leugnen, dass er gespannt war, was Bahadur noch mit ihm vor hatte. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Es war immer seine oberste Prämisse gewesen, sich niemals von einem anderen Menschen abhängig zu machen, doch der Colonel begann eine Position einzunehmen, die Akuma im Leben nicht einem anderen Menschen überantworten wollte. Nachdenklich sah er den jungen Mann an und strich dabei wieder vorbei an Tareks Blick. Fragend hob er die Brauen.

Aber sein Freund winkte wieder ab und widmete sich seinem Palm. Tarek wusste, dass Akuma ihn wohl darauf ansprechen würde, aber er hoffte, dass der General in den nächsten Tagen zu abgelenkt war von den Reisevorbereitungen.

„Weißt du, was mit Tarek los ist?“, fragte Akuma Bahadur. „Er sieht ständig zu uns rüber.“ Der Prinz öffnete ein Auge und zuckte die Schultern. „Vielleicht wundert er sich, dass wir so friedlich sind.“ Er lachte leise und schloss wieder die Augen.

„Sehr witzig“, knurrte Akuma, der durchaus merkte, wenn er verladen werden sollte. Der Kerl wusste etwas und sagte es nicht. Das war aber nicht teambildend. Er nahm sich vor bei Tarek nachzuhaken, gleich morgen früh. Wer wusste schon, was seinem Freund durch den Kopf ging. Doch weil er sich jetzt nicht weiter damit befassen wollte, schloss auch Akuma die Augen und spürte dem Start nach. Ein merkwürdiges Gefühl, aber schon irgendwie vertraut.


23

„Wo bleiben die denn?“, knurrte Bahadur und fing wieder an, hin und her zu laufen.  Heute war es endlich soweit, die Neo New Yorker kamen. Wenn die Schiffe endlich hier ankommen würden. Aber davon war jetzt noch nichts zu sehen. Schon wieder schaute der Prinz auf die Uhr und knurrte. Er mochte es gar nicht zu warten.

„Prinz, hock dich hin“, knurrte Akuma, den der Unruheherd im Dock allmählich wahnsinnig machte. „Bei dir wirken ja nicht mal deine eigenen Entspannungsübungen.“ Er selbst stand neben seinem Rucksack, genoss seit zwei Tagen die Bewegungsfreiheiten, die er ohne den lästigen Gips hatte und blickte weiter auf das Dock. Sie hatten gelernt, dass unter der Wasserfläche ein Tunnel abging, der noch einmal mit einem Schott vom offenen Meer getrennt war. Dieses Tor würde sich öffnen, wenn sich ein Boot näherte. Der Andockvorgang liefe automatisch. Er war gespannt.

„Wie kann man nur so unaufgeregt sein?“, knurrte Bahadur, kam aber zu Akuma rüber. „Unsere Entspannungsübungen wirken schon bei mir, aber das hier ist so aufregend.“ Genauso aufregend, wie mit Akuma in der Urwaldkuppel zu sein. Sie hatten Panja weggebracht, aber nicht ohne der Katze hoch und heilig zu versprechen, dass sie wieder abgeholt wurde. An dem Wasserfall, den er Akuma versprochen hatte, hatte er viele Bilder geschossen, wie der General und Panja durch das Wasser getobt waren.  Es waren tolle Stunden gewesen, die sie dort verbracht hatten. Es war sowohl ihm als auch Akuma schwer gefallen, die Katze ziehen zu lassen. Doch als sie an einem Baum nach oben gekrabbelt war und dann mit dem Lichtspiel in der Baumkrone verschmolz, hatten sie den Rückzug angetreten – etwas betreten und ziemlich schweigend.

„Bahadur, sie kommen, wenn sie da sind. Du kannst sie nicht beschleunigen. Du kannst aber mal den Bildschirm da hinten aktivieren und Archiaon kontaktieren. Vielleicht kann der dir sagen, wo sie gerade stecken und an welcher idyllischen Insel sie schnell noch ein Päuschen gemacht haben.“ Akuma sah sich um. Ein paar Soldaten hatten sie begleitet und würden die fremden Mechaniker dann in Empfang nehmen und betreuen. Tarek hatte die Leitung der Operation.

„Ha ha! Du bist doof.“ Bahadur verschränkte die Arme vor der Brust und sah Akuma finster an. Der General hatte eine Vorliebe entwickelt ihn zu ärgern. Nicht dass er was dagegen hätte. Nur jetzt war er dazu nicht aufgelegt, denn er war nervös. „Ich werde Archiaon nicht schon wieder auf den Nerv gehen.“

Akuma grinste zufrieden. „Brav“, formt er lautlos mit den Lippen und nur für Bahadur sichtbar. Sein Blick fiel wieder auf Tarek. Sie hatten vorgestern geredet und seit dem wusste Akuma auch, dass es sein Freund gewesen war, der den Prinzen erst mit der Nase darauf gestoßen hatte, dass sie wohl an einander vorbei interpretiert hatten. Viel hatte er selbst Tarek nicht erzählt. Akuma fand, dass der das nicht wissen musste. Teamplayer hin oder her.

„Im Tauchbecken ist gerade Licht angegangen“, rief einer der Soldaten, die am Beckenrand standen und neugierig in das dunkle Wasser geblickt hatten. Plötzlich leuchtete das Wasser, man konnte bis auf den gekachelten Grund blicken. Das waren bestimmt 20 Meter.

„Sie kommen“, murmelte Bahadur und lief zu dem Becken rüber. Er wollte der erste sein, der ihre Gäste begrüßte. „Kommst du?“, rief er über seine Schulter zu Akuma und winkte ihn zu sich. Ein großer, dunkler Schatten, schob sich in das Becken und Bahadur konnte nur über die Größe des Bootes staunen, dass langsam in das Becken einlief.

„Ganz ruhig Prinz, sie brauchen schon noch ein paar Minuten, bis beide Boote drinnen sind und angedockt haben“, entgegnete Akuma. Doch er befolgte die Anweisungen des Prinzen, denn der war noch immer der Befehlshabende. Bahadur hatte ihn vor ein paar Tagen darauf hingewiesen, dass der General aktuell noch nicht wieder im Dienst war und deswegen vielleicht etwas kürzer treten sollte. Akuma hatte das eingesehen und versuchte sich daran zu halten. Fast immer.

Langsam schob sich der Schatten näher. Das erste Boot tauchte in den Lichtschein und die Metallhaut glänzte. Sie hatten zwar die beiden Boote untersucht, die noch im Dock lagen, aber die waren kleiner als das, was da immer näher kam.

„Guck dir das an. Das ist riesig.“ Bahadur ließ das Boot nicht aus den Augen, das langsam immer höher stieg und schließlich stoppte. Klammern fuhren aus dem Dock und sicherten das Boot in seiner jetzigen Position. Jetzt kam auch das zweite Boot durch den Tunnel und lief mit der gleichen Präzision in das noch freie Dock ein.

Akuma filmte wieder alles mit seiner Videoeinheit. So konnte auch Naran direkt daran teilhaben, wenn die Abgesandten der Neo New Yorker ihren Boden betrat. Voller Anspannung blickten alle auf das erste Boot und die Tür in der Seite, die genau dort lag, wo auch eine kleine Treppe am Beckenrand nach oben führte. Akuma bewunderte die Präzision der Fertigung und der Andockmanöver. Es wurde Zeit, dass sie ihre Boote auch benutzen konnten. Es juckte ihn in den Fingern.

Kurz hielt er den Atem an, als die Tür sich öffnete und er zuckte, als das zweite Boot mit einem lauten Klicken andockte. Er hatte die Tür so intensiv angestarrt, dass er alles andere für wenige Sekunden ausgeblendet hatte.

Von Bahadurs nervöser Unruhe von vorhin, war nichts mehr zu merken. Groß, dunkel und ruhig stand er gegenüber der Tür und wartete darauf, dass sie sich gänzlich öffnete. Er konnte Bewegung hinter der Tür spüren und seine Muskeln spannten sich unmerklich an. Er war wachsam, denn der erste Kontakt mit Fremden war immer eine heikle Sache. Dann öffnete sich die Tür langsam, entsicherte und schwang auf. Ihm gegenüber stand Leander, schräg hinter ihm – so wie Akuma bei Bahadur – Thom.

„Ich grüße euch, Leander, und heiße euch in unserem Reich willkommen“, eröffnete Bahadur und Akuma schloss sich an.

„Auch euch gilt unser Gruß und unser Dank, dass wir euer Reich bereisen durften“, entgegnete Leander und trat aus der Tür, schritt die kleine Treppe hinab und sah sich unauffällig um. Sein Hauptaugenmerk galt immer noch seinem Gastgeber.

Die beiden Männer waren etwa gleich groß und von ähnlicher Statur. Man sah ihnen den Soldat an. Bahadur trat zu Seite damit Leanders Männer ungehindert aus dem Boot steigen konnten. Seine Augen weiteten sich unmerklich, als einer der Moles ausstieg. Er erkannte ihn als Ewan, den Anführer wieder und neigte grüßend den Kopf. „Willkommen bei den Jiang Shi, Ewan. “

„Ich danke euch, Prinz, auch euch gilt mein Gruß. Ebenso euren Männern“, entgegnete Ewan und lächelte. Die schwarzen Augen blickten neugierig durch die Halle, musterten die Männer, die ihn neugierig ansahen. Er hatte damit gerechnet und sah es ihnen nach. Er war eben etwas Besonderes. Sein Blick ging zur Seite, als sich auch die Tür des zweiten Bootes öffnete. Adrian trat heraus, ihm folgten ein paar Soldaten und Techniker und Jack.

Bahadur wartete, bis alle zusammenstanden und begrüßte auch die Gäste aus dem zweiten Boot. „Mein Vater bittet euch zu sich in den Palast. Der Zug wartet, um uns zu ihm zu bringen. Meine Männer bewachen das Dock, aber wenn ihr eigene Männer hier lassen wollt, dann ist das vollkommen in Ordnung.“

Leander sah sich um. „Wie sieht’s aus? Wollt ihr erst mal mit rüber kommen oder wollt ihr gleich anfangen?“, wollte er von den Technikern wissen und grinste, als er Jeremy und Thom schon etwas abseits erwischte, wie sie die kleineren Boote inspizierten. „Was?“, Thom blickte sich ertappt um.

„Leander, klemm dir Ewan, Adrian und Jack unter den Arm und macht den Antrittsbesuch. Wir gucken mal, was sich hier reißen lässt.“ Roger wollte bei den Soldaten und Technikern bleiben. Das war bestimmt spannender als Politik.

„Woher kenne ich sowas nur“, murmelte Bahadur grinsend und sah Leander an. Das war also der Nachkomme des Jiang Shi, der vor Jahrzehnten nach Neo New York geschickt worden war. „Ich wette, wenn wir wiederkommen, sitzen unsere Techniker einträchtig zusammen und fachsimpeln.“

„Wir werden kein Wort verstehen, aber sie werden alle kleine blinkende Geräte in Händen halten und ehrfürchtige oh’s und ah’s durch den Raum schweben lassen“, sagte Leander leise, Thom knurrte ihn trotzdem an. „Ich kann dich hören“, erklärte er und grinste, hatte schon das erste Gerät gezückt und sich zu Laster gesellt. Sie kannten sich schon vom Bildschirm. „Husch, geh!“ Er wedelte mit den Händen Richtung Fahrstuhl. Es war überraschend, wie ähnlich dieser Bau dem war, in dem sie ihre Boote gefunden hatten.

Bahadur lachte und winkte Laster zu. „Wenn ihr was findet, melde dich.“

„Klar, Boss“, war die knappe Antwort, dann war der Techniker auch schon wieder in seine Fachsimpelei versunken.

„Ich denke, wir sind entlassen“, nahm Bahadur es mit Gleichmut und holte den Aufzug. Hier wurden sie nicht mehr gebraucht. Akuma war wieder zu ihnen getreten, doch er hielt sich wie besprochen im Hintergrund. Aus dem Augenwinkel musterte er die beiden Moles. Er fragte sich, was dies für Wesen waren. Bisher hatten sie es nicht gewagt zu fragen, das wäre sowohl ihm als auch Bahadur als zu direkt erschienen. Doch er würde seine Chance nutzen, wenn sie sich besser kannten.

„Mit der Vakuumbahn seid ihr uns ein ganzes Stück voraus“, begann Leander zu erzählen, als sie nach oben fuhren. „Für unsere Kuppel sind die Aufzeichnungen lückenhaft. Wahrscheinlich weil unsere Kuppel eine ihrer Hauptquartiere war und sie davon ausgingen, dass jeder den Fluchtweg kannte.“

„Ihr meint“, setzte Akuma und Leander hob die Hand, „Nicht so förmlich – ich bin Leander, das reicht.“ Akuma nickte.

„Du meinst also, ihr kennt die Bahnhöfe bei euch nicht, weil aus Sicherheitsgründen Fakten aus dem System entfernt wurden?“ Leander schüttelte den Kopf, als sie aus dem Lift traten.

„Ja. Aber wir suchen danach“, sagte Ewan.

„Das würde ich auch machen. Diese Bahnen sind ziemlich praktisch. Ohne sie hätte die Reise von unserer Heimatkuppel hierher ungefähr eine Woche gedauert. So nur eine Stunde.“ Bahadur ließ seine Gäste sich alles ansehen, als sie aus dem Aufzug stiegen und ging dann langsam zu dem wartenden Zug vor.

„Sieht unserer Bahn ziemlich ähnlich“, sagte Adrian, der ab und an die Kurzstrecke zur Hauptkuppel gefahren war, um dort Proben der Trinkwasserexperimente abzuholen.

„Aber der Tunnel ist um einiges stabiler und komplizierter“, entgegnete Leander und sah sich weiter um. „Habt ihr die Bahnhöfe eingemessen? Tiefe, Länge, Schleusenlänge? Vielleicht könnten wir – wenn wir ähnliche Bauweisen unterstellen – mit diesen Daten die im Observatorium gespeicherten unvollständigen Tunnel ergänzen.“ Leander sah sich um, nahm Augenmaß und machte ein paar Aufnahmen. Er zuckte, als sein Kommunikator sich meldete. Das war sicherlich der Prinz.

„Wusste ich es doch.“ Leander nahm das Gespräch an, nachdem er gesehen hatte, dass er Recht hatte. „Hallo Erdogan“, begrüßte er seinen Prinzen und zog gleich den Kopf ein, als es aus dem Lautsprecher knurrte. „Wir sind erst vor ein paar Minuten angekommen, ich hätte mich gleich gemeldet“, sagte er schnell und der Prinz aus Neo New York hob skeptisch eine Augenbraue. „Lief alles planmäßig?“, fragte er.

„Nein, wir sind dreimal notgewassert und… wah! Ja, alles lief perfekt!“ Leander musste schnell einsehen, dass sein Prinz nicht zu Scherzen aufgelegt war und so berichtete er kurz, dass der Andockvorgang perfekt gewesen war. Sie hatten die letzten drei Tage keinen Funkkontakt gehabt, weil sie nicht wussten, wo die Gottgleichen über Unterwassersonden mithörten. Dass diese wussten, dass die Männer aus Neo New York mit den Booten unterwegs waren, davon gingen sie aus. Aber sie wollten sie nicht an ihren Gedanken teilhaben lassen. Zwar hatten sie Chiffrierprogramme auf ihren Kommunikationswegen, doch man wusste ja nie. Die Order lautete also: Funk nur im Notfall.

„Gut.“ Erdogan wirkte erleichtert. „Schick den Bericht, sobald du kannst und grüße unsere Gastgeber von mir.“ Erdogan trennte die Verbindung und Leander atmete auf. „Kann losgehen.“ Sein Blick fiel auf Akuma und war erstaunt, dass er schon wieder rumlaufen konnte. So wie er gehört hatte, war er schwer verletzt gewesen. „Wie geht es euch, General? Ich bin erstaunt euch schon wieder so fit zu sehen.“

„Nicht General – Akuma“, verbesserte der, schließlich hatte Leander ihm das Du angeboten. Dabei wollte er auch bleiben. Das machte den Umgang mit dem Fremden etwas leichter. Schließlich war er einer von ihnen.

Leander nickte und korrigierte sich. „Wie geht es dir? Ich bin erstaunt, dich schon wieder so fit zu sehen.“

Akuma grinste, als Bahadur sich räusperte, hüstelte, aber nichts sagte, sondern sich setzte. „Ich bin eigentlich noch krank, wollte mir dies alles aber nicht entgehen lassen. Ein Teil Sturheit war wohl mit beim Gesundungsprozess dabei.“ Er lachte leise, als Bahadur ihn skeptisch ansah.

„Im Lexikon ist unter Sturheit dein Name und dein Bild zu finden.“ Das war doch die Untertreibung des Jahrhunderts. Das konnte Bahadur sich echt nicht verkneifen „Er hat eigentlich noch Bettruhe, aber sein Arzt, hing wohl an seinem Leben und hat ihm erlaubt die Reise zu euch zu machen.“

Leander blickte auf Akuma, der den Kopf senkte und sich ebenfalls einen Platz im Wagon suchte. Er beobachtete den Rest ihrer Leute, wie sie sich auf den Sitzen verteilten. „Falls es euch tröstet, Prinz, ich habe ebenfalls solch ein Exemplar daheim.“ Und das hatte gerade erst angerufen. Erdogan war nicht besser, aber wohl nicht ganz so krass wie der General, der unbeteiligt zum Fenster rausguckte.

„Nenn mich ruhig Bahadur. Ich denke wir müssen nicht so förmlich sein.“ Bahadur sah einmal in die Runde und da alle saßen gab er das Zeichen, das sie starten konnten. „Ich freue mich schon darauf, Erdogan endlich persönlich kennen zu lernen, genauso wie Archiaon und alle anderen natürlich. Es ist für mich der erste Besuch in einer fremden Kuppel, ohne sie erobern oder befreien zu wollen.“

„Lass uns darüber reden, wenn wir bei uns sind. Wir wollen dann sowieso mehr über euch und euren Kampf wissen. Aber nicht gleich jetzt. Wir werden Zeit haben“, sagte Leander und schnallte sich wie alle anderen auch an. Ewan hatte ein bisschen zu kämpfen, er reizte den Gurt gerade so aus und Adrian nutzte einmal mehr die Chance, seinen Freund zu triezen. „Ja, wenn man seine Rübchen immer mit Butter isst, darf man sich über so was da nicht wundern.“ Er deutete auf den straffen Gurt, der den Mole flach atmen ließ.

„Halt bloß die Klappe“, knurrte Ewan durch zusammengebissene Zähne und funkelte seinen Freund böse an, was Adrian aber nur frech lachen ließ. Leander grinste von ihm ungesehen und wandte sich dann wieder an Bahadur. „Habt ihr die anderen Bahnen auch schon gesichert?“, fragte er und der Prinz nickte. „Das haben wir gleich gemacht, nachdem wir die Zugänge gefunden hatten.“

„Allerdings würden wir gern noch mit euch klären, wo die Bahnen enden. Nicht dass wir eine böse Überraschung erleben, wenn wir sie testen und dann mitten im Feindesland stehen“, sagte Akuma und blickte noch einmal auf die Moles. Sie faszinierten ihn und er wollte mehr über sie wissen. Vor allem weil sie sehr kräftig wirkten. Waren sie Krieger?

Leander nickte und zuckte, als er die Ansage hörte, dass die Startsequenz eingeleitet worden war.

Er fing sich aber schnell wieder und konzentrierte sich wieder auf Bahadur. „Ja, sicher. Ich werde nachher mit Archiaon reden, dass er das noch einmal überprüfen soll. Er wird uns die Endkuppeln nennen können.“ Er sah kurz aus dem Fenster, als der Zug sich in Bewegung setzte.

„Das wäre gut. Dann können wir Teams losschicken.“ Akuma nickte und machte sich mental eine Notiz. Er würde Tarek damit beauftragen, sobald er und Bahadur weg waren. Er lehnte sich in den Sitz zurück und machte sich auf die Beschleunigung gefasst.

Und dann ging es los.

Die Moles und die Neo New Yorker waren verblüfft. Es verschlug ihnen wortwörtlich die Sprache, so intensiv wurden sie in ihre Sitze gedrückt. „Wow“, murmelte Leander und Jack ging es ähnlich.

„Unglaublich, nicht?“ Bahadur lachte leise, denn ihm war es auf seiner ersten Fahrt auch nicht anders gegangen. „Es ist erschreckend, dass sie all diese Dinge in unseren Kuppeln bauen konnten, ohne dass wir etwas davon mitbekommen haben.“

Unweigerlich blickte Leander zu Ewan und Adrian, die ebenfalls platt in ihren Sitzen hockten. Adrian konnte noch nicht einmal Witze darüber reißen, dass der Gurt jetzt nicht mehr so eng über Ewans Bauch saß. Hatten Moles die Tunnel gegraben? Wie sonst hätte das alles unbemerkt laufen können? Bei ihnen war es ja auch nicht anders gewesen. Ein Labor wie Bonder direkt nebenan und weder der Fürst noch der Rat hatten Kenntnis davon gehabt.

„Sie hatten bestimmt Hilfe“, sagte Leander nachdenklich.

„Ja, das fürchte ich auch und das macht mir Sorgen.“ Bahadur machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ihr sagtet, dass unsere Kuppeln auf dem Hologramm in eurem Observatorium schwarz sind, und  das bedeutet, dass sie von den Gottgleichen aufgegeben wurden. Aber ich frage mich, warum sie dann nicht die Informationen, wie die, die ihr uns geben konntet, nicht einfach entfernt haben. Ich fürchte, das war nur eine Aufgabe auf Zeit.“

„Ob es eine Aufgabe auf Zeit war, kann ich dir nicht sagen“, entgegnete Leander, der sich allmählich an das merkwürdige Gefühl gewöhnte. „Ich kann nur von mir aus gehen. Einmal erworbenes Wissen würde ich nicht einfach so löschen. Ich weiß doch nicht, wann ich es noch einmal brauchen werde und warum. Es sind Verrückte, die die Welt beherrschen wollen. Von Generation zu Generation. Früher oder später gehen sie davon aus, werden sie das Wissen wieder brauchen.“ Auch Leander und die anderen hatten sich oft gefragt, warum auch von aufgegebenen, zerstörten oder vernichteten Kuppeln noch alle Daten abrufbar waren. Auch aus dem Zentralarchiv kamen Informationen zu Kuppeln, die es gar nicht mehr gab.

„Wir kämpfen jetzt schon so lange gegen sie und ich würde behaupten, dass wir sie gut kennen, aber manches ist uns immer noch ein Rätsel.“ Bahadur fand es spannend sich mit Leander auszutauschen. Sie hatten bei ihrem Kampf gegen die Gottgleichen eine völlig andere Strategie als die Jiang Shi und er war neugierig darauf, ob man beides verbinden konnte. Außerdem standen die Menschen noch ganz am Anfang. Wie hatte man nur so lange nichts bemerken können? Entweder waren die Gottgleichen extrem vorsichtig gewesen oder die Menschen sehr naiv. Dabei wirkten die jungen Männer beileibe nicht so, ganz im Gegenteil. Sie waren wissbegierig und aufgeweckt. Es war erstaunlich wie schnell und wie selbstverständlich sie die Technik der Gottgleichen zum eigenen Vorteil nutzten.

„Wir haben gerade erst begonnen sie zu erforschen. Und je mehr wir erfahren, umso abstoßender werden sie“, sagte Leander leise. „Vielleicht können wir gemeinsam mehr über sie heraus finden.“

Bahadur nickte. Das war genau, was er sich vorgestellt hatte. „Das denke ich schon. Wir werden unser Wissen mit euch teilen, genauso, wie ihr es gemacht habt. Wir werden gleichwertige Partner im Kampf gegen unseren Gegner sein.“ Das war ihm sehr wichtig. Die Neo New Yorker sollten nicht das Gefühl haben, dass sie von den Jiang Shi bevormundet wurden und alle Entscheidungen nur von ihnen getroffen wurden.

Leander nickte wieder. „Das ist eine gute Basis. Eure Erfahrungen hier in den befreiten Kuppeln könnten uns ebenfalls helfen. Ihr kennt sie besser, ihr Verhalten, ihr Denken. Wir wissen bisher nur, dass es sie gibt und dass sie böse sind. Wir wissen, dass sie da sind und dass sie mit uns spielen. Wir wissen nicht, wo sie sitzen, wer zu ihnen gehört oder von wo aus sie arbeiten. Wir hoffen darauf, wenn wir sie besser kennen, können wir ihnen näher kommen.“ Leander wirkte nachdenklich und Jack schwieg. Das war selten, doch er hörte erst einmal nur zu.

„Für die kurze Zeit, die ihr gegen sie kämpft, wart ihr sehr erfolgreich.“ Bahadur gab das unumwunden zu. „Ihr habt wichtige Einrichtungen erobert, starke Verbündete gefunden und ich bin froh, dass ihr auf uns gestoßen seid und du den Mut gefunden hast, dich als einer von uns zu erkennen zu geben. Auch dafür haben wir unsere Leute in die Welt hinaus geschickt.“

Leander lachte leise und Jack knurrte. Zwar hatte er akzeptiert, dass Leander einem anderen Volk entstammte, doch das hieß ja noch lange nicht, dass er das auch kommentarlos übergehen musste. Ab und an kam schon noch eine spitze Bemerkung, die Leander ihm aber nicht übel nahm.

„Wir sind weit gekommen, das ist richtig. Aber einige Ereignisse waren Zufälle. Dass Bonder dermaßen groß und ausgebaut war, wussten wir anfangs auch nicht. Das haben wir durch Odin und Archiaon erst erkannt und dass wir die Atlanter als Verbündete haben, lag daran, dass die Gottgleichen Meodin entführt haben und die Atlanter ihn retteten. Aber ich bin froh über die Zufälle.“

„Ja, Zufälle, aber ohne sie säßen wir heute nicht hier und darum hoffe ich, dass noch viele Zufälle kommen werden, die uns in unserem Kampf helfen werden.“ Bahadur hatte ein gutes Gefühl bei den Neo New Yorkern, auch wenn er erst skeptisch gewesen war. Aber das hatte sich geändert, als er sich öfter mit ihnen unterhalten hatte. Sie legten eine Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft an den Tag, wie die Jiang Shi es nicht erwartet hätten. Bahadur war sich sicher, dass er mit ihnen reden, streiten und lachen konnte, alles das was eine Zusammenarbeit erst ausmachte. Sie würden sich gut ergänzen.

„Mir wäre es lieber, die Zufälle würden weniger und die gezielten Aktionen gegen sie mehr“, grinste Leander schief und beobachtete Ewan. Der Mole zappelte in seinem Sitz, rutschte immer hin und her. Er war das lange still sitzen nicht gewohnt und wurde allmählich nervös. Da erklärte das System, dass der Scheitelpunkt erreicht war. „Sehr komfortabel“, musste Jack zugeben.

„Jetzt noch eine halbe Stunde, dann sind wir da.“ Bahadur hatte Ewans Unbehagen auch bemerkt, aber leider ging es nicht, dass er sich in der Bahn die Beine vertreten konnte. Er freute sich darauf, seinen neuen Verbündeten ihre Kuppel zeigen zu können, denn er war stolz auf seine Heimat und was sie erreicht hatten.

Akuma saß neben ihm und hörte nur zu. Er hatte sich seit einer ganzen Weile nicht mehr zu Wort gemeldet, sondern dachte über die Moles nach. Maulwürfe, wie der Name schon sagte. Menschenähnlich und wie er bei Gesprächen über die Videoschaltung bemerkt hatte, sehr intelligent und mutig. Es juckte ihm am Gaumen, er wollte die Frage loswerden. Woher kamen sie? Wo lebten sie? Wie waren sie entstanden?

„Mein bevorzugtes Transportsystem wird das nicht werden“, knurrte Ewan leise und holte tief Luft, dabei spannte der Gurt und Adrian sah ihn wissend an. „Stimmt, wer Rübchen mit Butter isst, sollte die Distanzen laufen!“ Dann kicherte er leise und schob sich seine Sonnenbrille zurecht.

„Du solltest anfangen zu rennen, wenn wir angekommen sind“, knurrte Ewan seinen Freund an, aber der winkte nur ab und kicherte etwas davon, dass er sich da keine Sorgen machen würde. Bis Ewan sich aus dem Sitz gepellt hätte, wäre er schon lange weg. Bahadur grinste. „Wenn du möchtest, kannst du bei uns trainieren. Ich biete mich auch gerne als Sparringspartner an. Wenn ich das richtig einschätze, seid ihr starke und gute Kämpfer.“

Ewan, der eben noch dabei war, Adrian kraft seiner Gedanken die winzigen Ohren zu verknoten, wandte sich um und blickte den Prinzen an. „Das ist ein verlockendes Angebot. Aber ich will niemanden verletzen. Menschen haben weniger Kraft als wir“, entgegnete er und hob den Kopf weiter, als er sah, wie der General ihn beobachtete.

„Das war mir bewusst und ich hatte gehofft, dass ihr stärker als Menschen seid.“ Bahadur grinste. „Ich weiß nicht, was du alles über die Jiang Shi weißt. Wir bestehen aus zwei Völkern, die in einer symbiotischen Gemeinschaft leben. Menschen, so wie du sie kennst, und die Vampire.“ Der Gesichtsausdruck des Prinzen zeigte deutlich, zu welcher der beiden Gruppen er gehörte. „Ich glaube, dass ich es im Kampf durchaus mit dir aufnehmen kann.“ Er wirkte dabei nicht prahlerisch, nur neugierig und  man sah ihm an, dass er sich freute ihre Kräfte zu messen.

„Dann will ich dir diesen Gefallen gern tun.“ Ewan hatte zwar von Leander um die Symbiose der beiden Völker gewusst und wie intensiv sie mit einander verwurzelt waren, doch zu welcher der beiden Formen der Prinz gehörte, war ihm nicht bewusst gewesen. Doch er freute sich darauf, endlich einmal beim Training seine komplette Kraft einsetzen zu können. Wenn er mit Erdogan oder seinen eignen Truppen trainierte, war ihm das nicht möglich, wenn er nicht Ärger mit Daniel haben wollte, der hinterher alles wieder zusammen flicken musste, was Ewan lädiert hatte. Sein Blick glitt zu General Akuma. Es würde Sinn machen, wenn auch der Heerführer ein Vampir war. Doch als könnte der Mann seine Gedanken lesen, schüttelte er langsam den Kopf. „Mensch“, erklärte er kurz.

Ewan musste wohl gezeigt haben, dass er überrascht war, denn Bahadur lachte leise. „Lass dich nicht täuschen. Akuma ist nicht umsonst oberster Feldherr meines Vaters. Auch ohne das Serum ist er der stärkste menschliche Kämpfer, den ich kenne. Effektiv und absolut tödlich.“

„Oh“, entgegnete Ewan jetzt doch etwas unelegant und blickte Akuma erneut an. Der grinste schief. „Aber nur wenn ich fit bin. Wenn ich mich aktuell dem Trainingsraum nähere, erscheint mein Arzt mit einem Betäubungsgewehr. Ich habe eigentlich noch Bettruhe. Aber um des lieben Friedens Willen verzichten meine Ärzte auf das Bett, Ruhe allein reicht.“

„Typisch Soldaten!“, schnaubte Adrian, als er das hörte und Akuma hob die Brauen.

„Truppenarzt“, flüsterte Leander erklärend, während Adrian vor sich hin brubbelte und erklärte, dass Ewan ebenfalls ein unbelehrbarer Fall wäre, der glaubte, Medizin wäre Hokuspokus und keine exakte Wissenschaft.

Bahadur lachte laut und schlug Ewan auf die Schulter. „So wie es aussieht, sind die  Soldaten in allen Völkern gleich. Das finde ich beruhigend. Ich freue mich darauf, meine Kräfte mit dir zu messen.“ Adrian knurrte wieder und auch Jack grinste vor sich hin, auch wenn er das zu verbergen versuchte.

„Ich flick dich nicht zusammen“, erklärte Adrian, der sich bildlich vorstellen konnte, wie sein Freund aussehen dürfte, wenn der Vampir mit ihm fertig war. Doch da erinnerte er sich an etwas anderes, was der Prinz ebenfalls gesagt hatte. „Du sprachst vorhin von einem Serum, ohne das der General schon stark wäre. Wird er stärker, wenn er es nimmt?“, wollte er neugierig wissen und knuffte Ewan, der sich nun seinerseits über den pelzigen Wissenschaftler echauffierte, der ebenfalls nicht aus seinem Pelz konnte.

„Ja, das wird er. Es wird aus unserem Blut gefertigt. Wenn er das Serum genommen hat, ist seine Kraft um vieles verstärkt. Sie kommt meiner gleich.“ Bahadur sah kurz zu Akuma und er konnte sich vorstellen, dass der General es hasste, jetzt verletzt und schwach zu sein. „Allerdings ist Akuma auch schon ohne das Serum sehr stark.“

„Ich würde mich auch gern mit ihm einmal messen… wenn die Ärzte es wieder gestatten“, fügte Ewan noch an, als er Adrian neben sich schon wieder knurren hörte. Er war eben im Herzen doch Arzt und nicht Soldat.

„Dieses Serum“, begann jetzt Jack, der sich lange zurück gehalten hatte, „wirkt es nur auf die Kraft oder hat es noch andere Einflüsse? Könnt ihr die Kuppeln verlassen oder zwingt euch die Strahlung wie uns unter Glas?“

„Es verstärkt die Kraft, die Reflexe und schärft alle Sinne“, erklärte Bahadur. „Leider überträgt es nicht unsere Immunität gegen die Strahlung an denjenigen, der es einnimmt.“ Sie arbeiteten schon sehr lange daran, das zu ändern, aber leider hatten ihre Wissenschaftler damit noch keinen Erfolg erzielt. Seine Schwester arbeitete daran und darum war er darüber gut informiert.

>>Eine Minute bis zum ersten Schott<< erklärte die Anlage und ließ alle aufhorchen, einige auch erleichtert aufatmen. Ewan aber behielt im Hinterkopf, dass die Vampire gegen die Strahlung immun waren und dass sie bereits daran arbeiteten, ein Serum zu entwickeln, was die Wirkung der Strahlung auf den Körper minimierte. Vielleicht sollten sie sich zusammen tun, um sein Volk endlich aus der Knechtschaft zu befreien.

„Wir haben solch ein Serum, aber es ist randvoll mit Drogen“, sagte er sehr leise, mehr zu sich selbst und Adrian strich ihm über den Schenkel, spürte die Anspannung deutlich.

Akuma und Bahadur horchten auf. „Ihr habt ein Serum gegen die Strahlung?“, fragte der Prinz, weil er nicht wusste, ob er das richtig verstanden hatte. „Ja, haben wir, aber es ist auch so etwas wie ein Fluch für mein Volk. Wir werden immun gegen die Strahlung aber es macht hochgradig süchtig. Wir wurden von den Gottgleichen geschaffen, um ihre Tunnel zu graben und mit dem Serum konnten sie uns kontrollieren und bei dem größten Teil meines Volkes tun sie es immer noch.“

Akuma als auch Bahadur schwiegen betroffen. Zumindest hatte sich für den General eine Frage jetzt geklärt. Die Moles waren keine Laune der Natur, sondern wurden gezüchtet um zu graben. Vielleicht hatten Moles auch die Tunnel gegraben, die sie gerade bereisten.

>>Schott eins geschlossen – Dekompressionsvorgang eingeleitet<<

„Diese Bastarde“, entwich es Akuma irgendwann, denn seine Gedanken kreisten. Die Moles waren geschaffen, künstlich, nicht natürlich und doch so herzlich und stolz. Niemand hatte das Recht, der Natur ins Handwerk zu pfuschen und noch weniger durfte man sich andere mittels Drogen zu Eigen und gefügig machen. Ein Grund mehr, die Bastarde bis an Ende der Welt zu jagen und ihnen zu zeigen, wo ihr Platz auf dieser Welt war – nirgends!

„Wir werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln helfen, dein Volk zu befreien.“ Das war für Bahadur keine Frage und der Prinz wusste, dass Akuma da seiner Meinung war. Ewan nickte dem Prinz dankend zu, aber dann wurde er von dem sich öffnenden Schott abgelenkt. „Wann kann ich den Gurt aufmachen?“ Er konnte nicht verhindern, dass Adrian lachte, noch ein paar kleine neckende Witzchen riss und wohl gerade seinen glänzenden samtweichen Pelz verspielte.

„Es wird ein Hinweis ertönen, dass…“, begann Akuma, wurde von den Worten des Systems, dass das Ziel erreicht wäre, aber übertönt. Grinsend nickte er Ewan zu, der noch im Aufspringen den Gurt löste, sich Adrian unter den Arm klemmte und den Arzt feste über das Fell am Kopf rubbelte, bis es heiß wurde. So wie sie es schon als Kinder gemacht hatten. Ewan wirkte zufrieden, Adrian strampelte und Leander fühlte sich wie zu Hause. „Willkommen in meiner Welt“, murmelte er leise und fragte sich, wie der Prinz und sein Heerführer auf das Trio Infernale reagieren würden.

„Effektive Methode einen Gegner ruhig zu stellen“, meinte der Prinz nur trocken und sah Akuma an. „Sollten wir in unseren Trainingsplan aufnehmen. Ewan wird das unseren Leuten bestimmt gerne demonstrieren.“ Jetzt grinste er breit und zwinkerte Leander zu. Der hob abwehrend die Hände. „Wenn er da Spaß dran hat, kann er beibringen, was er will, wem er will“, sagte Leander und erhob sich ebenfalls. Er war gespannt auf die fremde Kuppel. „Aber glaub mir, es gibt welche, auf die kann selbst er euch nicht vorbereiten.“ Leander konnte nur hoffen, dass Erdogan in der Woche eindringlich auf das Trio einwirkte und die drei nicht gleich beim ersten Kontakt das schlechtestes Bild ablieferten, was sie nur konnten.

„Du machst mich neugierig.“


 

24 

Bahadur führte die Neo New Yorker durch den Bahnhof und wartete auf Jack, der sich die Wände des Bahnhofes ansah. „Komm schon, Jack, wir warten. Du hast später noch Zeit, alles zu untersuchen. Der Fürst wartet auf uns.“ Vielleicht half das ja den Geologen wieder auf Spur zu bringen. Doch da kannte er Jack schlecht. „Geh du, Lean, ich bin kein guter Diplomat. Ich guck mir das an und morgen früh, wenn ihr aufbrecht, sammelt ihr mich einfach ein. Ich habe Proviant dabei“, erklärte er und hatte schon ein kleines Gerät gezückt, das die Bestandteile im Beton analysierte. Vielleicht ließ sich so etwas über die Zeit der Erbauung sagen. Schließlich änderte sich auch die Zusammensetzung von Beton je nach Wissensstand. Interessanter aber war, ob der Beton hier der gleiche war wie in Neo New York.

„Wäre kein Problem“, sagte Bahadur, damit Leander nicht glaubte, dass er es unhöflich finden würde. „Tarek, du kümmerst dich um Jack“, befahl er. Bei Akumas Freund war der Geologe in guten Händen, das wusste er.

„Da versuche ich seit Monaten ihn zu Gehorsam zu erziehen und dann so was“, murmelte Leander, nickte aber. Es war ihm lieber, Jack hatte was zum spielen, als wenn er gelangweilt in einer diplomatischen Runde hockte und ein paar Knaller zum besten gab. „Tut mir leid“, entgegnete er dem Prinzen, der nun seine Planung umwerfen musste.

„Wissenschaftler“, sagte Bahadur nur und lächelte. „Das ist wirklich kein Problem und es ist doch so, dass die Erziehung ab und zu unterlaufen werden darf, wenn es nicht zu oft passiert.“ Er führte seine Gäste die Treppe hoch und schloss kurz die Augen, als er aus der Grotte trat, weil die Sonne ihn blendete. „Willkommen in meiner Heimat Maru-Yane GX12-38.“

Leander war der erste, der neben den Prinzen trat. Ihm folgte Akuma. Die Stufen hatten in Kraft gekostet, doch er ließ sich nichts anmerken. Er hatte sich fit gemeldet und würde morgen fahren. Nichts konnte sich ihm noch in den Weg stellen. Hinter ihm folgten die Moles, die die Augen trotz Sonnenbrillen fest zusammenkniffen und erst einmal in der Grotte zurück blieben, um sich an das Licht zu gewöhnen. Die sie begleitenden Soldaten gönnten ihnen die Zeit und drängten nicht. Schließlich waren die Moles Gäste.

„Hübsch!“, sagte Leander und drehte sich um sich selbst. Sie standen in einem Park, ein lichtes Wäldchen umgab sie und „Nette Tarnung für einen Bahnhof“, sagte er, als er die Grotte hinter sich erblickte.

„Ja, leider“, seufzte Bahadur. „Also könnt ihr davon ausgehen, dass eure Bahnhöfe wohl ähnlich gut verborgen sind.“ Bahadur zeigte auf ein großes Gebäude am Rande des Parks. „Das ist der Palast. Dort werden wir meinen Vater treffen.“ Er sah zu den Moles, die immer noch im Schatten der Grotte standen, weil die Sonne sie blendete. „Ich werde einen Wagen holen. Auch wenn der Weg nicht weit ist, ist es wahrscheinlich für Ewan und Adrian angenehmer in einem abgedunkelten Wagen zu sitzen.“

„Das wäre nett, danke“, sagte Leander und blickte zu den Moles zurück. Zu Hause hatten sie die Chance den Weg vom Tunnel zum Lager durch ein Wäldchen zurückzulegen. Es war nicht dunkel aber schattig. Hier lagen die Wege in der prallen Sonne. Leander folgte Bahadur, während Akuma bei den Moles zurück blieb und sich etwas mit Ewan austauschte. Sie schienen ähnlich gestrickt, denn sie verstanden sich auf Anhieb – was Adrian erschreckend fand und so wusste er nicht, was er vom General halten sollte. Er musterte ihn von der Seite.

„Soldaten“, brummte er leise und grinste, als Akuma und Ewan ihn beide ansahen. „Nix, nix“, wiegelte er schnell ab und tat völlig unbeteiligt. „Plant ihr nur weiter Schlachten, scheint euch ja Spaß zu machen.“

Die beiden guckten Adrian an, der ganz mit Interesse an einem Felsen herum kratzte. Akuma beobachtete mit Unglauben, wie einfach die scharfen Krallen in den Felsen schnitten. Er wollte gern glauben, dass die Moles zum Graben gut geeignet waren.

„Tu nicht so“, knurrte Ewan seinen Freund gutmütig an. „Früher warst du auch mal Soldat.“

„Heut bin ich Wissenschaftler“, erklärte Adrian grinsend und tat als stünde er so ein paar Schritte weiter oben auf der Evolutionsleiter.

„Ja ja, das kenn ich schon. Großer, wichtiger Wissenschaftler“, spottete Ewan gutmütig und schnappte sich seinen Freund, um ihn wieder auf den Boden der Tatsachen runterzuholen, indem er ihn in den Schwitzkasten nahm. „Lass mich los“, verlangte Adrian und versuchte sich zu befreien, was ihm aber nicht gelang. 

Akuma beobachtete die beiden immer noch mit Interesse. Sie waren so menschlich in ihren Eigenheiten – er war fasziniert von der Rasse.

„Wenn ihr fertig seid mit spielen, können wir los“, platzte Leander dazwischen, hatte die Moles aber gefilmt und nach Hause geschickt, damit der Rest auch etwas davon hatte. Oft sah man Adrian nämlich nicht so unbeschwert.

Ewan ließ Adrian gleich los und der taumelte ein wenig unkoordiniert durch Gegend, bevor er sich wieder gefangen hatte und hinter seinem Freund zum Auto lief. Bahadur hatte die Szene mit einem Lächeln beobachtet. Die beiden Moles erinnerten ihn an die Brüder in seinem Team. bei denen lief es ähnlich turbulent ab. „Alles einsteigen, dann kann es losgehen.“

Leander hatte schon Platz genommen in dem großen Wagen. Die Fenster hatte Bahadur bereits abdunkeln lassen. Die Moles kamen auf die hinterste Sitzreihe, dort fiel das wenigste Licht hin und als auch Bahadur und der General zugestiegen waren, ging es los. Leander klebte an der Scheibe, damit er durch das abgedunkelte Glas trotzdem etwas sehen konnte und er ließ seine kleine Kamera mitlaufen für die Daheimgebliebenen.

„Neo New York besteht aus einer Hauptkuppel in der sich das Leben abspielt und sieben Ringen aus Versorgungskuppeln für Nahrung und Rohstoffe. Wie sieht das bei euch aus?“, wollte er neugierig wissen. Er wusste so gut wie nichts über sein eigenes Volk. Das wollte er ändern.

„Wir haben eine Haupt- und zwei Nebenkuppeln, in denen wir wohnen. Eine Wissenschaftskuppel, in denen sich die Labore und die Anlage zur Herstellung des Serums befindet. Darum ein Ring aus Versorgungskuppeln und dann haben wir noch vier Urwaldkuppeln. Dort wurden die Flora und Fauna des Urwaldes erhalten, den es früher hier gab.“ Bahadur war stolz auf seine Heimat, das hörte man deutlich heraus. „Wenn ihr möchtet, kann ich euch später ein wenig herumführen.“

„Wird die Zeit dafür reichen, Bahadur?“, sagte Leander doch seine Augen klebten an der neuen Welt. „Wichtig ist vor allen Dingen eure Reise und so habe ich einen Grund, euer Reich noch einmal zu bereisen.“ Denn sehen wollte er das alles auf jeden Fall, aber der Austausch war vorrangig. „Was hat es eigentlich mit diesem Serum auf sich?“, fragte er weiter und blickte den Prinzen dann doch an. „Ihr nutzt es für eure Soldaten?“

„Ja. Wir steigern dadurch ihre Kraft und Schnelligkeit. Bei unseren Missionen ist das oft überlebenswichtig, schnell und stark zu sein und die meisten unserer Soldaten sind Menschen. Die Vampire arbeiten eher im wissenschaftlichen Bereich, aber es gibt auch Ausnahmen.“ Bahadur lachte und lenkte den Wagen durch das Palasttor. 

„Einige auch als Scouts“, sagte Akuma leise. „Durch ihre Fähigkeiten sind sie in der Lage die Kuppeln Monate vor dem Zugriff zu infiltrieren und den Weg für uns zu ebnen, die Bevölkerung zu beruhigen und wichtige Daten für uns zu sammeln. Sie bleiben dann auch meistens nach dem Zugriff noch vor Ort, damit das bekannte Gesicht bei der Neuordnung helfen kann.“ Doch leider waren das nicht so viele wie sie eigentlich bräuchten und mit dem Wissen der Neo New Yorker würden sie bald noch mehr gute Leute vor Ort brauchen, wenn sie mit mehr Wissen in die fremden Anlagen gingen.

Leander nickte. „Verstehe.“ Allmählich bekam er ein Bild von der Vorgehensweise der Jiang Shi.

„Ihr seid jederzeit als Gäste willkommen, um uns und unsere Lebensweise kennen zu lernen.“ Bahadur mochte Leander und er freute sich darauf ihn näher kennen lernen. „Wie sieht es eigentlich mit deiner Familie aus? Möchten deine Leute wieder hierher zurück kommen oder in Neo New York bleiben? Dein Großvater und deine Großmutter wurden hier geboren.“

„Aber sie haben ihr Leben lang auf der anderen Seite der Welt verbracht. Sie haben dort ihren Lebensmittelpunkt und ihre Freunde, ihre Familie und ihre Aufgaben. Wir haben darüber gesprochen als feststand, dass ich hier her fahren werde. Ein Besuch wird sicherlich für sie erstrebenswert sein, aber sie haben ihr Leben jetzt wo anders. Ihr Herz schlägt aber immer für die Jiang Shi, denn sie sind Jiang Shi“, sagte Leander. Er hatte eine ganze Nacht mit seinem Großvater und dem Rest der Familie geredet. Sein Blick glitt wieder nach draußen. Die hielten vor dem Gebäude, das Bahadur von der Grotte aus gezeigt hatte.

„Sie sind hier immer willkommen.“ Bahadur stieg aus und wartete, bis alle bei ihm standen. Er nickte den Wachen zu, die vor ihm und Akuma salutierten und führte seine Gäste zum privaten Bereich seiner Eltern. Naran hatte beschlossen, das erste Zusammentreffen mit den Neo New Yorkern nicht im Thronsaal stattfinden zu lassen. Seine Frau Sona hatte mit den Köchinnen zusammen einen Imbiss vorbereitet mit Spezialitäten ihres Volkes.

„Ich glaube, das wissen sie. Ich befürchte nur, dass wir demnächst eine Touristenroute zwischen unseren Kuppeln einrichten müssen. Ich kenne auch ein paar Atlanter, die brennen euch persönlich kennen zu lernen und unser Prinz war auch nicht begeistert, als ich ihm die rote Karte gezeigt hatte. Von unserem Archivar ganz zu schweigen.“ Leander sprach leise, als er durch die Gänge geführt wurde. Er hatte sich erkundigt doch Akuma sah kein Problem darin, wenn Leander weiter filmte. Selbst wenn das Material den Gottgleichen auf irgendeinem Weg in die Finger fallen sollte, so kannten sie nicht die versteckten Fallen.

„Es gibt genug Boote. warum sie nicht benutzen?“ Bahadur sah da kein Problem. Er führte die Neo New Yorker durch die Gänge des Palastes. „Ich hoffe, dass zwischen allen Kuppeln unseres Bündnisses ein reger Austausch stattfinden wird, jetzt wo wir die Möglichkeiten haben.“ Er blieb vor einer Tür stehen und klopfte an.

„Mit den Moles und den Atlantern sind wir verschmolzen“, sagte Leander leise und war stolz auf seine Freunde. Sie waren gute Gefährten, helle Köpfe und mutige Kämpfer. Ohne sie wären er und Erdogan niemals so weit gekommen wie sie heute waren.

„Willkommen in Maru-Yane GX12-38“, begrüßte sie Naran schon an der Tür. Adrian hatte sich kurz erschocken. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Clanchef sie schon an der Tür abfangen würde. Kurz blieb Narans Blick an den Moles hängen, dann begrüßte er jeden einzelnen, als sie eintraten. Man sah ihm kaum an, wie aufgeregt er war, er konnte es gut verbergen. Aber Leander kannte die kleinen Anzeichen von Erdogan.

Naran war fasziniert von den Moles und bei der Begrüßung hielt er Ewans Hand etwas länger als er vorhatte, weil er sein Gegenüber neugierig musterte. „Verzeiht“, murmelte der Fürst, als er es bemerkte und sah verlegen auf den Boden. „Ich habe mich ungebührlich benommen“, entschuldigte er sich und wirkte ehrlich verlegen. Seine Frau trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf den Arm und lächelte Ewan an.

„Ich freue mich sehr euch kennen zu lernen. Ich bin Sona, Narans Frau. Sehen sie es meinem Mann nach. Die letzten Tage war er vollkommen aufgeregt, weil er so gespannt auf euer Volk war.“ Naran schnaubte leise und warf Ewan einen leidenden Blick zu. „Sona Schatz, das ist peinlich“, murmelte er leise, aber seine Frau lachte nur. „Ich weiß, darum habe ich das ja gemacht.“

Adrian lachte herzhaft und war gleich versöhnt. Ewan wusste mit der Situation nicht umzugehen. Er war Krieger, kein Diplomat. „Wir sind außergewöhnlich, das wissen wir. Einige von uns mehr, andere weniger.“ Dabei sah er Ewan an und lachte wieder, weil dieser knurrte. „Betrachtet uns, Herr und fragt, was euch interessiert.“ Adrian hatte weniger Probleme damit sich zu erklären. Er hatte jede Frage in Erdogans Team beantwortet, die Soldaten über sich aufgeklärt, den Arzt unterstützt, der voller Neugier geforscht hatte. Er wusste allmählich einzuschätzen, wie sie auf andere wirkten und so lange Neugier da war, so lange war Interesse da und Interesse war immer eine gute Basis.

„Das können wir aber wirklich auch bei Tisch. Eure Reise war lang“, sagte Sona entschlossen und führte Ewan zum Tisch. Und Adrian hielt Leander an zu filmen, wie hilflos der große Krieger gerade war.

„Als erstes sollten wir diese Förmlichkeiten lassen. Wir sind Verbündete und eines Tages vielleicht sogar Freunde.“ Naran war seiner Frau dankbar, dass sie die Situation entkrampft hatte und folgte mit Adrian zusammen zum Tisch. Mit Erstaunen, sah er Bahadur und Akuma die Köpfe zusammenstecken und sein General lachte sogar. Das hatte er noch nie gesehen. Ging sein Plan wirklich auf? Akuma wirkte entspannt, er redete viel mehr und Naran hatte ihn schon Witze reißen hören. Er war wie ausgewechselt und Naran hoffte inständig, dass es auch so blieb, wenn der General in den Dienst zurück kehrte.

„Danke, gern“, nahm Leander das Angebot zur Ungezwungenheit gern an und setzte sich neben den Clanchef. Er begann ein seichtes Gespräch, während Sona begann, Ewan auf den Zahn zu fühlen. Adrian setzte sich auf ihre andere Seite, um einsteigen zu können, sollte Ewan an seine Grenzen geraten und das geschah schnell.

Aber Sona war sehr feinfühlig und merkte schnell, wenn sie Ewan überforderte. Sie erzählte dann über ihr Volk und fragte ihn so ganz nebenbei über sein eigenes  Volk aus. Adrian amüsierte sich köstlich und Leander filmte alles heimlich. Bahadur sah in die Runde und hatte ein gutes Gefühl für ihre zukünftige Partnerschaft. Ihre neuen Verbündeten wirkten so unkompliziert. Sie redeten frei von der Leber weg, sie stellten offen Fragen. Und doch konnte man anderen immer nur bis vor den Kopf gucken und nicht hinein.

„Ich wollte mich jetzt schon entschuldigen“, begann Leander noch ein Thema, was ihm auf den Nägeln brannte. „Unser Fürst wird den Prinzen und den General nicht empfangen, weil wir ihm nicht sagen werden, dass wir hohen Besuch aus einer anderen Kuppel bei uns haben.“ Kurz erklärte Leander die Problematik. Er erzählte von ihrem Verdacht, dem Berater gegenüber und er erzählte von ihrer Kuppel, die niemand ohne die Autorisierung durch den Prinzen betreten durfte. „Euer Sohn und euer General werden bei uns sicher sein, aber die üblichen Ehren für einen Staatsgast müssen wir ihnen aus Sicherheitsgründen verwehren.“

„Das ist wirklich kein Problem. Akuma und ich können ganz gut ohne das ganze Brimborium leben, oder?“ Bahadur sah Akuma an und der nickte leicht. Bahadur fiel da auch noch etwas ein, was sie wohl vor ihrer Abfahrt besprechen sollten. „Aber da wir grad dabei sind, auf Besonderheiten hinzuweisen, hätte ich auch was. Wie ihr ja wisst, bin ich ein Vampir. Ich brauche Blut. Nicht sehr viel und nicht sehr oft, aber so ein- bis zweimal die Woche ca. 200 ml. Wenn ihr also eine Blutbank habt, und ich mich daraus bedienen könnte, wäre das gut.“

Die Moles blickten Bahadur offen an und auch Leander musterte ihn. Es war nicht zu lesen, was sie dachten, doch der Soldat nickte. „Wir haben in unserer Kuppel immer Reserven für den Fall, dass etwas passiert. Der eine oder andere wäre sicherlich auch zu Blutspenden bereit. Ich glaube nicht, dass dies ein Problem sein wird.“ Auch Ewan nickte, nur in Adrian erwachte der Forscher. „Wenn es zu privat ist, sag es bitte, aber wie funktioniert das? Und warum brauchst du das?“ Es machte für ihn keinen Sinn, Blut war nicht so nährstoffreich, dass sich die Ernährung davon lohnen würde. Er erkannte die Vorteile nicht.

Bahadur lächelte Adrian an und schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nicht zu privat. In unserem Körper, oder besser in unserem Blut lebt eine Art Parasit. Für uns völlig ungefährlich, aber sie sind für die Steigerung unserer Kräfte und Sinne verantwortlich. Die Stoffe, die sie produzieren und unsere Leistungssteigerung bewirken, sind auch im Serum, aber dort wirken sie nur zeitlich begrenzt. Sie brauchen das Blut, das wir zu uns nehmen. Wir leben in einer Art Symbiose. Sterben die Parasiten, sterben wir auch.“

„Oh“, machte Adrian nachdenklich. Das hörte sich für den Mediziner an wie eine Immunisierung mit einem Tot-Impfstoff, was erklärte, warum die Menschen das Serum immer wieder nehmen mussten. Der Körper baute die ihn stimulierenden Inhaltsstoffe ab. „Also ist Blut für dich mehr als nur Nahrung, es ist ein Lebensmittel – ein Mittel um zu überleben“, dachte er laut. Das durfte nicht allzu publik werden, denn sicherlich war das die Schwachstelle der Jiang Shi, zumindest der Vampire. Der Feind hätte so die Möglichkeit, sie auszuhungern. Eine schreckliche Vorstellung.

„Wir werden ausreichend Blut da haben“, versicherte Leander. „Und wenn ich selbst und der Prinz ebenfalls dafür sorgen müssen.“ Er lächelte.

„Wenn ihr eine Blutbank habt, wird das für mich ausreichend sein, danke.“ Bahadur war froh, dass die Menschen die Sache mit dem Blut so gut aufgenommen hatten. Viele Vampire gingen nicht so gut damit um. Das Blut schmeckte nicht wirklich gut und es war in ihrer Gesellschaft verpönt, es vor Menschen zu sich zu nehmen. Ihm selbst war es auch unangenehm, wenn man ihm dabei zusah. „Ich werde dir etwas von meinem Blut für Untersuchungen zur Verfügung stellen“, bot er Adrian an, dem man deutlich ansah, dass er das fragen wollte, sich aber nicht traute.

„Ui“, machte der Mole ganz überrascht und quietschte leise. „Ehrlich?“ Er war ganz aufgeregt und Ewan stöhnte. „Wissenschaftler!“

„Ach, halt die Klappe, Soldat“ Adrian hibbelte und rutschte auf seinem Stuhl herum und amüsierte die Fürstin ungemein. Sie war froh solch lebensfrohe Wesen in ihren Räumen zu haben. Das war eine nette Abwechslung zu den Mitgliedern des Rates, die sonst die Räume bevölkerten.

„Ich hätte auch eine Frage“, sagte Akuma und wollte endlich das los werden, was ihm seit seinem ersten Anblick der Moles auf der Zunge brannte. „Ihr sagtet, ihr wäret gezüchtet. Was meint ihr?“ Auch die Fürstin horchte auf.

„Adrian, dein Part.“ Ewan war der Meinung, wenn sein Freund sich schon als Wissenschaftler aufführte, konnte er diese Aufgabe auch übernehmen. „Die Gottgleichen haben uns gezüchtet. Sie brauchten jemanden, der ihre Tunnel gräbt. Das allein war unsere Aufgabe. Seit Generationen haben wir tausende Kilometer Tunnel gegraben. Für ihre Bahnen, Verbindungstunnel zwischen ihren Stützpunkten und noch vieles mehr.“

„Sie haben euch also nach ihren Bedürfnissen geschaffen“, sagte Akuma und wirkte verbittert. Es erinnerte ihn an die Experimente in seiner Heimatkuppel und seinen Schwur, sie endlich zur Strecke zu bringen, damit niemand mehr unter ihrem Größenwahn leiden musste. Nun erkannte er, er hatte in seiner kleinen Welt hier wohl sehr behütet gelebt. Wie viel gab es eigentlich, dass er nicht wusste?

„In das Genom von Menschen wurden Gene von Maulwürfen gepflanzt“, erklärte Adrian weiter und zeigte noch einmal seine Krallen, die kleinen Augen hinter der Brille, die kaum sichtbaren Ohren und auf das unglaublich dichte, kurze samtschwarze Fell.

Sona streckte die Hand aus, um kurz über Adrians Arm zu streichen, aber kurz vorher fiel ihr auf, was sie fast getan hätte und zog die Hand schnell zurück. „Verzeih“, murmelte sie verlegen. „Es sieht wirklich wunderbar weich aus“, versuchte sie zu erklären und lächelte entschuldigend. „Aber nicht so weich wie Panjas Fell“, grinste Bahadur um seiner Mutter aus der Peinlichkeit zu helfen. „Ihre Krallen sind genauso beeindruckend und wahrscheinlich schnurrt sie schöner.“

„Du hast ihn noch nicht erlebt, wenn er sich nach dem Staubbad an einem Baum schubbert. Er kann… aua!“ Ewan riss die Augen auf und blickte an seinem Bein hinab. Da stand etwas schmerzlich auf seinem Fuß – ein anderer Fuß. Ein samtschwarzer Fuß mit Krallen. Und etwas neben ihm knurrte bedrohlich.

„Das kann er so gut wie Panja, oder?“, lachte Bahadur und sah zu Akuma, damit er das bestätigen konnte. „Wer ist diese Panja?“, fragte Leander und sah in die Runde. „Eine hinreißende Nebelparderin, die Akuma und mich ab und zu besuchen kommt“, erklärte Bahadur und holte seinen Palm heraus. Er hatte Bilder von ihr gemacht und die zeigte er Leander. „Das ist sie.“ 

Adrian hatte sich wieder gefangen, drohte Ewan allerdings Qualen an, von denen der sich noch keine Vorstellung machen konnte, und rückte etwas dichter zur Fürstin. „Das stimmt nicht, was er sagt, und das Fell dürfen sie auch gern anfassen“, sagte er versöhnlich, schielte aber mit auf den Palm. „Hey, das Ding sieht aus wie das Haustier von Diego, nur in groß!“ Diegos kleiner Liebling hielt das Lager ungezieferfrei und ab und an hatte auch Sal seine liebe Not mit ihm. Eine Katze von Panjas Größe würde dem Birdell wohl den Herztod bescheren. Leander lachte leise bei der Vorstellung. Sal war ein hervorragender Schauspieler.

„Ihr habt eine Katze? Das ist toll. Da weiß ich ja, mit wem ich bei euch spielen kann.“ Bahadur lachte und sah zu, wie seine Mutter vorsichtig und sichtlich begeistert durch Adrians Fell strich. „Das ist so weich“, schwärmte sie und Naran hob eine Augenbraue. Er hatte ja mit vielem bei seiner ersten Begegnung mit den Neo New Yorkern gerechnet, aber nicht, dass es so locker zuging. 

Einmal mehr hatte er ein gutes Gefühl bei den Männern aus der fremden Kuppel. Sie waren so zwanglos und offen, weder fordernd noch wollten sie Gegenleistungen. Er lächelte als er sah, wie Adrian den Kopf senkte. „Ach, so weich ist das auch wieder nicht“, wiegelte er ab, ließ seinen Arm aber wo er war.

„Du kannst versuchen Diego seine Katze abzuluchsen“, sagte Leander leichthin. Grinste dann dreckig, um klar zu machen, dass das schwer bis unmöglich werden dürfte.

„Vielleicht teilen und wenn er kooperiert, darf er mal hierher kommen und Panja beschmusen.“ Bahadur war schon gespannt auf diesen Diego und seine Katze. „Panja lebt in den Urwaldkuppeln, aber wenn sie Lust hat, kommt sie uns besuchen.“ Bahadur nahm sich etwas von dem Gebäck, das seine Mutter hingestellt hatte und bot Leander auch was an. „Ich werde immer neugieriger auf eure Heimat.“

„Noch ein paar Tage, Prinz, dann könnt ihr alles mit eigenen Augen sehen. Wir haben leider nicht daran gedacht, ein paar Bilder oder Sequenzen mitzubringen, aber vielleicht kann morgen Erdogan ein paar Sachen für den Fürsten schicken. Und wir werden dann schon auf dem Rückweg sein.“ Auch Leander und die Moles griffen zu, sie spürten langsam Hunger und die Müdigkeit, die an ihnen zerrte. Im Boot hatten sie keinen Tagesrhythmus gefunden. Es war 24 Stunden am Tag hell, zu schlafen fiel da schwer.

„Wann werden wir aufbrechen?“, wollt er deswegen noch wissen, um zu wissen, worauf er sich einstellen musste.

„Jederzeit. Wir haben gepackt. Sagt, wann ihr los wollt und Akuma und ich werden fertig sein.“ Seine Mutter sah ihn erschrocken an. „Junge,  unsere Gäste sind müde, sie müssen sich ausruhen. Ihr fahrt morgen früh, das ist früh genug.“ Sie sah ihren Sohn streng an und der zog sofort den Kopf zwischen die Schultern. „Ja, Mutter“, murrte er leise und brachte alle am Tisch zum lachen. 

Doch Sona ließ sich gar nicht beirren. So weit kam es noch, dass ihr Junge nur wegen seiner Neugier ihre Gäste hetzte. Sie hatte sowieso so selten Gäste und dann auch noch solch interessante, nette und ausgefallene. Sie würde gern noch ein wenig mit den jungen Männern plaudern.

„Außerdem bringt unser Geologe uns um. Ich habe ihm mindestens 10 Stunden im Dreck spielen versprochen. Also vor morgen früh bekommen wir den alten Knaben hier sowieso nicht weg.“ Leander zuckte die Schultern.

„Und ich wette, er wird auch nicht schlafen“, sagte Adrian besorgt, doch Ewan zuckte die Schultern. Jack war beileibe alt genug! Der wusste schon, was für ihn gut war und was nicht.

„Dann lasst uns endlich das Buffet plündern, ihr müsst doch Hunger haben!“ Sona erhob sich.

Die Männer folgten ihr und jeder nahm sich etwas auf den Teller. Extra für die Moles hatte Sona viel Gemüse vorbereitet. Sie hatte sich erkundigt, was ihre Gäste gerne aßen und dementsprechend etwas vorbereitet. Unauffällig beobachtete sie Adrian und Ewan, ob sie auch wirklich etwas fanden, was ihnen schmeckte. Bahadur hatte keine Probleme etwas zu finden und setzte sich mit seinem vollen Teller wieder an den Tisch. 

Adrian schnüffelte unauffällig an Dingen, die er nicht kannte. Seine Nase war so gut, dass er sich nicht tiefer beugen musste, nur die Augen schließen, um den Geruch heraus zu filtern, auf den es ihm ankam. Dann nickte er zu sich selbst und nahm von jedem etwas. „Ach, wieder Butterrübchen, hm?“, konnte er sich nicht verkneifen, als er auf Ewans Teller sah. Dann machte er, dass er weg kam.

Leander rollte mit den Augen, aber da Ewan sich nicht an Adrian störte, weil er gleich von Sona abgelenkt wurde, die ihn etwas fragte, setzte er sich zu Bahadur und Akuma. „Abfahrt morgen früh acht Uhr?“, fragte er den Prinzen. Zu dieser Zeit waren sie auch von Neo New York losgefahren und sie kamen nicht mitten in der Nacht zurück.

„Ich werde euch Punkt acht Uhr einsammeln“, versicherte Akuma und brummte leise, als der Prinz hüstelnd erklärte, dass derjenige, der krank geschrieben war, niemanden abholte. Der General verkniff sich seinen Kommentar, nickte aber. Sie besprachen den Morgen, Bahadur wollte heute Abend noch alle notwendigen Dinge zusammentragen lassen, die morgen mitgenommen werden mussten und dann sollte ihrem Aufbruch nichts mehr im Wege stehen.

Sie vertieften sich noch in ein paar seichte Gespräche, fragten sich gegenseitig noch ein wenig aus, doch dann fielen Leander immer wieder die Augen zu.

Sona nahm es wieder in die Hand dafür zu sorgen, dass ihre Gäste endlich ins Bett kamen. Sie gab Naran den Auftrag alle zu ihren Zimmern zu bringen. „Schlaf gut, Mutter.“ Bahadur küsste sie auf die Wange und machte sich mit Akuma auf den Heimweg. In ihrer Wohnung ließ er sich auf die Couch fallen und streckte sich ausgiebig. „Was hältst du von ihnen?“, fragte er Akuma und war gespannt, wie der General das erste Zusammentreffen sah.

„Überraschend offen und unkompliziert. Ich kann mir bei ihnen nicht vorstellen, dass sie etwas planen würden, um uns zu übergehen.“ Akuma erschrak sich fast selbst vor seinen Worten, doch es war so. Die Jungs aus Neo New York blockten keine Frage ab, sie erklärten alles, was notwendig war, und legten die Karten auf den Tisch. „Und so schlecht können sie nicht sein, denn diese Moles sind ihnen loyal, sie haben Atlantis zu ihren Verbündeten gemacht. Und mit ihnen würden wir nicht nur wichtige Daten bekommen, sondern auch einen Fuß auf einen anderen Kontinent.“ Er zog sich das Hemd über den Kopf und ließ sich auf die Couch fallen, verzog den Mund, als er sich selbst wieder beim faulenzen erwischte.

„Ja, den Eindruck hatte ich auch. Zurzeit sehe ich nur Vorteile in einem Bündnis mit ihnen und sie trauen sich was, uns einzuladen, wenn es stimmt, dass der Berater des Fürsten einer von denen ist.“ Das konnte noch ein Problem werden, aber kein Grund sich Sorgen zu machen. So wie er das mitbekommen hatte, hatten ihre Gastgeber soweit alles im Griff. Schließlich lebten und operierten sie in einer autarken Kuppel, zu der nur Zugang hat, wer vom Prinzen persönlich autorisiert war. Von einem anderen Gottgleichen, der sich schon seit Jahren um den Widerstand unter den Moles gekümmert hatte, hatten sie auch erfahren, woran man die Gottgleichen erkennen konnte und der abtrünnige Atlanter wusste erstaunlich viel über dieses unglaubliche Labor. Ja, Bahadur würde sagen: Erdogan hatte in seiner Kuppel alles im Griff.

„Wir sollten unsere Quelle in San Francisco GX aktivieren. Bisher waren uns Namen egal, wir hatten andere Ziele. Aber vielleicht kann der für unsere Freunde ein paar Dinge in Erfahrung bringen“, überlegte Akuma und zog ein Bein auf die Couch.

„Guter Plan.“ Bahadur nickte und lehnte sich bei Akuma an. „Es wird schon etwas geben, womit wir ihnen helfen können. Die Jahrzehnte, die wir gegen die Mistkerle kämpfen, werden nicht umsonst gewesen sein. Wir können uns gegenseitig helfen und eine andere Perspektive kennen lernen.“

„Wir können nicht mehr nur das Fußvolk schlachten. Wir sollten versuchen zu verhindern, dass die Kerle überhaupt die Kuppeln infiltrieren können.“ Nachdenklich lehnte er den Kopf weit in den Nacken und an die Rückenlehne der Couch. „Lass uns zusammensuchen, was morgen alles mit muss und dann gehen wir schlafen. Es werden lange Tage werden, die auf uns zukommen“, schlug Akuma vor und blickte neben sich auf den Prinzen.

„Ja, das wird wohl so sein.“ Akuma gähnte und stand auf. „Okay, du sagst mir, was du mitnehmen willst und ich packe es ein.“ Der Prinz wollte, dass Akuma sitzen blieb. Der hatte sich die letzten Tage sowieso viel zu viel bewegt. Seine persönlichen Sachen waren schon in seinem Rucksack verstaut, der neben der Eingangstür stand.

Doch Akuma hatte beschlossen, dass Bahadur in ihren eigenen vier Wänden nicht weisungsbefugt war und erhob sich. „Ich habe dir schon mal gesagt, dass du nicht meine Mutter bist. Die war hübscher als du“, sagte er trocken und sah sich kurz um. Ihm fehlte der Bettvorleger, der ihm immer vor den Füßen herum sprang. Doch er sagte nichts, sondern suchte seinen Rucksack.

Bahadur streckte ihm die Zunge raus und grinste. „Ja, ja“, murmelte er nur und ließ es darauf beruhen. Er mochte jetzt nicht diskutieren. Er sah lieber Akuma zu, wie er durch den Raum ging. Für seine Verletzungen bewegte sich der General schon wieder ziemlich flüssig. „Nimm etwas von dem Serum mit. Man weiß nie, ob wir es brauchen und Leander und seine Leute würden es bestimmt gern analysieren.“

Akuma nickte und ging zum Schrank. Sehnsuchtsvoll blickte er auf die Kanülen, packte sie in ein Etui und schloss die Schranktür wieder. Er selbst musste noch mindestens eine Woche darauf verzichten. Die Ärzte waren sich nicht sicher, wie der angeschlagene Körper auf das Serum reagierte, vor allem auf die Dosierung, die der General normalerweise zu sich nahm.

Das Etui landete in einer der gepolsterten Taschen außen am Rucksack und schon fegte Akuma durch den Raum und sammelte seine Technik ein, dann noch ein paar Kleider und eine Hand voll der nötigsten Hygieneartikel. Dann fand er, dass er gut gerüstet war. Sein Rucksack landete neben dem von Bahadur neben der Tür. „Bin im Bad“, erklärte er und kratzte sich den nackten Bauch, ließ die Hose fallen, wo er stand und schlurfte davon.

Bahadur seufzte nur und ließ die Hose liegen. Schließlich hatte Akuma ja erklärt, er wäre nicht seine Mutter. Er zog sich auch aus und folgte Akuma ins Bad. Er brauchte eine Dusche und es störte ihn nicht, sie mit dem General zu teilen. Sie konnten das gleich mit ein wenig Entspannung verbinden. Die hatte Akuma dringend nötig.