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Zyklus VII - Hangzhou Provinz - Teil 28 - 30

28 

„Thom, wie sieht’s aus?“ Leander stand auf der Brücke und fieberte wie jedes Mal, ob sie das geöffnete Schott ihres Docks auch wirklich trafen und nicht irgendwo dagegen donnerten. Und wie jedes Mal lachte der Mechaniker an seinem Pult, beruhigte den Soldaten und erklärte, dass alles nach Plan lief, während auf dem Monitor schon Meodin herum wuselte und wissen wollte, wie lange das denn noch dauern würde.

„Es dauert so lange, wie es eben dauert“, lachte Leander. Meodin wusste, das alles automatisch ablief, was aber nicht hieß, dass er nicht ein wenig darüber meckerte. Bahadur hörte amüsiert zu. Er und Akuma hatten sich wie üblich auf der Fahrt auf der Brücke eingefunden. Dort hatten sie die Tiere des Meeres beobachten können und auch immer jemanden gefunden, um sich zu unterhalten.

„Was ist das denn für eine unqualifizierte Antwort“, knurrte das Seepferdchen, verschränkte die Arme vor der Brust und wurde von Diego neben ihm imitiert. „Ja – total unqualifiziert!“, nickte der kleine Mole. Er war noch ganz staubig, jeder ahnte, wo er gewesen war.

„Was soll das denn heißen, junges Gemüse?“, knurrte Leander und grinste, als die beiden Querulanten von Elaios aus dem Bild geschoben wurden. „Briefing!“, murmelte er und würde wohl noch einmal auf die beiden einwirken, damit die Gäste nicht gleich das schlimmste Bild von den beiden bekamen, was nur möglich war. Dafür trat Archiaon ins Bild. „Alles gut gelaufen?“, begann er eine Plauderei, blickte aber nicht in die Kamera sondern schien seinen Schatz und die Querulanten zu beobachten, kniff ab und an die Augen zu, zog den Kopf ein und holte tief Luft.

„Ja, lief alles gut.“ Leander grinste, denn  Meodin konnte ihn nicht sehen. Er wusste ganz genau, dass Bahadur die Szene genau beobachtet hatte. Er drehte sich zu dem Vampir. „Was habe ich dir gesagt“, lachte er und Bahadur nickte. „Ich weiß jetzt, was du gemeint hast und es macht mich noch neugieriger.“

„Okay – ich bereite alles für eure Ankunft vor, bis gleich!“ Und schon war der Bildschirm schwarz. Selbst Akuma konnte sich ein süffisantes Grinsen dann doch nicht verkneifen. In was waren sie da nur hinein geraten? Doch er straffte sich, ließ sich nichts anmerken und griff nach seiner Tasche, um sich abzulenken.

„Noch fünf Minuten, Akuma“, sagte Leander und deutete auf den Countdown, der stumm über der Tür runter zählte. „Wenn die Klammern eingerastet sind, öffnen sich die Türen. Dann ist der Weg frei.“

Der General nickte und trat wieder ans Panorama-Fenster. Zwar sah er nur noch den ausgeleuchteten Boden des riesigen Beckens, doch auch das war interessant. Es ähnelte dem ihren – war nur weit größer. Ein Punkt mehr der dafür sprach, dass Bonder 482 eine extrem wichtige Einrichtung für die Gottgleichen gewesen sein musste.

Als der Countdown bis auf dreißig Sekunden abgelaufen war, nahm Bahadur seine Tasche und bedeutete Akuma, ihm zum Schott zu folgen. Von Leander wusste er, dass es bei den Neo New Yorkern üblich war, dass die Gäste zuerst das Schiff verließen, um von Erdogan begrüßt zu werden. „Gleich werden wir das erste Mal einen anderen Kontinent betreten.“

Akuma nickte. Zu sagen, er wäre nicht aufgeregt, wäre gelogen, doch er konnte sich gut verstellen. Das jahrelange Training war nicht ganz vergeblich gewesen.

Und dann war es endlich so weit. Hinter Bahadur und Akuma sammelte sich auch der Rest der Besatzung. Die Tür öffnete sich und Akuma blickte sich mit stoischer Miene erst einmal um, während Bahadur ihm die Hand in den Rücken legte und leicht schob, damit Bewegung in die Gruppe kam.

Am Ende der Treppe stand Erdogan, ihm zur Seite Meodin, Neugier in das schöne Gesicht geschrieben.

„Willkommen in Neo New York, Prinz Bahadur und General Akuma“, begrüßte Erdogan die Gäste und kam mit Meodin an seiner Seite näher und reichte seinen Gästen die Hand. „Ich freue mich, euch kennen zu lernen. Ich hoffe, die Fahrt war angenehm.“ Bahadur nickte und lächelte. „Danke der Nachfrage, Prinz Erdogan, ich grüße euch und auch euch, Meodin. Mein Vater bat mich euch seine besten Grüße auszurichten.“  

„Öhm – danke!“ Meodin war überrascht, dass er so direkt adressiert worden war und wirkte ein bisschen verlegen, lächelte und ließ den Pony vor das Gesicht fallen. Doch da schlich hinter Meodin schon Diego hervor, schnüffelte unauffällig bis Adrian ihn rügte, dass sich das nicht gehörte. Einfach Gäste beschnüffeln.

„Lass ihn ruhig, Adrian, ich fühle mich dadurch nicht beleidigt.“ Bahadur wandte sich Diego zu und lächelte. „Hallo, Diego“, grüßte er den Mole und streckte ihm die Hand hin. Er hatte nicht damit gerechnet gleich zwei Drittel des Trios Infernale, wie Leander die drei Freunde nannte, kennen zu lernen. Unauffällig sah er sich um, ob auch Dylan irgendwo in der Nähe war.

Und siehe da, er kam gerade um die Ecke geschossen, denn er hatte sich leider in der Zeit vertan. Er war zur Wache eingeteilt worden und war noch mal im Lager gewesen, war auf dem verlockenden Strohlager kurz eingeschlafen und hatte nun den Salat. „Treuloses Brudervieh hättest mich auch wecken können“, knurrte er leise, nur die Moles mit ihren guten Ohren konnten ihn hören und so hob Akuma die Brauen, als die ihm eben noch gereichte Hand wegzuckte, der kleine Mole herum schoss, sein winziger Stummelschwanz heftig wackelte und er seinem Bruder erklärte, dass er es versucht hätte, ihn zu wecken, aber nicht gegen das laute Schnarchen hatte ankommen können.

Leander schlug die Hand vor das Gesicht – nichts anderes hatte er erwartet. Zwischen den Fingern suchte er strafend Erdogans Blick. Da hatte jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht.

„Das Trio ist komplett“, grinste Bahadur und sah zu Leander, der ein wenig verkniffen wirkte. „Lass sie“, flüsterte er dem Soldaten zu und stieß ihn mit der Schulter an. „Niemand muss sich wegen uns verbiegen oder verstellen.“

„Die sowieso nicht, nicht mal vor unserem Prinzen haben sie Respekt, warum dann vor einem fremden“, lachte Leander und zuckte die Schultern. Die drei bekam keiner gebändigt, denn sie rauften gerade weiter hinten im Dock. Archiaon betrachtete sie als auch er auf die Gäste zukam und sich und seinen Begleiter vorstellte. „Atlantis grüßt euch“, lächelte er und deutete eine Verbeugung an.

„Senator, wie schön euch endlich persönlich kennen zu lernen.“ Bahadur verneigte sich ebenfalls und sah dann in die Runde. „Ich freue mich wirklich sehr, hier sein zu dürfen und ich würde vorschlagen, dass wir die förmlichen Anreden sein lassen. Mit euren Männern, die ihr zu uns geschickt habt, haben wir uns darauf geeinigt.“

„Das soll mir recht sein, Bahadur, Akuma.“ Archiaon nickte den beiden zu und geleitete sie durch das Dock. Die Moles und die Techniker, die das Schiff ebenfalls verlassen hatten, waren bereits verschwunden. „Möchtet ihr als erstes euer Zimmer im Lager beziehen oder die Anlage sehen oder die Männer meines Teams vollständig kennen lernen?“, erkundigte sich Erdogan, der die Gäste auf der anderen Seite zum Lift flankierte.

„So gerne ich auch sofort die Anlage erkunden würde, wäre es wohl doch besser, wenn wir unser Gepäck erst einmal wegbringen. Danach kann mich allerdings nichts mehr davon abhalten diese Anlage und das erstaunliche Observatorium zu sehen.“ Bahadur sah zu Akuma, der nickte und somit sein Einverständnis gab.

„Dann bitte ich, mir zu folgen“, erklärte Erdogan, wartete bis alle Mitglieder seines Trosses den Fahrstuhl bestiegen hatten und brachte sie in die Ebene, die zum Tunnel Richtung Lager führte. Er orderte zwei Wagen, die bereit standen, als sie die schwer gesicherte Tür des Labors hinter sich ins Schloss fallen ließen. Diego und Dylan waren schon wieder bei Connor, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, auf einem Stück Land hinter dem Lager Gemüse zu züchten. Meodin ging wieder seiner Tätigkeit als Archivar nach und suchte nach Informationen, die man bei ihm in Auftrag gegeben hatte.

Akuma und Bahadur sahen sich um und der Prinz gab sich gar nicht erst Mühe, nicht neugierig zu wirken. Immer wieder fragte er Erdogan nach etwas, was er gesehen hatte und war wirklich beeindruckt. „Kann losgehen“, verkündete er auch gleich, als die Taschen verstaut waren und ihrer Besichtigungstour nichts mehr im Wege stand.

„Alles klar.“ Leander saß hinter dem Steuer des einen Wagens. Ihn begleiteten die beiden Prinzen und der General. Im Wagen hinter ihnen fuhren die Senatoren. Sie waren wie üblich über Funk verbunden, so dass jeder jeden hören konnte. „Euer kleines Reich wird leider nicht sehr komfortabel sein. Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch mit Stuhl und ein kleines Bad. So sind alle unsere Wohneinheiten ausgestattet. Es ist nur eine Forschungskuppel, wir halten uns nur zum schlafen in den Räumen auf. Ihr bekommt zwei in der zweiten Ebene bei mir.“ Leander blickte nach hinten. „Oder reicht wieder eines, wegen dem trinken?“, wollte er leise wissen.

„Uns reicht ein Zimmer. Macht euch keine Umstände.“ Bahadur war es ganz recht, dass Leander dachte, dass sie wegen des Blutes ein Zimmer belegen wollten. Er hatte sich so daran gewöhnt Akuma neben sich im Bett zu haben, dass er ihn nicht mehr missen wollte. Da Erdogan das ja noch nicht wusste und etwas fragend guckte, erklärte Bahadur ihm, was es mit dem Trinken auf sich hatte.

Erdogan hörte aufmerksam zu und hatte die gleichen Gedanken wie sein Freund auch – es war eine Schwäche, die der Feind niemals erfahren sollte. „Wir sollten das für uns behalten. Je weniger davon wissen, umso sicherer seid ihr. Blutreserven haben wir im Krankenzimmer von Daniel und können aus der Hauptkuppel welches ordern, wenn ihr braucht.“ Zwar waren sie sich sicher, dass unter ihnen keine Spione mehr waren, doch er wollte Bahadurs Leben nicht aufs Spiel setzen. Dazu waren die beiden Männer einfach zu wichtig und zu wertvoll, als Individuen und als Partner.

„Danke.“ Bahadur nickte Erdogan zu. Es war ungewohnt, dass sich jemand um ihn Sorgen machte, aber das zeigte ihm, dass die Neo New Yorker ihr Bündnis sehr ernst nahmen. „Gehen wir gleich ins Observatorium?“, fragte er, denn darauf war er sehr gespannt. 

„Da müssen wir dann wieder zurück – das Observatorium ist im Labor. Aber lassen wir Jack ein oder zwei Stunden. Das ist gesünder für alle“, lachte Leander. Die beiden Jiang Shi mussten ja ein Bild von ihnen haben, als hätten sie nur Knalltüten, die keinem Befehl gehorchen konnten. Dabei war es gar nicht so schlimm. „Sonst müssen wir wieder Meo auf ihn hetzen“, murmelte er leise und erinnerte sich an das letzte Zusammentreffen der beiden, als Jack den kürzeren gezogen hatte.

„Okay, das verstehe ich.“ Bahadur lachte und fand es wirklich nicht schlimm. „Sehen wir uns erst an, was ihr hier geschaffen habt. Ihr müsst doch von der Hauptkuppel versorgt werden. Wie macht ihr es da, euch vor Sabotage zu schützen?“ Das hatte Bahadur sich schon gefragt, als er die Berichte gelesen hatte.  Alles musste aus der Hauptkuppel herangeschafft werden.

„Mit einer Menge Tests“, sagte Erdogan. Sie fuhren aus dem Tunnel und an einem kleinen Wäldchen vorbei, hinter dem die Moles gern ein Staubbad nahmen. Deswegen fuhr Leander besonders langsam, denn mehr als einmal wäre ihm Diego hier fast unter die Räder gekommen. „Alle Lebensmittel, die wir einführen, werden mit nicht kontaminierenden Schnelltests auf alles untersucht, was wir kennen. Chemisch und biologisch. Wasser beziehen wir aus der eigenen Quelle, Medikamente stellen wir mittlerweile selber her und Blutkonserven gewinnen wir ebenfalls selbst. Es reicht für normale Vorkommnisse. Und seit neuestem züchtet Connor, unser Smutje und Allround-Talent Gemüse hinter dem Lager.“

„Ah Connor.“ Bahadur und Leander grinsten sich an. Auf dem Schiff hatte der Prinz einmal den Unmut des Smutjes heraufbeschworen, als er genau am Ende der Essensausgabe in die Kombüse kam und noch was zu essen wollte. Es endete damit, dass Bahadur sich schnell noch ein paar Sandwiches gegriffen und Leander ihm den Rücken freigehalten hatte. Zusammen mit Akuma hatten sie ihre Beute dann verzehrt und einen schönen Abend verbracht.

„Ja, Connor. Und so wie du das betonst, hast auch du schon Bekanntschaft mit dem Unnachgiebigen gemacht“, lachte Erdogan und erinnerte sich an seine Zusammenstöße mit dem Mole, wenn er mit Meodin mal wieder die Zeit vergessen hatte und noch Futter abstauben wollte. „Und ich warte auf den Tag, an dem sein Gemüse reif ist und er kleine Diebe wie Diego mit dem Besen vom Feld vertreibt.“ Er hatte schon eine Diego-Scheuche bei Thom in Auftrag gegeben – keiner wusste, was das werden sollte.

„Ich hoffe, dann bin ich noch hier und kann mir das Schauspiel angucken.“ Bahadur lachte. „Euer Trio Infernale ist bestimmt ein furchtbarer Gegner. Kein Wunder, dass ihr bei den Gottgleichen so erfolgreich seid. Ihr habt ein gutes Training.“

„Mach dich nur lustig“, murmelte Erdogan leise, lachte aber. Schließlich war einer der berüchtigten Drei sein Liebling und Meodin allein war eigentlich ein sehr wissbegieriger junger Mann, der sich sehr wohl zu benehmen wusste.

„Da vorn die kleine Ansammlung von Häusern ist unser Lager“, lenkte Leander ab. „Das hier war mal eine alte Versorgungskuppel, die mangels Personal aufgegeben werden musste. Die Bebauung stammt noch aus der alten Zeit. Wir haben sie instand gesetzt und etwas modernisiert. Wir haben überall warmes Wasser aus der Wand und Strom. Viel mehr Luxus können wir hier nicht bieten… Sal, lass das.“ Leander stupste das Haustier seines Prinzen auf die vorwitzige Nase, als Sal wieder auf dem Lenkrad herum turnte.

„Wir brauchen keinen Luxus. Ein Dach über dem Kopf und ein Bett zum schlafen genügt uns vollauf.“ Neugierig sah Bahadur auf das kleine Tier. „Du trägst eine Ratte mit dir rum?“, fragte er und streckte seine Hand vorsichtig aus, damit Sal ihn beschnüffeln konnte. „Gut, dass Panja nicht mitgekommen ist. Sie würde dich als leckeren Snack sehen.“ 

„Unterschätze Salcedo nicht“, sagte Leander leise. Eigentlich war er versucht zu erklären, dass Sal keine Ratte sondern ein Birdell war. Doch nach der Diskussion um die Erschaffung von Meodin hatte er gerade keine Lust auf den nächsten Fehltritt. Also beließ er es vorerst dabei – Sal war eine Ratte. „Er hat schon ein paar Finger und Pfoten gelöchert, die ihn ärgern wollten. Er ist vielleicht klein, aber mutig und schnell – und verfressen.“

„Probieren wir es lieber nicht aus. Wir hängen wohl beide zu sehr an unseren Haustieren.“ Bahadur zog seine Hand zurück, als Sal zu Erdogan lief und wieder in dessen Kleidern verschwand. „Ich stelle euch die junge Dame gerne vor, wenn ihr unsere Kuppel besuchen kommt.“

„Sal wird sich freuen“, lachte Leander leise und hielt vor dem Haupthaus, hinter dem gerade Diego um die Ecke guckte. „Da sind sie, guck“, murmelte er und deutete auf Bahadur und Akuma, der den kleinen Mole interessiert beobachtete.

„Diego, ich bin mit ihnen gefahren – ich kenne sie. Also lass mich weiter arbeiten“, brummte der große Mole, hob die Hand zum Gruß und zerrte Diego hinter sich her zurück zum Feld. Die Katze stromerte hinterher, sie langweilte sich wohl.

„Na dann, ich zeige euch euer Zimmer und Erdogan wird eine Sitzung einberufen. So seht ihr alle Leute des Teams und das Observatorium.“

Archiaon und Elaios waren schon den beiden Moles zum Feld gefolgt. Sie waren fasziniert davon, denn Feldbau konnten die Atlanter in ihren Kuppeln nicht betreiben. So studierten sie die Agrarkulturen, wenn sie hier waren und Zeit hatten.

„Gute Idee. Da schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe.“ Bahadur und Akuma folgten Leander in die Unterkünfte und stellten die Taschen in ihrem Zimmer ab.  Bahadur  sah aus dem Fenster auf das Meer. Irgendwo da draußen war die Bonder Einheit. „Erstaunlich, dass die ganze Anlage unter Wasser liegt und man gar nichts von ihr sehen kann. Sehr raffiniert und ein effektives Versteck.“

„Ich glaube zu ihrer Zeit der Entstehung war die Kuppel noch an der Oberfläche. Zumindest lässt sich das aus den alten Aufzeichnungen rekonstruieren, die wir gefunden haben“, erklärte Leander. Er stand in der Tür gegen den Rahmen gelehnt und blickte in das Zimmer der Jiang Shi, beobachtete die beiden Männer am Fenster. „Aber die Anlage an sich lag schon immer unter der Erde. Sie ist riesig. Nur der Zugang lag einmal oberhalb. Ihr könnt euch das im Aquarium angucken – das war mal der Eingang.“

Bahadur sah sich zu Leander um. „Das ist die Kuppel unter Wasser, oder?“, fragte er und seine Augen leuchteten. Er hatte die Bilder gesehen und seit dem wollte er dort hin. So etwas gab es in seiner Heimat nicht, zumindest nicht, dass er wusste.

„Ja, das ist die Kuppel unter Wasser. Dort ist das Trio am liebsten unterwegs, dort haben die Atlanter Meodin gesehen und dort verbringen die Jungs im Labor gern ihre Pause. Wenn ihr wollt, können wir schon einmal rüber fahren und gehen von dort aus dann später ins Observatorium“, schlug Leander vor und trat in den Flur hinaus, griff gezielt zu und hatte Diegos kleinen Liebling gegriffen. Die Katze fauchte leise, denn sie mochte es nicht, wenn man sie ungefragt griff. Sie entschied, wann sie gestreichelt werden wollte und so sträubte sich das grau getigerte Fell ein bisschen.

Sofort kam Bahadur näher und betrachtete lächelnd das Tier. Er liebte Katzen in allen Größen und Farben. „Süß“, lachte er leise. „Lass sie besser los, wenn du nicht gekratzt werden willst“, riet er Leander, denn er konnte ganz gut die Körpersprache deuten. Das hatte ihm bei Panja viele schmerzhafte Kratzer erspart.

„Ach, Katze, du bist und bleibst eine alte Kratzbürste“, lachte Leander, ließ das Tier aber runter und die Katze machte, dass sie weg kam, sah sich noch nicht einmal um. „Wie sieht’s aus. Wollen wir ins Aquarium oder wollt ihr euch frisch machen und noch etwas entspannen?“ Er blickte von Bahadur zu Akuma.

„Aquarium?“ Fragend sah der Prinz Akuma an. Er wollte das nicht über dessen Kopf entscheiden. Bisher hatte er fast alle Entscheidungen getroffen und er wollte nicht, dass es danach aussah, dass der General sich ihm unterordnen musste. Auf dieser Mission waren sie gleichberechtigt.

Doch Akuma wusste, dass das Aquarium das war, was Bahadur nach dem Observatorium am interessantesten fand und so nickte er stumm. „Warum nicht“, entgegnete er also und trat ebenfalls auf den Flur. Das dürfte interessant werden.

„Alles klar, ich melde uns bei Erdogan ab, nicht dass er uns sucht“, erklärte Leander und griff seinen Kommunikator, schlug aber schon den Weg zurück zum Wagen ein.

Wieder sah sich Bahadur auf der Fahrt alles genau an, auch wenn im Tunnel nicht viel zu sehen war. „Erstaunlich, wie gut die Tunnelwände in Schuss sind, wenn man bedenkt wie alt die Anlage schon ist“, meinte er zu Leander und sah schon dem großen Tor entgegen, das vor ihnen auftauchte.

„Sie scheinen ihn regelmäßig gewartet zu haben, als sie noch hier unten waren. Als wir den Tunnel geöffnet haben, mussten wir nur ganz wenige Schadstellen ausbessern und selbst die waren nicht gefährlich für die Stabilität oder die Tragfähigkeit des Gewölbes“, erklärte Leander, grüßte die Wachen und parkte den Wagen wie üblich neben der Tür. Er öffnete und ließ seine Gäste erneut eintreten. „Wir müssen geradeaus und ganz da hinten links weg. Dort führt eine Treppe nach oben.“

„Okay. Schaffst du das?“, fragte Bahadur Akuma und ging etwas langsamer, damit der General nicht hinter ihm herhumpeln musste. Zwar ließ Akuma sich nie etwas anmerken, aber langes laufen oder Treppen steigen strengten ihn doch ziemlich an und das war es ihm nicht wert.

„Bahadur“, knurrte Akuma leise. Er konnte immer noch nicht damit umgehen, wenn jemand ihn so sehr in den Mittelpunkt des eigenen Interesses rückte. „Ich muss wieder trainieren. Das ist ein guter Anfang.“ Akuma steckte die Hände in die Taschen und ballte die Fäuste. Er wollte nicht, dass jemand sah, dass die Bewegung ihn anstrengte. Er hatte seine Kondition völlig verloren und die nächsten Tage sollte er mit leichtem Lauftraining beginnen. Das ging so nicht mehr weiter. Da kam es ihm entgegen dass der Prinz abgelenkt sein dürfte.

Sie liefen die Treppe hoch und als Leander  die Tür öffnete, war Bahadur hinter ihm und sah ihm über die Schulter. „Wow“, entfuhr es ihm. „Das ist fantastisch.“ Er trat in den Raum und drehte sich erst einmal wie ein Kreisel, damit er soviel sehen konnte wie möglich.

Doch Raum war untertrieben. Unter seinen Füßen wuchs Gras. Es reichte bis zu den Knien. Verstreut standen ein paar alte Ruinen von Häusern. Die Dächer waren eingefallen, Türen und Fenster verschwunden. Ihre leeren Augen blickten stumm in die Welt. Langsam ließ auch Akuma seinen Blick schweifen, das Gras entlang bis zum Glas und dann am Glas entlang immer höher und höher. Das Wasser über ihm faszinierte ihn und so ging er langsam auf das Glas zu. Schritt für Schritt.

„Seht euch um, so lange ihr wollt“, sagte Leander und nahm auf einer kleinen Mauer Platz.

„So was hätte ich auch gerne“, murmelte Bahadur, der einem Scharm Fische hinterher sah. Es war unglaublich, wie sich hunderte von Tieren, fast wie ein einziges bewegten. So etwas hatte er noch nie gesehen. Er stand mit den Händen an der Scheibe gelehnt und hatte den Kopf weit in den Nacken gelegt.

Leander beobachtete die zwei und sie unterschieden sich kein bisschen von allen anderen. Ihnen war es genau so gegangen. Es gab nicht einen unter ihnen, der von diesem Anblick nicht ergriffen gewesen war. Selbst Ewan und Connor verweilten manchmal hier und beobachteten die Meerestiere.

„Wird schwierig zu bauen sein, Prinz“, murmelte Akuma und strich langsam durch das Gras. Er hatte die Schuhe und die Socken ausgezogen und genoss das kühle Gras an seinen Fußsohlen. Er schloss die Agen und lief blind.

„Ja, aber das wäre es wirklich wert.“ Es war eine Spinnerei und es war klar, dass so etwas niemals bei ihnen gebaut wurde, aber sich so etwas vorzustellen, machte Spaß. „Wir müssen doch nur ein Areal vor unserer Küste entwässern, dann eine Kuppel bauen und alles wieder fluten.“

Akuma öffnete wieder die Augen und sah seinen Prinzen an. Noch immer fiel es ihm schwer zu unterscheiden, ob etwas ernst gemeint war oder nicht. Das sah er oft nur an den Augen, die Stimme verriet ihm das nicht. „Du kannst es Naran gern vorschlagen. Vielleicht lassen sich die Weißkittel aus dem Wissenschaftstrakt dazu hinreißen, Gelder locker zu machen.“

„Vielleicht lädt euch Archiaon einmal in seine Welt ein, das ist noch um einiges beeindruckender als unser Aquarium“, sagte Leander, doch auch er liebte dieses Fleckchen Erde.

„Das glaube ich gerne.“ Bahadur ließ sich neben Leander nieder und lehnte sich nach hinten. „Ich denke zwar, dass es nicht Sinn und Zweck dieser Anlage und ganz sicher nicht beabsichtigt war, aber diese Kuppel ist einfach wundervoll. Es hat etwas beruhigendes hier zu sitzen und das Meer zu beobachten.“

„Ja, das hat es wirklich. Sogar auf unsere Hardcore-Wissenschaftler wie Bill und Jack. Sie bekommen regelmäßig von Daniel und Adrian eine Stunde Aquarium verordnet, wenn sie 'n Knoten im Wurm haben“, lachte Leander und genoss die Bilder immer wieder gern, wenn der strampelnde Bill von dem Mole über den Gang geschoben wurde. Adrian war eben doch um einiges kräftiger als der Genetiker.

„Es gibt schlimmere Strafen.“ Bahadur beobachtete Akuma, der immer noch mit geschlossenen Augen durch das Gras lief. Es war erstaunlich, dass er nirgendwo gegen lief. Es war, als würde er die Hindernisse auf seinem Weg spüren können. Bahadur  gefiel es seinen Freund anzusehen und seine geschmeidigen Bewegungen zu beobachten, kaum noch behindert durch seine Verletzungen.

Er konnte sich gut vorstellen wie Akumas Reaktionen waren, wenn er erst wieder richtig auf dem Posten war. In Bahadurs Gemächer einzudringen war damals auch kein Pappenstil gewesen. Der Prinz wusste heute noch nicht, wie der Kerl das geschafft hatte.

„Frag mal Jack, ob es schlimmer ist, 12 Stunden im Observatorium zu forschen oder eine halbe Stunde zu pausieren. Und da ist es ihm egal, wo er die Pause verbringen muss.“ Leander sah sich um. Er hörte Schritte und Stimmen auf der Treppe nach oben.

„Naja, ich kann mir vorstellen, dass es einen ziemlich ärgern kann, wenn man gezwungen wird sich auszuruhen.“ Bahadur lachte und schüttelte dabei den Kopf. Zwar konnte er sich ebenfalls in eine Aufgabe verbeißen, wenn es wichtig war und er Ergebnisse haben wollte, aber ständig war das nichts für ihn.

Er sah zur Tür und grinste, als er Meodin mit zwei Moles durch die Tür schießen sah. Das Trio Infernale brauchte wohl auch etwas Entspannung.

„Ups!“, machte Meodin, als er die beiden Gäste auf der Wiese sah. Er bremste abrupt und Dylan, der direkt hinter ihm lief und die Fremden noch nicht gesehen hatte, rechnete nicht mit dem steif stehenden Meodin, rannte ihn über den Haufen, Diego, mit dem Kopf noch zum Treppenhaus gewandt bekam von allem gar nichts mit und bildete nun die Spitze des Berges aus Fell und Flossen und Gliedmaßen.

Leander sagte nichts – die drei waren einfach ohne Worte.

Bahadur lief zu dem kleinen Berg rüber und pflückte Diego von der Spitze und stellte ihn auf, das gleiche machte er mit den anderen beiden und lächelte. „Geht es euch gut?“, fragte er und klopfte ein wenig Staub von Meodins Shirt, das dabei verrutschte und Akuma machte große Augen, als er den Ansatz der Rückenflosse sah. Neugierig kam er näher.

„Ja, ja, das passiert schon mal wenn Meo unkoordiniert stehen bleibt!“, maulte Dylan und sammelte sich Gras aus dem Fell.

„Was heißt denn hier unkoordiniert?“, schoss Meodin gleich lauernd herum und funkelte seinen Freund an, gab Akuma so eine bessere Sicht auf den Flossenansatz, denn das Shirt hing immer noch auf Halbmast.

„Unkoordiniert heißt, dass du mal wieder nur Blödsinn machst und Chaos verbreitest“, sagte Dylan ungerührt, als sich Meodin lachend auf seinen Freund warf und sich wieder mit ihm durchs Gras rollte. Bahadur hätte ihn gar nicht sauber machen müssen. Diego konnte gerade noch über die beiden hüpfen, ehe sie ihn überrollten.

„Die drei sind zu beneiden“, murmelte Bahadur und sah den raufenden Freunden zu. Sie waren so unbeschwert und sie konnten ihre Jugend in vollen Zügen genießen, so wie es sein sollte.


29 

„Lass uns zu Erdogan gehen. Lassen wir Meodin und seinen Freunden ihre freien Minuten. Wir werden bestimmt auch schon erwartet.“

„Wenn ihr wollt“ Leander erhob sich und ging auf die Treppe zu. Akuma blickte noch einmal auf die drei, dann beeilte er sich aufzuholen. „Sag mal, Leander“, fragte er leise. „Hab ich das gerade richtig gesehen? Meodin hat eine Rückenflosse?“

„Ja, hast du. Wir nennen ihn nicht ohne Grund Seepferdchen. Er ist eine Kreuzung zwischen Mensch und Seepferdchen. Er hat auch dünne Häute zwischen den Fingern und den Zehen.“ Leander fühlte sch bei der Erklärung zwar nicht wohl, aber er beantwortete die Frage wahrheitsgemäß.

Akuma nickte verstehend. „Bei Seepferdchen betreiben die Männchen in einer Bauchtasche Brutpflege, deswegen wolltet ihr die Rasse schaffen, oder?“, fragte er und blickte Leander an. Der Soldat nickte. „Wir haben auch hier versucht, die künstlich befruchteten Eizellen aus der Genbank in Tanks reifen zu lassen wie bei Meodin. Doch die rein menschliche Substanz war nicht in der Lage sich in derartigen Tanks zu entwickeln. Deswegen sollte es über die Bauchtasche von Meodin versucht werden, angeschlossen an den Blutkreislauf und die Körperwärme, im ständigen Austausch mit einem Lebewesen. Aber wenn es dich bis ins Detail interessiert, frag Bill, unseren Genetiker. Er wird auch gleich dabei sein.“

„Vielleicht später.“ Akuma fand Meodins Entstehungsgeschichte zwar sehr interessant, aber erst einmal sollten sie sich auf die Dinge konzentrieren, weswegen sie gekommen waren. Die drei Männer stiegen die Treppen wieder hinab und Leander führte seine Gäste ins Observatorium, wo schon einige Männer versammelt waren.

Wie erwartet war Jack an der Weltkugel zu Gange und Archiaon hatte er neben sich fest gekettet. Elaios war noch bei Matt, der sich um die Serverkapazitäten kümmerte und die Anlagen wartete. Daniel und Adrian standen gerade an einem anderen Terminal und diskutierten eine chemische Struktur, die vor ihnen als Hologramm langsam rotierte und Erdogan hing in der Ecke an einem kleinen Monitor und beobachtete das Trio beim Toben, lächelte dabei verliebt.

Bahadur blieb am Eingang stehen, um sich die Weltkugel aus der Ferne ansehen zu können. „Fantastisch“, murmelte er leise und seine Augen leuchteten. Dieses Observatorium war wirklich unglaublich. Es war ein wirklicher Schatz, den die Neo New Yorker gefunden hatten. Mühelos konnte Jack den Globus drehen, vergrößern und sich Details ganz genau ansehen. Gerade war er dabei mit Archiaon die Struktur von Neo New York zu erforschen, wie sie es für die Reise der Jiang Shi mit deren Kuppel gemacht hatten. Sie hatten Tunnel anzeigen lassen und machten sich über Start und Zielpunkte Notizen. Zusammen mit den Daten von Bahadurs Männern versuchten Jack und der Atlanter die Bahnhöfe der Vakuumbahnen zu lokalisieren. Ihr Ehrgeiz war geweckt.

Bahadur und Akuma kamen vorsichtig näher, um die Männer nicht zu stören, aber sie wollten mehr sehen. Darum stellten sie sich etwas abseits, doch so nah wie möglich und beobachteten Jack und Archiaon bei ihrer Arbeit. „Ich würde das gerne auch einmal probieren“, flüsterte Bahadur Akuma zu. Der nickte, wollte gerade noch einen Schritt näher heran treten, um die Außenbereiche der Kugel zu berühren, da wirbelte Jack herum, weil er einen Stein drücken wollte und griff sich ans Herz. „Jungs!“, rief er aus und holte tief Luft. „Nicht die alten Männer erschrecken, so kommt ihr auch nicht schneller an die Kugel, nur weil ihr mich umbringt“, erklärte er dem fremden Prinzen, drückte auf seinen Stein und verschwand wieder im Hologramm, während Akuma die Braue hob.

„Ich glaube, wir sind gerade ins Team aufgenommen worden“, sagte er irritiert.

„Oder auch nur zu der Bande, die ihm seinen Platz an der Weltkugel streitig machen wollen.“ Bahadur zuckte grinsend die Schultern, ihm war es egal, was Jack in ihm sah, Hauptsache er kam irgendwann einmal auch an die Weltkugel. Dafür beobachtete er Jack, damit er wusste, was die einzelnen Steine bewirkten.

„Bahadur, Akuma. Da seid ihr ja schon“, begrüßte sie Erdogan, der das kleine Intermezzo beobachtet hatte. Sein Monitor war jetzt schwarz und er kam auf seine Gäste zu.

„Ich räum meinen Platz nicht. Bis drei Uhr war gesagt, also – husch, Prinz, husch!“, stellte Jack gleich klar und zog die Kugel größer auf, um den Maßstab der Straßenkarte, die er gefunden hatte, anpassen zu können. Er wollte wissen, wo der Ausgang dieses kleinen Tunnels lag.

„Jack“, knurrte Erdogan. Warum musste der Geologe ihn immer wie einen Idioten aussehen lassen, der seine Leute nicht im Griff hatte. Was machte das denn für einen Eindruck auf Bahadur. „Kein Problem, ich schaue gerne noch etwas zu und lerne“, erklärte sein Gast und schob sich näher an Jack, damit er besser sehen konnte.

„Aber störe meine Kreise nicht und wenn ich dir auf die Füße latsche, bist du selber schuld“, nuschelte Jack, hatte aber unterschwellig zugestimmt, dass Bahadur ihnen beiwohnte. Akuma zog sich etwas zurück und suchte sich dann Leander. Doch die Kugel ließ er nicht aus den Augen, denn auch er war davon fasziniert.

„Setz dich, wenn du willst“, bot Leander an, „der Rest braucht noch ein bisschen, bis alle hier sind. Wir sind etwas früh dran.“

„Das macht nichts.“ Akuma setzte sich neben Leander und beobachtete Bahadur, der immer wieder elegant Jack auswich und trotzdem nah an ihm dran blieb.

Leander beobachtete den Prinzen ebenfalls und war wieder einmal fasziniert von dessen körperlichen Fähigkeiten. Manchmal waren seine Bewegungen kaum zu erkennen, so schnell bewegte er sich.

„Habt ihr viele Vampire im Heer? Die Schnelligkeit der Bewegungen ist unglaublich“, sagte er leise, blickte kurz neben sich, sah dann aber wieder auf die kleine Gruppe in der Kugel. Der Prinz lernte schnell, ein paar Mal zusehen und er wusste, wie er die Kugel bedienen musste. Wenn Jack etwas murmelte, was zu tun wäre, hatte Bahadur es schon getan, noch ehe Jack handeln konnte.

„Nein, die meisten Soldaten sind Menschen. Bahadur ist eine Ausnahme. Er war der Meinung, seinem Volk am besten in der Armee dienen zu können. Die Vampire sind eher die Wissenschaftler in unserem Volk.“ Akuma hatte das nie verstanden. Bei den fantastischen Kräften, die die Vampire hatten, waren sie perfekte Kämpfer  für diese Art von Krieg, den sie führten.

Er hatte sich vorgenommen mit Naran noch einmal eindringlich darüber zu reden. Doch er hatte schon ein paar Nächte wach gelegen und überlegt. Die Neo New Yorker kennen gelernt zu haben, hatte ihnen eines ganz klar vor Augen geführt: wenn sie die Gottgleichen besiegen wollten, mussten sie der Schlange den Kopf abschlagen und nicht immer nur die letzten Schuppen von der Schwanzspitze wie bisher. Allmählich zweifelte er daran, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Sicher, sie waren erfolgreich, hatten Kuppel um Kuppel zurückerobert. Doch er war sich nicht mehr sicher, ob sie das wirklich hatten. Sie hatten schließlich keinen Schimmer, was sich unten ihren Füßen abspielte. Waren sie Versuchskaninchen wie die Jungs hier auch?

Sie mussten ihre Strategie neu auslegen und dazu musste er mit Naran und Bahadur reden.

„Ah so. Kriegen eigentlich alle Soldaten das Serum?“ Leander stützte sich nach hinten auf seine Arme und ließ den Kopf kreisen. Er fühlte sich ein wenig verspannt. Vielleicht konnte er Allan heute Abend zu einer Massage überreden.

„Seid ihr dann genauso schnell und stark wie die Vampire?“

Akuma lachte leise, jetzt war er wohl derjenige, der Antworten geben musste und er tat es ganz gern. So konnte er endlich etwas zurückgeben für all den Vorschuss, den die Neo New Yorker geleistet hatten. Und so berichtete er bereitwillig, wenn auch etwas kurz angebunden, denn er war nicht der große Redner sondern eher pragmatisch veranlagt. „Das Serum bekommt bei uns jeder, der direkt in die Missionen geht. Das macht die Menschen stark, schnell und widerstandsfähig, aber allein durch das Serum kommen die Kräfte und Sinne bei weitem nicht an die der Vampire heran. Ich kann mich mit dem Prinzen messen, weil ich extrem trainiert wurde und es immer noch tue. Andere sind nicht auf diesem Level und was die Sinne angeht, so werden wir immer hinter den Vampiren zurück liegen.“ Sein Blick lag auf Bahadur. Neuerdings beobachtete Akuma den Prinzen ganz gern.

„Aber allein sich vorzustellen, dass man wesentlich stärker und schneller wird, finde ich einfach unglaublich. Mir würde es ja schon reichen, gegen die Moles anzukommen und nicht immer zu verlieren.“ Was hatten sie dann für Möglichkeiten. Leander wollte das unbedingt ausprobieren, wenn das möglich war. 

Akuma lachte leise. „Bescheidene Ziele, hm? Die Moles sind stark.“ Er sah Leander an. „Wir haben ein paar Proben vom Serum dabei. Wir haben die Möglichkeit es aus dem Blut der Vampire zu gewinnen. Allerdings forschen wir auch über die komplett synthetische Herstellung. Die Wirkung ist allerdings noch nicht die gleiche. Vielleicht wollen eure Wissenschaftler sich auch mal daran versuchen.“ Sein Blick ging wieder zu Bahadur. „Wir können mit dem Prinzen reden und ihr könnt das Serum versuchen. Allerdings sollten eure Ärzte anwesend sein. Ein paar unserer Männer haben es nicht vertragen und mit körperlichen Reaktionen zu kämpfen gehabt. Woran diese Abstoßungsreaktionen liegen, wissen wir noch nicht genau, wir vermuten aber, dass es genetisch bedingt ist. Eine Art Unverträglichkeit.“

„Ja, sie sind sehr stark und das hat uns schon oft den Arsch gerettet.“ Leander hatte nicht damit gerechnet, dass die Jiang Shi etwas von dem Serum mitgebracht hatten. „Wir dürfen es wirklich probieren?“, fragte er ungläubig. Seinen Augen leuchteten aufgeregt. „Wenn Erdogan das hört, wird er es probieren wollen. Was waren das denn für körperliche Reaktionen?“

„Ich habe bereits mit Naran und Bahadur darüber gesprochen. Sie waren einverstanden, euch an dem Serum teilhaben zu lassen. Wir können euch aufgrund der geringen Blutmengen die wir zur Gewinnung haben, aber nicht damit versorgen. Deswegen auch die Proben und die Ergebnisse unserer Wissenschaftler, damit ihr selbst forschen könnt.“ Akuma beobachtete, wie sich der Raum langsam füllte. Zwei weitere Männer waren in das Observatorium getreten. Einen erkannte er wieder – es war Thom, der Techniker des Teams.

„Von Übelkeit bis hin zu temporären Lähmungserscheinungen hatten wir bisher alles im Repertoire“, sagte Akuma warnend. „Deswegen möchte ich erst mit dem Prinzen Rücksprache halten, eure Ärzte konsultieren und definitiv nicht eure Führungsriege ausschalten.“ Leanders Augen zeigten, dass er den Hinweis, der durch die Blume gekommen war, verstand aber nicht gut hieß.

„Wir werden sehen“, murmelte er noch schnell und winkte Bill und Daniel zu. Ihr Arzt als auch der Genetiker waren Akuma und Bahadur noch nicht vorgestellt worden und das wollte Leander ändern. Die beiden Männer kamen zu ihnen rüber und Akuma sah sich zu seinem Prinzen um, aber der war gerade in eine Diskussion mit Jack vertieft und bemerkte ihn nicht. So wandte er sich den beiden unbekannten Männern zu.

„General Akuma der Jiang Shi, dies sind Bill, der Genetiker unseres Teams und Daniel, unser Arzt“, stellte Leander die Männer einander vor und sah sich kurz nach dem Prinzen um. Der war immer noch in das Gespräch mit Jack vertieft, da wollte er nicht stören. „Der Prinz wird sich gleich selbst vorstellen“, erklärte er seinen Männern.

Akuma wurde kurz neugierig beäugt, dann grinste Daniel und nickte dem General zu. Er hatte kurz mit seinem Bruder gesprochen und der hatte ihm ein wenig von ihren Gästen erzählt. „Ich bin der Arzt dieser Einrichtung. Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du medizinische Hilfe brauchst“, bot er an. 

„Danke, ich werde darauf zurück kommen“, erklärte Akuma diplomatisch. Er würde den Mann erst einmal testen, ehe er sich in fremde Hände begab. So war er eben – auch ihre eigenen Ärzte hatten es mit ihm nie einfach gehabt, wenn er doch einmal einen Mediziner hatte konsultieren müssen. Die meisten Blessuren hatte er allein gerichtet und versorgt. Doch er lächelte, denn der Mann wirkte sympathisch. Den Genetiker allerdings beobachtete er weiter, als er sich entfernte. Das war also der Schöpfer von Meodin?

„Dann sind ja alle da“, wurden seine Gedanken von Erdogan unterbrochen. Der Prinz von Neo New York pfiff laut und alle drehten sich zu ihm um. So ging es am schnellsten die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sogar Jack ließ von der Weltkugel ab und kam mit den anderen zu Erdogan rüber. Wie es schien hatte der junge Thronfolger seine Crew wohl doch ganz gut in der Hand.

„Ich heiße euch erst einmal alle willkommen, vor allem unsere beiden Gäste, die den langen Weg nicht gescheut haben, um uns zu besuchen. Für die, die sich noch nicht bekannt gemacht haben, stellt sich am besten jeder noch einmal kurz vor.“ Der Prinz begann und einer nach dem anderen erklärte noch einmal ein paar Fakten zu sich selbst und seiner Position im Team.

Bahadur nickte jedem lächelnd zu und bedankte sich für die freundliche Begrüßung, als er an der Reihe war. Auch er stellte sich vor und erklärte den Neo New Yorkern, wer er war, was er machte und was er sich von diesem Besuch versprach. Zum Schluss bot er an, dass jeder sich an ihn wenden konnte, wenn er Fragen hatte. Dabei sah er etwas länger zu Bill, der bestimmt an seinen körperlichen Besonderheiten interessiert sein dürfte. Der Genetiker erwiderte den Blick, denn er hatte von Adrian schon gehört, der freudestrahlend berichtete, dass der Prinz ihm Proben seines Blutes, des Serums und eines Wundverschlusssprays zugesagt hatte. Er nickte dem Prinzen zu, weil er wusste, dass Bahadur ihn bereits durchschaut hatte, und grinste schief.

„So, und da jetzt jeder weiß, wer jeder ist, machen wir weiter“, schlug Archiaon vor. Sie hatten noch einiges auf der Tagesordnung. „Bill, von dir will ich wissen, wie es mit dem Experiment aussieht, Meodin meinte, er hatte noch ein paar interessante Dinge gefunden. Da sollten wir auch mal drüber gucken. Schließlich erstreckte sich die Suche auf die Bahnhöfe in der Hauptkuppel und wir sollten besprechen, was unsere Gäste interessiert, wen sie begleiten und …“ Archiaon sah zu Erdogan. „Noch was?“

„Nein, ich denke, das war erst mal alles. Danke, Archiaon.“ Erdogan grinste leicht. Der Atlanter hatte alles gut zusammengefasst. Bill räusperte sich leicht und hatte dann die ungeteilte Aufmerksamkeit. „Das Paarexperiment läuft sehr gut. Bei der Gruppe mit dem normalen Wasser gibt es keine Veränderung. Allerdings bei der Gruppe mit dem Brunnenwasser tut sich etwas. Zwar ist noch keine der Frauen schwanger, aber die Hormonwerte fast aller Frauen verändern sich zum positiven.“

„Das klingt gut“, murmelte Daniel, der die Studie zwar begleitete, aber in den letzten beiden Tage nicht auf dem Laufenden gewesen war. „Die Hormonwerte stabilisieren sich, der Zyklus hat wieder eingesetzt. Ich glaube wir sind auf dem richtigen Weg. Der Bericht für den Fürsten ist fertig?“

Bill knurrte und Adrian beeilte sich zu erklären, dass er das machen würde. Bill blickte seinen samtschwarzen Assistenten an und der grinste breit. Was würde der Genetiker nur ohne seinen wissbegierigen Mole machen? Adrian war unermüdlich.

„Glück gehabt“, lachte Erdogan und Bill knurrte wieder, was aber keinen störte. Es war allen bekannt, dass der Genetiker es für überflüssig hielt regelmäßige Berichte zu verfassen. Er war der Meinung, das hielt ihn nur von den wichtigen Dingen ab.

„Gut, wenn das geklärt ist, kann Meodin ja jetzt berichten, was er gefunden hat.“ Erdogan sah sein Seepferdchen an und lächelte und Meodin schoss gleich hoch.

Es kam nicht so oft vor, dass er berichten durfte und so wuselte er ganz aufgeregt vor dem großen Bildschirm hin und her. Er drückte auf ein paar Knöpfe, wedelte wild mit den Händen. Die Rückenflosse unter dem Shirt stellte sich ein bisschen auf und brach durch den Stoff, was Akuma neugierig beobachtete. Doch dann hatte Meodin endlich seine gesuchte Datei gefunden und präsentierte eine Liste der Orte, die von Neo New York erreicht werden konnten.

„Für zwei Kuppeln ist der Startbahnhof auch genannt worden. Die Namen stimmen aber mit unserem Plan nicht überein. Thom hat mir aber geholfen die Koordinaten auf die Kugel zu übertragen“ – Jack knurrte, weil er dafür von der Kugel vertrieben worden war – „und so haben wir zwei weitere Zugänge gefunden.“ Das Seepferchen huschte zur Kugel, wühlte, vergrößerte, drehte und hatte endlich gefunden was es suchte. „hier und hier!“

Alle kamen näher und sahen sich an, was Meodin zeigte. „Sind die Bahnhöfe schon gesichert?“, fragte Archiaon und sah Erdogan und Leander an. „Wir sind dabei“, gab Erdogan Auskunft. Er bekam jede Stunde Berichte von den Trupps, die er losgeschickt hatte, als Meodin ihm berichtet hatte, was er gefunden hatte. Es waren zwei Bahnhöfe ähnlich denen, die Bahadur entdeckt hatte. Sie führten zu Vakuumtunneln und diese zu Kuppeln am anderen Ende des Kontinents – an die Ostküste.

„Wie kannst du es wagen?“, knurrte plötzlich Elaios und griff sich den Archivar in den Schwitzkasten. Meodin zappelte gleich. „Wie kannst du so etwas vor deinen Freunden geheim halten?“ Der Atlanter lachte, wuschelte dem Seepferchen durch die Haare und gratulierte ihm zu seiner Entdeckung. Meodin knurrte leise, richtete sich wieder her und guckte wichtig.

„Das musste erst sachdienlich geprüft werden, ehe die Information gestreut werden durfte“, erklärte er wichtig und Elaios feixte. Es klang komisch, wenn das Seepferchen so gestochen redete.

Meodin schlitzte die Augen und knurrte leise. Elaios konnte was erleben nachher. Da durfte er endlich einmal wichtig sein und dann so was. Das ging gar nicht.

Er strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und räusperte sich. Es war gar nicht dienlich, dass alle ihn breit angrinsten, darum schlitzte er wieder die Augen.

Bahadur folgte dem Schauspiel und sah dann zu Erdogan, der Meodin eindeutig stolz und sehr verliebt anblickte.

„Wie weit sind die Sicherungen der Anlagen gediehen, Erdogan?“, lenkte Archiaon ab, für den diese Inforationen ebenfalls neu gewesen waren. Das waren die ersten beiden Bahnhöfe für Vakuumtunnel, die sie in Neo New York gefunden hatten. Das war ein Meilenstein. „Sind die Bahnen vorhanden? Und wer weiß alles davon?“ Denn seine Sorge galt Jefferson, den sie um keinen Preis in ihren Wissensstand einweihen wollten.

„Wir haben die Eingänge lokalisiert und im Moment sind meine Leute dabei, sich umzusehen. In beiden Bahnhöfen stehen Bahnen und im Gegensatz zu denen bei den Jiang Shi werden unsere wohl regelmäßig genutzt, denn dort ist alles staubfrei und gewartet.“ Erdogan machte kein glückliches Gesicht, denn das könnte Probleme bedeuten.

„Das ist definitiv nicht gut“, murmelte Akuma und Erdogan nickte dazu.

„Wir haben die Männer angewiesen, Minikameras zu installieren und die Lokalitäten nicht anzutasten. Wir hoffen, dass wir ein paar von den Kerlen erwischen, wenn sie sich eine Fahrt gönnen wollen. Deswegen werden wir die Anlage auch vorerst nicht weiter untersuchen oder nutzen, sondern nur beobachten. Der Trupp müsste in drei Stunden wieder hier sein. Dann werden wir die Installationen testen.“ Leander rollte die Schultern.

„Hätte ich auch so gemacht“, murmelte Bahadur leise für sich. Der Neo New Yorker Prinz, wusste wie er seinen Job zu machen hatte und das verdammt gut. „Hoffen wir, dass keiner von denen mitbekommen hat, dass sie aufgeflogen sind, denn dann werden sie wohl auf andere Bahnhöfe ausweichen.“

„Damit ist zu rechnen“, murmelte auch Leander und setzte sich wieder. „Das Beste wäre, Meodin würde in seinen Archiven auf Namenslisten stoßen, die wir irgendwie mit unserer Kuppel in Verbindung bringen können.“

„Aber Odin hat gesagt, dass keiner die Klarnamen kennen würde, alle würden sich nur mit Tarnnamen ansprechen“, warf Adrian ein und stellte sich neben Meodin, betrachtete die beiden Orte, die markiert waren.

„Aber irgendwo muss es eine Mitgliederliste geben – irgendjemand kennt die Klarnamen zu den Decknamen. Und da müssen wir dran“, sagte Ewan und setzte sich zu Leander.

„Irgendjemand ganz oben in ihrer Hierarchie wird wissen, wer hinter welchem Decknamen steckt, aber es kann sein, dass es davon nichts im Netz gibt.“ Erdogan sah zu Adrian und holte tief Luft. „Wir brauchen Erfolge, sonst ist es so, als wenn wir gegen Windmühlen kämpfen.“

„Wir sind bei der unterdrückten Fruchtbarkeit einen ganzen Schritt weiter. Ich frage mich, ob ihnen das schon bewusst ist und was sie sich als nächstes einfallen lassen“, knurrte Leander und blickte Akuma an. „Wie macht ihr das eigentlich? Woher wisst ihr, wen ihr euch greifen müsst? Wie läuft das bei euch?“

Akuma, der nicht damit gerechnet hatte, blickte auf und zu Bahadur. Der war im Augenblick nicht nur der ranghöchste Offizier sondern auch der Thronfolger und somit Narans Stellvertreter. Also stand es nur ihm zu, festzulegen, welche Informationen gestreut wurden.

„Spione“, erklärte Bahadur. „Wir schicken Späher in die Kuppeln, die wir befreien wollen. Unsere Aktionen sind lange geplant und wir bekommen die Informationen, die wir benötigen von unseren Leuten.“ 

Leander nickte. Er wandte sich zu Bahadur und blickte ihn offen an. „Aber woher wisst ihr, wer zu denen gehört und wer nicht? Die werden ja nicht mit einem Schild auf der Stirn herum flitzen und sich eine Zielscheibe auf den Bauch malen“, murmelte er und versuchte zu überlegen. Sie hatten auch schon überall versucht, etwas in Erfahrung zu bringen. Ihnen war noch kein Fisch ins Netz gegangen außer Rodriguez, der Odin ermordet hatte. Doch aus dem Kerl war nichts rauszubekommen gewesen. Und eines Tages war er auf unerklärliche Art und Weise verschwunden. Doch sie hatten Jefferson nichts nachweisen können und auch sonst keine Unregelmäßigkeiten im Arresttrakt festgestellt.

„Wir haben...“, fing Bahadur an, machte auf einmal große Augen und klatschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ich Idiot. Wir haben eine Liste. Warum habe ich nicht eher daran gedacht. Archiaon, ich brauche eine Verbindung zu meinem Vater, kannst du die bitte herstellen?“ Warum war er nicht eher darauf gekommen. Bei ihm hätte doch schon der Groschen fallen müssen, als das Gespräch auf diese Liste kam. „Tut mir leid, ich habe einfach nicht dran gedacht.“

30 

„Ihr habt was?“, fragte Leander und auch der Rest der Truppe rückte näher zusammen und versammelte sich wieder um den Tisch. „Eine Liste?“

Akuma nickte langsam. „Sie ist uns durch Zufall in die Hände gefallen.“ Dabei grinste er Leander an, der die Zufälle bei ihrem Fortkommen auch immer betont hatte. „Einer unserer Informanten in einer der Kuppeln war in der Lage gewesen, sich in die Labore einzuschleichen. Prince Charming hat wohl eine der Damen des Hauses um den Finger gewickelt und dabei zufällig die Laborleiterin erwischt. Bei Gelegenheit hatte er ihre Festplatten gespiegelt und …“ Akuma wedelte mit einer Hand, den Rest konnte man sich denken.

„Und was steht auf der Liste?“, wollte Meodin wissen.

„Jede Menge Namen. Nach Kuppeln sortiert mit Real- und Decknamen.“ Bahadur zog den Kopf zwischen die Schultern, als die Neo New Yorker ihn mit großen Augen ansahen. „und nicht nur unsere Kuppeln sondern auch andere Namen außerhalb unseres Reiches, aber wir können sie bisher nicht zuordnen. vielleicht gelingt das mit eurer Kugel hier“, nuschelte er leise und grinste schief.

„Das glaub ich jetzt nicht“, murmelte Ewan und blickte sich im Kreise der erstaunten Zuhörerschaft um. Denen ging es nicht anders als ihm selbst auch.

>>Bahadur, Akuma. Was gibt es?<<, hörte man plötzlich Narans Stimme, der sich kurz mit Archiaon unterhalten hatte, nun aber den Grund des Anrufes erfahren wollte. >>Wie ich sehe seid ihr gut angekommen. Wie kann ich helfen?<<

„Hallo Vater“, grüßte Bahadur und ging zu Archiaon rüber. „Ja, wir sind gut angekommen und ich habe eine Bitte. Kannst du uns die Namensliste schicken. Wir wollen versuchen, ob sie auch Namen aus Neo New York enthält.“

>>Ja, natürlich. Ich suche sie und leite sie euch weiter<<, erklärte Naran gleich, ebenfalls etwas peinlich berührt, nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein.

„Vielleicht haben wir hier die Chance zusammen mit Erdogan und seinen Männern mehr Namen identifizieren und zuordnen zu können“, erklärte Akuma, der sich ebenfalls erhoben hatte und nun hinter Bahadur getreten war.

>>Ja, das wäre eine gute Sache. Gegner, die man identifizieren kann, kann man auch bekämpfen.<< Naran nickte. Die Liste hatte ihnen selber schon unschätzbare Dienste erwiesen. Für die Neo New Yorker war es bestimmt eine große Hilfe, wenn sie die Verräter in ihren Reihen identifizieren konnten.

„Hoffen wir, dass auch Kuppeln von unserem Kontinent mit drauf sind“, sagte Leander und wartete gespannt am Terminal, dass die Datei endlich ankam.

Derweil sprachen auch Archiaon und Erdogan mit dem Fürsten, bis dieser sich wieder verabschiedete. Doch das merkte Leander schon gar nicht mehr, er hatte die Datei empfangen und geöffnet. Dann kippte er fast nach hinten weg – der Umfang war gewaltig.

„So viele? So verdammt viele?“, murmelte er leise, als die Liste kein Ende zu nehmen schien.

Erdogan kam zu ihm rüber und sein Blick zeigte die gleiche Fassungslosigkeit wie der seines Freundes. „Ich fass es nicht. Das müssen tausende von Namen sein“, murmelte er und strich sich über das Gesicht. Sicher, es war klar, dass diese Organisation nicht nur aus einer Handvoll Mitglieder verfügte, aber jetzt zu sehen, wie viele es wirklich waren, war doch ein Schock.

„Das zu prüfen wird Monate dauern“, sagte Leander und Archiaon trat zu ihm.

„Besser Monate als gar keine Informationen. Sie haben jetzt schon so lange ihr Unwesen getrieben. Wenn es eben noch ein paar Wochen dauert, bis wir Namen haben und gezielt forschen können, dann ist das eben so.“

„Oder Thom macht sich nützlich“, schlug Meodin vor, der ebenfalls – neugierig wie er war - näher gekommen war.

„Das wäre was für Matt“, murmelte der Techniker. Er konnte zwar mit elektronischem Spielzeug umgehen, aber für Datenverarbeitung war ihr Server-Wart die bessere Adresse. Ein Informatik-Freak seit Kindesbeinen, der die Datenpakete aus Alexandria für Meodin aufarbeitete.

„Dann solltest du ihm sagen, welche neue Aufgabe auf ihn wartet.“ Erdogan wollte die Ergebnisse lieber heute als morgen, aber er wusste auch, dass er nichts erzwingen konnte und abwarten musste. Das fiel ihm nicht leicht, aber er war sich sicher, dass ihre Gäste ihn genügend ablenken würden.

„Hm“, machte Thom und tippte die IP von Matt in das Terminal. Es dauerte keine Sekunde, da verschwand die endlose Liste und Matts Büro erschien. Der Stuhl war leer, man hörte es fluchen und krachen. Dann wurden wüste Drohungen gegen die sich sträubende Technik ausgestoßen. Akuma hob eine Braue und Meodin kicherte. Er kannte das schon. Matt und Server 301 wurden in diesem Leben keine Freunde mehr.

„Matt“, rief Thom etwas lauter, damit sein Kollege ihn hören konnte, wo immer er auch gerade steckte.

„Was? Ich bin beschäftigt!“, wurde zurück gebrüllt, auch wenn man niemanden sehen konnte. Wieder hörte man wüste Verwünschungen und Drohungen, dann erschien ein wirrer Haarschopf vor der Kamera. „Wenn das jetzt nicht wichtig ist...“, knurrte Matt und funkelte Thom angriffslustig an. Heute hatte dieser Mistserver es echt übertrieben und er schätzte es gar nicht, wenn man ihn in seinen Mordfantasien unterbrach.

Ohne lange nachzudenken zerrte Thom die beiden Prinzen vor die Kamera. „Sind die beiden wichtig genug?“, fragte er und hoffte, dass Matt jetzt nicht fragte, wer der fremde Typ wäre. Aber Erdogan schien zu reichen, damit Matt sich zumindest auf seinen Stuhl setzte, unter dem Tisch noch einmal nach 301 trat und leise zischte. Der wurde nachher zerhakt. Dieses blöde Ding hatte ihm das letzte Mal die Nerven geraubt.

„Okay – was liegt an?“, wollte er also wissen. Er wusste, dass der Prinz sich nur einmischte, wenn alle anderen nicht weiter wussten. Also dampfte irgendwo irgendwas. Das konnte helfen ihn von 301 abzulenken und dem Server mit Eigenleben noch einmal das Gehäuse zu retten.

„Wir haben eine Liste bekommen und du sollst sie sichten und wenn möglich rausfinden, wer von denen die dort aufgeführt sind, in unserer Kuppel lebt.“ Matt runzelte die Stirn. „Was für eine Liste? Woher habt ihr die?“, fragte der Techniker. „Komm schon, Mann, werd deutlicher. Ich hasse es zu raten.“

„Schwing einfach deinen Arsch hier rüber“, knurrte Thom und Matt funkelte ihn an. Doch Thom ließ sich nicht erweichen. Er wusste nur zu gut, dass Matt von Neugier zerfressen war. Wenn es etwas zu sortieren, zu strukturieren oder zu filtern gab, dann hielt ihn nichts. „Das Teil ist riesig. Es müssen Suchalgorithmen geschrieben werden, Vergleichsdateien erstellt und Annagramme ausgewertet. Es müssen Namen mit Listen alter Götter verglichen werden und ….“

„Willst du, dass ich vor allen anfange zu sabbern?“ Matt knurrte leise, doch er war am Haken. Er spürte ihn deutlich in seiner Lippe. Ein letzter Blick zu 301, der heute vielleicht doch nicht sterben würde. Dann nickte er. „Bin in einer Minute da und guck mir das Ding mal an und ich will wissen, wo es her kommt, ehe ich es anpacke.“ Dann war der Bildschirm kurz schwarz und die Liste öffnete sich wieder.

„So, erledigt“ Thom grinste zufrieden.

Bahadur hatte dem kleinen Geplänkel mit einem Grinsen gelauscht. Jetzt war er gespannt, wie lange der Techniker brauchte, um hier aufzuschlagen. Matt brauchte zwar länger, als die angegebene Minute, aber nur geringfügig. „Wo ist sie?“, rief er schon von der Tür, durch die er geschliddert kam. Er war aus der Puste, denn er war gerannt. Er kämpfte sich zum Bildschirm, warf einen Gruß in die Runde, ohne jemanden anzusehen und blickte dann auf die Liste. Seine Augen leuchteten. So viele Daten. Mit einem Knopfdruck aktivierte er die Körpersteuerung des Terminals und konnte nun mit ein paar Fingerzeigen in der Luft die Liste so schieben wie er es brauchte. „Woher stammt das Baby nun?“, wollte er noch einmal wissen, scrollte nach allen Seiten.

„Prinz Bahadur der Jiang Shi hat sie mitgebracht“, antwortete Leander.

„Aha“, machte Matt nur, schob die Liste wieder von rechts nach links. „Alphanumerisch verschlüsselt. Clever … was war?“ Er sah sich kurz um. „Prinz? Jiang Shi? Waren das nicht diese Wunderknaben, die Meo entdeckt hat?“ Sein Blick blieb an Bahadur und Akuma kleben, die einzigen deren Gesichter ihm völlig fremd waren.

Bahadur grinste und winkte kurz. „Stimmt, Meodin hat uns entdeckt, aber ich glaube, Wunderknaben ist etwas hoch gegriffen. Obwohl, wenn Akuma fit ist, kommt das schon hin.“ Er ging näher zu Matt hin und sah sich an, was er machte. Der schien zu wissen, was zu tun war, wie es aussah.

„Ah. Okay.“ Matt nahm die Information auf. „Kann ich das Baby mitnehmen? Die Kiste hier hat nicht genügend Rechnerleistung, wenn ich anfange die Algorithmen zu integrieren“, erklärte er abschätzend und wandte sich warnend zu Meodin um, der vermutete, dass Matt 301 lieber noch mal gegen das Gehäuse treten wolle.

„Pass mal auf, du vorlautes Seepferdchen“, knurrte er. „Ab morgen verwaltest du deine Archive selber. Dann wollen wir mal sehen, ob du dann immer noch so große Töne spuckst.“

Meodin knurrte leise. Er wusste nämlich zwei Dinge. Erstens zog Matt Drohungen immer durch und zweitens hatte der unverschämte Kerl auch noch Recht. Leander bemerkte mit Wohlwollen, dass es wohl jemanden gab, der das überdrehte Seepferdchen in die Schranken weisen konnte. Er grinste breit, als Meodin sichtlich schlecht gelaunt die Klappe hielt und nicht weiterstichelte.
„Sicher, nimm die Datei mit, aber zieh bitte vorher eine Kopie, die hier bleibt.“ Nicht dass Erdogan Matt misstraute, aber er wollte selber einmal drüber gucken. „Danach kannst du dich austoben.“

Der Informatiker sah das allerdings als Majestätsbeleidigung, ausgerechnet ihm zu sagen, dass er eine Kopie ziehen sollte, ehe er anfing zu arbeiten. „Ja, ja“, brubbelte er also, schob eine Kopie auf seinen Rechner rüber in sein Büro und machte, dass er weg kam.

„Interessanter Typ“, murmelte Akuma, der Matt bei seinem Tun beobachtet hatte. Dieser ganze virtuelle Kram, den man nicht greifen konnte, war nicht sein Ding. „Was ist das für einer?“

„Eigentlich kümmert er sich um die Daten, die aus dem Zentralrechner der Gottgleichen kommen. Wir haben ihn angezapft und seit dem liefert unser kleiner Spion Datenpaket um Datenpaket.“ Leander spielte auch noch ein bisschen mit der Datei.

„Ihr habt bitte was? Den Zentralrechner der Gottgleichen angezapft? Wie das denn bitte?“ Akuma glaubte sich verhört zu haben – was waren das eigentlich für Kerle, die immer den Eindruck eines chaotischen Haufens hinterließen?

„Wir waren dort“, murmelte Leander abgelenkt. „Archiaon hat uns dort hingeführt. Sie haben unser Ablenkungsmanöver geschluckt und so konnten wir unseren Spion installieren. Hat wunderbar geklappt.“ Bahadur sah Akuma an und er wirkte nicht weniger geschockt, als sein General. „Ihr seid echt unglaublich. Zapft einfach den Zentralrechner an.“

„Was sollten wir machen? Wir brauchten Informationen und die haben genug davon“, sagte Leander, doch dann begriff er, über was sie eigentlich redeten und wandte sich wieder zu den Jiang Shi um. Er grinste schief. „Nun haben wir Unmengen von Daten, die Matt verwaltet und Meodin gezielt durchsucht. Und langsam geraten wir speichertechnisch an die Grenzen. Deswegen auch Matts Zwistigkeiten mit seinem Server. Wir müssen ein paar Neue besorgen.“

„Unglaublich.“ Bahadur konnte es immer noch nicht richtig fassen. Sein Volk wäre nie auf so eine waghalsige Idee gekommen, da es vollkommen ihrer Art zu kämpfen widersprach. „Was habt ihr bisher alles herausgefunden?“

„Im Moment noch nicht so extrem viel. Kleinigkeiten, die es uns leichter machten. Angaben zum Fruchtbarkeitsexperiment, das sie mit uns gespielt haben. Angaben zu dem Serum, womit sie die Moles gefügig gemacht haben. Angaben zu anderen Kuppeln. Aktuell sortieren wir alles, was wir finden, und verschlagworten die Dateien, um sie wieder zu finden, wenn wir gezielt suchen. Ihr könnt das Archiv gern nutzen. Aber ein Großteil der Dateien ist noch nicht verschlagwortet, das heißt man muss sie von Hand durchsuchen.“ Thom, der das Gefühl hatte, hier nicht mehr gebraucht zu werden, wollte sich langsam absetzen. Er wollte zusammen mit Matt die Liste präparieren. „Vieles können wir auch noch nicht bewerten.“

„Aber es ist ein Anfang und mit jedem Datenpaket, dass ihr bekommt, wird euer Wissen größer.“ Dieser Chaotenhaufen, auf den sie getroffen hatten, hatte in der kurzen Zeit, die sie erst gegen die Gottgleichen kämpften, faktisch mehr erreicht als die Jiang Shi in Jahrzehnten.

Ein weiteres Mal wurde Akuma klar, dass ihr Weg des Widerstandes nicht der war, den sie weiter bestreiten sollten. Sie sollten das Wissen nutzen, das die Neo New Yorker gesammelt hatten und versuchen, die Gottgleichen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Sie beobachten, sie studieren und sie dann an der verwundbarsten Stelle treffen. Erdogan und seine Männer waren nicht einmal auf die Idee gekommen, mit Gewalt gegen die Gottgleichen vorzugehen. Sie hatten gleich den Weg des Wissens gesucht, sie studiert, ihr Wissen sich ebenfalls zum Vorteil gemacht. Ihnen Bonder 482 abgenommen zu haben war ein Clou.

„Wir sollten…“, setzte Akuma an und brach ab. Er wandte sich ab und schritt langsam auf die Kugel zu, an der Jack schon wieder beschäftigt war, weil das Meeting aufgehoben schien.

Vorhin hatte er Bahadur den Vortritt gelassen, aber jetzt wollte er selber in Augenschein nehmen, was das Observatorium konnte. Er hielt sich aber etwas entfernt, weil er Jack nicht stören wollte und genauso wenig wollte er angeknurrt werden. Also folgte er dem Geologen wie ein Schatten, dabei selber von Bahadur beobachtet, der versuchte Akuma während seines Gespräches mit Erdogan im Blick zu behalten.

„Meo!“, rief plötzlich Jack und jeder wandte sich um. Normalerweise bedeutete diese Konstellation, dass das Seepferchen ganz kurz davor war, rausgeschmissen zu werden. Doch da sich Meodin ausnahmsweise wirklich keiner Schuld bewusst war, blickte er nur auf, regte sich aber nicht. Beide sahen sich an. Während Jacks Blick fragte, ob er ihn nicht gehört hatte, entgegnete Meodins Blick lautlos, was Jack eigentlich von ihm wolle. Auch Akuma beobachtete neugierig das Seepferchen, das meistens sehr naiv wirkte aber manchmal wie ein komplett anderer wirkte. So wie jetzt. Er starte Jack einfach nur an, bis der Geologe die Nase voll hatte. „Lad die Daten der beiden Zugänge in die Kugel. Ich will den Tunneln weiter folgen.“

Meodin hob eine Augenbraue. „Wie heißt das Zauberwort?“, fragte er herausfordernd. Er wirkte ruhig, aber wer ihn kannte, merkte, wie er sich darauf vorbereitete, ganz schnell zu flüchten, wenn Jack beschließen sollte, sich fluchend und schimpfend auf Meodin zu stürzen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die zwei ihre Runden um die Weltkugel drehten und Meodin behauptete immer, dass er so was wie Jacks Fitnesstrainer war, damit dieser etwas Bewegung bekam, wenn der sich schon weigerte, regelmäßige Pausen zu machen.

„Sofort!“, erklärte Jack, der keine gesteigerte Lust hatte, sich schon wieder von dem aufgedrehten Seepferdchen auf der Nase herum tanzen zu lassen. Er verschränkte also die Arme und wippte mit einem Fuß.

„Pff“, machte Meodin und kniff die Augen zusammen. „Kalt, kälter geht es kaum. Versuchs noch mal.“ Meodin ließ sich nichts gefallen und irgendwie versuchte ständig einer dem Geologen Benehmen beizubringen. Am ehesten Erfolg hatte Erdogan, aber auch nur, wenn er etwas hatte, was Jack haben oder tun wollte.

„Dann nicht!“ Jack zuckte die Schultern. „Wollte dir nur die Chance geben, dich einzubringen.“ Er wandte sich zu Thom um. „Wo hast du die Überlagerung gespeichert?“

Der Techniker, der eben verschwinden wollte, um mit Matt zusammen die Liste auseinander zu nehmen, blickte sich um. Ihm war der Disput entgangen und so merkte er noch nicht einmal, wie er Meodin in den Rücken fiel. „Drück am Terminal die Tastenkombination 195 – da habe ich sie gespeichert.“ Thom war weg und Jack grinste zufrieden das Seepferchen an.

Das ermordete Thom gerade mit Blicken, weil er ihm gerade die Tour vermasselt hatte. „Musste das sein?“, zischte Meodin aufgebracht und verschränkte verstimmt die Arme vor der Brust. Er stand noch nicht lange so, da legten sich Arme von hinten um ihn und Erdogan zog ihn an sich. „Du hast es versucht“, murmelte der Prinz und küsste Meodin auf die Wange.

„Aber nicht gewonnen“, grummelte Meodin immer noch verstimmt, ließ sich aber gegen den Prinzen sinken. Er mochte das Gefühl sich fallen lassen zu können und zu wissen, dass er nicht auf den Boden fiel, weil Erdogan da war.

Thom, der nur die Hälfte mitbekommen hatte, guckte noch einmal verwirrt zur Tür rein, doch dann war er weg, während Jack zufrieden die beiden Eingänge und die Markierungen in sein Hologramm lud und sich daran machte, zu ergründen, wo die Tunnel endeten. Akuma war wieder hinter ihm, ihn interessierte das ebenfalls.

Bahadur hatte der kleinen Episode zwischen Erdogan und Meodin zugesehen und musste unwillkürlich lächeln. Die beiden wirkten sehr verliebt und sehr vertraut, so wie sie da standen. Er seufzte leise und wandte sich wieder ab, weil er nicht spannen wollte. Darum gesellte er sich lieber zu Akuma und sah ebenfalls Jack zu.

„Wollt ihr euch hier weiter umsehen oder noch wo anders hin?“, fragte Leader, denn ihre Truppe löste sich allmählich auf. Jeder hatte noch zu tun. Bill und Adrian hatten sich ebenso abgesetzt wie Ewan. Auch Meodin zog es wieder in sein Archiv, er hatte noch eine Menge Anfragen, die er bearbeiten musste und er wusste auch, dass Erdogan es nicht gern sah, wenn er so spät nach Hause kam. Er sagte zwar nichts, doch er wirkte erst entspannt, wenn auch das Seepferdchen in ihrem Quartier war. Deswegen versuchte Meodin es immer zu vermeiden.

„Ich möchte gerne noch etwas hier bleiben, wenn ich darf“, sagte Bahadur und sah Akuma an. „Was ist mit dir? Willst du auch hier bleiben, oder lieber noch was anderes sehen?“ Bahadur war fasziniert von der Weltkugel und er wollte sich schnell wie möglich lernen, wie er sie richtig nutzen konnte.

Akuma presste die Lippen aufeinander, dann sah er Bahadur an. „Ich werde den Arzt aufsuchen. Er soll mich checken und mir sagen, wann ich wieder mit Training anfangen kann und wie viel. Und wie die Technik funktioniert, kannst du mir dann beibringen. Es ist besser, ich knurre dich an, wenn ich’s nicht begreife als den Geologen. Mit dem scheint nicht zu spaßen zu sein.“ Er grinste. Nicht dass er Angst vor Jack hätte, doch sein Augenmerk stand erst einmal auf seinem Training. Er war unausgeglichen und entwickelte sich allmählich zu einem Minenfeld – das musste er ändern.

„Okay.“ Bahadur war zwar erstaunt, ließ es sich aber nicht anmerken. Akuma ging eigentlich nie freiwillig zum Arzt. „Du kannst ja, eine Probe des Serums mitnehmen und du kannst Daniel fragen, ob er auch eine Probe von meinem Blut haben möchte.“

„Ja, das werde ich tun“, erklärte er und entschuldigte sich bei den anderen. Leander wies ihm den Weg zum Ausgang und orderte einen Wagen zum Lager, wo Daniel gerade über ein paar Krankenakten brüten dürfte. Sie führten in ihrer autarken Kuppel penibel Buch über alles, was sich ereignete. Jeder von ihnen fütterte am Abend noch die Datenbank mit ein paar Fakten und Informationen.

„Akuma, Leander!“ Daniel sah von seinem Bericht auf, als sich die Tür zum Labor öffnete. „Was kann ich für euch tun?“ Daniel war froh die Akten weglegen zu können. Sie waren ein notwendiges Übel, aber er war über jede Ablenkung froh. Er stand auf und kam den beiden Männern entgegen.

„Hallo“, grüßte Akuma etwas ungelenk und Leander wollte ihn nicht bevormunden, deswegen hielt er sich im Hintergrund auf. Er wusste, das Akuma Ärzten gegenüber nicht gerade positiv eingestellt war, doch der hatte seinem Prinzen versprochen, erst wieder zu trainieren, wenn er das Okay eines Mediziners eingeholt hatte. Deswegen war er hier. „Ich würde dich bitten mal über mich drüber zu gucken. Die Brüche müssten so weit geheilt sein, dass ich allmählich wieder mit Training anfangen kann.“

„Leichtem Training“, schob Leander dann doch erklärend hinterher, denn er hatte von Bahadur einiges über den General gehört.

„Ja sicher, das kann ich gerne machen.“ Daniel kam zu Akuma rüber und verkniff sich ein Grinsen, weil dieser nicht gerade begeistert über Leanders Kommentar guckte. „Lass mich erst mal sehen, wie Akumas Verletzungen geheilt sind, dann legen wir fest, wie viel er schon trainieren darf.“

Akuma grinste etwas zufriedener, als er sich zu Leander wandte. „Genau, lassen wir den Arzt entscheiden und er wird sehr weise entscheiden und zum Wohle des Patienten, denn für den ist Bewegung die beste Medizin.“ Er folgte Daniel und entledigte sich der gröbsten Kleider, ehe er durchleuchtet werden konnte, damit der Arzt die frische Knochensubstanz beurteilen konnte. Er konnte für seinen Körper nur hoffen, dass er sich Mühe gegeben und seine Hausaufgaben gemacht hatte.

„Okay, leg dich schon mal dort drüben hin.“ Daniel zeigte auf die Liege neben sich, während er den Scanner anschaltete, mit dem er Akuma durchleuchten wollte. „Hast du noch Schmerzen beim Laufen und sind deine Rippen noch sehr empfindlich?“, fragte er dabei. Daniel brauchte mehr Informationen, als der Scanner ihm liefern würde.

„Nein“, kam es prompt von Akuma und Leander konnte das irgendwie nicht glauben. Die Antwort war ihm zu schnell gekommen und ohne nachzudenken. Da wollte jemand wieder Bewegung – koste es was es wolle. Er verengte die Augen und beobachtete Akuma. Doch er konnte nicht bemerkten, ob der bei Bewegungen Schmerzen hatte oder nicht.

„Sicher?“, fragte er also und hob abwehrend die Hände, als Akuma sich auf die Ellenbogen aufrichtete und Leander herausfordernd ansah. „Wollte nur mal gefragt haben.“

„Hinlegen“, kommandierte Daniel und dachte sich seinen Teil. Akuma schien nicht besser als Erdogan zu sein. Der würde auch um nichts auf der Welt zugeben, dass er noch nicht fit war, wenn er sich das in den Kopf gesetzt hatte. Aber genau so wenig wie von seinem Prinzen ließ sich der Arzt von Akuma hinter das Licht führen. Er bekam immer raus, wie es um seine Patienten stand.

Akuma – ganz Soldat – gehorchte sofort und legte sich wieder hin. Er wirkte angespannt und konzentriert.

„Entspann dich, so wird das nichts und die Sache mit dem Training hat sich gleich erledigt“, murmelte Daniel, als er den Scanner startete und die ersten Aufnahmen machte, die ohne Zeitverlust auf den großen Monitor neben der Liege überspielt wurden.

Akuma knurrte und versuchte sich zu entspannen – das war leichter gesagt als getan. Er hatte seit Wochen nicht mehr meditiert, er hatte seine innere Ruhe verloren. Um die wieder zu finden, musste er zumindest mit dem Lauftraining beginnen dürfen, bis der Kopf wieder leer wurde.

„Entspannt sieht anders aus“, brummte Daniel, der sich die Aufnahmen ansah. Aber mit den Aufnahmen konnte er was anfangen. „Die Verletzungen sehen gut verheilt aus“, erklärte er Akuma, was er schon einmal auf den ersten Blick sehen konnte. Er zoomte näher und sah sich das neue Knochengewebe genauer an. Da war alles so, wie es sein sollte.

„Also kann ich wieder mit Lauftraining anfangen?“, wollte Akuma wissen. Er wusste, dass er nichts bekam, wenn er nicht auch Zugeständnisse machte. Das war eines von diesen Team-Dingern, die er gelernt hatte. „Ich werde noch kein Muskeltraining und kein Kampftraining mit Gegnern machen – aber ich muss wieder anfangen zu laufen.“

Daniel antwortete nicht sofort, sondern sah sich auch noch die anderen verheilten Knochenbrüche an. „Ja, ich würde sagen, du kannst mit einem leichten Lauftraining beginnen.“ Daniel sah um den Scanner rum und nahm Akuma fest ins Auge. „Mit leicht meine ich nicht stundenlanges, exzessives Rennen, sondern sich langsam aufbauendes leichtes Lauftraining.“

Akuma biss die Zähne zusammen, schien die Worte zu überdenken. Er musste jetzt nehmen, was er kriegen konnte und so versuchte er noch zu schachern. „Vier Stunden um das Wäldchen“, pokerte er und Leander prustete los. Nichts anderes hatte er von einem wie dem General erwartet. „Verteilt über den Tag vielleicht, aber doch nicht am Stück.“

„Du nimmst mir die Worte aus dem Mund, Leander.“ Daniel hatte die Arme vor seiner Brust verschränkt, wie immer wenn er sich auf harte Verhandlungen einstellte. „Zwei Stunden für die ersten beiden Tage und dann findest du dich wieder bei mir ein und ich seh mir deine Knochen wieder an.“

Akuma richtete sich auf und knurrte leise. Das war nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Zwar durfte er laufen aber nicht so intensiv, wie er das eigentlich bräuchte, um wieder klar zu werden. Das sah auch Leander und so sagte er versöhnlich: „Akuma, nimm das bitte nicht auf die leichte Schulter. Du hast jetzt wochenlang nicht trainiert. Es geht nicht nur um deine Knochen, die plötzlich wieder beansprucht werden, auch deine Muskeln und Sehnen müssen sich an die Dauerbelastung erst wieder gewöhnen. Wenn du es jetzt übertreibst, dann machst du vielleicht mehr kaputt als vorher und fällst noch länger aus.“

Der General blickte Leander wortlos an, doch man sah an seinem Gesicht, dass er diese Argumente nicht entkräften konnte.

„Akuma, ich will dich nicht ärgern oder ausbremsen. Mir geht es einzig und allein um deine Gesundheit. Leander hat Recht und das weißt du auch. Du bist unser Gast und ich habe ein wenig Sorge, was euer Fürst dazu sagen wird, wenn du wegen meiner Entscheidung einen Rückfall erleidest.“ Daniel hatte seine Verhandlungshaltung aufgegeben und sah Akuma offen an. „Bei meinen Leuten hätte ich nicht anders gehandelt.“

„Ich weiß“, knurrte Akuma. Es war ein Friedensangebot, dass er sich die nächsten beiden Tage mit zwei Stunden zufrieden geben würde. „Sollte das Lauftraining in zwei Tagen keinerlei Probleme hervorgerufen haben, darf ich intensivieren – ist das richtig?“ Er wirkte regungslos, ganz der General der er war, und nicht einmal seine fast vollständige Nacktheit konnte ihm von seiner Wirkung etwas nehmen.

„Dann können wir neu verhandeln, ja.“ Daniel grinste und machte somit klar, dass er es nicht ganz ernst meinte. „Keine Probleme - mehr Training. Noch nicht das volle Programm, aber du wirst dich wohl kontinuierlich steigern können.“

„Aber halt dich vom Trio fern“, murmelte Leander. „Wenn du unglücklich über einen der drei fällst, könnten das die frisch verheilten Brüche übel nehmen und wenn du einen der drei zermatschst, könnte das auch …“

„Leander!“ Daniel lachte leise, doch es stimmte. Akuma wäre nicht der erste, der wegen den drei völlig durch geknallten Vögeln mit einer Verstauchung oder anderen Blessuren bei ihm in der Praxis aufschlagen würde. „Aber geh ihnen trotzdem lieber aus dem Weg“, lachte er, weil Akuma eine Braue hob und extrem ungläubig guckte.

„Sie heißen nicht umsonst Trio Infernale. Einzeln, sind sie liebe Kerle, die gewissenhaft ihren Aufgaben nachgehen, aber wenn sie zusammen sind...“ Leander zog eine Grimasse und grinste dann. „Es ist als würde ein Schalter umgelegt. Sie mutieren zu Chaoten, die nichts als Blödsinn im Kopf haben und alle in den Wahnsinn treiben. Das schlimmste ist, dass sie es noch nicht einmal extra machen, darum kann ihnen auch keiner lange böse sein. Aber die oberste Regel hier lautet: Bring möglichst viel Abstand zwischen dich und das Trio, wenn du überleben willst.“

Akuma griff sich seine Kleider. Er hatte die drei im Aquarium kurz erlebt, wie sie gestürzt waren, ohne sich etwas zu tun. Sie schienen Übung darin zu haben und er konnte nur hoffen, dass er in ein paar Wochen seine alte Form ebenfalls zurück hatte. Vielleicht konnte er sich dann mit den dreien messen, sie dürften gute Trainingspartner sein. Er grinste schief.

„Und das Wäldchen nutzen die Moles oft für ein Sandbad. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, sie da zu treffen, also pass auf.“ Daniel schaltete die Geräte aus und machte sich ein paar Notizen zu den gespeicherten Körperwerten.

„Du machst das schon.“ Leander wartete bis Akuma sich wieder angezogen hatte. „So, was liegt jetzt an? Zurück zum Observatorium, oder soll ich dir den Trainingsraum zeigen? Dann kann du dir schon mal ansehen, wohin du ausweichen kannst, wenn das Trio dir auf den Pelz rückt.“

„Den Trainingsraum“, schlug der General vor und richtete sich die Jacke, ehe er in die Schuhe schlüpfte.

„Ist sicherlich nicht so komfortabel wie bei euch. Es ist eine Notlösung für unsere Männer. Wir haben eine alte Lagerhalle der früheren Farmer zum Parcours umgebaut mit Laufstrecke, Klettermöglichkeiten und Hanteltraining“, erklärte Leander im rausgehen, als sie sich von Daniel verabschiedet hatten.

„Aha. Und da kommt das Trio nicht rein?“, wollte Akuma wissen. Ihm war es gleich, wo er trainierte, wenn er nur seine Ruhe hatte.

„Nein.“ Leander lachte „Nachdem das Seepferdchen herausgefunden hatte, dass Sport anstrengend ist und man Muskelkater bekommen kann, meidet er den Trainingsraum. Nicht einmal Erdogan kann ihn dort hin locken und das will schon was heißen.“

„Ach ja, die beiden stehen sich sehr nahe“, erinnerte sich Akuma. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es jemanden gab, der Sport nicht mochte. Für ihn war Bewegung alles, sie gab ihm zurück, was ihm die Arbeit nahm. Sie war ein Quell für ihn. Meodin hatte wohl andere Quellen. „Er ist beeindruckend. Auch wenn seine Art der Entstehung strittig ist, ist es doch gut, dass es ihn gibt.“ Auch er konnte sich der Ausstrahlung des Seepferdchens nicht entziehen. Merkwürdig, das hatte vor ihm noch keiner geschafft – nicht einmal Bahadur, auch wenn der allmählich ziemlich dicht ran kam. Auch eine Sache, mit der Akuma nicht umgehen konnte. Mittlerweile vermisste er die Nähe – das hätte es vor ihrem gemeinsamen Einsatz nie gegeben.

„Ja, Meodin ist etwas Besonderes. Er ist ein guter Freund geworden. Nicht nur von mir.“ Leander war nicht überrascht, dass das Seepferdchen ihre Gäste beeindruckt hatte. Leander führte Akuma zu ihrem Trainingsraum. „Ich könnte auch noch ein wenig Bewegung gebrauchen, wenn du nichts dagegen hast.“

„Sicher, warum nicht. Es ist euer Raum. Ich bin hier nur Gast. Aber lass es mich nicht so offensichtlich spüren, dass ich aus der Form bin“, sagte Akuma und sah sich um. Nach Leanders Untertreibung hatte er weniger erwartet, aber die Traininghalle war zwar spartanisch aber gepflegt und zweckmäßig. Er musste wohl aufhören, dem Kerl auf den Leim zu gehen, der neigte ständig zu Untertreibungen. „Oder bleibst du, um sicher zu stellen, dass ich nicht übertreibe?“, wollte er wissen, als er sich die Jacke auszog.

„Würde mir nicht einfallen.“ Leander grinste breit, aber deswegen war er wirklich nicht hier. „Ich brauche einfach nur etwas Bewegung. Wenn man mit dem Boot unterwegs ist, bekommt man nicht viel.“

„Bahadur meinte, euer Trainingsraum im Schiff wäre nicht übel und Ewan hat mir Strecken durch das Schiff gezeigt, die zusammen einen guten Laufparcours ergeben“, sagte Akuma und sah sich noch einmal um. Die Laufstrecke war nicht schlecht, sie ging nicht einfach im Kreis sondern war einem Hindernisparcours nachempfunden. Das kam ihm sehr entgegen. Und so liefen sie beide los, mal sehen was sein Körper noch zu leisten im Stande war.