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Zyklus VII - Hangzhou Provinz - Teil 31-33

31 

Erdogan gab einen unwilligen Laut von sich und zog den warmen Körper neben sich näher. Es war warm und gemütlich, wenn da nicht dieses penetrante Geräusch wäre, das ihn daran hinderte wieder einzuschlafen. Es dauerte eine Weile, bis er soweit wach war, dass er wusste, was da so einen Lärm machte. Er tastete über den Nachttisch und griff sich seinen Kommunikator. „Was gibt’s?“, brummte er leise, um Meodin nicht zu wecken. Das Seepferdchen rollte sich ein bisschen zusammen, schlief aber weiter.

>>Du solltest herkommen<<, hörte er Thom. Er hatte von seinem Chef-Techniker zwei Tage lang nichts gehört und plötzlich holte der ihn zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett? Das war nicht gut – definitiv nicht gut. Das war Erdogan klar. Thom und Matt hatten sich eingeschlossen und sich die Liste vorgenommen, sie hatten Algorithmen integriert, Querverweise gefiltert und ausgelagert, versucht die riesige Liste in themenbezogene handliche Dokumente zu splitten. >>Das wird dir nicht gefallen<<, sagte Thom noch und legte auf.

Irritiert sah Erdogan seinen Kommunikator an. Das hatten auch noch nicht viele gewagt, einfach aufzulegen, aber das zeigte dem Prinzen, dass etwas sehr beunruhigendes passiert sein musste. „Scheiße“, fluchte Erdogan leise und schwang seine Beine aus dem Bett, beugte sich aber noch einmal zu Meodin rüber, um ihm einen Kuss auf die Schulter zu geben. Aber länger hielt er sich nicht auf. Er zog sich leise an und verließ sein Quartier. Trotz der frühen Stunde lief er fast in Bahadur hinein, der ebenfalls gerade auf dem Weg über den Flur nach draußen war. „Ah, dich haben sie auch geweckt“, sagte Erdogan und sah sich suchend um. Wo war denn Akuma? Bahadur schien ihn zu lesen und grinste schief. „Er glaubt, wenn er nachts trainiert, dann merkt Daniel das nicht. Wir treffen ihn am Tor zu Bonder. Er will die Strecke joggen.“

„Er wird schnell merken, dass Daniel es immer mitkriegt, wenn man gegen seine Anweisungen verstößt und das nimmt unser Arzt persönlich.“ Erdogan wusste das aus eigener leidlicher Erfahrung und es war nicht damit zu rechnen, dass Daniel bei Akuma nachsichtiger war, nur weil er ein Gast war. „Haben sie dir etwas mehr erzählt, oder wurdest du auch im Dunkeln gelassen?“

„Stockdunkel“, bestätigte Bahadur, als er den Wagen bestieg. Und das gefiel ihm gar nicht. Allerdings musste er trotzdem grinsen als er sich vorstellte, wie sich sein General mit dem behandelnden Arzt in die Haare bekam. Mit Daniel würde er nicht so unverschämt umspringen wie mit ihren eigenen Ärzten, die lieber Urlaub nahmen oder sich krank meldeten, als bei General Akuma den von Naran vorgeschriebenen Check durchzuführen.

„Na los, gucken wir was die beiden in der Liste gefunden haben, was es wert wäre, mitten in der Nacht …“

„Hallo? Wartet ihr gefälligst mal?“ Leander sprang gerade noch in den Wagen, als der Prinz anfuhr.

„Dann dürften wohl alle da sein. Akuma stößt später zu uns“, klärte Erdogan seinen Freund auf und lenkte den Wagen zum Eingang des Tunnels. „Ich nehme mal an, du weißt auch nichts Näheres.“ Es war eine rein rhetorische Frage und das Kopfschütteln wunderte die beiden Prinzen gar nicht.

„Wir werden es gleich erfahren“, mutmaßte Leander und gähnte. Er hatte noch nicht sehr viel Schlaf bekommen, Allan schien wieder seine geile Phase zu haben. Leander grinste vor sich hin, denn er liebte diese Phase. Sie wussten beide nicht woran das lag, aber in unregelmäßigen Abständen bekam der Forscher nicht genug von seinem Soldaten – Leander konnte das nur recht sein. Wenn man nicht gerade geweckt wurde, nachdem man eben erst eingeschlafen war. Er rieb sich über das Gesicht und rollte die Schultern, als sie in den Tunnel einfuhren.

„Da ist Akuma.“ Erdogan zeigte auf eine dunkel gekleidete Gestalt, die in ungefähr hundert Metern vor ihnen durch den Tunnel lief. Die Bewegungen sahen flüssig aus. Es war nichts mehr davon zu merken, dass der General noch vor kurzem ein gebrochenes Bein hatte.

„Das ist er“, bestätigte Bahadur und biss sich von innen gegen die Lippen. Er war unzufrieden mit der aktuellen Situation, denn seit Akuma wieder trainieren durfte, griff er nicht mehr auf ihre Form der Entspannung zurück. Das fehlte Bahadur irgendwie, auch wenn er nicht sagen konnte, was genau ihm fehlte.

Der breite Rücken vor ihnen kam näher und näher, bis sie neben dem General her fuhren. „Steig ein, wir haben es eilig“, erklärte er und Erdogan hielt, damit Akuma zusteigen konnte.

Der General setzte sich neben Leander und Bahadur brachte ihn auf den neuesten Stand, Was nicht wirklich viel war, weil keiner von ihnen wusste, was Thom und Matt gefunden hatten. Sie waren alle angespannt, denn der Hinweis, dass es Erdogan nicht gefallen würde, ließ vermuten, dass sie Namen auf der Liste entdeckt hatten, die brisant waren.

Schnell war der Wagen vor dem Tor geparkt und sie hasteten in den Serverraum, den Matt als sein Büro auserkoren hatte. Die warme Luft schlug ihnen entgegen, als die Tür geöffnet wurde und einmal mehr fragte sich Leander, wie man es da drinnen mehr als ein paar Minuten aushalten konnte. Es war laut, weil überall Lüfter liefen, das Licht war nicht besonders hell. Die einzige Lichtquelle war eine Lampe am Schreibtisch. Sonst blickten überall die bunten Lämpchen der Server.

„Wir sind da“, rief Erdogan in den Raum, da der Serverraum leer war. Thom und Matt waren aber bestimmt nicht weit weg. Und wirklich, keine zwei Sekunden später kam Thom zu ihnen. „Das ging ja schnell. Ich hatte nicht so früh mit euch gerechnet.“

„Wie bitte?“ Leander war mittelschwer entsetzt und sich nicht sicher, ob Thom das jetzt ernst gemeint hatte. „Du sagst Erdogan, dass er sofort kommen soll und es ihm nicht gefallen wird, was ihr gefunden habt und gehst davon aus, wir machen vorher noch einen Spaziergang im Mondschein oder wie?“

Thom lachte. Die Wasserflaschen in seiner Hand klirrten leise. „Gehen wir ins Observatorium, da ist mehr Platz. Matt ist schon drüben.“

„Okay, hier ist es mir auch entschieden zu warm.“ Erdogan ging vor und versuchte sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Man merkte es nur daran, dass er seine Finger immer wieder zur Faust ballte. Er wartete am Eingang auf die anderen  und ging dann mit ihnen zusammen in den großen Raum, wo Matt an einem PC saß und etwas tippte. Der blickte auf, als er die schweren Schritte hinter sich vernahm. „Da seid ihr, sehr gut“, begrüßte Matt die Männer und wandte sich ganz um. „Kurze oder lange Fassung?“, wollte er wissen.

„Erzähl erst mal was du gefunden hast, danach kannst du immer noch schildern, wie euch das gelungen ist“, schlug Leander vor. Wie der Rest auch platzte er vor Neugier. Matt nickte nur, drückte auf eine Taste und eine Liste erschien auf dem großen Monitor. In einer Liste von etwa einem Dutzend Namen war einer rot umrandet worden und Leander wurde blass.

„Jefferson.“ Erdogan wirkte erschüttert. Auch wenn er immer vermutet hatte, dass etwas mit dem Berater seines Vaters nicht stimmte und später, als sie auf die Gottgleichen gestoßen waren, davon ausging, dass er zu ihnen gehörte, war er jetzt geschockt und das sah man ihm an. „Scheiße“, fluchte er leise und sah zu Leander.

„Damit hätten wir ein Problem, ein hammermäßiges Problem“, sagte Leander und hatte gar kein Auge für die anderen Namen. Der rote Kasten um Jeffersons Namen bannte sich in sein Hirn. „Was machen wir jetzt mit dem Wissen?“ Er sah seinen Freund an und wusste, dass es nicht fair war, das Problem auf den Prinzen abzuwälzen. Doch er selbst hatte keine Idee und außerdem ging es unter dem Strich nicht nur um den Fürsten und das Staatsoberhaupt sondern vor allen Dingen um Erdogans Vater.

„Ich habe noch keine Ahnung“, murmelte der Prinz und ging etwas näher an den Monitor ran, auch wenn sich dadurch an dem Namen nichts änderte. Ein paar leise Worte ließen ihn aufsehen und er drehte sich zu Bahadur und Akuma. Die beiden wussten ja gar nicht, was der Name bedeutete. „Jefferson ist seit Jahrzehnten der Berater meines Vaters. Sein engster Vertrauter und sein bester Freund.“

„Das ist nicht gut“, murmelte Akuma und Bahadur nickte. „Er wird dir also nicht glauben, auch wenn du ihn mit deiner Entdeckung konfrontieren würdest“, überlegte der Prinz. „Vor allem weil die Information von Leuten stammt, von deren Existenz er nichts weiß und die er noch nicht einmal kennt.“

„Das ist alles ein Mist!“, knurrte Leander und ballte die Fäuste. Bahadur hatte leider Recht. Wenn Erdogan seinen Vater mit der Wahrheit konfrontierte, war absolut unklar, wie das ausging. Und es bestand die Gefahr, dass Jefferson Wind von ihrem Wissen bekam. Egal wie man es drehte und wendete, unterm Strich gingen sie nicht als Sieger hervor.

„Ja, ich fürchte, genauso wird es sein.“ Erdogan setzte sich auf die Kante des Schreibtisches und rieb sich über das Gesicht. „Wir haben meinem Vater vieles verschwiegen, eben weil wir Jefferson im Verdacht hatten, ein Verräter zu sein. Ich bin noch nie gut mit ihm ausgekommen, aber richtig schlimm wurde es erst, als wir die Gottgleichen entdeckt hatten. Er fing an meinen Vater stärker zu beeinflussen und gegen mich zu arbeiten. Aber wir konnten ihm bisher nichts nachweisen.“

„Und zum Glück konnte er sich auch nicht durchsetzen, weil Erdogan mit seinem Vater faire Deals ausgehandelt hat, an die er sich immer gehalten hat“, ergänzte Leander und erinnerte sich mit Grausen an ihr Ultimatum, in die Hauptkuppel zurück zu kehren, wenn sie nicht endlich den Durchbruch schaffen würden. Das war sicherlich nicht auf Antions Mist gewachsen. Da wollte jemand genauer wissen, was Erdogan und seine Männer eigentlich machten und wie viel sie wussten.

„Wenn er bis heute nichts von uns weiß, verschweige uns weiter“, sagte Akuma und blickte Erdogan an. „Es wäre keine Beleidigung für uns und es hilft euch.“

„Danke. Ich weiß zwar noch nicht, was ich meinem Vater sagen werde, aber es ist gut zu wissen, dass ich diese Option habe.“ Erdogan sah Akuma dankbar an, brachte aber irgendwie kein Lächeln zustande. Er fühlte sich furchtbar, denn egal, was er auch seinem Vater erzählte, würde es darauf hinauslaufen, dass er ihn anlog oder zumindest etwas verschwieg.

„Schlaf 'ne Nacht drüber, ich mache mir auch ein paar Gedanken. Wir können jetzt und hier die Welt nicht retten“, sagte Leander und legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. Bahadur murmelte zustimmend.

„Und Thom, schicke eine Kopie der Liste auf unsere Palms. Das Original schließt bitte erst mal sicher weg. Das sollten so wenige Leute sehen wie nur möglich, so lange wir noch nicht wissen, wie wir mit diesem neuen Wissen umgehen werden.“

„Geht klar, Boss.“ Thom machte sich gleich ans Werk. Erdogan erhob sich vom Schreibtisch und ging zu Bahadur und Akuma. „Wir sollten alle noch etwas schlafen. Kommt, ich bring euch zurück.“

„Nein, du wirst nicht laufen. Du wirst rüber fahren und dich hinlegen“, sagte Leander als er sah, dass Akuma widersprechen wollte. „Daniel merkt, wenn du ihn austrickst. Erdogan hat es versucht, versuch du es lieber nicht.“ Dann gingen sie langsam den Gang entlang, während Akuma mit den Zähnen knirschte. Doch er gab sich folgsam, denn dieser Arzt hatte wirklich etwas Verschlagenes.

„Versuch zu schlafen, Erdogan“, sagte Bahadur leise, als sie in den Wagen stiegen. „Wir brauchen morgen einen klaren Kopf.“

„Leichter gesagt, als getan“, murmelte Erdogan genauso leise zurück. Aber der Blick, den er Bahadur zuwarf, zeigte, dass er dankbar für die Worte war. „Ich fühle mich schlecht dabei, dass ich euch vor meinem Vater verheimlichen muss. Aber wenn ich ihm von euch erzähle wird alles noch komplizierter.“

„Wir wussten von Anfang an, dass wir hier her kommen werden und keinen großen Zapfenstreich bekommen. Rede erst einmal nur über Jefferson und wenn er sich aufgeschlossen zeigt, kannst du uns immer noch ins Spiel bringen. Du belügst ihn nicht, du gibst nur nicht alle Informationen weiter – das ist nicht das gleiche.“ Bahadur drückte sich tiefer in den Sitz. Er konzentrierte sich auf den anderen Prinzen, beobachtete im Seitenspiegel aber Akuma, der immer noch mürrisch hinter ihm saß.

„Das weiß ich alles, aber es fühlt sich furchtbar an.“ Erdogan atmete tief durch und startete den Wagen. „Mein Vater ist ein guter Fürst, dem das Wohl seines Volkes sehr am Herzen liegt und ich hasse es, dass ich ihn die letzten Monate über das, was ich mache, im Dunkeln lassen musste. Wenn ich ihm sage, dass Jefferson zu unseren Feinden gehört, wird seine Welt zusammenbrechen. Sie kennen sich, seit sie Kinder sind und sind seit dem befreundet, so ähnlich wie Leander und ich und ich glaube nicht, dass mein Vater gut auf die Eröffnung reagieren wird, dass sein bester Freund ein Verräter ist und gegen uns arbeitet, vielleicht sogar dafür verantwortlich ist, dass wir aussterben.“

Sie schwiegen. Leise tuckerte der Wagen durch den erleuchteten Tunnel. „Es tut mir leid, dass wir dir das nicht abnehmen können“, sagte Bahadur irgendwann, als der frische Nachtwind ihnen ins Gesicht schlug. „Der Weg zu ihm wird nicht leicht sein, das Gespräch noch schwieriger. Haben wir eine Alternative?“

„Den Verräter ausschalten und es wie einen Unfall aussehen lassen. Ich kann so was“, sagte Akuma trocken und suchte Erdogans Blick im Spiegel. „Keiner eurer Leute in der Hauptkuppel weiß, dass es mich überhaupt gibt.“

Erdogan sah Akuma über den Spiegel an und es war ihm anzusehen, dass er kurz über diese Möglichkeit nachdachte. „Danke für das Angebot, Akuma, aber ich will diesen Mistkerl vor Gericht. Er soll für das, was er getan hat, bezahlen und ein Unfalltod ist mir da einfach zu wenig.“

„Verstehe“, sagte der General nur knapp und nickte. „Sollte es nicht möglich sein, sage Bescheid. Ich halte mein Angebot aufrecht.“ Als der Wagen vor den Quartieren hielt, stieg Akuma als erstes aus. Leander ahnte, was er noch vor hatte und hüstelte, um zu signalisieren, dass der General nicht einmal daran denken sollte, in die Trainingshalle zu gehen, sondern im Bett zu verschwinden hatte. „Eindeutig nicht ausgelastet“, murmelte Leander, aber nur ganz leise.

„Ich kümmer mich drum“, murmelte Bahadur und stieg ebenfalls aus. Er beugte sich noch einmal zurück in den Wagen. „Das Angebot von Akuma gilt auch für mich. Wir sind für solche Einsätze ausgebildet. Zögere also nicht uns loszuschicken, wenn es notwendig ist. Wir helfen gerne.“ Lächelnd drückte er kurz Erdogans Schulter, dann zog er sich aus dem Wagen zurück und ging Akuma hinterher. Heute war definitiv wieder Zeit für ein paar Entspannungsübungen.

„Na komm, Meo, wartet bestimmt“, sagt Leander und geleitete Erdogan ebenfalls ins Haus. Sie verabschiedeten sich knapp und so sah Leander Bahadur noch in dessen Tür verschwinden, ehe er selbst auch endlich wieder ins Bett fiel. Doch sein Kopf war schwerer als noch vor zwei Stunden, als er aufgestanden war.

Akuma tigerte derweil unruhig durch das winzige Zimmer, zog sich dabei die Kleider aus. Er wollte noch schnell unter die Dusche, wenn er jetzt sowieso nicht mehr trainieren durfte. Er konnte sich noch nicht vorstellen, wie es dem Arzt gelingen sollte, zu merken, ob der General mehr trainierte als erlaubt gewesen war. Doch wenn selbst Prinz Erdogan ihn nicht hatte täuschen können, sollte er selbst ebenfalls vorsichtig sein. Seine Reise hierher stand immer unter der Prämisse, dass er sich an die Anweisungen der Ärzte hielt und seine Heilung und somit die zukünftigen Missionen nicht gefährdete.

Er sah nicht auf, als die Tür sich öffnete und wieder schloss.  Bahadur blieb an der Tür gelehnt stehen und sah ihn an. Er konnte die Anzeichen mittlerweile gut deuten und gerade jetzt wirkte Akuma sehr unausgeglichen. Darum stieß er sich von der Tür ab und legte von hinten die Arme um den General. „Okay, wir beide werden jetzt etwas gegen deine Unausgeglichenheit tun und zwar gründlich“, bestimmte er und biss Akuma sanft in den Hals.

„Ich darf wieder trainieren, du musst dich also nicht mehr um mich kümmern“, erklärte Akuma und verspannte sich. Es war ja nicht so, dass er es nicht genossen hätte, sich zusammen mit dem Prinzen zu entspannen. Doch diese Übungen waren als Ersatz für das Training eingeführt worden und jetzt nicht mehr notwendig. Bahadur konnte sich also wieder wichtigeren Dingen widmen als der Betreuung seines kranken Generals. „Schlaf, das wird morgen kein leichter Tag. Ich geh noch duschen.“

Bahadur seufzte und drehte Akuma in seinen Armen. „Aku, ich möchte mich aber um dich kümmern. Es ist keine Pflicht für mich, sondern eher Vergnügen. Unsere Entspannungsübungen helfen nicht nur dir ausgeglichener zu werden, sondern auch mir. Mir gefällt, was wir da zusammen tun, und ich möchte sie nicht mehr missen. Ich weiß, dass du sie als Ersatz für dein Training gesehen hast, aber das war es für mich nie, zumindest nicht vorrangig.“

Akuma blickte den Prinzen nun doch etwas irritiert an, schien aber allmählich zu verstehen. Zumindest glaubte er das. Dann grinste er. „Du meinst, es wäre Verschwendung von knappen Ressourcen, jetzt duschen zu gehen?“, fragte er und legte seine Arme ebenfalls um Bahadur, zog ihn dicht gegen sich. Merkwürdigerweise fühlte sich der Gedanke, dem Prinzen etwas zurückgeben zu können, was der mochte, gut an.

„Ja, ganz genau. Denn wenn wir später entspannt und zufrieden sind, brauchen wir eine Dusche viel dringender als jetzt.“ Bahadur grinste und schob Akuma Richtung Bett. Er fühlte sich gut und freute sich darüber, dass sein Freund nicht abgelehnt hatte, weiter mit ihm Spaß zu haben, auch wenn Akuma bestimmt nicht diesen Ausdruck dafür gewählt hätte. Er konnte eben nicht aus seiner Haut und so nahm Bahadur, was er kriegen konnte und er fand, dass er sich den stoischen Einzelkämpfer eigentlich schon zu einem ganz annehmbaren Teamkollegen erzogen hatte. Er war gelehrig und er lernte schnell, verdammt schnell. Auch heute.

Und so kamen die beiden erst zum Schlafen, als Erdogan schon wieder aus den Laken flüchtete. Seine Unruhe hatte sich auch auf Meodin übertragen und das Seepferchen wälzte sich im Bett. Um ihn nicht ganz zu wecken, erhob sich der Prinz leise. Er tapste durch das Zimmer zur Tür und schloss sie wieder hinter sich. Leise ging er in die Küche und kochte Kaffee. Er war zwar schon völlig aufgedreht, aber ohne sein schwarzes Gebräu fand er nicht in den Tag. Während der Kaffee durchlief, lehnte er sich an den Küchenschrank und dachte nach. Er hatte immer noch das Problem, dass er seinem Vater erklären musste, wo sie die Liste mit Jeffersons Namen her hatten und auch wenn er sich die letzten Stunden schlaflos gewälzt hatte, hatte er immer noch keine Lösung dafür gefunden. Er zuckte, als sein Palm neben ihm auf der Theke sich meldete. Nur ein Wort stand da: wach?

Es dauerte ein paar Sekunden, bis er begriff, dass Leander ihn nicht wecken wollte, sollte er noch schlafen. So ging er ran und rief seinen Freund an.

>>Bist ja wirklich schon wieder wach und ich hoffe, dass es schon wieder ist und nicht immer noch<<, begrüßte ihn der Soldat. Selbst klang er auch nicht gerade so, als hätte er den Schlaf der Gerechten geschlafen.

„Teils, teils.“ Erdogan rieb sich über die Augen. Er hatte kurz geschlafen, aber höchstens eine halbe Stunde. „Du konntest wohl auch nicht richtig schlafen, so wie du dich anhörst. Ich koch gerade Kaffee, magst du auch einen haben?“

>>Ja, warum nicht. Ich komm hoch<<, erklärte Leander und legte auf. Es dauerte keine drei Minuten, da klopfte es an der Tür und Erdogan öffnete seinem Freund, drückte ihm eine große Tasse Kaffee in die Hand und ging mit ihm zusammen zurück in die Küche.

„Allan hat heute Frühschicht, da war er schon ziemlich zeitig unterwegs und weil ich nicht schlafen konnte, saß ich mit ihm am Tisch. Und irgendwie dachte ich, du wirst auch schon wach sein.“

„Du kennst mich ziemlich gut und gerade jetzt finde ich das sehr gut.“ Erdogan lehnte sich wieder an den Schrank, so wie er es vorhin getan hatte und nippte an seinem Kaffee. „Ich fühle mich so mies. Egal, was ich meinem Vater auch erzählen werde, ich sage nicht die Wahrheit. Das ist so erbärmlich und das hat er nicht verdient. Er vertraut mir und ich betrüge ihn.“ Er kam gleich zu dem Punkt, der ihn am meisten beschäftigte und der ihm mehr oder weniger den Schlaf geraubt hatte.

„Erdogan, du bist nicht nur Sohn, du bist auch Thronfolger und Führer des Heeres. Du bist nicht nur deinem Vater verpflichtet sondern deinem Volk. Dem Thronfolger kann ich nur sagen, dass er alles richtig gemacht hat und dem Sohn will ich sagen, dass die Zeit kommen wird, dass ihr frei über all das Geschehene reden werdet und er dich verstehen wird. Er ist für das, was vor euch liegt noch nicht bereit, Erdogan.“ Leander stellte sich neben seinen Freund und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sah den Prinzen mitfühlend an.

„Ich weiß das alles, Leander, aber trotzdem fühle ich mich wie ein Verräter.“ Erdogan lehnte sich an seinen Freund und legte ihm die Arme um die Taille. Dass er gerade splitternackt war, störte ihn überhaupt nicht. Sie kannten sich schon so lange und so gut, dass das zwischen ihnen keine Rolle spielte. Erdogan brauchte jetzt einfach jemanden, an den er sich anlehnen konnte. Im Moment war er nicht der starke Thronfolger, der für fast jedes Problem eine Lösung fand, sondern einfach nur ein Sohn, der nicht wusste, was er machen sollte und die Nähe eines Freundes brauchte.

Wortlos legte Leander ihm eine Hand auf den Kopf und vergrub seine Nase in Erdogans langen Haaren. Seinen Kaffee hatte er beiseite gestellt, nicht das ihm die heiße Tasse noch entglitt. So standen sie eine Weile, denn Leander wusste nichts zu sagen, was es für seinen Freund einfacher oder besser machen konnte. Und das war kein schönes Gefühl. Sie hatten gelernt mit jedem Problem fertig zu werden, solange es nicht persönlich war. Dort stießen sie dann allerdings schnell an ihre Grenzen.

Eine Weile ließ Erdogan sich halten und genoss es einmal nicht der Starke sein zu müssen, sondern Schwäche zulassen zu können. Er gönnte sich den Luxus nicht oft, darum war es für ihn auch so tröstend. Als er sich vorsichtig von Leander los machte, war er wieder der Thronfolger und er hatte eine Entscheidung getroffen. „Danke“, sagte er schlicht und straffte sich. „Ich werde in einer halben Stunde zu meinem Vater fahren und mit ihm reden.“

„Brauchst du einen Fahrer?“, bot Leander an, wissend, dass Erdogan das nicht zulassen würde. Doch er wäre ein schlechter Freund, wenn er es nicht wenigstens versuchen würde. Wie erwartet schüttelte Erdogan den Kopf und Leander nickte verstehend. „Dusch dich und iss was, ehe du dich in die Spur machst“, mahnte er, als er einen Schritt zurück trat. „Und sag Meo Bescheid, sonst ist er wieder ganz kirre, wenn er wach wird und du bist nicht da.“

„Ja, werde ich alles machen.“ Erdogan lachte leise, als er sich daran erinnerte, wie verrückt Meo alle gemacht hatte, als sein Prinz sich unerlaubt von ihm entfernt hatte und ihm nicht gesagt hatte, dass er weg musste. Seit dem nahm er es lieber in Kauf von einem muffeligen Seepferdchen angemeckert zu werden, dass es gar nicht schätzte geweckt zu werden, als noch einmal ohne ein Wort zu gehen. Meodin hatte ihn eben gut im Griff. Aber andersherum war es nicht anders. Auch Meodin meldete sich ab, seit er entführt worden war.

„Okay, viel Glück und meld dich, wenn du Hilfe brauchst, mehr weißt oder wir von hier aus irgendetwas erreichen können.“ Leander schlug seinem Freund noch einmal auf die Schulter und nach einem letzten tiefen Blick verließ er das Quartier.

Die Dusche und ein Brot essen war schnell erledigt, so hatte Erdogan noch ein paar Minuten Zeit, die er mit Meodin verbringen konnte. Aber erst zog er sich etwas an, denn dann war die Gefahr, dass er seine Pläne umstieß und einfach bei seinem Seepferdchen blieb, geringer. Er legte sich neben Meodin und küsste sich über dessen Schulter hoch, bis zum Kinn und dann zum Mund. Die Haut war warm und weich und er liebte es, sie mit seinen Lippen zu berühren.

„Hm“, grummelte Meodin so wie immer, wenn Erdogan liebevoll versuchte ihn zu wecken. Doch der Prinz ließ sich nicht abhalten. Er liebkoste die weiche Haut intensiver und Meodin regte sich. „Hm“, murrte er noch einmal und streckte sich ausgiebig, ehe er verschlafen die Augen aufschlug. Doch er blinzelte nur, das helle Licht durch das Fenster mochte er gar nicht. „Was ist?“, nuschelte er, als er Erdogan in kompletter Montur erblickte und richtete sich etwas auf die Ellenbogen.

„Ich muss gleich weg, Schatz. Zu meinem Vater in die Hauptkuppel. Ich wollte nur nicht einfach verschwinden.“ Erdogan zog Meodin in seine Arme und küsste ihn sanft. „Du solltest dir keine Sorgen machen, darum habe ich dich geweckt. Es ist noch früh, du kannst also ruhig wieder schlafen, wenn ich weg bin.“

„Was willst du da? Wann kommst du wieder?“, stellte Meodin die Fragen, die er immer stellte, wenn Erdogan weg musste. Sie kamen ganz automatisch, auch wenn er hoffte, dass seine Angst, die ihn immer wieder überfiel, ihn irgendwann ein bisschen weniger in ihrem eisigen Griff hatte. Er kam immer wieder auf die Idee, seinem Prinzen anzubieten, ihn zu begleiten, doch er tat es nicht. In die Hauptkuppel konnte er unmöglich zurückkehren – noch nicht.

Erdogan strich ihm eine Strähne hinter das Ohr und seufzte. Meodin wusste ja noch gar nicht, was Thom und Matt herausgefunden hatten. „Jeffersons Name ist auf der Liste der Jiang Shi und ich fahre jetzt zu meinem Vater, um ihm das zu sagen.“

„Scheiße“, fluchte das Seepferdchen ziemlich unzivilisiert und schlug sich gleich mit der Hand auf den Mund. Das tat er höchst selten, doch das traf seine Gedanken gerade ziemlich gut. Das war ganz großer Mist. Meodin wusste nicht viel, aber dass der beste Freund von Erdogans Vater ein Verräter war, konnte nur Mist sein. Das wäre so, als wäre Dylan oder Diego ein Verräter. Er wollte sich das noch nicht einmal vorstellen. „Das kann nicht gut ausgehen“, wisperte er und senkte den Kopf. Seine Hand strich über Erdogans Wange.

„Ich hoffe, dass es nicht so schlimm wird, aber ich befürchte, dass du Recht behalten wirst.“ Erdogan lehnte seine Wange vorsichtig in Meodins Hand und genoss die sanften Berührungen. „Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber ich bleibe nur so lange dort, wie ich muss.“

„Wenn er dich braucht, dann bleib, ich komm damit klar. Sag mir nur Bescheid“, versuchte Meodin tapfer zu sein. Er wusste, dass das Verhältnis von Vater und Sohn ziemlich gelitten hatte und er mochte den Fürsten nicht, weil er so respektlos mit Unit eins umgegangen war. Doch niemand hatte es verdient von seinem besten Freund betrogen zu werden. „Und wenn du nicht gleich gehst, dann werde ich richtig wach und lasse dich dann vielleicht doch nicht mehr weg“, grinste er schief.

„Ich liebe dich, mein Herz“ sagte Erdogan weich und küsste Meodin liebevoll. Er wusste wie schwer es seinem Seepferdchen fiel, ihn gehen zu lassen. „Ich komme zurück, so schnell ich kann, aber jetzt brauche ich noch ein wenig deine Nähe und wenn möglich noch ein paar Küsse, an die ich mich erinnern kann, wenn ich weg bin.“

„Pack ein paar in die Vorratsdose, da bleiben sie länger frisch“, grinste das Seepferdchen schief, kroch aber höher, um sich dichter an Erdogan zu lehnen. Auch er wollte noch etwas Wärme und Nähe tanken, ehe sie sich trennen mussten und der Prinz den schwersten Gang antreten musste, den er seit langem hatte hinter sich bringen müssen. Doch die Zeit war gegen sie, sie raste und der Zeiger fraß sich über das Ziffernblatt.

„Ich muss los“, sagte Erdogan nach ein paar Minuten und lehnte seine Stirn gegen Meodins und holte tief Luft. Er zwang sich aufzustehen und zur Tür zu gehen. „Bis spätestens heute Abend, Schatz“, sagte er noch in der Tür und riss sich dann von Meodins Anblick los. Er musste fahren, es brachte nichts, wenn er es weiter hinausschob.

Das Seepferdchen sah ihm hinterher, sagte aber nichts, was Erdogan daran gehindert hätte, wirklich zu gehen und das hinter sich zu bringen, was er hinter sich bringen musste. Im Moment gab es wohl niemanden, der mit ihm hätte tauschen wollen. Die Flure waren leer als Erdogan die Treppen nach unten ging, nur Katze stromerte durch das Halbdunkel. Sie langweilte sich, sprang aber beiseite als sie den Menschen sah. Der Prinz hastete weiter, wollte sich nicht ablenken lassen und startete den Wagen, kaum dass er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Auf dem Weg zur Hauptkuppel, schwirrte alles Mögliche durch seinen Kopf und einmal war er sogar versucht, wieder umzudrehen, aber das kam gar nicht in Frage. Er liebte seinen Vater, auch wenn ihr Verhältnis zur Zeit etwas angespannt war. Er war es ihm schuldig, dass er ihm mitteilte, was er herausgefunden hatte. Mehr konnte er eh nicht tun, denn was mit Jefferson geschah, lag in den Händen seines Vaters.

„Vater“, meldete er sich irgendwann im Kommunikator des Vaters. Er hatte dessen Nummer gewählt, um zu hören, ob er Zeit hatte. Doch eigentlich nahm sich Antion immer Zeit für seinen Jungen. Darauf vertrauend, dass es auch heute so war, sprach Erdogan einfach weiter. „Wir sind auf etwas gestoßen, was du dir ansehen musst. Aber ich muss erst einmal nur mit dir allein reden. Das ist wichtig. Bitte versprich mir, dass nur wir beide dieses Gespräch führen werden“, sagte er eindringlich, denn er hatte keine gesteigerte Lust, dass Jefferson plötzlich mit am Tisch hockte.

„Junge, was ist denn passiert?“, fragte Antion. So eindringlich war Erdogan selten und das bereitete ihm Sorgen.

„Das möchte ich dir gerne persönlich sagen, aber es ist wirklich wichtig, dass wir nur unter vier Augen reden.“ Erdogan legte so viel Dringlichkeit in seine Stimme und das schien sein Vater zu merken. „Aber sicher, Erdogan, komm in mein Büro, dort werden wir ungestört sein, wenn du das möchtest. Wann bist du hier?“

„In etwa einer halben Stunde. Ich bin bereits auf dem Weg. Und danke!“, sagte Erdogan, ehe er sich knapp verabschiedete, man sah sich sowieso gleich wieder. Aber nun gab es wirklich kein zurück mehr. Jetzt musste die Wahrheit ans Licht und er hatte vor einer Stunde mit Leander telefoniert. Sie hatten eine Idee gefunden, die glaubwürdig genug war, dass der Fürst, dem viele Fakten über Bonder und ihre Einsätze in dem Labor fehlten, nicht auf die schnelle als Lüge enttarnen konnte. Zumindest bildeten sie ich das ein und Erdogan hoffte, dass es wirklich so war. Er gab noch etwas mehr Gas.

Vor dem Palast angekommen, lief Erdogan gleich die Stufen hoch, nachdem er den Wagen geparkt hatte. Er nickte den Wachen knapp zu, weil es von ihm erwartet wurde, aber zu mehr war er gerade nicht bereit. Ungeduldig wartete er auf den Aufzug und während der Fahrt nach oben, ballte er seine Hände immer wieder zur Faust, was anzeigte, dass er langsam nervös wurde. Es ging ihm alles nicht schnell genug und dann doch wieder viel zu schnell. Er fühlte sich dem, was jetzt folgen würde, einfach nicht gewachsen, doch es nutzte nichts. Es gab keinen anderen, der den Job machen konnte. Also musste er da durch. Das leise Pling ließ ihn zusammenfahren, doch er hastete aus den sich öffnenden Türen, kaum das sich ein Spalt gezeigt hatte. Er versuchte nicht zu rennen, doch eiligen Schrittes ging er zum Büro seines Vaters. Er klopfte und trat ein, noch ehe die Antwort gekommen war.


32 

„Guten Morgen, Vater“, grüßte er den Fürst, der hinter seinem Schreibtisch saß und sich in Papiere vertieft hatte. „Erdogan, mein Junge, komm rein und setz dich.“ Der Fürst lächelte und deutete auf die Sitzgruppe, wo schon Kaffee und etwas zu essen auf sie wartete. „Lass uns dort rüber setzen, dort lässt es sich besser reden.“

„Gern“, sagte Erdogan gequält mit Blick auf den Kaffee und die Speisen. Doch er wusste ganz genau, dass er jetzt keinen Bissen hinunter bekommen würde. Er atmete tief durch und Antion spürte deutlich die Anspannung in seinem Jungen. So hatte er ihn lange nicht erlebt. Das letzte Mal als Unit eins – als Meodin verschwunden war. Irgendetwas stimmte nicht und das machte auch Antion nervös. „Sprich, mein Junge“, versuchte er ihn also zu ermutigen.

„Vater, ich...“ Erdogan brach ab und strich sich über das Gesicht. Es gab keine behutsame Methode seinem Vater beizubringen, was er herausgefunden hatte. Darum straffte er sich und sah seinen Vater an. „Wir haben auf Bonder einen versteckten Raum gefunden, eine Art Archiv mit sehr vielen Listen und Berichten. Wir haben angefangen zu sichten, was wir gefunden hatten und konnten erst gar nicht fassen, was wir da vor uns hatten. Eine Liste mit Namen. Namen von Mitgliedern der Gottgleichen mit ihren Götternamen.“

Antion hörte zu, bewertete für sich und nickte. „Das ist gut, mein Junge. Wenn wir eine Liste haben, können wir die Leute her bestellen und verhören. Dann müssen sie sich rechtfertigen für das, was sie dem Volk angetan haben. Das ist sehr gut. Wo ist die Liste?“ Antion war ganz aufgeregt, doch er hatte das ungute Gefühl, dass das noch nicht der Fakt war, der seinen Jungen so unter Strom setzte. Er senkte die Brauen.

„Du kannst die Liste haben, ich habe sie auf meinem Palm, allerdings ist sie noch nicht vollständig sortiert, da sind wir noch dran.“ Erdogan holte tief Luft und er spannte sich an. „Allerdings haben wir schon ein paar Namen gefunden, die auf jeden Fall zu unserer Kuppel gehören und das ist der Grund, warum ich mit dir unter vier Augen sprechen wollte. Jefferson steht auf der Liste. Sein Codename ist Zeus.“

Antion erstarrte. In seinem Gesicht war nicht zu lesen, was er dachte und das war gut so. Innerhalb weniger Augenblicke durchfluteten ihn so viele Regungen, dass er sie nicht in Worte fassen konnte. „Erdogan“, brachte er brüchig hervor. „ist dir bewusst, was du da sagst?“, wollte er wissen. Das letzte, was er noch einmal tun durfte, war, seinen Jungen vor den Kopf zu stoßen und ihm zu unterstellen dass er Jefferson aus dem Weg schaffen wollte. „Was macht euch so sicher, dass diese Liste echt ist?“

Erdogan tat es weh, seinen Vater so zu sehen und er konnte nur erahnen, wie schlimm es für ihn sein musste. „Ja, Vater, leider weiß ich ganz genau, was ich sage. Die Liste ist echt, das haben wir mehrmals überprüft und auch die Art, wie sie versteckt war, lässt keinen anderen Schluss zu. Es tut mir wirklich leid und du kannst mir glauben, dass ich mich gerne geirrt hätte.“

„Ich habe keine Ahnung, wer diese Liste erstellt hat, Erdogan, und ich habe keine Ahnung wie Jeffersons Namen dort drauf kommt, aber es ist eine Fälschung, sage ich dir. Eine Fälschung!“ Antion schoss hoch und ging durch den Raum, er konnte keinen klaren Gedanken fassen und musste sich Mühe geben, Erdogan nicht Unrecht zu tun, der Keil zwischen ihnen wurde dann nur noch größer.

Erdogan zuckte zusammen, als sein Vater aufsprang. Das hatte er befürchtet und er konnte ihn verstehen. Wenn jemand Leander beschuldigen würde ein Verräter zu sein, würde er auch nicht anders reagieren. „Leider ist sie keine Fälschung, Vater. Und ich verstehe dich, dass du es nicht glauben kannst, aber bitte vertraue mir in dieser Sache.“

„Hör zu!“ Antion schoss zu Erdogan herum, doch als er seinen Jungen so verstört dort sitzen sah, versuchte er sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Er holte tief Luft, wandte sich wieder um. „Im Moment habe ich nur dein Wort, das besagt, dass die Liste keine Fälschung ist. Was nicht heißen soll, dass ich dir nicht glaube, aber ich will es von ihm selber hören. Er soll mir ins Gesicht sehen, wenn ich ihn frage, ob er seit über vierzig Jahren Verrat an unserem Volk begeht.“ Die Worte kamen ihm schwer über die Lippen und jedes einzelne davon schmerze wie Säuretropfen.

„Nein, das ist viel zu gefährlich, Vater.“ Erdogan sprang ebenfalls auf und sah seinen Vater entgeistert an. „Du solltest dich nicht mit ihm alleine treffen. Wenn du mit ihm reden willst, dann von mir aus, auch wenn ich nicht glaube, dass er es zugeben wird, aber du wirst nicht mit ihm alleine dabei sein.“

„Erdogan, sage mir bitte nicht, was ich tun soll“ Antion stand am Fenster und blickte nach draußen. „Er war mein Freund, seit über vierzig Jahren. Wenn es ihm je etwas bedeutet hat, wir er mir nichts tun. Er wird mir vielleicht auch nicht die Wahrheit sagen, aber er wird mir auch nichts tun.“ Was passierte, wenn Jefferson diese vierzig Jahre allerdings nichts wert waren, wollte er sich nicht ausmalen, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. „Du kannst mir nicht erzählen, mein bester Freund sei ein Verräter und dann erwarten, dass ich weitermache wie bisher, Erdogan!“ Er wandte sich nun doch um. „Würdest du Leander vor ein Tribunal stellen oder erst einmal allein mit ihm reden?“

„Vater, das...“, Erdogan brach ab. Er hatte sagen wollen, dass das etwas völlig anderes war, aber das war es nicht. Auch wenn der Freund seines Vaters ein Verräter war und Erdogan das wusste, so war das für seinen Vater nicht so. Er ging zu seinem Vater rüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich würde mit ihm alleine reden wollen und du würdest versuchen mir das auszureden, weil du Angst um mich hättest genauso wie ich jetzt um dich.“

„Erdogan“ Antion legte seine Hand über die seines Sohnes und senke den Blick. Er fühlte sich beschmutzt, denn allmählich schien er zu begreifen, dass Erdogans Abneigung gegen Jefferson vielleicht nicht ganz unbegründet gewesen war. Doch ein anderer Teil seines Hirns weigerte sich das zu glauben. Er wollte es darauf schieben, dass man sich eben mit dem einen gut verstand und mit dem anderen nicht und bei Erdogan und Jefferson nur die Chemie nicht gestimmt hatte. Doch er spürte, dass da mehr war. „Du weißt mehr als ich, oder?“

„Nein, Vater, es ist nicht unbedingt, dass ich mehr weiß als du.“ Erdogan zog seinen Vater an sich und umarmte ihn fest. Das hatte er nicht mehr gemacht, seit er erwachsen war, aber jetzt hatte er einfach das Bedürfnis seinen Vater zu trösten. „Jefferson und ich sind nie gut miteinander ausgekommen. Nach und nach habe ich begriffen, dass er gegen mich arbeitet. Alles, was ich vorgebracht habe, hat er abgetan, aber er war so geschickt, nie offen gegen mich vorzugehen, aber durchaus so, dass ich es bemerkt habe. Ich gebe zu, ich war voreingenommen und ich hatte ihn deswegen in Verdacht, aber ihn auf dieser Liste zu sehen, hat mich geschockt.“

„Ich weiß“, sagte Antion leise und lehnte sich an seinen Jungen. Es tat gut, ihm so nahe zu sein. Und diese Nähe machte ihn ehrlich. „Ich habe mich oft gefragt, warum er alles in Frage stellt, was du vorschlägst oder tust. Ich dachte, er ist älter und erfahrener und du noch jung und voller Wissensdrang. Ich habe dir oft Unrecht getan, mein Junge, sehr oft und das tut mir leid.“ Doch mit Jefferson musste er reden. Noch vor der Ratssitzung. Er konnte nicht in der Sitzung so tun, als wäre nichts. Er musste das vorher aus der Welt schaffen

„Ich kann nur ahnen, wie schwer das für dich sein muss und ich würde wirklich alles dafür tun, dir das zu ersparen.“ Erdogan hielt seinen Vater fest und fühlte sich wieder in seine Kindheit versetzt. Es war so, als hätte es die letzten Monate mit ihren Streitereien nicht gegeben. „Ich liebe dich, Vater, und ich bin immer noch dagegen, dass du dich allein mit ihm triffst, aber ich werde es akzeptieren müssen.“

„Ja, Erdogan, das wirst du“, sagte Antion und fasste sich wieder. „Ich werde gleich zu ihm gehen. In einer halben Stunde beginnt die Sitzung mit den Ministern. Ich will vorher mit ihm geredet haben. Sollte er der Verräter sein, muss ich ihn ausschließen. Und das mache ich besser, ehe die Ratsmitglieder zusammen kommen. Es wird schon schwer genug sein, ihnen hinterher zu erklären, warum Jefferson nicht mehr beiwohnt.“ Antion spürte, dass sein Verstand bereits akzeptierte, was Erdogan berichtet hatte. Und es tat unsagbar weh.

„Wo möchtest du mit ihm reden? Hier, oder wo anders?“ Erdogan war wieder im Soldatenmodus. „Ich werde mich mit ein paar meiner Leute davor postieren, damit  wir ihn verhaften können.“

Antion zuckte zusammen. „Ich wollte eigentlich zu ihm gehen“, sagt er und löste sich von seinem Jungen, sah ihn dabei forschend an. Doch Erdogan schüttelte den Kopf „Das kann ich nicht zulassen, Vater. Ich will eingreifen können, wenn er dich angreift und ich will, dass er nicht die Chance zur Flucht hat.“

Antion seufzte und richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf. Er wusste, dass es nur logisch war, was Erdogan da sagte, doch er hatte das Gefühl, dass es nicht richtig war, seinen besten Freund in eine Falle zu locken. „Vielleicht entpuppt sich ja doch alles als ein großes Miss …“ Er brach ab. „Ich werde ihn bitten zu kommen und ihr postiert euch erst, wenn er drinnen ist. Ich will nicht, dass er euch sieht und ein falsches Bild bekommt.“ Auch wenn es ja eigentlich das richtige Bild wäre, was Jefferson beim Anblick der Soldaten bekäme. Das war alles so verfahren.

„Sicher, wenn du das so möchtest, werden wir in einem anderen Raum warten, bis er bei dir im Büro ist.“  Das war nicht die idealste Lösung, aber sein Vater, sollte nicht das Gefühl bekommen, dass Erdogan über ihn bestimmen wollte. „Vater, du kennst Jefferson doch schon ewig. Ist dir mal ein Tattoo an einer relativ versteckten Stelle aufgefallen, das aussieht wie ein Name in einer altertümlichen Schrift?“

Antion runzelte die Stirn. „Warum fragt du das?“, wollte er wissen, dachte aber nach. „Als Kind war er nicht tätowiert und später haben wir uns nicht mehr so oft nackt gesehen“, sagte der Fürst und man sah ihm an, dass er sich die Frage nicht erklären konnte.

„Das ist ihr Erkennungszeichen. Sie haben ihren Götternamen irgendwo an ihrem Körper tätowiert. Bei Jefferson, wäre das wohl Altgriechisch, weil Zeus ein griechischer Gott ist.“ Erdogan war das gerade erst eingefallen. Wenn sein Vater so etwas schon einmal an Jefferson gesehen hatte, dann überzeugte ihn das wohl endgültig.

„Ich habe nichts gesehen, doch ich werde ihn fragen und jetzt sollte ich ihn anrufen – mir läuft die Zeit davon. Hol die Soldaten, Junge“, sagte Antion und man sah den kalten Schweiß auf seiner Stirn. Ihm war gar nicht wohl bei der Sache, doch er konnte es nicht hinaus zögern. Er hatte Termine und wenn stimmte, was sein Junge behauptete, durfte Jefferson daran nicht mehr teilhaben. Doch Antion wollte sicher sein, ehe er ihn auf Verdacht ausschloss. Und so griff er sich seinen Kommunikator.

Erdogan drückte seinem Vater noch einmal die Schulter und ging dann aus dem Raum, um selber Wachen zu rufen, die ihn bei der Festnahme Jeffersons unterstützen sollten. Er wollte sich mit ihnen eine Etage tiefer treffen und sie dann schnell instruieren, damit Jefferson sie nicht schon vorher sah und vielleicht Lunte roch.

Antion hingegen haderte mit sich selbst, doch die Zeit kannte kein Erbarmen. So wählte er Jeffersons Nummer und bat ihn ohne viele Worte zu sich ins Büro. Sein Freund sagte zu, denn es war nicht ungewöhnlich, dass sie sich vor einer Sitzung noch berieten. Antion zuckte zusammen als es klopfte und Jefferson wie üblich ohne eine Antwort abzuwarten eintrat. Lachend kam er auf seinen Freund zu und hielt ihm die Hand zum Gruß hin. „Antion, was gibt es“, wollte er wohl gelaunt wissen und setzte sich wie immer auf den Sessel am Fenster.

Der Fürst sah seinen Freund an und wusste gar nicht, wie er anfangen sollte. Er kannte diesen Mann fast sein ganzes Leben lang und so lange waren sie auch schon Freunde. „Jefferson, Erdogan war vorhin hier und er brachte Neuigkeiten mit, über die ich gerne mit dir sprechen möchte“, sagte Antion schließlich, weil er jetzt endlich Gewissheit haben wollte. „Er hat eine Liste gefunden, auf der die Namen der Gottgleichen aufgelistet sind und dein Name steht auch dort drauf.“

Wenn Jefferson überrascht war, konnte er das gut verbergen. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah den Fürsten an. „Und du glaubst ihm den Blödsinn?“, fragte er und schüttelte den Kopf. „Das glaube ich doch jetzt nicht.“ Eindringlich sah er seinen Freund an. Er war also aufgeflogen, doch so wie Antion sich wand, schien er seinem Jungen nicht wirklich zu glauben. Das musste er ausnutzen. Es wäre nicht das erste Mal, dass es ihm gelänge, einen Keil zwischen Antion und seinen renitenten Sohn zu treiben.

„Jefferson!“ Antion runzelte die Stirn und sah den anderen Mann leicht verärgert an. „Erdogan unterbreitet mir nicht solche Dinge, wenn er sich nicht vollkommen sicher ist. Die Frage ist nur, ob er einer Täuschung aufgesessen ist, oder nicht.“

„Was glaubst du, Antion?“, fragte Jefferson gelassen. Er durfte jetzt nur nicht den Kopf verlieren. Er gab sich ruhiger, als er wirklich war. Was hatte der verdammte Prinz da in seine Finger bekommen – vor allen Dingen woher? Sie waren nicht so dumm, Namenslisten ausliegen zu lassen. In Bonder hatten solche Listen nie existiert, weil sie dort nicht gebraucht wurden. Das war eine reine Forschungseinrichtung gewesen, fern der Verwaltung.

„Und sage mir nicht, was Erdogan hat und Erdogan denkt – ich will von meinem ältesten und besten Freund wissen, ob er mich für einen Verräter hält. Die Frage ist ganz einfach, Antion.“

„Nein, Jefferson, ist sie nicht.“ Antion sah seinen Freund an und man merkte, wie zerrissen er war. „Im ersten Impuls habe ich Erdogan auch nicht geglaubt, aber ich kenne meinen Sohn, er würde mir nicht so etwas mitteilen, wenn er sich nicht sicher wäre und erzähl mir nicht, dass er schon immer was gegen dich hatte und jetzt nur etwas gesucht hat, um dich in Misskredit zu bringen. So etwas macht Erdogan nicht. Und wenn du schon unsere Freundschaft ins Spiel bringst, habe ich auch eine ganz einfache Frage für dich. Bist du einer der Gottgleichen?“

Jefferson lachte leise und lächelte seinen Freund an. „Da deine Meinung über mich fest steht, Antion, kann ich dir doch sagen, was ich will. Sage ich dir, ich wäre einer von ihnen, lässt du mich einsperren. Sage ich dir, ich bin keiner von ihnen, dann bin ich in deinen und in Erdogans Augen ein Lügner. Ich kann nur verlieren, aber ich sage es trotzdem: ich bin keiner.“ Jefferson pokerte hoch. Verdammt, Erdogan hatte seinen Alten gut instruiert. Der Kerl war nicht mehr so leicht zu beeinflussen. Er musste sich schnell etwas einfallen lassen, um von hier zu verschwinden. Wenn der Prinz eine Liste hatte, waren seine Leute hier in der Kuppel in Gefahr. Er musste sie warnen und abziehen.

„Wenn meine Meinung über dich fest stehen würde, dann wärst du nicht hier, sondern schon auf dem Weg ins Gefängnis. Tu also nicht so überheblich.“ Antion wurde lauter, denn so wie sein Freund sich gerade verhielt, machte ihn das verrückt.  „Herr Gott noch mal, Jefferson, gib mir etwas, das mir zeigt, dass Erdogan sich irrt und dann jagen wir diesen Mistkerl, der die Liste in Umlauf gebracht und meinen Sohn getäuscht hat.“

Jeffersons Blick wurde weich, als er sich für sein Alter sehr geschmeidig erhob. Er lächelte als er auf seinen Freund zuging. „Antion, wir sind gemeinsam durch so viele Krisen gegangen, immer hat unsere Verbundenheit uns geleitet. Lass uns auch weiterhin zusammen alles für diese Kuppel tun.“ Er öffnete die Arme und blieb vor Antion stehen. Er hatte nur eine Chance – eine einzige Chance.

„Ach, Jefferson.“ Antion war hin und her gerissen. Erdogan war sich so sicher gewesen, aber so wie sein Freund jetzt vor ihm stand, war es für ihn unmöglich, in ihm den Verräter zu sehen. Sie hatten wirklich viele Krisen durchgestanden und der Rat Jefffersons, hatte ihn sehr oft diese Krisen meistern lassen. Ohne es wirklich bewusst zu wollen, trugen ihn seine Füße zu dem anderen Mann. Kurz vor ihm blieb der Fürst stehen, und sah Jefferson forschend in die Augen. „Ich will dir nicht misstrauen, alter Freund“, sagte er leise und ließ sich in eine Umarmung ziehen.

„Hättest du mal lieber“, murmelte Jefferson. Mit einer geschickten Drehung seines Handgelenkes erschien eine unscheinbare Klinge in seiner Hand, die er immer bei sich trug und heute wusste er auch wofür. Blitzschnell stach er zu, ehe er Antion dicht an sich zog und so die Klinge tief ins Herz schob. „Trottel“, flüsterte Jefferson und lachte leise. Er sah Antion direkt in die Augen.

Diese weiteten sich in völligem Unglauben und Entsetzen. Antion öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber kein Ton kam mehr über seine Lippen. Er krallte seine Finger in Jeffersons Kleidung, aber seine Hände fanden keinen Halt und rutschten ab, als das Leben aus ihm wich. „Verräter“, formten seine Lippen lautlos, bevor die Schwärze nach ihm griff und der Fürst tot auf den Boden glitt.

Hastig wich Jefferson zurück, dabei zog er das Messer hastig aus der Wunde und verstaute es wieder in der Halterung. Er wischte mit der Innenseite seines Ärmels fahrig über die Klinge, damit das Blut nicht tropfte. Doch jetzt musste er sich beeilen. Als erstes zog er seinen Kommunikator heraus, wählte eine Nummer von der er gehofft hatte, sie nie zu brauchen und sendete so gleichzeitig an alle Gottgleichen in der Kuppel Code Red – das Signal zur sofortigen Flucht in die Zentrale. Erst dann ging sein Blick zu dem toten Körper. Er hockte sich nieder, schloss dem Fürsten die Augen. „Du Idiot. Steck deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen, alter Freund“, flüsterte er und erhob sich wieder. Die Zeit wurde knapp und er musste hier weg. Da gab es nur eine Möglichkeit – der Geheimgang. Der würde ihm einen Vorsprung bringen, den er dringend brauchte.

Er war, so weit er wusste, der einzige, der den Geheimgang außer dem toten Fürsten kannte. Nicht einmal Erdogan wusste davon. „Da musst du eher aufstehen, um mich zu kriegen“, knurrte er leise und öffnete den verborgenen Mechanismus. Noch einmal sah er zu dem toten Fürsten, dann zog er entschlossen die Tür hinter sich zu. Seine Zeit in Neo New York war zu Ende.

 

33 

Vor der Tür ging Erdogan auf und ab. Er war versucht an der Tür zu lauschen, doch das gehörte sich nicht. Sein Vater hatte sich ein Gespräch unter vier Augen erbeten und Erdogan hatte es ihm zugestanden. Was sollte schon passieren? So blöd war Jefferson nicht! Der Raum hatte nur eine Tür nach draußen. Die Fenster ließen sich nicht öffnen und selbst wenn, sie waren im siebzehnten Stockwerk. Also versuchte er sich immer wieder zu beruhigen.

„Hoheit!“, hörte er plötzlich eine Stimme über den Flur jagen und der Prinz sah sich um. „Hoheit!“

Da - wieder!

Das war doch ihr Arzt – Doktor Denester. Was hatte der denn?

„Ihr Vater, Hoheit! Sein Chip!“, rief der Arzt und wirkte vollkommen aufgelöst. Es war das erste Mal, dass der Prinz den Arzt so völlig außer sich sah und sein Herz krampfte sich zusammen. „Oh mein Gott“, rief Erdogan panisch, riss die Tür zum Büro seines Vaters auf und erstarrte. Zwei Meter vor ihm lag sein Vater auf dem Boden, der sich um ihn herum rot gefärbt hatte. Mit zwei schnellen Schritten war Erdogan bei seinem Vater und ließ sich neben ihn auf den Boden fallen. „Nein, nein, nein“, murmelte er leise und drehte Antion um. Er war schon zu oft dem Tode begegnet, um nicht zu wissen, dass sein Vater tot war. „Nein“, schrie er laut und voller Schmerz, während er seinen Vater in seine Arme zog.

Die Wachen, die nach dem Prinzen das Zimmer betreten hatten, wurden hektisch. „Alles abriegeln. Niemand verlässt das Gebäude. Großfahndung nach dem Berater des Fürsten“, gaben sie die Order an alle Einheiten, blieben aber respektvoll auf Abstand zu dem Prinzen und seinem toten Vater. Der Arzt hatte sich neben die beiden gekniet, fühlte den Puls, doch er spürte nur, was er schon wusste. „Es tut mir leid, Hoheit. Wie hatte das passieren können – was war hier los?“, murmelte er leise. Er sah nur die Wunde in der Brust, keine Waffe, kein Täter. Was war hier passiert?

Völlig in seinen Schmerz versunken, wiegte Erdogan den toten Fürst hin und her. Dabei strich er ihm sanft durch die Haare und über das Gesicht. Er hatte versagt und nun war sein Vater tot. Er hätte ihn nicht mit Jefferson allein lassen sollen. „Es tut mir leid, Vater. Es tut mir so leid“, murmelte er immer wieder leise. Wie in einem Mantra gefangen wiegte er sich immer wieder mit seinem Vater vor und zurück. Doktor Denester spürte den Schmerz und legte dem Prinzen eine Hand auf die Schulter. Der junge Mann sollte jetzt nicht allein sein und so wies er eine der Wachen leise an, Leander, die Leibwache des Prinzen, umgehend zu benachrichtigen. Erdogan konnte jetzt unmöglich allein sein.

Der Mann nickte und hatte schon seinen Palm in der Hand, als er sich noch einmal zu dem Arzt beugte. „Jemand muss der Fürstin sagen, was passiert ist“, flüsterte er leise und sah auf Erdogan. Der Prinz war dazu wohl nicht in der Lage.

„Ich werde gehen“, sagte der Arzt leise. Hier konnte er nichts tun. Erdogan war in seiner Trauer gefangen und für nichts zugänglich. Doktor Denester wollte ihm so viel Zeit geben, wie er brauchte. Die Todesursache konnte er auch später noch bestimmen. Den Mörder kannten sie bereits. So strich er dem Prinzen noch einmal über die Schulter, als er sich erhob. Das dürfte jetzt ein schwerer Gang werden. Er atmete tief durch, dann verließ er das Büro.

Der Soldat, mit dem er gerade gesprochen hatte, folgte ihm bis vor die Tür und rief Leander an. Mit knappen Worten informierte er seinen Vorgesetzten über die Vorkommnisse und bat ihn zu kommen. „Der Prinz ist vollkommen außer sich“, hängte er noch an und sein Blick glitt zu Erdogan. „Beeil dich bitte.“

„Ich komme“, entgegnete Leander nur und legte auf. Er knallte hart mit dem Rücken gegen die Wand im Flur des Ganges zum Fahrstuhl, als ihm die Knie weich wurden. Er hatte doch eben nicht wirklich gehört, was er gehört hatte, oder?

Jefferson hatte den Fürsten getötet und war auf der Flucht!

Sicherlich hatte sich der Scheißkerl schon abgesetzt. Doch bevor er selbst in Panik verfallen konnte, straffte er sich und hastete in die Archiv-Räume. Als erstes griff er sich Matt und Thom, die immer noch an der Liste arbeiteten. Bahadur saß bei ihnen. In knappen Sätzen schilderte er, was er eben erfahren hatte und forderte Stillschweigen. Dann beauftragte er die Spezialisten alle Überwachungskameras der Kuppel anzuzapfen und mit der Gesichtserkennung zu scannen. Sie mussten den Bastard finden!

Wie vom Donner gerührt, saßen Matt und Thom da. Bleich und sichtlich erschüttert. Das was sie gehört hatten, war so unglaublich, dass sie ein paar Sekunden brauchten, bis bei ihnen angekommen war, was Leander gesagt hatte. „Ja, sicher“, sagte Thom schnell und seine Finger flogen über die Tasten. „Fahr du zu Erdogan und nimm Meo mit. Er wird ihn brauchen.“

Leander stoppte und wandte sich noch einmal um, als er schon durch die Tür war. „Meo! Na eben!“ Das Seepferdchen hatte er in seiner Verwirrung ganz vergessen. „Danke, Jungs!“ Er schlug also nicht gleich den Weg zum Tor ein, sondern ging noch zwei Türen weiter, um Meodin mehr oder weniger behutsam darauf vorzubereiten, dass er doch noch einmal in die Hauptkuppel musste. Das dürfte nicht einfach werden.

Wie erwartet, saß Meodin in seine Arbeit vertieft vor dem Bildschirm und bekam gar nicht mit, dass Leander da war. Leander musste ihn zweimal rufen, bis das Seepferdchen den Kopf drehte und ihn ansah. „Hallo, Meo. Ich brauche dich“, sagte er und fühlte sich sichtlich unwohl. „Es ist was passiert und ich möchte, dass du mit mir zur Hauptkuppel kommst.“ Er merkte sofort, dass er sich verkehrt ausgedrückt hatte, als Meodin so schnell von seinem Stuhl aufsprang, dass der umkippte. „Erdogan ist nichts passiert“, sagte er darum schnell. „Sein Vater ist tot. Antion wurde ermordet.“

„Was?“ Meodin krallte sich am Tisch fest. Er war so schnell aus seiner Position hochgeschossen, in der er seit Stunden verharrt hatte, dass ihm jetzt schwindelig wurde und sich der Raum drehte. Er griff den Tisch fester, um nicht umzufallen. Das waren gerade zu viele Informationen auf einmal.

Erdogan.

Der Fürst.

Die Hauptkuppel.

Meodin schüttelte sich wie ein nasser Hund in der Hoffnung, dass er so seine Gedanken sortiert bekam. Als das Bild vor Augen wieder klar wurde, sah er Leander noch einmal an.

„Meo?“ Leander sah seinen Freund forschend an und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Hast du verstanden, was ich gesagt habe?“ Das Kopfschütteln wunderte ihn gar nicht. Er hatte es erst auch nicht fassen können. „Ich möchte, dass du mit mir in die Hauptkuppel kommst. Erdogan wird uns jetzt brauchen.“

„In die Kuppel?“, fragte Meodin mit zittriger Stimme. Allein bei der Vorstellung krampfte sich ihm der Magen zusammen. Sein Gesicht verzog sich im Schmerz.

„Ja, Meo, in die Kuppel. Erdogan braucht dich. Nur du kannst ihm jetzt helfen“, sagte Leander eindringlich. Ihm lief die Zeit davon.

„Erdogan braucht meine Hilfe? Was soll ich tun?“ Er schlang die Arme um sich selbst, ließ ich von Leander aber am Ellenbogen aus seinem Büro führen.

„Sei einfach für ihn da. Nimm ihn in den Arm, halte ihn fest. Hör ihm zu. Ich weiß nicht genau, was du tun musst.“ Leander führte Meodin zum Ausgang. „Er wird sich besser fühlen, wenn du bei ihm bist, denn er liebt dich und deswegen bist du  derjenige, der ihm helfen kann.“

Meodin nickte, doch er schwieg. Er konnte das, was in seinem Kopf vorging weder erfassen noch sortieren. Er ließ sich zur Tunnelbahn führen, in den Waggon setzen und so verging die Zeit bis in die Kuppel, ohne dass Meodin es wirklich bewusst wahrgenommen hätte. Leander ließ ihn, denn er konnte sich gut vorstellen, dass auch Meodin mit eigenen Dämonen zu kämpfen hatte. Als er die Kuppel das erste Mal betreten hatte, war das der Auftakt zu seiner Demütigung und dann zu seiner Entführung gewesen. Und sein zweiter Besuch jetzt war auch nicht besser. Leander konnte nur hoffen, dass das Seepferchen instinktiv das richtige tat. Niemand konnte mit dem Prinzen so ohne Worte harmonieren wie er.

Leander führte Meodin in den Palast und er konnte spüren, wie das Seepferdchen sich anspannte, denn genau hier war er damals entführt worden. „Erdogan ist in seinen Räumen“, erklärte Leander ihm, als sie vor den Aufzügen standen. Seine Leute hatten ihn auf dem Laufenden gehalten, darum wusste er, wo er seinen Freund finden konnte.

Meodin nickte. „Gehen wir“, sagte er, mehr zu sich selbst, um sich zu motivieren als zu Leander. Dann lief er los. Er wusste noch, wo der Aufzug war und wo Erdogans Räume lagen. Nervös sah sich Meodin immer wieder um, drückte sich an die Wand und ließ die Anzeige des Aufzuges nicht aus den Augen, nachdem Leander den Knopf gedrückt hatte. Mit der Wand im Rücken schloss Meodin immer wieder die Augen, schluckte hart. Doch er straffte sich als der Fahrstuhl endlich auf ihrer Etage ankam.

Er wollte zu Erdogan, das war deutlich zu merken, aber er fühlte sich extrem unwohl, so wie er nach allen Seiten sah, als sie aus dem Fahrstuhl traten. Darum legte Leander einen Arm um ihn und lächelte. „Dir wird nichts passieren, ich pass auf dich auf und bringe dich zu Erdogan. Ihr seid meine besten Freunde, ich lasse nicht zu, dass man euch etwas antut.“

Meodin sah ihn an, nickte aber nur. Er fühlte sich außer Stande etwas zu sagen. Sie eilten durch die Flure. Niemand wagte es, die Leibwache des Prinzen aufzuhalten und so kamen Meodin und Leander trotz des Aufruhrs auf allen Fluren schnell bei Erdogan an. Leander klopfte und trat ein. Er rechnete nicht damit, dass Erdogan überhaupt reagierte. Mit Meodin an der Hand trat er ein und schob das Seepferchen gleich tiefer in den Raum. „Kümmere dich um ihn, Meo“, flüsterte er und sagte lauter, „Erdogan, ich sehe gleich nach dir.“ Er wollte erst einmal Erdogan die Chance geben, sich zu fassen, so gut das in dieser Situation ging. Denn seine Welt lag im Umbuch, mehr als ihm lieb war.

Erdogan stand am Fenster und sah hinaus und erst war nicht klar, ob er mitbekommen hatte, dass er nicht mehr alleine war, aber dann drehte er seinen Kopf in Richtung Tür, wo Meodin stand. „Meo“, wisperte er leise. Man sah ihm an, wie schlecht es ihm ging, aber trotzdem lächelte er leicht, als er eine Hand nach Meodin ausstreckte und ihn somit bat zu ihm zu kommen. Das ließ sich Meodin auch nicht zweimal sagen. Sein Magen krampfte sich zusammen. So hatte er Erdogan noch nie gesehen und das machte Meodin Angst. Er lief hastig auf seinen Prinzen zu und ließ sich in die Arme ziehen. Er wehrte sich noch nicht einmal, als Erdogans Finger sich vertraut auf die Flossenwurzel legten. „Ich bin da“, flüsterte er leise und zog seine Arme fester um Erdogan, legte seinen Kopf auf dessen Schulter. „Ich bin da.“

Erdogan ließ sich förmlich in die Umarmung fallen. Meodin bei sich zu haben, war wie ein Anker für ihn, der ihn davor bewahrte vollkommen in seine Trauer abzugleiten. Erdogan fühlte sich schuldig am Tod seines Vaters, weil er es zugelassen hatte, dass er noch einmal allein mit Jefferson geredet hatte. Er hatte versagt und das lähmte ihn vollkommen. Doch Meodin hielt ihn einfach nur fest. „Erdogan“, murmelte er leise und strich seinem Prinzen immer wieder über den Rücken. Er wusste nicht, was er sagen sollte und so schwieg er. Wollte Erdogan reden? Wollte er schweigen? Meodin war unsicher, was er tun sollte. Er war noch nie der Starke gewesen, noch die der, der Halt geben musste. Hoffentlich reichte es aus, was er geben konnte. Er war unsicher, doch das ließ er Erdogan nicht spüren.

„Danke, dass du gekommen bist.“ Erdogan küsste Meodin sanft auf die Schläfe und lehnte dann seinen Kopf an den seines Freundes. Er wusste, welche Angst Meodin haben musste, wieder hier in der Hauptkuppel zu sein. Aber er hatte so sehr gehofft, dass sein Seepferdchen trotzdem zu ihm kommen würde.

„Ist doch selbstverständlich“, sagte Meodin leise und lächelte. Es nahm ihm einen Teil seiner eigenen Angst, dass Erdogan so auf ihn gewatet hatte. Es war die richtige Entscheidung gewesen und ihm würde hier nichts passieren. „Es tut mir so leid, was passiert ist“, sagte er leise. „Wenn du reden willst, höre ich dir zu und wenn du nicht reden willst, ist das auch gut.“ Seine Stirn lag an der seines Prinzen. Dabei sah er Erdogan in die Augen, lächelte dabei.

„Da gibt es nicht viel zu reden, Schatz.“ Erdogans Augen wurden dunkel vor Schmerz und sein Mund verzog sich bitter. „Ich habe zugelassen, dass Jefferson meinen Vater umbringen konnte. Es ist meine Schuld, dass er tot ist.“ Es war seine Aufgabe gewesen, für die Sicherheit seines Vaters zu sorgen und er hatte versagt.

„Das glaube ich dir nicht“, sagte Meodin leise. Seine Stimme war sanft. „Er war Herr seiner eigenen Entscheidungen. Ich bin mir sicher, du hast getan, was du tun konntest. Dich über seine Entscheidungen zu stellen lag nicht in deiner Macht.“ Meodin wusste nicht genau, warum er das sagte, doch er hatte das Gefühl, es sagen zu müssen. Seine Finger strichen über Erdogans Schläfen. Er lächelte wieder.

„Ich hätte es ihm ausreden müssen“, sagte Erdogan leise und eine Träne lief seine Wange hinab. Er zog Meodin fester an sich und vergrub sein Gesicht in dessen Halsbeuge. Bisher hatte er sich innerlich wie betäubt gefühlt, aber jetzt brach der Schmerz durch und ließ ihn erzittern. „Ich hätte ihn beschützen müssen.“

„Ich kenne dich gut genug, um mir sicher zu sein, dass du es ihm ausgeredet hast. Aber er ist erwachsen – Jefferson war sein Freund. So wie Leander deiner. Du lässt dir bei Leander auch nicht reinreden“, sagte Meodin leise. Er war sich nicht sicher, ob es gut war, Erdogan zu widersprechen bei all dem, was er gerade durchgemacht hatte. Doch Meodin konnte nicht zulassen, dass sein Prinz an etwas verzweifelte, was er nicht hätte ändern können – in keinem Universum.

„Nein, nicht wie Leander!“ Erdogans Kopf ruckte hoch und er sah Meodin empört aus Tränenverschleierten Augen an. „Leander ist mein Freund. Er würde mich nie hintergehen, oder mich betrügen. Er ist nicht so wie Jefferson, der meinen Vater sein ganzes Leben lang belogen hat.“

Meodin schwieg. Er schien etwas Falsches gesagt zu haben und so schloss er die Augen. Meodin glaubte zwar, dass es aus der Sicht des Fürsten das gleiche gewesen wäre. Er hielt große Stücke auf seinen besten Freund, genauso wie es Erdogan bei Leander tat. Doch das Seepferdchen schwieg. Er hatte das Gefühl, Erdogan zu verletzen und das war das letzte, was er wollte. „Nein, nicht wie Leander“, murmelte Meodin leise und hatte das ungute Gefühl, der Sache nicht gewachsen zu sein.

Erdogan zog Meodin fester an sich und küsste ihn sanft. Er hatte nicht so heftig reagieren wollen, denn sein Seepferdchen wollte ihm doch nur helfen und er hatte Erdogan so, ohne es zu wissen, aus dieser Endlosschleife aus Schuldgefühlen geholt, die sich seit Stunden in seinem Kopf abspielte. „Ich liebe dich, mein Herz“, murmelte er leise und vergrub sein Gesicht wieder an Meodins Halsbeuge.

„Ich weiß“, murmelte Meodin und strich seinem Prinzen weiter über die Haare und die Schläfen. Sein Blick glitt ab und an ziellos aus dem Fenster auf die Stadt zu seinen Füßen. Eine Welt, die er nicht kannte und die er nicht wollte. Doch wie ging es jetzt eigentlich weiter? Erdogan würde seinen Vater beerben müssen und das hieß, dass er ihre Kuppel verlassen und hier her zurück kehren musste. Würde Meodin das auch wollen? Dass er Erdogan nicht verlassen wollte, war ihm klar, doch konnte er sein Büro, sein Lager und vor allem seine Freunde dafür aufgeben?

Doch er riss sich los, widmete sich wieder nur Erdogan. „Du bist alles für mich“, murmelte er leise und schloss wieder die Augen, seine Stirn sank gegen Erdogans Schulter.

So deutlich hatte Meodin noch nie in Worte gefasst, was Erdogan für ihn bedeutete und die leisen Worte raubten dem Prinzen kurz den Atem. Jetzt in den dunkelsten Stunden seines Lebens, waren sie ein Lichtstrahl, der ihm den Weg aus seiner Verzweiflung zeigte. Meodin durfte nichts passieren und Erdogan musste dafür sorgen, dass sein Schatz in Sicherheit war. „Danke, dass du bei mir bist. Ich brauche dich, mehr als bisher in meinem Leben.“

„Ich werde nicht von deiner Seite weichen, wenn du das nicht möchtest“, erklärte Meodin und wandte sich zur Tür, als es klopfte. „Wer kann das sein?“, denn es trat niemand unaufgefordert ein. Sein fragender Blick lag auf Erdogan.

„Ich habe keine Ahnung.“ Erdogan ließ Meodin nicht los, aber seine Gestalt straffte sich. Vor Meodin und auch vor Leander konnte er sich schwach und verletzlich zeigen, aber für alle anderen war er der Thronfolger und der durfte sich keine Schwäche leisten. „Finden wir es heraus“, sage er leise und küsste Meodin noch einmal, bevor er gestattete den Raum zu betreten.

Eine der Wachen betrat den Raum, verneigte sich kurz und blickte dann den Thronfolger an. „Leander bittet darum, in das Arbeitszimmer zu kommen“, richtete der Mann aus, dann verschwand er wieder. Er überließ dem Thronfolger, ob er dazu schon im Stande war oder nicht. Also wartete er nicht darauf, dass der Prinz ihm folgte. Er würde es tun, wenn er sich dazu in der Lage fühlte.

„Kommst du mit?“, fragte er Meodin. Er wollte nicht alleine gehen, aber er würde es tun. Leander bat ihn nicht ohne Grund ins Arbeitszimmer, da er wusste wie schwer es für den Prinzen sein musste.

Meodin nickte nur. Die Vorstellung wieder hier im Haus über die Gänge zu laufen machte es für ihn nicht einfach. Doch er war heute nicht allein. Und nie wieder würde er es zulassen, dass er sich so mit Erdogan stritt wie das letzte Mal. So griff er die Hand des Prinzen etwas fester und ließ sich aus dem Zimmer ziehen, seine Augen beobachteten alles neugierig.

Der feste Griff, mit dem Erdogan seine Hand hielt, zeigte ihm, wie angespannt der Prinz war. Nach außen hin mit unbewegtem Gesicht, ging Erdogan zum Arbeitszimmer seines Vaters. Er öffnete die Tür und stockte unmerklich. Sein Herz zog sich zusammen, als er den dunklen Fleck, auf dem Teppich sah, den das Blut des Fürsten hinterlassen hatte. Er zog Meodin in seinen Arm und ging mit ihm zusammen in den Raum, wo Leander auf ihn wartete.

„Es tut mir leid, Erdogan“, sagte Leander leise und schloss einen Freund ebenfalls in die Arme. „Fühlst du dich für ein paar Neuigkeiten bereit oder möchtest du lieber noch ein bisschen Zeit?“, fragte Leander. Zwar verstand er den Verlust und den Schmerz, doch er fand, dass es besser war, sich ins Leben zurück ziehen zu lassen, als sich zu vergraben, den Schmerz zu betäuben anstatt ihn übermächtig werden zu lassen. Meodin starrte wie paralysiert auf den Fleck am Boden.

„Danke, Lean.“ Erdogan ließ sich kurz halten und löste sich dann wieder. Es tat gut zu wissen, dass er nicht alleine war. Meodin neben ihm zitterte, darum zog Erdogan ihn näher zu sich „Komm her, Schatz“, sagte er weich und zog so den Blick seines Seepferdchens auf sich, damit der Blutfleck nicht weiter in seinem Blickfeld lag. „Sag mir, was du herausgefunden hast.“, sagte er zu Leander.

„Wusstest du von dem Geheimgang?“, fragte Leander rhetorisch, denn er kannte die Antwort, und ging durch das Zimmer bis zu einem Bücherregal, von dem Erdogan erst jetzt bemerkte, dass es schief in den Raum hinein geschoben worden war. „Ich fürchte, unser Zeus hat sich hier entlang abgesetzt. Unsere Männer haben alle Kameras der Stadt abgegrast und etwas gefunden. Aber sieh es dir selber an.“

„Nein, wusste ich nicht, denn sonst hätte ich diesem Treffen hier nicht zugestimmt.“ Erdogan presste die Lippen zusammen. Warum hatte sein Vater ihm nie von diesem Geheimgang erzählt? Hatte er vielleicht gar nicht gewusst, dass er existierte? All das konnte er ihn jetzt nicht mehr fragen. Er schüttelte die Trauer ab, die wieder nach ihm greifen wollte und sah Leander an. „Was habt ihr noch gefunden?“

„Komm mit.“ Leander ging rüber zum Monitor und setzte sich an das Terminal. „Hallo Thom, da sind wir“, sagte er und die Männer am anderen Ende der Leitung übermittelten Erdogan als erstes ihr Beileid, doch dann besannen sie sich darauf, dass der Mörder noch unterwegs war. „Wir haben die Bänder aller Kameras gesichtet. Unsere Leute, die den anderen Gottgleichen von der Liste auf den Fersen waren, sagten sie konnten gar nicht so schnell gucken, wie die plötzlich ohne Vorbereitungen einfach verschwanden. Wir fanden sie alle auf den Bändern wieder und sie flüchteten zu einem der Bahnhöfe, die Meodin entdeckt hat.“ Thom speiste Bilder auf den Schirm im Arbeitszimmer, eine kleine Ecke blieb aber immer für die Kommunikation frei. So entdeckte Erdogan unter den Männern im Labor auch Bahadur, der die Lippen zusammenbiss und fluchte.

„Was ist, Bahadur“, fragte Erdogan den anderen Prinzen.

„Ich weiß, wo diese Bahn hinfährt“, sagte Bahadur und biss die Zähne zusammen, als er sah, wie dieser Jefferson auf dem Bildschirm erschien. Er konnte sich vorstellen, was in Erdogan vorging und das leise, aggressive Knurren, das er hörte, bestätigte seine Vermutung. Jefferson stieg in die wartende Bahn, blieb aber in der Tür stehen und drehte sich noch einmal zurück und hob seine Hand zu einem spöttischen Gruß, erst dann verschwand er in der Bahn, die auch gleich den Bahnhof verließ.

Mit kalten, vor Wut brennenden Augen sah Erdogan zu Bahadur. „Wohin?“, wollte er wissen. „Die Bahn fährt nach San Francisco GX. Dort liegt ihre Zentrale und ihnen unvorbereitet dorthin zu folgen, ist nicht ratsam. Sie würden uns sofort töten.“

Leander knurrte wie Erdogan auch. Wie in einer Endlosschleife lief das letzte Bild immer wieder vor ihm ab, der Blick in die Kamera, die gehobene Hand zum Gruß und dann das spöttische Grinsen. Jefferson wusste, dass sie ihm über die Kameras folgen würden - der Bastard hatte es gewusst!

Meodin hatte die Arme um sich selbst geschlungen und Erdogans Fäuste ballten sich. „Wir werden ihnen folgen – nicht heute. Aber wir werden den Bastarden folgen und sie ausräuchern!“ Erdogans Augen blitzten vor Zorn. So hatte Leander seinen Freund noch nie erlebt.

Ihnen stand ein harter Kampf bevor und jetzt nahm es der Prinz persönlich.

 

Ende

 

 

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