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Katzenaugen 7 - Katzen und Drachen - Teil 1 - 3

01

„Noch ein paar Jahre“, flüsterte Cai Meng Long und legte den Kopf gegen die Scheibe. Sein Blick lag auf der Stadt. Hoch über Hongkong lag sein Büro. Warum auch nicht, wenn der ganze Tower, in dem es lag, ihm ebenfalls gehörte. Sehnsüchtig ging sein Blick zum Hafen. Es war lange her, dass er zur See gefahren war. Black Beard war einer seiner Arbeitgeber gewesen und Cai lachte laut, als er sich daran erinnerte. In seiner Zeit als Pirat hatte er in den englischen Gewässern Ende des 17. Jahrhunderts viel gelernt, von dem er heute noch zehrte. Denn Cai war kein Mensch – noch nie gewesen.

Das wäre was gewesen, wenn der große Pirat herausgefunden hätte, wen er da in seine Mannschaft aufgenommen hatte und dass die Blutarmut, die an Bord herrschte nicht auf schlechte Lebensmittel zurückzuführen war. Damals war es noch einfach, sich eine neue Identität zuzulegen, immer mal wieder in eine neue Rolle zu schlüpfen, wenn es besser war, einen Ort zu verlassen. Heutzutage wurde es immer schwieriger und manchmal sehnte sich Cai die gute alte Zeit zurück. Sie war hart gewesen, doch sie hatte auch ihre Vorteile gehabt. Aber eigentlich war das Mittelalter nicht gerade das Zeitalter, was ihn besonders geprägt hatte. Und Europa war auch nicht der Kontinent gewesen, auf dem er am liebsten geweilt hatte.

Seine Wiege hatte am Ufer des Euphrat gelegen zu einer Zeit als das kleine Babylon gerade erst eine Hochkultur hervor bringen wollte.

Sein Vater und seine Mutter, hatten ihm alles beigebracht, was er zum Überleben brauchte. Er wurde sowohl im Kampf als auch in den Künsten unterrichtet. Seine Mutter brachte ihm die Kunst und das Wissen über Gifte und Heilkräuter bei. Man fürchtete und verehrte sie gleichermaßen und flüsterte ihren Namen nur ganz leise. Sie war eine Heilkundige und gleichzeitig auch eine Hexe, die man besser nicht verärgerte, denn dann konnte man leicht den Tod finden. Die Menschen kamen von weit her, um sich von ihr heilen zu lassen, oder um sich von ihr Tinkturen und Kräuter mischen zu lassen. Und dass sie nicht alterte, immer jung blieb und auch Attentate ihrer Gegner überlebte, machte ihren Ruf nur noch düsterer. Woher hätten die Unwissenden auch ahnen sollen, dass sie nicht nur mit den schwarzen Mächten im Bunde war, sondern selbst zu ihnen gehörte? Seine Mutter wie auch sein Vater waren Vampire gewesen – starke, gerissene Vampire, die es verstanden die Menschen zu lenken und zu leiten. Doch eine der wichtigsten Lektionen, die seine Mutter ihm beigebracht hatte, war es, die eigene Macht immer richtig einschätzen zu können. Sich bedeckt zu halten, so lange der Einfluss noch nicht groß genug war und zu unterdrücken, wer sich ihm in den Weg stellen wollte.

Jahrhundertelang hatten sie zusammen ihre Kunst Menschen zu manipulieren praktiziert und verfeinert, bis es Cai in Fleisch und Blut übergegangen war. Seine Macht wuchs und somit auch sein Verlangen, aus dem Schatten seiner Eltern herauszutreten. Er wollte seine Macht ausprobieren und so fing er seine Reise an. Eine Reise die jetzt schon Jahrtausende dauerte und ihn praktisch durch die ganze Welt geführt hatte.

Mutu hatte ihn seine Mutter einst genannt – Mutu, die Personifizierung des Todes in der Glaubenswelt der alten Babylonier. Und er hatte seinem Namen alle Ehre gemacht. Er hatte Clans geeint und angeführt, er hatte Staaten gegründet und Völker unterjocht. Mächtig war er gewesen und nimmersatt. Doch ein einziges Mal war das Glück nicht auf seiner Seite gewesen – ein einziger Mann hatte es gewagt ihn zu stürzen. Es hatte viele Jahrzehnte gedauert, bis er auch nur annähernd wieder hatte Fuß fassen können. Doch dieser Bastard würde bluten – eines Tages, das hatte sich Mutu damals geschworen, würde dieser Bastard für diese Schmach bluten.

„Ich bin schon zu lange in Hongkong. Ich sollte die Zelte abbrechen und wo anders neu anfangen“, murmelte er leise und blickte zu seinem uralten Globus. Es war eines der ersten Modelle, die jemals gebaut worden waren. Er entsprach schon lange nicht mehr dem heutigen Wissen über den Aufbau der Welt.

Wie von selbst fingen seine Finger an ihn zu drehen, bis seine Fingerspitzen auf einem etwas abgewetzten Fleck lagen. Seine alte Heimat, wo er seine Kindheit verlebt hatte und wo seine Eltern schließlich gestorben waren. Sie waren in einem Feuer umgekommen, das die Menschen gelegt hatten, die vorher zu seiner Mutter gekommen waren, um ihre Hilfe zu erbitten. Er hatte sie gerächt und jeden einzelnen Menschen im Umkreis von hundert Kilometern getötet. Männer, Frauen und Kinder. Er hatte keine Gnade gezeigt und sie wie Vieh abgeschlachtet. aber es hatte ihm nicht die erhoffte Befriedigung gebracht. Er hatte seine Trauer in die Nacht gebrüllt, aber es war niemand mehr da, der ihm hätte antworten können. Und sein Clan hatte ihn nach seiner Niederlage ebenfalls verstoßen. Er war ein Aussätziger gewesen und noch heute war er clanlos. Doch für ihn war das auf lange Sicht die beste Entscheidung gewesen. So war er nur für sich verantwortlich gewesen und niemand hatte es je gewagt seine Entscheidungen in Frage zu stellen.

„Du wärst stolz auch mich, Mutter“, murmelte Cai und strich verliebt über den abgewetzten Punkt. „Dein Wissen über die Wirkung der Essenzen hat mich reich gemacht. Pharmazie liegt mir einfach im Blut.“ Cai Meng Long war der Eigentümer eines weltweit agierenden Netzes kleinerer pharmakologischer Unternehmen. Gerade so groß, dass er unter dem Radar fliegen konnte und so weit gestreut, dass seine Langlebigkeit nicht auffiel. Alle paar Jahrzehnte wechselte er den Kontinent und seinen Wohnsitz, vererbte sich die Eigentumsanteile und machte dann dort weiter, wo sein toter Vorgänger aufgehört hatte. Und der Bereich der Pharmakologie war weit gestreut. Heilmittel, Schönheitsmittel, Drogen – in jeder Dosierung und für jeden Geldbeutel.

Die Menschen waren verrückt nach Mittelchen und Tinkturen, die ihnen ihre Jugend erhalten sollten und gleichzeitig ein langes Leben garantierten. Er lächelte geringschätzig. Sie waren so dumm und so einfältig, den Versprechungen der Werbung zu glauben. Er fragte sich immer wieder, wie diese minderwertigen Wesen so viel Macht hatten erlangen können, dass er und sein Volk gezwungen war, sich vor ihnen zu verbergen, um nicht ausgerottet zu werden. Sie waren erschreckend wenige im Vergleich zu den Menschen. Ja er war über sein Volk informiert, auch wenn er sich von ihnen fern hielt und die Entwicklung der letzten Jahrhunderte machte ihm Sorgen. Die Menschheit war ihrer eigenen Entwicklung nicht mehr gewachsen und geriet in ihrem Größenwahn völlig außer Kontrolle. Doch auch die Vampire waren nicht schlauer geworden. Sie bekriegten noch immer einander, anstatt sich zu verbünden gegen die Sterblichen. Wenn sich die Vampire nur einig wären und ihre Fehden mit den Wertieren beilegen könnten – es würde kein Jahr dauern, bis dieser Virus Mensch von der Erde getilgt wäre. Aber so lange sich die Vampire lieber selbst dezimierten, so lange war mit ihnen nicht zu rechnen.

Cai gab dem Globus einen Schubs und ging zu seinem Schreibtisch. Er sollte wohl wirklich seine Zelte so langsam hier abbrechen. Die Stadt ödete ihn an. Viel zu groß, zu laut und zu hektisch. Hongkong kam nie zur Ruhe und gerade danach sehnte er sich gerade am meisten. Die Menschen würden wohl sagen, er steckte gerade in einer Midlife crisis. Grinsend ließ er sich in seinen Bürostuhl fallen. War er da mit seinen fast fünftausend Jahren nicht etwas spät dran? Er lachte leise. Bei einer guten Flasche Wein würde er heute Abend die nächsten Jahre durchdenken. Im Moment lebte er allein und er genoss die Stille, die ihn umgab, wenn er abends sein Apartment betrat. Seine letzte Frau hatte er schon vor ein paar Jahrzehnten irgendwo im Himalaya im wahrsten Sinne des Wortes verloren. Nicht dass es schade um sie gewesen wäre. Sie war, wenn es Kai – wie er damals geheißen hatte – richtig bedacht hatte, nicht der Anker gewesen, den er gesucht hatte. So war auch er für sie nicht der Anker gewesen, den sie in dem Moment, als sie in die Gletscherspalte gerutscht war, gebraucht hätte. „Kathy“, flüsterte er leise und lehnte sich zurück. Sie war den Weg gegangen, den viele ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger auch gegangen waren, als sie begonnen hatten, Cai zu langweilen – und er war leider schnell gelangweilt.

Aber es gab auch Ausnahmen. Männer und Frauen, die ihn nie langweilten, weil sie etwas Seltenes und Exquisites waren. Wesen von ausgesuchter Schönheit und Eleganz. Sie zu betrachten und zu berühren, wurde er niemals müde. Sein kleiner Zoo, wie er ihn nannte, aus Werwesen und Tieren. Allesamt besonders durch ihre Fellfarben, ihre Seltenheit, eben einzigartig. Sie waren seine Leidenschaft und es war sein erklärtes Ziel, sie für immer so sehen zu können, wie er sie am meisten liebte. In ihren prachtvollen Pelzen, animalisch und mit funkelnden Augen.

Er legte sich in seinem Sessel zurück, drehte sich so, dass er wieder auf die endlose Stadt blicken konnte. Plötzlich aber schoss er vor und griff zum Hörer. „Li“, sagte er ohne eine Meldung abzuwarten. Er ging davon aus, dass sein Sekretär aufnahmebereit war. „Mach den Helikopter klar, ich will auf meine Insel.“ Dann legte er wieder auf, lächelte und lehnte sich wieder weit in seinem Sessel zurück. Er musste sie jetzt sehen.

Allein die Vorfreude ließ seinen Puls höher schnellen. Er liebte das Gefühl, wenn seine Finger durch weiches Fell strichen, oder feine Schuppen ertasten konnten über festen Muskeln. Den steten Kampf, sie seinem Willen zu unterwerfen. Das Blut der Werwesen zu kosten, das für ihn einfach nur ein Hochgenuss war. Seine Finger tippten immer wieder zusammen, während er in Gedanken versunken darauf wartete, dass sein Helikopter für ihn bereit war. Sein Ableben und seine Auferstehung konnte er auch später noch planen – das hier konnte nicht warten.

„Jason“, flüsterte er leise und lächelte. Er vergötterte seine neueste Errungenschaft geradezu. Jason war ein Puma, doch entgegen seiner Rasse hatte ihm die Natur aus einer Laune heraus Streifen gegeben. Schwach schimmerten sie im Licht. Er war stark und stolz und schön. Auch als Mann war Jason nicht zu verachten – doch Cai liebte seine animalische Form noch mehr. Es war nicht Liebe in dem Sinne, wie er sie zu seinen Gefährten oder Gefährtinnen verspürt hatte, das war eine höhere, eine reinere Form.

Als Li ihm mitteilte, dass der Helikopter bereit war, sprang er auf, griff sich seine Aktentasche und lief zum Lift, der ihn auf das Dach des Gebäudes brachte. Die Motoren des Helikopters liefen bereits, so dass Cai zügig einstieg und sich anschnallte. Er setzte sich die Kopfhörer mit der Sprechgarnitur auf und gab dem Piloten den Befehl zu starten. Es bedurfte keiner Worte. Der Pilot kannte das Ziel und Cai war es nicht gewohnt, Befehle zweimal geben zu müssen. So schloss er die Augen und spürte, wie der Helikopter sich in die Lüfte erhob. Als er neu in der Stadt gewesen war, war es für ihn immer ein Erlebnis gewesen, die riesige Stadt unter sich vorbei gleiten zu sehen – doch auch das verlor seinen Reiz, je öfter man es sah und Hongkong hatte seinen Reiz für Cai schon lange verloren.

Sein Herz hing an einer kleinen unscheinbaren Inselgruppe im Südchinesischen Meer. Auf den Karten waren sie als Sanmen Island zu finden. Doch weil sie Privatbesitz waren und dazu noch gut abgesichert, wusste so gut wie keiner, wer dort eigentlich lebte. Und Cai hatte auch nicht vor, das zu ändern. Sie waren sein Rückzugsort seit Jahrzehnten, seit er das Island für sich entdeckt und erworben hatte.

Auf einer der Inseln stand ein Haus, was er aber so gut wie nie benutzte, oder eigentlich nur, um zu seinem eigentlichen Ziel zu kommen. Unter dem Haus, tief verborgen im Felsen, aus dem die Insel bestand, gab es eine gewaltige Anlage. Sie beherbergte seinen Zoo und ein geheimes Labor, wo seine fähigsten Mitarbeiter, daran arbeiteten Cais Wünschen Substanz zu geben. Rund um die Uhr wurde dort gearbeitet. Chao hatte schon vor Jahren die ersten Erfolge errungen, doch der finale Durchbruch war ihnen noch nicht vergönnt gewesen. Chaos Aufgabe war es ein Mittel zu erfinden, das die menschlichen Gene in den Körpern der Wertiere unterdrückte, so dass sie sich nicht mehr in die lästige menschliche Form wandeln konnten. Darauf legte Cai nämlich absolut keinen Wert. Seine Tiere sollten ihn nicht anschreien, ihn nicht beleidigen. Alles, was er wollte, war ihre einmalige Schönheit für immer zu erhalten.

Vor allem für sich zu erhalten, damit er sich jederzeit an seinen Lieblingen ergötzen konnte. Immer wenn er von einem außergewöhnlichen Werwesen oder Tier hörte, ließ er danach suchen und wenn es einmalig war, ließ er es zu sich bringen. So wuchs sein kleiner Zoo ständig, auch wenn es schneller gehen könnte, wenn es nach ihm ging. Doch so hatte er die Möglichkeit, jedes seiner Geschöpfe ausgiebig zu genießen.

Es war lästig, dass das Mittel alle zwei bis drei Wochen wieder nachgespritzt werden musste. Doch bisher waren die Körper der Wertiere in der Lage, das Mittel nach und nach abzubauen. Die dafür zuständigen Prozesse hatte Chao noch nicht isolieren können und somit auch noch nicht unterdrücken.

Ein paar Tage vorher, merkte man schon, dass das Mittel nachließ. Jason zum Beispiel wurde dann sehr gereizt und er schlief sehr unruhig. Sein Körper zuckte im Schlaf und zeigte Ansätze der Wandlung. Man hatte den Eindruck, dass er Schmerzen hatte, allerdings konnte der Puma sich daran nicht erinnern, wenn er sich wieder wandeln konnte. Wenn man das Mittel dann wieder in einem zu kurzen Abstand spritze, wurden die Merkmale jedes Mal stärker, darum musste immer eine Frist von mindestens einer Woche vor der nächsten Gabe eingehalten werden und das war lästig. Denn in der Zeit waren sie gar nicht in der Lage sich zu wandeln. Chao erklärte, dass das Mittel tief in den Mechanismus der Wandlung eingreifen würde, aber das interessierte Cai nicht sonderlich. Die Chemie dahinter war ihm egal – er wollte Jasons einmalige Streifen berühren, die festen Muskeln spüren, wenn er den wilden Puma bändigte und seine Fänge langsam und genießend in den sich windenden Leib schlagen.

Diese herrliche, starke Katze zu unterwerfen, brachte ihm jedes Mal eine große Befriedigung, genauso wie das Vergnügen, das Blut des Pumas über seine Zunge perlen zu lassen. Unbewusst, leckte Cai sich über die Lippen und musste lachen, als er es bemerkte. Jasons Blut war köstlich und allein bei dem Gedanken daran, liefen Cai feine Schauer über den Rücken. Jason war wahrlich das Juwel seiner Sammlung. Auch die anderen Wesen waren nicht zu verachten und er verehrte jedes einzelne davon. Schließlich waren sie nicht nur einzigartig sondern auch unsagbar teuer. „Es war schon immer etwas teurer, einen erlesenen Geschmack zu haben“, flüsterte er leise und blickte aus dem Fenster neben sich – sie waren über dem Wasser. Cai spürte, wie die Vorfreude von ihm Besitz ergriff. Jason dürfte vor ein paar Tagen erst wieder eine Injektion bekommen haben – der starke Kater sollte also auf ihn warten.

Er sah auf die Uhr. In ungefähr zehn Minuten, würden sie landen. Er wusste, dass alles für ihn vorbereitet sein würde, wenn er ankam. Seine Angestellten wussten, was er erwartete und dass man einmal einen Fehler machen durfte, aber kein zweites Mal. Das war dann nämlich definitiv der letzte Fehler, den man machte. Cai lehnte sich in seinem Sitz zurück und schloss die Augen. Er wusste noch wie heute, wie schnell sein Herz geschlagen hatte, als er erfahren hatte, dass es einen gestreiften Puma gab. Erst hatte er es nicht glauben wollen, aber dann hatte er die Bilder in Händen gehalten und für ihn war sofort klar, dass er ihn haben musste. Nie würde er vergessen, wie er auf der Terrasse seines Lieblingsrestaurants gesessen hatte, um sich einen guten Kaffee zu gönnen. Das Essen war dort nicht besonders, aber der Barista war Weltklasse. Selbstverliebt hatte er ein bisschen mit seinem neuesten Smartphone gespielt, als plötzlich eine Nachricht eingegangen war. Er kannte nur einen, der ihm solche Angebote offerierte und jede Nachricht von ihm ließ Cai vor Vorfreude zittern.

Es war schon ein richtiges Ritual, dass Cai die Nachrichten nicht gleich öffnete. Wenn er Zuhause war, oder im Büro, goss er sich erst einen guten Whisky ein, nahm einen genießenden Schluck und öffnete dann die Nachricht. Im Restaurant hatte er sich noch einen Kaffee bestellt und erst als dieser vor ihm stand und er die Tasse an die Lippen führte, hatte er die Nachricht aufgerufen und sich beinahe die Lippen an dem heißen Kaffee verbrannt. So umgehauen hatte ihn, was er dort vor sich sah.

Jason war wunderschön gewesen – die dunklen Streifen hatten im Licht der untergehenden Abendsonne gefunkelt. Das Tier hatte auf einem Felsen gestanden und in die Ferne gesehen. Ein Maler hätte den Augenblick nicht schöner komponieren können. Cai hatte nicht nach dem Preis gefragt, als er die Aufforderung zur Lieferung gegeben hatte. Es war ihm egal, was die Tiere und Werwesen kosteten – er wollte sie haben und sein Vermögen war unerschöpflich.

Es war schwer gewesen, zu warten bis seine Lieferung ankam. Zwar waren es nur wenige Tage gewesen, aber sie waren ihm wie Wochen vorgekommen. Jason war noch betäubt, als man ihn in sein Gehege brachte und Cai hatte die Zeit genutzt, um das erste Mal durch das weiche Fell zu streichen und nachzusehen, ob er den Transport auch unbeschadet überstanden hatte. Selbst im dämmrigen Licht seines neuen Domizils war er noch schöner gewesen als auf den Bildern. Das Fell war unglaublich weich und gepflegt. Keine Schäden durch Verletzungen und die Streifen waren makellos, fast zu makellos. Cai hatte schon Sorge gehabt, man hatte ihn täuschen wollen. Doch sie waren weder gefärbt noch aufgemalt – diese Streifen waren echt und für Cai anziehend wie Honig.

Cai öffnete die Augen, als das Geräusch der Rotoren sich veränderte. Auf seiner Seite konnte er die Insel sehen. Wie eine grün schimmernde Perle lag sie im blauen, ruhigen Wasser. Die Wellen trafen sanft auf den Strand und eine Schar Vögel war auf der Jagd nach Fischen. Es war eine Idylle, wie sie wohl in jedem Reiseprospekt willkommen wäre, da man die ganzen Vorrichtungen nicht sehen konnte, die installiert worden waren, um ungebetene Besucher von der Insel fern zu halten. Bisher hatten erst zwei versucht sich dem Island zu nähern. Nerviges Journalistenpack. Das war ihr erster und letzter Fehler gewesen – seit dem hatte man nichts mehr von ihnen gehört. Cai grinste gehässig. Niemand versuchte ihn zu täuschen und niemand versuchte ihn zu hintergehen. Und wer so dumm war, es doch zu versuchen, musste eben sein Lehrgeld zahlen.

Er setze sich gerade hin, denn der Pilot begann mit dem Landeanflug. Er zog eine Schleife und ging dabei tiefer. Man spürte kaum wie die Kufen auf dem Landeplatz aufsetzten. Nur ein leichtes, kurzes Zittern, das durch die Maschine ging. Cai nickte dem Piloten zu und stieg aus. Neben dem Landeplatz wartete schon einer seiner Bediensteten, um ihn abzuholen. Das Haus lag etwas entfernt, denn Cai mochte es nicht, wenn die Helikopter so nahe daran landeten. Das war ihm einfach zu laut. Darum wurde er, wenn er landete immer von einem Diener mit einem Golfwagen abgeholt. Das waren die einzigen fahrbaren Untersätze, die er auf der Insel gestattete. Sie waren ausreichend um Personen oder Frachten zu transportieren. Der Strom für einen Teil seiner Anlagen wurde regenerativ gewonnen. Nur für die Notfälle und das Labor hatte er ein Notstromaggregat. Es sollte keiner sagen er ginge nicht mit der Zeit. Und so sehr wie ihm die meisten seiner Mitmenschen zu wieder waren, so sehr lag ihm die Natur am Herzen. Nicht nur die edlen Tiere und Kostbarkeiten der Evolution sondern auch das banale wie zum Beispiel die Palmen in seinem Vorgarten.


02 

„Irgendetwas, was ich wissen müsste?“, fragte er den Butler, während sie fuhren. „Nein, Sire. Es gab keine größeren Vorkommnisse. Ein paar der Solarpaneele mussten ausgetauscht werden, weil sie erste Ermüdungserscheinungen zeigten. In dem Zuge haben wir gleich das ganze System überprüft und gewartet. Alles arbeitet einwandfrei.“ Ho war schon lange genug in Cais Diensten, um zu wissen, welche Informationen er an ihn weitergeben sollte und welche nicht erwähnt werden mussten. Er war für die oberirdischen Bauten zuständig und hatte damit ausreichend zu tun. Er wollte gar nicht wissen, was hinter der Tür lag, die in den Tunnel führte. Er ahnte es. Doch er würde niemals fragen und Cai es ihm niemals sagen – das wussten sie beide.

„Sehr gut“, sagte Cai und wusste, dass Ho ihn niemals enttäuschen würde. Schon allein, weil er kein Mensch war. Keiner seiner Angestellten hier auf der Insel war ein Mensch. Doch die Vampire, die für ihn arbeiteten, waren noch relativ jung, keiner war älter als tausend Jahre und somit in keinster Weise eine direkte Bedrohung für ihn.

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück und Cai stieg vor der Eingangstür aus dem Wagen und lief ins Haus. Ohne nach rechts und links zu sehen. Vorbei an all den Kostbarkeiten, die das Haus beherbergte, ging Cai auf die Kellertür zu. Von dort kam er zu den Tunneln, die er aber selten wirklich benutzte. Meist teleportierte er sich direkt in seine Räume, tief unter der Erde. Aber nicht heute. Er wollte seine Vorfreude genießen und auskosten. Fast zögernd legte er die Hand auf die Klinke und drückte sie. Lautlos schwang die Tür auf und Cai atmete tief durch. Der Duft seiner Schätze wehte sanft zu ihm und so ließ sich Cai wie an Fäden gezogen langsam tiefer ziehen.

„Jason“, murmelte er leise und lächelte. Seine Füße wurden immer schneller und dann konnte er doch nicht mehr warten. Er teleportierte sich in seine Gemächer um etwas Bequemes anzuziehen, ehe er seinen Liebling zu sich holen wollte.

Immer noch lächelnd ging er unter die Dusche und zog sich ein Shirt und eine bequeme Hose an. Auf Schuhe und Strümpfe verzichtete er, wie immer. Er mochte es barfuß zu laufen, auch wenn er das auf Rasen oder am Strand am liebsten mochte. Ab und zu, nahm er Jason mit an die Oberfläche und ließ ihn dort laufen. Der Puma jagte dann über den Strand und über den Rest der Insel, bis er sich ausgepowert und mit zitternden Flanken auf einem Felsen niederließ, um sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen.

Das hatte er mit seinen anderen Exponaten schon lange nicht mehr getan und ihm wurde einmal mehr bewusst, wie intensiv er Jason all den anderen in seinem Zoo vorzog. Cai grinste, als er sich die schwarzen Haare zurück strich. Er hatte mal wieder Lust sie sich zu färben, das hatte er lange nicht mehr getan. Er zog sich noch einmal das Shirt gerade und steckte eine Hand lässig in die Hosentasche, ehe er aus seinem Zimmer auf den Flur trat. Ein Aufzug brachte ihn noch eine Etage tiefer. Seine Kostbarkeiten waren nur über den Fahrstuhl zu erreichen – mit einem Nottunnel zum Evakuieren zu einer versteckten Grotte am Strand.

Zum Glück hatten sie den Tunnel noch nie benutzen müssen. Jedenfalls nicht im Notfall. Cai lachte leise, als er sich erinnerte, ihn einmal mit Jason benutzt zu haben. Nicht in seiner Tier - sondern in seiner Menschenform. Sie waren in der Grotte geschwommen und hatten sich unterhalten. Es war mehr oder weniger ein Geburtstagsgeschenk für Jason gewesen in seiner Pause zwischen den Injektionen. Auch wenn Cai mit Menschen im Allgemeinen nicht viel anfangen konnte, so hatte er diese Stunden doch genossen. Was ihm am meisten in Erinnerung geblieben war, war ihr Gespräch. Jason hatte nicht einmal versucht ihn anzubetteln, ihn gehen zu lassen oder ihm das Mittel nicht mehr zu geben. Er schien zu wissen, dass er auf Granit beißen würde und ließ es. Das hatte Cai sehr imponiert.

Aber heute konnten sie sich nicht unterhalten, was Cai aber gar nicht störte. Sie konnten auch kommunizieren, ohne dass Jason ihm in Worten antwortete. Am Anfang würden sie eh raufen, weil sein Puma immer etwas verstimmt war, wenn Cai ihn das erste Mal nach seiner Injektion besuchte. Dann war er gereizt, fauchte und schließlich griff er an. Es war nicht klar, ob es an dem Mittel lag, denn nach ein paar Tagen ließ die Aggression nach und ihre Treffen wurden ruhiger. Dann konnte er das wunderschöne Tier auch wieder mit sich in seine Gemächer nehmen.

„Jason“, rief er leise als er sich dem Raum näherte. Seine Exponate lebten alle hinter Glaswänden, so dass man sich davor stellen oder setzen konnte, um sie einfach nur zu beobachten. Aus den Augenwinkeln sah er wie ein paar seiner Schönen dösten oder langsam durch die großzügigen Räume strichen. Da er Jason noch nicht so lange hatte wie andere Exemplare, hatte er eines der hinteren Zimmer.

Cai stellte sich vor die Glaswand und wollte gerade noch einmal nach Jason rufen, als die große Katze in den Raum gelaufen kam. Er sah zu dem Vampir und fauchte, dann fing er an durch den Raum zu laufen. Er wirkte angespannt und immer wieder knurrte und fauchte er in Cais Richtung. Der Puma wirkte rastlos und angespannt, so wie er vor der Glaswand hin und her lief.

Cai beobachtete ihn dabei eine Weile und betrachtete ihn eingehend – immer wieder aufs Neue. Das schön gezeichnete Gesicht, die weißen, spitzen Fänge, die Jason zeigte um zu drohen, die großen Pranken mit den spitzen, langen Krallen und der elegante Körper. „Na mein Schöner, hast du mich vermisst?“, sagte er leise und legte eine Hand gegen das Glas.

Sofort machte Jason einen Satz nach vorne, stellte sich auf die Hinterpfoten und legte seine großen Vorderpfoten mit ausgefahrenen Krallen an das Glas, wo auch Cais Hand lag. Er grollte dunkel und ließ die Krallen über das Glas kratzen, so dass feine Riefen entstanden. Dann ging er wieder auf alle Viere und nahm seinen rastlosen Lauf wieder auf.

„War das schon alles?“, lachte Cai weiter, blieb aber, wo er war. Kurz nur ging sein Blick zur schmalen Tür, die rechts eingelassen war. Nur zu öffnen über biometrische Kennwerte oder über einen Notknopf, der alle Gehege öffnete im Falle einer Notfallräumung. Der Vampir strich mit seiner Hand über das Glas, während er langsam zur Tür ging. Er hatte dabei Jason immer im Augenwinkel. Er spürte, wie ihn der Puma taxierte, seine rastlose Wanderung aber nicht für eine Sekunde unterbrach.

Der Puma war angespannt. Immer wieder fauchte er mit angelegten Ohren und seine Krallen rissen den Rasen auf, mit dem sein Zimmerboden bedeckt war. Große Brocken flogen durch die Luft, als Cai der Tür immer näher kam. Die kräftigen Muskeln arbeiteten unter dem Fell, als er immer heftiger die Krallen durch den Boden zog. Die Grasnarbe hatte er schon beiseite geschoben, jetzt zogen sich die Krallen durch den Boden, Sand und kleine Steine flogen auch gegen das Glas des Fensters. Doch Cai kannte das schon. Huan würde nachher den Rasen in Ordnung bringen müssen, wenn Cai den Puma mit sich genommen hatte. Doch all das war gerade egal – im Augenblick genoss Cai nur die Spannung, die sich aufbaute, die Energie, die durch die Scheibe hinweg knisterte, sobald er sich nur einen Zentimeter bewegte. Nun stand er bereits vor der Tür und blickte Jason grinsend an.

Das machte den Puma schier rasend und er brüllte laut, machte einen Satz nach vorne und warf sich gegen die Tür. Seine Krallen hinterließen Spuren auf dem Glas und die Wand vibrierte leicht, durch den Aufprall. Immer wieder sprang das große Tier brüllend und fauchend gegen die Scheibe und wurde jedes Mal wütender. Er wollte seine Krallen in Cais Fleisch schlagen und griff immer heftiger die Tür an.

„Beruhig dich doch mein Schöner, du arbeitest ja deine ganze Energie an der Scheibe ab. Ist es das wert?“, fragte Cai mit sanfter Stimme, doch seine Augen blitzten listig. „Dann hast du doch gar keine Kraft mehr, um mir die Haut vom Fleisch zu ziehen“, lockte er das rasende Tier und weidete sich an der schieren Kraft. Oh ja – er vergötterte dieses Wesen.

Er wusste nicht, ob Jason ihn verstanden hatte, denn in diesen Momenten war er mehr Tier als Mensch und er reagierte rein nach Instinkt. Aber er hörte auf die Tür zu attackieren und zog sich etwas zurück, dabei grollte er tief in seiner Brust und fixierte den Vampir mit blitzenden Augen. Er legte sich hin, hatte seine Muskeln aber so angespannt, dass er jederzeit los springen konnte. Und er würde es tun, sobald sich die Tür nur einen winzigen Spalt öffnete. Wie jedes Mal würde er dagegen springen, so dass die Tür wieder zu fiel und Cai würde Kraft benötigen, um sich gegen den Puma zu stemmen, um die Tür zu öffnen.

Provozierend langsam senkte er den Blick in den Iris-Scanner und legte den Daumen auf das Schloss.

Es klackte leise.

Die Ohren des Pumas zuckten und der vorher wild peitschende Schwanz wurde ganz ruhig. Den Blick konzentriert auf die Tür gerichtet, gruben sich die kräftigen Krallen der Hinterpfoten in den Boden, damit er kräftiger abspringen konnte. Er schoss nach vorne, wie eine Rakete. Mit gebleckten Reißzähnen und ausgefahrenen Krallen krachte er gegen die Tür, als sie sich wenige Zentimeter geöffnet hatte und Cai lachte. „Du bist so berechenbar, mein Schöner, es macht immer wieder Freude nach Hause zu kommen.“ Mit mehr Kraft stieß er die Tür auf, so dass Jason kurz taumelte und Cai die Tür blitzartig hinter sich zuschlagen konnte. So verhinderte er, dass Jason in den Flur gelangte. Er sollte sich nicht dort abarbeiten sondern an ihm, an Cai. „Na komm“, lockte er, doch das war gar nicht nötig.

Jason flog schon auf ihn zu. Er hatte sich ein paar Mal überschlagen, als Cai die Tür geöffnet hatte, aber er war so in Rage, dass er nur kurz den Kopf geschüttelt hatte und gleich wieder angegriffen hatte. Er landete auf Cais Brust und er versuchte gleich seine Fänge im Hals des Vampirs zu vergraben, als sie beide zu Boden gingen. Doch so leicht wollte er es seinem Schönen nicht machen. Sein Blut würde eine Belohnung sein, die sollte Jason sich erarbeiten. So schob er den Kopf des Pumas weg, wehrte sich aber nicht gegen die scharfen Krallen, die ihm das Shirt zerfetzten und die Brust aufrissen. Cai stöhnte leise, als das Prickeln der Heilung durch ihn lief.

Frustriert fauchte der Puma auf und sprang von Cai weg. Auch wenn er gerade nicht wirklich zu bewussten Gedanken und Handlungen fähig war, so wusste er doch, dass der Vampir es genoss, wenn er die Krallen durch sein Fleisch zog und das wollte er ihm nicht gönnen. Also zog er sich zurück und begann Cai zu umschleichen, wobei er immer wieder Scheinangriffe startete. Doch egal, was er tun würde, sobald er Cai verletzte, konnte der sich heilen und es genießen.

Cai lag auf dem Boden, eine Hand über den Augen, weil er direkt in das Deckenlicht blickte, auch wenn es gedimmt war. Seine Augen waren wie die der Raubkatzen empfindlich. „Jason, mein Schöner. Komm her zu mir.“ Er legte den Kopf schief und straffte damit seine Vene am Hals. „Du willst es doch auch.“

Unruhig lief Jason hin und her, den Blick unverwandt auf die pochende Vene gerichtet. Das Blut des Vampirs war köstlich, das wusste er und es machte ihn stärker, jedes Mal, wenn er davon trank. Aber in seinem jetzigen Zustand hasste er es angefasst zu werden und genau das würde der Vampir tun. Er würde ihn halten und nicht mehr loslassen und Jason würde sich mit allem, was er hatte, gegen ihn wehren, nur um zum Schluss doch unterworfen zu werden. War es das wert? War ein Schluck dieses Blutes es wert sich zu verkaufen? So gut es ging, versuchte er sich seinen Stolz zu bewahren – aber diese Vene – er hörte sie pochen – hörte das Blut rauschen – konnte es riechen – es auf der Zunge schmecken.

„Jason, wehr dich nicht“, flüsterte Cai. Er bewegte sich kaum, hatte nur die Hand über den Augen weggenommen und nach Jason ausgestreckt. Dabei sah er ihn intensiv an.

Fauchend ging Jason langsam rückwärts, was Cais Augen aufflammen ließ. Er richtete sich ein wenig auf, um den Puma weiterhin im Blick zu haben. Langsam hob er eine Hand und ritzte seine Vene, so dass das dunkle Blut hervorquoll. Jason brüllte laut, als alles in ihm zu dem köstlichen Nass drängte. Sein Körper zuckte und er konnte sich kaum noch beherrschen. Seine Nase bebte, als er die Luft scharf einsog und der Blutgeruch, alles noch vorhandene Denken auslöschte. Mit einem mächtigen Satz, landete er auf Cais Brust und seine Zähne bohrten sich in dessen Hals. Er sah das zufriedene Grinsen des Vampirs nicht, doch er spürte wie sich die Arme um ihn schlossen. „Mein wilder Schöner. Irgendwie kommen wir immer zusammen“, murmelte er leise und presste Jason fest an sich, drückte ihn hart auf seine Brust und stöhnte ungehalten, denn der Puma musste immer wieder nachbeißen, weil die Wunde sich schnell schloss. Seine Selbstheilung war einfach zu gut.

Immer wieder gruben sich die spitzen Fänge in die Vene, bis die erste Raserei nachließ und Jason realisierte, dass er gefangen war. Stahlklammern gleich lagen die Arme des Vampirs um ihn und hielten ihn fest. Sofort schlug sein Blutdurst in Panik um und er stemmte sich gegen die ihn haltenden Arme, versuchte sich herauszuwinden und zu entkommen. Doch eigentlich wusste er, dass er nicht entkommen konnte, wenn Cai das nicht wollte. Der Bastard hatte ihn geködert und Jason war in seinem Blutdurst in die Falle gegangen – so wie immer. Der Mistkerl kannte ihn schon viel zu gut.

„Ruhig doch, mein Schöner“, flüsterte Cai und ließ seine Hände durch das Fell fahren, so gut das eben möglich war, ohne den sich windenden Kater loslassen zu müssen.

Dass jetzt die Krallen aller vier Pfoten, blutige Verletzungen hinterließen, störte ihn nicht, denn das machte den Kater nur noch wilder und er powerte sich richtig aus. Jason war wie benebelt von dem Blutgeruch, weil sich sein Fell damit vollsog und er nicht entkommen konnte. Er fauchte und stemmte sich mit so viel Kraft gegen die Umklammerung, dass seine Rippen und Wirbel, knirschten und knackten. Cai wusste, dass der Kater in seiner Panik selbst schwere Verletzungen seinerseits hinnehmen würde und so gab er vermeintlich nach und entließ das Tier aus seiner Umklammerung. „Du machst es einem wirklich nicht leicht, mein Schöner“, sagte der Vampir und blieb noch etwas liegen, während sich seine Wunden langsam schlossen. „Aber du weißt, wie du mich glücklich machst.“ Dabei grinste er dreckig.

Tief auf den Boden gedrückt und mit zuckendem Schwanz, robbte Jason rückwärts. Er wollte aus Cais Reichweite kommen, auch wenn er wusste, dass ihm das nichts nutze. Der Vampir war so schnell, dass er unvermittelt vor einem auftauchte, ohne dass man eine Bewegung wahrgenommen hatte. Aber noch gab er nicht auf. Er wusste ganz genau, was Cai wollte, aber das würde er nicht kampflos kriegen. Und vor allen Dingen nicht so schnell.

Lachend lag Cai auf dem Boden und legte wieder die Hand über die Augen. „Jason“ flüsterte er leise und streckte sich. Er hatte ihre Spielchen vermisst und deswegen würde er den Kater auch nicht zur Eile treiben. Er wusste, dass er den Bogen nicht überspannen durfte, denn sonst machte der Kater völlig dicht. Sich Jason mit Gewalt zu nehmen und ihm seine Nähe auf zu zwingen, war nicht das erklärte Ziel. Doch plötzlich – vom Puma ungesehen – schoss der Vampir hoch und warf sich lachend auf den überraschten Kater.

Der konnte nicht mehr ausweichen und wurde unter dem kräftigen Körper begraben, so dass ihm die Luft aus den Lungen pfiff. Aber bevor er sich noch von dem Schreck erholt hatte und zum Gegenangriff übergehen konnte, war das Gewicht wieder weg und Cai lehnte lässig an einer Wand. Jason fauchte wütend und peitschte mit dem Schwanz. Wie er das hasste. Diese Spielchen. Der Bastard war viel zu schnell – er konnte mit Jason machen, was er wollte, und das tat er auch. Immer wieder würde der Mistkerl ihn jetzt anfassen und verschwinden noch ehe der Puma seinen wachsenden Frust an ihm ausleben konnte. Wie er da schon stand – lässig gegen die Wand gelehnt, eine Hand in der Hosentasche und den Kopf fragend schief gelegt, so dass ihm der lange Pony ins Gesicht fiel. Und dann dieses Grinsen!

„So wie du mich fixierst, könnte man glauben, du magst mich.“ Cai zwinkerte dem Kater zu und schneller als Jason wahrnehmen konnte, strich er ihm noch einmal durch das weiche Fell.

Jason wirbelte herum, auch wenn er wusste, dass es nichts brachte. Aber vielleicht landete er einen Zufallstreffer und erwischte Cai. Nur dass den das nicht störte und das frustrierte den Kater noch mehr. Egal ob er sich wehrte oder nicht, der Vampir, bekam, was er wollte. Eigentlich könnte er gleich aufgeben, aber das kam gar nicht in Frage. Wenn er schon etwas von Jason bekam, dann Schmerzen.

„Du hast mich leider verfehlt“, sagte Cai und wirkte enttäuscht, grinste dann aber frech. „Los, noch mal – jetzt mit Ansagen“, lachte er und griff noch einmal nach dem Puma, ehe er wieder lässig an der Wand lehnte. Er würde lügen, wenn er sagte, er hätte keinen Spaß.

Jason drehte sich um sich selbst und brüllte seinen Frust heraus. Sein Körper war zum Zerreißen gespannt und er duckte sich flach auf den Boden, auch wenn es keinerlei Unterschied machte. Cai wollte spielen und Jason wurde da nicht gefragt. Wenn er jetzt die Möglichkeit hätte, Cai zu töten, er würde es tun. Das entging auch Cai nicht. So verschränkte er die Arme und blickte auf den Kater. Das wurde heute nicht besser. Er war angespannt wie lange nicht. „Komm her“, verlangte er also.

Der Kater schüttelte den Kopf und schlich wieder langsam rückwärts, weg von Cai und suchte nach einer Fluchtmöglichkeit. Dabei behielt er ihn im Auge. Er konnte sich nirgendwo vor dem Vampir verstecken, das wusste er, denn Cai konnte ihn überall aufspüren, aber er konnte einfach nicht aufgeben. Die Unruhe, die Wut und die Frustration, die immer mit der Gabe des Serums einherging, war dieses Mal viel ausgeprägter. Er konnte einfach nicht nachgeben, nicht solange noch etwas Willen und Kraft in ihm steckte.

„Ich dachte, du wolltest vielleicht raus an den Strand und drei Runden um die Insel flitzen. Aber da du lieber ein Stubentiger sein willst, geh ich alleine“, erklärte Cai und ging langsam zur Tür.

Mit einem mächtigen Satz versperrte Jason ihm den Weg und fauchte aufgebracht. Cai ging hier nicht ohne ihn raus. Laufen unter dem Licht des Mondes, war jetzt genau das, was er brauchte, um sich bis zur Erschöpfung auszupowern. Er hatte schon seit einiger Zeit bemerkt, dass in relativ regelmäßigen Abständen, die Nebenwirkungen des Serums sich drastisch verstärkten. Er geriet dann oft vollkommen außer Kontrolle und das einzige, was ihm half, war vollkommenen Erschöpfung.

 

03 

„Ich werde dich anschließend ins Bett tragen müssen. Dazu werde ich dich anfassen – mach dich darauf gefasst“, erklärte Cai lapidar, als er die Tür öffnete. Sollte Jason über den Gang schießen. Die Angestellten waren nicht hier und in die anderen Gehege kam er nicht rein. Er konnte nur den Gang hoch und runter laufen, denn ohne den Vampir kam Jason auch nicht in den Aufzug.

Unruhig lief Jason auf dem Flur auf und ab. Immer darauf bedacht, Cai nicht zu nahe zu kommen. Er versuchte immer die Wand im Rücken zu haben, damit der Vampir ihn nicht von hinten überrumpeln konnte. Seine Krallen klackerten dabei auf dem Beton, denn er fuhr sie immer wieder aus. Er wollte endlich raus, darum fauchte er laut, als Cai nur langsam über den Gang schlenderte.

„Was ist denn, mein Schöner, wir haben Zeit. Der Mond scheint die ganze Nacht“, erklärte der Vampir und beeilte sich nicht, den Puma zu erlösen. So unter Strom war er besonders reizvoll anzusehen und Cai genoss es. Er hatte die ganze Woche auf ihn verzichten müssen, das wollte er jetzt nachholen. Wenn sie erst einmal draußen waren, würde er die nächsten Stunden von seinem Puma nichts mehr sehen, weil der so lange laufen würde, bis die Batterien alle waren – das konnte heute dauern, so wie er drauf war.

Allein diese leise gesprochenen Worte, stachelten Jasons Wut noch mehr an. Allerdings konnte der Vampir gar nichts richtig machen, so wie es gerade zwischen ihnen stand. Er war nämlich dafür verantwortlich, dass Jason überhaupt hier war und auch, dass er das Serum bekam. Aber er grollte nur drohend und dunkel, denn wenn er Cai jetzt angriff, dauerte es nur noch länger, bis sie draußen waren.

„Kein Beißen, kein Kratzen?“, fragte Cai enttäuscht und lachte leise. „Du willst also noch lieber nach draußen, als dass du mich umbringen möchtest? Ich bin enttäuscht, Jason.“ Cai blieb stehen und beobachtete das Tier. Der Stresslevel schien immer weiter zu steigen. Wenn er seinen wunderschönen Puma also behalten wollte, dann sollte er ihn lieber nach oben bringen. So ging er langsam auf den Fahrstuhl zu.

Jason verfolgte ihn mit den Augen, bewegte sich aber noch nicht. Erst als er gesehen hatte, dass sie wirklich nach oben fuhren, sprang er mit einem großen Satz in die Kabine und verschanzte sich in einer Ecke. Sein Schwanz peitschte nervös hin und her, weil der Vampir ihm in der engen Kabine zu nahe kam. Doch Cai blieb, wo er war. Er wusste, dass diese Wesen viel zu schnell kaputt gingen. Und es wäre doch schade drum, wenn der Schöne plötzlich nicht mehr da wäre. Das Geld, was er für den Puma bezahlt hatte, tat nicht weh. Das konnte er aus dem Portemonnaie bezahlen – aber der Verlust des Tieres würde ihn treffen. Cai hob eine Braue. Wo kam der Gedanken denn her?

Sicher, er liebte alle seine Wesen, die er gesammelt hatte, aber warum war der Gedanke, gerade Jason zu verlieren, nur so schmerzlich? Cai schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf die Katze. Die Flanken zitterten und die Atmung ging viel zu schnell. Das war nicht gut.

„Ich tu dir nichts“, sagte er also und drückte sich selbst mit dem Rücken an die Wand der Kabine, wollte Jason zeigen, dass er so viel Platz zwischen sie brachte, wie es ihm nur möglich war. Dann ertönte das erlösende >>Bing<< und die Türen öffneten sich wieder.

Mit einem Satz war Jason aus der Kabine, brüllte laut, als ihm erneut eine Tür den Weg nach draußen versperrte. Er war mittlerweile so in Rage, dass er sich mit einem gewaltigen Satz gegen das Glas der Tür warf. Mit einem lauten Krachen prallte er von ihr ab und landete auf dem Boden, rappelte sich aber sofort wieder auf, um es gleich noch einmal zu versuchen. Er musste endlich raus.

„Lass die Scheiße, du Blödmann!“, brüllte Cai, der langsam auch gereizt wurde. Er konnte ja Jasons Aufregung verstehen, aber allmählich übertrieb das Tier wirklich. Das war ja nicht mehr zum Aushalten. Dass er bei seinen Exponaten nicht gern gesehen war, daran hatte er sich gewöhnt. Dass Jason regelmäßig frei drehte, sobald er das Serum frisch bekommen hatte, auch daran hatte er sich gewöhnt. Aber das hier toppte heute alles.

So hatte er Jason noch nie erlebt und das machte ihm Sorgen. Er musste mit Chao reden, ob an dem Serum etwas verändert worden war. Aber erst einmal öffnete er die Tür, damit Jason sich nicht noch mehr verletzte, denn auf dem Glas waren schon Blutschlieren zu erkennen. Jason hatte eine kleine Platzwunde am Kopf. Darum musste Cai sich nachher kümmern, wenn sie in seinen Räumen waren. Denn in den nächsten Stunden würde er den Puma nicht mehr zu greifen bekommen. Zumindest ließ Cai den Puma in dem Glauben, denn wenn der Vampir nur wollte, gäbe es für Jason kein Entkommen. Doch jetzt staubte er davon, durch den langen Gang der Vorhalle auf die Terrasse und von dort mit einem gewaltigen Satz über die kleine Umrandung. Cai folgte ihm nicht gleich. Er ging langsam durch die Halle, wo er in einer Minibar kramte und setzte sich mit einem Bier auf die Terrasse.

Er folgte Jason mit den Ohren und verzog das Gesicht, als er das Geräusch von kräftigen Krallen auf Holz wahr nahm. Der Puma ließ seine Wut an einer der Palmen aus. Man konnte hören, wie Stücke aus dem Stamm gefetzt wurden und zu Boden fielen. Sein Katerchen war schlau. Wenn er Cai schon nicht verletzen konnte, dann eben etwas, was dem Vampir am Herzen lag und es würde nicht bei der einen Palme bleiben. Vielleicht war es doch besser, er ging seinen Puma ein bisschen die Krallen stutzen, denn bei seinen Palmen, da war er sehr eigen. Cai trank noch einen Schluck, dann erhob er sich. So schnell es ihm möglich war, lief er zu der Palme und so dauerte es keine Sekunde, bis er neben Jason stand. „Miez, was soll das? Haben wir darüber nicht geredet?“, fragte er und strich Jason über den Rücken, ehe er beiseite sprang. Er kannte den Kater gut genug.

Wie erwartet schoss dieser auch gleich herum und stürzte sich auf Cai. Es war nur seiner Schnelligkeit zu verdanken, dass die Krallen ihm nicht den Bauch aufrissen, denn darauf hatte Jason gezielt. Aber sein Angriff war nicht ganz erfolglos, er erwischte Cai am Arm und drei tiefe Striemen zogen sich über den Unterarm.

„Miez, mach mich nicht wütend. Lauf lieber ein bisschen durch die Gegend“ sagte Cai gut gelaunt und sah zu, wie sich die Striemen an seinem Arm schlossen. Nur durch seine Schnelligkeit gelang es ihm, einem weiteren Schlag der großen Pranke auszuweichen. „Hoppla“, lachte er und strich dabei Jason durchs Fell. Er konnte einfach nicht widerstehen.

Aber der Kater tat ihm den Gefallen nicht. Er sah Cai herausfordernd in die Augen und schlug seine Krallen wieder in das Holz der Palme. Er hatte die harte Rinde durchbrochen und so holte er große Stücke aus dem weicheren Kernholz, das sich auf dem Boden sammelte. Er wusste, dass der Vampir das nicht lange zulassen würde, aber dann musste er zu ihm kommen und Jason war bereit, sich dann auf ihn zu stürzen.

„Miez, du machst mich gerade sehr wütend und ich glaube nicht, dass du möchtest, dass ich sehr wütend auf dich bin“, knurrte Cai und sah zu, wie die großen Pranken wieder in das Herz der Palme schlugen, wieder Teile davon heraus brachen. Ohne ein weiteres Wort ließ er seine Flügel erscheinen und griff sich den tobenden Jason. Der Kater brauchte bestimmt eine Abkühlung.

Selbst für ihn war es nicht leicht, den tobenden Puma zu bändigen, der sich kratzend und beißend in seinen Armen wand und ihm überall, wo er Cai erwischen konnte, tiefe Verletzungen beibrachte. Zwar heilten sie fast augenblicklich, aber das war Jason egal. Auch dass er stürzen und sich schwer verletzen konnte, wenn es ihm gelang sich zu befreien. Jetzt war er nur noch Raubtier, das seinen Gegner töten wollte, egal zu welchem Preis.

„Mensch, Miez, irgendwas war heute in deinem Essen“, knurrte Cai, dem das Toben der Katze langsam wirklich die Nerven raubte. Er musste unbedingt mit Chao reden, sobald er Jason zu Wasser gelassen hatte. Das war doch nicht normal. Denn die wilde Raserei konnte nicht nur daran liegen, dass Jason über Cais Gegenwart nicht erbaut war.

„Luft anhalten“, sagte Cai plötzlich und ging tiefer, so tief, dass er Jason teilweise durch das flache Wasser ziehen konnte, dann stieg er wieder höher. Er liebte den kühlen Nachtwind in seinen Flügeln. Er sollte öfter fliegen.

Kurz war Jason wie erstarrt, als er ins Wasser getaucht wurde, aber seine Wut wurde dadurch nicht abgekühlt, sondern eher noch angestachelt. Kaum, dass er wieder aus dem Wasser war, begann das Spiel von neuem. Er biss und kratzte, wo er Cai erwischen konnte und dafür tauchte er wieder unter. Mit jedem Mal länger.

Als Cai sich wieder erhob, blickte er zu Jason. „Besser?“, wollte er wissen und ahnte doch eigentlich, dass der Kater noch lange nicht genug hatte. Als er wieder die Krallen durch seine Haut reißen spürte, hatte er genug. Sie waren gut einen Kilometer vor der Küste und so ließ er den Puma einfach fallen, während er selbst wieder höher stieg.

Er konnte sehen, wie Jason fiel und untertauchte, als er auf dem Wasser aufschlug. Die gelben Augen blitzten wütend zu ihm hoch, als er wieder auftauchte, aber er mehr passierte auch nicht. Er musste schwimmen und konnte nicht brüllen oder toben, wenn er nicht ertrinken wollte. Allerdings verhieß der Blick nichts Gutes, denn Jason mochte Wasser in seiner Katzenform nicht besonders. Das war auch Cai klar, doch er hoffte, dass mit dem Kater besser umzugehen war, wenn er etwas von seiner überschüssigen Energie losgeworden war. Durch schwimmen ging das immer noch am schnellsten und hier konnte er sich auch nicht an etwas vergreifen, das Cai am Herzen lag. Doch er vermied es, Jason zu verspotten, er flog nur über ihm, um einzugreifen, falls der Kater unterging oder sich etwas näherte, was ihm gefährlich werden könnte.

Es gab Haie im Meer, sogar recht große, die durchaus einen dargebotenen Happen, wie Jason, nicht verschmähten, wenn sie ihn erwischen konnten. Darum flog er auch nicht so hoch, damit er den Kater schnell aus dem Wasser heben konnte, falls nötig.

Verbissen schwamm Jason auf das Ufer zu, dabei würdigte er Cai keines Blickes. Doch die Strecke war weit und die Wellen zogen ihn immer wieder ein Stück hinaus, was den Weg noch weiter machte. Immer ein waches Auge auf den Kater hatte Cai sich sein Handy gegriffen und versuchte Chao zu erreichen. Es war ihm egal, wie spät es war. Jason lief Amok und Cai wollte wissen warum. Und das jetzt und nicht in ein paar Stunden.

„Sir?“, meldete sich der Wissenschaftler nach dem zweiten Klingeln. Wenn sein Boss anrief, dann hatte man dran zu gehen. Dann war es egal, ob man gerade in einem wichtigen Experiment steckte.

„Chao, kannst du mir sagen, was mit Jason ist? Dass er nach der Injektion meistens durchdreht, habe ich ja schon begriffen. Dass er nicht erbaut ist über mich, geschenkt. Aber heute dreht er völlig am Rad. Hast du was an der Formel geändert, oder was ist los?“ Cai versuchte seinen Wissenschaftler nicht anzubrüllen, denn das war nicht sein Stil seinen Angestellten gegenüber, doch er war angespannt, weil er nicht wusste, was mit Jason los war.

„Nein, Sir, ich habe nichts verändert, weder die Formel noch die Menge, die ich ihm verabreicht habe.“ Chao hatte schon damit gerechnet, dass Cai sich bei ihm melden würde. Er hatte selber schon bemerkt, dass Jason dieses Mal besonders gereizt und angriffslustig war. Das hatte einer seiner Männer zu spüren bekommen, der wie üblich eine Blutprobe nehmen wollte, nachdem das Mittel verabreicht worden war. Wie immer war der Kater dabei betäubt worden, aber er hatte so viel Adrenalin im Blut, dass er die Betäubung abschütteln konnte und den Laboranten verletzen konnte. „Seine Blutwerte waren anders als sonst. Sie variieren alle paar Wochen, dann wenn er besonders aggressiv ist, aber diesmal war die Veränderung erheblich. Der Bericht liegt in ihrem Arbeitszimmer. Er hat Hong verletzt bei der Blutabnahme trotz Sedierung.“

„Warum habe ich das nicht früher erfahren? Ihr wisst, wie wertvoll die Tiere sind und wenn ihnen etwas nicht bekommt, dann will ich das wissen.“ Da Chao nicht erwähnt hatte, das Hong nicht mehr am Leben war, ging Cai stillschweigend davon aus, dass der Laborant noch lebte. Alles andere fand sich. „Wisst ihr, woran diese Schwankungen liegen?“, wollte er wissen und blickte weiter auf den Kater, der sich in den sacht tanzenden Wellen redlich mühte, ans Ufer zu kommen.

„Nein, Sir, das wissen wir leider nicht. Darum hatte ich in meinem Bericht um ein Gespräch gebeten. Jason ist das einzige der Werwesen, das diese Schwankungen aufweist. Bei allen anderen ist keine Aggressivitätssteigerung bemerkbar. In seinem Blut waren dieses Mal die Hormonwerte extrem erhöht, aber leider wissen wir nicht warum.“

„Hm“, machte Cai nur. „Okay. Ich melde mich, wenn wir zurück sind.“ Dann legte er auf und steckte das Telefon zurück in die Hosentasche. Jason war also der einzige, der so extrem reagierte. Was hatte das nur zu bedeuten? Würde das jetzt jedes Mal so sein? Hatte er das Mittel vielleicht nicht vertragen oder wehrte sich sein Körper intensiv gegen die dauerhafte Tierform? Hatte der Puma bereits Schaden genommen?

Cai blickte nach unten, wo der Kater immer noch strampelte. Doch der Vampir fand, dass das jetzt genug gewesen sein sollte. Den Rest seiner Energie sollte er sich an Land abarbeiten. So stieß er hinab und griff zu.

Erstaunlicherweise hielt Jason still, als er wieder in die Luft gehoben wurde, aber Cai war das nur recht. So konnte er den Kater schneller wieder an Land absetzen, wo er sich erst einmal ausgiebig das Wasser aus dem Fell schüttelte. Erst dann drehte er sich zu Cai und knurrte böse, bevor er loslief und zwischen den Palmen verschwand.

„Du wirst wieder ein schwimmender Puma, wenn du wieder an meine Palmen gehst“, knurrte Cai, lief seinem Kater aber lieber hinterher. Er traute ihm heute nicht über den Weg und so aufgekratzt, wie er war, und so viel Frust, wie er mit sich trug, war es nur naheliegend, dass Jason sich wieder etwas suchte, was Cai verletzte.

Er blieb in ausreichendem Abstand hinter dem Kater, um ihn nicht noch zusätzlich zu reizen. Mittlerweile wusste er, wie weit er sich dem Puma nähern konnte. Das Spielchen hatten sie ja auch schon öfters gespielt. Jason sah sich nicht nach ihm um, er lief einfach immer weiter. Er hatte kein Auge für die Schönheiten der Insel, die er in ruhigen Momenten durchaus gerne betrachtete. Er musste sich bewegen. Mit einem großen Satz sprang er an den Stamm einer Palme und kletterte ihn hoch. Von dort sprang er auf ein Plateau, an dessen Abrisskante die Palme stand. Kurz blieb er stehen und sah nach Cai, ob der ihm auch folgte. Und wie erwartet war ihm der Vampir auf den Fersen. Er stand unten neben der Palme und blickte nach oben, als Jason hinab blickte. Kurz nur trafen sich ihre Blicke, dann hastete der Puma weiter, während Cai sich die Palme hinauf bewegte. Er hätte fliegen können, aber ab und an liebte auch er es seinen Körper zu fordern.

So schnell er konnte, lief Jason über die Ebene, auf der es kaum Bäume gab. Der ideale Platz, um sich auszupowern. Hier konnte er laufen, bis seine Beine unter ihm wegknickten und er mit rasselnden Lungen und bebenden Flanken einfach liegenblieb. Cai sah davon ab, dem Puma die ganze Zeit hinterher zu laufen. Er positionierte sich auf einem der wenigen großen Bäume und beobachtete ihn einfach dabei. Er würde da sein, wenn Jason nicht mehr konnte. Dann würde er ihn zurück bringen und die Wunden versorgen.

Er musste fast drei Stunden warten, bevor Jason langsamer wurde. Er war eigentlich kein Langstreckenläufer. Wie jede Katze, war er mehr ein Sprinter. Aber seine Wut gab ihm Kraft, so dass er erst nach drei Stunden langsamer werden musste. Was aber noch nicht hieß, dass er am Ende war. Noch immer lief er unbeirrt weiter, wohl wissend, dass er beobachtet wurde. Noch einmal vier Stunden drehte er seine Runden, bis das passierte, worauf Cai gewartet hatte. Die Sonne war bereits aufgegangen und der neue Tag schon ein paar Stunden alt, als Cai vom Baum sprang und gemächlich zu dem Haufen Fell lief, der auf der Seite lag und hechelnd nach Luft rang. Die Flanken bebten und die Augen blickten Cai wissend entgegen. Wenn er nur genug Kraft gehabt hätte, Jason wäre wohl aufgesprungen und weiter gelaufen, doch er war am Ende. So musste er mit ansehen, wie Cai näher kam, wie er sich neben ihn kniete.

„Was ist nur los, mein Schöner?“, fragte Cai und strich sanft durch das weiche Fell, das mittlerweile von Schweiß durchtränkt war und an dem Kater klebte. Jason versuchte eine Pfote zu heben, ließ sie aber gleich wieder fallen und schloss die Augen. Was jetzt kam, musste er nicht sehen, es reichte, wenn er spürte, wie er von Armen umschlossen und aufgehoben wurde.

„Du wirst mich wohl nie in deiner Nähe ertragen können, hm?“, murmelte der Vampir. Der Kater musste zurück. Hier oben ging ein scharfer Wind und wenn sich der durchgeschwitzte Körper verkühlte, dann wurde Jason krank. Das musste nun wirklich nicht sein. „Mit einer heißen Dusche kann ich dich bestimmt nicht locken“, murmelte er leise und zog sich das Shirt aus, wickelte es um den verschwitzten Kater und hob ihn hoch, ehe er den Heimweg antrat.

Er trug Jason direkt in seine Räume. Er wollte ihn die nächsten Stunden bei sich haben. So wie immer, wenn sich der Kater vollkommen verausgabt hatte. Sie brauchten beide eine Dusche, auch etwas das jedes Mal gleich war. In Cais Bad wusch er ihnen den Schweiß und das Blut vom Körper, was Jason nur ohne Murren über sich ergehen ließ, weil er einfach keine Kraft mehr dafür hatte.

„Ich weiß, dass du das nicht magst, aber du wirst dich gleich besser fühlen“, versicherte Cai, als er sich die Hose abstreifte. Nur in Shorts stieg er mit dem immer noch keuchenden Puma unter das warme Wasser, das sanft auf sie herab regnete. Er schäumte das Fell ein bisschen ein, um den Dreck  zu entfernen, ehe er sich dann um die kleinen Wunden am Körper kümmern wollte. Wie er sehen konnte, waren zur Platzwunde am Kopf noch ein paar Risse an den Pfoten, sicherlich durch das Aufreißen der Palmenstämme, und ein paar Kratzer in den Flanken hinzu gekommen.

Als erstes versorgte er die Platzwunde am Kopf. Er träufelte ein wenig seines Blutes darauf und achtete darauf, dass sie sich auch komplett schloss, dann behandelte er die restlichen Wunden, wickelte den schlaffen Körper in ein weiches Handtuch und brachte ihn ins Schlafzimmer. Dort trocknete Cai sich selbst nachlässig ab, bevor er Jason das Fell trocken rubbelte. Er spürte die wütenden Augen auf sich, doch er störte sich nicht daran. Er war mit seinen Gedanken sowieso wieder bei dem Gespräch, was er mit Chao gehabt hatte. Jason wäre der einzige, der so reagierte und seine Blutwerte schossen durch die Decke. Vielleicht mussten sie wirklich mal einen Injektionszyklus aussetzen – Cai hatte nichts gewonnen, wenn sein Schöner starb.

„Schlaf dich aus, ich geh duschen“, sagte Cai, als er Jason hingelegt und zugedeckt hatte. Sein Bett war groß genug, dass man sich aus dem Weg gehen konnte.

Der Kater hatte sich nicht bewegt, als er ein paar Minuten später wieder ins Schlafzimmer kam. Das Zittern der Flanken und der rasselnde Atem hatten sich beruhigt. Jetzt kämpfte er gegen den Schlaf. Auch etwas, was sich jedes Mal wiederholte. Jason wollte nicht schlafen, weil er Cai dann schutzlos ausgeliefert war. Doch der Körper brauchte endlich Ruhe. Das war auch Cai klar. So sehr es ihn also lockte, den Kater jetzt an sich zu ziehen und die Augen zu schließen, so nahm er sich doch zurück, nicht wissend, wann er dies einmal für ein anderes seiner Exponate getan hätte.

„Schlaf, ich muss zu Chao“, sagte er also, als er im begehbaren Kleiderschrank verschwand, um sich etwas Legeres für den Tag zu suchen. Anschließend musste er sich um seine Geschäfte kümmern. Er hatte also gar keine Zeit, um Jason ein bisschen zu knuddeln.

Vielleicht nachher, wenn er von Chao zurückkam und noch einmal nach Jason sehen wollte. Es war nicht ganz uneigennützig, denn Jason hatte sich in den letzten drei Monaten zwei Mal im Schlaf an ihn geschmiegt und leise geschnurrt, wenn er ihn gekrault hatte. Das erste Mal war Cai völlig perplex gewesen, weil er nicht damit gerechnet hatte. Und jetzt hoffte er im Stillen immer darauf, dass es wieder passierte. Aber dazu musste der Kater um einiges entspannter sein als jetzt.

„Also pass aufs Haus auf, ich bin dann weg“, sagte er noch, als er sich die Hose zu machte und vor dem Bett seine Flipflops suchte. Er blickte Jason noch einmal in die Augen, die der Kater nur noch schwer offen halten konnte. Dann wandte er sich um. „Schlaf“, murmelte er leise und verließ das Zimmer.