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Weihnachten 2013 - 04

4. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Prolog - Silvesterabend  

Überall in der Stadt machten sich die Menschen bereit, den letzten Tag des Jahres mit Freunden und Familie zu verbringen. Sei es in Form eines extravaganten Balls, einer berauschenden Party oder schlicht einem langen Dinner mit viel Gelächter und angeregten Gesprächen.

Etwa zu der selben Zeit stand Josh Turner am Grab seiner Mutter und konnte kaum glauben, dass bereits zwei Monate vergangen waren, seit sie gestorben war. Er wusste, dass es spät wurde, dass der Friedhof bald schließen würde, doch er schaffte es irgendwie nicht, sich von der Stelle zu rühren. Gott, er vermisste seine Mutter so sehr! Sie war sein Anker gewesen, hatte ihn wieder zusammengesetzt, als sein Leben in Scherben gelegen hatte. Doch so sehr er sich vor der Zukunft ohne sie fürchtete, so wusste er doch auch, dass er nicht aufgeben würde. Nein, das konnte er nicht. Denn wie sonst sollte er dem Andenken an seine Mutter gerecht werden, wenn er nicht das Leben lebte, dass sie sich immer für ihn gewünscht hatte? Ein Leben, in dem es nicht um Geld oder Ruhm ging, sondern einfach um Gesundheit und Glück. So einfach und doch so schwer.

Doch Josh war fest entschlossen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und genau auf diese Ziele hinzuarbeiten. Was mit einer der Gründe war, weshalb er an diesem Spätnachmittag auf dem Arnos Vale Friedhof war. Denn auch wenn seine Mutter nicht mehr da war, so brauchte er doch ihren Rat und auf dem Friedhof würde sich niemand wundern, wenn er mit einer Toten Zwiesprache hielt. Insbesondere um diese Uhrzeit, wo sich die Dunkelheit bereits herabsenkte.

Schritte auf dem sandigen Kies des Weges ließen ihn herumfahren. Er hatte den Wärter erwartet, der ihm mitteilte, dass der Friedhof nun geschlossen wurde, doch auf dem dämmrigen Pfad schritt eine Frau, die etwa in Joshs Alter war, dick eingehüllt in ihren Wintermantel. Josh kannte sie, hatte sie aber seit der Beerdigung seiner Mutter nicht mehr gesehen und war deshalb ein wenig unsicher, wie er ihr begegnen sollte.

Am Grab von Muriel Turner blieb die Frau stehen. Sie blickte auf die Erde, die sich bereits zu setzen begann. „Hallo Josh“, sagte sie dann. „Ich hatte mir schon fast gedacht, dass ich dich hier finden würde.“

Josh nickte nur, unfähig etwas zu sagen. Tausend Gedanken schossen kreuz und quer durch seinen Kopf und lähmten ihn förmlich. Zumal nicht alle positiver Natur waren. Doch entschlossen sperrte Josh alle negativen Gedanken fort. Weihnachten war schon schlimm genug gewesen, da wollte er nicht auch noch an diesem Abend in Trübsinn verfallen. Ja, er war sogar soweit gegangen, die leere Whiskey-Flasche, die von seinem Absturz eine Woche zuvor zeugte, mit einer getrockneten Rose zu füllen und seiner Mutter mit dem Versprechen ‚nie mehr!’ auf das Grab zu stellen. Und so rang er sich schließlich doch zu einer verbalen Antwort durch, und sei es nur, um die lästigen Gedanken noch weiter von sich zu schieben. „Du kennst mich eben zu gut, Natalie.“

Die Frau neben ihm lächelte leicht. „Wie könnte ich es nicht. Schließlich haben wir zwei lange genug die Schulbank nebeneinander gedrückt.“

„Solange du mich jetzt nicht bittest, die Physikhausaufgaben bei mir abschreiben zu dürfen...“

Dieser Anflug eines Scherzes entlockte ihr sogar ein leises Lachen. Sie legte ihm den Arm um die Schulter, wobei sich ihr weißer Wollhandschuh in der Dämmerung deutlich von dem Schwarz seiner Dauensteppjacke abhob. „Es ist schön zu sehen, dass du deinen Humor nicht verloren hast.“

„Vielleicht... vielleicht liegt es aber auch nur an dir.“ Josh nickte in Richtung der leeren Flasche. „Es gibt Tage, da sieht es in mir mehr als nur finster aus, obwohl ich hoffe, nie wieder so tief abzustürzen wie an Weihnachten.“

Bei dieser unverhofften Beichte konnte Natalie nicht anders und zog Josh tröstend an sich.

Diese simple Geste reichte, um bei ihm wenn nicht alle, so doch einige Dämme brechen zu lassen, und so sprach er einfach weiter. „Dabei hatte ich mir schon damals geschworen, nie wieder zu versuchen meine Probleme im Alkohol zu ertränken. Ich wusste doch schließlich, dass Alkohol keine Probleme löst. Doch letzte Woche... Die Welt kam mir auf einmal erschreckend weit und gleichzeitig beklemmend klein vor. Und als ich dann die Flasche fand...“

Natalie schwieg einfach, sie wusste, dass Josh noch mehr auf der Seele lag und was er offenbar brauchte, war jemand, der ihm zuhörte. Was sie nur noch mehr in dem Entschluss bestärkte, der sie auch an diesem Nachmittag hierher geführt hatte.

„Als ich am nächsten Morgen erwachte, konnte ich nur Abscheu für mich empfinden. Seitdem habe ich eigentlich nur in der Wohnung gebrütet und versucht Entscheidungen zu fällen. Doch nur in einem einzigen Punkt bin ich wirklich zu einem Entschluss gelangt.“

„Und der wäre?“, fragte Natalie und betete inständig, dass es nicht der war, Bristol zu verlassen.

„Ich werde den Laden weiter führen. Bristol braucht einen guten, unabhängigen Buchladen und auch wenn es nicht ganz einfach wird, kann ich ‚Turn a Page’ nicht so einfach aufgeben. Ich bin zwischen diesen Regalen groß geworden, sie haben mich mein Leben lang inspiriert, meine besten Freunde – mit Ausnahme von dir natürlich – leben in den Seiten der Bücher, die auf diesen Regalen stehen. Das wirft man nicht weg.“

„Oh Josh!“ Die Freude war Natalies Worten anzuhören. Dann aber sah sie ein wenig beschämt zu Boden. „Das mit Weihnachten tut mir leid. Ich hätte daran denken sollen. Ich hätte dich einladen sollen, es mit uns zu feiern.“

Instinktiv schüttelte Josh den Kopf um seine beste Freundin notfalls auch gegen sich selbst zu verteidigen. „Du hast deine Familie... Dan und die kleine Meredith, ganz zu schweigen davon, dass bestimmt deine Eltern und Schwiegereltern in all dem Trubel auch noch erwarteten von dir und Dan bekocht zu werden. Ich hätte da nur gestört, wenn ich mit meiner trübsinnigen Miene in der Ecke gesessen und neidisch auf euer Familienglück geschaut hätte. Oder schlimmer noch: Du wärst am Ende gar auf die Idee gekommen, jemanden aus eurem Bekanntenkreis einzuladen, der rein zufällig an Weihnachten noch nichts vorhatte und rein zufällig wie ich Single ist.“

Natalie setzte zu einem Protest an, doch Josh hielt ihr einen Finger an die Lippen.

„Versuch es erst gar nicht zu leugnen. Du möchtest, dass ich glücklich werde. Glaub mir, dass möchte ich auch. Aber es wäre keine gute Idee, wenn du versuchtest, Kupplerin für mich zu spielen. Es würde nur unwillkürlich Gedanken an früher heraufbeschwören.“

Der halb zerknirschte Gesichtsausdruck Natalies zeigte, dass sie verstanden hatte, was Josh mit seinem letzten Satz gemeint hatte. Dennoch war sie nicht bereit, Josh so schnell vom Haken zu lassen. „Ich hätte ja gar nicht erwartet, dass sich so ein Weihnachtsdate zu etwas Ernsthaftem entwickelt. Aber guter Sex wäre zumindest schon mal ein Anfang gewesen.“

Jetzt konnte Josh nur lachend den Kopf schütteln. „Nat, ich war schon auf der Uni nicht der Typ für One-Night-Stands, da werde ich heute nicht noch damit anfangen.“

„Du sagst das, als stündest du kurz vor dem Altersheim und ohne Viagra liefe nix mehr.“

„Das nicht, aber was, wenn ich dir sagte, dass ich nicht erst siebzig werden muss um zu erkennen, dass Sex zwar Spaß macht, aber es für Glück weit mehr bedarf? Vor allem kann ich mir nicht vorstellen, dass Glück irgendwo diese verdammt unromantischen oder leidenschaftslosen Momente enthält, wo der Ex der letzten Nacht sich leise aus der Wohnung schleicht, um einem möglichen, sezierenden Gespräch über die Nacht zu entgehen, während man selbst sich aus dem gleichen Grund noch schlafend stellt, obwohl man die ganze Zeit wie ein Luchs aufpasst, damit der Kerl nicht am Ende noch das Tafelsilber mitgehen lässt.“

„Wenn man es so betrachtet... wäre schließlich schade um das Tafelsilber.“

„Genau. Ich wusste, du verstehst, wo meine Prioritäten liegen.“ Josh grinste. Er war Natalie dankbar, dass sie ihn hier gefunden hatte. Als beste Freundin schaffte sie es wie sonst niemand ihn aufzumuntern. Dennoch war er neugierig, weshalb sie ausgerechnet heute nach ihm gesucht hatte und so fragte er sie danach.

„Dan und ich haben heute die Weihnachtsdekoration abgenommen und weggepackt. Und dabei habe ich in der Schachtel für die Lichterketten dein Geschenk gefunden.“ Natalie machte ein betretenes Gesicht. „Ich hatte es bei den anderen Geschenken und als wir den Baum geschmückt und die Geschenke für die Familie unter den Baum gelegt haben, habe ich deines beiseite gelegt, damit Meredith es nicht versehentlich für dich öffnet. Irgendwie muss es dann beim Aufräumen in der Schachtel gelandet sein... Und bevor ich es wieder verlege und erst im nächsten Jahr mit dem nächsten Baum wieder finde... Obwohl ich dir natürlich in der Zwischenzeit wenigstens zwei neue Weihnachtsgeschenke gekauft hätte!“, versicherte sie rasch, damit ihr bester Freund nicht auf den Gedanken kam, er wäre ihr so unwichtig, dass sie so etwas Bedeutendes wie das Weihnachtsgeschenk einfach vergessen könnte, getreu dem Motto ‚aus den Augen, aus dem Sinn’.

„Natalie... das... das wäre wirklich nicht notwendig gewesen. Denn somit zwingst du mich, dir zu gestehen, dass ich dir dieses Jahr kein Geschenk besorgt habe.“ Josh fühlte sich jetzt wirklich unwohl. Wie hatte er nur das auch noch vermasseln können?

„Papperlapapp. Du hattest immerhin eine mehr als gute Ausrede, dass dir dieses Jahr nicht nach Weihnachtsgeschenke kaufen zumute war. Ich dagegen hatte diese nicht, und somit ist es nur fair, dass du ein Geschenk von mir bekommst und ich bis Oster auf mein Osterei warten muss.“ Sie grinste Josh schelmisch an und zog aus ihrer Umhängetasche ein flaches, rechteckiges Paket hervor, das sie Josh reichte.

Instinktiv nahm er es entgegen und begann es abzutasten. „Ein Buch? Du schenkst dem Besitzer des ‚Turn a Page’ ein Buch?“

„Na gut, ich will ehrlich mit dir sein... Das ist der neuste Roman von JKR, und ich dachte es wäre ein gutes Geschenk für Madame Mim, meine Schwiegermutter. Aber natürlich hatte der lila Drachen das Buch schon... Und da hab ich ihr deines gegeben und du kriegst ihres.“

Josh durchschaute sofort, dass Natalie ihn nur aufzog, beschloss aber mitzuspielen. „Na, dann will ich aber hoffen, dass mein Geschenk die scheußlichste Krawatte mit Rentieraufdruck war, die du finden konntest.“

Natalie nickte ganz ernsthaft. „Oh ja, inklusive Weihnachtsmelodie.“

„Na, da wird Meredith aber ihre Oma gleich noch viel interessanter gefunden haben“, neckte Josh.

Erneute Schritte auf dem Kies unterbrachen sie. Dieses Mal war es tatsächlich der Friedhofswärter, der sie zum Gehen aufforderte.

Da Natalie mit dem Wagen gekommen war, Josh aber lieber zu Fuß nach Hause gehen wollte – so weit war es schließlich nicht und der Abend sowieso noch viel zu lang – verabschiedeten sie sich am Tor.

„Ich melde mich, wenn ich das Geschenk zu Hause ausgepackt habe“, versprach Josh. „Und falls es was besseres als JKR ist, bedanke ich mich vielleicht sogar artig.“

„Mach das. Ach, und Josh, wenn du mir was schenken möchtest, so wünsche ich mir nichts weiter, als dass du das Geschenk benutzt.“ Damit startete Natalie ihren Wagen und war gleich darauf verschwunden.

Josh aber ließ sich mit dem Nachhauseweg Zeit, schließlich erwarteten ihn dort nur die gleichen stillen vier Wände wie schon die vergangenen Wochen. Und darauf den Silvesterabend in einem Pub zu verbringen, hatte er auch keine Lust. Nichts gegen ein gelegentliches Bier, aber er wollte nach Weihnachten sich selbst nicht so schnell wieder in Versuchung bringen.

Schließlich war es die Kälte, die ihn nach Hause trieb. Doch erst als er mit einer Wolldecke und einer Tasse heißem Tee auf dem Sofa saß, packte er Natalies Geschenk aus.

Es war ein Tagebuch.