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Weihnachten 2013 - 09

9. Dezember

Ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 3 - Der Glöckner von Bristol

„Ich kann es nicht leugnen, ich bin nervös, wenn ich daran denke, dass ich dieses Jahr zu denjenigen unserer Gruppe gehöre, die am 12 Bell Wettbewerb teilnehmen...“

 

Es war Donnerstag und Josh hatte den Laden etwas früher geschlossen, doch um nichts in der Welt wollte er die Wechselläuten-Probe versäumen.

In der Schule hatten sie einmal als Projekt Wechselläuten in der nahe gelegenen Kirche ausprobieren können und Josh hatte es sofort gefallen. Es hatte ihn schon immer fasziniert, wie all die Glocken im Kirchturm scheinbar wirr und doch geordnet wunderschöne Klangwechsel hervorbrachten, doch es selbst ausprobiert zu haben, war noch einmal etwas ganz anderes. Damals hatte er sich spontan einer Gruppe angeschlossen, doch wie das so war mit Dingen, die man als Jugendlicher begann, kamen immer Zeiten, da einem andere Sachen wichtiger erschienen. Vorlesungen an der Uni etwa, die sich mit den Probenzeiten überschnitten... Und dann... dann war York gekommen. Sein Leben war mit anderen Dingen erfüllt gewesen. Obwohl Josh heute wusste, dass er damals sehr wohl die Zeit gefunden hätte, hätte er es gewollt. Hätte er nicht auf diese Stimme – und deren Besitzer – gehört, die ihm sagte, dass Wechselläuten nur etwas für Langweiler sei. Denn was bitte sei so interessant an diesem ewigen Bim-Bam? Erst als er wieder nach Bristol zurückgekehrt war, hatte er seine Leidenschaft für das Wechselläuten wieder entdeckt. Nun ja, eigentlich war es seine Mutter gewesen, die ihn regelrecht dazu gezwungen hatte, aber er war ihr beim besten Willen nicht böse deswegen. Wie konnte er auch, wo sie doch recht gehabt hatte? „Erinnere dich an diesen speziellen Moment und alles wird gut“, hatte sie immer gesagt.

Dieser spezielle Moment, das war, wenn er die Glocke am Seil aufschwang und sie sich still im perfekten Gleichgewicht befand. Dieses Gleichgewicht und die Ruhe, die diesem Gleichgewicht innewohnte, waren es, was seinem Leben in York gefehlt hatten und wohl immer noch fehlten, aber es schien, dass er zumindest beim Wechselläuten es wieder fand. Es hatte ihm immens geholfen, als er gegen seine inneren Dämonen kämpfte, es hatte ihm geholfen, als seine Mutter schließlich unheilbar erkrankt war, und es half ihm auch jetzt.

Und so zierte ein Lächeln der Vorfreude sein Gesicht, als er an diesem noch recht kalten Märztag den Glockenturm von St. Mary Redcliffe betrat.

Dies war ein so ungewohnter Anblick, dass die meisten anderen der Gruppe nicht umhin konnten, das Lächeln instinktiv zu erwidern. Sie alle wussten, dass Josh in den letzten Monaten viel durchgemacht hatte und so freute es sie, dass er offenbar auf dem besten Weg war, das finstere Tal hinter sich zu lassen.

„Hey, Josh, wir haben heute einen Gast hier“, rief Ian Josh zu und deutete auf den jungen Mann, der neben ihm stand. „Wie sieht es aus, würdest du ihm später deine Glocke überlassen?“

Josh hängte seine Jacke auf und kam herüber. „Hallo, schön dich kennen zu lernen“, sagte er höflich.

„Hi!“, erwiderte der andere mit einem Lächeln. „Ich bin Daniel, bekennender Turm-Tourist.“

Josh hatte schon von dieser Spezies unter den Wechselläutern gehört. Es waren Leute, die neben ihrem festen Heimatturm versuchten als Gastglöckner in so vielen Türmen wie möglich Wechsel zu läuten. Manche weltweit, manche legten besonderen Wert auf eine bestimmte Mindestanzahl von Glocken im Turm, andere wiederum beschränkten sich auf England, wollten hier aber jeden Turm abklappern. Josh wusste nicht, was er von dieser Art des Turm-Sammelns halten sollte, wollte sich aber kein Urteil erlauben. Es war halt einfach nicht sein Ding. Dazu war er nicht offen genug. Und man musste für so etwas ein offener Mensch sein, schließlich war man jedes Mal eine Art Eindringling. Ein meist willkommener zwar, aber dennoch... Daniel schien damit keine Probleme zu haben und hatte genau die Art an sich, die ihn wohl überall willkommen lassen sein würde. Höflich, nett, nicht zu aufdringlich, aber auch nicht schüchtern. Nein, schüchtern war der junge Mann nun wirklich nicht. Und das war der zweite, vermutlich gewichtigere Grund, weshalb Josh sich nicht sicher war, was er von Turm-Touristen halten sollte. Derart offene Menschen schüchterten ihn massiv ein.

‚Weil sie dir vor Augen führen, was für ein Langweiler und Weichei du doch bist’, flüsterte eine Stimme in Joshs Kopf ungebeten, während er bei Ian und Daniel stand und nur mit halbem Ohr der Erzählung des Gastes lauschte. Josh schüttelte den Kopf, um sich zur Ordnung zu rufen. Diese Stimme hatte hier absolut nichts verloren. Dies war sein Refugium, sein Ort der inneren Ruhe!

Leider wurde sein Kopfschütteln von Ian und Daniel falsch aufgefasst. Daniel machte ein etwas enttäuschtes Gesicht, sagte dann aber: „Ist schon in Ordnung.“

„Wie? Was?“ Josh schaute die beiden irritiert an. Was hatte er nun schon wieder getan? „Sorry, was auch immer gerade war, ich hatte plötzlich ein Brummen im Ohr.“ Das kam der Wahrheit nahe genug und würde hoffentlich sein offenbar unpassendes Kopfschütteln erklären.

„Ach so, hatte mich schon gewundert“, meinte Ian. „Du bist schließlich sonst nicht so vehement. Also, wie ist es, kann Daniel für dich läuten?“

Ah, darum war es also wieder gegangen. Dennoch brachte es Josh nicht fertig sofort zuzustimmen. Wie auch, brauchte er doch diesen speziellen Moment des Aufschwingens wie ein Schokoholiker den nächsten Riegel kakaohaltigen Glücklichmachers. Letztlich versuchte er es mit einem Kompromiss. „Wenn es dir nichts ausmacht etwas zu warten... Meist läuten wir sowohl Methoden als auch nach Ansage. Methode würde ich gerne selbst läuten, aber Ansage würde ich dir überlassen. Und sollten wir zufällig heute nicht nach Ansage läuten, überlasse ich dir die letzte Methode.“

Daniel nickte zustimmend. Ian klopfte Josh auf die Schulter und bot ihrem Gast sofort an, dass er statt seiner die erste Methode läuten könnte. Daniel sagte nicht Nein, warf aber Josh noch ein besonderes Lächeln zu.

„Okay Leute, genug gequatscht“, sagte der Gruppenleiter in diesem Moment und ließ die Mitglieder an den Seilen Aufstellung nehmen. „Reden können wir hinterher noch, wenn wir in den Pub gehen. Jetzt lasst uns erst mal auf die Jagd gehen. Mal sehen, ob wir eine Glocke erbeuten können.“

Die Gruppe lachte. Es war zwar kein besonders guter Scherz, aber die Probe mit einem Scherz zu beginnen war besser als stocksteif auf die erste Aufforderung zu warten. Nun aber, da sie die Aufforderung erhalten hatten – zum Warmläuten eine einfache Jagd – schwangen sie alle brav ihre Glocken auf und warteten auf das Signal um die Sopranglocke zum Klingen zu bringen, woraufhin die Jagd eröffnet war und alle ihr nachfolgten.

Die Methode der einfachen Jagd, wo die eigene Glocke im Wechsel immer eine Position weiter vorrückte, an der Außenposition einmal verharrte und dann gegen den Strom im Wechsel zurückwanderte, war wirklich simpel, bot aber zugleich einen schönen Klang zum Beginn.

Es folgten noch ein paar andere Standardmethoden und zum Schluss ein Geläut mit Ansage. An diesem Punkt übergab Josh seine Glocke wie versprochen Daniel. Dann war die Probe auch schon zu Ende. Nun ja, beinahe. Denn während alle die Glocken zum Schweigen brachten und dann nach Mänteln und Schals suchten, erinnerte sie der Gruppenleiter daran, dass am Ende des Monats der Vorentscheid für den 12 Bell Wettbewerb war.

Mit einem Mal wünschte sich Josh, die Buchmesse in London wäre bereits ein paar Wochen früher und er hätte eine gute Ausrede nicht am Vorentscheid teilnehmen zu können. Er liebte Wechselläuten, ja, fühlte sich aber noch nicht bereit an einem nationalen Wettbewerb teilzunehmen. Noch dazu, wo die Gruppe von St. Mary Redcliffe es immer ins Finale schaffte. Schließlich hatte er erst vor knapp zwei Jahren wieder mit dem Läuten begonnen... Was, wenn er es verpatzte und sie wegen ihm das Finale verpassten?

Gertie, die Älteste der Gruppe, schien seine wachsende Nervosität zu spüren und hakte sich kurzerhand bei ihm unter, während sie ihn in Richtung des Pubs steuerte. Sie kannte diesen jungen Mann gut genug, um zu wissen, dass er ohne diese Tat vermutlich direkt nach der Probe nach Hause gefahren wäre und sich dort seinen Selbstzweifeln hingegeben hätte.

„Gertie... ich... ich wollte eigentlich jetzt nach Hause.“ Und wie Recht sie gehabt hatte.

„Papperlapapp! Was würde das denn für einen Eindruck auf unseren Gast machen, wenn unser bester Glöckner plötzlich das Weite sucht? Noch dazu, wo du ihm für den letzten Teil der Probe deine Glocke überlassen hast?“

„Ich und der beste Glöckner?“ Josh sah Gertie beinahe entsetzt an. „Wie kannst du so etwas behaupten? Bei deiner Erfahrung? Auch die anderen haben allesamt viel mehr Übung als ich!“

„Josh! Ich mag zwar alt sein, aber so wunderlich, dass ich Fakten verdrehe, bin ich nun auch nicht. Vielleicht bist du nicht der beste Glöckner unserer Gruppe, aber mit Sicherheit einer der besten. Die Art, wie du dich ganz auf das Läuten konzentrierst, dich darauf einlässt... Sogar Daniel hat das gemerkt, er konnte während der Methoden kaum die Augen von dir lassen. Anders ist es bei Caitlin etwa. Da kann ich immer erkennen, wie sie in ihrem Kopf ein Bild der Matrix aufruft und dann sich zwingen muss, dass ihr Gehirn ihr die nächste Seite schnell genug präsentieren muss, damit sie ihre blaue Linie nicht verliert. Bei dir hingegen bekommt man beinahe schon den Eindruck, dass du nicht erst überlegen musst, sondern dass dir die Glocke selbst sagt, wann sie dran ist.“

„Klar, die Glocke gibt mir per Seil-Telepathie vor, wann sie dran ist.“ Josh konnte nur den Kopf schütteln und ignorierte gekonnt den Hinweis auf Daniels Blicke. Zwar wusste er nicht zu sagen, ob Daniel ihn die ganze Zeit über angestarrt hatte – während des Läutens hatte er sich lieber auf die Glocke konzentriert –, aber beinahe zu jedem Ende einer Methode waren sich ihre Blicke begegnet. Und Josh war sich nicht sicher, ob ihm die Aufmerksamkeit des anderen gefiel.

„Wieso nicht? Immerhin hängt sie dort oben schon so lange, dass sie alle Methoden auswendig kennt“, gab Gertie nur gleichmütig zurück. „Aber es ist als würdest du den nächsten Wechsel einen Bruchteil bevor er stattfindet bereits in deinem Kopf hören, so dass du genau weißt, wann du dran bist, weil du es einfach nur nachspielst. Und das ist es, was das ganze bei dir so einfach aussehen lässt. Was die Bewegungen fließend werden lässt und dir den Fokus verleiht, um den dich die anderen beneiden.“

„Vielleicht höre ich den nächsten Wechsel tatsächlich voraus. Aber Gertie, du kannst mir nicht erzählen, dass es dir nach all den Jahren nicht ähnlich geht.“

„Das tut es, das gebe ich zu. Weshalb ich ja auch seit Jahren zu unserem 12 Bell-Team gehöre.“

„Und ich nicht.“

„Aber wie du gerade zugegeben hast, hast du bereits alles, was man dazu braucht, um bei dem Wettbewerb ein gutes Geläut zu präsentieren. Kein Grund also nervös zu sein, Josh.“

„Du hast gut reden. Es ist mein erster Wettbewerb, was wenn ich so nervös werde, dass ich den Wechsel nicht mehr hören kann? Wenn meine Gedanken sich nur darum drehen, dass die Schiedsrichter nur auf einen Fehler von mir warten?“, gestand Josh.

„Ob es nun die Gemeinde am Sonntag, ein bewundernder Gast oder die Schiedsrichter sind macht kaum einen Unterschied. Und auch beim Wettbewerb beginnt ein Geläut damit, dass du die Glocke aufschwingst.“ Ohne es zu wissen, hatte Gertie Josh damit den Schlüssel geliefert, um den bevorstehenden Vorentscheid zu meistern. Denn egal wie nervös er würde, das Aufschwingen, der Moment der Ruhe, das Gleichgewicht, all das würde da sein.

 

„Es war sonderbar, mit jemand anderem als meiner Mutter oder Natalie über meine Ängste zu sprechen. Und auch wenn es nur um Wechselläuten ging und ich mir sicher bin, dass Gertie keine Ahnung hat, welchen Zauber sie mit ihren Worten gewirkt hat, so hat es überraschend gut getan. So gut, dass ich zum ersten Mal seit langem einen Pub-Besuch so richtig genießen konnte und nicht bloß an meinem Bier genippt habe mit der Strategie möglichst kleine Schlucke zu nehmen, damit immer was im Glas ist, womit ich mich beschäftigen kann und niemand den beschäftigten Josh mit seinem Bier stört, indem er ihn unverhofft anspricht. Erbärmlich oder? Aber zumindest war ich das heute Abend nicht. Und der Reaktion der anderen aus der Gruppe nach zu urteilen, fanden sie diesen nicht beschäftigten Josh sehr sympathisch. Keine Ahnung wie ich das angestellt habe, bedenkt man, dass ich, auch wenn es vielleicht anders klang, keineswegs der Mittelpunkt des Stammtisches war – das war unser Gast Daniel –, sondern eher wie üblich am Rand saß und der Unterhaltung mehr gefolgt bin als sie gelenkt habe. Sprich, ich war mein gewöhnliches, langweiliges Ich. Nur, dass ich mich heute Abend wohler gefühlt habe als sonst. Und das Beste: Obwohl ich mich nicht hinter meinem Bier versteckt habe, fühlten sich die anderen dadurch nicht aufgefordert, mich mehr in die Unterhaltung einzubinden als ich gewillt war, eingebunden zu werden. Im Endeffekt denke ich sogar, dass ich nicht mehr oder weniger zur Unterhaltung beigetragen habe, als all die anderen Wochen. Nur, dass ich das Gefühl hatte, dieses Mal dazu zu gehören. Und das alles nur, weil ich mich wohl gefühlt habe... Definitiv wert, dass ich darüber nachdenke.

Etwas anderes, worüber ich wohl eher nicht nachdenke, ist Daniel selbst. Rückblickend muss ich Gertie wohl noch dankbarer sein, denn sie hat sich geschickt zwischen mich und Daniel bugsiert, so dass ich nicht neben diesem sitzen musste. Offenbar war es genug für sie, dass ich auf ihre Anspielungen unseren Gast betreffend nicht eingegangen bin, um ihr zu sagen, dass ich nicht an ihm interessiert bin. Zumindest nicht in dem Sinne wie Daniel an mir interessiert schien. Nicht, dass Daniel ein Troll ist oder so, er ist nett, ja. Und ja, irgendwie ist es schon schmeichelhaft, dass er an mir interessiert war. Heißt das doch, dass ich vielleicht gar nicht so langweilig bin. Aber irgendwie... nichts für mich. Hätte ich neben ihm sitzen müssen, hätte er vermutlich sogar versucht mit mir zu flirten. Ganz zu schweigen von den unzähligen Versuchen, mich in das allgemeine Gespräch mit einzubeziehen. So aber war es, dank Gertie, ein wirklich schöner Abend.“

 

***

 

Frühling lag in der Luft. Das war allen Tagebüchern der nördlichen Hemisphäre anzumerken. Die Tage wurden länger und vor allem heller – letzteres war nach dem dunklen Winter besonders wichtig – und lockte die Menschen wieder in ein aktiveres Leben. Und je mehr Menschen diesem Lockruf des Frühlings folgten, desto mehr trafen sie einander. Was wiederum zur Folge hatte, dass auch die Chancen stiegen, den potenziellen Partner fürs Leben zu finden. Und wenn schon nicht den, so zumindest einen netten Flirt. Passend eben zum Frühling.

Hatten die Tagebücher im vergangenen Monat noch sehnsüchtig auf märchenhafte Wunder gehofft, so waren es heute Hoffnungen auf die Erfüllung von Träumen, die in greifbare Nähe gerückt schienen, welche die Seiten füllten.

Für die Guten Feen im Tagebuchzentrum bedeutete es, endlich wieder mehr miteinander zu kommunizieren. Denn Neugier war eine Grundeigenschaft der Feen und so wollten sie natürlich unbedingt wissen, wie es um die Chancen einer Liebesbeziehung ihrer Tagebuchschützlinge stand, oder ob sie sich besser schon mal auf die Katastrophe vorbereiteten. Etwa, wenn das Gegenüber in seinem oder ihrem Tagebuch offenbarte, dass man den letzten Flirtpartner, der eben noch im eigenen Tagebuch sich seitenlang Hoffnungen und Tagträumen hingegeben hatte, absolut nicht leiden konnte. Oder wenn beste Freunde auf den gleichen Traumpartner standen. So viel konnte schief gehen. Aber wenn auch nur die Chance bestand, dass alles gut enden könnte... Es könnte eine Beförderung in die Auftragsabteilung bedeuten. Nicht mehr endlose Tage am Bildschirm verbringen! Nein, stattdessen müsste sich die betreffende Gute Fee nur noch um einen einzigen Fall kümmern. Noch dazu einen positiven Fall. Das war unter den Feen fast schon so etwas wie Urlaub. Zumal diese Fallbetreuung nur bis zum Happy End – oder der bitteren Trennung – dauerte und somit meist von eher kurzer Dauer, eben einer Urlaubsdauer, war. Es gab natürlich auf Feen, die auch jenseits des Frühlings und seiner Romantik dauerhaft einem einzigen Menschen zugeteilt waren, aber das waren die schweren Fälle. Die, bei denen der betreffende Mensch massive Schwierigkeiten im Leben hatte, und nur die Hilfe einer Guten Fee ihn vor dem seelischen Untergang bewahrte. Das allerdings waren wiederum auch die prestigeträchtigsten Fälle. Denn hier ein Happy End zu bewerkstelligen, das war der Stoff, aus dem die Märchen gemacht wurden!

Für Liam aber schien es ein ganz gewöhnlicher Tag zu werden. Mit mehr als tausend Jahren Erfahrung wusste er recht gut einzuschätzen, ob seine Beobachtungsfälle Urlaubspotenzial für ihn hatten oder nicht. Und leider war die aktuelle Ausbeute nicht gerade viel versprechend.

Ein lautes Grummeln vom Nachbarbildschirm ließ ihn zu Ted hinüber blicken. „Was ist denn?“, fragte er seinen Kollegen, mit dem er trotz dessen Jugend erstaunlich gut auskam.

„Teenager!“, gab dieser nur mürrisch zur Antwort. „Da ist man fast dazu geneigt, sich dafür einzusetzen, dass sie Schreiben erst mit dem zwanzigsten Geburtstag lernen. Jede Woche schwärmen sie für jemand anderen. Und selbst wenn sie es schaffen mit dem aktuellen Schwarm zusammen zu kommen, ist die Beziehung vorbei, noch ehe ich überhaupt die Chance hatte, das Antragsformular für Fallübernahme aufzurufen.“

„Was denn? Noch keine drei Monate im Dienst und schon so urlaubsreif?“, neckte ihn Liam.

„Das vielleicht nicht... Aber ich vermisse die Menschenwelt“, gestand Ted.

Das erstickte jeden Scherz, den Liam auf den Lippen gehabt hatte. Manchmal vergaß er diesen Teil ihres Daseins. Aber gut, nach über tausend Jahren lag sein Menschendasein auch schon weit zurück. Denn Gute Feen konnten ja schließlich nicht aus dem Nichts entstehen. Stattdessen waren sie aus der Magie ihres eigenen Lebens geschaffen. Eines Lebens, das sie freiwillig für andere geopfert hatten. Dieser Akt hatte sie vor dem schnöden Tod bewahrt und ihnen eine Existenz gewährt, wo sie auch weiterhin dafür sorgen konnten, das andere ein hoffentlich langes und glückliches Leben führten.

Der erste Fall waren immer die Menschen, für die man sich geopfert hatte. In Liams Fall seine kleine Schwester, als beim Schweine hüten ein Wolf das Mädchen angegriffen hatte. Er hatte keine Sekunde gezögert. Seine Schwester Eleanor war sein Ein und Alles gewesen. Sie war außerdem die einzige von seinen Schwestern und Brüdern gewesen, die ihm geblieben war. Er war das älteste Kind seiner Eltern gewesen,  Eleanor das jüngste und letzte Kind. Alle anderen, sieben an der Zahl, hatten Hunger, Krankheiten und Angriffe der Wikinger dahingerafft. Nach Eleanors Geburt war die Mutter so schwach gewesen, dass die Hebamme den Vater eindrücklich gewarnt hatte, dass eine weitere Schwangerschaft ihr Todesurteil wäre. Doch die Natur hatte dem offenbar selbst einen Riegel vorgeschoben, denn nur wenige Tage später kam es zu Komplikationen und auch wenn seine Mutter vom Fieber genesen war, so war sie fortan unfruchtbar. Entsprechend kostbar war Eleanor für ihre Familie. Es hatte Liam stets mit Freude erfüllt, mit anzusehen, wie seine Schwester zu einer wunderschönen jungen Frau heranwuchs, die einen Schmied zum Mann nahm und ihm sieben Kinder gebar, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten. Ja, seine Schwester hatte ein glückliches Leben geführt.

Und doch hatte er gerade in den ersten Jahren als Fee sein Leben als Mensch vermisst. Wie konnte er Ted da seine Sehnsucht verdenken? War dieser doch erst seit wenigen Dekaden eine Fee. Vermutlich hatte er letztes Jahr um diese Zeit noch den Menschen betreut, für den er zur Fee geworden war. Was aber vermutlich auch bedeutete, dass Ted noch nicht alle Möglichkeiten der Sphäre kannte, in der er jetzt lebte. „Was vermisst du denn am meisten?“, fragte Liam. Vielleicht konnte er seinem Kollegen ja helfen, mit der Sehnsucht umzugehen.

Ted musste nicht lange überlegen. „Das erste Eis der Saison. Erdbeereis um genau zu sein.“

Die Art wie Ted das sagte, ließ Liam leise lachen. Offenbar konnte sein neuer Freund regelrecht besagtes Eis auf der Zunge schmecken. „Wenn es nur um Eis geht... Es wird zwar vielleicht nicht die Eisdiele sein, an die du gerade denkst, aber wenn du am Kühlschrank als Code 27315 eingibst, erscheint eine Liste der verfügbaren Eissorten. Und wenn man dem Urteil anderer Feen hier Glauben schenken kann, kann sich das Eis mit jedem guten Eis in der Menschenwelt messen.“

Liam konnte gar nicht so schnell schauen, wie Ted bei dieser Offenbarung in die Teeküche gesprintet war, um sich aus dem dortigen Kühlschrank ein Eis herbeizuzaubern. Lachend wandte Liam sich wieder seinem Bildschirm zu.

Zum Glück wurden seine Tagebücher nicht von wankelmütigen Teenagern geschrieben, doch auch hier waren die Spuren des Frühlings deutlich zu bemerken. Wie etwa bei dem alten Ben, der froh darüber war, dass die Frühlingssonne seine Knochen wieder wärmte und er endlich wieder dazu kam, sich um das Grab seiner verstorbenen Frau zu kümmern. Die Sorgfalt, die er bei der Blumenauswahl, die er in seinem Tagebuch beschrieb, an den Tag legte, mit der Darstellung was jede einzelne Pflanze für ihn und seine Frau bedeutete – ob es nun ihre Lieblingsblume war oder damit eine besonders schöne Erinnerung verbunden war – zauberte Liam jedes Jahr erneut ein leicht verträumtes Lächeln auf die Lippen. Immerhin war es schon das vierzehnte Jahr in Folge, dass er so einen Eintrag von Ben vor sich hatte. Und das war es auch, weshalb Bens Tagebuch nach wie vor bei ihm auf Wiedervorlage markiert war.

Und selbst in Joshs Tagebuch fanden sich überraschend Spuren von Frühlingsgefühlen. Zwar nicht in dem Sinne, dass Josh selbst den Flirt suchte, aber die Tatsache allein, dass er diesen Daniel, trotz des eigenen Desinteresses, erwähnte, zeugte davon, dass sich dieser Tagebuchschützling wohl tatsächlich bereit machte, die Welt dort draußen zu erkunden und einen neuen Partner zu finden. Und das nicht bloß über das Internet. Auch schien er langsam wieder geselliger zu werden. Zwar hatte Josh in den vergangenen Wochen stets vom Pub-Besuch nach der Wechselläuten-Probe erzählt, aber oft genug hatte Liam zwischen den Zeilen herauslesen können, dass Josh nur mitgegangen war, weil er sich sonst von seiner besten Freundin Natalie eine gehörige Standpauke hätte anhören müssen. Zukünftig aber würde der Buchhändler wohl aus freien Stücken mit gehen, einfach, weil er die Gesellschaft der anderen Mitglieder der Gruppe genoss.