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Weihnachten 2013 - 12

12. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 4 - Im Labyrinth des geschriebenen Wortes

„Bücher sind nicht alles, was man auf so einer Messe findet... auch Ex-Freunde. Ich bin Allan wieder begegnet und er hat mir sein Interesse an einem Neustart signalisiert.“

 

Es war Mitte April und als Josh aus der U-Bahn-Station kam und den Messekomplex vor sich sah, konnte er schon beinahe den Duft all der bedruckten Papierseiten riechen. Wie jedes Jahr hatte die Londoner Buchmesse eine Vielzahl Aussteller und Besucher angelockt und auch wenn Josh für gewöhnlich Menschenmassen eher mied, ließ er sich jetzt vom Strom mit treiben. Es war als wäre er ganz in seinem Element.

Dennoch erlaubte sich Josh nur einen kurzen Spaziergang durch die Haupthalle mit ihren Verlagsständen. Er hatte sich für diese Messe ein anderes Ziel gesetzt: Er wollte und vielleicht sogar musste mehr über eBooks und ePublishing lernen, um zu sehen, wie er womöglich diese Trends in seinen Laden integrieren konnte. Er hatte schon ein paar Ideen, war sich aber nicht sicher, ob sie so umsetzbar waren.

Er wusste, dass Papierbücher nicht aussterben würden, bloß weil Bücher jetzt auch in elektronischer Form verfügbar waren. Dafür vermittelten Papierbücher seit Jahrhunderten einfach ein zu eigenes Gefühl. Allein schon fix mal ein paar Kapitel vorblättern oder willkürlich das Buch irgendwo aufschlagen war bei den aktuellen eBooks noch recht umständlich. Josh zweifelte zwar nicht daran, dass auch dies irgendwann leichter sein würde, aber die Haptik war und blieb etwas, das eBooks einfach nicht imitieren konnten. Doch so wie er das sah, wollten das die elektronischen Bücher auch gar nicht.

Wo die eBooks den Papierbüchern allerdings überlegen waren, war im Zugang. Man musste nicht erst in den Laden gehen und sie dort kaufen, man musste sie auch nicht online bestellen und dann zwei oder mehr Tage warten, bis das Paket zu Hause eintraf. Man konnte überall auf der Welt, wo man über eine entsprechende Internetverbindung verfügte, binnen Minuten das eBook seiner Wahl herunter geladen haben und sofort lesen. Und diese sofortige Verfügbarkeit war es, was eBooks und eReader so attraktiv machte. Zwar war der klassische Buchhandel schon sehr schnell und ein bestelltes Buch meist am nächsten Tag bereits abholbereit im Laden um die Ecke, aber manchmal gab es diesen Moment, wo man ein Buch jetzt und sofort anfangen wollte zu lesen. Wo man eben nicht diesen einen Tag warten wollte. Und da war es, wo Joshs Idee ansetzte. Was, wenn er seinen Kunden das Sofort-Lesen anbieten könnte und ihnen trotzdem das Papierbuch im Endeffekt verkaufte?

Die Idee war, dass er für das ‚Turn a Page’ ein paar eReader anschaffte und den Kunden gegen ein entsprechendes Pfand auslieh. Auf dem betreffenden eReader wäre dann die erste Hälfte des Buches, das sie bei ihm bestellt hatten und auf das sie warten mussten, weil es im Regal nicht verfügbar gewesen war. Und nur die erste Hälfte. Und der Zugang zu dem Gerät dergestalt verschlüsselt, dass sie nicht einfach von zu Hause das komplette Buch herunterladen konnten. Dann würden sie für die zweite Hälfte in den Laden zurückkommen müssen, wo sie wieder den eReader gegen Papierbuch tauschten. Als Pfand stellte sich Josh fünfzig Pfund vor, was in etwa die Kosten eines eReaders abdeckte, sollte ein Kunde das Gerät beschädigen, verlieren oder einfach nicht wieder kommen. Das Pfand konnte entweder direkt in bar hinterlegt werden und wurde sofort bei Rückgabe des geliehenen eReaders zurückerstattet, oder konnte dauerhaft hinterlegt werden und der Kunde erhielt stattdessen eine persönliche Kundenkarte.

Allerdings blieben dabei ein paar Fragen offen. War es zulässig, eBooks zu halbieren? Und wenn ja, wie machte man das? Und wie schützte er seine eReader davor, dass die Kunden einfach zu seinen Lasten das ganze eBook etwas von amazon herunter luden?

Mit diesen Fragen im Gepäck machte Josh sich also auf den Weg in Richtung der Technologie-Halle. Er war so fokussiert, dass er vermutlich sogar direkt neben der Queen hätte gehen können und es nicht bemerkt hätte. Von einem Ex-Freund ganz zu schweigen.

„Josh? Hey, Josh!“ Doch Josh merkte gar nicht, dass er angesprochen worden war. Er merkte auch nicht, wie jemand neben ihm Schritt fasste und versuchte seine Aufmerksamkeit zu erregen. Erst als derjenige Josh beim Arm fasste, zuckte dieser zusammen und wandte sich um. Seine Augen weiteten sich. „Allan!“, stieß er halb erschrocken, halb überrascht hervor.

„Lang nicht mehr gesehen.“

Josh nickte nur, unsicher, was als nächstes kommen würde, wie er sich verhalten sollte, wie er sich verhalten wollte. Er hatte Allan nicht mehr gesehen, seit er York verlassen hatte, um bei seiner Mutter zu sein. Und obwohl in seinem Gehirn jedes Alarmsignal, über das er verfügte, ansprang, um ihn daran zu erinnern, in wie schlechter seelischer Verfassung er damals gewesen war, reagierte sein Körper mit jenem Kribbeln, dass er schon beim ersten Mal verspürt hatte, als er Allan als Sechzehnjähriger begegnet war. Geist und Körper fochten einen ungleichen Kampf aus und paralysierten Josh regelrecht.

„Wie wäre es mit einem Kaffee?“, schlug Allan da vor.

Obwohl alles in ihm schrie, möglichst schnell von Allan weg zu kommen, um erst einmal die Situation zu überdenken, für sich zu entscheiden, was er daraus machen wollte, ließ sich Josh zu einem der Gastronomiestände lotsen. Andere Erinnerungen wurden in ihm wach, Erinnerungen an die schönen Momente ihrer Beziehung. Zerwühlte Laken und verschwitzte Körper. Gemeinsames Lachen. Das Gefühl nicht alleine zu sein. Erinnerungen, die so überwältigend waren, dass sie die Realität mit einem rosa Zuckerguss überzogen.

„Cappuccino für dich?“, fragte Allan und Josh konnte nicht umhin zu bemerken, dass sein Ex sich offenbar sogar noch daran erinnerte, welche Kaffeekreation Josh bevorzugte. Andererseits hätte Josh auch noch gewusst, dass Allan am liebsten ganz normalen Filterkaffee, schwarz, trank.

Die Tassen vor sich auf einem der kleinen Stehtische habend, begann Allan mit dem üblichen Smalltalk, wie ihn eben zwei Bekannte, Freunde oder Ex-Geliebte hatten, die sich nach langer Zeit das erste Mal wieder sahen. „Und, wie geht es dir?“

Josh nippte an seinem Kaffee – er hatte die Angewohnheit des beschäftigten Joshs nicht gänzlich abgelegt – und sagte dann: „Es geht so. Momentan ist es mehr eine Sache von einen Tag nach dem anderen angehen. Vielleicht noch eine Woche nach der anderen... Meine Mutter ist letzten Herbst gestorben.“

„Oh. Das tut mir leid.“ Allans Worte waren vorhersehbar gewesen, aber was sollte man auch sonst sagen.

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Josh kämpfte mit sich, wusste nicht, was oder wie viel er Allan von sich erzählen wollte. Es war ja nicht so, dass er die Unterhaltung mit seiner Aussage hatte zum Erliegen bringen wollen, aber irgendwie sah es fast danach aus. Also gab er sich einen Ruck. „Ich habe ihren Laden übernommen.“

Bitte, er hatte etwas gesagt, bevor das Schweigen unangenehm wurde. Etwas, worauf Allan eingehen konnte, wenn er wollte. Etwas, worauf sich ein nicht allzu persönliches Gespräch aufbauen ließe.

„Ich bin mir sicher, es hätte ihr gefallen“, erwiderte Allan, ehe er hinzufügte: „Irgendwie passt es zu dir.“

Josh hätte sich beinahe an seinem Cappuccino verschluckt, informierte ihn doch das hämische Stimmchen in seinem Kopf, dass der Laden deswegen so gut zu ihm passte, weil der Laden genauso langweilig war wie er. Aber das konnte Allan nicht wirklich mit seiner Aussage gemeint haben, oder?

„Ich bin hier, um mich mit ein paar Verlegern zu treffen. Mein Agent hält es für die Gelegenheit schlechthin“, brachte Allan nun das Gespräch auf sich und begann lang und breit darüber zu reden, wie viele Absagen er doch erhalten hätte, bis endlich einer erkannt hätte, wie gut der Roman doch war, den Allan geschrieben hatte. Wie er damit die englische Sprache mindestens genauso sehr prägen würde, wie es Shakespeare seinerzeit getan hatte. Wobei er natürlich verschwieg, dass sein Agent bislang noch keinen Verlag im Vereinigten Königreich gefunden hatte, der bereit war, das Buch in sein Programm aufzunehmen. Dass die einzigen Verlage, die sich bislang für das Buch interessiert hatten, aus Aserbaidschan und Island kamen und der Roman somit vorerst nicht auf Englisch erscheinen würde. Doch das waren alles nur unwichtige Nebensächlichkeiten. Hatte er erst einmal international Fuß gefasst, würde sich jeder englische Verlag darum reißen, sein Buch herausbringen zu dürfen. Und die englische Sprache würde solange schon auf ihn warten.

Allan redete und redete und selbst wenn Josh gewollt hätte, wäre es ihm nicht gelungen, das Gespräch noch einmal auf sich und sein Leben zu bringen. Denn das war Allan... Mittelpunkt seines eigenen Universums, Autor seiner eigenen Geschichten, wobei seine eigene Lebensgeschichte in seinen Augen natürlich immer noch die beste war, und der Rest... war Höflichkeit, die man möglichst gleich zu Beginn mit ein oder zwei Fragen hinter sich brachte.

So leerten sich die Kaffeetassen und bald darauf machte Allan auch schon darauf aufmerksam, dass er eigentlich schon viel zu lange hier war. „Mein Agent wird schon verzweifelt nach mir suchen. Du weißt ja, keine Pause für die Kreativen.“ Dann, als er sich eigentlich schon zum Gehen gewandt hatte, drehte er sich noch einmal zu Josh um und lehnte sich nah an ihn heran. „Ich hab dich wirklich vermisst und tue es noch jetzt“, sagte er leise. Und noch ehe sich Josh von diesem Schock hatte erholen können, war Allan in der Menge verschwunden.

Regelrecht benommen machte sich Josh wieder auf den Weg zur Technologiehalle, doch irgendwie hatte er Schwierigkeiten, sich auf die vor ihm liegende Aufgabe zu konzentrieren. Zu sehr beschäftigte ihn noch die Begegnung mit Allan.

Irgendwann gab er es schließlich auf und suchte sich eine stille Ecke, wo er sein Notizbuch und nun Ersatztagebuch hervorzog, um seine Gedanken zu Papier zu bringen und so hoffentlich zu ordnen.

 

„Es war so unwirklich, Allan wieder zu sehen. Ich wünschte, ich wäre auf eine solche Begegnung vorbereitet gewesen. So aber stürmten all die Erinnerungen auf mich ein und alles, was ich tun konnte, war zu verhindern, dass ich gänzlich einen Fisch auf dem Trockenen imitierte. Zum Glück brauchte ich nicht viel zur Unterhaltung beizusteuern, denn Allan war noch der Gleiche wie immer und konnte endlos erzählen. Über sich und sein Leben... das offenbar um einiges interessanter ist als meines.

Stopp!

Nein, ich sollte ehrlich sein. Zumindest in meinem Tagebuch. Ich habe schließlich mehrere Jahre mit ihm zusammengelebt. Ich weiß also genau wie sein Leben ist. Und auch wenn er jetzt es wohl geschafft hat, endlich ein Buch zu Ende zu schreiben und sogar einen Agenten dafür zu finden, weiß ich, wie sein kreativer Alltag aussieht: Meist von morgens bis abends im Schlafanzug rumzulungern, den Schriftsteller zu markieren, vielleicht zwei Sätze zu schreiben, drei davon für genial und vier für nicht druckbar zu erklären, nur um dann am Abend darauf zu bestehen, dass er nach all der harten Arbeit jetzt ausgehen müsse. Und ich weiß nicht, ob das wirklich so beeindruckend ist. Oder interessanter als ein Mensch, der einer geregelten Arbeit nachgeht, Geld verdient und damit das Dach über dem Kopf und das Essen auf dem Tisch finanziert und trotzdem noch Geld hat, auszugehen. Kann ja schließlich nicht jeder von einem Treuhandfond leben. Wobei es wirklich unfair ist, dass Allan nach diesem Lotterleben, das er geführt hat und vielleicht noch immer führt, immer noch so gut aussieht. Wenn die Welt fair wäre, dann müsste er jetzt schon halb verlebt aussehen und wenigstens fünfzehn Jahre älter als er tatsächlich ist. Aber nein, er sieht immer noch blendend aus und hat dieses verdammt charmante Lächeln, dass meine Haut überall am ganzen Körper zum Kribbeln bringt. Und wenn das schon ein Lächeln vermag, die Erinnerung daran, was seine Finger auf besagter Haut zu tun vermögen...

Wieso nur musste er sagen, dass er mich vermisst? Denn selbst wenn wir wohl nie einer Meinung sein werden, was interessant und was langweilig ist, so gab es doch so viele Punkte, wo wir uns stets einig waren. Chicken Curry, Marlon Brando, Sex...

Aber wiegen diese guten Dinge die schlechten auf? Zumal ich ihn, bis ich ihn hier unverhofft wieder gesehen habe, nicht vermisst habe. Vermutlich vermisse ich ihn auch jetzt noch nicht. Trotz der Gefühle, die er in mir wachzurufen vermag. Aber ich vermisse die Zweisamkeit.

Vielleicht ist es mir vorher nur nicht aufgefallen, weil ich wegen Mum nie gänzlich allein war. Und vielleicht ist die Tatsache, dass es mir in all der Zeit nicht gelungen ist, einen neuen Partner zu finden, Beweis dafür, dass Allan und ich für einander bestimmt sind. Vielleicht war das auch der Grund dafür, weshalb ich auf Daniels Geflirte letzten Monat nicht angesprungen bin. Wobei hier wohl eher die Tatsache, dass er nur auf der Durchreise und es somit nur auf einen One Night Stand hinausgelaufen wäre, mich gehemmt hat. Ich war noch nie jemand für Gelegenheitssex. Oder Allan hatte recht und ich bin tatsächlich so langweilig, wie er stets gesagt hat, und Daniel hat nur mit mir geflirtet, weil ich der einzige Mann in etwa seinem Alter war, der nicht was Festes am Arm hatte. Vermutlich sollte ich also dankbar sein, dass Allan noch an mir interessiert ist und die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen. Die Tatsache, dass Tristan sich bislang immer noch nicht auf meine offenbar durch und durch langweilige E-Mail gemeldet hat, scheint das nur zu bestätigen.

Gut, vielleicht toben in der Antarktis gerade irgendwelche Herbststürme und er ist damit beschäftigt, seinen Wissenschaftskollegen zu helfen, die Station zu sichern, so dass er einfach keine Zeit für E-Mails hat. Zumal er seither auch nicht wirklich im Forum gepostet hat, höchstens ein paar kurze Beiträge. Und vielleicht will er mich ja auch nicht mit einer allzu kurzen E-Mail-Antwort vergraulen... Wie heißt es so schön: Im Zweifel für den Angeklagten. Oder betrüge ich mich hier nur wieder selbst?

Ich sollte mit mir selbst einen Kompromiss schließen: Ich gebe Tristan noch einen Monat für die Antwort – bis dahin sollten die Stürme vorüber sein – und wenn ich bis dahin nichts von ihm gehört habe, kann ich es ja noch mal mit Allan versuchen.“

 

***

 

Liam hätte am liebsten laut geflucht, als er den neusten Eintrag in Joshs Tagebuch las. Die ganzen letzten Wochen hatte er teilhaben können, wie Josh Stück für Stück aus seiner Schale heraus kroch, aktiver, willensstärker und entschlossener wurde. Und er hatte auch die positiven Reaktionen seiner Umwelt auf diese Entwicklung sehen können. Doch jetzt, mit einem einzigen Eintrag schien es, als hätte Liam wieder den Josh vor sich, der vor über drei Monaten dieses Tagebuch begonnen hatte. Und das alles nur, weil Josh unverhofft seinen Ex-Freund auf der Londoner Buchmesse wieder gesehen hatte. Mehr noch, Josh schien ernsthaft zu überlegen, mit diesem wieder eine Beziehung zu beginnen. Dabei wusste doch so ziemlich jeder, dass Neuauflagen einer Beziehung meist noch vor dem ersten neuen Kuss zum Scheitern verurteilt waren. Abgesehen davon klingelten bei Liam sämtlich Alarmglocken, wenn er las, wie Josh diesen Allan beschrieb. Und dann schien dieser Allan auch der Grund dafür zu sein, dass Josh sich so ganz untypisch für langweilig hielt. Es schien als deuteten gerade alle Leuchtpfeile des Universums auf Allan, über dem ein Schild prangte, auf dem stand: Hände weg, als Lebenspartner untauglich!

Nur, dass Josh wenigstens die Hälfte dieser Pfeile nicht bemerkte und die andere Hälfte bewusst zu übersehen schien, während das Schild in seiner Wahrnehmung offenbar auf Klingonisch geschrieben war, so dass er es nicht lesen konnte. Das einzige, was Liam davor bewahrte, augenblicklich zu explodieren, war die Tatsache, dass Josh sich wenigstens einen Monat Bedenkzeit eingeräumt hatte. Und wer wusste schon, was alles in einem Monat geschehen konnte? Zumindest würde es Liam die Gelegenheit geben, mehr Informationen zu sammeln, um die Situation dann besser beurteilen zu können, davon, sich dann einen Schlachtplan zurecht legen zu können, ganz zu schweigen.

Doch wo anfangen? Selbst jetzt hielt sich Josh recht bedeckt, was die Fakten betraf, zumal Liam sich an diesem Punkt nicht einmal sicher war, ob Josh die Fakten selbst als solche erkennen würde. Dafür war er zu sehr in der Situation selbst gefangen und manche Fakten erkannte man eben nur, wenn man von außen einen Blick darauf warf.

Das größte Hindernis in Sachen Fakten war, dass Josh von den Leuten stets nur mit dem Vornamen schrieb. Das war nicht ungewöhnlich, schließlich waren es seine Freunde und Bekannten, die er natürlich beim Vornamen nannte. Für ihn hätte es keinen Sinn gemacht, die Nachnamen aufzuschreiben. Allenfalls, wenn es zwei Menschen in seinem Umfeld mit dem gleichen Vornamen gegeben hätte. So aber... Dummerweise aber verlangte die Tagebuchrecherche für Kreuzverweise Vor- und Zunamen und Liam konnte ja schlecht einen Allan Smith eingeben, wenn Joshs Allan am Ende Abernathy mit Nachnamen hieß. Blieben also für gewöhnlich nur die Familienangehörigen, die den gleichen Nachnamen hatten. Das Problem hier: Josh war der letzte seiner direkten Familie. Vielleicht gab es irgendwo noch Cousins oder so, aber diese würden wohl kaum etwas über das Allan-Thema wissen. Geschweige denn ihr Wissen darüber in ihren respektiven Tagebüchern verewigen, so sie denn überhaupt welche schrieben. Liams beste Chance war Joshs Mutter, aber selbst wenn sie ein Tagebuch geführt hatte, so wäre es mit ihrem Tod versiegelt und ins Archiv transferiert worden.

Dennoch wäre es ein Anfang und Liam beschloss einfach einen Schritt nach dem anderen zu tun und sich über das nächste Hindernis erst dann Gedanken zu machen, wenn er davor stand. Also gab er Elizabeth Turner in das Suchfenster und als Eingrenzung Josh als Sohn ein. Denn wenn es ein Tagebuch gab, dann würde es zumindest als Ergebnis aufgelistet werden, selbst wenn er nicht darauf zugreifen konnte.

Bingo! Und der Größe der versiegelten Datei nach zu urteilen, hatte Elizabeth Turner fast ihr ganzes Leben mehr oder weniger regelmäßig Tagebuch geführt. Nur, wie jetzt an den Inhalt kommen? Denn bei einem so ausführlichen Tagebuch war es quasi garantiert, dass er dort etwas über die Allan-Situation finden würde.

Frustriert starrte Liam auf den Bildschirm. Soviel zu der Idee, sich um das Hindernis zu kümmern, wenn es vor ihm stand.

Ted, der von seinem Platz aus Liam, den er als Freund und Mentor betrachtete, beobachtet hatte, beugte sich vorsichtig zu diesem herüber. In der letzten halben Stunde hatte er gesehen, wie der andere von Ärger zu Verzweifelung zu Hoffnung und nun zu Frustration gewechselt war. Und zumindest die letzte Emotion konnte er mit einem Blick auf den Bildschirm des Kollegen verstehen. „Wieso versuchst du es nicht mit den Meta-Daten?“, fragte er. „Oder sind die auch versiegelt?“

„Meta-Was?“ Liam sah ihn ein wenig verständnislos an.

„Meta-Daten. Quasi eine Art Karteikarte, die an das Tagebuch geheftet ist, und darüber Auskunft gibt, wann das letzte Mal auf das Tagebuch zugegriffen wurde und von wem. In diesem Fall, wann und wer das Tagebuch versiegelt und ins Archiv verschoben hat. Komm, ich zeig es dir.“ Ted wandte sich seinem eigenen Bildschirm zu und klickte auf einen Button, der wie eine Büroklammer aussah. Es erschienen Daten über den Zustand des Tagebuchs (aktiv), Daten über den letzten Zugriff seitens der Guten Feen (heute) und wer zugegriffen hatte (Ted). Dann noch ein paar weitere Daten wie das Datum des ersten und des letzten Eintrags seitens des Menschen, der das Tagebuch führte, die durchschnittliche Anzahl Einträge pro Woche, die durchschnittliche Länge und die Anzahl von verwendeten Schlüsselwörtern, die vom System als aufmerksamkeitswürdig eingestuft waren.

„Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Oder wie es heißt...“, murmelte Liam.

„Wie kannst du nicht wissen, dass es so etwas gibt, wenn du seit etwa tausend Jahren Tagebücher betreust?“

„Erfahrung. Man lernt einfach mit der Zeit, welche Wörter kritisch sind. Da brauch ich kein System, das darüber Buch führt. Und wenn man seine Arbeit ordentlich macht, verpasst man auch keinen Eintrag seiner Schützlinge, weiß, wie oft sie ungefähr schreiben und so weiter... Ich meine, klar hab ich gewusst, dass es irgendwo noch eine übergeordnete Stelle gibt, für die solche Daten von Interesse sind, aber ich hätte nicht gedacht, dass wir darauf zugreifen können.“

Ted grinste. Es tat gut, als Neuling dem alten Hasen mal was zeigen zu können. „Wir können nur darauf zugreifen. Wir können aber nichts ändern. Tatsächlich ist es die übergeordnete Stelle, deren Aufgab es ist, etwa die Datenbank mit den aktuellen kritischen Wörtern zu pflegen.“

„Dann lass uns mal sehen, ob wir auch bei einem versiegelten Tagebuch auf die Meta-Dings zugreifen können.“ Liam wandte sich wieder seinem eigenen Bildschirm zu.

„Meta-Daten“, meinte Ted grinsend.

„Ha!“, rief Liam erleichtert aus, als sich tatsächlich die Karteikarte öffnete. Wieso das Ding Meta-Daten hieß, blieb ihm zwar schleierhaft, Karteikarte war viel einprägsamer, aber egal, Hauptsache er kam bei Josh weiter. Viele Daten auf der Karte waren aufgrund der Versiegelung geschwärzt, aber er konnte immerhin sehen, wer das Tagebuch versiegelt hatte: Eine Gute Fee namens Aelfwyn.

Ein Grinsen lag auf Liams Gesicht, als er das sah. Er kannte Aelfwyn. Er kannte sie sogar recht gut. Denn sie war die Gute Fee gewesen, die ihm vor tausend Jahren alles über Tagebücher in all ihren Formen beigebracht hatte. Besser hätte es kaum kommen können. Denn wenn er der Betreuerin des Tagebuchs von Elizabeth Turner erzählte, dass er das Tagebuch des Sohns betreute, würde sie ihm bestimmt mit der Allan-Sache helfen. Jetzt musste er nur hoffen, dass sie nicht für einen Fall von der Überwachung abgezogen worden war.

Rasch öffnete er das GFKP (Gute Feen Kommunikationsprogramm), eine Art Instant  Messanger, das eine direkte Kommunikation zwischen den einzelnen Feen in den verschiedenen Tagebuchüberwachungszentren ermöglichte. Dann gab er Aelfwyn in die Kontaktsuche ein. Hier war er sich sicher, dass der Name so ziemlich einzigartig war. Ein Fenster für den Dialog erschien.

 

Liam Wolf: Hallo Aelfwyn. Lange nichts mehr von einander gehört.

 

Es dauerte einen Moment, ehe die Antwort kam.

 

Aelfwyn: Wölfchen! Sorry, aber ich war beschäftigt. Du kennst es doch – oder solltest es inzwischen kennen – je länger man dabei ist, desto mehr Arbeit trauen sie einem zu.

 

Liam Wolf: Wag es ja nicht, mich so vor anderen zu nennen. Ich lass dir das auch nur durchgehen, weil ich nicht weiß, wo sich dein Bildschirm befindet, sonst würde ich dir einen Kaffee über die Tastatur schütten.

 

Aelfwyn: *lach*

 

Liam Wolf: Um auf die Arbeit zurück zu kommen, ich habe mal wieder einen Neuen neben mir sitzen, den ich in die Finessen der Tagebuchüberwachung einweisen darf.

 

Aelfwyn: Ah. Dann kannst du ja nachempfinden, wie es mir damals mit dir ging.

 

Liam Wolf: Haha. Nur zu deiner Information, ich mach das nicht zum ersten Mal. Aber Ted ist eigentlich ganz okay, für einen Neuling macht er seine Sache recht gut. Er konnte mir sogar noch was beibringen.

 

Aelfwyn: Und da dachte ich, ich hätte dir wirklich alles gezeigt. Warst du etwa so unaufmerksam?

 

Liam Wolf: Sagt dir der Begriff Meta-Daten etwas?

 

Aelfwyn: Nicht wirklich. Hab ich also offenbar noch nie gebraucht.

 

Liam Wolf: Das ist diese Karteikarte, die das System an jedes Tagebuch pinnt.

 

Aelfwyn: Ah, das.

 

Liam Wolf: Und das hat mich auf deine Fährte gebracht. Du warst nämlich diejenige, die das fragliche Tagebuch betreut hat, dessen Karteikarte ich mir gerade angesehen habe.

 

Aelfwyn: Wieso wühlst du in der Vergangenheit?

 

Liam Wolf: Weil ich den Sohn betreue.

 

Aelfwyn: Redest du von Joshua Turner?

 

Liam Wolf: Ich wusste, dass du es sofort verstehen würdest. Und ja, ich betreue Josh Turner. Allerdings bin ich jetzt an einem Punkt angelangt, wo ich mehr Informationen brauche um zu entscheiden, ob Handlungsbedarf besteht. Leider ist die Mutter die einzige, bei der ich mir im Tagebuch weitere Informationen verspreche.

 

Aelfwyn: Und jetzt hoffst du, ich könnte die Versiegelung für dich aufheben?

 

Liam Wolf: Nein, nein. Ich kenne die Regeln. Elizabeth Turner ist tot und nichts außer dem drohenden Weltuntergang könnte die Versiegelung aufheben. Aber ich muss es nicht lesen, um an die Informationen zu gelangen. Es reicht, wenn du mir die Informationen gibst, die ich suche, schließlich hast du das Tagebuch ja schon gelesen. Und ich habe genug Vertrauen in dein Gedächtnis, um darauf basierend dann mein Urteil zu fällen.

 

Aelfwyn: Du weißt aber schon, dass auch das gegen die Regeln ist? Es gibt bei uns so etwas wie Schweigepflicht, die mit dem Tod einsetzt.

 

Liam Wolf: Die Regeln besagen, dass ich nichts über die Toten erfragen darf. Aber wenn ich etwas über Leute, die noch leben, die aber in einem Tagebuch eines Toten erwähnt werden, wissen möchte, gibt es etwas mehr Spielraum.

 

Aelfwyn: Hm...

 

Liam Wolf: Hör zu, es würde mir ja schon reichen, wenn ich durch dich den Nachnamen besagter Person erfahren würde, dann könnte ich eine reguläre Suche starten.

 

Aelfwyn: Es scheint dir ja reichlich ernst damit zu sein.

 

Liam Wolf: Oh ja.

 

Aelfwyn: Okay. Ich kann mir ja zumindest deine Fragen anhören.

 

Liam Wolf: Danke! Du bist die Beste!

 

Aelfwyn: Ich weiß. Aber los, was genau willst du wissen?

 

Liam Wolf: Josh überlegt wieder mit einem gewissen Allan zusammen zu kommen...

 

Aelfwyn: Was???

 

Liam Wolf: Dann war also mein erster Eindruck, dass dieser Allan Ärger bedeutet, richtig?

 

Aelfwyn: Kommt darauf an. Aber das klingt zu kompliziert, um es über den Messanger zu besprechen. Was hältst du von einem Besuch in der Menschenwelt? Ein nettes Abendessen unter Freunden?

 

Liam Wolf: Gerne. Ist lange her, dass ich etwas anderes als Kühlschrankrationen hatte.

 

Aelfwyn: Dachte ich mir. Ich vermute, du hast genug Überstunden, um dich problemlos einen Monat in der Menschenwelt aufzuhalten, ohne Ärger zu bekommen.

 

Liam Wolf: Eher drei...

 

Aelfwyn: Das Akosha in Hamburg, Deutschland. Gutes Essen und weit genug von deinem Schützling entfernt, um sicher zu gehen, dass du ihm nicht zufällig in seiner Welt begegnest.