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Weihnachten 2013 - 14

14. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 5 - Sie haben 1 neue Nachricht

„Er hat geschrieben! Tristan hat endlich geschrieben! Und die Entschuldigung mit den Pinguinen, welche die Satellitenverbindung gefressen hatten, war sogar richtig witzig.“

 

Als Josh an diesem Morgen aufstand, war er das glatte Gegenteil seines sonstigen Morgenmuffeldaseins. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre regelrecht durch die Wohnung getanzt. Zumindest für ein glückliches Summen, während er sich Toast und Tee zum Frühstück machte, reichte es.

Tristan hatte endlich geschrieben! Der Koch hatte sich vielmals dafür entschuldigt, dass er sich so lange nicht gemeldet hatte, aber sie hatten in der Station ein paar verhältnismäßig stressige Wochen gehabt, als die Hydraulik der Station einen Defekt aufgewiesen hatte. Und die Hydraulik war der Teil, der es der Station erlaubte, je nachdem entweder ein Stück in die Höhe zu wachsen oder im Schneckentempo den Standort auf dem ewigen Eis um ein paar Meter zu verlegen, um zu verhindern, dass die Station wie ihre Vorgänger im Schnee versank und aufgegeben werden musste. Ziemlich wichtig also. Und nicht nur, dass Tristan wenn schon nicht selbst reparieren so doch zumindest Werkzeuge anreichen und Leitungen halten konnte, galt es auch noch die Mannschaft durch gutes Essen bei Laune zu halten.

Aber es war nicht nur, was Tristan ihm von seinem Leben erzählt hatte, was für Joshs gute Laune verantwortlich zeichnete, nein, Tristan hatte auch nach Joshs Leben gefragt. Und die Art wie er gesagt hatte, dass man nicht weit reisen musste, um eine schöne Zeit zu haben, dass oft die schönsten Flecken direkt vor der eigenen Haustür lagen und er gerne von Josh erfahren würde, was für schöne Flecken es bei diesem gab, ließen keinen Zweifel daran, dass Tristan ernsthaft an einer ausführlichen Antwort von Josh interessiert war. Tristan war an dem interessiert, was er, der langweilige Josh, zu sagen hatte. Was wohl bedeutete, dass er doch nicht so langweilig sein konnte! Und wenn das kein Grund für beste Laune war, wusste es Josh auch nicht.

Jetzt musste er nur seinen Teil der Herausforderung erfüllen. Er würde Bristol, die Stadt, in der er groß geworden war, auf eine Art erkunden müssen, wie er es noch nie getan hatte. Der Blick eines Einheimischen konzentrierte sich eben mehr darauf, wo der nächste Supermarkt war und wann der Bus an der Ecke fuhr. Gut, Informationen zu einem guten Pub waren universell und würden auch ihren Weg in die E-Mail an Tristan finden, aber der Supermarkt wohl eher nicht. Also würde er Tourist und Touristenführer in einem werden müssen. Und ehrlich gesagt freute er sich schon darauf.

Ob es ihm wohl gelingen würde, das ‚Turn a Page’ als Sehenswürdigkeit zu verkaufen? Wenn er es mit genug Humor schrieb, würde Tristan es bestimmt gelten lassen. Und dann mal sehen... Hauptsache, er vermied es, sich in den E-Mails allzu sehr zu verstellen. Nichts verdarb eine Bekanntschaft so schnell wie herauszufinden, dass das Gegenüber so gar nicht war, wie man es der Darstellung nach geglaubt hatte. Einfach er selbst sein, und das Beste hoffen.

Jetzt aber galt es erst einmal, ein paar Dinge über Bristol zu schreiben. Dem Hafen würde er auf jeden Fall eine E-Mail widmen, aber das war sehr offensichtlich und konnte warten. Schließlich konnte Tristan den auch googlen. Vielleicht Clifton. Aber auf jeden Fall St Mary Redcliffe... Ihm würden schon genug Ideen kommen. Und wenn nicht, konnte er ja immer noch Natalie anrufen. Das war überhaupt die Idee!

Während Josh den Laden aufschloss und die neuste Lieferung in die Regale räumte, setzte er schon mal Wasser für eine Kanne Tee auf, in der Hoffnung, dass Natalie für mehr als nur ein Telefonat Zeit hatte. Dann erst griff er zum Telefon.

 

Ob sie wirklich nichts vorgehabt hatte, oder ob es die freudige Aufregung gewesen war, die aus Joshs Stimme geklungen hatte, keine zehn Minuten später war Natalie im Laden – Meredith und ein halbe Kinderzimmer im Schlepptau.

Josh begrüßte sie grinsend.

„Wer ist der Mann, der dich so glücklich macht und wann kann ich ihn kennen lernen?“, fragte seine beste Freundin auch prompt ohne irgendwelche Umschweife.

Josh lachte. „Der Mann heißt Tristan, ob er mich glücklich macht, weiß ich nicht, denn bislang habe ich von ihm nur eine E-Mail gesehen, und das mit dem Kennen lernen wird noch etwas warten müssen, der Gute ist nämlich in der Antarktis und wird nicht vor nächstem Jahr zurückkommen.“

„Ein Pinguinforscher?“

„Eher ein Wie-schmeckt-Pinguin-gebraten-Forscher. Er ist Koch.“

Meredith, die von der Unterhaltung nicht viel mitbekommen hatte, hatte aber immerhin doch so viel mitbekommen, um zu verstehen, dass jemand Pinguine braten wollte, und da ihr liebstes Kuscheltier gerade ein Pinguin war, sorgte das für einen spontanen Tränenausbruch. „Nis Haffi baten!“, rief die Zweijährige empört aus und hielt ihr Kuscheltier fest, fest entschlossen, es gegen alle Köche der Antarktis zu verteidigen.

„Och, keine Sorge, meine Kleine“, beruhigte Natalie ihre Tochter. „Niemand wird Haffi braten. Und auch sonst keine Pinguine.“

Josh, der wusste, dass er sich in dieser Situation besser heraus hielt – niemand beruhigte Meredith so schnell wie ihre Mutter –, sorgte stattdessen schon mal zwei Tassen Tee für den Punkt, da sich zum Glück Meredith mit etwas anderem – einem Spielzeug – von dem Pinguin-Debakel würde ablenken lassen. Und da zum Glück die Aufmerksamkeitsspanne von Zweijährigen noch nicht allzu groß war, dauerte das mit der Ablenkung nicht all zu lange.

„So, nun zurück zu deinem Schneemann. Erzähl!“, verlangte Natalie.

Und Josh erzählte. Zwar nicht alles, aber doch einiges. Wie er an Valentinstag herumgesurft war, dabei auf Tristan gestoßen war und wie er ihn angeschrieben hatte. Wie er die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, nur um dann doch unverhofft noch eine Antwort in seinem E-Mail-Fach vorzufinden.

 

„Warum ich Natalie allerdings nichts von meiner Begegnung mit Allan erzählt habe, weiß ich nicht. Dabei ist sie seine Cousine und kennt ihn, einschließlich seiner weniger netten Wesenszüge. Tatsächlich wäre sie wohl die erste gewesen, die mir gehörig die Meinung gegeigt hätte, wenn sie gewusst hätte, dass ich ernsthaft am Überlegen war, es noch mal mit ihm zu versuchen. Vielleicht erzähle ich es ihr ja später mal...

Auf jeden Fall war es richtig gewesen, sie anzurufen, um sie wegen ein paar Tipps, was ich Tristan schreiben könnte, zu fragen. Jetzt werden wir nächsten Sonntag zusammen mit ihrer Familie ein Picknick auf dem Brandon Hill machen. Das Wetter verspricht schön zu werden.“

 

Von: Pageturner

An: Eiswürfel

Betreff: Picknick

 

Hallo Tristan,

 

heute hatte ich ein Picknick mit einem Pinguin. Dreimal darfst du raten wie ich das angestellt habe. Und nein, ich habe keinen Kurztrip in die Antarktis unternommen. Dann hätte ich in jedem Fall bei dir vorbeigeschaut und mir eure Forschungsstation zeigen lassen. Und nein, ich war auch nicht im Zoo, obwohl das natürlich auch eine Möglichkeit gewesen wäre, den Tag zu verbringen. Und nein, ich habe auch nicht zu Hause ‚Happy Feet’ auf DVD angesehen, auch wenn letzteres mit dem Pinguin beim Picknick zusammenhängt.

Du hattest gefragt, was es in Bristol so an schönen Flecken gibt, und einer der vielleicht schönsten Flecken ist Brandon Hill. Zumindest dann, wenn man mitten in der Stadt etwas Natur sucht. Und da wir überraschend schönes Wetter derzeit haben, habe ich zusammen mit meiner besten Freundin und ihrer Familie dort gepicknickt. Was mich wieder zu dem Pinguin führt. Denn ihre kleine Tochter Meredith geht derzeit nirgendwo hin, ohne, dass nicht auch ihr Stoffpinguin Haffi – Kurzform einer Zweijährigen für Happy Feet – mit von der Partie ist. Womit also das Pinguinrätsel gelöst wäre.

Zurück zu Brandon Hill. Auf den ersten Blick mag es wie ein Stadtpark klingen, der halt zufällig auf einem Hügel ist, aber glaub mir, Park trifft es nicht wirklich. Zwar ist das wohl der offizielle Titel, aber es ist so viel mehr. Es gibt Bereiche, die sind eher als offene Gärten gestaltet, es gibt ein Naturschutzgebiet, eine Wiese, die ganz den Wildblumen gewidmet ist, einen Teich – von dem man Zweijährige definitiv fernhalten sollte – und all das wird vom Cabot Turm überragt. Von John Cabot und der Matthew muss ich dir ein andermal erzählen, aber ja, der Turm ist nach ihm benannt.

Da das Ganze auf einem Hügel ist, oder besser gesagt, das Ganze ist der Hügel, hat man eigentlich von überall auch einen tollen Blick auf einen Teil der Stadt. Vermutlich bin ich jetzt ein schlechter virtueller Fremdenführer, wenn ich dir nicht sagen kann, was alles von Bristol du von welchem Punkt im Park aus sehen kannst, aber ehrlich gesagt ist der Park für mich etwas anderes als ein Aussichtspunkt. Es ist ein Ort, an dem wie durch Zauberhand aller Trubel der Stadt von einem abfällt. Versteh mich nicht falsch, ich mag auch das quirlige Bristol, weshalb ich mir nie vorstellen könnte, auf dem Land oder gar wie du in der Antarktis zu leben, aber ab und an kann die Stadt auch zu viel werden. Und dann die Möglichkeit zu haben, in der Stadt einen solchen Rückzugsort zu finden... Das ist einfach toll. Und es ist auch so, egal in welcher Stimmung man ist, man findet bestimmt den passenden Ort innerhalb von Brandon Hill, der dazu genau passt. Ob man nun alleine oder mit Freunden da ist... Und da es ein Hügel ist, und ein ziemlich steiler noch dazu, kann man auch getrost bei einem Picknick dort schlemmen. Man verbrennt die Kalorien hier eh wieder.

Das nächste Mal, so du möchtest, schreibe ich dir etwas über die Hängebrücke über die Avon-Schlucht und den Ausblick über die Brücke bei einem Glas Bier. Denn was wäre Bristol ohne eine erwähnenswerte Brücke?

 

Bis dahin,

Josh.

 

***

 

Liam wusste, dass er in Schwierigkeiten steckte. Nicht nur, dass es äußert ungewöhnlich war, wenn Moses, der Boss der Tagebuchüberwachungszentrale Englads, höchstpersönlich in der Zentrale auftauchte. Nein, er kam auch noch geradewegs auf Liams Platz zu. Und auch wenn Ted neben ihm nicht minder nervös war – wie auch die anderen Guten Feen rings um Liam herum –, wusste Liam, dass er mit diesem Besuch gemeint war. Einfach, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass einer seiner Kollegen sich zu so einer Dummheit hatte hinreißen lassen, wie er sie begangen hatte. Denn es war eine Sache, sich um einen Tagebuchschützling zu sorgen, aber eine ganz andere aktiv in das Geschehen einzugreifen, wenn aus dem Tagebuch noch kein offizieller Fall geworden war. Doch genau das hatte Liam getan.

Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre es amüsant gewesen, zu sehen, wie all seine Kollegen erleichtert in ihre Stühle zurücksanken, wenn der Boss an ihnen vorübergegangen war, ohne bei ihnen stehen zu bleiben. So aber war Liam zu sehr damit beschäftigt, sich zu überlegen, wie er seinen Chef von der Richtigkeit seines Handelns überzeugen konnte. Denn dass er trotz allem richtig gehandelt hatte, daran zweifelte Liam keine Sekunde. Und es war ja nicht so, dass Moses ein uneinsichtiger Chef gewesen wäre. Eigentlich war Moses sogar ein recht umgänglicher Typ, den Liam schon seit Jahrhunderten kannte, weshalb er sich sogar ehrlich gefreut hatte, als man Moses den Posten des Chefs hier anbot. Aber für gewöhnlich zog Moses es nun mal vor, wenn man den Regeln folgte, waren diese doch aus gutem Grund aufgestellt worden.

„Kaffee?“, fragte Moses nun, als er bei Liam stehen geblieben war.

Neben ihm wäre Ted beinahe vor Überraschung vom Stuhl gefallen. Der Boss höchstpersönlich tauchte hier auf, schritt durch die Reihen wie sein Namensvetter einst das Rote Meer geteilt hatte, um nichts weiter zu fragen, ob Liam mit ihm eine Tasse Kaffee trinken wollte? Eindeutig verkehrte Welt.

Liam aber zweifelte keine Sekunde daran, dass diese Frage bloß die Aufforderung seines Chefs war, jetzt und sofort mit ihm zu kommen. Dennoch konnte er es sich nicht verkneifen, ein wenig das Wasser zu testen. „Aber nur wenn es auch Kekse gibt.“

„Das werden wir sehen“, meinte Moses nur und wandte sich schon in Richtung der Teeküche um.

Das war zwar kein Ja, aber es war auch kein Nein, und damit konnte Liam durchaus leben. Hieß es doch, dass Moses bereit war, ihm eine faire Chance zu geben, den Sachverhalt zu erklären.

Moses verlor keine Zeit und schloss die Tür, was allen Neugierigen, die jetzt plötzlich noch eine Tasse Tee oder Kaffee wollten, erklärte, dass sie gefälligst warten konnten. Dann goss er sich in aller Ruhe eine Tasse des Gebräus seiner Wahl ein, ehe er sich Liam zuwandte. An die Küchenzeile gelehnt, fragte er einen seiner ältesten Mitarbeiter: „Was hat dich geritten, so etwas Dummes anzustellen? Sich als Mensch auszugeben und einen deiner Tagebuchschützlinge zu kontaktieren? Weißt du denn nicht, was das für Folgen haben kann?“

Liam wurde rot, doch er stand zu seiner Entscheidung. „Auch wenn ich vielleicht nicht alle Folgen bedacht habe, so habe ich in jedem Fall die Folgen bedacht, die es haben würde, wenn ich nichts unternommen hätte.“ Schmerz, Verzweiflung und Wut huschten über sein Gesicht, als er daran dachte, was er alles von Aelfwyn erfahren hatte...

 

Das indische Restaurant, das Aelfwyn ihm benannt hatte, lag an einer dicht befahrenen Straße, unweit einer belebten Amüsiermeile und fast genau gegenüber eines Fußballstadions. Dennoch war es in dem Restaurant erstaunlich ruhig und gemütlich. Es hatte eine indische Atmosphäre, ohne von Kitsch überladen zu sein, Kellner und Wirt waren höflich, aufmerksam und gut gelaunt. Und das Essen war wirklich superb.

Während sie sich durch ein Menü für zwei Personen schlemmten, führten beide einen regelrechten Eiertanz auf, um an die Informationen zu gelangen, die sie voneinander wollten, nur um vom anderen jeweils zu hören, dass es gegen die Regeln verstoße.

„Du weißt, dass ich dir nicht sagen darf, wie es Josh in Bezug auf den Tod seiner Mutter geht. Immerhin hast du ihr Tagebuch betreut!“, blitzte Liam Aelfwyn an, doch das amüsierte Zucken in seinen Mundwinkeln verriet, wie sehr er es im Grunde genoss sich mit seiner Mentorin über die Umsetzung und Einhaltung gewisser Regeln zu zanken.

„Aber du verlangst von mir, dass ich dir etwas verrate, das ich aus dem Tagebuch einer Toten weiß, ohne zu wissen, ob es Not tut?“

„Aelfwyn, darf ich dich daran erinnern, dass du nur eine Taste davon entfernt warst, über den Messanger regelrecht zu brüllen, so wenig schienst du angetan von der Idee, dass Josh wieder mit Allan zusammen kommt?“

„Und was, wenn das ein freudiger Ausruf gewesen wäre?“, konterte Aelfwyn.

„Dann säßen wir jetzt nicht hier. Dann hätte ich dich vermutlich gar nicht erst kontaktiert.“

„Wie wäre es damit: Wir stellen gegenseitig einfach mal Hypothesen in den Raum. Und widersprechen nur, wenn sie all zu weit von der Wahrheit entfernt sind?“

„Wäre das denn regelkonform?“, neckte Liam sie, der mit dieser Art der Auskunftsfindung durchaus leben konnte.

„Wir würden uns gegenseitig ja nichts erzählen. Wir würden ja nur Behauptungen aufstellen, die unserer Phantasie entspringen.“

Beide grinsten einander verschwörerisch an. Das Spiel konnte beginnen.

„Du zuerst!“, sagten beide wie aus einem Mund und mussten prompt lachen.

„Okay, ich gebe dem ganzen einen Versuch“, meinte Aelfwyn und schnappte sich prompt als Rache das letzte Stück Linsenbrot. „Nachdem er den Tod seiner Mutter verwunden hat, vermisst Josh die alten Zeiten und überlegt nach York zu ziehen, in der Hoffnung, die räumliche Nähe zu Allan würde es ihm erlauben, diesem wieder häufiger zu begegnen, was dann zwangsläufig zu einem Wiederaufleben der Beziehung führt und Josh lebt mit Allan glücklich bis an sein Lebensende.“

„Nicht schlecht, eine Quote von etwa fünfundzwanzig Prozent“, kommentierte Liam. „Jetzt ich... Die Trennung von Josh hat Allan sehr geschmerzt, so sehr, dass er kaum einen Fuß vor die Tür gesetzt hat, aber als der rücksichtsvolle Mensch, in den Josh sich bereits im Kindergarten verliebt hat, wusste er, wie wichtig Josh die verbleibende Zeit mit seiner Mutter wäre und so hat er sich diskret zurückgehalten, auch wenn er am liebsten die ganze Zeit an seiner Seite gewesen wäre. Schließlich hielten es seine Freunde nicht länger aus, dass Allan dermaßen Trübsal blies und haben ihn regelrecht gezwungen, sie zur Londoner Buchmesse zu begleiten, wo er dann zufällig Josh begegnet. Es war wie bei Cinderella und dem Prinzen, ein Blick, und beide lagen sich glücklich in den Armen.“

Aelfwyn schüttelte lachend den Kopf. „Das einzige, was hier vermutlich stimmt, ist eine Begegnung auf der Buchmesse, aber da du das vermutlich aus Joshs Tagebuch hast, kann ich dir dafür leider keine Punkte geben.“

„Du bist dran“, meinte Liam nur.

„Hm, ich könnte jetzt versuchen, herauszubekommen, was genau ich vorhin zu einem Viertel richtig geraten habe... Einen Punkt kann ich schon mal ausschließen, so wie ich Josh einschätze, dauert es länger um den Tod seiner Mutter wirklich zu überwinden, was aber auch nur natürlich ist, immerhin war sie seine Mutter und Trauer braucht ihre Zeit. Da einige der Punkte von einander abhängen, bleiben, dass er entweder die alten Zeiten vermisst oder sich in Bristol so unwohl fühlt, weil ihn dort alles an seine Mutter erinnert, dass er wieder nach York zieht. Aber dann müsste York nicht zwangsläufig heißen, wieder mit Allan zusammen kommen zu wollen.“

„Wie wäre es damit: Allan ist ein solch reizender Mensch, dass Josh nicht anders konnte als ihm einzureden, er sei der interessanteste Mensch der Welt während Josh selbst behauptet der langweiligste zu sein, alles nur, damit Allan nach Joshs Manipulation so süchtig wird, dass Allan nicht weiß, wie ihm geschieht, als sie sich auf der Buchmesse treffen und Josh sich am Ziel seiner Pläne sieht als Allan ihm gesteht, dass er ihn vermisst?“

„Interessante Theorie. Und etwa die Hälfte der Worte, nicht aber der Sätze, dürfte der Wahrheit entsprechen.“

Liam nickte. Er hatte also richtig zwischen den Zeilen gelesen, dass Allan ein manipulativer Bastard war, der Josh eingeredet hatte, er sei langweilig. Bloß weil dieser offenbar andere Interessen hatte als Allan...

 

„Das Problem ist: Menschen wie Allan werden von zwei Sorten Mensch angezogen. Einmal die absolut Selbstsicheren, weil sie für jemanden wie Allan eine Herausforderung darstellen. Und dann die mit geringem Selbstbewusstsein, die sie dann als Spielzeug missbrauchen. Ich denke, Josh Turner hat das Potenzial zur ersten Gruppe zu gehören, aber etwas ist im Laufe der Beziehung zu Allan schief gegangen und er ließ sich in die zweite Gruppe drängen“, erklärte Liam nun Moses. „Ich kenne natürlich nicht alle Fakten, aber aus dem, was ich mir zusammenreimen konnte, glaube ich, dass die Krankheit seiner Mutter Josh einen willkommenen Ausweg aus der zerstörerischen Beziehung zu Allan bot. Jetzt, kaum ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter, die ihm offenbar einer sehr große Stütze war, begegnet er Allan wieder. Er ist also längst nicht in der Verfassung, mit Allans fieseren Seiten umzugehen.“

„Liam, du weißt, alle Menschen haben dunkle Seiten“, entgegnete Moses ruhig.

„Aber nicht alle nutzen diese, um andere Menschen einzig nach ihrem Willen gefügig zu machen. Allan ist vielleicht Joshs Zukunft, aber nur wenn sie sich ebenbürtig sind können wir auf ein Happy End hoffen. Und ist nicht ein Happy End das, wofür die Guten Feen stehen? Märchen enden nun mal nicht damit: ‚Und der Prinz lebte glücklich bis an sein Lebensende, während die Prinzessin jeden Tag mehr verkümmerte, bis sie sich schließlich das Leben nahm.’.“

„So schlimm?“, fragte Liams Chef mit hochgezogenen Brauen.

„Vielleicht nicht ganz so dramatisch, aber ein Happy End wäre augenblicklich nicht in Sicht. So wie ich die Dinge sehe, liefe es eher darauf hinaus, dass wir binnen eines Jahres das Tagebuch zu den akuten Fällen schieben müssten, um das Schlimmste zu vermeiden. Nur, dass Josh während der ersten Beziehung kein Tagebuch geführt hat und ich nicht sicher sein kann, dass er noch eines führen würde, wenn er mit Allan wieder zusammen käme. Nicht, wenn das Tagebuch in Allans Händen zur Waffe, die sich gegen Josh richtet, wird. Aelfwyn hat zwar nichts gesagt, was die Regeln nicht zuließen, aber offenbar hat sich Joshs Mutter zunehmend Sorgen um ihren Sohn gemacht, während dieser mit Allan zusammen war.“ Liam hatte zwar nicht vorgehabt, seine alte Mentorin da mit hineinzuziehen, aber er sah keinen anderen Weg, um Moses davon zu überzeugen, dass er keineswegs nur Behauptungen in den Raum stellte oder etwas in das Tagebuch hinein interpretiert hatte, was gar nicht vorhanden war. Dass er nicht überstürzt gehandelt hatte.

Moses musterte Liam mit noch immer hochgezogenen Augenbrauen. Er kannte Aelfwyn und auch Liam gut genug, dass keiner von beiden gegen eine der Regeln verstoßen haben würde und dennoch in der Lage waren, einander genug Informationen zukommen zu lassen. „Dennoch bleibt die Frage: Wieso dieser Weg? Wieso die E-Mail?“

Liam war der Part ein wenig unangenehm, aber es half nichts. „Josh selbst hatte das quasi als Ultimatum gesetzt. Eine E-Mail von diesem Tristan innerhalb der nächsten dreißig Tage oder er würde zu Allan zurückkehren. Da war keine Ausweichformulierung wie ‚oder ein anderer heißer Typ’ oder dergleichen ähnliches. Es war nur diese E-Mail oder gar nichts.“

„Was aber, wenn dieser Tristan doch noch selbst antwortet? Dann würde dein Schwindel doch sofort auffliegen.“

„Ich habe ein paar Nachforschungen angestellt... es gibt schließlich nur eine begrenzte Anzahl von Forschungsstationen in der Antarktis. Und obwohl es dort unten durchaus Köche gibt, heißt keiner von ihnen Tristan. Die Besatzungslisten lassen sich meist recht einfach finden.“

„Er könnte unter einem anderen Namen im Internet auftreten. Denn dort hat ihn doch Josh gefunden“, gab Moses zu bedenken.

„Weshalb gibt sich jemand einen anderen Namen, um dann noch einen Usernamen anzunehmen? Das ergibt wenig Sinn“, widersprach Liam. „Besonders nicht, wenn man über die angegebene E-Mail-Adresse eine Art Rückwärtssuche mit unserer Suchmaschine macht. Die erlaubt es uns nämlich zu erkennen, wo sich derjenige überall angemeldet hat. In einem anderen Forum ist Tristan derzeit angeblich auf einer botanischen Expedition im Amazonasbecken. In einem dritten überlegt er in Tokio eine Fish & Chips-Bude aufzumachen... Und das alles zur selben Zeit?“

„Okay, ich sehe, dass die Chancen, dass dieser Tristan, oder wie auch immer er wirklich heißen mag, eine E-Mail an Josh schreiben wird wohl eher gen Null tendieren...“ Moses starrte gedankenverloren in seine nunmehr leere Tasse und überlegte, welche Alternativen Liam unter diesen Umständen geblieben waren, die nicht gleichzeitig Josh in Allans Arme getrieben hätten. Doch, zog man das Zeitlimit mit in Betracht, fiel auch dem Boss der Tagebuchüberwachungszentrale nicht wirklich eine bessere Lösung ein. „Also gut“, sagte er schließlich, „ich will es bei einer Verwarnung belassen. Aber sieh zu, dass du damit nicht noch mehr Chaos anrichtest, das am Ende schlimmer ist, als alles, was du derzeit verhindern möchtest.“