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Weihnachten 2013 - 16

16. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 6 - Nichts ist unmöglich

„Allan hat mich angerufen... und ich habe ‚Nein’ gesagt.“

 

Der Juni neigte sich seinem Ende zu und das hieß, dass es Zeit für das große Finale des National Twelve-Bell Striking Contests war. Da die Glöckner der St. Mary Redcliffe Kathedrale sich im März für das Finale qualifiziert hatten, hieß es für die ganze Gruppe nach Nord-Yorkshire zu fahren. Da sie nicht riskieren wollten, im Stau stecken zu bleiben und wegen fehlender Team-Mitglieder disqualifiziert zu werden, mal ganz abgesehen davon, dass eine vierstündige Autofahrt nicht unbedingt das beste Aufwärmtraining für einen Wechselläuten-Wettbewerb war, hatte man sich darauf geeinigt, bereits am Abend vorher anzureisen.

Gertie und Josh waren die letzten, die Bristol verließen. Gertie, weil sie freitags immer auf ihre Enkelin aufpasste, während ihre Mutter eine Doppelschicht am Flughafen absolvierte, damit sie im Gegenzug das Wochenende frei hatte. Josh, weil er den Laden neben dem Samstag nicht auch am Freitag schon eher schließen wollte. Das bedeutete zwar, dass sie den geplanten Pubabend mit ihren Läut-Kollegen versäumen würden, aber damit mussten sie leben. Immerhin würde keiner von ihnen alleine fahren müssen, und zu zweit würden sie die vier Stunden schon nett hinter sich bringen.

Als Gertie mit ihrem schon etwas betagten Fiat Punto vor dem ‚Turn a Page’ hielt, sah sie Josh bereits mit einem breiten Grinsen warten.

„Ja hallo der Herr“, rief sie überrascht. „Was ist geschehen, dass du heller strahlst als die Clifton Hängebrücke bei Nacht? Und reichen vier Stunden überhaupt, um mir alles zu erzählen?“, fragte sie, währen sie Joshs kleine Reisetasche in den Kofferraum warf.

„Och“, versuchte Josh zu tun als wäre nichts besonderes geschehen, „ich hatte einfach nur einen guten Tag... so gut, ehrlich gesagt, dass ich jetzt sogar fast glaube, wir könnten den Wettbewerb gewinnen.“

Gertie lachte. „Deine Zuversicht in allen Ehren, aber ich weiß, dass Birmingham sich nicht so leicht geschlagen geben wird.“ Besagtes Team hatte schließlich nicht umsonst die beiden letzten Jahre den Wettbewerb gewonnen. Aber es war gut zu sehen, dass Josh nicht wieder so ein Nervenbündel war wie vor der Vorrunde.

Als sie beide angeschnallt waren, wandte sich Gertie an ihren Beifahrer, die Hand am Schlüssel. „Du hast die Wahl: Entweder du erzählst mir von deinem super Tag und ich fahre brav nach Ripon, oder der Wagen bleibt hier stehen und wir gehen zu Fuß!“

Josh lachte leise. Sie wussten beide, dass das im Grunde eine leere Drohung war, denn Gertie würde es nie übers Herz bringen, das Team dergestalt im Stich zu lassen. Aber da sie sich bereits früher als gute Zuhörerin erwiesen hatte, war er durchaus bereit, sie an dem Leben des Josh Turner, der offenbar interessanter war als er gedacht hatte, teilhaben zu lassen.

„Um das zu verstehen, musst du etwas über meine Kindheit und Jugendzeit wissen. Weshalb wir also mit einem schüchternen, um nicht zu sagen total verängstigten Josh am ersten Tag der Vorschule beginnen. Brav von meiner Mutter zur Schule gebracht, musste sie mich dort prompt allein lassen, denn im Jahr zuvor war mein Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und Mum musste sich alleine um den Laden kümmern. Das wusste ich, weshalb ich auch nicht traurig war, dass sie nicht bei mir sein konnte, aber dennoch fühlte ich mich extrem allein und unsicher. Und dann kommt da dieser kleine Wirbelwind daher, beide Hände in den Haaren, um sich die Gummibänder aus den Zöpfen zu ziehen, die ihre wohlmeinende Mutter ihr zur Feier des Tages verpasst hatte, um sich vor besagter Mutter hinter mir zu verstecken.“

„Klingt als hättest du kaum Zeit gehabt, dich allein zu fühlen“, sagte Gertie, während sie mit sicherer Hand den Wagen aus der Stadt in Richtung Autobahn lenkte.

„Nicht wirklich, aber wie du dir vorstellen kannst, war der Gedanke einer fremden Mutter gegenüber zu stehen, die am Ende sauer auf mich war, weil ihr Kind sich hinter mir versteckte, alles andere als aufbauend für mich... Zum Glück war Natalies Mutter überhaupt nicht böse oder so, allerdings machte sie Natalie klar, dass später, für den Fototermin die Zöpfe wieder sein müssten, schließlich erwarteten die Großeltern ein vorzeigbares Bild ihrer Enkelin und nicht das einer Schulhofwilden. Ich wusste es damals nicht, aber offenbar waren die Großeltern wenig erfreut gewesen, als ihre jüngere Tochter ‚nur’ einen Ingenieur heiratete, während ihre ältere Schwester es wohl geschafft hatte, den Direktor einer Privatklinik als Ehemann zu gewinnen. Ich habe die alten Herrschaften später einmal kennen gelernt und im Grunde ihres Herzens waren es keine schlechten Menschen. Sie wollten nur das Beste für ihre Kinder und nachdem sie selbst lange Jahre schwer hatten arbeiten müssen, um es zu einem Mitteklassewohlstand zu bringen, wollten sie das ihren Kindern ersparen. Was sie dabei vergessen hatten war, dass ihnen die harte Arbeit zwar vielleicht nicht viel Freude gebracht hat, aber die Tatsache, dass sie es gemeinsam taten, für ihre Familie, hat viel zu ihrem Glück beigetragen.“

„Glück lässt sich eben nicht kaufen“, meinte Gertie. „Aber es ist auch verständlich, wenn man sich wünscht, dass die eigenen Kinder ihr Glück genießen können, ohne dabei wegen langer Arbeitszeiten das Familienleben zu verpassen.“

„Natalies Vater mochte zwar ‚nur’ ein Ingenieur sein, aber er konnte seine Familie mit seinem Gehalt durchaus ernähren, und dass Natalies Mutter halbtags gearbeitet hat, nachdem ihre Tochter in der Schule war, war ihre eigene Entscheidung. Dass dadurch ein wenig mehr Geld in der Familienkasse war, tat dem Ganzen keinen Abbruch, aber es war eine freie Entscheidung, keine Notwendigkeit“, fuhr Josh fort. „Dennoch haben die Großeltern wohl immer davon erzählt, wie prächtig es doch der älteren Tochter gehe, wie wohlerzogen doch deren Junge sei und so weiter. Also waren Perfekte Püppchen Bilder, wie Natalie sie immer nannte, Pflicht. Denn wie du dir vielleicht denken kannst, waren Natalie und ich seit dieser ersten Begegnung die besten Freunde.“

„Oh, auf jeden Fall. Mädchen sind treue Freunde, besonders, wenn diese Freunde sich als lebendes Versteck vor Müttern eignen.“

„So in etwa“, meinte Josh. „Abgesehen davon, dass Natalie ein prima Kerl ist, auch wenn ich der einzige bin, der sie so nennen darf. Die Tatsache, dass unsere Freundschaft sogar die Mädchen/Jungs sind doof Zeit und die Pubertät unbeschadet überstanden hat, spricht für sich.“

„Das ist definitiv beeindruckend“, sagte Gertie. „Wobei ich mir denken könnte, dass es geholfen hat, dass du zu keiner Zeit mehr in Natalie als deine beste Freundin gesehen hast.“

„Du vergisst aber, dass wir somit durchaus das Problem hatten, das sonst nur beste Freundinnen teilen – für den gleichen Jungen zu schwärmen.“

„Aber selbst diese Hürde scheint ihr bravourös gemeistert zu haben.“

Josh nickte. „Was aber wohl daran lag, dass sich im Sommer als wir beide fünfzehn waren mein Interesse schlagartig weg vom Mädchenschwarm der Schule und hin zu Natalies Cousin gewendet hat. Und für den eigenen Cousin schwärmt man schließlich seit Jane Austens Zeit nicht mehr.“

„Ist das der selbe Cousin, für den Natalie immer brave Schulbilder zu den Großeltern schicken musste?“, erkundigte sich Gertie.

Josh nickte abermals. „Allan. Er war, na ja, ist es immer noch, drei Jahre älter als Natalie und ich. In jenem Sommer hatten seine Eltern sich für eine ausgedehnte Kreuzfahrt entschieden und mit achtzehn ist es entschieden uncool, seine Eltern auf Urlaubsreise zu begleiten, egal wie cool diese Reise auch sein mag. Zumal die Alternative damit lockte, ungestört im Elternhaus die besten Partys des Sommers feiern zu können. Allerdings machten ihm seine Eltern hier einen Strich durch die Rechnung. Offenbar hatte Allan im Winter, als die Eltern auf einer Tagung waren, das Haus derart verwüstet, dass sie ihrem Sohn nur die Wahl ließen, den Sommer bis Unibeginn entweder bei den Großeltern oder bei Natalie und ihrer Familie zu verbringen.“

„Oha!“

„Genau: Oha! Die fürsorglichen Eltern gingen sogar so weit, ihrem Sprössling vorsorglich die Hausschlüssel abzunehmen.“

„Doppel-Oha!“

Josh grinste. „Offenbar hätte Allan die Eltern beinahe die lang ersehnte Reise gekostet, ich habe zumindest das Wort ‚Heimkino’ mehr als einmal von Natalies Mutter gehört.“

„Okay, und da ein Sommer mit den Großeltern für einen Achtzehnjährigen noch langweiliger klingt als ein Sommer bei der kleinen Cousine kam er nach Bristol?“, nahm Gertie fragend den Faden wieder auf.

„Ja. Und ich habe mich zum größten Vollidioten gemacht. Aber gut, ich war fünfzehn, da ist das verständlich.“

„Und wie genau hast du dich zum Vollidioten gemacht?“

„Gertie, an diesem Punkt hast du die Wahl. Entweder ich erzähle dir, wie ich mich zum Vollidioten gemacht habe, oder ich erzähle dir, weshalb ich heute so gut drauf bin. Aber du kannst nur eines von beidem haben.“

„Lass mich raten: Du wärest mir zugleich auf ewig dankbar, wenn ich mich für heute und nicht damals entscheide?“

„Die Heute-Geschichte ist in jedem Fall die bessere. Und ich wüsste, dass ich zumindest ein Geheimnis für mich behalten habe. Zumal es beinahe unvorstellbar ist, aber sogar Natalie schweigt über diesen Vorfall.“

„Also gut, das ist ein überzeugendes Argument. Ich wähle das Heute.“

Josh sah Gertie dankbar an. „Ich brauche es vermutlich nicht groß zu erwähnen, aber Allan war nicht sonderlich davon angetan, den Sommer über von einem Fünfzehnjährigen angeschmachtet zu werden. Als ich ihn dann eines Abends sah, wie er einen anderen küsste, war ich am Boden zerstört und zugleich absolut freudig erregt. Wieso ich am Boden zerstört war, ist klar, die Freude allerdings rührte daher, dass vor mir der lebende Beweis stand, dass Allan wie ich an Kerlen interessiert war. Bis zu dem Zeitpunkt hatte darüber nämlich nie Klarheit geherrscht, hatte er doch bei so ziemlich jeder Gelegenheit ganz offen, um nicht zu sagen fast schon aggressiv mit so ziemlich jedem hübschen Mädchen geflirtet. Heute weiß ich, dass das Fassade ist, aber na ja...“

„Entschuldige, wenn ich vielleicht kein Recht habe, das zu sagen, aber ich finde so eine Fassade einfach nur mies. Nicht nur, dass er diejenigen, an denen er insgeheim wirklich interessiert ist, im Unklaren lässt, er spielt auch mit den Mädchen und das mag ich nun mal gar nicht“, empörte sich Gertie.

„Nett ist es sicherlich nicht, aber nicht alle sind so tolerant wie du und nicht in jeder Stadt gibt es eine solche Akzeptanz was Homosexuelle betrifft wie in Bristol“, versuchte Josh sie zu beruhigen. Das fehlte noch, dass Gertie sich am Ende so in Rage steigerte, dass sie das Lenkrad verriss und sie vom Weg abkamen. „Die Privatklinik seines alten Herrn war irgendwo mitten in einer idyllischen Landschaft mit rechts wie links einem Kleckerdorf und die nächste Stadt war auch nicht wirklich das, was du und ich darunter verstehen. Sich dort als homosexuell zu outen hätte seine Mutter durchaus den Bridgeclub und den Vater die Zugehörigkeit zum Golfclub kosten können. Da reden alle nur von Toleranz, aber die wenigsten praktizieren sie auch.“

„Okay... vielleicht.“

„Tja, und ist so eine Fassade erst mal Teil des Verhaltens, ist es schwer, das plötzlich abzulegen, bloß weil man sich für ein paar Wochen woanders aufhält. So aber hatte ich immerhin den Beweis, dass ich hoffen durfte. Denn mit einem anderen Kerl konnte ich konkurrieren, mit einem Mädchen nicht.“

„Hast du denn Allan nach diesem Sommer wieder gesehen?“

Josh nickte. „Bei unserer Schulabschlussfeier. Die ganze Familie war anwesend, da konnte er schlecht fernbleiben. Und als sich dann herausstellte, dass ich an die gleiche Uni gehen würde, an der auch er studierte, wurde er gar genötigt, mir seine Handynummer zu geben, damit ich ihn anrufen könnte, falls ich Orientierungshilfe bräuchte.“

„Hast du ihn angerufen?“ Irgendwie konnte Gertie sich das nicht so recht vorstellen. Denn egal wie verliebt Josh in diesen Allan gewesen sein mochte, so war er doch von Natur aus eher schüchtern.

Josh schüttelte auch prompt den Kopf. „Aber wie das nun mal so an der Uni ist... man trifft Leute, alle sind jung, haben nur Blödsinn im Kopf, sobald die Vorlesungen vorbei sind... Ein paar Bier zu viel und jemand anderes hatte plötzlich mein Handy und mit einer Treffsicherheit, die nur zu bewundern ist, hat er sich natürlich genau Allans Nummer ausgesucht, um einen betrunkenen Scherzanruf zu machen.“

Gertie lachte. Irgendwie passte das.

„Das Seltsame war: Allan schien das noch nicht einmal zu stören. Er fragte nur, wo die Party sei, und dass er vorbeikommen würde. Ich erinnere mich nicht mehr, was danach an dem Abend noch passierte, aber am nächsten Morgen wachte ich in meinem Zimmer im Wohnheim auf und Allan lag neben mir. Und, entschuldige, wenn ich das jetzt so direkt sage, einzig die Tatsache, dass mein Hintern nicht weh tat, verriet mir, dass ich offenbar in der Nacht nicht meine Unschuld verloren hatte. Ich glaub, das hätte ich nicht verkraftet, mich daran nicht mehr zu erinnern.“

„Dann war es kein Zufall, dass Allan bei dir übernachtet hat?“

Josh zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Er meinte, er sei selbst zu betrunken gewesen, um noch in einem Stück nach Hause zu kommen, aber an der Uni war er ein ganz anderer Mensch. Vielleicht, weil es London war, vielleicht weil es mehr als eine Stunde mit dem Auto von dem idyllischen Fleckchen Erde entfernt war, wo seine Eltern lebten und wo er das Familienansehen wahren musste. Aber über kurz oder lang waren wir zwei unzertrennlich.“

Gertie riskierte einen Blick hinüber zu ihrem Beifahrer. Etwas in seiner Stimme sagte ihr, dass es zugleich die schönsten, aber auch sehr schmerzhafte Erinnerungen waren.

„Ich weiß auch nicht, wie es kam, aber vermutlich war es keine gute Mischung... ein naiver, verliebter Frischling und ein... Allan.“

„Du sagst das, als wäre das eine Beschreibung...“

„Ich weiß bis heute nicht, wie er tickt. Er liebt Partys, hasst Verantwortung, ist ein enormer Egoist, kann einen manipulieren und verletzen, aber er kann auch verdammt nett sein. Rückblickend aber kann ich sagen, dass ich nahe dran war, ihm hörig zu sein. Vielleicht hatte ich am Ende diese Linie auch schon überschritten. Denn obwohl ich vieles in unserem gemeinsamen Leben später nicht mochte, habe ich es nie geschafft ‚Nein’ zu sagen. Bis heute. Da habe ich es gesagt.“ Und da war es wieder: Josh’s Megawattlächeln, das Gertie schon bei der Abfahrt aufgefallen war.

„Okay... ich glaube, du hast gerade ein paar wichtige Ereignisse übersprungen, kann das sein?“

„Um es kurz zu machen: Meine Mutter wurde krank und meine Liebe für sie und mein Pflichtbewusstsein ihr gegenüber waren stärker als alle Macht, die Allan über mich hatte. Weshalb ich also von York, wo wir damals wohnten, nach Bristol gekommen bin. Zuerst nur für einen Besuch, solange bis es ihr besser ging. Dann aber merkte ich, dass es mir selbst in Bristol besser ging als in den letzten Jahren in York und so habe ich weiter Ausreden gesucht, weshalb ich bleiben musste. Bis ich dann irgendwann einfach vergessen habe, Allan mit weiteren Ausreden anzurufen. Ich bin einfach in Bristol geblieben und das war das Ende unserer Beziehung. Erst dieses Jahr, auf der Buchmesse in London, bin ich ihm wieder begegnet. Und als er mir sagte, dass er mich vermisst hätte... irgendwie konnte ich in dem Moment überwiegend nur an die schönen Dinge mit ihm denken. Aber immerhin hatte ich noch genug Kraft, nicht sofort wieder ‚Ja’ zu sagen.“

„Sag jetzt nicht, dass du ernsthaft überlegt hast, dich wieder auf so eine zerstörerische Beziehung einzulassen?“ Es kostete Gertie viel Konzentration, den Blick bei diesen Worten nicht von der Straße und hin zu Josh zu wenden.

„Ich fühlte mich extrem einsam. Und wenn du jahrelang gehört hast, dass du so langweilig bist, dass kein anderer dich nimmt, bis du selbst anfängst es zu glauben...“

„Jetzt hör aber auf! Du bist nicht langweilig. Und muss ich dich daran erinnern, dass ich im März Zeuge war, wie ein junger Mann namens Daniel sich beinahe um Kopf und Kragen geflirtet hat, was deine Person betrifft?“

„Hat irgend jemand hinterher versucht, dem armen Hund von Pavlov es wieder abzugewöhnen, beim Glöckchenbimmeln zu sabbern?“, erwiderte Josh. „Der Verstand mag es wissen, aber der Körper denkt da ganz eigenständig. Es ist ein ständiger Kampf. Aber es hilft, wenn man gezeigt bekommt, dass man interessant ist. Was mich zu Tristan bringt. Ich habe ihn übers Internet kennen gelernt und mit jeder E-Mail, die wir tauschen, stärkt den Gedanken, dass ich nicht langweilig sein kann. Weil sonst ein Typ wie Tristan schon längst das Weite gesucht hätte.“

Gertie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Konnte es sein, dass Josh seine emotionale Stärke nun von diesem Tristan abhängig machte? Auch wenn es ihm erlaubte, sich von Allan loszulösen, was wenn Tristan ähnlich schlecht wie Allan für Josh war? Und weil sie den Mann neben sich wirklich mochte, konnte sie mit diesen Fragen auch nicht hinter den Berg halten.

„Deine Sorge ehrt dich, Gertie“, beruhigte Josh sie, „aber sie ist unbegründet. Tristan und ich sind wirklich nur E-Mail-Bekannte. Für alles andere ist die räumliche Distanz zu groß. Tristan ist nämlich derzeit in der Antarktis.“

„Dein Wort in Gottes Gehörgang“, murmelte Gertie. „Allerdings kann ich dir jetzt schon eines versprechen: Solltest du dich je so verändern, dass ich beginne mir Sorgen zu machen, werde ich nicht dastehen und tatenlos zusehen. Und wenn ich dich bei Nacht und Nebel entführen und verstecken muss, bis du wieder klar denken kannst.“

„Danke“, sagte Josh ehrlich und meinte es von ganzem Herzen so. „Aber wirklich, Tristan und ich schreiben uns seit weniger als zwei Monaten und es vergehen durchaus Tage bis einer dem anderen antwortet, und trotzdem hat das ausgereicht, dass ich Allan heute am Telefon ‚Nein’ sagen konnte, als er mich anrief und vorschlug, dass ich morgen nach dem Wettbewerb einen Zwischenstopp in York einlege um ihn zu sehen. Und es hat sich fantastisch angefühlt. Vor allem die drei Sekunden Schweigen, ehe ich aufgelegt habe, bevor er seine Stimme wieder finden konnte.“

 

„Wir sind Dritte geworden. Birmingham hat mal wieder gewonnen. Aber ehrlich, als wir heute zurückgefahren sind und ich bei jeder Ausfahrt, die als Richtung York anzeigte nur grinsen konnte, fühlte ich mich wie der wahre Sieger dieses Wochenendes.“

 

***

 

Liam saß vor seinem Bildschirm und fragte sich, ob es eine so gute Idee gewesen war, den E-Mail-Kontakt mit Josh aufrecht zu erhalten. Nicht, dass er seine Entscheidung, seinem Schützling als Tristan zu schreiben, bereute, aber es war komplizierter als er erwartet hatte, diese Tristan-Fassade aufrecht zu erhalten. Sein Verstand sagte ihm, dass es im Grunde gereicht hätte, wenn er nur solange mit Josh gemailt hätte, bis dieser vor Allan sicher wäre, und sich dann langsam zurückgezogen hätte. Zumal Josh sehr wohl bewusst war, dass diese Sache mit Tristan nie mehr als eine E-Mail-Bekanntschaft werden konnte. Sprich, ein paar sporadische E-Mails, die Information, dass Tristan als nächstes für ein oder mehr Jahre auf einem Kreuzfahrtschiff als Koch die Welt sehen würde, und früher oder später würde Tristan nicht mehr als eine nette Erinnerung für Josh sein. Was im Grunde bedeutete, dass jetzt eigentlich der richtige Zeitpunkt zum Abnabeln gekommen wäre, ließ Joshs letzter Eintrag doch keinen Zweifel mehr daran aufkommen, dass Allan keine Gefahr mehr darstellte. Und Liam war auch sehr froh darüber. Aber irgendwie schaffte er es nicht, sich mit dem Gedanken, die Tristan-Fassade abzubauen und schlussendlich fallen zu lassen anzufreunden.

Stattdessen hatte Liam selten mehr als eine Woche vergehen lassen, ehe er Josh eine ausführliche Antwort geschrieben hatte und hatte ehrlich gesagt auch nicht vor daran jetzt etwas zu ändern. Gut, zum einen ging es ihm darum, diesem zu versichern, dass das, was er schrieb, interessant war – und somit Josh interessant war –, zum anderen aber hatte er stets so bald geantwortet, weil die E-Mails ihm einfach eine Abwechselung im drögen Alltagseinerlei der Tagebuchzentrale boten. Weshalb man, wenn man es genau betrachtete, zu dem Schluss kommen konnte, dass Liam seinen Schützling somit missbrauchte. Die Konsequenzen wollte er sich lieber gar nicht erst ausmalen.

Vermutlich war das der Punkt, an dem er zu Moses hätte gehen und seinen Chef um Versetzung hätte bitten müssen. Selbst wenn es bedeutete, einen dieser Fälle zugewiesen zu bekommen, wo man Nachts wegen Alpträumen nicht zum Schlafen kam und gegen die Aschenputtels Dasein noch als Leben in einem liebevollen, fürsorglichen Umfeld zu bezeichnen war. Einfach, um aus dem lähmenden Alltag herauszukommen. Vermutlich waren dreihundert Jahre nur Tagebücher wohl auch zu viel für die stärkste Fee. Aber er schaffte es nicht. Vielleicht, weil es ihm dann vorgekommen wäre als ließe er Josh im Stich.

Das andere Problem aber, was Liam mit seiner E-Mail-Aktion hatte, war: Ihm gingen so langsam die Ideen aus, was Tristan Josh noch alles schreiben konnte. Denn anders als Bristol, wo jede Ecke etwas Interessantes bereitzuhalten schien, war die Antarktis nun mal eine Schnee- und Eiswüste mit ein paar Pinguinen und ein paar Forschungsstationen. Und mittlerweile gingen Liam selbst seine Pinguinwitze auf den Keks. Er brauchte ein neues Thema!

Dementsprechend durchforstete er gerade an seinem Bildschirm alles, was er an Blogs und Berichten der verschiedensten Forschungsstationen des südlichsten Kontinents finden konnte, statt sich auf die Tagebücher zu konzentrieren, was eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre, und war einmal mehr dankbar für die Tatsache, dass Gute Feen omnilingual waren und er somit keine Probleme hatte, die verschiedenen Sprachen der Einträge zu verstehen.

Gerade war er dabei, den Blog der Besatzung der deutschen Neumayer III Station zu lesen, als eine Tasse Kaffee in sein Blickfeld gedrängt wurde. Als er aufsah, bemerkte er Ted neben sich stehen und grinsen.

„Du bist schon seit Stunden vor dem Bildschirm. Dein Arbeitseifer in Ehren, aber auch du brauchst mal eine Pause... was auch immer du gerade machst“, sagte der Kollege mit einem kurzen Blick auf Liams Bildschirm.

Verlegen klickte Liam seine aktuelle Suche weg.

„Hey, wegen mir hättest du es nicht wegklicken müssen. Du hast offenbar einen guten Grund für diese Recherche, und die Chefetage scheint dir auch zu vertrauen, sonst wäre der Boss höchstpersönlich schon hier“, meinte Ted nur.

Das machte Liam erst recht verlegen, wusste er doch so langsam nicht mehr, ob Moses Vertrauen in ihn diesbezüglich noch gerechtfertigt war. Sicher, er tat sein Bestes für Josh... aber übertrieb er es nicht? Das Dumme war nur, er konnte auch nicht mal eben mit Ted darüber sprechen. Er konnte ja noch nicht einmal mit Aelfwyn darüber sprechen, würde diese ihm doch höchstpersönlich für diese Dummheit den Kopf abreißen. Im Grunde war Moses der einzige, mit dem er darüber sprechen konnte, war dieser doch der einzige, der wusste, dass Liam als Tristan seinem Schützling E-Mails schrieb. Aber wenn er zu Moses ginge, wäre er schneller versetzt als er Antarktis sagen könnte. So blieb Liam nichts anderes als zu nicken, Ted zu danken und die angebotene Tasse Kaffee anzunehmen. Und sich irgendwie durch den Schlamassel, den er sich selbst eingebrockt hatte, zu kämpfen.

Während er langsam das heiße Gebräu trank, sortierte er geistig die möglichen Themen für eine E-Mail, auf die er bei der Recherche gestoßen war. Da wäre irgendein merkwürdiges Hobby eines Team-Kameraden, das langsam aber sicher die Station übernahm. Etwa Amigurumi häkeln, wo es dann langsam keinen Ort mehr in der Station gab, wo man nicht über diese Häkeltierchen stolperte. Er könnte sogar ein paar in der Tiefkühltruhe entdecken und erzählen, dass er selbst schon versucht sei für den betreffenden Kollegen aus langen Pastafäden ein Tier zu häkeln. Aber irgendwie zündete das nicht so recht. Dann war da noch die Fernsehtradition, welche die meisten Stationen hatten... Danach wurde einmal in der Woche irgendetwas gemeinsam gesehen. Die Deutschen sahen Sonntags eine Krimisendung namens ‚Tatort’ und aßen dabei Pizza. Bei den Briten war es Samstags das ‚Match of the Day’, aber auch wenn es Liam vermutlich leicht gefallen wäre, über eines dieser Spiele eine passende E-Mail zu schreiben, wusste er nicht, wie Josh zu Fußball stand. Aber gut, Match of the Day konnte er ja immer noch in der Hinterhand behalten, wenn er es brauchte.

Blieb eigentlich nur noch die kulinarischen Experimente, mit denen er als Koch die Mannschaft beglückte... Aber was für Experimente wären wohl angebracht?

Liam fielen wieder die Blogeinträge aus der Neumayer III ein, die er gelesen hatte, ehe Ted ihm mit dem Kaffee aufgelauert hatte. Da hatte der dortige Koch etwas von Brotbacken geschrieben. Aus Erfahrung wusste Liam, das frisches Brot in Deutschland einen ganz anderen Stellenwert hatte als in England und auch die Vielfalt an Brotsorten dort wesentlich größer war. Er wusste nicht, ob das auch für die britische Station passen würde, auf der Tristan angeblich war, aber mit Brot zu experimentieren war allemal besser als mit Minzsoße... Sein Gesicht hellte sich auf, als ihm eine Idee kam: Teekuchen! Nichts war britischer als die Teezeit und zu der gehörte nun mal auch Teekuchen. Egal ob mit oder ohne kandierten Früchten, mit oder ohne Schokolade... hier bot sich ein breites Feld an Improvisationsmöglichkeiten. Und er konnte es sogar mit Brot kombinieren.

 

Von: Eiswürfel

An: Pageturner

Betreff: Teezeit

 

Hallo Josh,

 

während du dich endlich über wärmere und längere Tage freuen kannst, hat uns hier die Dunkelheit der antarktischen Nacht fest im Griff. Schnee und Eis und Kälte sind längst nicht so schlimm, wenn man sich auch auf ein paar Stunden Sonne am Tag freuen kann, aber damit ist es derzeit eher Essig. Mehr und mehr wird Dämmerung das Höchste der Gefühle diesbezüglich.

Umso wichtiger also die gute Laune nicht zu verlieren. Und so zelebrieren wir hier alles, was mit britischer Gemütlichkeit verbunden werden kann. Was dazu führt, dass ich begonnen habe, die verschiedensten Sorten Teekuchen selbst zu backen. Zuerst die Klassiker, dann mit verschiedenen Sorten Schokolade statt Früchte, dann beides kombiniert. Ich habe sogar Teekuchen mit Gummibärchen gemacht. Kam überraschend gut bei der Mannschaft an. Derzeit bin ich am überlegen, ob ich es nicht mal wagen soll, einen neutralen Teekuchen mit Kresse zu backen, den man dann direkt mit Gurke belegen kann, um einen weiteren Klassiker der Teezeit zu integrieren. Das Problem ist aber, dass antarktischer Winter bedeutet, dass die Versorgung mit frischem Obst und Gemüse derzeit nicht möglich ist, und gefrostete Gurke gibt es leider nicht. Also werden diese Experimente warten müssen, bis wir wieder frische Ware bekommen können. Aber bis dahin könnte ich mit anderen neutralen oder salzigen Varianten experimentieren. Wie wohl ein Teegebäck mit Chips als Zutaten ankommen würde? Ich glaube als erstes nehme ich dazu einen Klassiker wie Salz und Essig und arbeite mich nur langsam zu Tomate und Worcestersauce vor.

Und, was hat Bristol im Sommer an kulinarischen Highlights zu bieten?

 

Bis bald,

Tristan.