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Weihnachten 2013 - 17

17. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 7 - Camping in der Stadt

„Zum Hafenfest zu gehen ist ja schon fast ein Muss... aber dass ich dort eine neue Idee für den Laden finden würde, hätte ich nun wirklich nicht gedacht.“

 

Das jährliche Hafenfest im Juli hatte nicht nur so ziemlich jeden Einwohner Bristols an den Fluss sondern auch scharenweise Touristen aus dem Um- und Ausland angelockt. Und da auch noch das Wetter mitspielte, waren es für Josh im Grunde schon wieder viel zu viele Menschen, die sich durch die Straßen und Plätze und entlang der Hafenpromenade schoben. Und doch wusste er, dass er es bereut hätte, wäre er nicht dorthin gegangen. Nicht nur, dass er Eindrücke aus erster Hand für seine E-Mail an Tristan gewinnen wollte, meist entdeckte er auf diesen Festen immer irgendeine Kuriosität oder Facette der Stadt, die er noch nicht kannte, die aber Bristol umso besonderer für ihn machte.

Wie üblich drängten sich um die Matthew und die SS Great Britain Touristentrauben, um einen Blick auf das Innere der beiden Schiffe mit historischer Bindung zu Bristol zu werfen. Doch auch die anderen Schiffe wie etwa das Löschboot freuten sich regen Andrangs. Josh machte lieber einen großen Bogen um diese Menschansammlungen. Hier war er eindeutig im Vorteil, konnte er doch auch unter dem Jahr den Schiffen einen Besuch abstatten, wenn ihm danach war, und musste sich daher nicht auf dieses eine Wochenende beschränken. Was ihn aber interessierte, waren die Freestyle-Jetskier, die dieses Jahr zum Unterhaltungsprogramm auf dem Wasser das Ihre beitragen würden, doch diese würden erst am nächsten Tag ihren ersten Auftritt hinlegen.

Jetzt, Freitag Abend, lockten die mitreißenden, typischen Klänge von Bollywood Besucher auf den Queens Square und auch wenn Josh meist wenig mit den Filmen anfangen konnte, konnte er der Musik nicht widerstehen. Solange sie nicht allzu hoch beim Gesang quietschten.

Ein Bummel die bunten Markstände entlang und eingedeckt mit mehr köstlichen Kleinigkeiten als er auf einmal essen konnte, bahnte er sich schließlich seinen Weg durch das Getümmel und hinab zum Hafen, wo er hoffte irgendwo ein halbwegs stilles Fleckchen zu finden, wo er sich setzen und besagte Kleinigkeiten verspeisen konnte. Aber natürlich war er nicht der einzige, der auf diese Idee gekommen war und so fand er sich am Ende neben einer jungen Frau wieder, die mit einem Netbook auf dem Schoß auf einer Stufe saß, den Trubel um sie herum ausgeblendet zu haben schien, und eifrig am Tippen war.

Als Josh sich neben sie setzte, blickte sie kurz auf, lächelte ihn an und vertiefte sich dann wieder in ihren Bildschirm. Josh beschloss sie nicht zu stören und blickte lieber entspannt auf das Wasser, während er sich genüsslich durch seine Marktbeute kostete. Dann aber seufzte die junge Frau neben ihm und starrte fast verdrossen auf den Hafen hinaus.

„Hat der Boss grad noch eine Mail mit einer dringenden Aufgabe geschickt und der Feierabend ist somit in noch weitere Ferne gerückt?“, fragte Josh mitfühlend.

„Mein Boss?“, fragte die Frau irritiert.

„Nun, Sie waren so angestrengt am Arbeiten... Und als Sie jetzt stöhnten, dachte ich, Ihr Boss hätte Ihnen gerade noch mehr Arbeit aufgedrückt.“

Sie lachte. „Nein, nein. Das ist keine Arbeit. Das ist Camp NaNo.“

Jetzt war es an Josh irritiert drein zu blicken. „Sie organisieren ein Sommercamp für Kinder?“, mutmaßte er.

Abermals lachte sie. „Nein. Camp NaNo, kurz für Camp NaNoWriMo, ist ein Ableger des NaNoWriMo, des National Novel Writing Month. Ziel des NaNoWriMo ist es im November einen Roman von fünfzigtausend Wörtern oder mehr zu schreiben. Da aber viele sich gewünscht haben, mehr als nur einmal im Jahr den Ansporn zu haben, so viel zu schreiben, wurde als Ableger das Camp NaNoWriMo ins Leben gerufen. Da geht es, wie bei einem Sommercamp, etwas lockerer zu als im November und ist auch nicht so groß aufgezogen... man kann sich unter anderem auch eigene Wortziele stecken und es gibt auch nicht die ganzen internationalen Unterforen.“

„Dann haben Sie also an einem Roman geschrieben?“ Die Idee, in einem Monat einen Roman mit fünfzigtausend Wörtern oder mehr zu schreiben, imponierte Josh gewaltig. Er hatte zwar keine Ahnung, wie sich das im Verhältnis zu Wortseiten verhielt, aber es klang auf jeden Fall beeindruckend.

Seine Gesprächspartnerin nickte. „Aber im Moment stecke ich fest. Meine Charaktere wollen nicht so wie ich will und überhaupt stecken sie in einer völlig falschen Ecke des Landes...“

„Fantasy?“ riet Josh.

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Nein, ein historischer Roman über die Seidenstraße. Die Recherche war ja kein Problem. Aber dann sind meine Hauptcharaktere einer Räuberbande begegnet, wurden entführt und in das Versteck der Bande gebracht. Das war ja noch alles im Rahmen des Plans. Sie haben sich auch ganz planmäßig befreit und sind abgehauen. Als es aber darum ging, sich für eine Richtung zu entscheiden, in die sie fliehen sollten, mit der Hoffnung wieder auf die Handelsroute zu gelangen, hat Richard gemeint, er als Mann sei der geborene Pfadfinder und sie müssten sich nur an den Sternen orientieren und in eine bestimmte Richtung laufen. Er hat total Marys Einwände ignoriert, dass sie doch bei ihrer Entführung die Augen verbunden bekommen hätten und somit gar nicht wüssten, ob sie sich nördlich oder südlich der Seidenstraße befänden und dann einem bestimmten Stern zu folgen, sie womöglich noch weiter von der Straße wegführen könnte. Bis zu dem Zeitpunkt hat Richard eigentlich immer auf Mary gehört und so war der Plan eigentlich, dass er auch dieses Mal auf sie hört, sie wieder nach Osten wandern, bis sie Landmarken sehen können, an denen sie zuvor schon vorbeigekommen sind, und so zur Straße zurückfinden. Das mit dem Zurückreisen ist nämlich in sofern wichtig als sie dann einem königlichen Reisezug begegnen würden, der ein paar Tage hinter ihrer ursprünglichen Karawane auf der Straße reist. Aber jetzt hat Richard total den Macho-Mann heraushängen lassen und hat darauf bestanden, dass sie die vollkommen falsche Richtung einschlagen. Und Mary, das Schaf, hat, statt sich darüber aufzuregen und ihren Standpunkt durchzusetzen, einfach klein beigegeben und sich riesig darüber gefreut, dass ihr Richard endlich ein ganzer Kerl ist. Pah! Wie soll ich es nun schaffen, dass die beiden den königlichen Reisezug treffen? Dort sollte sich doch dann herausstellen, dass Mary die Tochter eines mitreisenden Fürsten ist und Richard würde dann zum Ritter und Herzog gemacht und alles wäre gut. Stattdessen werden sie wohl in der Wildnis verhungern. Denn leider kennt sich Pfadfinder Richard so gar nicht mit Jagen aus und Mary kennt die Flora der Gegend nicht, weshalb sie sich nicht so recht traut irgendwelche Beeren zu sammeln.“

„Klingt nach einem wirklich guten Konzept. Natürlich bis auf die Tatsache, dass die Charaktere jetzt in die falsche Richtung laufen“, meinte Josh. „Gibt es denn keine Möglichkeit, sie in die richtige Richtung zu zwingen?“

„Das ist es ja gerade, worüber ich nachdenke. Ich bin so kurz vor dem Ziel, das Ende ist zum Greifen nah und dann das...“

Eine Minute oder auch zwei herrschte Schweigen zwischen ihnen beiden, dann sagte Josh: „Wie wäre es mit einem Waldbrand? Oder Steppenbrand... je nachdem was die Landschaft gerade hergibt. Und der Wind treibt das Feuer so in ihre Richtung, dass ihnen nichts anders übrig bleibt, als in Richtung Osten zu fliehen?“

Die junge Frau blickte ihn nachdenklich an, dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Das könnte klappen... Ich könnte für die nächste Nacht ein Gewitter aufziehen lassen und ein Blitz löst das passende Feuer aus.... doch, das könnte klappen. Danke!“ Und schon war sie wieder in der Welt der Wörter verschwunden.

Josh grinste nur und blickte dann seinerseits gedankenverloren aufs Wasser. Da hatte er jahrelang mit einem Autor zusammen gelebt und nie hatte dieser so viel Engagement beim Schreiben gezeigt wie die junge Frau neben ihm. Fünfzigtausend Wörter in einem Monat, das hieß jeden Tag mehr als tausendfünfhundert Wörter zu schreiben. Sicher, da würde einiges dabei sein, das hinterher dringend überarbeitet werden musste, aber wenn man somit wenigstens schon mal den ersten Rohentwurf hatte, stand das Buch an sich bestimmt eine deutlich bessere Chance als ein Buch, dessen erste drei Kapitel schon auf Hochglanz poliert waren, während der Autor beim Schreiben nie über Kapitel Sieben hinauskam. Das war es, was ihn an Allans Aussage auf der Londoner Buchmesse so verwundert hatte... dass dieser offenbar es endlich geschafft hatte, sein Buch fertig zu schreiben. Es hatte ihn ja nur geschätzte zehn Jahre gekostet...

„So, die Ideen sind skizziert, jetzt mach ich Pause und hoffe, dass mir über Nacht einfällt, wie genau es weitergeht“, tönte es da von der Seite und das Notebook wurde zugeklappt.

Josh kam eine Idee. „Dieses NaNoWriMo... kann da jeder mitmachen? Und gibt es viele hier in Bristol, die daran teilnehmen?“ Er wusste, dass sich eigentlich überall im Land Autoren versteckten, von denen die meisten nie etwas veröffentlichen würden, aber der Gedanke die Autorenszene Bristols zu erkunden und vielleicht mit ihren Ambitionen zu unterstützen, hatte etwas für sich.

„Ja, es kann jeder mitmachen“, erklärte die junge Frau. „Und Bristol hat sogar seine eigene Ortsgruppe. Es gehören auch Bath und Somerset mit dazu, einfach weil das alles doch recht nah beisammen ist. Offiziell gibt es hier in der Gegend also ein paar hundert Hobby- oder Möchtegernautoren, die ihr Glück beim NaNoWriMo im November versuchen. Bei den Camps sind es deutlich weniger, aber immer noch ein paar Dutzend oder so.“

 

„Die Begegnung mit Leslie hat mir eine neue Idee für meinen Laden gegeben. Ich denke ich werde ein Regal im Laden den Autoren von Bristol und der Region widmen. Aber nicht nur veröffentlichte Autoren, sondern auch solche wie Leslie, die an diesem NaNoWriMo teilnehmen. Mal sehen, wie ich es mache, ob aus Holz oder aus Pappmaché, aber ich stelle es mir so vor, dass in dem Regal dann Buchrohlinge stehen, wo die Buchdeckel und der Buchrücken mit Einschubhüllen versehen sind, so dass die Teilnehmer, wenn sie möchten, hier den Leuten von Bristol schon mal von ihrem Projekt erzählen können. So können dann meine Kunden auch sehen, dass Bücher und Bücher schreiben eine lebendige Landschaft ist. Wer weiß, vielleicht sieht ja auch der ein oder andere Verlagsvertreter auf der üblichen Verkaufstour etwas, das ihm zusagt... Das wäre zwar schon ziemlich nach den Sternen gegriffen, aber möglich ist vieles. Es wäre auf jeden Fall etwas, das das ‚Turn a Page’ von den anderen Buchläden abheben würde. Und das ist ja immer noch mein Ziel.“

 

***

 

Je mehr Liam als Tristan von Josh über Bristol erfuhr, desto mehr sehnte er sich danach, dieses Bristol selbst zu sehen. Er erinnerte sich daran, wie angenehm es gewesen war, als er mit Aelfwyn in Hamburg essen gewesen war und er erinnerte sich auch an ihren Kommentar, dass er doch gewiss mehr als genug Überstunden für Ausflüge in die Menschenwelt angesammelt hatte. Vielleicht sollte er also der Versuchung nachgeben und nicht immer nur in der Welt der Tagebücher leben. Vielleicht mehr von Hamburg sehen...

Noch während er an Hamburg dachte, wurde Liam klar, dass, obgleich in vielen Dingen Bristol nicht unähnlich, ein Ausflug nach Hamburg längst nicht so aufregend und befriedigend wäre wie ein Ausflug nach Bristol. Einfach weil es Joshs Bristol war, das er mit eigenen Augen sehen wollte. Er wollte den Brandon Hill Park sehen. Oder die Replik der Matthew, mit der John Cabot nach Kanada gesegelt war. Auf der Terrasse des Avon Gorge Hotels sitzen, Tee trinken und den Blick auf die Hängebrücke von Clifton genießen. Dort sitzen bleiben, bis die Dunkelheit hereinbrach und hunderte von LED-Lichtern die Brücke und damit die Schlucht erleuchteten.

Er musste einfach nach Bristol! Auch wenn er dafür vielleicht Ärger kriegen würde. Es war zwar nicht unbedingt verboten, aber die Gefahr seinem Schützling zu begegnen war in Bristol nun mal deutlich größer als in einer anderen Stadt.

Andererseits war dieses Wochenende Hafenfest in Bristol. Da würde die Stadt nur so von Menschen wimmeln. Da würde er also kaum auffallen. Und selbst wenn er und Josh sich im Gedränge begegneten, würde er bei Josh keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wenn er also nach Bristol wollte, war dieses Wochenende vermutlich der sicherste Zeitpunkt für ein solches Unterfangen.

An diesem Punkt in seinen Überlegungen angelangt, dachte Liam nicht weiter darüber nach, sondern informierte Ted nur, dass er ein paar Überstunden abbauen würde. Zum Glück bedurfte es keiner Zustimmung seitens Moses, sonst hätte er womöglich noch Ärger bekommen. Aber Moses musste schließlich nicht alles wissen.

 

War Freitag Abend der Hafen nach Joshs Beschreibung schon reichlich bevölkert gewesen, so war das kein Vergleich zum Samstag. Überall drängten und schoben sich die Menschen, und allein die Tatsache, dass alle gut gelaunt waren, bewahrte Liam davor, in dem Gedränge Panik zu empfinden.

Irgendwann fand er sich nach schier endlosem Schieben und Weiterschieben auf der Bristol-Brücke wieder. Er lächelte, als er erkannte, wo er war. Zu gut erinnerte er sich noch an Joshs Kommentar in der E-Mail an Tristan, dass Bristol wohl kaum Bristol ohne eine Brücke wäre, bedeutete der Name auf Altangelsächsisch doch nichts anderes als ‚Der Ort der Brücke’. Zwar war nicht bekannt, ob es sich dabei tatsächlich um eine Brücke über den Fluss Avon handelte, hatte dieser Fluss doch einen ausreichenden Tidenhub, so dass eine Furt im Fluss entstand, welche die Überquerung erlaubte, oder um eine der anderen Brücken über den Frome-Fluss, aber letztlich war es heute diese Brücke, die allgemein als die Brücke anerkannt wurde, die symbolisch der Stadt ihren Namen verlieh. Und allein schon die Geschichte der Brücke war es wert als Stadtsymbol zu dienen. Das heutige Bauwerk war natürlich nicht das erste an der Stelle und auch längst nicht mehr in seiner ursprünglichen Form – Zeit und Anforderungen an Verkehr und Sicherheit hatten immer wieder Veränderungen hervorgerufen.

Liam drängte sich zum Geländer durch und lehnte sich dagegen, während er die Augen schloss und sich vorstellte, wie es hier wohl ausgesehen haben musste, als die Tudors noch England regiert hatten. Damals war die Brücke mehr gewesen als bloß ein Mittel um den Fluss zu überqueren. Es hatten Häuser auf der Brücke gestanden, manche davon mit Dachgeschoss bis zu fünf Stockwerke hoch. Im Erdgeschoss waren Läden gewesen und als wichtige Verbindung innerhalb der Stadt hatten diese Läden sich nie über mangelnde Kundschaft beklagen müssen. In der typischen Bauweise hatten die oberen Stockwerke meist über die Brücke hinaus in den Fluss geragt, was die Entsorgung von Unrat in den Fluss erleichterte, so dass man also von Wohnungen in bester Lage sprechen konnte. Heute wäre das vermutlich allein schon aufgrund der Statik nicht mehr zulässig, damals aber...

Es war schon verrückt... Liam hatte diese Zeit selbst als Gute Fee erlebt, und dennoch fiel es ihm schwer diese Bilder heute wieder in seinem Kopf wachzurufen. Vielleicht hatte er in über tausend Jahren auch einfach zu viel gesehen, so dass sein Gedächtnis die ein oder anderen Bilder einfach gelöscht hatte. Oder er hatte einfach die Brücke nie zu Zeiten der Tudors gesehen und somit erst gar keine Bilder gehabt, die sein Gedächtnis hätte löschen können.

Aber vielleicht war es auch einfach die Natur der Guten Feen sich nicht weiter Gedanken darüber zu machen, wie viele historische Ereignisse sie im Grunde miterlebt hatten. Es ging ihnen schließlich nie um das große Ganze, es ging ihnen um die einzelnen Personen. Und zu dem Zeitpunkt, da sie sie betreuten, wussten sie ja nicht, ob diese Personen gerade Geschichte schrieben oder nicht. Wie etwa damals, als er einen Schreibwarenhändler im vom Bürgerkrieg zerrissenen Amerika betreut hatte, der Präsident Lincoln mit dem Papier versorgt hatte, auf dem dieser seine berühmte Rede von Gettysburg komponiert hatte. Ohne den Schreibwarenhändler hätte es vielleicht nie diese Rede gegeben... Denn natürlich hätte Lincoln auch irgendwo anders her Papier kriegen können, aber das hätte dann eine andere Qualität sein können. Und was, wenn die Qualität dann dergestalt gewesen wäre, dass Lincoln beim Schreiben ständig mit der Feder im Papier hängen geblieben wäre, bis er entnervt das Schreibzeug von sich gestoßen hätte? Dann hätte es nie diese berühmte Rede gegeben!

 

Am nächsten Tag war Liam auf der Arbeit tatsächlich viel ausgeglichener, was die Richtigkeit seines Entschlusses, Bristol einen Besuch abzustatten, bestätigte, und als er Joshs Eintrag über das geplante Buchregal für Autoren von Bristol las, wusste er, dass er auch in Hinblick auf seinen Schützling bislang die richtigen Entscheidungen getroffen hatte. Nicht nur, dass dieser heute viel optimistischer war als noch zu Beginn des Jahres, er schien auch wesentlich mehr in sich zu ruhen und aus sich selbst Kraft zu schöpfen. Josh war auf dem besten Weg genau der unabhängige, starke Mensch zu werden, der schon immer in ihm geschlummert hatte.

Dies bestärkte Liam in seinem Entschluss vorerst den E-Mail-Kontakt als Tristan zu halten, wollte er doch die Entwicklung nicht in dieser Phase gefährden. Da ihm aber leider nichts Aktuelles für die Antarktis einfiel und auch die diversen Blogs und Webseiten, die er sonst zur Inspiration heranzog, nichts Neues für ihn bereithielten, musste er nun doch auf seine Idee mit der ‚Match of the Day’-Mail zurückgreifen.

 

Von: Eiswürfel

An: Pageturner

Betreff: Ein Koch, ein geplatzter Motor und ein Unentschieden

 

Hallo Josh,

 

ich hoffe, deine Woche war ereignisreicher als die meine. Momentan ist irgendwie alles immer das Gleiche. Diese Woche war es so schlimm, dass ich mich tatsächlich auf das gemeinsame Fußballgucken des ‚Match of the Day’ gefreut habe. Ich, und mich auf Fußball freuen. Versteh mich nicht falsch, Fußball hat schon seine Berechtigung, auch wenn ich finde, dass die meisten Spieler total überbezahlt werden. Aber so ist das eben oft im Profisport, besonders wenn dahinter viele Werbeeinnahmen und Übertragungsrechte stehen. Weshalb ich, so ich denn überhaupt die Zeit dafür habe, wenn nur Europameisterschaften oder Weltmeisterschaften schaue. Aber als Koch hat man meist eh das Pech, dass die Spiele dann laufen, wenn alle Nicht-Fußballfans Abendessen gekocht haben wollen. Hier in der Station ist es natürlich etwas anderes. Es gibt Fish & Chips und alle essen zur gleichen Zeit. Also nicht mal eben drei Lammrücken für Tisch Eins und einmal Lachs und ein Steak für Tisch Zwei und zehn Minuten später kommt der Kellner und bestellt noch eine Scholle für Tisch Fünf. Aber ja... Match of the Day ist nun mal Tradition hier und da es ein Gefühl der Gemeinschaft aufkommen lässt, klinke ich mich da natürlich nicht aus. Dennoch, meine Leidenschaft wird es nicht werden.

Weshalb also, sollte ich dir ein Spiel beschreiben, es eher so aussieht: Es spielen die Roten gegen die Blauen. Die Roten, das sind Manchester United, aber das weiß ich auch nur, weil einer der Fans brav einen Schal mit dem Team-Namen in die Kamera gehalten hat. Mal spielen sie von links nach rechts, mal von rechts nach links und ja, ich weiß, dass sie nach der Halbzeitpause in die andere Richtung spielen. Das Problem ist nur: Ich hab meist keine Ahnung auf welches Tor welche Mannschaft gerade spielen muss, weil die Torhüter eine andere Farbe tragen. Noch nicht mal so etwas, das man zuordnen könnte, wie Hellblau für den Torwart der Blauen und Orange für den Torwart der Roten. Nein, Orange trägt der ‚blaue’ Torwart, während der ‚rote’ Eisgrau trägt. Soll mir mal bitte einer die Logik erklären... Das mit den Torwartfarben hab ich auch nur anhand der Publikumsreaktionen herausgefunden, als das Publikum der Heimmannschaft, das nun mal zahlenmäßig den angereisten Auswärtsfans überlegen ist, entsprechend lauter gejubelt oder gestöhnt hat, je nach Aktion der Roten, bzw. der Blauen. Highlight des Spiels ist dann immer, wenn einer der Hilfsschiedsrichter die rot-gelb karierte Flagge zeigt. Ich habe eine Zeit lang Formel 1 aufmerksam verfolgt, einfach weil da die Übertragungszeiten besser mit meinem Job zu vereinbaren waren, und da bedeutete rot-gelbe Flagge den Warnhinweis, dass Öl auf der Spur war, weil ein weiter vorne fahrender Wagen einen Motorplatzer hatte. Aber Fußballspieler haben nun mal keinen Motor, der platzen könnte. Du kannst dir also vielleicht meine Verwirrung vorstellen, als der Hilfsschiedsrichter plötzlich ‚Öl auf der Piste’ anzeigte. Inzwischen weiß ich, dass hier die Flagge Abseits heißt und ich wusste sogar, was Abseits bedeutet, ohne, dass die Truppe es mir erst noch erklären musste. Dennoch können sie sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn ich immer nur frage, welche Farben heute gegeneinander spielen. Aber wer weiß, vielleicht bin ich nach dem Antarktisaufenthalt ja ein überzeugter Fan einer Mannschaft...

 

Bis dahin,

Tristan.