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Weihnachten 2013 - 19

19. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 8 - Neunundneunzig Luftballons

„Überall Heißluftballons am Himmel... wie es wohl wäre, in einen zu steigen und damit spontan bis in die Antarktis zu fliegen?“

 

Es war Donnerstag Abend und Josh bedauerte es, dass er es sich nicht leisten konnte, den Laden bereits am Nachmittag zu schließen, um nach Ashton Court zu fahren, wo an diesem Abend das Heißluftballon-Festival beginnen würde. Er würde die Heißluftballons zwar auch vom Stadtzentrum aus sehen können, aber der Donnerstag war eben immer etwas besonderes, da zum Auftakt beim ersten Massenstart nur die Sonderformen zu sehen sein würden. Und auch wenn Dutzende von Heißluftballons gleichzeitig am Himmel immer beeindruckend waren, so waren die Sonderformen doch noch beeindruckender. Aber der Laden stand finanziell zu wackelig da, als dass er einfach auf die Feierabendeinkäufer verzichten konnte. Es war nicht so, dass er kurz vor dem Bankrott stand, aber da er am Samstag mit Natalie und ihrer Familie zum Festival wollte, hieß das bereits auf die Samstagseinnahmen zu verzichten, auch wenn Josh sich sicher war, dass an diesem Samstag das Geschäft eher schleppend laufen würde, wären doch auch alle Touristen draußen in Clifton. Aber so war nun mal das Leben im Einzelhandel. Ganz zu schweigen davon, dass heute Abend auch Wechselläuten-Probe war.

Als die ersten Sonderformen sich ihren Weg über den Häuserhorizont bahnten, konnte Josh nichts mehr hinter dem Kassentresen halten. Er gab sich noch nicht einmal Mühe, sein Interesse am Himmel zu verheimlichen indem er so tat als arrangierte er das Schaufenster neu. Mit offener Faszination sah er zu, wie ein übergroßer Minion aus dem Film ‚Ich, einfach unverbesserlich’ sich den Himmel mit einem riesigen Ballon-Ballon teilte, der ganz offensichtlich von dem Film ‚Oben’ inspiriert war. Er konnte nur hoffen, dass diese Ballons sich auch am Samstag die Ehre geben würden. Meredith würde diese Heißluftballons lieben!

Und hoffentlich hielt das Wetter... Der Wetterbericht war zwar positiv, aber man wusste ja nie...

 

Wie erwartet hatten sie es am Samstag nicht zum frühen Massenaufstieg geschafft, aber ehrlich, sechs Uhr in der Frühe war definitiv zu früh. Lieber also ausschlafen und dafür bis abends durchhalten.

Leider hatten auch zahllose andere Einwohner der Stadt diese Idee gehabte, und da das Wetter nach wie vor grandios war, gab bereits der Bus vom Zentrum nach Ashton Court einen Vorgeschmack auf das dortige Gedränge. Dennoch waren sich alle einig, dass sie den Spaß nicht verpassen wollten. Schließlich würde es nicht nur Heißluftballons zu sehen geben, es gab auch atemberaubende Luftdarbietungen verschiedenster Art, von Luftakrobatik bis hin zu einem Besuch des Eurofighter Typhoon der Royal Air Force. Und am Boden das, was man bei einem solchen Festival erwartete: Musik, Essen, Souvenirstände und andere Ausstellungsstände aller Art. Sprich, genug, um sich den Tag angenehm zu vertreiben. Einschließlich diverser Runden auf dem Karussell mit Meredith.

Der einzige Wermutstropfen für Josh war Melvin, ein Bekannter von Natalie, der mit von der Partie war. Es war so offensichtlich, was seine beste Freundin da versuchte, und leider war es für besagte Dame nur allzu bald ebenso offensichtlich, dass ihr Plan gründlich fehlgeschlagen war. Es war noch nicht einmal, dass Melvin eine schlechte Wahl für ein Blind Date gewesen wäre, das Natalie hier für Josh organisiert hatte. Melvin sah gut aus, ohne dass er deswegen gleich zum Gockel geworden wäre, er war nett, ohne aufdringlich zu sein, er hatte sogar Sinn für Humor. Er war keineswegs perfekt, denn er hatte leider eine erschreckend hyänenartige Lache, und eine fast schon ungesunde Obsession für David Beckham, auch wenn er bezüglich der letzten Eigenschaft realistisch genug war, zu erkennen, dass er und David nur eine Phantasie für einsame Nächte war und bleiben würde. Was seine fragwürdige Sockenwahl betraf, so fiel das wohl unter die Kategorie ‚Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten’, aber die wenigsten Menschen würden wohl selbst in ihrer Freizeit grün-orange-lila geringelte Socken tragen, wenn sie die Uni bereits abgeschlossen hatten und nicht einer Punkband angehörten. Dennoch war Melvin wohl das, was dem Märchenprinz unter den Blind Dates sehr, sehr, sehr nah kam. Unter anderen Umständen hätte Natalies Plan also durchaus aufgehen können, aber im Grunde hätte sie wissen müssen, dass bei Josh nie diese anderen Umstände herrschten. Denn Josh wollte selbst entscheiden, wann, wie und wo er sich auf ein Date einließ. Und so hatte Melvin wohl nie wirklich eine Chance gehabt. Dabei war Josh jetzt nicht einmal übertrieben distanziert, nur um seinem Ärger über Natalies Einmischung Luft zu machen. Nein, er nahm Melvin einfach so, wie er ihm vorgestellt worden war: Als Freund von Natalie, den diese im Eltern-Kind-Turnen mit Meredith kennen gelernt hatte – Melvin fungierte dort als Ersatzvater für seine kleine Nichte.

 

„Ich weiß auch nicht... Im Grunde wäre ich sogar für einen Flirt bereit gewesen. Anders als noch im März bei Daniel, wo mir der Gedanke so gar nicht behagte. Aber da war nichts. Kein Funke. Und nur um des Flirten willens zu flirten war noch nie mein Ding. Melvin ist ein netter Kerl und wer weiß, vielleicht werden wir Freunde, die sich mal auf ein Bier und eine Runde Pool treffen, aber mehr wird das nicht. Leider war es aber auch offensichtlich, dass Melvin das anders sah...“

 

„Natalie, was genau hast du Melvin erzählt?“, fragte Josh am Nachmittag, als Melvin Meredith bei ihrer siebten Runde auf dem Karussell begleitete.

„Ich?“, gab sie sich unwissend. „Und über was?“

„Tu nicht so unschuldig!“, gab Josh nur zurück. „Das hat bei dir schon mit fünf Jahren nicht mehr funktioniert. Was hast du Melvin über mich erzählt, dass er so Feuer und Flamme ist und trotz des Mangels einer entsprechenden Antwort auf seine Flirtversuche nicht aufgibt?“

„Dass du im Lotto gewonnen hast?“

„Haha, sehr witzig. Wo wir doch beide wissen, dass man erst mal Lotto spielen muss, um zu gewinnen. Und ich nun mal nicht Lotto spiele.“

„Du hättest den Tippschein ja finden können...“

„Lass mich raten: Und du hättest dann Melvin in glühenden Farben geschildert, was für eine ehrliche Seele ich doch sei, dass ich den Schein prompt in die nächste Tippstelle geschleppt hätte, um den Besitzer, der den Schein verloren hat, ausfindig zu machen. Oder wahlweise zur nächsten Polizeidienststelle, wenn der Lottokiosk schon zu hat. Und wie mich dann der glückliche Tippscheinbesitzer zum Dank zum Patenonkel all seiner Katzen ernannt hat.“

Natalie lachte. „Interessante Idee... also das mit dem Katzenpaten.“

„Weich mir nicht aus“, grollte Josh nun und sein Ton machte deutlich, dass er es nur halb im Spaß meinte.

Natalie hob theatralisch ihre Hände um ihre Unschuld zu beteuern. „Ehrlich, ich habe ihm nichts gesagt, was nicht der Wahrheit entspricht. Ich habe nichts ausgeschmückt und keine Peinlichkeiten erzählt, die älter als fünfundzwanzig und jünger als fünfzehn Jahre sind.“

„Unmöglich!“, stieß Josh hervor. „Dann wäre der Kerl nicht so an mir interessiert als wäre ich ein David Beckham Klon oder zumindest etwas ähnliches.“

„Ach Josh!“, Natalie legte ihm die Hand auf den Arm. „Wieso ist es für dich so unvorstellbar, dass jemand dich interessant finden könnte, so wie du bist?“

„Weil...“ Josh blieben die Worte im Hals stecken. Wieso eigentlich? Die Standardantwort, dass er langweilig sei passte nicht mehr. Ja, er war immer noch der Ottonormalo, aber er hatte ein Leben, das aus mehr bestand als die Wand anzustarren. Und das bedeutete, dass sein Leben und damit er gar nicht so langweilig sein konnten. Wieso sonst hatte Tristan all die Monate den Kontakt zu ihm gehalten. „Okay“, gab er schließlich zu, „vielleicht ist es nicht unvorstellbar, dass sich jemand für mich interessiert, aber meinst du nicht, dass Melvin es übertreibt?“

„Vielleicht hat er sofort erkannt, was er an dir hätte? Und will sich dich sichern, ehe der Rest der Schwulenwelt erkennt, was für ein Fang du bist und er Konkurrenz bekommt?“

„Bist du dir sicher, dass er nicht irgendwo im Land grad einen verstorbenen Großonkel hat, der im Testament bestimmt hat, dass er das riesige Familienerbe erst dann antreten kann, wenn er binnen vier Wochen einen Lebengefährten findet und mit diesem dann wenigstens zwei Jahre zusammen lebt? Denn ehrlich gesagt hat seine Hartnäckigkeit schon fast etwas von Torschlusspanik.“

Das brachte Natalie derart zum Lachen, dass jede weitere Unterhaltung zu diesem Thema vorerst gestorben war, zumal kurz darauf Melvin auch mit einer strahlenden Meredith zurückkam.

 

„Irgendwann habe ich es dann einfach nicht mehr mit Melvin ausgehalten. Etwa zu dem Zeitpunkt, da er anfing den Blick eines leidenden Gromit aufzusetzen. Das konnte er erstaunlich gut. Also wie Gromit aussehen. Und er hat sogar gesagt, dass dieser höchsteigene Stadthund Bristols sein Lieblingscartooncharakter ist. Aber leider hat das nichts daran geändert, dass zwischen ihm und mir absolut nichts laufen wird, was auch nur ansatzweise romantischer Natur wäre oder auf Sex hinausliefe.

Weshalb ich es dann an diesem Punkt vorgezogen habe, mich von Natalie und Meredith – und Melvin – zu verabschieden und so zu tun als würde ich heimgehen. Natalie hat mir zwar zugezwinkert und mir so zu verstehen gegeben, dass sie mir absolut nicht glaubte, dass ich nach Hause gehen würde, aber dafür ist sie nun mal meine beste Freundin und kennt mich seit einem viertel Jahrhundert. Somit war ihr nämlich klar, dass ich nie im Leben das Festival verlassen würde, ohne zu sehen, wie all die Ballons zum Einbruch der Nacht den Himmel erleuchten würden. Oder das Feuerwerk, das den Abschluss des Tages bildete. Aber ehrlich, es alleine in einem ruhigeren Teil des Parks zu sehen, war mir allemal lieber. Wobei es mir noch lieber gewesen wäre, wenn Tristan es auch hätte sehen können. Nicht notwendigerweise mit mir zusammen, auch wenn ich definitiv nichts dagegen gehabt hätte, aber es ist etwas, dass sich nur schwer beschreiben lässt und ich hätte die Eindrücke gerne live mit ihm geteilt.“

 

***

 

Obwohl Josh es nicht wissen konnte, teilte er sehr wohl diese Eindrücke mit ‚Tristan’. Denn Liam hatte es einmal mehr in der Tagebuchzentrale nicht ausgehalten. Nicht, wenn über Bristol Heißluftballons so weit das Auge blicken konnte lockten. Und nicht, wenn er wusste, dass er dank ein paar guter Beziehungen und etwas Organisationsgeschick einen der heiß begehrten Plätze in einem der Ballonkörbe bekommen konnte. So hatte er den Großteil des Samstags im Himmel verbracht und jede Minute genossen.

Als er aber am darauf folgenden Morgen vor dem Bildschirm saß und seiner Arbeit als Gute Fee nachkam, indem er die neusten Tagebucheinträge seiner Schützlinge las, musste er erkennen, dass er offenbar mit seinen E-Mails einen weit größeren Einfluss auf Joshs Leben hatte, als gut für diesen war. Es war nicht so, dass Josh offen schrieb, dass er mehr von Tristan erhoffte als Freundschaft, aber offenbar sorgte die Bekanntschaft mit dem angeblichen Antarktiskoch dafür, dass Joshs Ansprüche auch in Punkto eines potenziellen Partners gestiegen waren. Wieso sonst würde er sich einen solch netten Typen wie Melvin entgehen lassen? Gewiss, er schrieb, dass der berühmte Funke fehlte, aber musste es denn immer dieser berühmte Funke sein? Liam kannte genug Beispiele, wo dieser Funke nie sichtbar gewesen war, wo Menschen über lange Zeit bloß Freunde gewesen waren, nur um dann irgendwann zu erkennen, dass sie ohne den anderen nicht mehr leben konnten und wollten. Wo es dann nur noch eine Formsache war, das Ganze offiziell zu machen.

Immerhin war Josh bereit, Melvin die Chance auf ein gelegentliches Bier und eine Runde Billard zu geben. Sprich, es bestand durchaus noch die Möglichkeit, dass aus den beiden was wurde. Dafür aber durfte Tristan sich nicht als Hindernis erweisen. Doch wie das anstellen? Tristan konnte Josh ja schlecht plötzlich nach dessen Liebesleben ausfragen und dann ungefragt Lebensratschläge erteilen... ganz abgesehen davon, dass Josh es womöglich falsch verstände, wenn Tristan nach all den E-Mails über Bristol, der Antarktis und Reisen im Allgemeinen plötzlich mit so etwas Persönlichem kam. Da blieb kaum ein anderer Schluss zu, als dass Tristan vorsichtig bei Josh anfragte, was dieser über ihn dachte. Und das würde zwangsläufig zu jeder Menge Herzschmerz führen, wenn Josh bereit wäre, sich auf Tristan einzulassen, dies dann vorsichtig formulierte, nur um dann von Tristan Hinweise zu bekommen, die auf das Gegenteil hindeuteten. Der echte Tristan mochte vielleicht ein solcher Idiot sein, aber Liam könnte so etwas nie. Es würde allem widersprechen, wofür er als Gute Fee stand. Und das war nun mal in erster Linie das Glück seiner Schützlinge.

Genauso wenig ging nicht antworten. Denn das würde Josh vermutlich total verunsichern. Womöglich würde er sich dann fragen, ob die Pinguine ihn gefressen hätten, oder die Forschungsstation ihn erschlagen hätte, oder er einfach unrettbar in eine Eisspalte gefallen wäre. In jedem Fall aber würde Josh sich Sorgen machen, so weit kannte Liam ihn.

Selbst die Idee sich mit dem Hinweis auf anschließenden Dienst auf einem Kreuzfahrtschiff, die er sich noch im Juni überlegt hatte, würde jetzt nicht mehr funktionieren. Denn ehrlich, wer es schaffte über Wochen und Monate einen E-Mailkontakt von der Antarktis aus aufrecht zu erhalten, würde es wohl auch schaffen, von jedem Hafen der Welt, wo das Kreuzfahrtschiff anlegte, eine E-Mail zu schicken. Josh würde das einfach erwarten – und vermutlich auch zu Recht.

Kurz, Liam konnte Josh Tristan nicht wegnehmen!

Aber wie sollte es weitergehen? Und was, wenn er Josh bei seinen immer häufiger werdenden Besuchen in Bristol begegnete?

Als er erkannte, dass er sich gedanklich nur im Kreis drehte und selbst zu keiner Lösung fand, tat Liam das einzige, was ihm einfiel. Er öffnete das Gute Feen Kommunikationsprogramm und fragte Aelfwyn, ob sie Zeit und Lust hätte, ihr Abendessen vom April zu wiederholen.

Allein die Tatsache, dass sie nicht erst versuchte, ihn über das GFKP auszufragen, sondern direkt zustimmte und ein Bistro unweit des Louvre in Paris vorschlug, zeigte Liam, wie gut Aelfwyn ihn kannte.

 

„Okay, was hast du getan, dass du, entschuldige, so beschissen aussiehst?“, fragte Aelfwyn, kaum dass Liam das Bistro betreten und sich zu ihr an den Tisch gesetzt hatte.

„Auch schön, dich zu sehen“, erwiderte er. Liam hoffte, zumindest ein Glas Wein bestellen zu können, vielleicht auch etwas zu Essen, ehe Aelfwyn ihn ausfragte.

„Liam, wenn es dir nur darum gegangen wäre, mich zu sehen, hättest du nicht vier Monate gewartet. Natürlich ist es schön, dich zu sehen, aber seien wir ehrlich, seit du vor ewig langer Zeit beschlossen hast, dass du nun genug weißt, um deine Arbeit alleine zu tun, habe ich von dir höchstens zum Geburtstag und zu Weihnachten was gehört. April war quasi ein Geschäftsessen, aber ich glaube nicht an Zufälle, weshalb ich davon ausgehe, dass du nicht schon wieder einen Fall hast, der etwas mit einem meiner abgeschlossenen Fälle zu tun hat.“

Für jeden Außenstehenden klang es so, als seien sie Polizisten oder vielleicht Steuerfahnder, die früher einmal Kollegen gewesen waren, aber das war für sie beide in Ordnung.

Liam ließ den Kopf hängen. Er hasste es, wenn er so durchsichtig war. Der einzige Trost, den er hatte, war, dass er wohl nur für Aelfwyn so durchsichtig war, andernfalls hätte Moses ihn schon längst wieder zu einer Tasse Kaffee abgeholt. „Kein neuer Fall. Immer noch der alte...“

„So schlimm?“, fragte Aelfwyn, während die Kellnerin den Wein brachte.

„Schlimmer“, gab Liam zur Antwort und begann dann seiner Mentorin von seiner Tristan-Aktion zu erzählen. Es kümmerte ihn in diesem Moment keinen Deut, dass er damit eigentlich gegen so ziemlich jede Regel der Tagebuchschweigepflicht verstieß. Mal jemanden einen Ausschnitt aus einem Tagebuch sehen lassen, war okay, besonders wenn es sich um einen harmlosen Abschnitt handelte. Mal in allgemeinen Phrasen hypothetisieren auch. Aber haarklein alles zu erzählen, wenn man nicht offiziell Rat für den Schützling suchte? „Das Schlimme ist: Ich komm aus der Sache nicht mehr heraus, ohne dass es zur Katastrophe kommt.“

„Das ist offensichtlich“, war ihr trockener Kommentar. „Allerdings sehe ich nicht, dass du wirklich da rauskommen willst, sonst hättest du dich längst versetzen lassen. Denn selbst wenn du aktuell keinen tatsächlichen Fall übernehmen willst, hättest du genauso gut einen Antrag für eine andere Tagebuchzentrale stellen können. Neuseeland etwa...“

„Ja, ja, schön am anderen Ende der Welt, ganz weit weg von all den Problemen“, erwiderte Liam. „Aber hast du mir nicht beigebracht, dass man Schützlinge nicht im Stich lässt und das Weglaufen keine Lösung ist?“

„Tja, aber wenn du dabei bist, das Problem zu werden, dann wäre die Versetzung kein Weglaufen sondern die Lösung“, widersprach Aelfwyn.

„Ich bin nicht das Problem, Tristan ist es.“

„Hallo? Du bist Tristan!“ Aelfwyn konnte über Liam nur den Kopf schütteln. „Wenn du befürchtest, dass Tristan Josh daran hindert, zu erkennen, was für eine Chance ihm in Form eines potenziellen Partners vom Leben angeboten wird, dann bist du es, der Josh daran hindert. Es mag da draußen irgendwo jemanden geben, der Tristan heißt und den Josh ursprünglich angeschrieben hat. Aber du hast ihm geantwortet. Der Tristan, den Josh kennt, ist der Tristan, den er aus deinen E-Mails kennt.“

Hätte die Kellnerin nicht gerade ein exzellentes Rumpsteak mit Parmesansauce serviert, hätte Liam vermutlich seinen Kopf auf den Tisch sinken lassen, so beschämt war er, die Wahrheit aus Aelfwyns Mund zu hören. Er hatte es zwar tief in seinem Inneren schon geahnt, aber ausgesprochen hatten diese Worte noch einmal eine ganz andere Wirkung. Doch da war noch mehr... tief in seinem Inneren, direkt neben der Ahnung, lauerte ein winziger Widerstand. Ein egoistischer Widerstand, aber er war da. Ein Widerstand, der Liam sagte, dass er Josh nicht aufgeben wollte. Als Liam und nicht als Tristan. Indem er als Tristan zu Josh Kontakt aufgenommen hatte, hatte er etwas erfahren, das er noch nie zuvor kennen gelernt hatte: einen Kontakt zu einem Schützling, der kein tatsächlicher Fall war. Ein ‚normaler’ Kontakt, wenn man es so wollte. Und es fühlte sich unbeschreiblich gut an. Keine schlaflosen Nächte, weil das Leben des Schützlings so miserabel war und man als Gute Fee nie wusste, ob man den Schützling am nächsten Tag noch würde bei der Stange halten können, dass dieser nicht aufgab. Keine kurzlebige Freude, wenn das Happy End den Fall beendete und man sich wieder in der Tagebuchzentrale wieder fand. Denn so schön Happy Ends waren, und auch wenn sie das erklärte Ziel aller Guten Feen waren, so bedeutete es doch auch immer das Ende eines Falles und der Alltag in der Tagebuchzentrale schaffte es nur allzu bald das Hochgefühl des letzten Happy Ends zur Unkenntlichkeit verblassen zu lassen. Bei Josh dagegen gab es keinen Fall... kein Happy End, das das Ende herbeiführen würde. Denn selbst wenn Josh sein Glück irgendwann mit einem Mann, der hoffentlich nicht Allan war, fand, würde er vermutlich weiterhin Tagebuch führen. In jedem Fall aber würde er wohl weiterhin die E-Mail-Bekanntschaft zu Tristan aufrecht erhalten. Denn Josh war diesbezüglich sehr loyal und würde nicht der Erste sein, der den Kontakt abbrechen ließ. Was für Liam also bedeutete, dass solange er als Tristan antwortete, er Teil von Joshs Leben sein würde. Und Teil eines Lebens zu sein, machte diese Sache für Liam so unschätzbar wertvoll und gefährlich zugleich. Es machte süchtig. Süchtig nach Leben und Gute Feen waren Gute Feen geworden, weil sie ihr Leben selbstlos gegeben hatten.

„Gibt es eine Entzugsklinik für Gute Feen?“, fragte Liam schließlich.

„Vom Leben?“, fragte Aelfwyn nur.

Liam nickte.

„Nicht dass ich wüsste. Denn normalerweise schützt uns das zunehmende Alter vor Lebenssehnsucht. Als neue Fee nehmen wir Abschied, dann folgt die lange Zeit der Lehre, wo wir Tagebücher und Fälle haben, die uns im Normalfall an all das erinnern, was wir als Bestandteile des Lebens nicht vermissen und die schönen Momente sind gewöhnlich auf das Happy End beschränkt, weshalb wir dann ja immer sofort abgezogen und in die Zentrale zurück versetzt werden. Ich nehme an, dein Boss weiß von deiner Dummheit, als Tristan Josh zu schreiben?“

Liam nickte abermals.

„Dann ist er wohl davon ausgegangen, dass du aufgrund deines Alters resistent gegen die Versuchung wärst.“

„Aber ganz offenbar bin ich es nicht“, fasste Liam das Offensichtliche in Worte.

„Leider habe ich auf die Schnelle auch keine Lösung. Aber für den Anfang könnte ich dir anbieten, dich zu überwachen. Natürlich nicht jeden Schritt, nur Dinge, die diesen Fall betreffen. Du könntest anfangen, mich bei den E-Mails in Blindkopie zu setzen. Dann könnte ich selbst sehen, wie die Dinge stehen, und wäre eher in der Lage, dir Ratschläge zu geben“, schlug Aelfwyn vor.

„Bringst du dich damit nicht in arge Schwierigkeiten?“, fragte Liam vorsichtig.

„Vermutlich. Aber andererseits bin ich nicht umsonst schon so lange bei dem Verein. Sowohl mein Boss als auch deiner dürften mir da gewisse Dinge nachsehen.“

Angesichts der Tatsache, dass Aelfwyn über vierhundert Jahre älter war als er selbst, hatte sie mit dieser Aussage wohl Recht, weshalb Liam ihr Angebot annahm, ehe er es sich noch anders überlegte.