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Weihnachten 2013 - 20

20. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 9 - Sesam öffne dich

„Tag der offenen Tür in Bristol... Ian, Mike, Tara und Gertie haben mich gefragt, ob ich nicht mit ihnen ein paar der versteckten Sehenswürdigkeiten der Stadt ansehen möchte. Natürlich hab ich ja gesagt. War ein toller Tag... doch trotzdem fehlte etwas.“

 

Es wurde langsam fast schon zu einer schlechten Angewohnheit, dass Josh einmal mehr am Samstag den Laden nicht aufmachte. Aber wenn er eines im Leben gelernt hatte, dann dass man sich nur selbst krank machte, wenn man auf alles verzichtete, was Spaß machte, nur um der Arbeit den Vorzug zu geben. Arbeit war wichtig, ja, denn es zahlte die Rechnungen, aber es war nicht alles. Und wenn der Verlust der Samstagseinnahmen bedeutete, dass er es sich wohl erst zu Weihnachten würde leisten können, eine neue Sofagarnitur für sein Wohnzimmer zu kaufen, konnte er damit sehr wohl leben.

Das Beste aber war, je mehr er dank Tristan die Stadt, in der er lebte, mit anderen Augen wahrnahm, desto mehr Ideen kamen ihm, wie er den Laden zusätzlich zu etwas Besonderem machen konnte. Die neuste Idee war ein monatlich wechselndes Themenregal, wobei wiederum jedes Thema irgendwie auch mit Bristol zusammen hing. Daher konnte man es fast schon als Marktforschung betrachten, wenn er den Tag der offenen Tür nutzte, um Ideen für mögliche nächste Themen zu bekommen.

Dementsprechend hatte er sofort zugesagt, als ein paar Freunde ihn nach der Wechselläutenprobe angesprochen hatten, ob er nicht mitkommen wollte.

„Solange wir uns keine Kirche aussuchen“, hatte er, nur halb im Scherz, erwidert. Eigentlich mochte Josh Kirchen, und das nicht nur wegen des Wechselläutens. Oft waren sie faszinierende Meisterstücke der jeweiligen Architekturperiode, und nicht selten enthielten sie innen Kunstwerke, die zu entdecken sich lohnte. Das konnten offenkundige Dinge wie prunkvolle Fenster sein oder aber auch nur die meisterlich gefertigten Schnitzereien alter Familienbänke. Aber da sich die Glöckner sehr wohl bewusst waren, wie glimpflich sie davon gekommen waren was St Mary Redcliffe betraf – eine andere Gruppe der Gemeinde hatte sich freiwillig gemeldet, den Besuchern alles über das Gebäude zu erzählen – wäre es schon fast wie Hohn und Spott gewesen, der eigenen Kirche den Rücken zu kehren, nur um andere Kirchen zu erkunden.

„Keine Sorge, wir dachten mehr an die Clifton Rocks Bahn“, erwiderte Ian.

Josh hatte davon bislang nur vage gehört, war aber für so ziemlich alles offen. Als er dann zu Hause seine Hausaufgaben machte, war er sogar regelrecht begeistert von dem Ausflugsziel.

 

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, waren sie nicht die einzigen, die auf die Idee gekommen waren, sich für diesen Tag die alte Schrägbahn als Ausflugsziel auszusuchen. Doch auch wenn sie am Eingang ein paar Minuten warten mussten, ehe sie den alten Tunnel, der so viel mehr war, betreten konnten, war es das allemal wert.

Allein die Idee in den Fels der Avon-Schlucht einen Tunnel zu sprengen, schlagen und mauern, nur um eine Schrägbahn einzurichten, und das alles zu einer Zeit, da Königin Victoria noch regiert hatte, war fast schon unvorstellbar. Gewiss, es war deutlich bequemer und schneller, die über siebzig Höhenmeter von Clifton zur Hafenebene hinab in einem Wagen der Schrägbahn zu überwinden als auf dem Straßenweg. Aber die Baukosten und auch die Instandhaltungskosten mussten enorm gewesen sein. Kein Wunder, dass nach etwa vierzig Jahren das Defizit für den Betreiber so groß geworden war, dass der Betrieb schließlich eingestellt wurde.

Am meisten jedoch faszinierte Josh die Geschichte der BBC mit dem Tunnel der Schrägbahn im zweiten Weltkrieg. Dabei störte es ihn nicht einmal, dass der Radiosender zunächst einen anderen Tunnel in Bristol ins Auge gefasst hatte, um dort das Notfallstudio einzurichten, sollte das Rundfunkhaus von Bomben getroffen werden.

„Ich weiß nicht genau, was den Zuständigen damals durch die Köpfe ging, aber sie haben tatsächlich das einhundert Mann starke Symphonie-Orchester in den Tunnel ihrer Wahl geschickt, um die Akustik zu testen!“, erzählte Josh den anderen die Anekdote, die er in diesem Zusammenhang beim Googlen gefunden hatte.

Der Führer, der ihnen in den Tunneln unten alles zeigte, grinste nur. Er liebte es, wenn Besucher ihre Hausaufgaben gemacht hatten und dann voller Staunen die gelernten Fakten mit den eigenen Eindrücken in Einklang brachten.

„Nicht dein Ernst“, meinte Tara und sah erst Josh, dann den Führer fragend an.

Der Führer aber nickte nur. „Euer Freund hat Recht. Das haben sie tatsächlich gemacht. Der Dirigent war sogar recht angetan von der Akustik in dem Raum. Leider aber hat diese Akustikprobe die Pläne der BBC so sehr verzögert, dass sie gar nicht mehr dazu kamen, den Tunnel für sich zu reservieren. Bis sie soweit waren, hatte nämlich die Bevölkerung längst den Tunnel als Luftschutzkeller annektiert. Weshalb die BBC dann also hierher kam.“

„Wurde denn der Tunnel nicht auch als Luftschutzkeller gebracht?“, wollte Mike wissen.

„Doch, aber dieses Mal hat die BBC nicht so lange gezögert und konnte sich einen netten Teil des Tunnels sichern. Der Tunnel ist zum Glück groß genug für alle gewesen, die ein Stück davon haben wollten.“

Derweil hatte Josh sich langsam aber sicher den Weg zu den alten BBC-Räumen gebahnt. Auch wenn er wusste, dass das Studio selbst nie genutzt worden und lediglich der Kontrollraum im Einsatz gewesen war, fand er es faszinierend, dass der Radiosender so ziemlich alles Menschenmögliche getan hatte, um sicher zu stellen, dass weiter gesendet werden konnte. Dass die Leute nicht wieder Opfer der Propaganda des Lord Haw-Haw wurden. Allein die Vorstellung, dass bei jedem Bombenangriff, statt in den nächsten Luftschutzkeller zu rennen, die Schlüsselfiguren des Senders sich in einen verstärkten Dodge setzten und wie der Teufel zum Tunnel fuhren, um im Falle des Falles zu übernehmen, sorgte dafür, dass ihm Schauder über den Rücken liefen und er gleichzeitig wie blöd grinste. Es war jetzt nicht so als könnte er in Gedanken die Sirenen heulen hören, aber allein das Wissen, was an diesem Ort geleistet worden war und worden wäre, wäre es darauf angekommen, und die Tatsache, dass er heute hier stand, gaben Josh fast das Gefühl als sei er Teil des Ganzen.

 

„Vielleicht war ich es auch. Denn solange wir uns erinnern, können Dinge wie diese nicht in Vergessenheit geraten. Können Menschen wie jene Radioangestellten, die in dem Dodge durch die Stadt fuhren, in der sie jederzeit von der ersten Bombe hätten getroffen werden können, nicht vergessen werden. Ich kenne zwar ihre Namen nicht, aber ja...

Gertie hat mich die ganze Zeit nur angesehen, als erwarte sie, dass ich mich jeden Augenblick in einen tasmanischen Teufel wie aus den Loony Toons verwandle, so aufgeregt muss ich ihr wohl vorgekommen sein. Aber ich denke, ein wenig konnte ich sie mit meinem Enthusiasmus anstecken. Und vermutlich war sie nicht die einzige, die ich damit angesteckt habe. Und auch überrascht habe. Schon merkwürdig, die anderen kannten von mir bislang nur meine ruhige, fast schon introvertierte Seite. Aber heute habe ich sie an der Seite teilhaben lassen, die Tristan in mir wach gekitzelt hat. Die Seite, die sich für das Leben interessiert und anderen zeigen will, wie interessant die Welt ist. Auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, dass die anderen nicht ganz verstanden, wieso ich so aufgekratzt war. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie so ohne weiteres meine Gedanken über das Nicht-Vergessen verstehen würden. Andererseits bin ich mir sicher, dass Tristan mich sofort verstanden hätte.

Ist es merkwürdig, dass mich ein Mensch am anderen Ende der Welt, den ich noch nie gesehen habe, besser versteht, als die Menschen in meiner Umgebung? Natalie jetzt einmal ausgeschlossen, aber Natalie ist auch etwas anderes.

Und wieso kommen mir im Zusammenhang mit Tristan die merkwürdigsten Gedanken, die auch noch Sinn ergeben? Ohne Tristan hätte ich wohl gerade eben nicht gedacht, dass die steile Treppe, die heute die alten Gleise der Schrägbahn überdecken, sehr wohl auch auf mich und mein Leben zutreffen könnte. Metaphorisch also. Dass es seit Januar zwar ein mühsamer Anstieg war, aber ich doch ganz schön weit gekommen bin... nicht mehr so im Keller bin... ganz definitiv nicht mehr im Keller bin. Und auch hier bin ich mir sicher, dass Tristan mich verstehen würde. Weshalb ich all das so wahnsinnig gerne mit ihm teilen würde. Mit mehr als nur den Worten und Bildern, die ich ihm per E-Mail schicken kann.

Ist es falsch, wenn ich glaube, dass ich dabei bin, mich in jemanden zu verlieben, den ich im Grunde gar nicht kenne und der noch dazu über sechzehntausend Kilometer weit weg ist?“

 

***

 

Shit! Shit! Shit! Shit! Shit!

Das war so ziemlich alles, was Liam durch den Kopf ging, als er Joshs letzten Tagebucheintrag las. Wie hatte er es nur so weit kommen lassen können? Josh konnte und durfte sich nicht in Tristan verlieben. Denn Tristan war er, Liam. Und er war eine Gute Fee. Und ein Mensch durfte sich nicht in eine Gute Fee verlieben, denn dann gab es keine Chance auf ein Happy End. Wenn Josh sich also in Tristan verliebte, hieß das, dass Liam Josh im Grunde zu einem unglücklichen Leben verdammt hatte. Gut, es bestand noch die Möglichkeit, dass Josh irgendwann dem echten Tristan über den Weg lief, erkannte, was dieser für ein Hohlbrot und virtueller Angeber war, und sich nur die nächsten Jahre die Wunden leckte, ehe er vielleicht doch noch einen Partner fand, der ihn glücklich machte. Aber die Chancen dafür waren eher unterirdisch. Sprich, Liam hatte echte Schwierigkeiten. Er hatte nicht nur versagt, er war auch noch der Grund für das Versagen.

Angesichts der Tragweite dieser Katastrophe wunderte es Liam, dass Moses noch nicht hinter ihm stand und Kaffee so ziemlich das letzte war, was sein Boss ihm anbieten würde.

Da sprang ein Dialogfenster des Gute Feen Kommunikationsprogramm auf seinem Bildschirm auf. Es war Aelfwyn.

 

Aelfwyn: Hallo Loverboy!

 

Liam Wolf: Haha, ich lach mich grad schlapp...

 

Aelfwyn: Na, na, nicht doch. Das ist schlecht für die Wirbelsäule.

 

Liam Wolf: Darf ich dich daran erinnern, dass wir über derartige medizinische Probleme erhaben sind? Selbst Quasimodo könnte hier aufrecht gehen.

 

Aelfwyn: Es ist schön zu sehen, dass du immerhin noch nicht deinen beißenden Humor verloren hast.

 

Liam Wolf: Woher weißt du eigentlich, dass du mich genau jetzt stören musst?

 

Aelfwyn: Störe ich denn?

 

Liam Wolf: Was, wenn ich ja sagte?

 

Aelfwyn: Dann würde ich dir nur sagen, dass es meine Pflicht ist, dich zu stören.

 

Liam Wolf: Nun sag schon, woher weißt du, was bei mir gerade los ist?

 

Aelfwyn: Na, von dir... Da du dir nicht sicher warst, ob du dich jedes Mal daran erinnern würdest, mich in Blindkopie zu setzen, hast du mir den Zugang zu dem E-Mail-Fach verraten. Und nein, ich habe Pageturner nicht auf die aktuelle Mail geantwortet. Ich habe sie nur gelesen.

 

Liam Wolf: *headdesk*

 

Aelfwyn: Lass das, das könnte Dellen im Tisch hinterlassen.

 

Liam Wolf: Wie schön, dass du dir solche Sorgen um meinen Kopf machst.

 

Aelfwyn: Wie du vorhin selbst gesagt hast, sind wir als Gute Feen über derlei medizinische Probleme erhaben.

 

Aelfwyn: Nun komm schon, nicht den Beleidigten spielen. Aber weshalb ich eigentlich schreibe: Pageturners E-Mail lässt eigentlich keinen Zweifel mehr daran, wo er mit seinen Gefühlen steht.

 

Liam Wolf: Und genau das darf nicht sein!

 

Aelfwyn: Es ist unhöflich, andere Leute zu unterbrechen.

 

Liam Wolf: Ja, ja... aber es ist ja nicht so als könntest du mir eine Lösung für das Problem anbieten, die nicht auf ein extrem gebrochenes Herz bei meinem Schützling hinausläuft.

 

Aelfwyn: Und was, wenn ich es könnte?

 

Liam Wolf: Wie bitte? Was? Ich muss mich wohl verlesen haben.

 

Aelfwyn: Werde dir klar darüber, was Eiswürfel für Pageturner empfindet. Und bitte, lass dabei mal das ‚es kann nicht sein was nicht sein darf’ außer Acht. Denk einfach nicht an die Regeln. Und wenn du dann zu einem Schluss gekommen bist, lass es mich wissen. Denn erst dann kann ich dir sagen, ob und wie ich dir eventuell helfen kann.

 

Damit war Aelfwyn auch schon wieder aus dem GFKP verschwunden.

Liam war hin und her gerissen. Einerseits konnte er nicht wirklich glauben, dass es da eine Hoffnung auf eine Lösung seines Problems gab, andererseits traute er Aelfwyn eine Menge zu und wusste, dass diese ihn nicht mit so einer Aussage heiß gemacht hätte, nur um ihn dann im sprichwörtlichen Regen stehen zu lassen. Und gerade letzteres war es, dass ihn dazu bewog, sich tatsächlich Gedanken darüber zu machen, was genau er für Josh empfand, ohne mal die Schützling-Sache in den Vordergrund zu stellen.

Er holte sich eine Tasse Kakao aus der Teeküche und starrte dann gedankenverloren auf seinen Bildschirm. Was empfand er für Josh? Waren die Gefühle, die ihn erfüllten, wenn er eine E-Mail an Josh schrieb, nur vorhanden, weil er sich versuchte wie Tristan zu fühlen? Oder war er dann immer noch Liam, nur unter einem anderen Namen? Und war es wirklich Bristol, dass ihn so oft in letzter Zeit in die Menschenwelt gelockt hatte? Oder war es Josh gewesen?

Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr gelangte Liam zu dem Schluss, dass letztlich alles auf Josh hinauslief. Und nicht weil dieser sein Schützling war. Sondern weil dieser Josh war. Dass die Ausflüge Liam nur deshalb nach Bristol geführt hatten, weil er so Josh näher sein konnte. Weil es ihm in Bezug auf Josh nicht anders ging als Josh in Bezug auf ihn.

Aber was bedeutete das nun für ihn? Für sie beide?