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Weihnachten 2013 - 21

21. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 10 - Mehr als Popcorn

„Kino und Curry passt für mich weit besser zusammen als Kino und Popcorn... was wohl Tristans Lieblingskombination für Kino ist?“

 

Josh konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt ein so erfülltes Leben gehabt hatte. Es war, als hätte Tristan mit seiner ersten Frage nach Bristol ein magisches Schloss geöffnet. Sicher, es gab immer noch viele Abende, die Josh alleine zu Hause verbrachte, Abende, die er gerne mit jemand Besonderem geteilt hätte, aber die Tatsache, dass er nicht nur jede Woche zum Wechselläuten ging, sondern auch fast jede Woche noch etwas anderes unternahm, sorgte dafür, dass er selbst wenn er allein war, deswegen nicht depressiv wurde.

In dieser Woche war es ein Besuch im Watershed Kino zusammen mit Tara. Sie hatte bei der letzten Probe erwähnt, dass sie unbedingt den Gewinnerfilm des Jury-Preises der Filmfestspiele von Cannes sehen wollte, aber irgendwie hatten fast alle schon etwas für die kommende Woche vorgehabt. Und alleine gehen wollte sie nun auch nicht. Josh hatte keine Ahnung, was genau dieser Gewinnerfilm war, aber Tara hatte so traurig ausgesehen, dass er unter der Bedingung, dass sie unter der Woche ins Kino gingen, sich als Begleitung angeboten hatte.

„Oh Josh, du bist der Beste!“, hatte Tara ausgerufen und war ihm um den Hals gefallen.

Das hatte ihnen natürlich jede Menge Kommentare eingebracht, aber inzwischen hatte Josh gelernt, über so etwas zu stehen und zu lachen. Noch vor einem Jahr wäre er rot angelaufen und an dem Tag gewiss nicht mit ins Pub gegangen. „Tja, da seht ihr es... wenn ihr der Beste sein wollt, müsst ihr schwul werden!“

Damit hatte er den Lacher auf seiner Seite und die Probe war ohne weitere Zwischenfälle verlaufen.

Noch im Pub hatte Tara dann auf ihrem Smartphone die möglichen Kinotage ausgekundschaftet und so hatten sie sich für den Dienstag entschieden, weil da das Watershed eines seiner Sonderangebote im Programm hatte: Kinoticket und Abendessen für fünfzehn Pfund, und ein Getränk war auch inklusive. Da traf es sich gut, dass an dem Dienstag Curry-Tag war, denn Josh liebte Curry.

 

Als er das Watershed betrat, musste sich Josh eingestehen, dass es viel zu lange her war, seit er zuletzt im Kino gewesen war. Und dass das Watershed sich zudem bemühte, gute und etwas anspruchsvollere Filme zu zeigen, ließ ihn nur um so mehr bedauern, dass er nicht schon eher dieses Juwel in der Stadt für sich entdeckt hatte. Aber so war das eben... als Jugendlicher hatten ihn die üblichen Blockbuster interessiert, die einfach gesehen werden mussten, wollte man auf dem Schulhof überleben. Und dazu gehörten eben auch die großen Cineplexe mit ihrem überteuerten Popcorn. Nicht, dass er es bereute, all diese Filme gesehen zu haben. Es waren schließlich auch ein paar gute Filme dabei gewesen. Mittlerweile jedoch waren ihm Filmtheater mit einer etwas anderen Ausrichtung definitiv lieber.

Aber nicht nur das Filmprogramm, auch die ganze Atmosphäre des Komplexes gefielen Josh auf Anhieb. Das Café oder die Bar, je nachdem wie man es nennen wollte und wohl auch welche Uhrzeit gerade war, war offen gehalten und dennoch gemütlich. Kein Wunder also, dass das Sonderangebot mit dem Namen Cinébites so beliebt war.

Was den Film betraf, so hatte Josh keine recht Vorstellung, worauf er sich da einließ. Gewiss, er hatte versucht über das Internet etwas über ‚Like Father, Like Son’, den sie sehen würden, herauszufinden, aber das hatte sich als ziemlich schwierig erwiesen. Der Inhalt ließ sich in wenige Worte zusammenfassen und war zugleich doch zu komplex für Worte. Von außen betrachtet, ging es um zwei japanische Familien aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die durch die Entdeckung, dass ihre mittlerweile sechsjährigen Söhne bei der Geburt vertauscht wurden, zusammen gebracht werden. Und die Frage, wie man nun mit der Situation umgehen sollte. Aber es wäre ein höchst oberflächlicher Film geworden und hätte mit Sicherheit nicht einen so begehrten Preis gewonnen, wenn der Film den Zuschauer nicht mit hinein, unter die Oberfläche, nehmen würde. Entsprechend gespannt war Josh.

Und der Film enttäuschte ihn nicht.

 

„Ich glaube, am meisten hat mich die Balance beeindruckt, die der Film gewahrt hat. Ja, er war anrührend, aber er hat es nicht darauf angelegt, bewusst auf die Tränendrüse zu drücken. Es waren immer scheinbar einfache Fragen, die einen zum Schlucken gebracht haben, meist Fragen des Sohnes. Da es der Vater ist, der sich der Frage stellen muss, ob sein Sohn der ist, den er gezeugt hat, oder der, den er sechs Jahre lang groß gezogen und geliebt hat, ist das die offensichtliche Hauptrolle, die Schlüsselfigur. Und doch schafft es der Film unbewusst auch die Frage aus der Rolle des Sohnes zu stellen: Ist der mein Vater, der mich gezeugt hat, oder der, der mich groß gezogen hat?

Und mit einem Mal war da für mich die Frage, was das alles für mich bedeutet. Wir mögen zwar nicht in einer so werte- und erfolgsorientierten Gesellschaft leben wie in Japan, und die Kinder hier mögen auch nicht einem Bluttest unterzogen werden, wenn sie auf Eliteschulen gehen, aber wenn man hört, wie leicht es heute geworden ist, die Vaterschaft nachzuweisen... Wie viele Väter sich da mit der Möglichkeit konfrontiert sehen, herauszufinden, dass ihr Kind gar nicht ihr Kind ist... Nur um gleichzeitig erkennen zu müssen, dass sie dadurch eigentlich nur ihre Ängste und Unsicherheiten auf das Kind projizieren, das an alledem doch nie die Schuld trägt. Und ich kann mir nicht helfen, ich muss mich fragen, ob Väter, die diese neuen Möglichkeiten der Tests nutzen, dabei überhaupt an das Kind denken, an die Auswirkungen, die ein solches Testergebnis – egal wie es ausfällt – auf die Vater-Kind-Beziehung haben kann, sollte das Kind davon erfahren. Im Film waren die Eltern unschuldig daran, sie haben nicht aktiv die Vaterschaft angezweifelt. Bei uns aber... Und während der Fokus der Geschichte, der Kamera, oft genug auf dem Vater bleibt, wer denkt da an die Mutter? Schließlich sieht sie sich im Film doch mit der gleichen Frage konfrontiert. Oder wird hier einfach unterstellt, dass es in der Natur von Müttern liegt, ihr Kind zu lieben, egal was geschieht und wenn es biologisch nicht ihr eigenes ist und sie die Gelegenheit bekommt, das biologische auch noch kennen zu lernen, sie es einfach als Geschenk nimmt, jetzt zwei Kinder zu haben, die sie lieben kann? Es ist nie so einfach. Und zum Glück lässt der Film auch daran keinen Zweifel, auch wenn er die Mutter nicht in den Vordergrund stellt. Aber das hätte vermutlich den Fokus zerstört und zu sehr die Tränendrüse forciert. Vermutlich reicht es hier, den Vater im Vordergrund zu lassen. Weil die Regie dem Zuschauer doch so viel mehr Wissen vermittelt als das, was gerade im Bild ist.

Ich bin froh, dass Tara diesen Film vorgeschlagen hat. Es ist einer dieser Filme, die einen noch beschäftigen, wenn man längst zu Hause ist.

Und ich bin froh, dass ich mich selbst nie in einer solchen Situation wie die Hauptfigur in dem Film finden kann. Das klingt vielleicht blöd, aber so ist es nun mal... ich werde nie Kinder haben. Sicher, es gäbe künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft, es gäbe Adoption... aber ehrlich, dafür kämpfe ich noch zu sehr, um mein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, da für jemand anderen verantwortlich zu sein. Und dann hätte ich gerne einen festen Partner an meiner Seite. Nicht, dass meine Mutter ihre Sache schlecht gemacht hätte, als sie mich alleine groß gezogen hat, aber es war definitiv nicht ihre Entscheidung gewesen eine allein erziehende Mutter zu sein. Und ich denke, sie hat all die Jahre Kraft aus dem Wissen gezogen, dass mein Vater für uns da gewesen wäre, hätte es das Schicksal nicht anders gewollt. Aber mein Vater wollte ja genauso wie meine Mutter ein Kind. Und wer weiß, ob mein zukünftiger Partner überhaupt Kinder haben will? Auch wenn der Instinkt mir vielleicht einflüstert, dass ich meine Gene unbedingt weitergeben will – oder wenn nicht meine Gene, so doch das Beste meiner Ansichten –, so würde ich diesem Instinkt nicht auf Gedeih und Verderb folgen wollen. Ich kann mir nicht vorstellen, über dieses Thema die Beziehung zu dem Menschen, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte, aufs Spiel zu setzen. Und außerdem, wollte ich auf Gedeih und Verderb ein Kind, wäre ich dann nicht genauso egoistisch, wie die Väter, die ihre Kinder auf gemeinsame Allele mit sich selbst testen lassen? Wenn ich mein persönliches Glück vor das des möglichen Kindes stelle?

Lassen wir also lieber die Kirche im Dorf und hoffen lieber darauf, dass mir erst einmal der Partner fürs Leben über den Weg läuft. Und dann auch noch an mir interessiert ist. Und nicht Allan heißt. Sondern vielleicht Tristan. Wie lange er wohl noch in der Antarktis bleibt?“

 

***

 

„Woran glaubst du?“

Die Frage Aelfwyns, die ihn so ziemlich aus dem Nichts traf, ließ Liam seine beste Fischimitation zur Schau stellen.

Sie hatten sich einmal mehr zum Essen getroffen, dieses Mal in einem japanischen Restaurant unweit des Steffl in Wien. Dieses Mal aber war die Essensanfrage von Aelfwyn ausgegangen, was ihn nicht zuletzt nach der Frage, mit der sie ihn letzten Monat konfrontiert hatte, ein wenig misstrauisch gemacht hatte. Dennoch war er sich bewusst, dass Aelfwyn vermutlich noch immer seine stärkste Verbündete in diesem Schlamassel war.

„Bitte was?“

„Woran glaubst du?“, wiederholte Aelfwyn, bot aber gleich darauf noch eine Erläuterung. „Das meine ich nicht so Sinn des Lebens mäßig, sondern eher im religiösen Sinn des Wortes. Christentum, Judentum, die Kelten?“

„Wieso willst du das wissen?“

„Vertraust du mir, wenn ich dir sage, dass ich dir helfen will? Du hast mir zwar die Frage, was genau du für Josh empfindest, nicht beantwortet, aber mittlerweile brauchst du das auch nicht mehr. Denn inzwischen ist es offensichtlich, dass du, bestünde die Möglichkeit, keine Chance ungenutzt ließest, um Josh davon zu überzeugen, dass du der Richtige für ihn bist. Egal ob du nun Tristan oder Liam heißt.“

Liam verfluchte die Tatsache, dass er nach über tausend Jahren noch immer nicht gelernt hatte, nicht rot zu werden, wenn er das Gefühl hatte, bei etwas auf frischer Tat ertappt worden zu sein. Und Aelfwyn hatte eine geradezu gespenstische Art, ihn nur allzu oft so fühlen zu lassen. Dabei sollte ihn das mittlerweile eigentlich nicht mehr verwundern. Dennoch hielten einmal mehr die Stäbchen mit dem frittierten Gemüse auf halbem Weg zum schon geöffneten Mund an und er starrte sie nur erschrocken an.

„Nun guck nicht so. Du weißt, dass es die Wahrheit ist.“ Aelfwyn beugte sich vor und schnappte sich den Gemüsehappen von Liams Stäbchen. Es war zwar Kürbis und sie mochte Kürbis nicht unbedingt, aber sie wusste auch, dass das Liam aus seiner Starre lösen würde. Und tatsächlich...

„Hey, das ist mein Gemüse. Bleib du hübsch brav bei deinem Fisch!“, grummelte er prompt.

„Zurück zur eigentlichen Frage: Woran glaubst du?“

Liam ahnte, dass er um die Antwort wohl nicht herum kommen würde und so legte er die Stäbchen beiseite. Er überlegte kurz und sagte dann: „Der keltische Glaube. Offiziell war die ganze Familie damals zwar getauft und gehörte der Christlichen Religion an, aber die alten Bräuche waren deswegen nicht verschwunden. Ich glaube, meine Vorfahren, die sich damals für die Taufe entschieden haben, haben einfach gedacht, dass es nicht schaden kann, sich Christus und seinen Gott auch als mögliche himmlische Schutzmächte zu sichern, ohne dass sie vorgehabt hätten, deswegen den alten Traditionen untreu zu werden. Na gut, vielleicht wurde auf ein paar der blutigeren Zeremonien zugunsten von Weihrauch und Weihwasser verzichtet, aber sonst? Und das haben sie an die nächste Generation weitergegeben.“

Aelfwyn nickte. Das war damals durchaus gängige Praxis gewesen. Und auch die Kirche hatte eingesehen, wie wichtig es war, mit manch alter, heidnischer Tradition zu kooperieren indem man sie verchristlichte und so der eigenen Religion einverleibte. Es war kein Zufall, dass Weihnachten und Jul fast auf den gleichen Tag fielen, und auch die kalendarische Nähe von Allerheiligen und Allerseelen zu Samhain war kein Zufall. Mittsommer fiel mit dem Johannistag zusammen und so weiter...

„Jedenfalls haben die alten Bräuche und Rituale mir immer mehr bedeutet als in der Kirche zu stehen, um mir die Messe anzuhören“, schloss Liam seine Erklärung.

„Gut. Dann wäre Samhain also der Tag der Wahl.“

„Tag der Wahl? Wofür?“, wollte Liam wissen.

Aelfwyn sah sich kurz um, um sicher zu gehen, dass niemand auffällig ihrem Gespräch lauschte, denn das was sie sagte würde selbst für Liam unglaublich klingen, für Außenstehende aber so verrückt, dass sie eher einen terroristischen Anschlag in Codewörtern verschleiert vermuten würden. Zufrieden, dass die meisten sie in ihrer Ecke zugunsten von Sushi und Miso-Suppe ignorierten, beugte sie sich vor und erklärte leise: „Liam, seit dem Moment, da du begonnen hast, dich in Josh zu verlieben, haben deine Gefühle und Gedanken mehr im Leben als in dem, was darüber hinaus existiert und wo wir Guten Feen residieren, geweilt. Nicht, dass du deswegen deine Arbeit vernachlässigt hättest, aber dein Herz war einfach nicht mehr dabei. Dein Herz, das eigentlich vor über tausend Jahren beim Übergang zu schlagen aufgehört hat, ist bereit, ein neues Leben anzufangen.“

„Klartext bitte?“ Liam war mehr als verwirrt.

„Es ist überaus ungewöhnlich und ich glaube, es gibt in der Geschichte der Guten Feen nicht mehr als ein Dutzend Fälle, aber Liam, du bist dabei dir zu wünschen, ein Mensch zu sein. Wieder ein Leben zu haben, mit all den Konsequenzen... Aufzugeben unzähligen anderen zu helfen. Die Gefahr verletzt zu werden. Die Gefahr getötet zu werden. Zu wissen, dass du nie wieder eine Gute Fee werden kannst, selbst wenn du dich für den, den du liebst, opferst. Dieses Risiko bist du bereit einzugehen, weil für dich die andere Seite dieser Medaille so viel wertvoller ist. Die Chance, mit dem Menschen, den du liebst glücklich zu werden. Die Chance, dass du das Happy End für diesen Menschen bist. Und dass dieser Mensch das Happy End für dich ist.“

„Aber Aelfwyn, meine Wahl ist getroffen. Ich habe meine Wahl vor über tausend Jahren getroffen“, widersprach Liam. „Als ich mich für meine Schwester opferte. Deswegen war ich doch überhaupt erst qualifiziert, Gute Fee zu werden. Und da gibt es kein Zurück. Sonst würden Menschen sich doch ständig opfern, nur um dann bald darauf mit einem neuen Leben zurückzukehren.“

„Das was du schilderst wäre ein typisch menschlicher Zug: egoistischer Altruismus. In dem Fall würden die Guten Feen aus rein egoistischen Gründen zurück ins Leben wollen. Und das funktioniert nicht, da hast du Recht“, stimmte ihm Aelfwyn zu. „Was dich jedoch davon unterscheidet ist, dass du nicht um deiner selbst willen zurück ins Leben willst, sondern weil es Joshs Glück dienen könnte. Dass du selbst davon ebenfalls profitieren und dein eigenes Glück finden könntest, ist für dich nur ein angenehmer Nebeneffekt.“

„Bist du dir da so sicher?“ Liam zweifelte an der Selbstlosigkeit seiner Gefühle.

„Sag mir, wenn Josh an Melvin oder Daniel interessiert gewesen wäre, ja, selbst wenn es sein ureigenster, innigster Wunsch gewesen wäre, wieder mit Allan zusammen zu kommen, würden wir dann heute hier sitzen und dieses Gespräch führen? Oder hättest du dich nicht viel mehr zurück gehalten und unbewusst als Tristan alles getan, um das mögliche Glück Joshs mit einem von den anderen zu fördern?“

Liam sah Aelfwyn nachdenklich an. Im ersten Moment tat der Gedanke, dass Josh mit einem anderen als ihm glücklich sein könnte, weh. Aber dann wurde ihm bewusst, dass er, hätte Josh sich ernsthaft für einen von ihnen interessiert, wohl instinktiv Distanz gewahrt hätte und sich gar nicht erst gestattet hätte, solche Gefühle für Josh zu entwickeln. Denn schließlich war es bei ihnen beiden, sowohl bei Josh als auch bei ihm, nicht diese berühmte Liebe auf den ersten Blick, sondern etwas, das über Monate und eher zögerlich gewachsen war. „Ich denke, die Antwort kennst du“, sagte er schließlich und Aelfwyn nickte.

„Was mich wieder zu der Glaubensfrage zurückführt. Es gibt ein sehr altes Ritual, das es erlaubt, einer Guten Fee wieder ins Leben zu wechseln. Allerdings ist die Wahl des richtigen Zeitpunkts wichtig. Es muss an dem Tag geschehen, wo in dem Glauben, in dem die Fee als Mensch aufgewachsen ist, die Welt der Toten und die Welt der Lebenden sich so nah wie möglich sind. Im keltischen Glauben wäre dies Samhain, für die Christen, zumindest diejenigen, die heute als Katholiken bezeichnet werden, wäre es Allerseelen, während die neueren Protestanten vermutlich Totensonntag wählen würden.“

„Ein sehr altes Ritual?“ Die Art, wie Liam die Worte aussprach, machte deutlich, dass er nicht ganz überzeugt von der Idee war. ‚Altes Ritual’ bedeutete meist schließlich nicht nur, dass es ein Ritual war, dass vermutlich so alt wie die Guten Feen selbst war, sondern dass es meist von der Zeit selbst vergessen worden war, nachdem es nicht länger vollzogen wurde. Und die meisten Rituale, die nicht länger vollzogen wurden, beinhalteten meist irgendetwas äußerst Unangenehmes. Etwas, das Aelfwyn ihm bislang verschwieg.

„Ich sagte ja bereits, dass es höchstens vielleicht ein Dutzend Fälle wie dich in der Geschichte der Guten Feen gegeben haben. Feen, die es geschafft haben, ins Leben zurück zu kehren. Und ja, ich glaube fest daran, dass du es schaffen kannst, wenn du dich für das Ritual entscheidest. Aber du hattest auch Recht, als du sagtest, dass es jede Menge Feen geben würde, die das Ritual würden nutzen wollen, einfach um um ihretwillen wieder ins Leben zurück zu kehren. Meist gibt es nach einem erfolgreichen Ritual immer einige Dutzend Gute Feen, die der Ansicht sind, dass sie auch qualifiziert sind, das Ritual zu durchlaufen. Und für gewöhnlich scheitern all diese Feen. Was dann wiederum dafür sorgt, dass es für lange Zeit keine weiteren Versuche gibt, bis das Ritual wieder in Vergessenheit gerät...“

„Was verschweigst du mir?“ Liam wurde langsam nervös.

Statt einer Antwort, blickte Aelfwyn hinüber zu der offenen Küche, wo der Koch an der Theke mit Meisterhand ein sehr scharfes Messer handhabte und den Fisch für die Sushi schnitt. „Was geschieht, wenn der Koch sich schneidet?“

„Aelfwyn, das ist eine blöde Frage. Er blutet natürlich.“

Aelfwyn lächelte nur leicht und nickte, ehe sie ganz ernst fragte: „Wenn du dich schneidest, was passiert dann?“

„Das ist eine nicht minder blöde Frage. Gar nichts. Da Gute Feen rein theoretisch tot sind, bluten sie natürlich nicht.“

„Und genau darum geht es... Bei dem Ritual wird dich jemand – genauer gesagt ich, denn ich werde mich als dein Ritualpate anbieten und auch als Gute Fee, die dann über dich in deinem neuen Leben wacht – mit einem scharfen Messer schneiden. Wieder und wieder. Während du dich ganz auf den Grund konzentrierst, weshalb du wieder ins Leben zurück kehren möchtest: Josh. Du wirst den Schmerz eines jeden Schnittes fühlen, du wirst jeden Schnitt sehen können. Verläuft das Ritual erfolgreich, so wird mit dem zwölften Schnitt Blut fließen. Jeder weitere Schnitt liegt dann bei dir. Ist das Ritual erfolgreich, werde ich dir weitere Schnitte zufügen, bis du ohnmächtig wirst, maximal jedoch in deinem Fall elf. Für jedes begonnene Jahrhundert einen. Denn mit jedem Schnitt, den du aushältst, ohne vor Schmerz ohnmächtig zu werden, behältst du die Erinnerung eines Jahrhunderts, das du als Gute Fee verbracht hast. Bei elf Schnitten würdest du also all deine Erinnerungen behalten. Solltest du bereits mit dem zwölften, dem ersten blutigen Schnitt ohnmächtig werden, so hättest du keinerlei Erinnerung an die letzten tausend Jahre mit einer Ausnahme: Du würdest dich an Josh erinnern.“

Liam konnte Aelfwyn ansehen, wie schwierig es ihr fiel, ihm in einem ruhigen Ton zu erzählen, dass sie ihn würde verletzen müssen, damit er ins Leben zurück kehren konnte. Allein die Tatsache, dass sie ihm dies anbot, bedeutete ihm viel. Und fast mehr noch bedeutete es ihm, zu wissen, dass sie es sein würde, die über ihn in seinem neuen Leben wachte. Sofern er nicht zu früh in Ohnmacht fiel und all das hier vergaß... „Und was passiert, wenn der zwölfte Schnitt kein Blut hervorbringt?“, wollte er wissen. Er fühlte zwar instinktiv, dass dies bei ihm nicht geschehen würde, aber wollte dennoch alle Seiten des Rituals kennen.

„Dann war die Motivation nicht rein genug. Dann endet das Ritual mit dem zwölften Schnitt. Doch die Wunden werden nur langsam heilen und Narben hinterlassen. Eine Gute Fee, die sich auf das Ritual einlässt und den Übergang nicht schafft ist auf ewig gezeichnet.“

Das erklärte, wieso nach ein paar fehlgeschlagenen Versuchen das Ritual für gewöhnlich wieder in Vergessenheit geriet. Denn erst wenn das Ritual vergessen war, konnte die betreffende Gute Fee hoffen, dass auch die Schande der unreinen Motivation langsam vergessen würde.