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Weihnachten 2013 - 22

22. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 11 - November, NaNo, Neubeginn

„Ich kann es kaum glauben, wie viele mögliche Autoren diesen Monat das Angebot meines Bristol-Regals nutzen. Es kann natürlich damit zusammenhängen, dass es NaNoWriMo ist...“

 

Josh schaute stolz auf das Regal mit den Holzbüchern. Nicht weniger als zwanzig Teilnehmer des National Novel Writing Month aus der Region hatten auf seinen Hinweis im dortigen Forum reagiert und ihm Klappentext, Cover und Buchrücken per E-Mail geschickt oder waren selbst vorbeigekommen, um ihr Buch für das Regal zu bestücken. Das, und das Poster mit dem Hinweis auf den NaNoWriMo und die Autoren von Bristol und Umgebung im Schaufenster hatten schon einige Neugierige angelockt. Zwar hatten viele nur geschaut und nichts gekauft, aber wenn diese Menschen nächsten Monat, wenn sie Weihnachtsgeschenke suchten, sich dann immer noch an das ‚Turn a Page’ erinnerten und lieber hier kauften als zu hoffen, dass Amazon pünktlich lieferte, war Josh mehr als zufrieden.

Während er eine Kurzinventur durchführte, blickte er zu einem der Sessel hinüber, wo ein Mann etwa in seinem Alter, vielleicht auch ein paar Jahre jünger, saß und auf einem Laptop tippte. Er lächelte, als er daran dachte, wie dieser den Laden vor ein paar Tagen betreten hatte und mit Blick auf das Poster gefragt hatte, ob er vielleicht hier im Laden seinen NaNo-Roman schreiben könnte. Darüber hatte Josh noch nie nachgedacht.

„Ich bin gerade erst nach Bristol gezogen“, hatte der junge Mann erklärt, „und entsprechend chaotisch sieht es bei mir noch aus. Überall stehen Kisten, die ausgeräumt werden wollen, oder halb ausgeräumte Kisten, die mich an die Möbel, die noch fehlen, erinnern. Da hilft es wenig, dass ich gleichzeitig meinen Laden einrichte und gerne bis Dezember damit fertig werden möchte, damit ich das Weihnachtsgeschäft noch mitnehmen kann...“

„Und dann schreiben Sie noch einen Roman?“, hatte Josh ungläubig und auch bewundernd gefragt.

„Irgendeinen Ausgleich braucht man. Und die Idee für die Geschichte lässt mich einfach nicht los. Spätestens als ich mich dabei ertappt habe, wie ich vor einer auszuräumenden Kiste saß und ins Leere gestarrt habe, weil mein Kopf damit beschäftigt war, die Geschichte weiterzuspinnen statt einen Platz für die Sachen zu suchen, wusste ich, dass ich es einfach aufschreiben muss, wenn ich mit der Wohnung und dem Laden überhaupt weiterkommen will.“

Das konnte Josh zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehen. Bei ihm war es zwar kein Roman, aber immer wenn er etwas Tolles erlebt hatte, das er Tristan unbedingt mitteilen wollte, konnte er sich kaum auf etwas anderes konzentrieren, bis diese E-Mail geschrieben war. Was vielleicht der Grund war, weshalb in seinem Wohnzimmer immer noch die kahlen Stellen an seinen Entschluss vom Januar erinnerten, die Sitzmöbel für den Laden zu nutzen.

„Leider aber“, fuhr der Neuautor fort, „ist das Chaos zu Hause gleichzeitig so groß, dass ich mich nicht auf die Geschichte konzentrieren kann. Daher suche ich einen Platz, wo ich möglichst ohne derartige Ablenkungen schreiben kann, damit ich, wenn ich mit dem, was ich an dem Tag schreiben wollte, fertig bin, mich umso besser auf die Beseitigung des Chaos konzentrieren kann. Allerdings kenne ich mich hier in Bristol noch nicht so gut aus... Und als ich dann das Poster im Fenster gesehen habe, dachte ich, es ist einen Versuch wert.“

Das Ganze wurde von einem so ehrlichen Lächeln begleitet, dass Josh im Grunde gar nicht anders gekonnt hatte, als seine Zustimmung zu geben.

Seitdem schrieb der junge Mann, der sich als Liam Wolf vorgestellt hatte, fast jeden Tag im ‚Turn a Page’, wenn nicht gerade an dem Tag auch ein Treffen der örtlichen NaNo-Gruppe stattfand. Denn, so sagte er: „Es schreibt zwar letztlich jeder allein am eigenen Rechner, aber in einer Gruppe reißt man sich dann doch noch mal extra zusammen und will wirklich was zu Papier bringen und sich nicht von jeder Kleinigkeit ablenken lassen. Das hilft ungemein, die Tagesziele zu erreichen und somit am Ende des Monats zu gewinnen.“

Josh konnte nur nicken. Schließlich ging es ihm ähnlich, was das Wechselläuten betraf. Das war auch etwas, das nur in der Gruppe wirklich funktionierte und da umso besser.

Dennoch konnte er nicht umhin, Liam Wolf doch von Zeit zu Zeit abzulenken. Etwa, wenn er ihm eine Tasse Tee anbot. Da er für sich selbst regelmäßig Tee kochte, war es kein großer Akt noch eine zweite Tasse aufzusetzen und seinem Gastautor anzubieten. Oder so wie jetzt Mittagessen.

„Wie sieht es aus, haben Sie Hunger, Liam?“, fragte er mit einem Blick auf die Uhr, der ihm sagte, dass es Zeit für die Mittagspause wurde.

Der Angesprochene zuckte kurz zusammen, sah dann aber auf und lächelte. „Ist es schon so spät?“

Josh nickte. „Nicht, dass ich Sie loswerden möchte, aber für gewöhnlich schließe ich den Laden um diese Zeit für eine Stunde...“

Liam wurde ein wenig rot. „Oh... dann will ich Sie nicht von Ihrer verdienten Pause abhalten. Aber vielleicht könnte ich ja am Nachmittag wiederkommen...“

„Sie scheinen gerade an einer sehr spannenden Stelle in Ihrem Roman zu sein, wenn es Sie so fesselt... Sie haben heute deutlich länger geschrieben als sonst“, meinte Josh, der nach bald zwei Wochen wusste, dass Liam für gewöhnlich nur zwei Stunden im Laden weilte, mal vormittags, mal nachmittags, aber eben immer nur so etwa zwei Stunden, ehe er den Rechner wieder einpackte und nach Hause ging.

„Es wird langsam“, gestand Liam. „Was vermutlich auch der Grund ist, dass ich nicht mitbekommen habe, wie die Zeit vergeht.“

Josh lächelte. „Was halten Sie davon, wenn Sie mit mir in den Pub um die Ecke gehen und was essen? Es gibt dort eine nette Auswahl an heißen Suppen mit gutem Brot. Und hinterher könnten Sie mit mir hierher zurück kommen und gleich weiter schreiben“, schlug er vor.

Liam zögerte kurz, dann aber klappte er entschlossen das Notebook zu. „Das klingt sehr gut. Danke, ich komme gerne mit.“

 

„Worum geht es in Ihrem Roman?“, fragte Josh, als sie kurz darauf auf einer hölzernen Bank saßen und auf ihre Bestellung warteten.

„Sagt Ihnen der Begriff Voynich-Manuskript etwas?“, fragte Liam zurück.

Josh überlegte, schüttelte dann aber den Kopf.

„Es ist ein altes Manuskript aus dem späten Mittelalter, das in einer Geheimschrift geschrieben ist, die bis heute nicht entziffert ist.“ Liams Augen funkelten, als er davon erzählte. „Auf den ersten Blick sehen die Buchstaben so aus, als könnte jeder sie lesen, aber auf den zweiten Blick muss man erkennen, dass die Zeichen scheinbar keinen Sinn geben. Aber das ganze Buch ist in der Struktur erkennbarer Kapitel, Absätze und sogar Wortlängen zu gleichmäßig, um zufällig oder willkürlich zu sein. Es gibt auch Zeichnungen in dem Manuskript, die Hinweise darauf geben könnten, worum es in den Kapiteln geht. Medizin, Astronomie, derartiges. Aber da hören die Rätsel nicht auf.“

„Das allein klingt aber schon reichlich unbegreiflich“, meinte Josh und nippte an der Cola, die er sich zu dem Essen bestellt hatte.

„Das Problem ist, das Buch sieht aus, als wäre es an einem Stück geschrieben – fehlerfrei. Was reichlich unwahrscheinlich ist. Dann ist da die Größe mancher Manuskriptblätter... das ganze Manuskript ist auf Pergament geschrieben und Pergament einer solchen Größe war zu keiner Zeit billig. Darüber hinaus haben Untersuchungen der Zeichnungen ergeben, dass die Farbstoffe auf teuren Mineralien basieren. Sprich, wer immer das Manuskript angefertigt hat, muss über eine Menge Geld verfügt haben. Oder über einen entsprechend reichen Auftraggeber. Die Geschichte, die das Manuskript begleitet, sah es in den Händen Kaiser Rudolfs II, dessen Leibarzt, vermutete den Ursprung bei einem mittelalterlichen Gelehrten aus England und es wurde oft genug als Fälschung angezweifelt. Jetzt haben neuste wissenschaftliche Untersuchungen immerhin die Altersbestimmung erlaubt und zumindest deutlich belegt, dass das Manuskript keine Fälschung aus dem sechzehnten Jahrhundert ist, sondern etwa aus dem Jahr 1400 stammt. Und darauf basierend lassen Elemente in den Zeichnungen auf einen Ursprung in Italien schließen.“

„Aber wenn die Wissenschaft all diese Erkenntnisse hat, wieso entzieht sich das Manuskript dann immer noch der Entschlüsselung?“

Liam grinste aufgeregt. Er hatte einen Narren an solchen historischen Rätseln gefressen. „Weil die Wissenschaft immer noch nicht erklären kann, was auf dem Pergament geschrieben steht. Die Wissenschaft kann nur erzählen, womit gearbeitet wurde. Und wo es eventuell herstammt. Man hofft, wenn man die Herkunft kennt, dass man dort Aufschlüsse über den Inhalt findet, was dann zur Entschlüsselung führt.“

Die Suppe kam und für ein paar Minuten waren beide damit beschäftigt, ihr Mittagessen zu kosten. Dann fuhr Liam fort: „Wenn Sie eine verschlüsselte Botschaft bekommen würden, was würden Sie als erstes tun, Josh?“

Josh überlegte, denn er konnte sich der Herausforderung nicht entziehen. „Sind es Symbole, Zahlen oder Buchstaben?“

„Bleiben wir bei Buchstaben oder Symbolen. Zahlen funktionieren meist nur im Zusammenhang mit Paarungen und sind daher am Mittagstisch schlechter zu erklären.“

„Ich glaube, als erstes würde ich versuchen, herauszufinden, was das E ist. Es ist so ziemlich der häufigste Buchstabe, den unsere Sprache verwendet und ich gehe jetzt mal aus, dass die Botschaft an mich in einer Sprache geschrieben wäre, die ich verstehe.“

Liam nickte. „Sie würden eine Zeichenanalyse machen. Auch wenn Sie es nicht auf dem Papier aufschreiben würden, so würden Sie instinktiv im Kopf die vorhandenen Zeichen nach der Häufigkeit, in der sie auftreten sortieren. Im nächsten Schritt würden Sie bekannte Kombinationen suchen. Für Englisch wäre es zum Beispiel TH oder WH oder SH, was Ihnen helfen würde, das Zeichen für H zu identifizieren. Sie würden nach Dopplungen suchen, um N, M, L, R, T und so weiter zu finden. Aber das funktioniert beim Voynich-Manuskript nicht.“

„Eine unbekannte Sprache in unbekannten Zeichen?“, stellte Josh in den Raum.

„Das wäre eine Möglichkeit“, meinte Liam. „Die Idee, die ich für meinen Roman verwende, orientiert sich aber auch an der Entschlüsselung der alten Maya-Zeichen.“

„Ist das nicht ein gänzlich anderer Kontinent?“, fragte Josh überrascht.

Liam nickte. „Aber im Gegensatz zum Voynich-Manuskript sind die Maya-Zeichen identifiziert. Und der Aufbau der Maya-Schrift enthält Elemente, die auf das Voynich-Manuskript zu übertragen für mich irgendwie unwiderstehlich war. Die Maya benutzen eine Bilderschrift, die auf Lauten und nicht auf Buchstaben basierte. So konnte etwa ein Affe durch das Bildsymbol für Affe dargestellt werden, aber es konnte auch das Symbol für A und dann das Affensymbol dargestellt werden. Gut, auf Maya wird Affe wohl kaum mit A anfangen, aber ja... auf Maya wäre A plus Affe immer noch Affe. Genauso wie Affe allein. Das gab den Bildhauern, die mit der Schrift die Tempel schmückten so viele Variationen, dass zunächst jede Erkenntnis über die Schrift sofort von der nächsten Symbolgruppe widerlegt zu werden schien. Bis man die Kombinationsmöglichkeit in Betracht zog. Mein Ansatz für meinen Roman ist daher, dass manche Symbole nur ergänzenden Charakter haben.“

„Aber, funktioniert das denn auch für einen buchstabenbasierte Schrift?“, wollte Josh wissen.

„Nicht für eine rein buchstabenbasierte Schrift“, gab Liam zu. „Aber wir wissen nicht, ob das Voynich-Manuskript eine rein buchstabenbasierte Schrift ist. Es könnte eine Kombination sein, so das Symbol für N auch gleichzeitig als Silbe NA heißen könnte. Oder N auch Nacht heißen könnte. Oder Bein, wenn das Symbol spiegelverkehrt geschrieben wäre... Oder dass generell ein N-Symbol, wenn es am Ende steht, spiegelverkehrt zu schreiben wäre, auch wenn es dann wie ein S aussähe oder so...“

„Und wenn ich dann also Weihnacht schreiben wollte, könnte ich es auch mit Weih dann N aber spiegelverkehrt schreiben? Weil das N-Symbol auch Nacht heißen kann, aber am Wortende spiegelverkehrt sein muss?“

„Genau!“ Liam strahlte Josh an und Josh fühlte, wie ihm wohlig warm dabei wurde.

„Und darum geht es in der Geschichte?“

Liam nickte. „Meine Protagonistin, Toni, entdeckt auf dem Dachboden ihrer Großeltern einen paar Seiten, die mit Voynich-Zeichen übersäht sind. Aber es ist auf Papier geschrieben, kann also nicht zum Manuskript gehören. Als sie dann die Bibliothek der Yale Universität kontaktiert, die das Manuskript besitzt und die Seiten vergleicht, ist sie überrascht, dass keine der Seiten mit dem Manuskript übereinstimmt. Natürlich gibt es Leute, die ihr die Seiten von den Großeltern stehlen wollen, darunter ihr Freund, aber nach und nach erkennt sie, dass ihr eine der Seiten vertraut vorkommt. Auch wenn nicht direkt in Zeilen angeordnet, gibt es Trennzeichen, die es ihr erlauben, die Anordnung entsprechend zu ändern, und plötzlich erkennt sie, dass es ein Gedicht oder Lied ist, was sie in all den Zeichen gefunden hat. Sie vergleicht es mit ein paar Stücken, die ihre Großeltern mochten und oft zitierten, aber das bringt sie nicht weiter. Erst als sie die Großeltern fragt, woher sie die Seiten haben, erfährt sie, dass diese die Seiten aus dem Nachlass von Robert Frost stammen. Und als sie dann dessen Gedichte mit der Seite vergleicht, hat sie plötzlich den Schlüssel zu der Sprache.“

„Wow! Das klingt wirklich faszinierend. Und definitiv wissenschaftlicher als Indiana Jones oder Relic Hunter oder so.“

„Ich komme auch ohne die Sigma-Force aus“, meinte Liam gutmütig. „Aber na ja, im Moment schreibe ich am ersten Entwurf, ich habe noch überhaupt keine Ahnung, ob am Ende etwas dabei herauskommt, dass es mit diesen berühmten Vorbildern auch nur im Entferntesten aufnehmen könnte.“

 

„Heute war ich wieder mit Liam zum Mittagessen. Es wird fast so etwas wie eine angenehme Gewohnheit alle paar Tage gemeinsam ins Pub zu gehen. Ich mag seine Gesellschaft wirklich sehr. Aber wenn ich dann abends in meine Wohnung komme und mein Blick auf den Kalender fällt, wo ich notiert habe, wie lange Tristan vermutlich noch in der Antarktis ist, kommt es mir immer vor, als würde ich ihn mit Liam betrügen. Noch dazu, wo ich Tristan in den E-Mails nie von Liam erzähle. Das ist doch verrückt! Da ist Tristan, der am anderen Ende der Welt ist und den ich noch nie getroffen habe, von dem ich aber hoffe, ihn zu treffen und dass dann vielleicht mehr daraus wird als eine bloße E-Mailbekanntschaft. Und dann ist da Liam, mit dem ich mich absolut wohl fühle, und wo ich ehrlich gesagt mir vorstellen könnte, dass da mehr draus wird als ein gelegentliches Mittagessen, ich mich aber nicht traue, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen, weil ich Angst habe, mir dadurch meine Chancen bei Tristan zu verbauen.

Gott, das klingt als hätte ich vor, zweigleisig zu fahren. Aber so ist es absolut nicht. Nur denke ich, dass ich mich für einen von beiden entscheiden muss... Und dann entsprechend Distanz zu dem anderen aufbauen... Wenn ich doch am liebsten beide behalten möchte. Aber das wäre wohl zu viel verlangt und zudem überaus egoistisch.

Das Doofe ist auch: Es gibt niemanden, mit dem ich darüber reden kann. Würde ich Natalie fragen oder auch Gertie, würden sie mir bestimmt zu Liam raten. Schließlich hat Natalie ja bereits im August versucht so etwas wie ein Blind Date für mich zu organisieren. Vermutlich würden sie sogar das doofe alte Sprichwort ‚Lieber ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach’ zitieren. Als wäre Liam ein Spatz und somit weniger wert als Tristan die Taube. Als würde Liam die Tatsache, dass er nun mal hier in Bristol ist, zu einem Spatz degradieren. Blödes Sprichwort!

Aber weil ich mit niemandem darüber sprechen kann, und es mir in diesem Fall offensichtlich auch nicht weiterhilft, meine Gedanken in der Hoffnung auf Ordnung in mein Tagebuch zu schreiben, wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln.“

 

***

 

Elf Schnitte. Er hatte alle elf Schnitte ausgehalten. Liam war stolz auf sich. Aber es tat zugleich auch immer noch verdammt weh, waren es doch insgesamt 23 Schnitte, die seinen Körper verunzierten. Der einzige Trost, der ihm blieb, war dass die Schnitte immerhin schon mit Grind überzogen und auf dem Weg der Heilung waren, als er wieder zu sich kam.

„Das war ja ein reichlich schlimmer Unfall, Mr. Wolf“, sagte die Krankenschwester, als sie sah, dass der Patient aus der Bewusstlosigkeit aufwachte.

Liam brauchte einen Moment, um sich zu orientieren und sich daran zu erinnern, was Aelfwyn ihm über seinen Neustart unter den Lebenden gesagt hatte. Ein Krankenhaus machte daher also Sinn. „Meine Sachen...?“, brachte er krächzend heraus.

„Ihr Wagen war leider ein Totalschaden. Aber die Feuerwehr hat die Ledertasche vom Rücksitz bergen können.“ Die Schwester reichte ihm ein Glas Wasser.

Liam nickte erleichtert. Die Tasche war alles, was er für einen Neuanfang brauchte, denn sie enthielt seine neuen Papiere. Mit ihnen konnte er sich dann wiederum bei der Bank ausweisen, so dass er an das Startkapital von einhunderttausend Pfund herankam, das ihm gewährt wurde.

„Hier, sehen Sie?“, fragte die Krankenschwester und hielt besagte Tasche hoch. „Alles noch da, auch wenn wir die Tasche aufgemacht haben, um zu sehen, ob sie Aufschluss über Ihre Identität gibt. Auch wenn wir nicht mit der Geburtsurkunde gerechnet haben...“

„Ich bin gerade am Umziehen. Aber die Papiere waren zu wichtig, als dass ich sie einfach in einen Umzugskarton hätte packen wollen.“

Die Schwester nickte verstehend.

Der Arzt erschien zur Visite, war zufrieden damit, wie die Schnitte heilten und sagte, dass er den Patienten zur Beobachtung gerne noch über Nacht da behalten wollte, dass aber ansonsten seiner Entlassung nichts im Wege stand.

 

Liam hatte die Empfehlung des Arztes über Nacht im Krankenhaus zu bleiben, ernsthaft in Erwägung gezogen, bis ihm einfiel, dass Samhain in diesem Jahr ja an einem Donnerstag gewesen war, es folglich also heute Freitag war und Banken in England Samstags nicht geöffnet hatten. Er musste aber dringend zur Bank, denn sonst würde er am nächsten Tag aus dem Krankenhaus entlassen und säße ohne einen Penny Bargeld auf der Straße. Also hatte er um die Entlassungspapiere gebeten und sich nach dem Besuch bei der Bank für ein paar Tage in einem einfachen Hotel eingemietet. Das war natürlich nur eine Übergangslösung, solange, bis er eine Wohnung und einen Laden für das Geschäft, das zu eröffnen ihm vorschwebte, fand. Er hatte lange überlegt, was er machen wollte, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn auch wenn das Startkapital so bemessen war, dass er über Jahre hinaus versorgt wäre, lag es nicht in seiner Natur, einfach nur faul herumzusitzen. Außerdem würde irgendwann der Tag kommen, da das Startkapital aufgebraucht wäre... Zumal bereits das Wort Startkapital besagte, dass es dazu gedacht war, bei einem Start zu helfen, dass er dann aber möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen sollte.

Schließlich hatte er sich entschieden einen Laden für Schmuckstücke nach historischen Vorbildern zu eröffnen. Er hatte sich instinktiv immer für Schmuck der einzelnen Epochen, in denen er Schützlinge betreut hatte, interessiert. Von daher wusste er, dass alter Schmuck immer Aufsehen erregte, selbst wenn es sich nur um Nachbildungen handelte, und dass die Menschen gerne einfach Schmuck trugen, der sich von der aktuellen Mode unterschied, solange es noch zur Person und Erscheinung passte. Und auch wenn er selbst keinerlei Kenntnisse über Goldschmiedekunst hatte, so war er doch sicher, dass er hinreichend genaue Entwürfe zeichnen konnte, um einen Goldschmied dann mit der Anfertigung zu beauftragen. Dass der Erfolg dieser Idee unter anderem davon abhing an wie viele Jahrhunderte er sich erinnerte, hatte er bei der Planung geflissentlich verdrängt, doch nach dem überaus erfolgreichen Ritual stand der Umsetzung nun nichts mehr im Wege.

 

Nach ein paar extrem stressigen Tagen war er dann schließlich soweit, dass er dem ‚Turn a Page’ endlich einen Besuch abstatten konnte. Er wollte nicht länger warten, den Mann zu sehen, wegen dem er hergekommen war. Und als er Josh dann gegenüber stand... Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber nie hätte er erwartet, dass es zugleich eindrucksvoller und ernüchternder war, als er sich je ausgemalt hatte. Ja, es war sofort das Gefühl da, dass ihn und Josh etwas Besonderes verband. Dass sie vielleicht sogar füreinander bestimmt waren. Ein Gefühl, das sich nicht ignorieren ließ. Aber gleichzeitig kannten sie einander nicht wirklich. Und das bedeutete eine gewisse Distanz, die Liam ebenfalls nicht ignorieren konnte. Aber es war eine Distanz, die Liam zu überwinden gedachte, und so keimte in ihm die Idee, einfach das Plakat im Schaufenster als Aufhänger zu nutzen, Josh förmlich seine Gegenwart aufzudrängen, ohne dass es allzu offensichtlich gewesen wäre. Und sein Plan schien Erfolg zu haben, als Josh ihn fragte, ob er mit zum Mittagessen kommen wollte. Doch bei jedem Mittagessen, das dem ersten folgte, hatte er das Gefühl, als wäre da wieder diese anfängliche Distanz, die sie doch eigentlich schon hinter sich gelassen hatten.

Wenn er aber gehofft hatte, dass ihm die E-Mails, die Josh nach wie vor an Tristan schrieb, Aufschluss geben würden, so hatte er sich getäuscht. Josh erwähnte Liam nicht einmal in den E-Mails, was Liam irgendwie schmerzte. Zwar versuchte er sich zu sagen, dass das vielleicht auch bedeutete, dass Josh der gemeinsam verbrachten Zeit mit Liam einen so hohen Stellenwert beimaß, dass er nicht bereit war, diese Zeit auch nur auf dem virtuellen Papier einer E-Mail mit jemand anderem zu teilen, aber insgesamt half es ihm in Bezug auf Josh und die nach wie vor existierende Distanz nicht unbedingt weiter. Umgekehrt musste er erkennen, dass Josh ihm gegenüber aber auch nie Tristan erwähnte, weshalb ein Lösungsansatz auf diesem Wege auch ausschied. Zumal er wiederum keine Ahnung hatte, weshalb Josh Tristan nie erwähnte. Wie er es drehte und wendete, es war äußerst verwirrend.

Umso mehr vermisste er jetzt Aelfwyn. Sie hatte immer den Blick eines Außenstehenden auf die Situation gehabt und ihm so immer wieder geholfen, zu den richtigen Erkenntnissen zu kommen. Er wusste zwar, dass sie jetzt über ihn als Gute Fee wachte, wusste aber auch, dass es für sie keine Möglichkeit gab, ihm auf seine Fragen zu antworten. Und seine Bekanntschaft mit den anderen WriMos von Bristol war noch zu frisch, als dass er bereit gewesen wäre, auch nur mit einem von ihnen etwas so Persönliches zu diskutieren. Zumal – wie hätte er die ganze Hintergrundgeschichte erklären sollen, ohne als total durchgedreht zu erscheinen. Er war ja schon froh, dass Bristol eine offene Stadt mit verhältnismäßig wenig Spießbürgerlichkeit war, sonst hätte so mancher Fehler, der ihm unweigerlich unterlief jede Menge unangenehme Fragen nach sich ziehen können. So aber wurde es höchstens als exzentrisch betrachtet und er als Freigeist angesehen.

In Bezug auf Josh würde ihm somit wohl kaum etwas anderes übrig bleiben, als jeden Tag aufs Neue die Mauer der Distanz zwischen ihnen einzureißen und zu hoffen, dass ihm irgendwas einfiel, um mit diesem in Kontakt zu bleiben, wenn der November und damit der National Novel Writing Month erst einmal vorbei war und er keine Entschuldigung mehr hatte, fast jeden Tag in dem Buchladen aufzutauchen.

 

***

 

Aelfwyn seufzte, als sie sah, was für Schwierigkeiten Liam zu überwinden hatte, um das Happy End zu erreichen, das ihr aller Ziel war. Aber so war nun mal der Lauf der Dinge. Liam war nun Teil der Geschichte, nicht mehr Beobachter, der Zugriff auf alle Fakten hatte. Und Liam war auch ein Mann und Männer konnten diesbezüglich manchmal einfach nur begriffsstutzig sein. Anders konnte sie sich nicht erklären, dass Liam das offensichtliche Dilemma Joshs so gekonnt übersah. Noch würde sie allerdings nicht eingreifen. Nur beobachten... Aber wenn sich der rechte Moment bot...