Du befindest Dich hier: Geschichten > Weihnachten 2013 > Weihnachten 2013 - 23

Weihnachten 2013 - 23

23. Dezember

ein Gruß von Chaotizitaet

Gute Fee oder Märchenprinz - Kapitel 12 - Kampf ums Lametta


„Das war die letzte Girlande! Und diese dämliche Z... nein, ich sollte keine Tiere beleidigen... Dann aber tauchte plötzlich Liam auf und rettete meinen Tag.“

 

War es ihm im letzten Jahr fast schon gleichgültig gewesen, als ganz Bristol die Weihnachtsdekoration hervorholte und die Stadt festlich schmückte, so wollte Josh in diesem Jahr sicherstellen, dass das ‚Turn a Page’ mit den anderen Läden in der Straße mithalten konnte. Also hatte er in der ersten Dezemberwoche die Kisten mit der Aufschrift ‚Weihnachtsdekoration’ vom Dachboden geholt, um zu sehen, was ihm zur Verfügung stand. Das Ergebnis war reichlich ernüchternd gewesen. Die Fensterbilder waren rissig und würden es nicht überleben, wenn er noch einmal versuchte, sie auf die Scheiben zu bringen. Die Lamettagirlanden hatten auch schon bessere Tage gesehen und sahen an den Stellen, wo sie wiederholt um Regalenden gewickelt worden waren, reichlich desolat aus. Und da er Anfang des Jahres ja die Regalanordnung geändert hatte, konnte er auch nicht das alte Dekorationsschema aufgreifen und die desolaten Stellen so geschickt vertuschen. Es half alles nichts: Er würde zumindest neue Girlanden kaufen müssen!

Leider aber schien er nicht der einzige zu sein, der auf diese Idee gekommen war, denn welchen Laden auch immer er aufsuchte, überall waren nur noch die dünnen, kurzen Girlanden verfügbar, nicht aber die langen, dicken, wie er sie suchte. Dann aber hatte er in einem Supermarkt Glück. Auf einem Ständer, ganz hinten im Laden, entdeckte er noch eine, die die perfekte Länge für das Schaufenster hatte. Für die Regale würde er mit kürzeren und den Resten, die er noch zu Hause hatte, leben können. Aber für das Schaufenster brauchte er nun mal eine lange Girlande.

Doch kaum hatte er die Girlande ins Auge gefasst und steuerte auf sie zu, als mit einem Mal, quasi aus dem Nichts, ein Einkaufswagen, gesteuert von einer Kampfhausfrau – anders konnte Josh es nicht beschreiben – auftauchte und ihm die Girlande vor der Nase wegschnappte. Der Blick, den sie ihm zuwarf, als sie gleich darauf in den nächsten Gang abbog, zeigte Josh deutlich, dass sie sehr wohl gewusst hatte, dass sie ihm die Girlande wegnahm. Josh hätte vor Wut heulen können, aber a) hätte ihm das in der aktuellen Situation kaum geholfen und b) war er kein Kleinkind mehr, das sich vor Wut heulend auf den Boden warf, nur weil es die gewünschte Quengelware nicht bekam.

So trat er stattdessen einmal mehr enttäuscht auf die Straße hinaus, die wachsende Frustration deutlich lesbar in seinem Gesicht. Er war so damit beschäftigt, zu überlegen, wo er vielleicht doch noch eine Girlande – und das möglichst noch heute und nicht erst beim Versandhandel bestellend – herbekommen könnte, dass er den Mann, der wenige Meter von ihm stehen geblieben war und ihn nun ansah, vollkommen übersah und im wahrsten Sinne des Wortes in ihn hineinstolperte. Starke Hände fingen ihn an den Armen ab und verhinderten so, dass er rücklings auf den Gehsteig fiel.

„Liam!“, stieß er überrascht hervor und nur die Frustration verhinderte, dass er beim Anblick des Mannes, der ihn hielt, rot wurde. Aber wenn er ehrlich zu sich war, musste er sich eingestehen, dass er Liam vermisst hatte, seit dieser ihm am letzten Tag des Novembers freudig erzählt hatte, dass er soeben die fünfzigtausend Wörter-Hürde geknackt und damit das Ziel erreicht hatte. Ohne das Schreiben hatte es dann keinen Grund mehr gegeben, jeden Tag im ‚Turn a Page’ aufzutauchen und auch wenn es gerade einmal vier Tage her war, hatte Josh ihn eben vermisst.

„Josh! Hallo!“, grüßte dieser ihn mit einem freudigen Lächeln und ließ Josh los, als offensichtlich wurde, dass dieser sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte. „Du warst ja gerade eben meilenweit mit deinen Gedanken weg... Was ist?“

„Nichts“, grummelte Josh. „Und wenn das so weiter geht, wird es auch bei nichts bleiben. Denn wie bitte soll ich meinen Laden weihnachtlich dekorieren, wenn jede Hausfrau der Stadt es sich zum Ziel gesetzt zu haben scheint, mir alle Girlanden vor der Nase wegzuschnappen!“

Belustigt sah Liam Josh an.

„Okay“, gab dieser etwas widerwillig zu, „vielleicht nur eine Hausfrau, die ich direkt und in flagranti ertappt habe, aber ja... den ganzen Vormittag schon versuche ich eine Girlande für das Schaufenster aufzutreiben – ohne Erfolg. Und sag mir jetzt nicht, dass ich mich da schon eher hätte drum kümmern müssen, das weiß ich selbst. Auch wenn mir diese Erkenntnis aktuell nicht weiterhilft sondern erst für nächstes Jahr nützt.“

Liam lachte ob der ehrlichen Selbsteinschätzung. „Was schwebte dir denn als Dekoration vor?“, erkundigte er sich dann.

„Nichts zu Aufdringliches. Es soll schließlich immer noch als Buchladen erkennbar sein. Aber die Fensterbilder, die meine Mutter sonst immer benutzt hat, haben Invalidenrente beantragt, und das restliche Lametta arbeitet auch schon fleißig daran, aus der Nummer herauszukommen.“

„Klingt wirklich übel. Wobei ich mich gerade frage, was Fensterbilder wohl als Invalidenrente bekommen.“ Der Schalk funkelte in Liams Augen.

„Darüber verhandeln wir noch“, erwiderte Josh, der langsam seinen Humor wieder fand.

Liam schwieg einen Moment, so lange gar, dass Josh schon am überlegen war, wie er sich am besten verabschieden konnte, wollte er doch nicht aufdringlich erscheinen, auch wenn er sich nach dem verkorksten Morgen in Liams Gegenwart fast schon heilsam wohl fühlte. Doch gerade, als er zu ein paar netten Worten wie ‚Man sieht sich’ oder ‚Ich muss weiter, drück mir die Daumen’ ansetzen wollte, meinte Liam: „Vielleicht kann ich dir helfen. Es wäre zwar keine Girlande, aber...“

Josh sah ihn mit großen Augen an. Nach dem Vormittag wäre er sogar bereit ein Nikolausgesicht aus Popcorn ans Fenster zu kleben. Allerdings würde er das wohl nur als absolut letzten Plan umsetzen, denn es würde bei seinem Kunsttalent ein reichlich abstraktes Nikolausgesicht werden. Daher hatte alles, was auch nur im Ansatz niveauvoller war, seine volle Unterstützung.

„Wie du weißt habe ich einen Laden für Schmuck“, begann Liam nun ein wenig zögerlich zu erklären, was ihm vorschwebte. „Und auch wenn ich selbst nicht die Fertigkeit habe, die Stücke selbst zu schmieden, so sind es immer noch meine Designs. Und die probiere ich häufig nach der ursprünglichen Skizze mit goldenem Basteldraht aus. Ich hab verschiedene Stärken Draht bei mir in der Werkstatt... und, na ja, meine Fertigkeiten sollten immerhin ausreichen, um aus dickem Draht ein paar Sterne zu biegen und dann könnten wir versuchen, sie mit dünnem Draht mit einem der historischen Designs zu füllen.“

Sprachlos sah Josh Liam an. Meinte er das ernst? „Meinst du das ernst?“

„Natürlich, sonst würde ich es dir nicht anbieten.“

Vor Freude fiel Josh Liam spontan um den Hals und drückte ihn dankbar an sich. Als ihm bewusst wurde, was er da gerade getan hatte und wo – auf offener Straße – lief er doch noch rot an. „Entschuldige“, meinte er verlegen. „Nur... nach dem Vormittag, den ich hatte... und dann so plötzlich die vermutlich wunderschönste Weihnachtsdekoration angeboten zu bekommen, die es in Bristol zu finden gibt...“

Liam hatte instinktiv seine Arme um Josh gelegt und war nun eigentlich nicht gewillt wieder loszulassen. Die Höflichkeit aber verlangte es und so tröstete er sich mit dem Gedanken, dass Josh ihn immerhin schon gern genug hatte, um ihm spontan um den Hals zu fallen. Wäre er ihm zuwider gewesen, hätte Josh das mit Sicherheit selbst für alle Weihnachtsdekoration der Insel nicht getan. „Gern geschehen. Und entschuldige dich nicht dafür, wenn dir nach einer Umarmung ist.“ Den Hinweis konnte Liam sich dann aber doch nicht verkneifen. „Abgesehen davon, wer weiß, ob du mir nicht verfrüht um den Hals gefallen bist. Noch sind die Sterne nicht fertig, und wer weiß ob unser beider Fingerfertigkeit überhaupt ausreicht, um auch nur ansatzweise das zu Stande zu bringen, was uns vorschwebt.“

Josh lächelte nur und schüttelte den Kopf. „Liam, die Sterne könnten krumm und schief sein, nach dem heutigen Tag wären sie für mich immer noch die schönsten Sterne der Stadt.“

Liam lachte. „Na dann los, lass uns zu mir in die Werkstatt gehen.“

 

***

 

Sie hatten sich letztlich auf nicht mehr als drei Sterne in unterschiedlicher Größe und mit unterschiedlichen Designs geeinigt. Denn immerhin sollte es ja noch das Schaufenster eines Buchladens und nicht eines Schmuckladens oder gar Weihnachtsladens werden. Und auch wenn die Sterne nicht ganz so symmetrisch waren, wie sie es sich beide wohl erhofft hatten, so waren sie doch mit dem Grundgerüst schon sehr zufrieden.

Die Muster aus filigranem Golddraht zu fertigen stellte sich dann als bedeutend schwieriger heraus. Doch nach ein paar missglückten Versuchen erkannten sie beide schnell worin die jeweiligen Stärken des anderen beim Basteln mit dem Golddraht lagen. Josh konnte in aller Seelenruhe mit einer Pinzette und Zange Bögen, Spiralen und Kreise biegen, während Liam die Geduld hatte, sie mit kleinen Ösen am dem Drahtgeflecht, das sie als Grundlage um die Zacken gewickelt hatten, zu befestigen.

Dennoch dauerte es seine Zeit, bis die Sterne den Zustand erreicht hatten, an dem Josh sie für beendet erklärte... Der größte Stern hatte nur einen Zacken mit dem Muster gefüllt bekommen, der mittlere zwei und der kleinste drei Zacken, alle mit einem Muster aus je einer anderen historischen Periode. Josh war einfach zu beeindruckt von der Auswahl der Designs gewesen, die Liam ihm gezeigt hatte, um sich mit weniger zufrieden zu geben.

„So, jetzt müssen wir sie nur noch im Laden aufhängen gehen und dann lade ich dich zum Tee nach Clifton ein. Oder wahlweise auch ein Bier, wenn dir das lieber ist. Aber ich finde, so ein perfekter Nachmittag verdient einen würdigen Abschluss mit Blick auf die Hängebrücke“, erklärte Josh.

Liam wusste sofort, worauf Josh anspielte, musste sich aber zurücknehmen, diesem nicht zu verraten, wie viel er über Bristol – dank Josh – wusste. So sah er also Josh nur fragend an.

„Wir gehen ins Avon Gorge“, verkündete dieser. „Für die Terrasse ist es zwar zu kalt, aber drinnen ist es auch sehr gemütlich. Und da es für die Terrasse zu kalt ist, sitzt wenigstens auch niemand vor dem Fenster und verdeckt uns die Aussicht.“

„Klingt gut“, meinte Liam ein wenig vage, ganz so als wüsste er nicht recht, ob es ihm dort wirklich gefallen würde, aber er zweifelte keine Sekunde daran, dass er jeden Augenblick genießen würde. Nicht zuletzt deshalb, weil er die Zeit mit Josh verbringen würde. Selten hatte er erlebt, dass die Realität besser war als alle Träume, aber bei Josh war es so für ihn. Um wie viel besser würde nur die Zeit zeigen können.

 

Da es unter der Woche war, hatten sie sogar Glück und bekamen einen Platz wenn auch nicht direkt am Fenster so mit gutem Blick auf die Schlucht. Draußen war es schon dunkel und die beleuchtete Brücke sah im Dezember vielleicht sogar noch beeindruckender als in einer lauen Sommernacht aus.

„Bier oder Tee?“, fragte Josh Liam, als sie sich gesetzt hatten.

Liam, der immer noch fasziniert aus dem Fenster sah und nicht fassen konnte, dass er mit Josh zusammen hier saß, meinte nur: „Mir egal, ich mag beides.“ Worauf Josh zweimal das Tee-Spezialmenü für sie bestellte.

„Ich liebe einfach den Teekuchen hier“, gestand Josh mit einem leicht verlegenen Grinsen. „Der ist hier irgendwie was ganz Besonderes.“

„Da bin ich ja gespannt“, erwiderte Liam, den Blick noch immer aus dem Fenster. „Wenngleich ich hoffe, dass er weder Gummibärchen noch Kresse als Besonderheit enthält.“

Das überraschte Einatmen Joshs hätte Liam vielleicht noch überhören können, nicht aber die sprachlose Stille, die sich danach zwischen ihnen beiden ausbreitete. Und erst da wurde Liam bewusst, was er da gesagt hatte. Die Gummibärchen, das hätte vielleicht noch ein Zufallstreffer sein können, die Kresse aber... Und beide zusammen.... Zu dumm, dass Menschen nicht gelenkig genug waren, um sich selbst in den Hintern zu treten, Liam hätte in diesem Moment glatt das Hundert-Meter-Wetttreten gewinnen können.

„Josh, ich...“, begann er vorsichtig, doch er wurde harsch von diesem unterbrochen.

„Ich mag vielleicht an Zufälle glauben, aber Gummibärchen und Kresse ist zu sehr Zufall, als dass ich daran glauben würde. Was auch immer du hier für ein Spiel spielst, es gefällt mir nicht! Und deshalb: Lebe wohl!“ Josh stand auf, Wut und Verletztheit offen in seinem Gesicht zu lesen, nahm seine Jacke und war bis zuletzt der anständige Kerl, in den sich Liam verliebt hatte, der Kerl, der es nicht fertig brachte, Liam mit der Rechnung für den nicht genossenen Tee sitzen zu lassen, nachdem er vorher gesagt hatte, dass er Liam einladen würde. Nein, Josh stand tatsächlich an der Bar und bezahlte beide Tee-Spezialmenüs, ohne allerdings auch nur noch einen Blick in Liams Richtung zu werfen.

Liam wusste, dass er handeln musste – und zwar schnell. Sonst wäre Josh weg und damit ihrer beider Happy End und das nur, weil er es verbockt hatte. Wobei er sich eingestehen musste, dass die Sache früher oder später so oder so aufgeflogen wäre. Auch wenn er gehofft hatte, dass es eher später wäre und dann zu einem Zeitpunkt, wo Josh gewillt gewesen wäre, ihm zuzuhören.

Er sprang auf und hastete hinter Josh her. „Josh! Warte! Bitte! Verdammt, Josh!“, rief er, auch wenn er sich bewusst darüber war, dass es gewöhnlich keinen guten Eindruck hinterließ, wenn man in den Fluren der öffentlichen Bereiche eines Hotels laut fluchte.

Schließlich gelang es Liam Josh an der Hoteltür einzuholen, aber auch nur, weil diesem ein Schnürsenkel aufgegangen war. Er nicht wusste, ob Aelfwyn dafür nicht gerade Überstunden gemacht hatte, oder Josh zumindest gewillt gewesen war, ihn einholen zu lassen, hatte er sich doch die Zeit genommen, den Schuh zu binden, statt einfach weiter zu laufen und zu hoffen, nicht über die Schnürsenkel zu stolpern. „Bitte“, keuchte er ein wenig außer Atem, „lass es mich erklären. Es ist nicht so wie du denkst und sicherlich kein Spiel! Bitte!“ Dabei sah er Josh so eindringlich an, dass dieser eigentlich gar nicht anders konnte als in seinen Augen die Wahrheit zu erkennen.

Josh, dem die Aufmerksamkeit, die sie erregten, sichtlich peinlich war, sagte angespannt: „Eine Minute. Du hast eine Minute, mich von deinen besten Argumenten zu überzeugen, vergeude sie also nicht mit unnützem Gelaber.“ Er war sichtlich angepisst.

„Tristan ist ein Arschloch, der mir Anfang des Jahres auf einem Mittelalterfest mein Smartphone gestohlen hat. Dann hat er meine E-Mail-Adresse, mit der ich mein Handy verbunden hatte, benutzt, um sich in diversen Foren als der große Weltreisende auszugeben. Es hat gefühlt ewig gedauert, den ganzen Schlamassel aufzuräumen, auch wenn ich das Handy binnen eines Tages hatte sperren lassen. Aber natürlich hatte ich mein Passwort für das E-Mailfach vergessen, weshalb es noch länger dauerte, dort wieder Zugriff zu bekommen. Und dann war da deine E-Mail. Sie war so... anders. So... nett... so... jedenfalls habe ich es nicht über mich gebracht, dich ohne eine Antwort zu lassen. Also hab ich zurück geschrieben. Ja, es war falsch, sich als Tristan auszugeben, aber du schienst eine Antwort von Tristan aus der Antarktis zu erwarten und nicht von Liam aus Skelmersdale, der blöd genug ist sich sein Smartphone und damit sein halbes Leben klauen zu lassen. Und dann... ich weiß auch nicht... Es war so toll von dir zu lesen, aber ich wusste nie wie ich dir die Wahrheit hätte schreiben sollen. Tut mir leid.“

„Was genau tut dir leid?“ Die Art wie Josh das sagte, zeigte Liam, dass dieser ihm wohl die Geschichte soweit glaubte – etwas, wofür Liam schon einmal sehr dankbar war, war es doch die beste Idee, die ihm gekommen war, um die E-Mail-Sache mit Tristan zu erklären. Er konnte ja schlecht erzählen, dass er als Gute Fee Joshs Tagebuch gelesen hatte und ihn vor Allan beschützen wollte und sich deshalb als Tristan ausgegeben hatte. Da könnte er sich auch gleich in die Nervenanstalt einliefern lassen, so durchgeknallt wie das klingen musste. Das Problem war nur, Liam erkannte sofort, dass von seiner Antwort auf Joshs aktuelle Frage abhing, wie es weiter ging, ob sie überhaupt eine Chance hatten. Was tat ihm leid? Was wollte Josh hören? Was würde diesen überzeugen?

Als Liam bewusst wurde, dass er es sich auch nicht leisten konnte, sich zu lange mit seinen Gedanken auseinander zu setzen und derweil Josh gegenüber den Schweigsamen zu markieren, beschloss er einfach seine Gedanken laut zu sortieren. Schlimmer als eine einstudierte Antwort nach zu langem Überlegen konnte es auch nicht werden. „Tut es mir leid, dir geschrieben zu haben? Nein, definitiv nicht. Tut es mir leid, dass ich dich ein halbes Jahr habe glauben lassen, ich sei Tristan? Vermutlich ja. Aber hätte ich mich nicht als Tristan ausgegeben, dann hätte ich dich nie kennen gelernt. Und ich kann nie bedauern, dich kennen gelernt zu haben, Josh. Die Art, wie du dich bemüht hast, jemandem in der Antarktis Bristol zu beschreiben... Skelmersdale mag zwar nicht die Antarktis sein, aber sie wurde erst dieses Jahr bei einer nicht repräsentativen Umfrage im Internet zur langweiligsten Stadt des Königreichs gewählt.“ Was auch der Grund war, weshalb Liam vorgab aus Skelmersdale zu stammen. Wobei er an so manchem Tag durchaus die Meinung vertreten hätte, dass die Tagebuchzentrale noch langweiliger war als Skelmersdale je sein konnte. Und auf alle Fälle langweiliger als die eisige Einöde die da Antarktis hieß.

„Nicht nur, dass du mir gezeigt hast, wie aufregend Bristol sein kann, du hast mich sogar dazu gebracht, meine Heimat mit anderen Augen zu sehen. Sowohl ihre gute als auch ihre schlechten Seiten. Weshalb ich letztlich erkennen musste, dass ich dort raus musste. Das ich es dort nicht mehr aushielt, dass ich dort nicht glücklich werden konnte. Du hast mir mit deinen E-Mails gezeigt, wie man das Leben neu entdeckt.“

„Erst durch die E-Mails an Tristan habe ich selbst das Leben wieder neu entdeckt“, murmelte Josh leise, doch Liam hörte ihn und nickte nur.

„Aber all das hätte ich verloren, wenn ich dir mit einem Mal offenbart hätte, dass ich nicht Tristan bin. Und bei einer E-Mail hätte ich dir nicht einmal hinterher laufen können, um zu versuchen dich umzustimmen und mir zuzuhören.“

Josh schauderte es bei dem Gedanken, was wohl aus ihm selbst geworden wäre, hätte sich der Kontakt mit Tristan nach nur einem oder zwei Monaten als diese Lüge herausgestellt. Dauerhafter, übermäßiger Alkoholkonsum hätte dabei vermutlich eine prominente Rolle gespielt. Und danach... Egal wie, es wäre nicht schön geworden. „Hättest du es mir je gesagt?“, wollte er nun wissen, wie weit der Mann, von dem er geglaubt hatte, er sei zumindest ein Freund, bereit gewesen wäre, diese Charade zu treiben.

Liam nickte nachdrücklich. „Als ich den Entschluss fasste, Skelmersdale zu verlassen, fühlte ich mich von Bristol angezogen wie eine Motte vom Licht. Aber nicht wegen der Dinge, die du beschrieben hast. Die hätte ich mir auch als Tourist ansehen können. Nein, es war, weil ich wusste, dass in Bristol dieser wunderbare, faszinierende Mensch ist, der du bist.“

„Und das letzten Monat?“ Josh klang immer noch nicht überzeugt und nun auch wieder ein wenig verletzt, aber Liam war schon dankbar, dass er nicht erneut davon lief.

„Wie hätte ich dem ‚Turn a Page’ nicht einen Besuch abstatten können. Und der Laden war so viel mehr als ich erwartet hatte. Er war irgendwie du, die ganze Atmosphäre... Ich wollte nie wieder weg.“ Dass er damit nicht gerade versteckt sagte, dass er nie wieder von Josh weggewollt hatte, war Liam nur am Rande bewusst, aber er hätte es auch nicht zurücknehmen wollen. „Also habe ich, nach einem Blick auf das Poster im Fenster, gefragt, ob ich bei dir im Laden schreiben kann. Es stimmte, bei mir zu Hause sah es mehr als chaotisch aus, aber, na ja, beim National Novel Writing Month mitzumachen war mehr eine spontane Entscheidung.“

„Du hast fünfzigtausend Wörter geschrieben, nur um in meiner Nähe sein zu können?“, fragte Josh ungläubig, aber definitiv beeindruckt.

Liam nickte.

„Und was ist mit der Geschichte, die so an dir genagt hat, dass du sie trotz allem schreiben musstest?“ Die Skepsis war Josh trotz allem anzuhören.

„Ich hab diesbezüglich Geschichten ohne Ende auf Lager. Und ehrlich gesagt, habe ich an diesem NaNo-Schreiben Gefallen gefunden. Die Geschichte mit dem Voynich-Manuskript war zufällig die, die mir spontan am besten zugesagt hat.“ In diesem Punkt war Liam absolut ehrlich. All die Jahre als Gute Fee, wo er nur hatte beobachten, aber nie eingreifen können, hatte er sich mehr als einmal die Zeit damit vertrieben, das berühmte ‚Was wäre wenn’-Spiel zu spielen und dabei waren immens viele Geschichten zu Stande gekommen, die er allerdings bislang noch nie aufgeschrieben hatte. Jene über das verschlüsselte Manuskript beschäftigte ihn seit der Zeit Rudolfs II., und auch wenn er wusste, dass es unter den Guten Feen vermutlich jemanden gab, der die Wahrheit über das Manuskript kannte, hatte ihm das ‚Was wäre wenn’ weitaus mehr Spaß gemacht. Im Laufe der Jahrhunderte hatte er dann dieses Gedankenspiel immer wieder den aktuellen Umständen angepasst, so dass es vermutlich die am stärksten ausgearbeitete ‚Was wäre wenn’-Idee gewesen und deshalb als NaNo-Roman genutzt worden war.

„Und würdest du noch eine Geschichte schreiben, nur um in meiner Nähe zu sein?“, fragte Josh nun zögerlich.

Liam nahm die Frage als das, was sie war: ein immenser Vertrauensvorschuss. „Hunderte! Und alle mit persönlicher Widmung, Danksagung und allem, was dazu gehört. Du würdest vermutlich der meistbenannte Mensch in Büchern werden. Wenn ich denn je eines veröffentlichte...“

„Wenn du eines veröffentlichst, dankst du besser dem ‚Turn a Page’. Mehr Werbung für den Laden, und mein Privatleben bleibt dann genau das, was es ist: privat! Was aber nicht heißt, dass es da nicht einen gewissen zukünftigen Autor gibt, mit dem ich besagtes Privatleben eventuell teilen würde...“

 

***

 

Aelfwyn war zufrieden, als sie unsichtbar durch das Fenster des ‚Turn a Page’ schaute und zusah, wie Josh und Liam sich anschickten, den Laden für den Abend zu schließen, um dann bei einem Abendessen die neu gefundene Zweisamkeit zu genießen. Sie hatte nie daran gezweifelt, dass es Josh gelingen würde, zu erkennen, dass es egal war, ob Liam nun Tristan oder Liam hieß, dass es letztlich der Mann hinter dem Namen und hinter der Fassade der Antarktis war, in den er sich verliebt hatte. Und genau das bekam sie bestätigt nun, als im Laden ein Telefon klingelte... es war Natalie, die sicher gehen wollte, dass Josh nicht wieder Weihnachten alleine verbrachte, und deshalb darauf bestand, dass er mit ihr und ihrer Familie feierte.

„Aber nur, wenn ich jemanden mitbringen kann!“ Und er warf Liam einen Blick zu, der keine Zweifel mehr ließ am

 

HAPPY END