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Katzenaugen 7 - Katzen und Drachen - Teil 4-6

04 

Er lief direkt ins Labor und schickte Chao eine Nachricht, dass er unterwegs war. Er war nicht überrascht seinen Laborleiter schon vorzufinden, als er ankam. Der Wissenschaftler wohnte praktisch im Labor und schlief nur, wenn es unbedingt nötig war. Cai nahm den Kaffee entgegen, den Chao ihm hinhielt, kaum dass er das Labor betreten hatte und sah sich kurz um. Es sah aus wie immer. Ein paar chemische Versuche standen unter einem Abzug, alle White Boards waren vollgeschrieben, auf den Monitoren drehten sich komplexe chemische Verbindungen und Chao hatte schon wieder eine Zigarette hinter dem Ohr und einen Stift im Mund. Er versuchte sich das Rauchen abzugewöhnen. Mal wieder.

„Schläft er?“, fragte Chao ohne sich umzudrehen und tippte weiter auf seiner Tastatur. Er musste den Gedanken, den er gerade hatte, schnell festhalten, bevor er sich wieder verflüchtigte. Vielleicht war das die Lösung für ein Problem, die er schon seit Wochen suchte.

„Ich hoffe. Als ich ging, guckte er mir böse hinterher.“ Cai kam näher und strich sich die feuchten Haare aus dem Gesicht. Er musste mal wieder zum Friseur, er mochte es nicht, wenn der Nacken anfing zuzuwachsen. „Es hat heute fast neun Stunden gedauert, bis er sich ausgepowert hatte. Und ich will jetzt wissen, was mit ihm los ist. Komm mir also bitte nicht mit: weiß ich nicht. Komm mit was anderem.“ Er trank die Tasse zur Hälfte leer, ehe er sich schüttelte. Was kochte Chao denn für Teersuppe! Das war doch kein Kaffee, das war Rattengift.

„Wenn ich wüsste, was in ihm vorgeht, hätte ich mir ganz bestimmt nicht die Blöße gegeben, zuzugeben, dass ich es nicht weiß, Sir“, erwiderte Chao etwas verstimmt. Er hatte gewisse Freiheiten bei seinem Boss, weil er eine Koryphäe auf seinem Gebiet war und sich mit Leib und Seele der Entwicklung des Serums widmete. Aber diese Bemerkung, war hart an der Grenze, was er auch wusste, aber diesen Vorwurf, Cai etwas zu verschweigen, konnte er nicht einfach so hinnehmen. Denn es machte ihn selbst verrückt, dass er nichts vorweisen konnte.

„Wird es wieder passieren“, überging Cai den kleinen Fehltritt und stellte die Tasse weg. Er blickte weiter auf die Monitore rings herum, auf denen unterschiedliche Variationen des Serums langsam rotierten. Die unterschieden sich oft nur durch die Stellung einzelner Gruppen, doch er hatte schon gesehen welche verheerenden, teilweise sogar vernichtenden, Auswirkungen das haben konnte. „Wenn auch nur die geringste Chance besteht, dass ihm das Mittel schadet, müssen wir die Injektionen absetzen. Ich kann ihn nicht aufs Spiel setzen.“

„Ich fürchte ja. Ich habe mir nach ihrem Anruf gestern, seine Blutwerte der letzten Monate angesehen, seit diese Aggressivitätssteigerung das erste Mal aufgetreten ist. Die Phasen mit dem normalen, weniger aggressivem Verhalten haben sich jetzt auf vier oder fünf Zyklen eingependelt. Wobei sich die Hormonwerte in den Zyklen bevor sie explodieren nicht erhöhen.“ Chao fing an durch das Labor zu laufen, wie er es immer machte, wenn er ein Problem wälzte. „Es ist, als hätte ihn jemand mit Hormonen vollgepumpt, was aber nicht sein kann. Ich habe seit einiger Zeit auch Blutproben vor der Injektion genommen und die waren vollkommen unauffällig, auch dieses Mal.“

„Er reagiert also körperlich auf das Mittel. Das ist nicht gut. Finde heraus, welcher Vorgang in seinem Körper das auslöst und wie man das unterdrücken kann. Er wird erst wieder etwas bekommen, wenn wir sicher sind, dass ihm das Mittel nicht schaden würde“, knurrte Cai mit zusammengebissenen Zähnen. Es schmeckte ihm gar nicht, diese Anweisung zu geben. Es schmeckte ihm gar nicht, dem gestreiften Puma selbst zu überlassen wann er sich wandelte und seine Seltenheit so offen zur Schau stellte. Er wusste, dass Jason aus Trotz sich nicht wandeln würde, wenn Cai in der Nähe war. Doch wenn er ihn nicht verlieren wollte, musste er das wohl für eine gewisse Zeit ertragen. Konnte ja vielleicht auch mal ganz spaßig werden.

„Er ist kerngesund. Wenn wir heute Abend von ihm eine Blutprobe nehmen würden, wäre sie vollkommen unauffällig.“ Chao raufte sich die Haare. Es machte ihn verrückt. „Ich wäre dafür, die Dosis zu verringern und zu sehen, ob sich die Aggression verringert, oder ob wir die gleichen Ergebnisse bekommen wie bisher. Seine Zeit in der Tierform würde sich dabei natürlich verkürzen.“

„Er ist keine Laborratte“, schoss Cai gleich zurück und merkte erst, was er getan hatte, als Chao ihn fragend anblickte. Das war er von seinem Chef nicht gewohnt. Für ihn stand die Perfektionierung des Serums immer im Vordergrund. „Okay, einmal versuchen wir das. Wenn sich dann etwas verbessert, machen wir weiter“, schob er also noch nach, um sein Gesicht zu wahren.

Chao nickte. „Ich werde seine Dosis um die Hälfte reduzieren. Dann ist er ungefähr zehn bis elf Tage in der Tierform. Dazwischen wie immer eine Woche Pause. In spätestens drei Monaten wissen wir mehr.“ Das war keine befriedigende Lösung. Er musste mit Jason reden, wenn dieser Zyklus abgeschlossen war. Es würde ihn zwar etwas kosten, aber wenn der Puma mitarbeitete, bekamen sie vielleicht eher Ergebnisse.

So oft wie sie in den nächsten Wochen Blut abnehmen wollten, brauchten sie Jasons Mitarbeit. Sie konnten ihn nicht jedes Mal sedieren. Damit legten sie die Körper lahm und verfälschten die Ergebnisse. Außerdem würde ihnen nur der Puma sagen können, ob er so reagierte, weil das Serum ihn dazu trieb oder weil er es wollte. Und ob Jason dabei zu ihnen ehrlich war, konnten sie heute auch noch nicht beurteilen. Er sollte in ein paar Tagen schon einmal vorfühlen und mit ihm sprechen, wenn er wieder ein Mensch war.

Das war der Nachteil, wenn das Serum erst einmal verabreicht war, sie mussten mindestens drei Wochen warten, bis Jason sich wieder wandeln konnte. Sie hatten am Anfang gehofft, dass sie mit dem Serum erreichen konnten, dass die Wertiere noch in ihre Ambigua wechseln konnten, aber es hatte sich schon bei den ersten Exemplaren gezeigt, dass das nicht funktionierte. Es unterdrückte die Wandlung komplett. Sie traten seit Jahren auf der Stelle, auch wenn die Verträglichkeit für die Exponate immer weiter verbessert worden war.

Jason zum Beispiel hatte er noch niemals in seiner Zwischenform gesehen, es würde ihn interessieren, ob er die Streifen auch dann auf der Haut trug oder nur die typischen Schattierungen, wie sie Pumas hatten.

„Er wird es uns nicht leicht machen“, sagte Cai und konnte sich ein Grinsen doch nicht verkneifen. Wenn er Jason erst einmal anbot, dass er ihm entgegen kam, wenn der Puma ihnen entgegen kam, dann würde sich sein Katerchen schon etwas einfallen lassen, von dem sich Cai sicher war, dass es ihm nicht gefallen würde.

„Davon gehe ich aus.“ Chao lehnte sich an den Labortisch und sah seinen Boss an. „Wenn sie mit ihm verhandeln: Ich würde gern auch ein paar Gehirnscans machen, als Katze und als Mensch.“

Cai lachte. „Das werde ich nicht bezahlen können, Chao, aber ich werde sehen, was sich machen lässt.“ Er musste sich eine Strategie zu Recht legen, mit der er wenigstens ein paar Minuten bestehen konnte. Er wusste, dass Jason ihm nicht entgegen kommen würde. „Wenn nichts weiter mehr ist, dann bin ich erst mal in meinem Büro. Ich muss noch ein paar Dinge klären“, verabschiedete sich Cai, wissend, dass Chao sich melden würde, sobald er etwas fand.

Der Wissenschaftler nickte nur und beugte sich schon wieder über seinen Computer, als Cai das Labor noch nicht verlassen hatte. Cais Weg führte ihn aber entgegen seiner Worte nicht sofort in sein Büro, wie er angekündigt hatte, sondern ins Schlafzimmer, wo er nach Jason sehen wollte. Der Puma schlief, fest in seine Decke gewickelt, hatte er sich im Bett ausgebreitet und erholte sich. 

Es juckte Cai in den Fingern sich daneben zu legen, doch er wollte Jason noch etwas Ruhe gönnen. Der Kater brauchte meistens sowieso ein paar Stunden, bis er sich wieder einigermaßen bewegen konnte und so würde nachher immer noch die Chance bestehen, dass er sich ein paar ungestörte Minuten mit Jason gönnen konnte. Er schloss also wieder die Tür und machte sich auf den Weg ins Büro. Er wartete bei zwei Geschäftspartnern noch auf eine Zusage, musste bei seinen Anwälten noch ein paar Gelder frei geben und außerdem wollte irgendwann auch einmal sein Ableben und der Umzug geplant werden.

„Mal sehen, was Li noch alles geschickt hat.“ Er ging den Flur entlang zu einem Fahrstuhl, den nur er benutzen konnte, weil er in den privaten Gemächern lag. Wenn er auch sonst sein ganzes Leben auf dieser Insel unter Tage verlegt hatte, um näher bei seinen wunderschönen Geschöpfen zu sein, so hatte er sein Büro doch ebenerdig, denn er hatte sich die Insel nicht zuletzt wegen ihrer Landschaft gekauft.

Allerdings hatte er dafür keinen Blick, als er sich an seinen PC setzte und die Mails aufrief. Eine Mail erregte sofort seine Aufmerksamkeit, denn sie kam von Byron. Er hatte ein paar Bilder von seltenen Tieren mitgeschickt, die ihm angeboten worden waren. Er galt in der Szene als Raritätensammler. Niemand wusste, dass er für Cai tätig war. In dem kleinen Text stand, das Byron davon ausging, dass die Tiere nichts für Cai wären, weil es fast ausschließlich Albinos waren und die standen bei Cai nicht so hoch im Kurs. Trotzdem schickte er alles weiter, weil letztendlich nicht er die Entscheidung traf, was er kaufen sollte. Und Cai nahm sich die Zeit sich jedes einzelne Bild anzusehen. Es waren ausnahmslos schöne Tiere aber bei Albinos fühlte er sich immer an eine Katze erinnert, der es gelungen war, ihm zu entkommen. Direkt neben seinen Gemächern hatte er ein Gehege an dem dessen Name stand. Er wusste, dass er ihn eines Tages doch noch besitzen würde. Er wollte keinen anderen Albino. Doch was war das? Von wegen nur Albinos. Ein schwarzer Löwe – zwar kein Wertier sondern ein richtiger Löwe, aber schwarz wie die Nacht und mit einer beeindruckenden Mähne.

Den musste er haben! Schließlich hatte er schon eine schwarze Löwin.

Schnell tippte er die Anweisung für Byron, das Tier zu kaufen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er freute sich schon darauf, falls es Nachwuchs gab. Er würde seine Anlage bald erweitern müssen. Zum Glück hatte er vorgeplant und es gab unter der jetzigen Tieretage noch zwei weitere. Bisher befanden sie sich noch im Rohbau, aber das konnte schnell geändert werden, denn er hatte alles, was er für den Ausbau benötigte, bereits eingelagert. Außerdem hatte er beschlossen, ein paar Außengehege zu bauen, in denen sich die Tiere nach und nach die Beine vertreten konnten. Doch dazu mussten die komplizierten Schleusensysteme und Gänge erst noch entwickelt werden. Aber daran würde es nicht scheitern. Auch wenn er nicht die Zeit hatte, jedes seiner Exponate täglich zu besuchen, so wollte er doch, dass es jedem gut ging. Sie waren etwas Besonderes, etwas Wertvolles.

Das brachte seine Gedanken wieder zu Jason. Ihr letztes Zusammentreffen, hatte ihn mehr erschreckt, als er erst gedacht hatte. So außer Rand und Band, das der Puma sich sogar selbst verletzte, hatte er ihn noch nie erlebt. „Was ist nur mit dir los, mein Schöner“, murmelte er leise, schob die Gedanken aber zur Seite und machte sich an die Arbeit. Er kümmerte sich um zwei Verträge, führte ein paar Telefonate und schrieb Li noch eine Liste von Aufgaben, die er bis Montag zu erledigen hatte. Li hatte sein Privatleben an den Nagel gehängt, als er in Cais Dienste getreten war. Er arbeitete Tag und Nacht, wochentags und Wochenende. Was Cai selber leistete, erwartete er auch von seinen Angestellten. Das wusste jeder.

Als er das nächste Mal auf die Uhr blickte, war es bereits weit nach Mittag. Am besten suchte er einen leichten Imbiss und sah dann einmal nach seinem Katerchen.

Dem sollte er vielleicht auch etwas mitnehmen, denn nach der Nacht, musste Jason am Verhungern und am Verdursten sein. In der Küche warteten schon Sandwiches auf ihn. Ho bereitete sie immer vor, wenn Cai im Haus war, wenn er nicht die Anweisung bekam, etwas zu kochen. Im Kühlschrank fand er ebenfalls Fleisch für Jason, dass er nur noch mit runter nehmen musste.

Er balancierte also sein Tablett und war zufrieden, als der Kater immer noch im Bett lag und schlief. Um das noch ein wenig genießen zu können, stellte Cai das Tablett beiseite und schlüpfte aus Leinenhose und Shirt, ehe er ebenfalls ins Bett kroch. Er vermied es, sich Jason zu nähern. Er wollte nur hier liegen und warten und hoffen, dass er heute vielleicht endlich einmal wieder Glück hatte.

Jason schien bemerkt zu haben, dass er nicht mehr alleine war, aber er wachte nicht auf. Er streckte sich und strampelte dabei die Decke ab, in die er sich gewickelt hatte. Seine Krallen schlugen sich in das Laken und er drehte sich einmal um sich selbst und wie es der Zufall wollte, direkt auf Cai zu. Allerdings war immer noch Platz zwischen ihnen. Der Vampir lachte leise. „Dir geht’s ja gut, mein Schöner“, flüsterte Cai und schloss wieder die Augen. Er lag auf dem Rücken, hatte die Augen immer noch geschlossen und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Das Laken lag nachlässig auf seiner Taille, denn es war warm und die Klimaanlage arbeitete nur auf geringer Stufe. Ihm reichte das.

Er erschreckte sich ein wenig, als eine große Pranke auf seiner Brust landete. Jason schnupperte und kam mit dem Kopf näher. Seine Zunge schnellte hervor und er leckte über Cais Halsbeuge. Ihm schien zu gefallen, was er schmeckte denn er schnurrte leise dabei.

Überrascht öffnete Cai die Augen und drehte den Kopf ein wenig. Er spürte die Schnurrhaare an seinem Hals und musste leise lachen. Heute war Jason aber in Schmuselaune. Cai vermied es, sich zu bewegen, so gut es ihn nur möglich war, um Jason nicht zu wecken. Lieber genoss er die ungewohnte Nähe. Es fiel ihm schwer, nicht die Arme um den Kater zu legen und ihn an sich zu ziehen. Doch er war sich sicher, dass Jason dann sofort aufspringen würde. Denn der Puma vermied es immer, ihm zu nahe zu kommen, wenn er wach war. Was Cai ihm eigentlich nicht wirklich verübeln konnte. Schließlich hatte er Jason einfach aus seinem Leben entführt. Byron hatte ihn eingefangen und hierher geschickt. Doch er wäre nicht hier, wenn Cai das nicht veranlasst hätte. Somit war er der Grund für den tiefen Einschnitt in Jasons Leben. Und erst jetzt wurde Cai bewusst, dass er Jason niemals nach seinem Leben gefragt hatte. Er hatte sich für den Mensch hinter dem Tier schlicht nicht interessiert.

Vorsichtig drehte Cai sich ein wenig, damit er Jason besser ansehen konnte. Der Kater war wirklich wunderschön. Geschmeidig und kraftvoll. Er versuchte sich zu erinnern, wie Jason als Mensch aussah und er musste sagen, dass er nur noch wusste, dass Jasons Haare den Streifen in seinem Fell ähnelten, aber an mehr, konnte er sich nicht erinnern. War er größer als Cai oder kleiner? War die Haut hell oder sonnengebräunt? Und die Augenfarbe? Er wusste es einfach nicht. Und es war das erste Mal, dass er das schade fand. Er wollte sich in der nächsten Zykluspause die Zeit nehmen, Jason kennen zu lernen. Nicht nur, weil er mit ihm reden wollte, sondern auch, weil es ihn interessierte. „Du verwirrst mich“, murmelte er leise.

Wie zur Antwort brummte der Kater leise und fuhr die Krallen an der Pfote aus, die immer noch auf Cais Brust lag. Sie bohrten sich in die Haut und Jason zog sich so näher an den Vampir, so dass sich ihre Körper berührten. Cai schloss die Augen und genoss das weiche Fell an seiner Haut. Er ahnte, dass dies sowieso nicht von Dauer sein würde. Wenn Jason spürte, was er tat, dann war er meistens ziemlich schnell wieder aus dem Bett und Cai konnte nur von seiner Erinnerung leben. Also musste er jetzt so viel wie es ihm nur möglich war über seine Sinne aufnehmen. Die Wärme, das weiche Fell, der stete Atem. Er konnte nicht widerstehen und pustete Jason sanft an, beobachtete das Fell, wie es sich leicht bewegte.

Der Kater schnaubte und leckte sich über die Nase, dann musste er niesen und öffnete die Augen. Sie wirkten erst etwas unfokussiert, aber dann klärte sich der Blick und er nahm war, wie und neben wem er lag. Mit einem gewaltigen Satz, sprang der Puma aus dem Bett und fauchte böse. Er mochte es nicht, neben Cai aufzuwachen, das war deutlich zu merken.

„Hey, beruhig dich wieder. Du bist zu mir gerutscht, nicht umgekehrt und obwohl ich es gekonnt hätte, habe ich dich nicht angepackt“, stellte Cai klar, dem der anklagende Blick der Katze gerade ziemlich gegen den Strich ging. Er hatte ja nicht erwartet, dass Jason sich dankbar an ihm reiben würde, aber gleich wieder so angefaucht zu werden, machte es auch nicht angenehmer.

Jason legte den Kopf schief und versuchte zu ergründen, ob Cai die Wahrheit sagte. Er war ein Bastard, dass war unbestritten, aber er hatte Jason noch nie belogen bisher. Darum machte er einen Satz auf das Bett und legte sich wieder auf seine Seite des Bettes. Er war noch müde, darum gähnte er ausgiebig und rollte sich zusammen. Cai nickte zufrieden, bewegte sich selber aber nicht. „Schlaf noch ein bisschen. Auf dem Tisch steht Wasser und Fleisch, falls du Hunger haben solltest“, sagte er leise und griff neben sich. Dort stand eine Flasche Wasser, die er sich griff und zur Hälfte leerte, während er träge die Fernbedienung für den Fernseher griff.

Jason öffnete ein Auge und knurrte, wenn Cai bei einem Sender blieb, der ihm nicht gefiel. Cai blickte erstaunt auf den Puma und musste schmunzeln. Es war fast normal, wie sie hier lagen. Also tat er Jason den Gefallen und zappte weiter, bis eine schwere Pranke auf seiner Hand landete. „Baseball?“, fragte er perplex. „Du willst Baseball sehen?“ Die einzige Antwort war ein Schnauben und ein paar Krallen, die warnend ausgefahren wurden.


05 

„Wunderbar – ich liebe Baseball. Lass uns gemeinsam Baseball sehen. Du und ich. Wir sehen zusammen … bin ja schon still“, sagte Cai und lachte leise, als er die Krallen auf seiner Hand spürte, ehe Jason die Pranke wieder zu sich zog. Er drehte sich so, dass er bequemer liegen konnte und Cai fragte sich einmal mehr, woher der Kater eigentlich stammte.

„Welche Mannschaft ist dein Favorit?“, fragte er darum. Vielleicht konnte er so mehr herausfinden. Er sah auf die Spielanzeige riet einfach mal drauf los. „Detroit Tigers?“ Das Schnauben, das ihm antwortete, ließ ihn leise lachen. „Du bist also ein Red Sox Fan. Kommst du aus Boston?“ Jason hob den Kopf und sah Cai an. Man sah ihm an, dass ihn die Frage überrascht hatte. Bisher hatte sein Entführer sich gar nicht für sein Leben interessiert. Er nickte einmal und wartete, was weiter passierte.

„Boston also“, sagte Cai leise und nickte. „Dort war ich noch nie. Wenn’s mich mal auf den Kontinent verschlagen hat, dann nur in das Zentrum des Gelds. Ich habe ein paar Häuser in New York, aber die sind vermietet. Bist du in Boston geboren?“ Cai setzte sich etwas am Kopfende auf und stopfte sich das Kissen in den Rücken. So konnte er Jason besser betrachten, der interessiert auf den Bildschirm sah.

Ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden, nickte Jason. Der Fernseher hatte ihn eingefangen. Seit er hierher gebracht worden war, hatte er nicht mehr ferngesehen. Seine Augen hingen an dem Spiel und immer wieder spannten sich seine Muskeln an, wenn seine Mannschaft am Zug war. Nervös verlagerte er immer wieder sein Gewicht und sein Schwanz peitschte über das Bett.

„Hey, pass auf, sonst muss ich doch mal anfassen“, murmelte Cai leise, der immer wieder mal von dem hektisch schlagenden Schweif erwischt wurde. Jason hatte da ganz schön Kraft drinnen. Das war neu für den Vampir, das Katzen im Schwanz Muskeln hatten. Fasziniert blickte er weiter auf dieses zuckende Körperteil und griff sich mit beiden Händen das Laken, um nicht doch noch auf dumme Gedanken zu kommen und Jason damit zu verscheuchen.

Aber er schob die Decke ein wenig tiefer, damit die weichen Haare mehr Haut hatten, über die sie streichen konnten. Das Spiel interessierte ihn nicht mehr. Die Katze, die neben ihm lag und völlig in das Spiel versunken war, war viel interessanter. Das Muskelspiel unter dem glänzenden Fell. Er erschreckte sich etwas, als Jason aufsprang, weil die Red Sox einen wichtigen Punkt gemacht hatten. Er drehte sich zu Cai und sprang ihm übermütig auf den Bauch, wieder zurück auf seinen Platz und legte sich wieder hin, so als wenn nichts passiert wäre. Und selbst Cai war sich nicht ganz sicher, ob das wirklich eben passiert war. Nur das leichte Drücken in seinem Magen, dort wo er eben für wenige Sekunden das Gewicht des Katers gespürt hatte, ließ ihn vermuten, dass er das nicht geträumt hatte. Was war nur heute mit Jason los? Vielleicht hätte er den Kater schon viel früher fernsehen lassen sollen. Vielleicht wäre er heute schon etwas zugänglicher. Ob Jason einen Fernseher in seinem Gehege haben wollte?

Die ganzen neuen Dinge, die heute passiert waren, verwirrten ihn mehr, als er zugeben wollte. Letzte Nacht hätte Jason ihn getötet, wenn er dazu die Gelegenheit gehabt hätte, und jetzt lagen sie gemeinsam auf einem Bett und guckten Baseball. „Jason?“, fragte er. Er musste den Namen noch einmal wiederholen, erst dann brummte der Kater leise und sah kurz zu Cai. Sein Blick sagte deutlich, dass er die Störung nicht schätzte. So lachte der Vampir nur und schüttelte den Kopf. „Guck ruhig weiter, meine Fragen rennen ja nicht weg.“ Und wenn der Kater etwas entspannter war, war es vielleicht auch leichter mit ihm umzugehen. Cai drückte sich wieder tiefer in sein Kissen und wartete darauf, dass der Katzenschwanz wieder anfing nervös über ihn zu streichen.

Er schielte auf den Spielstand und war zufrieden. Die Red Sox führten und es war nicht mehr lange zu spielen. Wenn sie sich jetzt nicht mehr ganz blöd anstellten, sollten sie gewinnen. Er hielt seine Hand so, dass der weiche Schwanz durch seine Finger streichen konnte, als Jason ihn wieder über das Bett zucken ließ. Zwar wollte es Cai nicht übertreiben und Jason bedrängen, doch er wollte alles annehmen, was er von dem Kater bekommen konnte. Vor allem die Nähe. Das dürfte sich schlagartig ändern, sobald das Spiel vorbei war. Die Uhr am Bildrand zählte schon die Sekunden runter.

Zehn – neun – acht …

Nervös hibbelte Jason auf seinem Platz hin und her und als der Schlusspfiff kam, sprang er auf und hüpfte mit allen vier Pfoten auf dem Bett herum, so dass Cai richtiggehend durchgeschüttelt wurde. In seinem Überschwang landete er sogar wieder einmal auf dem Bauch des Vampirs, schmuste ihm dann kurz mit dem Kopf über die Wange als Entschuldigung und sprang dann zum Tisch. Er hatte Hunger und Durst. Und einmal mehr konnte ihm Cai nur verwirrt hinterher gucken. „Du bist heute echt schräg drauf, Katerchen“, musste er gestehen und beobachtete Jason dabei, wie er sich an seinem Futter zu schaffen machte. Er stand auf einem Stuhl, weil er dann besser an den Napf mit Wasser heran reichen konnte und schlang gierig das Fleisch runter. Er schien ausgehungert, was nach seinem Marathon wirklich kein Wunder war.

Erst als alles Fleisch vertilgt und die Wasserschale leer war, sprang er vom Stuhl und streckte sich. Er kannte sich in Cais Räumen aus, weil er schon öfter hier gewesen war, darum lief er zielstrebig zur Badezimmertür, öffnete sie und verschwand für wichtige Dinge im Bad. Er fühlte sich definitiv besser, als er wieder ins Schlafzimmer kam und auf seine Seite des Bettes sprang. Cai sah ihn fragend an und grinste. Jason schien wieder hormonell auf ein geregeltes Maß gesunken zu sein, denn er war nicht mehr so aufgedreht wie gestern und heute Nacht. „Besser?“, fragte er und sah nebenbei wieder auf den Monitor und zog sich das Laken zu Recht. Doch dann blickte er wieder neugierig auf den Kater.

Der nickte und legte sich so, dass er Cai ansehen konnte. Irgendwie war heute zwischen ihnen alles anders. Jason sah den Vampir mit schief gelegtem Kopf an, weil er nicht einschätzen konnte, warum der plötzlich Fragen nach seinem Leben gestellt hatte. Bisher hatte ihn das nicht interessiert und Jason war immerhin schon fast ein Jahr hier. Er wackelte mit den Ohren und maunzte leise.

„Noch ein Spiel gucken oder was anderes?“, wollte der Vampir wissen und griff nun endlich auch auf das Tablett, was er neben seinem Bett auf einem Tisch stehen hatte. Die Sandwiches waren schon etwas trocken, das störte ihn aber nicht. Beherzt biss er zu und hielt es auch dem Kater hin, vielleicht war der ja noch gar nicht satt. Schließlich hatte der Puma in den Nachtstunden Unmengen Energie verbrannt.

Erstaunt wich Jason erst einmal zurück, als ihm da so einfach ein Sandwich vor die Nase gehalten wurde. Er schnupperte und es roch wirklich lecker, darum nahm er es an und mit einem Happs war das Brot verschlungen. Er konnte sich nicht schnell genug davon abhalten, nach dem Tablett zu schielen. Jetzt war er auf den Geschmack gekommen und leckte sich über die Schnauze.

„Noch eins?“, fragte Cai und grinste, doch er holte umständlich das Tablett vom Beistelltisch mitten auf das Bett und stellte es zwischen sie. „Mach ruhig alle, wenn du willst. Ich weiß, wo die wachsen. Ich kann noch ein paar ernten gehen“, erklärte er beiläufig und fragte sich gerade selber, wann er das letzte Mal mit jemandem sein Essen geteilt hatte. Er war eigentlich nicht der Typ, der teilte, in keiner Lebenslage.

Ein wenig misstrauisch sah Jason auf das Tablett. Nicht nur er selber war heute schräg drauf, wie Cai vorhin bemerkt hatte. Der Vampir benahm sich heute auch völlig anders als sonst. Auf dem Tablett lagen noch fünf Sandwiches und Jason traf eine Entscheidung. Der Vampir hatte ihn Baseball gucken lassen, obwohl er in der Nacht Cai getötet hätte, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Darum schob er mit einer Pfote drei der belegten Brote in Cais Richtung und nahm sich die restlichen zwei.

„Ui“, machte Cai und lachte leise, doch er ließ sich nicht lumpen und griff sich eines der Sandwiches. Schließlich verspürte er auch Hunger. Sicher, er würde noch lieber das heiße Blut der edlen Katze kosten, doch er gab sich mit kleinen Dingen zufrieden. Warum er sich nicht einfach nahm, was ihm zustand, schließlich hatte er teuer für dieses Tier bezahlt, das hatte er aufgegeben sich zu fragen. Er hatte eine lange Nacht hinter sich und wenig geschlafen, vielleicht lag es daran.

Es dauerte keine fünf Sekunden und Jason hatte seine kleine Zwischenmahlzeit verschlungen. Zufrieden leckte er sich über die Schnauze und ließ sich aufs Bett fallen. Er gähnte ausgiebig und rollte sich auf den Rücken. Seine Muskeln schmerzten ein wenig durch die Anstrengungen der letzten Nacht und in dieser Position war es einfach perfekt, weil nichts wehtat.

Cai drehte sich etwas auf die Seite und stützte sich mit einem Ellenbogen auf und blickte auf den Kater. Nachdenklich kaute er an einem Sandwich und spülte mit dem Quellwasser nach. Das Wasser aus seinem Brunnen war hervorragend und wenn er hier war, genoss er es pur. „Geht’s dir gut?“, hatte er gefragt, noch ehe er es hätte vermeiden können. Doch nun war es raus und er gab sich nicht die Blöße sich zu entschuldigen.

Jason ließ sich zur Seite fallen, so dass er Cai ansehen konnte. Man sah ihm an, dass er gerne etwas dazu gesagt hätte, aber es natürlich nicht konnte. Es sah schon etwas komisch aus, wie er versuchte mit den Schultern zu zucken, denn die waren praktisch nicht vorhanden. Danach tippte er Cai mit der Pfote vor die Brust und bewegte den Kopf so, dass man, wie er hoffte, erkennen konnte, dass er die Frage zurück gab.

„Du weißt nicht, ob's dir wieder gut geht? Oder willst du es mir nur nicht sagen?“, murmelte Cai und schlug sich vor den Kopf. Jason konnte ihm ja nicht antworten, selbst wenn er wollte und im Augenblick hatte er das Gefühl, er wollte sogar. Er war versucht, dem Puma über das Fell zu streichen, doch er hatte Sorge, dass der dann aufsprang und sich wieder in einer Ecke verschanzte. „Ich glaube, mir geht’s momentan besser als dir.“

Jason legte den Kopf auf die Pfoten und gab ein zustimmendes Brummen von sich. Ihre Unterhaltung gestaltete sich etwas schwierig, aber sie war nicht unmöglich, wenn Cai anfangen würde Fragen zu stellen, die man mit ja und nein beantworten konnte. Doch das ging dem Vampir erst auf, als er den Kater noch eine Weile beobachtet hatte. Der konnte nur den Kopf nutzen, um sich auszudrücken und so musste der Vampir seine Fragen überdenken. „Du stammst aus Boston“, fragte er und der Kater nickte. „Man hat dich aber aus den Rockys zu mir gebracht. Warst du dort im Urlaub?“

Jason hätte sich vor Lachen beinahe auf den Rücken geschmissen. Anscheinend hatte Cai das Prinzip verstanden, aber ausgerechnet die Frage gestellt, die er nicht eindeutig mit ja oder nein beantworten konnte. Er hatte Urlaub gemacht in den Rockys. Urlaub von seinem Leben. Er war wohl so etwas wie ein Aussteiger aus dem normalen Arbeitstrott. Er hatte sich etwas Neues aufbauen wollen, aber dazu war er nicht mehr gekommen. Darum wackelte er mit dem Kopf und wechselte vom Nicken zum Kopf schütteln und hoffte, dass Cai verstand.

„Ja was nun?“, murmelte Cai verstimmt, ehe sich sein Gesicht aufhellte, weil er verstanden hatte. „Okay, noch ein Versuch.“ Er überlegt wie er nachfragen konnte, um eine eindeutige Antwort zu bekommen. Jason war also im Urlaub gewesen, aber auch nicht. „Hast du Familie?“, fragte er stattdessen, das war bestimmt eine eindeutige Frage, hoffte er.

Ja, jetzt kamen sie der Sache schon näher. Jason nickte. Er hatte Familie. Seine Eltern, zwei Brüder und eine Schwester. Er überlegte, wie er Cai das verdeutlichen sollte. Schließlich zog er mit einer Kralle zwei Striche auf dem Laken, daneben setzte er vier Striche. Einen kreiste er ein und deutete mit der Pfote auf sich.

Cai blickte auf das Laken, in dem sich die Abdrücke noch leicht zeigten. „Du bist einer von Vieren“, murmelte der Vampir. „Du hast Geschwister?“ Er sah Jason an und der nickte. Ab und an blickte der Kater auf den Monitor, widmete sich dann aber wieder Cai. „Und die zwei. Zwei und vier. Zwei und vier. Aus zwei mach … deine Eltern? Du hast Eltern und Geschwister.“ Es war mehr fragend.

Jason nickte wieder und weil Cai sich so viel Mühe gegeben hatte, sein Rätsel zu entschlüsseln, bekam er eine kleine Belohnung. Er rieb seinen Kopf kurz schnurrend an der Wange des Vampirs. Dann klopfte er wieder auf das Laken. Er zeigte auf die vier Striche, die ihn und seine Geschwister darstellten und ordnete sie neu. Drei enger zusammen, wobei er einen wieder einkreiste und auf sich zeigte, der vierte wurde etwas separiert. Mal gucken, ob Cai das lösen konnte und aufgrund der geschenkten Zuwendung von Jason war Cai nun mit Leidenschaft bei der Sache. Er wollte, dass Jason noch intensiver von sich aus die Nähe zu ihm suchte. Er blickte also auf das Laken. Es ging um die vier Geschwister, drei und eins. Jason war einer von drei. „Einer ist tot, drei sind am Leben?“, riet er und zuckte leicht, als Jason böse knurrte und den Kopf schüttelte. „Okay. Alle noch am Leben.“ Was war es dann. „Drei Jungs, ein Mädchen?“, versuchte er es erneut.

Wieder strich weiches Fell über seine Wange und jetzt drehte Jason den Spieß um und fragte Cai etwas. Er deutete auf den Vampir und zeigte dann auf die Striche. Er war neugierig, ob er auch etwas über Cai erfahren würde und da für Cai das Leben immer ein Geben und Nehmen war, nickte er. „Ich hatte einmal Eltern – aber das ist schon einige Tausend Jahre her. Meine Mutter war eine Magierin im alten Babylon und musste dafür sterben. Geschwister habe ich deswegen keine, denn meine Eltern starben für Vampire relativ jung.“

Jason nickte, dass er verstanden hatte und sah Cai dann einfach an. Das hatte er bisher noch nicht gemacht. Zumindest nicht so. Sicher wusste er, wie der Vampir aussah, aber er hatte sich nie die Zeit genommen, ihn eingehend zu betrachten. Das hatte er auch nicht gewollt, denn er hatte Blickkontakt vermieden. Vor ihm saß ein schöner Mann, schwarze Haare, fast ebenso schwarze Augen, eine gerade Nase und einen Mund, den man gemeinhin wohl als perfekt bezeichnen würde. Die Ponyfransen hingen in das blasse Gesicht, reichten fast bis an die Lippen und das Kinn war markant aber nicht kantig. An dem Mann passte alles, das musste der Neid ihm lassen.

„Was?“, wollte Cai wissen. Wurde er etwa gerade unsicher, nur weil der Puma ihn schweigend ansah? Das konnte doch nicht sein! Also versuchte er, das zu überspielen, indem er auf der Fernbedienung herum drückte.

Jason hätte gegrinst, wenn er gekonnt hätte. Aber da das nicht ging, hob er eine Pfote und zeichnete damit einen Kreis in der Luft vor Cais Gesicht. Er wusste nicht, ob der Vampir verstand, aber das war nicht wichtig. Er wollte weitermachen, darum stupste er sein Gegenüber an und brummte auffordernd.

„Hab ich was im Gesicht?“, murmelte Cai und strich sich darüber, blickte auf die Finger. Doch da war nichts. Er zuckte also die Schultern und lehnte sich wieder bequemer in sein Kissen zurück, griff sich seine Wasserflasche und trank einen Schluck. Dabei sah ihn der Puma immer noch auffordernd an. „Hast du in Boston gearbeitet?“, wollte er wissen.

Wieder nickte Jason mit dem Kopf. Das kam der Wahrheit ziemlich nahe, zumindest bis kurz vor seiner Entführung. Viele Jahre hatte er seine Firma in Boston geleitet. Aber dann hatte er etwas verändern wollen und war in die Rockys gereist. Er war ein wenig frustriert, dass er Cai nicht erklären konnte, was er meinte und ließ sich neben dem Vampir auf das Bett fallen.

„Du würdest mir gern mehr sagen, oder?“, fragte er, doch Jason blickte ihn nur an. Darauf musste er nicht antworten, das wusste Cai doch selber am besten. „Willst du von mir noch was wissen oder sollen wir noch etwas an den Strand gehen? Ein bisschen baden?“ Er grinste frech und wusste nicht, ob er Jason jetzt damit brüskierte und er dicht machte, oder er über ihre letzte Nacht ebenfalls hinweg sehen konnte.

Mit der Pfote, die blitzschnell auf seine Brust schlug und vier kleine rote, blutende Punkte hinterließ, hatte der Vampir wohl nicht gerechnet, so wie er guckte. Jason sprang auf und nutze die Verwirrung aus, um Cai einfach aus dem Bett zu schieben. Strafe für diese Frechheit musste einfach sein. Darum hing er jetzt über der Bettkante und sah mit wackelnden Ohren auf Cai runter.

„Hey. Was soll der Mist“, knurrte Cai und rappelte sich langsam auf. Er war versucht sich den Puma zu greifen und zu knuddeln, bis ihm sein Ellenbogen, auf den er gefallen war, nicht mehr wehtat. Doch er ließ es. Er wollte den Bogen bei Jason nicht überspannen. „Noch so eine Aktion, Miez, und du badest wirklich gleich wieder. Das ist mein Bett. Tu also nicht so, als wärst du der Hausherr.“ Dabei sah er Jason fest in die Augen, musste aber grinsen, denn er war über das aufgeweckte Verhalten des Katers sehr zufrieden.

Der drehte sich gerade um sich selbst, quer über das Bett, wie um zu verdeutlichen, dass Cai sich da nicht so sicher sein sollte, was das Bett anging. Er ließ den Vampir nicht aus den Augen dabei. Er drehte sich wieder so, dass er Cai ansehen konnte und gähnte. Eigentlich sollte er nicht mehr so müde sein, aber er fühlte sich immer noch wie erschlagen. Ob das daran lag, dass er dieses Mal so heftig auf das Serum reagiert hatte?

„Dir geht’s entschieden zu gut, Kater“, erklärte Cai und kam wieder auf die Füße. Doch anstatt vor dem Bett zu stehen und Jason nur zu beobachten, schob er den Kater einfach beiseite und legte sich wieder auf seinen Platz. Er berührte den Puma nur kurz, auch wenn er gern länger über die Streifen im schwarzen Fell gestrichen hätte. Doch er wollte Jason zeigen, dass er ihm trauen konnte.

Jason brummte nicht begeistert, ließ sich aber schieben und gähnte noch einmal.

Er hatte keine Lust sich noch einmal zu erheben, darum rollte er sich neben Cai zusammen. Er legte sich so nahe, dass er den Vampir berührte. So als kleine Anerkennung, dass Cai heute Interesse an ihm als Person gezeigt hatte. Er nahm die Hand, die neben ihm lag zwischen die Zähne und platzierte sie auf seiner Seite. Sollte der Vampir mit dem Angebot machen, was er wollte.

„Nanu“, murmelte Cai leise und blickte auf seine Hand. Wer war dieser Puma und wo war seine Kratzbürste von heute Nacht hin verschwunden? Doch er sagte nichts. Er würde den Teufel tun und sich darüber beschweren, dass Jason Friedensangebote machte. Er legte sich also bequem, strich mit der Hand über Jasons Fell und zappte dabei durch die Kanäle. Vielleicht fanden sie ja wieder etwas, was der Kater sehen wollte.

Doch der wollte gar nicht mehr fernsehen. Jason hatte die Augen geschlossen und döste unter den streichelnden Fingern weg. Es war angenehm und er hatte es vermisst, gekrault und gestreichelt zu werden. Er hatte es immer gemocht, wenn Finger durch sein Fell fuhren. Er legte sich so hin, dass die Finger noch mehr Spielraum hatten und genoss die ruhige Stimmung zwischen ihnen. Cai ging es ähnlich. Er hatte, was er wollte und so gönnte auch er sich noch eine Weile Ruhe und etwas sinnlose Berieselung, ehe er sich noch einmal in sein Büro begeben musste. Auf einem anderen Kontinent gingen gerade die Geschäfte los und er hatte noch ein paar Telefonate zu führen, die keinen Aufschub duldeten.

Vorsichtig erhob Cai sich vom Bett, um Jason nicht zu wecken. Aber der Kater merkte es trotzdem, und er brummte nicht begeistert, als die streichelnden Finger und die Wärme an seiner Seite einfach verschwanden. Er hob den Kopf und gähnte ausgiebig, dann sah er Cai aus kleinen Augen an und knurrte leise. „Ich muss noch ein bisschen was tun, mein Schöner. So gern ich hier mit dir liege, aber davon verdiene ich kein Geld. Schlaf noch ein bisschen.“ Cai streckte sich und suchte sich seine Kleider. Er konnte ja schlecht halb nackt über die Flure laufen. Nun, er konnte das schon, schließlich gehörte dies hier alles ihm. Aber er hatte einen gewissen Stil, dem er auch nicht abtrünnig werden wollte.

Man sah dem Puma an, dass er nicht begeistert war, aber er unternahm auch nichts, um Cai zurück zu halten. Er rollte sich zusammen und schloss die Augen wieder. Er war immer noch müde, darum schloss er wieder die Augen und war wieder eingeschlafen, bevor der Vampir das Zimmer verlassen hatte. „Schlaf“, sagte Cai leise, als er noch einmal zurück blickte.


06 

Er schloss die Tür, doch er ließ sie unversiegelt. Sollte der Puma das Zimmer verlassen, wenn er wollte. Ohne Cai konnte er die Etage sowieso nicht verlassen. Und irgendwie hatte Cai das Gefühl, dass der Puma das auch nicht mehr wollte. Langsam ging er zu seinem Büro und fuhr die benötigte Technik hoch. Er hatte ein paar Videokonferenzen mit potentiellen Geschäftspartnern angesetzt. Er wollte in einem neuen Markt Fuß fassen und wollte das Terrain sondieren, ohne sich selbst zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Es konnte ein sehr lukratives Geschäft werden, wenn sich alles so entwickelte, wie Cai sich das vorstellte. Der Markt war noch jung und deshalb schwer vorauszusagen. Bisher sahen die Prognosen sehr positiv aus, aber er hatte schon zu oft erlebt, dass alles durch eine scheinbar unwichtige Kleinigkeit kippte. Er verhandelte mit Amerikanern. Es war nicht leicht, sie bei Laune zu halten und eigentlich war ihre Art und Weise nicht sein Stil. Es waren junge Aufsteiger, die ihr Wissen in den Tropen der verschiedenen Kontinente gesucht hatten. Sie hatten von den alten Stämmen tief in den Wäldern viel über die Wirkung der Pflanzen gelernt, was sie jetzt meistbietend verschachern wollten. Cai wollte nur die Patente, denn das wertvolle Wissen lag in den falschen Händen.

Mehr als einmal ballte Cai bei der Videokonferenz die Fäuste von seinen Gesprächspartnern ungesehen. Diese sogenannten Geschäftsleute machten ihn rasend, auch wenn er sich nach außen hin davon nichts anmerken ließ. Sie stellten unverschämte Forderungen, weil sie keine Ahnung von dem Geschäft hatten, in das sie hineindrängten. Und er war es jetzt leid, sich von diesen Männern auf der Nase herumtanzen zu lassen. Von den Amerikanern ungesehen tippte er auf seiner Tastatur herum. Er aktivierte jetzt ein paar Strohmänner, die sich ebenfalls in den Markt drängen sollten. Sie sollten etwas aggressiver vorgehen und den Neulingen klar machen, wie man sich zu benehmen hatte.

„Meine Herren, ich bedanke mich für das interessante Gespräch und werde ihr Angebot durchdenken“, sagte er und blickte direkt in die Kamera, während er hören konnte, wie einer der drei Männer leise fluchte.

Er schien begriffen zu haben, dass sie dabei waren, Cai als möglichen Geschäftspartner zu verlieren. Er war auch der einzige gewesen, mit dem man hatte vernünftig verhandeln können. Cai würde ihn weiter beobachten und eventuell mit ihm alleine noch einmal in Kontakt treten, je nachdem wie sich alles Weitere entwickelte. Doch erst einmal würde er den Markt etwas aufmischen lassen. Es hatte ihn viel Geld und viele Jahre gekostet, seine Männer in die richtigen Positionen zu bringen und nun wurde es Zeit, den einen oder anderen einmal wieder zu kontaktieren.

„Solche Grünschnäbel“, brummte der Vampir, als er den Laptop zuklappte. Er hatte keine Lust sich noch über die drei Männer zu ärgern. Lieber drückte er auf einen der Knöpfe in einer Schublade und eine Videowand wurde aus dem Boden gefahren. Ein großer Plasmabildschirm zeigte sein eigenes Zimmer. Er wollte sehen, ob Jason noch da war.

Der Kater hatte sich auf dem Bett ausgebreitet und war wohl gerade dabei wach zu werden, denn die Krallen seiner Vorderpfoten gruben sich in die Matratze und der starke Körper streckte sich. Cai musste unwillkürlich lächeln, als er das sah. Jason war selten so friedlich und entspannt, besonders nicht, wenn er sich in Cais Räumen befand. Dort war er normalerweise besonders angespannt und nervös und der Vampir fragte sich, ob es allein daran lag, dass sie miteinander geredet hatten, dass der Kater seine Aggression abgelegt hatte. Oder einfach nur daran, dass der Vampir gerade nicht da war. Doch das war nicht zum ersten Mal, dass er Jason allein in seinem Zimmer ließ und auch dann war der Puma angespannt gewesen. Es konnte also nur daran liegen, was sie getauscht hatten. Es schien Jason etwas bedeutet zu haben und auch Cai konnte nicht leugnen, dass es ihm gefiel, mehr über Jason zu wissen.

„Ach Miez“, murmelte er leise und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er war versucht, sich sofort zu erheben und hinüber zu gehen, doch er hatte noch ein Telefonat vor sich, ehe er sich wieder zurückziehen konnte. Das dauerte aber hoffentlich nicht sehr lange. Bevor er das Telefonat mit seinem Geschäftspartner erledigte, rief er noch in der Küche an und bestellte für sich und Jason noch etwas zu essen, das er nachher mit runter nehmen konnte. Vielleicht konnten sie noch etwas reden, oder über die Insel streifen. Irgendetwas was sie noch ein wenig Zeit zusammen verbringen ließ.

Das Telefonat mit Tokio ging überraschend schnell über die Bühne und hielt Cai nicht mehr lange in seinem Büro auf. E-Mails konnte er später noch checken und da über das Notfall-Handy kein Zeichen von Li gekommen war, ging er nicht davon aus, dass sein Imperium in Flammen stand. Er raffte also sein Telefon und hastete in die Küche.

Er nahm sich das Tablett, das Ho für ihn vorbereitet hatte. Für Jason gab es wieder Fleisch und Wasser, wobei Ho diesmal wohl der Meinung gewesen war, dass der Kater etwas verwöhnt werden konnte. Denn in seinem Napf war das gleiche Fleisch, das auch auf Cais Teller war. Nur war das für den Vampir gegrillt, wenn auch nur sehr kurz, so wie Cai seine Steaks mochte. Er öffnete die Tür zu seinem Schlafzimmer und blieb wie vor eine Wand gelaufen stehen, denn das, was er sehen konnte, hatte er auch noch nicht erlebt. Jason lag auf dem Bett und zappte sich durch die Fernsehprogramme und benutzte dazu vorsichtig eine Kralle, mit der er die Tasten der Fernbedienung drückte. Er war so auf die Mattscheibe fixiert, dass er noch nicht einmal gemerkt hatte, dass die Tür geöffnet worden war. Seine Nase allerdings nahm das Fleisch wahr und so drehte er den Kopf und blickte den Vampir an, der immer noch perplex in der Tür stand.

„Läuft nichts?“, fragte Cai und trat ein.

Der Kater brummte und so wie er der Fernbedienung einen Schubs gab, war klar, dass er nicht wirklich was gefunden hatte, was ihm gefallen hätte. Er setzte sich auf und fixierte das Tablett. Jetzt merkte er, dass er schon wieder Hunger hatte und er leckte sich über die Schnauze. Mit einem Sprung war er vom Bett und stellte seine Vorderpfoten auf Cais Brust ab, damit er sich das Tablett näher ansehen konnte. Instinktiv hatte der aber das Tablett über den Kopf gehoben, damit nichts auf dem Boden landete. So versuchte der Puma aber sich noch größer zu machen um endlich an das Tablett heran zu reichen. „Miez, wenn du uns beide umwirfst, dann landet unser Essen auf dem Boden, willst du das?“ Und so wie Jasons Augen glitzerten, schien er damit leben zu können – denn dann konnte er sich alles abgreifen, was auf dem Boden lag.

„Denk nicht mal dran“, knurrte der Vampir und bleckte warnend die Fänge. Er hatte selber Hunger und sein Steak würde er nicht einfach so an Jason abtreten. Der schien noch abzuwägen, denn sein Kopf pendelte zwischen Tablett und Cai hin und her. „Ich warne dich, Miez, wenn du nicht wieder schwimmen möchtest, lässt du mich das Tablett zum Tisch bringen.“ Das schien zu wirken, denn der Puma gab Cai frei, auch wenn man deutlich merkte, dass er den Vampir lieber umgeschubst hätte.

„So ist es brav. Du bleibst heute also trocken“, versprach Cai und nutzte die Chance das Tablett endlich abzustellen. Man wusste ja nie. „Jetzt kannst du mich umschubsen“, gab er sich allerdings kompromissbereit. Doch er hatte irgendwie das Gefühl, dass er ohne das Tablett nur noch halb so interessant war. Woher das wohl kam?

Denn kaum dass das Tablett auf dem Tisch stand, hing Jason darüber und Cai musste seinen Teller schnell in Sicherheit bringen, wenn er sein Steak auch essen wollte, denn so, wie die Augen des Pumas herausfordernd blitzten, wäre es wohl als erstes im Magen des Katers verschwunden. Schließlich konnte er davon ausgehen, dass Cai ihm das rohe Fleisch nicht streitig machen würde.

„Komm ja nicht auf blöde Gedanken, sonst wirst du doch noch mal nass“, knurrte der Vampir und machte, dass er mit seinem Teller aufs Bett kam. Er verzichtete auf Besteck, das ging schneller und er konnte sein Essen mit den Händen auch besser verteidigen. Er steckte das leckere Steak zwischen zwei Scheiben frischen Brotes und biss zufrieden stöhnend ab. Das war gut!

Jason beobachtete ihn dabei, denn so hatte er Cai auch noch nicht erlebt. Sonst hatte der Vampir perfekte Manieren beim Essen und benutzte Besteck. Jetzt lief der Fleischsaft dem Vampir über die Finger und wurde einfach abgeleckt. Fasziniert war Jason in seiner Bewegung erstarrt und hatte sein eigenes Essen vollkommen vergessen. Heute war nicht nur ein Tag, an dem sich der Puma anders als normal verhielt, auch Cai verwirrte den Kater mehr als ihm lieb war. Die Schicht, die in Cai nur den Mann sah, der ihn hatte hier her bringen lassen, war abgeplatzt. Sie bröckelte nach und nach und nun versuchte er hinter diese Fassade zu blicken und zu erahnen, was zum Vorschein kommen würde, wenn es ganz abgefallen war.

„Iss“, sagte Cai mit vollem Mund, als er den Puma erblickte. So wie die Katze ihn anstarrte, schien sie immer noch auf das Steak fixiert. Besser er brachte es hinter seinem Rücken in Sicherheit.

Jason sah ihn verwundert an, denn durch seine Aktion kleckerte Cai das Bettlaken voll. Er schüttelte den Kopf und fing an zu essen, damit der Vampir das Bett nicht vollkommen versaute. Das Fleisch schmeckte herrlich und so aß er alles auf und trank dann das Wasser aus seiner Schüssel leer. Jetzt fühlte er sich großartig, denn er war ausgeruht und satt. Wenn es nach ihm ginge, konnten sie jetzt noch eine Runde über die Insel machen.

„Wie schnell bist du denn beim essen“, murmelte Cai, der immer noch an seinem selbst gebauten Sandwich kaute und dabei – wie Jason vor ihm – durch die Kanäle zappte ohne etwas von Interesse zu finden. Als er sich bequem legte, spürte er die Nässe in seinem Rücken und sah sich verwirrt um. „Ihh!“, machte er und verzog das Gesicht. Da mussten neue Laken drauf.

Und weil der Vampir noch immer nicht aufgegessen hatte, übernahm es Jason schon mal das Laken abzuziehen. Das war mit seinen Krallen leicht. Er zupfte an dem Stoff, als Cai sich nicht gleich bewegte und brummte. So wurde das nichts, wenn der Vampir ihn weiter mit großen Augen anblickte und sich nicht endlich erhob. Darum zog er etwas fester. Und so kam es, wie es kommen musste: der überraschte Vampir ging zu Boden. Kurz guckte der Puma über die Bettkante, doch dann zog er zufrieden das Laken von der Matratze und warf es beiseite, während er auffordernd zu Cai sah. Der blickte perplex nach oben und kam doch nicht auf die Beine. Was war mit dieser Katze los? „Jason, was soll der Mist“, wollte er also wissen und musste sich doch erheben. Er lag so unglücklich auf der Fernbedienung, dass er mit irgendeinem Knochen auf dem Suchlauf lag und nun die Sender in schneller Folge wechselten.

Wieder schob sich der Kopf der Katze über die Bettkante und wackelte mit den Ohren. Er beobachtete den Vampir dabei, wie er sein Becken anhob, um von der Fernbedienung zu kommen und dabei fiel sein Blick auf die Hand, die vor seiner Schnauze hin und her wackelte. Da konnte er echt nicht widerstehen. Darum schleckte er einmal quer über Cais Gesicht und schnappte sich den letzten Bissen des Sandwiches aus Cais Hand, dann war er auch schon vom Bett und im Badezimmer verschwunden.

„Hey, Miez!“ Cai schoss hoch und knurrte. Zwar war er sehr zufrieden darüber, dass Jason ihm wieder so nahe gekommen war. Doch das war der Kater ja nicht wegen Cai sondern nur wegen seinem Sandwich, was der Kater einfach verschlungen hatte. „Du wirst jetzt ins Wasser geschmissen.“ Knurrend rieb er sich über ein paar Stellen, auf denen er aufgeschlagen war und betrachtete sich das Bett. Das Kissen lag auf dem Boden, ebenso die Decke und das Laken. Jason hatte ganze Arbeit geleistet.

Jason fauchte aus dem Bad und man hörte die Tür zuschlagen als der Kater sich von innen gegen die Tür warf. Es gab keinen Schlüssel, den Jason aber auch gar nicht hätte drehen können. Wenn Cai in den Raum wollte, konnte der Puma ihn nicht daran hindern, aber leicht würde er es dem Vampir nicht machen.

„Miez“, knurrte Cai, der gerade für Spielchen nicht zu haben war. Er hatte nämlich noch Hunger und sein Ego hatte einen kleinen Knacks bekommen. „Wenn du freiwillig raus kommst, dann ist das Bad im Meer noch verhandelbar. Wenn du dich weiter verschanzt, hole ich dich und werde dich ohne Umwege wieder ins Wasser werfen. Du hast die Wahl.“ Cai hatte sich derweil die eingesauten Klamotten ausgezogen und stand nun nur noch in Shorts mitten im Zimmer.

Die Badezimmertür quietschte leise, als Jason vorsichtig den Kopf rausstreckte. Er rechnete eindeutig damit, dass er gleich gegriffen und weggeschleppt wurde. Sein Körper war angespannt und seine Augen suchten den Raum ab. Als er Cai mitten im Zimmer stehen sah, kam er langsam näher und schubbelte seinen Kopf an dem nackten Bein und weil der Vampir gerade dabei war, zu überlegen was er anziehen sollte, war er etwas überrascht. Er blickte an seinem Bein hinab und strich Jason über den Kopf. „Du willst also nicht schwimmen – verstehe ich dich richtig? Na ja, mit vollem Magen soll man auch nicht schwimmen.“ Er ging in die Hocke und strich Jason noch einmal durch das Fell.

Der Kater setzte sich hin und nickte. Er wollte ganz und gar nicht schwimmen. So sehr er das Wasser als Mensch liebte, als Katze versuchte er engeren Kontakt zu vermeiden. Darum ließ er Cai auch weiterhin durch sein Fell fahren und hielt seinen Kopf so, dass er auch die richtigen Stellen traf. „Du musst ja das Wasser unglaublich hassen, wenn du dich als Ausgleich dafür so intensiv anfassen lässt“, sagte Cai und versuchte das nicht auszunutzen. „Ich zieh mir was an, dann gehen wir noch mal raus“, schlug er vor und kraulte Jason hinter den Ohren. „Und Ho muss das Bett frisch beziehen“, murmelte er, als er auf die Bettwäsche am Boden sah.

Jason nickte und sprang dann auf. Er wollte los und dazu musste Cai sich anziehen. Während der Vampir sich etwas suchte, schob Jason die im Zimmer verteilte Bettwäsche auf einen Haufen. Ho war immer nett zu ihm, wenn sie sich einmal trafen und er hatte immer etwas Leckeres für den Kater parat. Da wollte er ihm nicht noch mehr Arbeit machen. Es gelang ihm sogar, das Kissen aus dem Bezug zu ziehen und so warf er es zurück auf das Bett und schob die Schmutzwäsche wieder zusammen. Dann langweilte er sich, weil der Vampir wieder nicht fertig wurde und so fand Cai ihn, wie sich der Puma durch die Schmutzwäsche rollte. „Alles wartet wieder auf dich“, lachte er leise.

Sofort war der Kater auf den Beinen und sah Cai strafend an. Anscheinend wollte der Vampir nicht mehr die Gelegenheit haben, ihn zu streicheln. Darum lief er auch schon zur Tür vor und öffnete sie. Am Aufzug musste er dann wieder auf Cai warten.

„Kann es sein, dass mein Schöner verstimmt ist?“, wollte Cai wissen. Zumindest wirkte der Kater so. Cai rief den Fahrstuhl und blickte auf sein Handy. Eine Nachricht war eingegangen. Als er sie las, grinste er. „Morgen kommt der schwarze Löwe. Ich muss dafür sorgen, dass die Unterkunft fertig ist“, murmelte er leise und ging in den Fahrstuhl.

Jason, der sich gerade in der Kabine hatte hinsetzen wollen, sprang auf und stupste Cai gegen das Bein. Es kam also wieder eine neue Lieferung und Jason musste wissen, ob es ein Werwesen war, oder ein Tier. Wie sollte er das nur dem Vampir klarmachen? Er versuchte es damit, dass er erst auf das Handy deutete, als Cai ihn ansah und dann auf sich. Der Vampir runzelte die Stirn. Was hatte das zu bedeuten? „Du willst anrufen?“, versuchte er die Geste zu deuten. „Deine Geschwister vielleicht?“ Er war sich nicht sicher, ob er den Puma richtig verstand, steckte aber das Handy weg, als er den Knopf für das Erdgeschoss drückte.

Als der Kater den Kopf schüttelte, wusste Cai zumindest, dass er falsch geraten hatte. Allerdings wusste er auch nicht, was sein Katerchen wollte. Jason ließ den Kopf hängen und fauchte einmal, weil er frustriert war. Allein der Gedanke, dass wieder jemand wie er seiner Freiheit beraubt sein könnte, machte ihn traurig und er hatte keine wirkliche Lust mehr über die Insel zu laufen.

So kamen sie zwar oben an, aber Jason rannte nicht wie erwartet aus der Kabine sondern trabte nur langsam und setzte sich auf den Flur. Cai hob eine Braue und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Was war denn jetzt schon wieder mit dem Kater? „Keine Lust mehr?“, wollte er wissen und sah Jason herausfordernd an. Doch da der Kater so abweisend wirkte, vermied es Cai sich zu ihm zu beugen und ihn zu streicheln.

Wieder tippte Jason auf die Hosentasche, wo das Handy steckte und grollte leise. Er wollte jetzt wissen, was es mit dem schwarzen Löwen auf sich hatte. Da er sich nicht anders zu helfen wusste, schrieb er in großen Buchstaben mit der Vorderpfote L I O N auf den Boden und hoffte, dass Cai nun endlich verstand.

„Löwe?“, las er und krauste die Stirn wieder. Die Pfote auf seiner Tasche leitete ihn. „Der Löwe aus der SMS? Er kommt morgen. Er stammt aus einem Zoo in Südafrika“, sagte er also, wusste aber nicht, ob das die Information war, die Cai haben wollte.

Er kam aus einem Zoo? Jason sah Cai mit schief gelegtem Kopf an und nickte dann. Aus einem Zoo kamen keine Wertiere. Was morgen geliefert wurde, war also nur ein Tier mit seltener Farbe. Sie hatten es gut hier bei Cai. Ihre Gehege waren großzügig und ein Heer von Pflegern kümmerte sich um ihr Wohl.

Jetzt wo das geklärt war, verschwand das beklemmende Gefühl, dass ihn bei der SMS überfallen hatte und er trottete zur Tür, die ihn nach draußen brachte.

„Info eingesammelt – jetzt geleite man mich ins Freie, hm?“, lachte Cai, doch er ließ sich nicht lange bitten. Er wollte die letzten Sonnenstrahlen noch genießen und so lange wie der Puma über die Insel tobte, konnte er sich darum kümmern, dass alles bereit war, wenn das edle Tier morgen hier ankam. Zwar verstand er immer noch nicht die Stimmungsschwankungen des Pumas, doch er war zufrieden, wenn der wieder lief und sprang. Da würde er nicht nach den Gründen fragen. Katzen waren launisch – so war das eben.

Jason kümmerte sich nicht weiter um Cai und lief los. Er musste seine Runde laufen, Markierungen erneuern, nachsehen, ob noch alles beim alten war, oder ob sich etwas verändert hatte. Cai würde ihn schon finden, wenn er was von ihm wollte. Er hielt die Nase in den Wind und schnupperte. Und dann gab es kein Halten mehr. Cai ließ ihn ziehen. Die Insel war nicht so groß, dass er den Kater nicht wiederfinden würde. Es gab zwar Wälder und Höhlen, aber Cai kannte jede und wusste, wo er suchen musste. Er hatte diese Spielchen mit Jason schon durch. Lieber ging er an der Minibar vorbei, goss sich dort einen Whisky ein und ging damit auf die Terrasse. Er wollte die sinkende Sonne noch ein paar Augenblicke genießen, dann konnte er sich immer noch um alles andere kümmern.

Er musste grinsen, als Schwärme von auffliegenden Vögeln ihm zeigten, wo Jason lang lief. Das machte sein Katerchen seit er das erste Mal über die Insel laufen durfte. Cai trank seinen Whisky aus und erhob sich dann wieder. Er kümmerte sich lieber selber darum, dass alles für den Löwen bereit war. Die Tür zur Terrasse ließ er offen. Manchmal wurde es nach Sonnenuntergang ziemlich kühl. Dann konnte Jason ins Haus, wenn er wollte. Er selbst verschwand in den unteren Etagen und widmete auch seinen anderen Exponaten ein wenig Zeit, was er in letzter Zeit etwas vernachlässigt hatte. So verging die Zeit.

Es war schon lange dunkel draußen, als Cai alles erledigt hatte und nach oben fuhr, um nach Jason zu sehen. Er kam in die Vorhalle, aber da war der Kater nicht zu finden. „Wo steckst du schon wieder?“, murmelte er seufzend und ging nach draußen. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte nach ihm zu rufen. Er musste sich wohl oder übel auf den Weg machen und sein Katerchen suchen. Also zog er sich das Shirt über den Kopf und ließ seine Flügel erscheinen. Bei dem stetig wehenden Wind dürfte es schwer werden, sich nur auf seine Nase zu verlassen. Von oben sah er vielleicht mehr. Also machte er sich auf den Weg und flog über die Insel. Erst wollte er sehen, ob er Jason irgendwo laufen sehen oder hören konnte. Doch der Wind trug nur das Rauschen der Wellen an sein Ohr.

Er flog eine Runde, ohne eine Spur von Jason entdecken zu können, als lautes Gebrüll in der Nacht erklang. Jason stand auf einem Felsen und sah zu ihm hoch. Der Puma hatte auf einem Felsen gelegen und gedöst, als er aus den Augenwinkeln Cai entdeckt hatte, der über ihm schwebte. Warum er auf sich aufmerksam machte, wusste er auch nicht so genau, aber er fand es richtig. Cai lächelte und sank langsam tiefer. Er ließ seine Flügel wieder verschwinden, kaum dass er Boden unter den Füßen hatte und kam langsam zu dem Puma. Er setzte sich neben ihn und blickte mit ihm zusammen aufs Meer. „Ein schönes Plätzchen hast du dir hier ausgesucht“, musste er zugeben und strich Jason durch das Fell. Es war erstaunlich, wie oft er den Kater heute hatte berühren dürfen, ohne gekratzt oder gebissen worden zu sein. Er konnte sein Glück selbst kaum glauben und so machte er es für sich ein weiteres Mal begreifbar, indem er das weiche Fell unter den Fingern spüren wollte.

Jason legte sich hin, mit dem Kopf auf seinen Pfoten und brummte undefinierbar. Man konnte es als Zustimmung werten, dass er einen schönen Lieblingsplatz hatte, oder dass er nichts dagegen hatte, dass Cai sich neben ihn setzte. Sollte der Vampir sich was aussuchen. Es wurde langsam kühl, aber das machte Jason nichts aus, denn sein Fell hielt ihn warm genug. Darum hatte er auch keine Lust wieder rein zu gehen und unter der Erde eingesperrt zu sein. Er war schon immer jemand gewesen, der gern im Freien war und darum fiel es ihm auch nicht leicht ständig unter der Erde zu sein.

„Komm, lass uns rein gehen“, schlug Cai vor und erhob sich wieder. Er hatte sich noch um etwas Post zu kümmern, die Li nicht ohne seine Autorisation beantworten konnte. Langsam ging er los und sah sich dabei zu Jason um.

Jason sah zu Cai und dann noch einmal auf das Meer. Er wollte nicht weg, aber er erhob sich. Cai hatte wenigstens den Anschein gegeben, dass er dem Puma die Wahl überließ. Jason wollte das nicht ausreizen, dass sie wohl gerade einen Waffenstillstand hatten. Er folgte Cai über die Insel und legte sich in dessen Schlafzimmer wieder aufs Bett und sah fern, solange Cai noch beschäftigt war und er blieb solange bei ihm, bis der Vampir die Insel wieder verlassen musste, weil seine Geschäfte es erforderlich machten.