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Katzenaugen 7 - Katzen und Drachen - Teil 13-15

13 

Jason sah ihm hinterher, als er wegflog und es tat weh, demonstriert zu bekommen, wo sein Platz war. Er bedeutete Cai nicht das Geringste. Er hatte ja jetzt seinen Albinoparder. Jason rappelte sich auf und klopfte seine Hose und sein Shirt ab. Er würde jetzt zu Chao gehen, sich dieses verdammte Serum holen und es sich injizieren. Dann konnte er sich in sein Gehege zurückziehen und darauf hoffen, dass man ihn endlich in Ruhe ließ. Er erkannte sich doch selbst nicht wieder. War er wirklich so naiv gewesen, zu glauben eine Bestie, die Katzen aus ihrer Heimat zerrte, nur um sie zu besitzen, würden sich darum scheren, wie es diesen wertvollen Ausstellungsstücken dabei ging?

Jason schüttelte den Kopf, als er langsam zurück zur Wohnanlage ging. Sein Weg führte ihn direkt ins Labor, dank Cai hatte er dort hin Zutritt.

Das Labor war leer, als er es betrat. Heute schien sein Glückstag zu sein. Er wusste genau, welchen Schrank er öffnen musste. Er zögerte nicht, als er die Spritze nahm und sich in den Arm rammte. Es war ihm egal, was das für Auswirkungen haben würde. Er biss die Zähne zusammen, als sich das bekannte Brennen meldete, das das Serum verursachte. Er riss die Spritze aus seinem Arm und griff sich die nächste, die ebenfalls ihren Inhalt in seinen Arm entleerte, genau, wie die dritte.

Er spürte, wie allmählich sein Bewusstsein schwand und das Tier in ihm die Oberhand gewann. Seine Sinne schärften sich schlagartig, dass es ihn fast schockierte, wie laut es plötzlich um ihn herum war. Er hatte nur noch einen menschlichen Gedanken: zurück ins Gehege, um niemanden zu töten.

Er taumelte. Ihm wurde schwindlig. Hart schlug er mit der Schulter an die Wand, als er versuchte sich abzufangen. Das ging zu schnell – er brauchte mehr Zeit.

Schon merkte er, wie sich sein Körper veränderte. Er stieß sich von der Wand ab und taumelte zur Tür. Er erreichte sie aber nicht mehr auf zwei Beinen und der Puma brüllte seine Wut, laut raus. Die dreifache Menge Serum hatte ihn schneller verwandelt als sonst und sie hatte ihn in ein Raubtier verwandelt, ohne jeglichen menschlichen Verstand. Er war Mordlust pur und er würde jeden angreifen, der ihm begegnete.

Das Brüllen war durch das Haus gehallt und hatte auch Cai erreicht. Er kannte die Stimme seines Pumas – die hätte er so nicht hören dürfen. Verwirrt blieb er stehen und blickte sich auf dem Flur um. Er war gerade auf dem Weg in sein Büro, weil er noch ein paar E-Mails beantworten musste, die sein Sekretär nicht bearbeiten konnte.

„Jason“, murmelte er und machte auf dem Absatz kehrt. Irgendwas stimmte da nicht. Er hastete schneller als das menschliche Auge sehen konnte und so war er keine drei Sekunden später im Labor – und traute seinen Augen nicht.

Jason stand mitten im Raum, auf dem Boden lagen drei leere Serumspritzen. „Was hast du gemacht?“, fragte er scharf und hatte gerade noch Zeit sich zur Seite zu werfen, als Jason sich brüllend auf ihn warf, bereit ihm die Kehle zu zerfetzen mit seinen Zähnen und Krallen.

„Verdammt, Jason, was hast du getan? Du hattest mein Vertrauen, dir standen alle Türen offen und das ist dein Dank?“ Cai war wütend, doch er war froh, dass keiner im Labor gewesen war, den Jason hätte verletzen oder gar töten können. Und damit das auch so blieb, verschloss er die Türen, als er mit dem Kater im Flur war. „Deine schlechte Laune geht mir langsam auf die Eier, Katze!“ er machte sich auf den nächsten Angriff gefasst, als er den Kater fixierte. Der Flur war relativ eng.

Er brauchte auch nicht lange zu warten. Mit einem wütenden Knurren warf sich Jason auf Cai und versuchte ihm die Kehle zu zerfetzen. Seine Krallen gruben sich in das Fleisch und hinterließen tiefe blutende Striemen. Das einzige, was Jason beherrschte, war der Drang zu töten. Cai schleuderte ihn von sich und Jason knallte gegen die Wand, prallte von ihr ab und wurde dann über den Flur geschleudert. Aber kaum, dass er zum Stillstand kam, sprang er wieder auf die Beine und knurrte wütend. Er sah zum Fürchten aus. Am Kopf hatte er eine Platzwunde, aus der das Blut lief, um sein Maul sammelte sich Schaum und seine Augen leuchteten in purer Mordgier. Das war nicht gut. Hatte der Bastard allen Ernstes die dreifache Dosis genommen? Was hatte der sich dabei gedacht? Hatte er überhaupt gedacht? Doch Cai kam nicht dazu, sich die Fragen selbst zu beantworten, denn der Kater schoss schon wieder auf ihn zu.

„Lass die Tür zu!“, brüllte er Chao zu, der angelockt durch den Krach, aus dem Aufenthaltsraum in den Flur treten wollte. Er hatte ihn im kleinen Fenster in der Tür deutlich gesehen. „Betäubungsgewehr und Gurte!“, forderte er von seinem Laborchef, ehe er versuchte, den Puma festzuhalten.

Selbst mit seinen enormen Kräften war es nicht einfach für Cai den wütenden Puma zu bändigen, der sich in seinen Armen wand und den Vampir immer wieder kratzte und biss, wo er ihn erreichen konnte. „Deine Freigänge sind erst mal gestrichen, davon kannst du ausgehen“, knurrte Cai, der langsam wirklich die Geduld verlor. „Betäub ihn endlich“, fuhr er Chao an, der mit dem Betäubungsgewehr auf den Flur kam.

Der Mann nickte, auch wenn er noch nicht glauben konnte, was er da sah. Er schoss und wartete, doch das Adrenalin in Jasons Körper verhinderte die Wirkung. „Noch eine, er hat drei Dosen genommen“, knurrte Cai. Auch wenn er nicht so aussah, er war in Sorge. Würde Jasons Körper damit klar kommen? Mit dieser Menge Serum? Sie wussten nicht, was eine solche Menge alles bewirken würde. Was, wenn er den Kater verlor – und er wusste noch nicht einmal, warum. Das war ein Alptraum.

„Jetzt schieß, verdammt und dann erklärst du mir, wie das hier passieren konnte!“

Der zweite Schuss hallte von den Wänden wieder und hatte zumindest annähernd die erwünschte Wirkung. Jason war zwar nicht komplett betäubt, aber seine Angriffe wurden unkoordiniert und kraftlos. Sie fesselten den Puma mit den Gurten, die Chao mitgebracht hatte und Cai brachte ihn zurück ins Labor. Dort gab es eine Krankenstation mit einem Käfig, für die kranken und verletzten Tiere. In dem Zustand, in dem er jetzt war, wollte er Jason nicht in sein Gehege bringen. Dort konnten sie ihn nicht so gut beobachten und auch nicht wenn nötig, schnell eingreifen.

Cai lehnte an der Wand und spürte der Heilung seiner Wunden nach. Es dauerte eine Weile, denn es waren viele und Jason hatte mit Krallen und Zähnen ganze Arbeit geleistet. Was war nur in den Kater gefahren? Cai konnte sich einfach keinen Reim darauf machen – egal in welche Richtung er dachte. Doch dann blickte er auf Chao, der immer noch fassungslos auf die drei leeren Ampullen guckte.

„Wie ist er da ran gekommen, Chao?“

„Er muss sie aus dem Schrank genommen haben, in dem wir unsere Vorräte aufbewahren.“ Der Chinese war vollkommen erschüttert, als er die Spritzen vom Boden aufhob. „Es tut mir leid, ich übernehme dafür die Verantwortung. Der Schrank war nicht verschlossen, weil die Exponate eigentlich keinen Zutritt zum Labor haben und eigentlich alle eine solche Abneigung davor haben, dass wir davon ausgingen, dass sich niemand daran vergreift.“ Chao senkte schuldbewusst den Blick. „Warum hat er das gemacht? Er hat sich zwar nie gegen das Serum gewehrt, aber er wollte es auch nicht haben.“

„Wenn ich wüsste, was mit ihm los war, wäre ich schlauer. Bete einfach, dass er nicht stirbt, denn was ich dann mache, kann ich heute noch nicht sagen.“ Cai kam näher und blickte auf den Puma, der an den Pfoten gefesselt auf einer weichen Unterlage lag. Er war nicht so fest fixiert, dass er sich nicht drehen und wenden konnte, doch er war daran gehindert sich zu erheben und vielleicht weiter zu randalieren. „Seine Kopfwunde muss versorgt werden, lass mich rein, ich kümmere mich darum.“

Chao nickte und öffnete das Gitter, damit Cai reingehen konnte. „Ich versuche gerade die letzten Tage zu rekonstruieren. Er war ruhig, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ruhiger als sonst, er hat kaum gesprochen. Sonst hörte man ihn oft lachen. Er kam sonst ab und zu vorbei, um sich zu unterhalten, aber seit ein paar Tagen nicht mehr. Er war auch nicht bei Ho, dort hat er sich oft, etwas Leckeres abgeholt, dass Ho für ihn gemacht hat.“

Cai nickte nur, als er sich dem Puma näherte. Jason war weggetreten. Vielleicht war das auch besser so, denn dann regte er sich wenigstens nicht auf, wenn Cai sich ihm näherte. „Überwach seine Körperfunktionen. Wir wissen nicht, wie diese hohe Dosis wirkt.“ Er biss sich den Finger blutig und strich dann damit über die Platzwunden an Jasons Kopf. Das musste höllisch wehgetan haben. „Deine Kopfschmerzen will ich nachher aber nicht haben“, murmelte er leise, Sorge in der Stimme.

„Klar, Boss. Ich bleibe bei ihm, so lange es nötig ist.“ Chao machte sich nicht weniger Sorgen als Cai, denn er betrachtete Jason als so was wie einen Freund. Darum war er auch so erschüttert. Warum hatte er nicht mitgekriegt, dass mit dem Puma etwas nicht stimmte. „Ist eigentlich vor ein paar Tagen etwas Ungewöhnliches passiert, dass das hier ausgelöst haben könnte?“, fragte er, denn bevor Cai das letzte Mal die Insel verlassen hatte, war er viel mit Jason zusammen gewesen.

„Ich zermartere mir das Hirn“, murmelte Cai leise und strich Jason vorsichtig durch das Fell. „Wir … und dann“ Mit einmal hob er langsam den Kopf und schüttelte ihn. Das konnte nicht der Grund sein, beim besten Willen nicht. Er drehte sich um zu Chao, blickte dann aber wieder verblüfft auf Jason. „Nein, das glaube ich eher nicht.“ Cai war verwirrt.

„Was meinst du?“, fragte Chao, der mit Cais Gestammel nichts anfangen konnte. „Was ist passiert?“

Cai lehnte an der Wand des kleinen Geheges und blickte auf Jason. „Ich habe mit Byron telefoniert. Er hat Luan gefunden und ich habe ihm gesagt, er soll ihn so schnell wie möglich herbringen. Da ist Jason aus meinem Schlafzimmer verschwunden.“ Doch das machte für Cai immer noch keinen Sinn. Jason mochte ihn nicht besonders, er verbrachte Zeit mit Cai, um sich die Zeit zu vertreiben. Wenn er also eines nicht war, dann eifersüchtig.

„Es muss einen anderen Grund geben.“

Chao strich sich über das Kinn und dachte nach. „Seit dem du mir erzählt hast, dass Luan kommt, ist er nicht mehr hier gewesen. Er war die Tage, die du nicht hier warst, fast ausschließlich draußen.“Aber warum sollte sein Verhalten sich wegen des Nebelparders geändert haben. „Du warst doch vorhin bei ihm, wie war er denn da drauf?“

„Er ist mir aus dem Weg gegangen und als ich ihn so lange gereizt habe, bis er auf mich losgegangen war, hatte er seinen Biss verloren.“ Cais Blick lag auf Jason. Er konnte nicht widerstehen. Er musste durch das Fell streichen so lange Jason nicht auf ihn los ging oder ihm offensichtlich auswich. „Er war eben total komisch und egal wie sehr ich ihn bedrängt habe, er hat mir einfach nicht gesagt, was los ist. Stur wie immer.“ Ihm fehlten ihre Eskapaden. Er hatte es genossen mit Jason zusammen zu sein, mit ihm zu raufen und auch der Sex war animalisch gewesen. Er verzichtete nicht gern darauf.

„Du wolltest nicht mit mir reden. Hast du das darum getan?“, fragte er leise und legte sich den großen Katzenkopf auf den Schoß. Jetzt, wo das Adrenalin nicht mehr durch den Körper floss, wirkte das Betäubungsmittel, aber der große Körper kam nicht wirklich zur Ruhe. Krämpfe schüttelten Jason und es fühlte sich an, als würde er immer noch versuchen sich zu wandeln, was aber nicht möglich war.

„Hättest du anders gehandelt, wenn ich dich nicht so bedrängt hätte, wenn ich dich einfach in Ruhe gelassen hätte?“ Cai wusste es nicht. Er strich weiter vorsichtig durch das weiche Fell und blickte zu Chao, der geschäftig durch das Labor lief, damit Cai wenigstens das Gefühl hatte, dass er allein war. Er suchte alles zusammen, was er brauchte, um die Körperwerte der Katze am Monitor zu überwachen. Aber er wollte Cai nicht drängen und der würde schon merken, wenn etwas nicht stimmte.

„Glaubst du, dein Blut würde ihm helfen?“ Chao klammerte sich an jeden Strohhalm, denn er wollte Jason genauso wenig verlieren wie Cai und das alte Blut des Vampirs konnte Wunder bewirken. Das hatte er schon gesehen. Der Genetiker beugte sich in den Käfig und befestigte die Sensoren. „Die Krämpfe könnten ein Problem werden und ich will ihn nicht noch mit mehr Medikamenten vollpumpen. Wir wissen nicht, was das für Auswirkungen hat, wenn er so viel Serum in sich hat.“

„Ich bin bereit es ihm zu geben. Aber ich glaube sein Körper hat im Augenblick zu viel, was er verarbeiten muss. Da noch altes Vampirblut drauf zu schütten könnte vielleicht das Gegenteil von dem bewirken, was wir wollen. Vielleicht sollte er sich ein paar Stunden erholen.“ Cai wollte dem überlasteten Körper nicht noch mehr zumuten. Er rückte ab, als Chao die Elektroden verkabelte und versuchte nicht im Weg zu sitzen.

„Ja, warten wir ein paar Stunden.“

Chao verließ den Käfig wieder und setzte sich an den PC, um sich die Werte anzusehen. Seine Stirn furchte sich immer mehr. „Verdammte Scheiße“, fluchte er und sah zu Cai. „Seine Werte sind völlig aus der Norm. Wenn wir sie bei seinem letzten Zyklus schon für bedenklich hielten, dann sind sie jetzt katastrophal. Ich hol mir eine Blutprobe.“

„Aber sei vorsichtig“, sagte Cai und er wusste nicht, um wen er sich mehr sorgte. Zwar schien der Puma zu schlafen, doch im Moment traute er ihm zu, plötzlich hochzuschießen und alles zu töten, was er finden konnte. „Kriegen wir seine Werte irgendwie in den Griff oder wird er daran kollabieren? Oder wird er sich vielleicht niemals wieder zurück verwandeln?“ Cai stutzte. War es nicht genau das gewesen, was er immer gewollt hatte – die edlen Tiere für immer als Katzen zu erhalten? Wirsch strich er sich durch die Haare.

„Klar, Boss.“ Chao hatte Erfahrung und brachte die Aktion schnell hinter sich. „Die Werte sind zwar ziemlich am Limit, aber ich würde sie jetzt nicht als bedrohlich einstufen. Er ist kräftig.“ Er strich Jason vorsichtig über die Seite. „Ich hoffe, dass er sich wieder wandeln kann, denn er soll mir erklären, was er sich bei dem Scheiß gedacht hat.“

„Ich glaube, der wandelt sich schon aus Trotz nicht, weil er genau weiß, dass er einiges zu erklären hat, der Blödmann“, knurrte Cai, ein wenig beruhigt darüber, dass die Werte zumindest nicht derart hoch waren, dass es keine Hoffnung gab. Im Moment hatte er Luan völlig vergessen. Ihm war nicht einmal bewusst, dass er nur wenige Meter weit von ihm war. Seine Gedanken kreisten um Jason. Er würde ihn nicht gehen lassen – wenn es sein musste, konnte er genauso stur sein wie der Kater.

Seine Finger fuhren durch die weichen Haare und Jason wurde unruhig. Seine Pfoten zuckten und der Kopf hob sich leicht. Es war, als würde er etwas suchen, so wie er schnüffelte und dunkel grollte. Er warf sich herum, und dabei drückte er seine Schnauze fest in Cais Schoß. Schlagartig wurde er ruhiger und es sah fast so aus, als würde er seinen Kopf an Cai reiben. Der lächelte sanft und ließ es geschehen, setzte sich bequemer, so dass er Jason etwas mehr die Möglichkeit bot, trotz der Fesseln die Nähe zu finden, die er augenscheinlich suchte. Er würde jetzt nicht weggehen, so lange Jason das nicht wollte.

Chao beobachtete seinen Chef und die Katze, vermied aber jeden Kommentar.

Er sah lieber auf seinen PC und pfiff durch die Zähne. „Ich weiß nicht, was du da gerade machst, aber sein Blutdruck sinkt und sein Puls wird langsamer. Egal was es ist, hör nicht damit auf.“ Chao sah sich grinsend zu Cai um und hob den Daumen. „Fast auf Normal-Level.“

„Was?“, irritiert blickte Cai zum Monitor. Er hatte keine Probleme auf diese Entfernung etwas zu erkennen und es stimmte. Die Körperfunktionen waren fast auf normal gesunken. „Was bist du nur für eine merkwürdige Katze“, murmelte er und strich Jason sacht durch das Fell auf der Seite, die er erreichen konnte. „Ich bleibe hier, bis er wach wird. Kannst mir ja was zu essen bringen, denn dazu bin ich noch nicht gekommen.“ Mal sehen wie lange Jason ihn hier ertragen konnte, ehe der Plus wieder nach oben schoss.

„Sicher, mach ich sofort. Ich bringe für Dornröschen auch was mit. Er wird es wohl brauchen können. Wasser stell ich dir für ihn schon hin.“ Chao füllte eine Schale mit Wasser und gab Cai ebenfalls eine Flasche Wasser, als er sie hinstellte. „Hier, falls was sein sollte, funk mich an.“ Er legte ein Walkie-Talkie neben Cai und verließ das Labor.

14

 

„Falls du beabsichtig haben solltest, dass ich mich wieder mit dir und nicht mit Luan beschäftige, herzlichen Glückwunsch. Aber das hättest du einfacher haben können, wenn du nur mal den Mund aufgemacht hättest. Stures Vieh.“ Doch er lächelte und nahm seinen Worten die Schärfe. Mit einer Hand schraubte er die Flasche auf und nahm einen großen Schluck. Eigentlich musste er weder essen noch trinken. Doch er hatte es sich über all die Jahre erhalten und sein Körper war daran gewöhnt. Also zeigte er auch solche Symptome wie Durst oder Hunger oder Müdigkeit.

Immer wieder fuhren seine Finger über den kräftigen Körper und er behielt die Werte im Auge. Sie blieben weiter niedrig und Cai atmete ein wenig auf. Noch immer rieb Jason seinen Kopf an Cai und ab und zu leckte er über die Finger, die ihn sanft streichelten. „Du wirst mir einiges zu erklären haben, Katerchen, wenn du wieder reden kannst und nicht mehr wandeln, ist keine Option, verstanden?“

Cai flektierte sich selbst. Er hätte niemals gedacht, dass es etwas geben könnte, was ihn einmal davon abhielt, bei Luan zu sein, wenn er ihn endlich hatte. Und nun? Nun saß er hier und hoffte, dass aus einer seiner schönsten Katzen wieder ein Mann wurde. Er war völlig durch den Wind. Jasons Aktion hatte ihn wohl völlig aus der Spur geworfen. Das sollte sich in ein paar Stunden wieder gegeben haben.

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Jason heftig krampfte. Seine Muskeln kontrahierten so heftig, das die Knochen knirschten und der Puma förmlich hin und her geschleudert wurde. Immer wieder krachte er gegen die Gitterstäbe des Käfigs, auch wenn Cai versuchte ihn zu halten.

„Was ist denn jetzt los?“, murmelte der Vampir. Die Vitalfunktionen der Katze waren angestiegen, ohne dass Cai wusste warum. Er hatte doch nichts anderes gemacht als vorher. Diese Katze raubte ihm wirklich den letzten Nerv, doch er war in Sorge. Er versuchte den Körper mit seinen Armen so gut es ging zu fixieren, damit Jason nicht immer gegen die Gitter stieß. Denn das klang mörderisch und tat sicherlich weh. Genauso wie die Krämpfe.

Fünf Minuten hielten die Krämpfe an und als Jason sich wieder beruhigte, war das Fell schweißnass und er hechelte. Die Krämpfe hatten ihn Kraft gekostet, dass sah man ihm an. „Jetzt mach bloß nicht schlapp“, murmelte Cai und sah sich nach dem Wassernapf um. Aber wie sollte er Jason dazu bringen zu trinken? Damit musste er warten, bis der Kater wach war, denn sonst bestand die Gefahr dass er am Wasser erstickte, weil es in die Lunge spülte. Lieber zog er eine Decke dichter zu sich, die am Fußende des Käfigs lag und breitete sie über den verschwitzten Kater aus. Er wollte nicht, dass Jason sich verkühlte. Es reicht das, was er so schon durchmachte.

Er nahm das sanfte Streicheln wieder auf und langsam sanken die Werte wieder. Das konnte ja noch was geben, wenn das noch lange so weiterging. Auf und ab, auf und ab. Nur wie lange hielt Jason das aus? Er war zwar kräftig, aber seine Kraft war nicht unerschöpflich. Wenn es gar nicht anders ging, würde Cai ihm sein Blut geben, doch er würde das gern soweit wir nur möglich hinaus zögern. „Du bist schon echt schwierig“, murmelte er und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Gitter. Der Käfig war klein genug.

„Bin wieder da“, erklärte Chao als er mit einem Tablett zurück ins Labor kam. Sein erster Blick ging auf den Monitor, zum Glück hatte er die Krämpfe gerade nicht mitbekommen. Cai grinste nur schief. „Was für mich dabei?“

„Ich denke schon. Ho hat für dich Sandwiches gemacht.“ Chao stellte das Tablett auf seinem Schreibtisch ab und gab Cai den Teller mit den belegten Broten und den abgedeckten Napf mit Jasons Fleisch. Dazu gab es noch etwas zu trinken und ein Stück Napfkuchen für Cai. Anscheinend hatte Ho seine Obstkuchenphase beendet, was der Vampir mit einem kurzen Lächeln quittierte. Immer noch strich er durch Jasons Fell, der wieder ruhig auf seinem Schoß lag. „Danke. Vielleicht lockt ihn ja der Duft von Essen aus seiner tiefen Ohnmacht“, hoffte Cai, doch Chao schüttelte den Kopf. „Das würde mich wundern, so wie wir ihn vollgepumpt haben. Zwei bis drei Stunden würde ich ihm mindestens noch geben.“ Er sah auf die Monitore und überwachte die Werte, ließ sich die Tabellen anzeigen. Er stutzte. „Ist eben was passiert?“ Er sah auf die heftigen Ausschläge.

„Er hat gekrampft, als du weg warst. War ziemlich heftig, aber nach ein paar Minuten hat er sich wieder beruhigt.“ Cai sah unwillkürlich zu den Anzeigen. Jetzt waren die Werte wieder vollkommen normal. Chao sah aber trotzdem nicht glücklich aus. „Seine Sauerstoffsättigung ist während der Krämpfe ziemlich runter gegangen. Noch nicht bedrohlich, aber bedenklich. Wir sollten das besser schnell stoppen, wenn es wieder passiert.“

„Im Moment ist er ruhig und ich kann ihn halten. Aber ich werde sicherlich nicht zulassen, dass er noch mehr Mittel bekommt, ehe wir nicht wissen, wie er das verträgt, was er schon im Körper hat.“ Wieder blickte Cai auf Jason und griff sich eines seiner Brote. Er mochte diese westliche Sitte, auch wenn sein chinesischer Koch sich erst daran gewöhnen musste. Aber daran dachte Cai jetzt nicht. Er blickte auf den Kater und versucht einmal mehr zu verstehen, warum der Kerl das getan hatte.

Er musste an die Wochen denken, die sie gemeinsam verbracht hatten. Sie hatten viel Spaß zusammen gehabt, auch wenn sie sich nicht hatten unterhalten können. Lag ihr Problem an ihrer Kommunikation? Aber eigentlich konnte das nicht sein, denn als Mensch hatte er sich mit Jason auch gut verstanden und sie hatten Spaß gehabt. Cai knurrte leise, denn seine kreiselnden Gedanken, brachten ihn nicht weiter. Nur einer konnte ihm sagen, was los war und der hatte sich gerade jeder Befragung entzogen. Der Feigling!

Lustlos biss Cai in sein Sandwich und Chao, der ihn dabei eindringlich beobachtete und das Mienenspiel zu deuten versuchte, schwieg lieber. Er hatte heute wohl schon ausreichend angestellt, dadurch dass er das Labor unbeaufsichtigt gelassen hatte. Doch wer hätte auch damit rechnen können, dass jemand sich das Serum – was alle so hassten – selbst verabreichte. Alles, was er sagen konnte, war, dass sich die Laune seines Chefs gerade nach und nach in den Keller verabschiedete, noch etwas tiefer als sie sowieso schon gewesen war.

Als wenn Jason die düsteren Gedanken Cais spüren konnte, begann er unruhig zu werden. Seine Pfoten zuckten und er brummte leise. Cai machte sich bereit Jason wieder fest zu halten, aber er krampfte nicht. Die Werte blieben stabil, aber irgendetwas passierte. Cai sah auf die schlafende Katze und bemerkte so, dass die Augenlider zuckten. Langsam, ganz langsam öffneten sich Jasons Augen einen Spalt und der Kater blinzelte.

„Zwei bis drei Stunden. Is klar, Chao. Langsam zweifle ich an dir“, grinste er schief und sah auf seinen Laborleiter, der erst blass wurde, dann aber begriff, dass das nur ein Scherz gewesen war.

„Wie kann er jetzt schon wach werden?“ Chao sprang gleich zu den beiden, näherte sich dem Kater aber erst einmal nicht, sondern beobachtete nur wie die Lider anfangs immer wieder flatterten

Cai lagen eine Menge bissige Bemerkungen auf der Zunge, doch er schluckte sie alle hinunter. Das war einfach nicht der Zeitpunkt. Er würde seine Gelegenheit haben und Jason würde sich ihm erklären müssen – aber nicht jetzt. Jetzt ging es nur darum, dass der Kater überlebte.

Es war klar zu erkennen, dass Jason, zwar langsam wach wurde, aber noch nicht ganz bei sich war, denn anders konnte Cai es sich nicht erklären, dass Jason leise schnurrte und seinen Kopf wieder an Cais Schoß rieb. So, als wenn es ihm gefallen würde, den Vampir in seiner Nähe zu haben. Das war nach dem heutigen Tag einfach nicht möglich. Nicht nach dem, was passiert war. Wahrscheinlich war der Kater noch umnebelt von dem Betäubungsmittel.

Cai derweil blickte immer wieder zwischen dem Kater und Chao hin und her und auch ab und zu auf den Monitor. Doch die Werte, die zwar etwas gestiegen waren und zeigten, dass der Kater wieder bei Bewusstsein war, blieben im normalen Bereich. Der Kater war also entspannt.

„Jason“, versucht er es also leise, um zu sehen, ob der Kater wirklich schon wach war.

Erst zuckte nur ein Ohr, aber dann drehte Jason den Kopf langsam so, dass er Cai ansehen konnte. Sie waren noch ziemlich unfokussiert und immer wieder fielen die Augen des Pumas zu, aber er sah Cai an. Er versuchte den Bewegungen des Vampirs zu folgen, aber es gelang noch nicht so gut. Das bemerkte auch Cai, weswegen er versuchte sich nicht zu bewegen, sondern sah Jason nur an. „Wie geht’s dir?“, fragte er, auch wenn er wusste, dass der Kater ihm nicht antworten konnte. Doch er wollte etwas sagen. Vorsichtig legte er eine Hand auf Jasons Fell, bereit sie wegzuziehen, sollte der Kater sich verspannen.

Jason schloss wieder die Augen und eine Mischung aus einem Winseln und einem Grollen, war zu hören. Es war deutlich zu merken, dass es dem Kater nicht gut ging. Wahrscheinlich hatte er ziemliche Kopfschmerzen. Die Augen öffneten sich wieder und jetzt wirkten sie viel fokussierter. Er versuchte sich zu bewegen, wurde aber durch die Gurte gestoppt, die immer noch seine Beine fesselten.

„Mach die Pfoten unten los“, sagte Cai und machte sich schon daran, die Gurte der Vorderpfoten zu lösen. Jason sollte nicht das Gefühl haben, gefesselt zu sein als Strafe. Erst einmal musste der Kater wieder fest auf die Pfoten kommen, dann konnte immer noch über eine Strafe nachgedacht werden. Im Vordergrund stand im Moment die Gesundheit der Katze – und komischerweise auch des Mannes. Doch das verwarf Cai wieder, während er nickte. „Um deine Kopfschmerzen beneide ich dich nicht, Miez.“

Jason streckte seine Pfoten und rollte sich dann zu einem Ball auf Cais Schoß zusammen. Er war wie ausgewechselt, aber das konnte daran liegen, dass der Kater noch immer nicht wieder er selbst war. Das Betäubungsmittel ließ zwar nach, aber selbst ein Werwesen, schüttelte es nicht so schnell ohne weiteres ab. Schon gar nicht die Menge, die sie in Jason gepumpt hatten, ehe er auch nur ansatzweise ruhiger geworden war. Und die Wechselwirkung mit einer derart großen Menge Serum war ihnen auch noch nicht ganz klar. Weswegen Chao auch immer noch fleißig Daten sammelte.

Cai strich nachdenklich durch das Fell, der Kater war zum Glück noch ruhig. Der Vampir versuchte ihn auch so lange ruhig zu halten, wie es nur ging. Jede Minute, die der Körper noch Ruhe hatte, arbeitete für sie.

Jason streckte sich wieder und drehte sich ein wenig, so dass er Cai besser ansehen konnte. Sein Blick war fragend, so als wenn er nicht wüsste, was passiert ist und warum er in einem Käfig im Labor lag und sich fühlte, als wenn er durch den Fleischwolf gedreht worden war.

„Schau mich nicht so an, Miez, das war deine Idee“, erklärte Cai, aber seine Stimme war weich. Er würde Jason gern Vorwürfe machen, doch nicht jetzt. Er strich weiter durch das Fell und versuchte den Kater nicht aufzuregen.

„Ist dir schlecht? Kannst du klar sehen?“, wollte Chao wissen, dessen Sorge noch nicht abgeklungen war.

Jason drehte sich so, dass er Chao ansehen konnte, dann schüttelte er den Kopf und nickte danach. Er legte sich die Pfote auf den Kopf und maunzte jämmerlich. Sein Schädel dröhnte und er hatte einen totalen Filmriss. Er wusste noch, dass er auf Cai wütend gewesen war, aber nicht mehr warum.

„Typischer Fall von Drogenmissbrauch. Trink was“, sagte Cai und hielt Jason die Schüssel hin, während Chao noch immer nicht schlauer war. Der Kater schien Schmerzen zu haben, aber war sonst wohl stabil.

Gern hätte Cai auch ein paar Fragen gestellt. Aber er hatte irgendwie das Gefühl, dass Jason dann wieder dicht machen würde. Er musste also geduldig sein. Das konnte er. Das Leben hatte ihn oft dazu gezwungen. Und die Zeit war auf seiner Seite.

Jason sah Cai fragend an, aber als der nicht erklärte, was er mit dem Drogenmissbrauch meinte, versuchte er aufzustehen, was aber nicht klappte. darum legte er sich so, dass er an die Schüssel kam. Erst trank er zögernd, aber dann überkam ihn der Durst und er schleckte die Schüssel in einem Rutsch leer.

„Hol ihm noch etwas“, sagte Cai und schob seinem Laborleiter die Schüssel hinüber. Das Fleisch in der anderen Schüssel ließ er noch zugedeckt, denn so lange Jason noch nicht wieder ganz da war, so lange würde er ihm lieber nichts zu essen geben.

„Es wird noch eine Weile dauern, bis du wieder auf die Pfoten kommst. War ganz schön heftig, was du dir da rein gejagt hast. Also bleib liegen und gönn deinem Körper noch etwas Ruhe.“ Cai lehnte sich mit dem Rücken ans Gitter.

Jason sah ihn fragend an und stupste gegen Cais Bein, weil der nicht weitersprach. Warum war er hier und warum konnte er sich an nichts erinnern? Es machte den Kater verrückt, dass er keine Ahnung hatte, was in den letzten Stunden passiert war.

Nicht sofort verstehend sah Cai auf die ihn stupsende Pfote, doch dann verstand er, was Jason wollte. Doch warum? Wusste er wirklich nicht mehr, was passiert war? Fragend blickte er zu Chao, doch der zuckte auch nur die Schultern. „Kann gut sein, dass er durch die hohe Dosis ein Black out hatte“, mutmaßte der Laborleiter und Cai nickte. So erzählte er knapp und so neutral wie ihm möglich von den drei Einheiten Serum und dem, was dann passiert war. Er vermied erst einmal die Vorgeschichte. Wenn Jason es nicht mehr wusste, umso besser.

Jason zuckte zusammen, als er hörte, dass er sich drei Portionen Serum in den Körper gejagt haben sollte. Warum hatte er das getan? Denn er war sich sicher, dass der Vampir ihn nicht anlog. Seine Augen waren weit aufgerissen und sein Puls schnellte hoch, wie die Anzeigen zeigten. Er kauerte sich zusammen und kroch langsam rückwärts, bis die Käfigecke ihn stoppte. Panisch sah er zwischen Cai und Chao hin und her. Was würde jetzt mit ihm passieren? War er jetzt immer in seiner Katzenform gefangen?

„Geht das jetzt wieder so los“, knurrte Cai, der allmählich mit seiner Geduld auch am Ende war. Der Käfig war unbequem und der Kater stand wieder – wenn auch wacklig - auf den Füßen. „Reg dich ab, dir tut keiner was“, knurrte er also und kroch langsam aus dem Käfig. Dort hatte er wohl nichts mehr zu tun. „Aber irgendwann werde ich von dir wissen wollen, warum du das getan hast.“ Er sah Jason noch einmal in die Augen.

Der sah ihn nur völlig verwirrt an. Jason verstand nicht, warum Cai ihn jetzt so wütend und enttäuscht zugleich ansah. Er wollte Cai zurufen, dass er nicht verstand, was los war, aber alles, was er von sich geben konnte, war ein leises Winseln. Er konnte nicht reden, weil er sich nicht zurückwandeln konnte.

Und so standen sie da und sahen einander an, bis Cai langsam den Kopf schüttelte. „Ich weiß nicht, warum du mich noch mehr hasst, als das Serum, aber du hast deine Wahl ganz klar getroffen, Jason. Ich werde dir also nicht mehr auf die Pelle rücken. Du hast deinen Willen.“ Er legte den Kopf schief und strich sich den langen Pony aus den Augen. Und er konnte nicht sagen, warum ihn diese Erkenntnis schmerzte. Er war nicht wütend, er war verletzt. Merkwürdig, er hatte geglaubt, dass das nicht mehr möglich war.

Jason konnte ihm nur hinterher sehen, als Cai das Labor verließ. Er wollte ihm hinterher laufen, aber seine Pfoten knickten ein, als er einen Schritt machen wollte, so dass er auf den Boden fiel. Er hatte keine Kraft, sich wieder zu erheben und er wusste, dass Cai nicht zurückkommen würde. Nie mehr. Er wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, das hatte er ja deutlich klar gemacht. Er hatte ja jetzt ein neues Spielzeug. Diesen Luan, den weißen Parder, den er unter allen Umständen hatte haben wollen. Und plötzlich war alles wieder da. Er wusste wieder, was passiert war und warum er jetzt in diesem Käfig saß.

Chao war sofort zu dem Puma geeilt, um ihm aufzuhelfen. Es hatte nicht gerade gesund ausgesehen, wie der auf die Fliesen geschlagen war. „Alles klar mit dir?“, wollte er wissen und fühlte sich gerade etwas überfordert. Er wusste, dass hier mehr in der Luft lag, als er bis jetzt mitbekommen hatte. Und irgendwie schien er jetzt hineingeraten zu sein, weil Cai es vorgezogen hatte, zu verschwinden. „Leg dich lieber noch ein bisschen hin. Ich hol dir Wasser. Dein Körper muss gerade mit einer Menge Serum klar kommen.“

Tja, hinlegen brauchte er sich ja nicht mehr. Schließlich lag er schon und das würde sich wohl erst auch nicht mehr ändern, denn er fühlte sich kraftlos wie ein Neugeborenes. Er kam ja noch nicht einmal alleine auf die Pfoten. Vielleicht war es ganz gut, dass er nicht reden konnte, so musste er niemandem etwas erklären, was er sich ja selbst nicht erklären konnte.

So half Chao dem Kater wieder auf das Lager. Die Tür ließ er offen, damit er sich nicht ganz so sehr wie ein Gefangener fühlte und stellte einen Napf mit Wasser neben das Lager. „Das wird schon wieder“, murmelte er dabei und wusste noch nicht, ob er sich oder den Kater mehr beruhigen wollte. Ihm wäre es ganz lieb, wenn Cai jetzt noch hier wäre, doch der war gerade auf dem Weg zum Strand. Er brauchte jetzt ganz schnell einen klaren Kopf, sonst fing er an etwas zu zerstören und das würde nicht schön enden.

Er fing an zu laufen, das half ihm noch am besten, wie er aus Erfahrung wusste. So konnte er seinen Kopf leeren und wieder auf den Boden kommen, wenn es in ihm brodelte. Nur klappte das heute nicht so, wie sonst. Immer wieder sah er Jason vor sich, wie er ihn mit wütenden Augen angeblitzt hatte und dann mit diesem leeren Ausdruck in den Augen, als sie zusammen auf dem Boden gelegen hatten. Irgendetwas war in diesem Kater vorgegangen von dem Cai sich keine Vorstellung machen konnte. Er hatte wirklich geglaubt, sie hätten einen Draht zu einander gefunden – und dann hinterging ihn der Kerl auf die niederträchtigste Art. Er entzog sich einfach der Konfrontation, indem er sich das Serum verabreichte. Und je mehr sich Cai diesen Umstand vor Augen führte, umso wütender wurde er. Was ein Fels zu spüren bekam, der am Weg lag.

Er war zertrümmert, praktisch pulverisiert, aber Cai beachtete ihn nicht weiter und suchte sich schon das nächste, was er zerstören konnte. Sein Versuch, sich mit Laufen zu beruhigen, war grandios gescheitert. Zum Glück gab es auf der Insel genug Felsen, die er zerschlagen konnte, ohne wirklichen Schaden anzurichten. Allerdings waren es die Felsen die ihn immer am meisten gereizt hatten. Er bremste sich, um nicht das zu zerstören, was er liebte und war nun immer noch nicht wieder geerdet. Er blickte hinaus auf das Wasser – schwimmen war auch eine Möglichkeit Energie loszuwerden. Jason hatte er damit ruhiger bekommen – Cai knurrte. Alles hier erinnerte ihn an den Puma. Was seiner Laune nicht zuträglich war. Vielleicht sollte er für ein paar Tage verschwinden. „Aber Luan.“

Schon wieder kochte die Wut in Cai hoch. Er hatte Luan vollkommen vergessen, nur weil Jason auf seinem Egotrip war und beschlossen hatte, dass er Cai nicht mehr in seiner Nähe haben wollte. Es war zum verrückt werden. Schon wieder kreisten seine Gedanken um Jason und er fragte sich, ob es ihm gut ging. Dabei sollte ihm das doch vollkommen egal sein. Jason hätte keinen deutlicheren Weg finden können, ihm klar zu machen, dass er Cai nichts mehr zu sagen hatte. Cai sollte das eigentlich als Information aufnehmen und ablegen – aber das konnte er nicht. Er grübelte und ließ sich ablenken. Und wenn er jetzt mit dieser miesen Grundstimmung bei Luan aufschlug, drehte der auch gleich wieder durch. Es war zum verrückt werden.

„Verdammter Puma!“

Er brüllte einmal laut, was die Vögel in seiner Nähe aufschreckte. Sie kreischten empört, als sie sich in die Lüfte erhoben und sich ein ruhigeres Plätzchen suchten. Das hatte gut getan und Cai atmete einmal tief durch. „Du wirst mit mir reden, das kannst du mir glauben. Egal wie lange es dauert“, knurrte er und ballte die Fäuste. Das war auch etwas, was ihn verrückt machte. Normalerweise wusste er, wie lange das Serum anhielt, aber jetzt war alles offen und niemand konnte sagen, wann sich Jason wieder wandeln konnte, wenn überhaupt. Aber irgendwann würde er sich wieder wandeln, er hatte das einfach im Gespür. Oder es war sein Wille, dass der Puma sich wandelte und ihm einiges erklärte. Egal – sie würden dieses Gespräch führen, egal wann und egal wie.

Cai fing wieder an zu laufen und lief dabei ins Wasser. Er musste unbedingt Energie loswerden. Ehe er die Insel verließ, wollte er noch einmal zu Luan und da brauchte er positive Energie.

Zwei fauchende, verstockte Katzen, war mehr als er heute noch ertragen konnte. Bei Luan hatte er nichts anderes erwartet, aber dass Jason ihm Luans Ankunft durch seine Eskapaden vermiest hatte, nahm er ihm echt übel. Wie ein Wellenbrecher pflügte Cai durch das Wasser, immer weiter von der Insel weg und auch noch ziemlich weit von der erhofften Entspannung. Und so hatte er nur ein Ziel vor Augen – schwimmen bis der Akku alle war. Und das konnte dauern.

Es wurde bereits dunkel, als er die Nase voll hatte. Er hatte diese Insel jetzt das siebte Mal umrundet und war eigentlich nur noch wütender geworden, denn er hatte unglaublich viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Er brauchte also Ablenkung – und die fand er bestimmt nicht hier.

Er schüttelte sich nur kurz, als er wieder am Strand ankam und ließ seine Schwingen erscheinen. Er hatte sich genug verausgabt und wenn er flog, kam er schneller unter die Dusche. Er musste das Salz auf der Haut loswerden. Nach der Dusche wollte er ins Büro, schließlich, war das ja sein Ziel gewesen, bevor Jason ihn angefallen hatte. Und anschließend würde er den Heli startklarmachen lassen. Er wollte zurück nach Hongkong und sich dort ins Nachtleben stürzen für ein paar Tage. Er kannte Lokale, dort war immer Nacht, wenn er das wollte. Cai grinste geringschätzig. Sollten sich die Stubentiger erst einmal wieder beruhigen, vielleicht waren sie in ein paar Tagen zugänglicher. Und er würde auch nicht noch einmal nach Jason sehen – er war am Leben, das Wissen musste reichen.

Niemand tanzte ihm auf der Nase rum und wer es versuchte, der hatte die Konsequenzen zu tragen. Cai bleckte die Fänge und knurrte. Er hatte die Zügel schleifen lassen, das passierte ihm nicht noch einmal. Das hier war seine Insel und es wurde gemacht, was er wollte. Er wusste, warum er seine Exponate nur in der Katzenform haben wollte. Jason hatte ihm einmal mehr die Probleme aufgezeigt, die es sonst mit sich brachte.

Kaum hatte er den Strand erreicht, landete Cai. Er hatte beschlossen gar nicht erst ins Büro zu gehen. Er würde den Heli herrichten lassen und duschen, sich umziehen und verschwinden. Alles andere brachte nur weiteres böses Blut. Und jemand würde heute dafür bluten – ganz bestimmt.

15

 

„Sach mal Peter, wo isch denn Luan?“, nuschelte Ranu mit vollem Mund und sah sich um. Der weiße Parder, war nicht zu sehen, was ungewöhnlich war, denn es gab Hot Dogs, Luans absolutes Lieblingsessen. Normalerweise musste man ihn irgendwie festhalten, damit die anderen eine Chance hatten, auch noch was abzubekommen. Peter sah neben sich und runzelte die Stirn. Er hatte sich mit Assai unterhalten und gar nicht mitbekommen, dass sein Schatz gar nicht neben ihm saß. „Luan“, rief er laut. Sein Kater würde ihn schon hören. „Wahrscheinlich liegt er noch unter dem Busch und döst. Nutzt die Chance und esst so viel ihr könnt.“ Peter grinste und griff sich lieber auch noch ein Würstchen, wenn er nicht zu kurz kommen wollte.

„Dösen? Wenn es doch Hot Dogs gibt?“, fragte nun Tian, der seinen Cousin einfach zu gut kannte – Luan konnte gar nicht schlafen, wenn der Geruch von Würstchen in der Luft lag.

Er legte sein Essen weg und stand auf. Irgendwie hatte er ein ungutes Gefühl, als er zu dem Busch ging und darauf klopfte. „Hier ist er nicht“, rief er den anderen zu, als sich nichts tat und er Luan auch nicht sehen konnte. „Ich such ihn mal im Haus.“

Jetzt wurden auch die übrigen etwas unruhig. Ranu blickte auf und auch Buster wurde hellhörig. Luan war sein Freund und Mentor. So griff er sich sein Handy und kontaktierte die Wachen am Tor. Doch die verneinten seine Frage, ob Luan das Gelände verlassen hätte.

„Wie auch seine Klamotten und seine Tasche liegen dort unter dem Baum, wo er es beim Wandeln fallen gelassen hat“, sagte Caleb und erhob sich.

Alle ließen ihr Essen stehen und schwärmten aus, um nach Luan zu suchen. Buster wollte seinen Freund gerade anrufen, als er sich vor die Stirn schlug. Das Handy lag bei den Klamotten am Baum, das nutzte ihm also gar nichts. „Luan, wo bist du?“, rief er darum und lief zum Poolhaus, vielleicht war der Parder dort. Vielleicht war er von einem der Bäume geplumpst und hatte sich verletzt, oder er trieb im Pool! Buster wurde bald wahnsinnig, genauso wie Peter, der sich gewandelt hatte und nun versuchte die Fährte seines Partners zu finden. Er lief durch den ganzen Garten, doch er endete immer wieder an diesem Busch. Dort brach die Spur ab. Oder halt. Sie brach nicht ab – sie veränderte sich … irgendwie. Nachdenklich stand der Wolf mit der Nase am Boden und versuchte zu begreifen.

Irgendetwas stimmte hier nicht. Er wandelte sich und sah sich um. „Aset, Assai, könnt ihr mal kommen. Hier ist was komisch.“ Seine Nase als Wolf war ausgezeichnet, aber die Vampirnasen waren noch besser. Vielleicht konnten die beiden mehr erkennen, als er selber. „Ich kann Luan hier riechen, aber da ist etwas anders an seinem Geruch. Könnt ihr das mal prüfen?“

„Was?“ Buster war auch gleich aufgeschreckt, doch Caleb hielt ihn zurück. „Lass die beiden erst mal die Lage sondieren. Nicht dass wir mit unserem Geruch noch etwas Wichtiges überdecken“, sagte er zu seinem Sohn, der über die Bremse gar nicht erfreut war. Doch er nickte und verstand. Aber seine Sorge stieg.

Augenblicklich standen die beiden Vampire neben dem Wolf. Mit geschlossenen Augen machten sie sich ein Bild von der Lage. Luans Spur endete hier und dann mischte sich etwas. „Nicht menschlich“, sagte Assai verwirrt und Aset nickte. „Und irgendetwas Chemisches.“

„Was meinst du mit nicht menschlich?“, fragte Tian Assai, nicht verstehend. „Ein Tier? Wie soll das gehen? Hier leben doch keine Tiere?“ Tian schnüffelte ebenfalls, aber außer Luan konnte er nichts riechen. „Werwesen“, sagte Aset und alle Köpfen schossen zu ihm rum. „Es gibt hier eindeutig drei Gerüche. Luan, ein anderes Werwesen und etwas Chemisches.“

„Und ich gehe davon aus, dass es keiner von uns war, den ihr riecht. Also wie kommt der Geruch eines fremden Werwesens auf die Spur von Luan?“ Tian stand da und starrte auf den Busch, als könnte er dort etwas sehen.

Aset hatte schon Kontakt zur Torwache aufgenommen, doch er bekam die gleiche Antwort wie Buster auch – keine Vorkommnisse und keine unbekannten Besucher.

„Da war nur dieser Fehlalarm, vor ungefähr einer Stunde. Aber das haben wir überprüft“, sagte der Wachmann und Aset runzelte die Stirn. Er war selber zur Mauer gegangen, hatte aber nichts sehen können. Er sah zur Mauer und lief zu dem Abschnitt, wo es den Alarm gegeben hatte. Er schnupperte und schritt die Mauer ab. „Assai“, rief er an einer Stelle. „Hier riecht es genauso.“ Der Vampir kam näher und nickte. „Stimmt. Hier ist also jemand zusammen mit Luan über die Mauer“, murmelte er leise und Tian, der ihm gefolgt war, sah ihn fassungslos an.

„Der Fehlalarm“, entgegnete Aset nickend.

„Wie soll Luan zusammen mit jemandem…“

„Er war betäubt, deswegen roch es da vorn so chemisch“, sagte Assai nachdenklich.

„Selbst wenn das alles stimmt“, sagte Tian und seine Stimme klang hysterisch, „Hätten wir nicht gesehen, wenn jemand Luan betäubt und ihn weg schleppt?“

„Nicht unbedingt.“ Assai zog seinen Liebling an sich und küsste ihn sanft. „Es gibt mehr als eine Werwesenrasse, die ihre Anwesenheit vor anderen verbergen können, genauso wie Vampire, die ein gewisses Alter erreicht haben.“

„Du meinst ein, Vampir hat sich Luan geholt?“ Tian war fassungslos. Er starrte auf den Busch, auf die Mauer.

„Es muss kein Vampir gewesen sein, es gibt auch Werwesen“, erinnerte ihn Assai und Peter, der die Arme fest um sich geschlossen hatte, sah zu ihnen rüber. „Wer sollte Luan entführen und warum?“ Er hatte es noch nicht begriffen, das spürte er.

„Das wissen wir leider nicht, Peter. Noch nicht.“ Aset biss die Zähne vor Zorn so fest zusammen, dass sie knirschten. Jemand war in sein Haus eingebrochen und hatte ein Familienmitglied entführt. Das würde derjenige bereuen. Niemand legte sich mit Aset Khonshu an und überlebte.

„Hatte er Ärger mit jemandem?“, fragte Assai und sah sich um. Peter schüttelte den Kopf, genauso wie Tian und Buster, der ebenfalls näher gekommen war. „Jeder mag Luan. Er hat sich mit niemandem angelegt und er…“

„Vielleicht gehen wir in die falsche Richtung. Vielleicht wollte ihn nicht jemand, der ihn nicht leiden kann, sondern jemand der ihn nicht teilen will?“ Dabei sah er zu Peter, dem diese Frage auf den Magen zu schlagen schien.

„Luan geht nicht fremd. Er liebt Peter über alles.“ Es war Buster, der sichtlich empört und mit blitzenden Augen zu Assai sah. Was der da gerade angedeutet hatte, konnte er nicht auf seinem Freund sitzen lassen, auch wenn er wusste dass der Vampir das nicht so gemeint hatte. „Noch vor kurzem hat er mir gesagt, dass er sich ein Leben ohne Peter nicht mehr vorstellen kann und er noch nie in seinem Leben so glücklich war.“

Assai lächelte sanft und zog den betrübten Peter zu sich. „So war das nicht gemeint. Luan ist ein hübscher Mann und er hat schon einige Herzen gebrochen. Was wenn jemand damit nicht…“

„Oh nein!“ Tian wurde blass und starrte Assai an. „Nein. Das ist doch schon lange her – ich dachte, er hätte …nein!“

„Was meinst du, Tian? Weißt du etwas, was uns weiterhelfen könnte?“ Alle sahen zu dem Kater, der ziemlich fertig aussah und leise etwas vor sich hin murmelte, dass das nicht sein konnte. „Was meinst du, Schatz? Egal wie abwegig es auch sein mag.“ Assai zog seinen Liebling zu sich und küsste ihn sanft auf die Stirn.

„Luan ist eine besondere Katze, das weißt du ja auch. Vor vielen Jahren ist er mal in Hongkong an einen Typen geraten, der ihn eingesperrt hat. Er forscht an einem Serum, dass die Menschwerdung der Werwesen unterdrückt und wollte das an Luan ... aber er konnte … und da… deswegen, da dachte ich … und …“ Tian war wie von Sinnen. So wie seine Gedanken kreisten sprach er sie aus.

„Ja, Luan hat mir das auch einmal davon erzählt. Ein Typ mit dem er zusammen war, wollte ihm etwas verabreichen, das verhindern sollte, dass er sich wandeln kann. Luan hat sich dann schleunigst abgesetzt. Allerdings hat er nie einen Namen erwähnt.“ Buster runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern, was Luan ihm erzählt hatte, aber mehr fiel ihm nicht ein.

„Glaubt ihr, der Mann wäre in der Lage, ihn über die Kontinente und alle Zeiten hinweg zu suchen und zu holen?“, fragte Peter und hatte sich das Shirt von Luan herangezogen und die Hose, die unter dem Baum gelegen hatte. „Er hat auch mir gegenüber mal von diesem Mann gesprochen, weil er wollte, dass ich es weiß. Wir sollten keine Geheimnisse haben – aber mehr als, dass er aus Hongkong stamme und viel Geld hätte, wusste ich auch nicht.“ Er strich sich durch die Haare. „Ich kenn nicht mal seine Rasse.“

„Ich auch nicht.“ Buster knurrte und fluchte leise. Warum hatte er nicht weiter nachgefragt, als Luan ihm davon erzählt hatte? „So ein Mist“, fluchte er. „Wenn es wirklich dieser Typ war, der sich Luan geholt hat, dann haben wir nichts, um ihn zu finden.“

„Wenn er es war, kann er sich unsichtbar machen – entweder ist er ein alter Vampir oder ein Naga oder sonst eine mächtige Rasse.“ Aset schmeckte das gar nicht und er sah zu Caleb, der gerade Rina und Ranu im Arm hielt. Jemand war in sein Reich eingedrungen, ohne dass sie etwas bemerkt hatten und hatte eines der wenigen Dinge an sich gebracht, die ihm etwas bedeuteten – seine Familie. Das war eine Kriegserklärung und er würde den Gegner suchen und töten.

Er knurrte und sah zu Peter. „Wir finden ihn und holen ihn zurück. Niemand entführt ein Mitglied meiner Familie und kommt damit davon.“ Alle fröstelten, denn Aset war furchterregend in seiner Wut. Eiskalt und absolut tödlich. Etwas, was seine Familie noch nie mitbekommen hatte, weil er sich der Kinder wegen immer zusammen gerissen hatte. Sie sollten keine Angst vor ihm haben. Und so schob Caleb die beiden auch umgehend in den Wintergarten. „Diskutiert jetzt bitte nicht mit mir“, sagte Caleb leise, als Rina sich beschweren wollte. Doch sie spürte, dass es jetzt nicht die Zeit war, sich rebellierend gegen die Obrigkeit zu stellen, also schwieg sie und ließ sich schieben, während Ranu noch einmal zurück blickte. Er hatte seinen Vater noch nie so gesehen – so wütend, so hasserfüllt, so tödlich. Er fröstelte.

„Krass“, murmelte er und konnte sich gar nicht davon lösen, bis ein kräftiger Klaps gegen den Hinterkopf ihn zusammenzucken ließ. „Aua“, maulte er und rieb sich die schmerzende Stelle. „Kennst du ihn so?“, fragte er Caleb neugierig, verkniff es sich aber noch einmal zurück zu sehen.

„Ja“, sagte der Leopard nur knapp und gerade weil er Aset auch so kannte, wusste er, dass der Vampirfürst bereit war, in den Krieg zu ziehen – koste es, was es wolle. „Ist schon etwas her und ich hatte gehofft, das nie wieder erleben zu müssen.“ Er schob die Kinder tiefer ins Haus. Er musste auf sie einwirken, denn ab jetzt waren sie alle in Gefahr.

Er platzierte seine Kinder auf dem Sofa und baute sich vor ihnen auf. „Ab sofort gelten neue Regeln. Keiner von euch geht alleine irgendwo hin und ich werde ganz bestimmt nicht darüber diskutieren“, schob er gleich hinterher, als Rina und Ranu gleichzeitig empört Luft holten und etwas sagen wollten. „Wir werden nicht riskieren, dass einem von euch etwas passiert. Die Sicherheitsmaßnahmen werden verstärkt.“

„Aber Dad“, sagte Rina. Sie spürte, dass auch ihr Katzen-Vater sich verändert hatte. Das Tier in ihm ließ seine Instinkte sprechen und allmählich begriff sie, dass hier mehr passiert war, als sie im Augenblick begreifen konnte. „Und Bill? Kann ich ihn sehen?“

Caleb dachte kurz nach. Dann schüttelte er den Kopf, erstickte ihren Protest aber noch im Keim. „Das gleiche gilt auch für Sina. Jemand ist hinter unserer Familie her. Ich will nicht, dass sich das auch auf eure Freunde überträgt. Ihr macht uns angreifbar, wenn ihr wehrlose Katzen und Vampire mit eurer Anwesenheit in Gefahr bringt. Ihr könnt telefonieren so viel ihr wollt, chatten, alles. Erklärt ihnen, was los ist. Aber sehen werdet ihr sie erst wieder, wenn wir wissen, was passiert ist und wer das war.“

Beide Kinder sahen ihn mit großen Augen an und Angst schlich sich in ihren Blick. „Wie lange wird das dauern?“, fragte Rina und Ranu nickte. „Kann ich euch nicht sagen. So lange es notwendig sein wird.“ Caleb hatte immer gehofft, dass es nie zu so einer Situation kam, aber zum Glück hatten Aset und er schon vor Jahren Pläne ausgearbeitet, um ihre Familie zu schützen.

„Was hast du jetzt vor“, wollte Assai wissen, der immer noch neben Aset vor dem Busch stand und Tian fest an sich drückte, während er mit dem anderen Arm Peter fest hielt, der immer noch verstört auf die Mauer starrte. Gerade so als müsste er erst noch realisieren, was passiert war.

„Ich werde meine Leute auf diesen Typ ansetzen, der dieses Serum herstellt. Auch wenn er es im Geheimen tut, wird es Spuren geben und die werde ich verfolgen und wenn ich eine Spur habe, werde ich sie verfolgen und diesen Mistkerl aufspüren und zur Strecke bringen.“ Aset ballte die Hände zu Fäusten. „Er wird nie wieder die Gelegenheit bekommen jemanden zu entführen.“

Assai nickte. Doch er wusste, dass das dauern würde.

„Wenn er dieses Serum hat, wird er sich doch nicht damit zufrieden geben nur Luan an sich zu bringen. Ein solches Serum zu entwickeln kostet Zeit und Geld. Das macht man nicht nur für eine Katze.“ Tian verzog das Gesicht, allein bei dem Gedanken daran, was Luan passiert sein könnte. Er weigerte sich noch immer das zu glauben. Doch er musste mit allem rechnen – das hatte ihn das Leben gelehrt.

Es konnte ja auch sein, dass sie einer völlig falschen Fährte nachgingen, aber es war die einzige, die sie im Moment hatten. „Ich werde meine Fühler ausstrecken. Bei meinen Angestellten gibt es auch einige sehr exotische und seltene Katzen. Vielleicht hat einer von ihnen ja schon einmal mit ihm Kontakt.“ Tian wollte auch noch seine Mitarbeiterlisten durchgehen, ob es da einen Anhaltspunkt gab. Es kam immer wieder vor, dass jemand nicht mehr zur Arbeit erschien.

„Zwei aus meinem Clan sind ein bisschen auf die schiefe Bahn gekommen. Sie haben ihre Vorliebe für Polizei- und Behördendatenbanken entdeckt und treiben sich gern dort herum. Mal sehen, ob man sie motivieren kann nach Fällen von vermissten, ausgefallenen Katzen Ausschau zu halten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass niemand sie vermisst, wenn er sie sammelt.“ Assai fühlte sich in seiner Ehre als Katzenliebhaber gekränkt. So wie der Mistkerl das tat, machte man das nicht! So band man diese edlen Wesen nicht an sich – so nicht!

„Gut, dann ist die Marschrichtung erst einmal klar.“ Aset drückte kurz Assais und Tians Schulter. Wenn er kompetente Verbündete für seinen Feldzug brauchte, dann hatte er sie in seinen beiden Freunden gefunden. Zu dritt mussten sie einfach etwas herausfinden. Peter stand immer noch wie erstarrt, darum zog Aset ihn in eine Umarmung. „Wir finden ihn, das verspreche ich dir. Egal, wie lange es auch dauern sollte, ich werde erst aufgeben, wenn ich ihn gefunden habe und er zu uns zurückgekommen ist.“

„Danke“, murmelte der Wolf und ließ sich zum Haus führen. Hinter ihnen liefen Assai und Tian, beide schon ein Telefon am Ohr. Sie würden regeln, was sie von hier aus noch regeln konnten. Doch es stand für sie fest, dass sie nach Hongkong reisen würden. „Wir werden Kriegsrat halten und die Aufgaben verteilen. Keiner von uns geht mehr allein. Keiner!“ Aset spielte im Kopf bereits ein paar Szenarien durch.

„Peter, du holst dir Dinge, die du benötigst, aus eurem Haus, leitest alle Gespräch hierher um und ziehst hier ein.“ Er sah zu Assai und Tian, die ebenfalls nickten. „Die Kommandozentrale werden wir hier einrichten.“ Seine Geschäfte liefen eine Weile auch ohne ihn. Wozu hatte er Assistenten und Geschäftsführer? Sie konnten ihn vertreten. „Buster, du und Rick solltet auch hier einziehen. Ich weiß, dass es Rick nicht gefallen wird, aber es würde Caleb und mir helfen, wenn wir euch in Sicherheit wissen.“

Der Bengale nickte und griff sich als erstes sein Telefon. Er musste mit Rick reden und ihm erklären, was passiert war. „Ich teleportiere dich rüber, wenn du willst“, bot Assai an. Das war der sicherste Weg und Buster nickte dankend. Doch er musste erst einmal in Erfahrung bringen, wo Rick gerade war.

„Und jetzt?“ Rina kam in die Küche, wo die Männer sich um den Tisch gesetzt hatten. „Kriegen wir Luan wieder?“ Ihre Augen waren groß.

„Ja, Mäuschen, das werden wir.“ Aset zog Rina in einen Umarmung und küsste sie auf die Schläfe. Es tat ihm in der Seele weh, sie so unsicher und ängstlich zu sehen. „Wir werden alles tun, um ihn wieder zu bekommen.“ Er sah sich nach Caleb um, denn er brauchte seinen Mann jetzt bei sich. Er musste sich vergewissern, dass es ihm gut ging. Er hatte immer gedacht, dass etwas wie dieses niemals geschehen könnte – doch er wurde schmerzlich eines besseren belehrt. Und dabei war es egal, ob sich der Fremde eines seiner Kinder oder einen Freund gegriffen hatte. Luan war nicht weniger wert und deswegen hatte sein Entschluss so schnell fest gestanden.

Caleb kam mit Ranu ebenfalls in die Küche, der junge Kater suchte sich noch etwas im Kühlschrank, auch wenn er gar keinen Hunger hatte. Er musste sich jetzt ablenken.

Aset brachte Caleb auf den neuesten Stand und machte sich dabei daran, Eisbecher für alle herzurichten. Er machte kleine Kunstwerke, mit jeder Menge Dingen, die seine Familie liebte. Es dauerte auch nicht lange und alle Becher hatten einen Abnehmer gefunden. Sogar Caleb hatte sich einen genommen, was zeigte, dass der Leopard ziemlich durch den Wind war. Aset ging zu ihm und zog ihn an sich. „Ich werde meine Geschäfte an meinen Assistenten übergeben und mich ganz auf Luan konzentrieren.“

„Du hast gesagt, dass nur alte Vampire sich verbergen können oder Nagas. Was die Nagas dir antun können, weißt du und Assai hat dich auch schon in den Dreck gestampft. Also sei vorsichtig“, knurrte der Leopard. Ihm war klar, dass sich ihre Wege für die nächste Zeit trennen würden. Er würde bei den Kindern bleiben und das Haus bewachen, während Aset anfangen würde, die Vampirwelt zum Beben zu bringen. Wenn er es richtig anstellte, dann konnte er eine Menge Speichellecker für sich einspannen, die ihre Chance suchten in der Hierarchie aufzusteigen.

„Ich werde vorsichtig sein, Schatz.“ Aset sagte nichts weiter dazu, denn Caleb hatte Recht. Gegen die Kräfte der Nagas konnte er nichts ausrichten, das wusste er, aber er hatte die letzten Jahre an seiner Kraft gearbeitet, genauso wie sein Mann. Ein anderer Vampir würde es schwer haben, gegen ihn im Kampf zu bestehen.

„Was machen wir mit Rina und Ranu?“, sagte Tian und sah die beiden an. „In der Schule sind sie am verletzlichsten und es wird nicht die ganze Zeit jemand in ihrer Nähe sein können.“ Die beiden jungen Leoparden sahen ihn aus geschlitzten Augen an, doch das war dem Nebelparder egal. Mit Luans Verschwinden waren neue Maßstäbe gesetzt worden – sie hatten andere Sorgen als saure Jungleoparden.

„Die Kinder bleiben hier. Sie werden erst einmal bis auf weiteres Zuhause unterrichtet. Ich mache mich gleich auf die Suche nach einem Lehrer.“ Aset hob die Hände, als seine Kinder schon wieder Luft holten, um zu protestieren. „Keine Diskussion und das meine ich ernst. Ihr seid meine Kinder und ich liebe euch, darum werde ich nichts riskieren. Mag sein, dass wir zu heftig reagieren, aber da müsst ihr jetzt durch.“

Man sah den beiden deutlich an, dass sie eigentlich gern aufbegehren wollten. Doch sie waren reif genug, zu verstehen, was vor ging, wer sie waren und was das bedeutete. Das hatte Aset also gemeint, wenn er in stillen Stunden geflüstert hatte, ihr werdet mich noch dafür hassen, dass ich bin, wer ich bin. Auch wenn Rina es nicht gefiel, sie nickte. „Ich rufe Bill an, damit er Bescheid weiß und nicht denkt, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben will.“

„Mach das, Kätzchen“, sagte Caleb und strich ihr durch die Haare.

„Und wir setzen alles daran, dass wir Luan wiederbekommen und die Gefahr gebannt ist. Dann kannst du ihn wieder sehen“, sagte Aset und lächelte.

„Ich bin dann auch weg. Sina alles erklären.“ Ranu griff sich noch eine Flasche Wasser und folgte seiner Schwester. Aset und Caleb sahen sich an. Sie waren stolz auf ihre Kinder, die sich in dieser schwierigen Situation ziemlich erwachsen verhalten hatten. „Ich schütze sie, so gut ich kann“, versprach Aset Caleb flüsternd. „Genauso wie dich und die anderen.“

„Das weiß ich, mein Herz“, entgegnete der Leopard und strich seinem Gatten durch die Haare. Doch er reduzierte die Berührungen auf ein Minimum, so lange Peter so allein am Tisch saß und niemanden hatte, der ihm durch die Haare strich, so lange sie nicht wussten, wo Luan war.

„Ich lasse alles für meine Reise nach Hongkong herrichten, ich werde heute Nacht fliegen“, erklärte Aset. Assai und Tian nickten. „Wir werden dich begleiten. Unterwegs tragen wir zusammen, was wir bis dahin in Erfahrung haben bringen können. Caleb, du holst deine Schwester und ihre Familie ins Haus. Macht die Festung sicher. Keiner geht allein – keiner.“ Tian sprach eindringlich, er wirkte, als hätte man bei ihm einen Schalter umgelegt.

Assai sah seinen Kater an und war unwahrscheinlich stolz auf ihn. Tian war ganz Herr der Situation. Er musste sich praktisch von ihm losreißen, um ihn nicht an sich zu ziehen und zu küssen. Er drehte sich zu Buster. „Wo soll ich dich hinbringen? Hast du Rick erreicht?“ 

„Rick ist auf dem Weg ins Penthouse. Am besten schaffst du mich gleich dort hin. Ich packe zusammen und warte auf Rick. Wir kommen dann zusammen zurück.“ Er war erstaunt gewesen, dass Rick so schnell zugestimmt hatte, ins Anwesen zu ziehen, doch auch er schien gespürt zu haben, dass Buster Angst hatte. Er hatte es aus seiner Stimme nicht ganz tilgen können. Auch Rick war schockiert gewesen, was passiert war. Denn Luan war nicht nur ein enger Freund, er war auch Mitglied seiner Band.

„Okay, dann los.“ Assai zog Buster zu sich und beide lösten sich Sekunden später in Luft auf. Tian wirkte zufrieden, dass die ganze Aktion anzulaufen begann. Er selber würde sich um seine Angelegenheiten kümmern, wenn Assai wieder da war. Caleb würde sich gleich, wenn Aset und die anderen weg waren, um die Verstärkung der Sicherheitseinrichtungen des Anwesens kümmern. Niemand sollte auf das Gelände kommen, ob unsichtbar oder nicht. Jedes noch so kleine Vorkommnis würde umgehend gemeldet werden und am Tor würde der Kater endlich die Waage aktivieren, die Aset vor Jahren beim Umbau hatte in die Fahrbahn integrieren lassen. Er hatte die Spielerei lustig gefunden, doch jetzt würde sie zeigen, ob durch das Tor wirklich nur eine Person kam oder zwei. Caleb war im Geiste schon dabei, die Sicherheitsanlagen freizuschalten, mit denen sie bisher immer nur die Kinder geärgert hatten. Er hätte nicht gedacht dass einmal der Tag kam, an dem er sich in seinem eigenen Haus nicht mehr sicher fühlte.

Das Haus, in das er nach seiner Hochzeit nicht hatte einziehen wollen und das nun sein Zuhause war, weil hier die Menschen lebten, die er liebte und für die er sein Leben geben würde, ohne zu zögern. Er wollte sich wieder sicher fühlen und wenn dazu all die Dinge nötig waren, von denen sie gehofft hatten, sie niemals nutzen zu müssen, dann musste das eben sein. Die Sicherheit seiner Familie war ihm das auf jeden Fall wert. Dazu gehörten auch kleine Sender, damit die Bewegungsmelder und vor allem die Gewichtssensoren keinen Alarm auslösten, wenn jemand vom Personal oder der Familie durch das Haus oder den Garten ging.

„Hier wird sich einiges ändern in den nächsten Stunden“, murmelte Caleb, doch er wollte sich nicht beschweren. Vielleicht wäre das nicht passiert, hätten sie sich vorher abgesichert. Doch es nutzte nichts über verschüttete Milch zu weinen.

„Peter, bist du soweit?“ Aset sah den Wolf an, der nickte. „Schaff mich rüber, ich sammle was zusammen. Wenn ich fertig bin, melde ich mich.“ Nein, der Mann klang im Moment gar nicht wie Peter – kein bisschen. Caleb biss die Zähne zusammen.

Er wartete, bis Aset und Peter weg waren, dann griff er sich Tian. „So, wir werden das Haus jetzt in eine Festung verwandeln“, knurrte er. Es gab einiges zu tun und je eher sie anfingen, umso schneller waren sie fertig. Als erstes riefen sie das Personal zusammen und informierten sie darüber, dass ein paar Neuerungen eingeführt werden mussten. Sie klärten die Dienerschaft auch über das Verschwinden von Luan auf, denn er hielt nichts davon, die Angestellten im Dunkeln zu lassen. Anschließend verteilte er die Sender und personalisierte sie mit den Daten der Bediensteten, genauso wie die für die Familie, soweit möglich.

Dann ging es daran, die Lichtschranken, Sensoren und Kameras zu aktiveren und die Kommandozentrale in Asets Büro einzurichten.

Sie waren voll konzentriert, als Aset, Peter und Assai wieder zurück kamen. Sie bekamen ihre Sender und wurden im System gespeichert. Mehr konnten sie fürs erste nicht tun. Aber zumindest hatten sie jetzt das Gefühl, etwas mehr Sicherheit zu haben. Caleb wollte sich um Peter kümmern, aber der Wolf schüttelte den Kopf und lächelte schmal. „Kümmer dich um deine Familie, Caleb, ich komme schon allein zurecht.“

„Falsche Antwort“, murmelte Tian und grinste schief, denn es kam wie es bei Glucke Caleb kommen musste. Der erklärte Peter erst einmal, dass der Wolf – auch wenn er keine Katze war – sehr wohl Familie war und deswegen sich auch um ihn gekümmert wurde. Er sollte also nicht auf die Idee kommen, zu widersprechen. Peter hob eine Braue, grinste aber schief.

„Caleb, ich danke dir, dass du bei mir bleiben willst, aber das solltest du nicht. Ich werde nicht weggehen, aber Aset schon. Um mich kannst du dich kümmern, wenn er weg ist, aber jetzt verbring die Zeit, bis er fliegt, bei ihm.“ Peter konnte nicht verbergen, dass er traurig war, dass sein Liebling nicht bei ihm sein konnte, aber er wollte nicht, dass Caleb sich um ihn Sorgen machte.

„Nun gut, wie du meinst“, erklärte der Kater und verstand, dass er sich nicht aufdrängen durfte. Peter musste mit einem Verlust fertig werden, das war nicht so leicht. Also ließ er den Wolf allein, nachdem er ihm ein Gästezimmer gezeigt hatte, in das er ziehen konnte. Die Räume für Cate und ihre Familie waren ebenfalls gerichtet, genauso wie die Räume für Buster und Rick. Das Haus wurde voll, doch der Anlass war einer der schlimmsten.

„Ich koch eine große Kanne Kaffee“, sagte er und griff sich Aset, den er hinter sich her zog. Peters Worte hatten ihm klar gemacht, dass Aset in ein paar Stunden weg sein würde und dass das, was er vorhatte sehr gefährlich war. Aset zog ihn in der Küche an sich und küsste ihn. Er kannte seinen Mann gut genug, um in seinem Gesicht lesen zu können. „Ich werde vorsichtig sein und ich werde zurück kommen mit Luan“, versprach er feierlich und hielt Caleb fest.

„Ich nehme dich beim Wort und wehe du belügst mich“, knurrte der Kater und blickte ziellos durch die Küche. „Solltest du sterben, werde ich kommen und dich nachträglich noch dafür verfluchen, dass du mich belogen hast – glaube mir, du willst nicht, dass ich dich verfluche!“ Dann blickte er Aset an und holte tief Luft. „Passt auf euch auf – ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.“

„Das werde ich, mein Herz. Ich liebe dich viel zu sehr, um dich alleine zu lassen.“ Aset nahm Calebs Gesicht in seine Hände und sah ihm in die Augen. „Mir geht es genau so. Ich mache mir Sorgen, weil nicht nur Luan eine seltene und außergewöhnliche Katze in unserer Familie ist. Buster ist ein Catboy, Rick ein kleiner Tiger, Rina und Ranu sind ebenfalls einmalig. Auch du bist einmalig. Der stärkste und schönste Leopard auf der Welt. Wenn dieser Kerl wirklich ein Sammler ist, dann kann ich nur hoffen, dass er nicht auch noch euch im Visier hat.“

Caleb nickte. Aset hatte Recht. „Du meinst, wenn er erst einmal spitz bekommen hat, dass es hier reichlich Beute für einen privaten Zoo gibt, dann lässt er diese Quelle nicht ungenutzt versiegen.“ Nachdenklich strich sich der Kater durch die Haare. Was wenn der Kerl schon viel öfter bei ihnen gewesen war, ohne dass sie es bemerkt hatten? Was wenn er sie seit Wochen oder gar Monaten beobachtete, wenn er mehr wusste, als gut für ihn war? Caleb wurde übel bei dem Gedanken und Gänsehaut stieg ihm die Arme hoch.

Aset küsste ihn sanft und versuchte zuversichtlich zu sein. Er hatte Caleb nicht noch mehr Angst machen wollen. „Schatz, wir haben alles getan, was möglich ist. Wir müssen darauf vertrauen, dass ihn das abschreckt. Wir werden uns den Kerl greifen, wenn wir wissen, wer er ist und dann wird er dafür bezahlen.“

Der Kater nickte nur und lehnte sich noch einmal gegen seinen Gatten, ehe er sich endlich daran machte, Kaffee für alle zu kochen. Keine Minute später kam Ranu in die Küche geschlurft. Sein Gespräch mit Sina war beendet. Sie hatte Verständnis, vermisste ihn – doch das machte es für den jungen Kater auch nicht besser. Es war noch keine Stunde und er fühlte sich schon wie ein Gefangener, er befürchtete, dass er spätestens morgen Lagerkoller bekam.

„Alles klar?“, fragte Aset, der das Gesicht seines Jüngsten kannte. Aber der winkte nur ab und brummte etwas, schon wieder den Kopf im Kühlschrank. Essen lenkte ziemlich gut ab. Aset ließ ihn darum in Ruhe und zog Caleb wieder an sich und sah ihn aus glühenden Augen an. „Ich wollte so gegen vier los, aber vorher werden wir für mindestens zwei Stunden unsere Schlafzimmertür hinter uns schließen.“ 

„Ja, das werden wir.“ Caleb grinste und schüttelte kurz den Kopf. Es würde eine kurze Nacht werden für sie beide, doch bis dahin mussten sie noch ein paar Dinge klären. Während die Kaffeemaschine blubberte und fauchte, suchte Caleb die Tassen. Eine nach der anderen ließ er sich füllen und brüllte durch das Haus, dass Kaffee eingesammelt werden könnte.

„Ich könnte einen gebrauchen“, hörte er plötzlich Cate hinter sich, die Kayla an sich drückte, während Nicolas unter den Barhockern am Tresen herum turnte.

Caleb wirbelte zu ihr herum und Erleichterung zeigte sich auf seinem Gesicht. „Cate“, begrüßte er seine Schwester, „ist Ryan auch da?“ Erst wenn die komplette Familie seiner Schwester bei ihnen war, war er einigermaßen beruhigt. „Ja, er ist bei Assai.“ Cate nahm ihre Tasse entgegen und ließ sich drücken. Sie fragte nicht, ob sie schon etwas Neues über Luan wussten. Sie konnte es an den Gesichtern sehen, dass es nicht so war. Und die Nervosität der Katzen übertrug sich auch auf die Jungen. Nicolas turnte weiter und Kayla ließ sich zu ihrem großen Bruder Ranu geben, der die Kleine an sich drückte und sie beschmuste. „Willkommen im Lager“, murmelte er leise und grinste schief, ehe er sich von seiner Mutter in die Arme schließen ließ.

„Wie geht’s Peter?“, wollte sie von Caleb wissen, ihren Jungen immer noch im Arm.

„Nicht besonders, aber er versucht es nicht zu zeigen.“ Caleb zuckte mit den Schultern, denn helfen konnte dem Wolf keiner. Erst wenn Luan wieder da war, war dieser Albtraum zu Ende. Cate nickte. Das hatte sie sich gedacht und es war klar, dass sie sich um ihn kümmern würde, solange sie hier zusammen waren.

„Habt ihr noch Hunger? Karl hat die Überreste vom Abendessen rüber in die große Küche gebracht. Ich kann dir Würstchen warm machen, wenn du willst oder er macht dir was anderes.“ Doch Cate lehnte ab. Sie hatten bereits gegessen und sie würde nun versuchen die aufgekratzten Kätzchen ins Bett zu bringen. Schließlich sollten sie eigentlich schon schlafen.

„Richte dich am besten erst einmal ein … Buster, Rick, da seid ihr ja“, sagte Caleb erleichtert, als auch ihr Ältester mit seinem Partner wieder wohlbehalten im Haus war. Jetzt waren alle hier, jetzt konnte er versuchen, etwas runter zu schalten.

Aber erst bekamen beide ihre Sender und wurden zum Essen geschickt, genauso wie Ranu, der schon wieder ruhelos durch die Gegend tigerte, dann holte er tief Luft und sah zu Aset, der gerade mit Assai besprach, wo sie anfangen sollten, wenn sie in Hongkong waren. Er fühlte sich so hilflos und dieses Gefühl, gefiel ihm überhaupt nicht.

„Steh da nicht so herum, fang lieber das Raubtier“, sagte Cathleen, als Nicolas gerade aus der Küche türmte und die Richtung des Wintergarten anstrebte. Neuerdings konnte er klettern und tat das bei jeder Gelegenheit. Wenn sie nicht aufpassten, dann konnten sie den kleinen Kater gleich von einer der Palmen ernten, weil er zwar wusste, wie er hoch kam, aber dann nicht wieder runter – das gleiche Problem, das jede junge Katze hatte. Nicolas war da keine Ausnahme.

Caleb zuckte und blickte sich kurz um, ehe er einen Schluck Kaffee nahm und loslief.

„Hier geblieben, du Räuber“, lachte Caleb und hob seinen Neffen hoch, der das gar nicht schätzte. Aber lange hatte er das kleine protestierende Kerlchen nicht auf dem Arm, denn Aset nahm ihm Nicolas ab und knuddelte ihn kräftig. Er liebte die Kleinen genauso wie seine Kinder und es fiel ihm schwer, sie alleine zu lassen. Er wusste nicht, wie lange er weg bleiben würde und dann verpasste er viel von ihrer Entwicklung. Mehr noch machte es ihm Sorge, dass er sie allein zurück ließ. Caleb war kräftig, doch er war nicht unverwundbar. Und die Sicherheitsanlage war gut – aber was wenn sie ausfiel? Zwar war die Anlage doppelt abgesichert, jeder Sensor redundant und sie hatte eine eigene Stromversorgung. Doch passieren konnte immer etwas.

„Start ist bestätigt“, erklärte Assai, der schnell zwei Tassen Kaffee griff. „Wir haben Sondererlaubnis kurz nach vier.“ Dann war er wieder weg.

Aset zog Caleb an sich. „Ich hole Kayla auch noch und dann spielen wir mit ihnen, okay? Vielleicht kriegen wir sie ja müde, damit sie schlafen können.“ Er gab Nicolas an Caleb weiter und holte die kleine Leopardin, damit sie zusammen spielen konnten. Er liebte es, mit den Kleinen zu raufen und sie danach, wenn sie erschöpft waren, beim Schlafen zu beobachten. Doch heute würde er die Zeit dafür nicht haben, auch wenn das bedauernswert war. Er musste Prioritäten setzen.

So verging die Zeit rasend schnell und kaum dass Aset es wirklich realisiert hatte, mussten sie auch schon aufbrechen. Zwar konnten sie sich die ermüdende Fahrt zum Flughafen ersparen und sich teleportieren, aber trotzdem sollten sie sich allmählich aufmachen.

Die einzigen, die im Haus schliefen, waren Kayla und Nicolas, der Rest saß in der Küche. Die Stimmung war gedrückt.

Aset zog alle noch einmal in eine Umarmung, so wie Assai und Tian es auch machten. Dann aber zog er Caleb aus der Küche, um sich ungestört von seinem Mann zu verabschieden. Sein Kuss war nicht sanft, sondern wild und ungezügelt. Er wollte Caleb zeigen, wie sehr er ihn liebte und begehrte und dass er nicht gehen wollte, sondern musste. „Ich liebe dich“, murmelte er leise dabei und seine Arme schlangen sich fester um den Leoparden. „Ich dich auch – vergiss das niemals“, sagte Caleb und drängte sich noch einmal an seinen Mann. „Komm wieder“, forderte er, als er sich löste und Aset frei gab. Luan brauchte ihre Hilfe, da konnte Caleb nicht egoistisch sein.

Aset gesellte sich zu Assai und Tian, ein letzter Gruß, dann waren die drei verschwunden.